Oft stört mich das Wort „verkaufen“. Ich kann mich einfach nicht
damit abfinden, dass wir jetzt alles verkaufen müssen. Unser Land, die
Berge, Landschaften, Orte, unsere Kultur, Gefühlswelten und vermutlich
noch die Sonnenuntergänge. Verpackt als „Produkt Schweiz“ wird das alles auf den Tourismus-Markt geworfen.
Was heisst verkaufen? Etwas abgeben gegen Bezahlung. Konsequent
verstanden, ist die Schweiz dann nicht mehr da, wenn sie verkauft worden
ist. Dann hat sie jemand mitgenommen, weggetragen, anderswo integriert.
Das Bedeutungswörterbuch umschreibt das Wort verkaufen in gleichem
Sinn: „(Als Händler) Ware zu einem bestimmten Preis gegen Bezahlung an jemanden abgeben.“
Auch Menschen werden häufig angetrieben, sich selbst oder sich selbst
sogar noch besser als bisher zu verkaufen. In einem
Vorstellungsgespräch heisst es jetzt häufig: „Verkaufen Sie sich!“, wenn Talente und Erfahrungen beschrieben werden müssen.
Auch Interessengruppen, politische Parteien usw., die sich und ihre Qualitäten ins Rampenlicht stellen wollen, befehlen sich: „Wir müssen uns besser verkaufen!“
Sich selber verkaufen? Eine neue Form von Sklavenhandel? Absurd.
Ich frage mich, wie sich diese ausbeuterische Bedeutung von
„verkauft“ weiterentwickeln wird. Steht dieses Wort nach einigen
Jahrzehnten vielleicht einmal für „futsch“ (unwiederbringlich verloren)?
Geschichten von Rita Lorenzetti-Hess aus Zürich-Altstetten und
Archiv sämtlicher Blog-Beiträge aus der Zeit beim Textatelier Hess von Biberstein
Freitag, 29. Juli 2005
Samstag, 23. Juli 2005
Ins Samstagabend-Läuten in Zürich eingetaucht
Es war wie immer. Einfach schön. Bewegend. Etwas für die Seele.
Ulli und Norbert, die Gäste aus Deutschland, kamen mit. Wir wollten
miteinander ins Samstagabendläuten eintauchen.
Nach einem Rundgang durch Altstadtgassen sind wir auf dem Lindenhof angekommen. Kurz vor 19 Uhr. Hier erwarten wir den abendlichen Siebenuhr-Stundenschlag. Dann wird der Sonntag eingeläutet. Ein schwacher Wind spielt heute mit und trägt die Klänge stärker und schwächer zu uns.
Jetzt, beim Schreiben, erinnere ich mich ans Liebfrauen-Geläute aus der Ferne, dann ans Grossmünster, das einstimmt, an die Klänge der Glocken der Kirche zu Predigern, ein Geläute, das stark auftritt, weil uns direkt gegenüber. Fraumünster und St. Peter sind selbstverständlich auch dabei, aber von unserem Standort aus in der ersten Sequenz nicht speziell wahrnehmbar. Wir gehen langsam weg, bewegen uns auf die andere Seite dieses Hofs und werden dort von den Glocken der Augustinerkirche begrüsst. Hell und mit unbekümmertem Selbstbewusstsein empfinde ich ihren Klang. Dann verlassen wir den Lindenhof, gehen über die Treppe zum Rennweg und weiter nach St. Peter. Dort empfängt uns ein Geläut mit warmer Tiefe, das dem dicken Turm entspricht. Die Wände der Stützmauern vibrieren. In mir schwingt es, wie wenn ich russischen Chören lauschte. Hier möchte ich bleiben und weiss doch, dass wir zum Münsterhof weitergehen müssen, wenn wir innerhalb dieser wichtigen Viertelstunde auch das Grossmünster noch erreichen wollen.
So nehmen uns sehr rasch die leichter schwingenden Glocken von Fraumünster in ihren Bann, wenig später stehen wir auf der Münsterbrücke und finden das gemeinsame Schwingen und Klingen aller Glocken, dominiert von St. Peter. Das Ausklingen geniessen wir endlich vor dem Grossmünster. Unter der Linde sitzen wenige Menschen, still und beschaulich. Eine kleine, hell klingende Glocke setzt den Schlusspunkt. Da fliegen die Mauersegler nochmals um die Türme. Ich hatte schon vom Lindenhof aus bemerkt, dass sie beim Stundenschlag aufflogen.
Dann fährt ein Tram vorbei. Der Lärmpegel des Verkehrs übernimmt wieder das Szepter.
Unsere Gäste zeigen sich bewegt. Norbert hat bemerkt, dass wenige Schritte oder eine Drehung um sich selbst ein ganz anderes Hörerlebnis hervorrufen kann. Es ist auch immer spannend zu erleben, wie Mauern und Gassen Glocken ausschliessen oder zulassen. Und wir im Gehen ermöglichen, dass alle irgendwann Mittelpunkt sein können.
Nach einem Rundgang durch Altstadtgassen sind wir auf dem Lindenhof angekommen. Kurz vor 19 Uhr. Hier erwarten wir den abendlichen Siebenuhr-Stundenschlag. Dann wird der Sonntag eingeläutet. Ein schwacher Wind spielt heute mit und trägt die Klänge stärker und schwächer zu uns.
Jetzt, beim Schreiben, erinnere ich mich ans Liebfrauen-Geläute aus der Ferne, dann ans Grossmünster, das einstimmt, an die Klänge der Glocken der Kirche zu Predigern, ein Geläute, das stark auftritt, weil uns direkt gegenüber. Fraumünster und St. Peter sind selbstverständlich auch dabei, aber von unserem Standort aus in der ersten Sequenz nicht speziell wahrnehmbar. Wir gehen langsam weg, bewegen uns auf die andere Seite dieses Hofs und werden dort von den Glocken der Augustinerkirche begrüsst. Hell und mit unbekümmertem Selbstbewusstsein empfinde ich ihren Klang. Dann verlassen wir den Lindenhof, gehen über die Treppe zum Rennweg und weiter nach St. Peter. Dort empfängt uns ein Geläut mit warmer Tiefe, das dem dicken Turm entspricht. Die Wände der Stützmauern vibrieren. In mir schwingt es, wie wenn ich russischen Chören lauschte. Hier möchte ich bleiben und weiss doch, dass wir zum Münsterhof weitergehen müssen, wenn wir innerhalb dieser wichtigen Viertelstunde auch das Grossmünster noch erreichen wollen.
So nehmen uns sehr rasch die leichter schwingenden Glocken von Fraumünster in ihren Bann, wenig später stehen wir auf der Münsterbrücke und finden das gemeinsame Schwingen und Klingen aller Glocken, dominiert von St. Peter. Das Ausklingen geniessen wir endlich vor dem Grossmünster. Unter der Linde sitzen wenige Menschen, still und beschaulich. Eine kleine, hell klingende Glocke setzt den Schlusspunkt. Da fliegen die Mauersegler nochmals um die Türme. Ich hatte schon vom Lindenhof aus bemerkt, dass sie beim Stundenschlag aufflogen.
Dann fährt ein Tram vorbei. Der Lärmpegel des Verkehrs übernimmt wieder das Szepter.
Unsere Gäste zeigen sich bewegt. Norbert hat bemerkt, dass wenige Schritte oder eine Drehung um sich selbst ein ganz anderes Hörerlebnis hervorrufen kann. Es ist auch immer spannend zu erleben, wie Mauern und Gassen Glocken ausschliessen oder zulassen. Und wir im Gehen ermöglichen, dass alle irgendwann Mittelpunkt sein können.
Donnerstag, 14. Juli 2005
Der Ampèresteg in Zürich: Vorurteil und Auswirkung
Letzte Woche haben wir eine neue Brücke bekommen. Den Ampèresteg für Fussgänger und Velofahrende über die Limmat. Er verbindet Zürich-West mit Wipkingen.
Als die Betonpfeiler geschaffen und im Fluss verankert waren, wurden die beiden Brückenelemente angeliefert. Das Regionaljournal berichtete über das Schauspiel, als der grösste in der Schweiz verfügbare Baukran die eine Brückenhälfte durch die Lüfte hievte. Es musste dann leider vorzeitig abgebrochen werden. Die Bohrungen im Pfeiler entsprachen nicht den Verankerungsteilen am 2. Element. Dieses konnte erst später eingesetzt werden.
Vorerst also nur eine halbe Sache. Der Radio-Berichterstatter befragte dann einzelne Zuschauer, wie ihnen das Werk gefalle. Da hörte ich einen Mann voller Abscheu sprechen: Es handle sich bei dieser Brückenkonstruktion um ein U aus Beton. Die Seitenwände seien extrem hoch, aber mit Löchern versehen, damit wir Ausblick aufs Wasser fänden.
Eine Betonbrücke! Ich war enttäuscht und rechnete mir aus, dass mich dieser neue Schandfleck überleben werde. Solche Arbeiten können nicht sofort entsorgt werden, wenn sie den Anwohnern nicht gefallen. Als ich am Mittagstisch davon berichtete, stand ich auf und stellte mich in den Türrahmen meiner Küche und zeigte meinem Mann, wo ich die Ausgucklöcher vermute. Auf Augenhöhe – natürlich auf der meinen!
Am Nachmittag schaute ich mich einmal auf dem Bauplatz um. Die eine, schon gesetzte Hälfte wirkte nicht plump. Der andere Teil jedoch, auf der Ampèrestrasse liegend, wies viel höhere Seitenwände auf als ich sie mir vorgestellt hatte. Doch war die Brücke nicht aus Beton, sondern aus Stahl geschaffen. Trotz der grossen Ausmasse wirkte sie leicht. Und ich fand viele Löcher in den Seitenwänden, für viele Augenhöhen, nicht nur für die meine.
Jetzt ist der Steg eingeweiht. Dass er mir gefällt, verdanke ich jenem Mann, der sich übers Radio sehr abwertend äusserte. Das Vorurteil mit allen bösen Befürchtungen traf nicht zu. Darum freue ich mich. Die schwungvolle Konstruktion, die auf der Wipkingerseite schmal beginnt und sich nicht nur nach Zürich-West, sondern auch in die Höhe schwingt, gefällt mir jetzt. Sie deckt sogar noch die Brücke der Westtangente vorteilhaft ab. Noch meckern etliche Anwohner. Sie mussten keine Vorurteile ablegen wie ich, sehen die Sache unbeeinflusst an. Unter einem Steg verstehen sie etwas Bescheideneres. Aber er dient uns allen, erleichtert uns den Flussübergang. Ich würde mich nicht wundern, wenn er nach Jahren zu den schützenswerten Bauten gehören sollte.
Nur eines missfällt mir: 3 Tage nach der Einweihung finde ich schon schwarze Sprayer-Motive auf der roten Innenwand. Nichts wird von diesen Schmierern verschont. Ein Spatz versöhnt mich dann. Aus dem Flussraum angeflogen, pfeilt er durch eines der Gucklöcher, schwingt sich über den Steg und setzt sich in ein gegenüberliegendes Loch ab. Da sitzt er. Interessiert schaut er zu, wie Menschen vorübergehen. Es gefalle ihm ausnehmend gut hier, vernehme ich. Prima Plattform, der Sitz im Rund wie für ihn geschaffen.
Als die Betonpfeiler geschaffen und im Fluss verankert waren, wurden die beiden Brückenelemente angeliefert. Das Regionaljournal berichtete über das Schauspiel, als der grösste in der Schweiz verfügbare Baukran die eine Brückenhälfte durch die Lüfte hievte. Es musste dann leider vorzeitig abgebrochen werden. Die Bohrungen im Pfeiler entsprachen nicht den Verankerungsteilen am 2. Element. Dieses konnte erst später eingesetzt werden.
Vorerst also nur eine halbe Sache. Der Radio-Berichterstatter befragte dann einzelne Zuschauer, wie ihnen das Werk gefalle. Da hörte ich einen Mann voller Abscheu sprechen: Es handle sich bei dieser Brückenkonstruktion um ein U aus Beton. Die Seitenwände seien extrem hoch, aber mit Löchern versehen, damit wir Ausblick aufs Wasser fänden.
Eine Betonbrücke! Ich war enttäuscht und rechnete mir aus, dass mich dieser neue Schandfleck überleben werde. Solche Arbeiten können nicht sofort entsorgt werden, wenn sie den Anwohnern nicht gefallen. Als ich am Mittagstisch davon berichtete, stand ich auf und stellte mich in den Türrahmen meiner Küche und zeigte meinem Mann, wo ich die Ausgucklöcher vermute. Auf Augenhöhe – natürlich auf der meinen!
Am Nachmittag schaute ich mich einmal auf dem Bauplatz um. Die eine, schon gesetzte Hälfte wirkte nicht plump. Der andere Teil jedoch, auf der Ampèrestrasse liegend, wies viel höhere Seitenwände auf als ich sie mir vorgestellt hatte. Doch war die Brücke nicht aus Beton, sondern aus Stahl geschaffen. Trotz der grossen Ausmasse wirkte sie leicht. Und ich fand viele Löcher in den Seitenwänden, für viele Augenhöhen, nicht nur für die meine.
Jetzt ist der Steg eingeweiht. Dass er mir gefällt, verdanke ich jenem Mann, der sich übers Radio sehr abwertend äusserte. Das Vorurteil mit allen bösen Befürchtungen traf nicht zu. Darum freue ich mich. Die schwungvolle Konstruktion, die auf der Wipkingerseite schmal beginnt und sich nicht nur nach Zürich-West, sondern auch in die Höhe schwingt, gefällt mir jetzt. Sie deckt sogar noch die Brücke der Westtangente vorteilhaft ab. Noch meckern etliche Anwohner. Sie mussten keine Vorurteile ablegen wie ich, sehen die Sache unbeeinflusst an. Unter einem Steg verstehen sie etwas Bescheideneres. Aber er dient uns allen, erleichtert uns den Flussübergang. Ich würde mich nicht wundern, wenn er nach Jahren zu den schützenswerten Bauten gehören sollte.
Nur eines missfällt mir: 3 Tage nach der Einweihung finde ich schon schwarze Sprayer-Motive auf der roten Innenwand. Nichts wird von diesen Schmierern verschont. Ein Spatz versöhnt mich dann. Aus dem Flussraum angeflogen, pfeilt er durch eines der Gucklöcher, schwingt sich über den Steg und setzt sich in ein gegenüberliegendes Loch ab. Da sitzt er. Interessiert schaut er zu, wie Menschen vorübergehen. Es gefalle ihm ausnehmend gut hier, vernehme ich. Prima Plattform, der Sitz im Rund wie für ihn geschaffen.
Freitag, 8. Juli 2005
Mitgefühl bei Eiltempo, Quelle des schnellen Glücks
Jedesmal wenn ich den Laden betrete, lese ich im Bereich der Einkaufskörbe „Fühlst du dich auch manchmal alleine, verlassen, im Stich gelassen?“ Diesen Worten kann ich einfach nicht widerstehen.
Unter diesem schwebenden Traktat stehen die Einkaufskörbe mit den dunkelroten Herzen. Wer sie benützt, signalisiert die persönliche Einsamkeit sowie den Wunsch nach Kontakt und Beziehung. Ich habe aus Versehen auch schon mit einem solchen Herz-Korb eingekauft, bin aber nicht angesprochen worden. Verständlich! Grossmütter werden keine gesucht. Hier verkehren junge Menschen, auch viele Schüler. Sortiment und Personal sind auf sie ausgerichtet. Das Durchschnittsalter dürfte 35 Jahre nicht überschreiten. Hier pulsiert die Zukunft. Wir befinden uns im Trendquartier Zürich-West, im Haus „Puls 5“ neben der alten umfunktionierten Giessereihalle, wo das hipe Leben stattfinden kann.
Als ich zum Zahlen anstehe, fällt mir eine Frau auf, die deutlich älter ist als jede Mitarbeiterin in diesem Laden. Sie trägt schon die schwarze Bluse, die hier Uniform ist, jedoch noch ohne aufgesticktes Firmenlogo. Offenbar wird sie in die Arbeit einer Kassiererin eingeführt. Sie sieht überfordert aus. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie sich fühlt. Alles, was sie aufnehmen muss, zieht viel zu schnell an ihr vorbei. Die junge Vorgesetzte ist ein Profi, arbeitet flink und effizient, aber nicht einsichtig für uns, die wir zuschauen. Ich zwinkere der Neuen zu und signalisiere, dass ich sie verstehe. Sie lächelt. Ich sage auch: „Es geht schnell, nicht wahr?“ Sie scheint erleichtert, dass das jemand bemerkt. Jetzt weist mich aber die Verantwortliche zurecht. Sie hätten später Zeit, Details langsam anzugehen. Und ich rechtfertige mich: „Es war kein Vorwurf, nur Mitgefühl.“
Auf dem Heimweg treffe ich auf ein Plakat mit der Foto des Dalai Lama und dem Hinweis auf die bald stattfindenden Unterweisungen, die er in Zürich halten wird. Das Thema: „Mitgefühl, Quelle des Glücks“.
Mein Thema von vorhin. Aber nicht alle waren glücklich dabei. Ja, ich hätte auch Mitgefühl für die erfahrene Kassiererin entwickeln müssen, denn es war Pausenzeit und viele Schüler mussten im Eiltempo bedient werden.
Unter diesem schwebenden Traktat stehen die Einkaufskörbe mit den dunkelroten Herzen. Wer sie benützt, signalisiert die persönliche Einsamkeit sowie den Wunsch nach Kontakt und Beziehung. Ich habe aus Versehen auch schon mit einem solchen Herz-Korb eingekauft, bin aber nicht angesprochen worden. Verständlich! Grossmütter werden keine gesucht. Hier verkehren junge Menschen, auch viele Schüler. Sortiment und Personal sind auf sie ausgerichtet. Das Durchschnittsalter dürfte 35 Jahre nicht überschreiten. Hier pulsiert die Zukunft. Wir befinden uns im Trendquartier Zürich-West, im Haus „Puls 5“ neben der alten umfunktionierten Giessereihalle, wo das hipe Leben stattfinden kann.
Als ich zum Zahlen anstehe, fällt mir eine Frau auf, die deutlich älter ist als jede Mitarbeiterin in diesem Laden. Sie trägt schon die schwarze Bluse, die hier Uniform ist, jedoch noch ohne aufgesticktes Firmenlogo. Offenbar wird sie in die Arbeit einer Kassiererin eingeführt. Sie sieht überfordert aus. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie sich fühlt. Alles, was sie aufnehmen muss, zieht viel zu schnell an ihr vorbei. Die junge Vorgesetzte ist ein Profi, arbeitet flink und effizient, aber nicht einsichtig für uns, die wir zuschauen. Ich zwinkere der Neuen zu und signalisiere, dass ich sie verstehe. Sie lächelt. Ich sage auch: „Es geht schnell, nicht wahr?“ Sie scheint erleichtert, dass das jemand bemerkt. Jetzt weist mich aber die Verantwortliche zurecht. Sie hätten später Zeit, Details langsam anzugehen. Und ich rechtfertige mich: „Es war kein Vorwurf, nur Mitgefühl.“
Auf dem Heimweg treffe ich auf ein Plakat mit der Foto des Dalai Lama und dem Hinweis auf die bald stattfindenden Unterweisungen, die er in Zürich halten wird. Das Thema: „Mitgefühl, Quelle des Glücks“.
Mein Thema von vorhin. Aber nicht alle waren glücklich dabei. Ja, ich hätte auch Mitgefühl für die erfahrene Kassiererin entwickeln müssen, denn es war Pausenzeit und viele Schüler mussten im Eiltempo bedient werden.
Freitag, 1. Juli 2005
Zahlungsmoral: Die „30 Tage“ werden immer länger
Eine Kundin bestellte bei uns Grundlagenmaterial für ihre
Malerei. Sie sagte schon im Voraus, sie würde die Rechnung aber erst
anfangs des nächsten Monats begleichen können. Ich lieferte die Teile
ab, wurde von ihr zum Kaffee eingeladen, und danach wollte sie vor
meinen Augen den Einzahlungsschein ausfüllen und die Zahlung sofort ins
gelbe Quittungsbuch der Post eintragen. Damit ich es auch glaube, dass
sie die Zahlung nach Eintreffen ihrer AHV-Rente sofort ausführen werde.
Von uns wurde sie aber in keiner Weise gedrängt, die Lieferung sofort
oder sogar noch bar zu begleichen.
Das ist aussergewöhnlich. Diese Künstlerin ist älter als ich und verkörpert noch jene seriöse Schweizer Mentalität, die einmal das Markenzeichen unseres Volkes war.
Als ich noch Briefpost austrug, hörte ich immer wieder einmal den Ausruf: „Hoffentlich bringen sie uns keine Rechnung!“ Meist ging ich nicht näher darauf ein. Für mich ist eine Rechnung immer eine Antwort auf eine vorher erbrachte Leistung. Darum habe ich Freude, wenn sie eintrifft. So kann ich meine Schuld bezahlen und mich danach wieder frei fühlen. Zudem gehört dann die Leistung, auf die sie sich bezieht, ganz mir. Eine prompte Zahlung kann auch Ausdruck von Dank für eine gute Arbeit oder für die prompte Lieferung eines gewünschten Produkts sein.
Früher wurde die Zahlungsfrist so angegeben: „Zahlung innerhalb von 30 Tagen.“ Dann fiel unversehens das Wort „innerhalb“ weg und das Ziel lautete nur noch „30 Tage“. Wie ich in Gesprächen, aber auch von meiner Mitarbeit in Buchhaltungen weiss, wird heute ab dem 30. Tag begonnen, an die offene Rechnung zu denken. Wie kürzlich veröffentlichte Statistiken zeigen, zahlen Schweizer heute die „30-Tage-netto-Rechnungen“ erst nach 60 Tagen und glauben noch, das sei normal.
Viele Mitmenschen setzen Lieferanten ohne deren Einverständnis als ihre Bank ein. Sie überbrücken Engpässe, indem sie jene warten lassen, die ihnen das geliefert haben, was sie brauchten. Oder sie spielen Macht aus, lassen Lieferanten zappeln. Ich habe auch schon das Argument gehört, Rechnungen sofort zu begleichen, sei übertrieben.
In wirtschaftlich schwierigen Zeiten sollten wir einander helfen. Dazu braucht es zuerst die Einstellung, dass wir alle voneinander abhängig und auch auf einander angewiesen sind. Wenn wir uns kulant verhalten, unsere Verpflichtungen rasch und unkompliziert erfüllen, dient das allen. Wir können mithelfen, Engpässe zu vermeiden und Löhne sicherzustellen. Solche Rücksichtnahme kann auch bewirken, dass Arbeitsplätze erhalten bleiben.
Würde ich nur die Erfahrung aus meiner Mitarbeit in der Schreinerei meines Mannes kennen, ich müsste diesen Aufsatz nicht schreiben. Es gibt diese Kunden, denen der Inhalt des Worts „Zahlungsmoral“ noch geläufig ist. Sie ermöglichten, dass unser Kleinbetrieb seit 45 Jahren bestehen darf.
Das ist aussergewöhnlich. Diese Künstlerin ist älter als ich und verkörpert noch jene seriöse Schweizer Mentalität, die einmal das Markenzeichen unseres Volkes war.
Als ich noch Briefpost austrug, hörte ich immer wieder einmal den Ausruf: „Hoffentlich bringen sie uns keine Rechnung!“ Meist ging ich nicht näher darauf ein. Für mich ist eine Rechnung immer eine Antwort auf eine vorher erbrachte Leistung. Darum habe ich Freude, wenn sie eintrifft. So kann ich meine Schuld bezahlen und mich danach wieder frei fühlen. Zudem gehört dann die Leistung, auf die sie sich bezieht, ganz mir. Eine prompte Zahlung kann auch Ausdruck von Dank für eine gute Arbeit oder für die prompte Lieferung eines gewünschten Produkts sein.
Früher wurde die Zahlungsfrist so angegeben: „Zahlung innerhalb von 30 Tagen.“ Dann fiel unversehens das Wort „innerhalb“ weg und das Ziel lautete nur noch „30 Tage“. Wie ich in Gesprächen, aber auch von meiner Mitarbeit in Buchhaltungen weiss, wird heute ab dem 30. Tag begonnen, an die offene Rechnung zu denken. Wie kürzlich veröffentlichte Statistiken zeigen, zahlen Schweizer heute die „30-Tage-netto-Rechnungen“ erst nach 60 Tagen und glauben noch, das sei normal.
Viele Mitmenschen setzen Lieferanten ohne deren Einverständnis als ihre Bank ein. Sie überbrücken Engpässe, indem sie jene warten lassen, die ihnen das geliefert haben, was sie brauchten. Oder sie spielen Macht aus, lassen Lieferanten zappeln. Ich habe auch schon das Argument gehört, Rechnungen sofort zu begleichen, sei übertrieben.
In wirtschaftlich schwierigen Zeiten sollten wir einander helfen. Dazu braucht es zuerst die Einstellung, dass wir alle voneinander abhängig und auch auf einander angewiesen sind. Wenn wir uns kulant verhalten, unsere Verpflichtungen rasch und unkompliziert erfüllen, dient das allen. Wir können mithelfen, Engpässe zu vermeiden und Löhne sicherzustellen. Solche Rücksichtnahme kann auch bewirken, dass Arbeitsplätze erhalten bleiben.
Würde ich nur die Erfahrung aus meiner Mitarbeit in der Schreinerei meines Mannes kennen, ich müsste diesen Aufsatz nicht schreiben. Es gibt diese Kunden, denen der Inhalt des Worts „Zahlungsmoral“ noch geläufig ist. Sie ermöglichten, dass unser Kleinbetrieb seit 45 Jahren bestehen darf.
Donnerstag, 23. Juni 2005
Stimmfilmcabaret in Zürich: „Doppellaut zu dritt“
Obwohl ich es mir nicht vorstellen konnte, was ein
Stimmfilmcabaret sei, wirkte die Einladung auf mich magnetisch. Passend
auch zum Tag der Première in Zürich: Es war der längste Tag. Das
cabarettistische Programm entsprach ihm. Einem Höhepunkt wurde noch ein
weiterer aufgesetzt.
Clara Buntin und Eva Enderlin, die beiden Sängerinnen und Komödiantinnen dieses Programms, waren seinerzeit Gründungsmitglieder der A-Cappella-Gruppe „The Sophisticrats“, die von 1985−1991 in der Schweiz, Deutschland, Italien, Frankreich, Namibia und Zimbabwe auf Tournee waren. In Cannes gewannen sie den „Prix de Coup de Coeur“, in Hamburg die Herzen der Seemänner. Sie spielten in der Berliner Bundeskriminalanstalt (BKA) und landeten in Paris auf dem Olymp. Sie produzierten 2 CDs und gingen dann getrennte Wege. Für das Programm „Doppellaut zu dritt“ haben sie sich zum ersten Mal wieder zusammengetan.
An diesem Abend nehmen sie uns im Kulturmarkt in Zürich auf Reisen mit, entführen uns mit ihren Liedern von der italienischen Serenata bis zum finnischen Volksrap in immer wieder andere Kulturen. In einer live vertonten Filmvorführung reisen wir mit ihnen nach Finnland, Berlin, Hamburg, Bayern, Zürich und schliesslich noch an einen italienischen Strand. Mit einer alten, an die ersten Stummfilme erinnernden Film-Technik erzeugen sie jene komische Hektik, die Menschen zu Marionetten macht. Mit Methoden aus alter Zeit, als das Leben gemächlicher gelebt wurde, wird uns grotesker Stress vorgeführt.
Munter wird mit Sprachen und Wortspielen jongliert. Keine Sekunde Langeweile. Es hiess in der Pressemitteilung, es handle sich um eine leichtfüssig unterhaltsame Angelegenheit. Das kann ich bestätigen. Wir lassen uns entführen. Wir lachen. Viele pfeifen zustimmend. Von meiner Platznachbarin in diesem Saal erfahre ich später, dass sie die im Film persiflierte Hafenrundfahrt in Hamburg auf ihrer vorgesehenen Reise unbedingt nacherleben will.
Nach einem solchen Abend fällt es leichter, die eigene Welt etwas schräg, also nicht mehr so streng, anzusehen. Die Mundwinkel sind entspannt, weisen wieder nach oben. Danke Clara, die an diesem Abend Oktavia hiess und danke Eva, die als Henriette aufgetreten ist. Danke auch der Stimme aus der Tonband-„Kommode“, der Dritten im „Doppellaut zu dritt“. Es sei wirklich die italienische Mutter von Clara gewesen, die uns in die typisch südländische Familien-Atmosphäre mitgenommen habe, konnte ich noch erfahren.
Und jetzt weiss ich endlich, was Stimmfilmcabaret ist: Ein wunderbarer Mix aus Sprache, Witz, Gesang, Film und Cabaret.
Clara Buntin und Eva Enderlin, die beiden Sängerinnen und Komödiantinnen dieses Programms, waren seinerzeit Gründungsmitglieder der A-Cappella-Gruppe „The Sophisticrats“, die von 1985−1991 in der Schweiz, Deutschland, Italien, Frankreich, Namibia und Zimbabwe auf Tournee waren. In Cannes gewannen sie den „Prix de Coup de Coeur“, in Hamburg die Herzen der Seemänner. Sie spielten in der Berliner Bundeskriminalanstalt (BKA) und landeten in Paris auf dem Olymp. Sie produzierten 2 CDs und gingen dann getrennte Wege. Für das Programm „Doppellaut zu dritt“ haben sie sich zum ersten Mal wieder zusammengetan.
An diesem Abend nehmen sie uns im Kulturmarkt in Zürich auf Reisen mit, entführen uns mit ihren Liedern von der italienischen Serenata bis zum finnischen Volksrap in immer wieder andere Kulturen. In einer live vertonten Filmvorführung reisen wir mit ihnen nach Finnland, Berlin, Hamburg, Bayern, Zürich und schliesslich noch an einen italienischen Strand. Mit einer alten, an die ersten Stummfilme erinnernden Film-Technik erzeugen sie jene komische Hektik, die Menschen zu Marionetten macht. Mit Methoden aus alter Zeit, als das Leben gemächlicher gelebt wurde, wird uns grotesker Stress vorgeführt.
Munter wird mit Sprachen und Wortspielen jongliert. Keine Sekunde Langeweile. Es hiess in der Pressemitteilung, es handle sich um eine leichtfüssig unterhaltsame Angelegenheit. Das kann ich bestätigen. Wir lassen uns entführen. Wir lachen. Viele pfeifen zustimmend. Von meiner Platznachbarin in diesem Saal erfahre ich später, dass sie die im Film persiflierte Hafenrundfahrt in Hamburg auf ihrer vorgesehenen Reise unbedingt nacherleben will.
Nach einem solchen Abend fällt es leichter, die eigene Welt etwas schräg, also nicht mehr so streng, anzusehen. Die Mundwinkel sind entspannt, weisen wieder nach oben. Danke Clara, die an diesem Abend Oktavia hiess und danke Eva, die als Henriette aufgetreten ist. Danke auch der Stimme aus der Tonband-„Kommode“, der Dritten im „Doppellaut zu dritt“. Es sei wirklich die italienische Mutter von Clara gewesen, die uns in die typisch südländische Familien-Atmosphäre mitgenommen habe, konnte ich noch erfahren.
Und jetzt weiss ich endlich, was Stimmfilmcabaret ist: Ein wunderbarer Mix aus Sprache, Witz, Gesang, Film und Cabaret.
Samstag, 18. Juni 2005
Jutzen und Beten in der Cabane: Expo-02-Souvenirs
Obwohl ich die Windjacke, die ich an der Expo 2002 gekauft habe
und sie öfters trage, schaue ich das rote Logo nicht mehr speziell an.
Es ist eine gute Jacke. Sie dient mir. Sie entspricht mir. Ich weiss,
woher sie kommt. Das genügt. Gestern schien mir aber, als leuchtete das
rot aufgestickte Expo-Zeichen strahlender als sonst, wie wenn es mich an
die verschiedenen Ausstellungsbesuche erinnern wollte. „Weisst Du
noch?“, schien es zu fragen.
Dann tauchten Bilder auf. Murten z. B. und seine „Cabanes“. Die von Jean Nouvel entworfenen Häuschen, in denen die Beiträge zur Religion einquartiert waren. Unvergesslich ist mir jenes, das sich mit dem Tod befasste. Wir Besuchenden schritten auf einen grossen Hohlspiegel zu, sahen uns auf dem Kopf gehen und sobald wir in seine unmittelbare Nähe – der hier den Tod markierte – zuschritten, kippte das Bild, und wir sahen uns dem eigenen Antlitz gegenüber. Aug in Auge mit sich selbst. Sehr eindrücklich. So kann ich mir den Tod vorstellen. Als einen Augenblick von grosser Klarheit, wo ich alles über mich weiss. Ich war so fasziniert darüber, dass ich mich nochmals in die Schlange einstellte und ein zweites Mal dem Spiegel entgegenschritt. In meiner Begeisterung kam ich ihm dann zu nahe und eine Sirene heulte los. (Es war noch nicht Zeit zum Sterben!)
Anderswo stand die Frage im Raum: „Wer bist du für Gott?“ Unsere Antworten, die in einen Computer eingegeben werden konnten, schritten kurze Zeit später als Leuchtschrift auf der gegenüberliegenden Wand an uns vorüber. Auf das damals versprochene Buch mit diesen ganz persönlichen Aussagen und Vorstellungen warte ich noch immer.
Und jetzt stosse ich doch wahrhaftig noch auf ein Foto mit einem dieser Jean-Nouvel-Häuschen. Es stehe in Aarau, diene als Kapellen-Provisorium und werde zusätzlich am Eidgenössischen Jodlerfest mit den rund 10 000 Beteiligten, das jetzt bereits im Gang ist, für die Sänger offen gehalten. Zum Jauchzen und Beten. „Jutzen und Beten in der Cabane“ hiess der Titel zu diesem Hinweis. Ich freue mich über dieses Zeichen, dass aus den Expo-Impulsen etwas weiterlebt und uns unverhofft wieder anspricht.
Dann tauchten Bilder auf. Murten z. B. und seine „Cabanes“. Die von Jean Nouvel entworfenen Häuschen, in denen die Beiträge zur Religion einquartiert waren. Unvergesslich ist mir jenes, das sich mit dem Tod befasste. Wir Besuchenden schritten auf einen grossen Hohlspiegel zu, sahen uns auf dem Kopf gehen und sobald wir in seine unmittelbare Nähe – der hier den Tod markierte – zuschritten, kippte das Bild, und wir sahen uns dem eigenen Antlitz gegenüber. Aug in Auge mit sich selbst. Sehr eindrücklich. So kann ich mir den Tod vorstellen. Als einen Augenblick von grosser Klarheit, wo ich alles über mich weiss. Ich war so fasziniert darüber, dass ich mich nochmals in die Schlange einstellte und ein zweites Mal dem Spiegel entgegenschritt. In meiner Begeisterung kam ich ihm dann zu nahe und eine Sirene heulte los. (Es war noch nicht Zeit zum Sterben!)
Anderswo stand die Frage im Raum: „Wer bist du für Gott?“ Unsere Antworten, die in einen Computer eingegeben werden konnten, schritten kurze Zeit später als Leuchtschrift auf der gegenüberliegenden Wand an uns vorüber. Auf das damals versprochene Buch mit diesen ganz persönlichen Aussagen und Vorstellungen warte ich noch immer.
Und jetzt stosse ich doch wahrhaftig noch auf ein Foto mit einem dieser Jean-Nouvel-Häuschen. Es stehe in Aarau, diene als Kapellen-Provisorium und werde zusätzlich am Eidgenössischen Jodlerfest mit den rund 10 000 Beteiligten, das jetzt bereits im Gang ist, für die Sänger offen gehalten. Zum Jauchzen und Beten. „Jutzen und Beten in der Cabane“ hiess der Titel zu diesem Hinweis. Ich freue mich über dieses Zeichen, dass aus den Expo-Impulsen etwas weiterlebt und uns unverhofft wieder anspricht.
Freitag, 17. Juni 2005
Kinder, Eltern, Schule: Den Nachwuchs outsourcen
1980 hielt ich in meinem Tagebuch einen kurzen Radiobericht zum Thema „Tagesschul-Versuch in Zürich“ fest. Darin war das idyllische Bild vom Mittagstisch skizziert worden: „
Der Vater ist gerade nach Hause gekommen. Die Mutter tischt ein
dampfendes Essen auf. Marili steckt die Finger in den Kartoffelstock und
Hans, noch aufgeregt von der Schule, leert seinen Most aus.“ – „Dieses
Bild gibt es nicht mehr,“ hiess es dazu.
Das war nicht ganz richtig, denn meine Familie lebte noch so. Ich musste zweimal leer geschluckt haben, denn ich fragte mich, ob wir die einzigen seien, die solche Idyllen noch weitertragen. Würden wir uns bald als Wunder oder als Abartige betrachten lassen müssen? Ich wusste natürlich schon damals, dass viele Väter nicht mehr an den Mittagstisch kommen konnten, dass viele Zwänge da waren, welche die bis dahin gültigen Alltagsformen veränderten.
Nun, 25 Jahre später: Am 5. Juni 2005 wurde in einer Abstimmung die ausserfamiliäre Kinderbetreuung der Stadt Zürich als Aufgabe übertragen. Mit 67,4 % Ja-Stimmen. Im Stadtkreis 5, wo ich lebe, waren es sogar 83,3 %. Das klare Resultat wird von den Stadträtinnen Monika Weber und Monika Stocker als ein „Meilenstein auf dem Weg zu einer modernen familien- und schulergänzenden Betreuung in Zürich“ gewertet.
Kinder auf die Welt stellen und sie dann abgeben, das konnte ich mir nie vorstellen. Für mich und meinen Mann waren unsere Kinder Aufgaben, denen wir uns gerne stellten. An einem Elternabend sagte damals ein Lehrer, es sei nicht die Aufgabe der Eltern, den Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Wir seien dort zuständig, wo es um unsere eigenen Talente und die eigenen Erfahrungen und Werte gehe. Diese hätten wir zu vermitteln. Das entsprach vollkommen meinen Vorstellungen. Eine Betreuerperson kann das nicht.
Ich weiss: Leben ist Wandel. Unaufhörlich suchen wir nach neuen Modellen, finden sie, erproben sie, stellen Mängel fest, verändern sie, und eines Tages haben sie wieder ausgedient.
Darum möchte ich gerne nach weiteren 25 Jahren, dann aus dem Jenseits, in eine junge Familie hineinschauen und ihre Motive und Werte zu diesem Thema sehen.
Das war nicht ganz richtig, denn meine Familie lebte noch so. Ich musste zweimal leer geschluckt haben, denn ich fragte mich, ob wir die einzigen seien, die solche Idyllen noch weitertragen. Würden wir uns bald als Wunder oder als Abartige betrachten lassen müssen? Ich wusste natürlich schon damals, dass viele Väter nicht mehr an den Mittagstisch kommen konnten, dass viele Zwänge da waren, welche die bis dahin gültigen Alltagsformen veränderten.
Nun, 25 Jahre später: Am 5. Juni 2005 wurde in einer Abstimmung die ausserfamiliäre Kinderbetreuung der Stadt Zürich als Aufgabe übertragen. Mit 67,4 % Ja-Stimmen. Im Stadtkreis 5, wo ich lebe, waren es sogar 83,3 %. Das klare Resultat wird von den Stadträtinnen Monika Weber und Monika Stocker als ein „Meilenstein auf dem Weg zu einer modernen familien- und schulergänzenden Betreuung in Zürich“ gewertet.
Kinder auf die Welt stellen und sie dann abgeben, das konnte ich mir nie vorstellen. Für mich und meinen Mann waren unsere Kinder Aufgaben, denen wir uns gerne stellten. An einem Elternabend sagte damals ein Lehrer, es sei nicht die Aufgabe der Eltern, den Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Wir seien dort zuständig, wo es um unsere eigenen Talente und die eigenen Erfahrungen und Werte gehe. Diese hätten wir zu vermitteln. Das entsprach vollkommen meinen Vorstellungen. Eine Betreuerperson kann das nicht.
Ich weiss: Leben ist Wandel. Unaufhörlich suchen wir nach neuen Modellen, finden sie, erproben sie, stellen Mängel fest, verändern sie, und eines Tages haben sie wieder ausgedient.
Darum möchte ich gerne nach weiteren 25 Jahren, dann aus dem Jenseits, in eine junge Familie hineinschauen und ihre Motive und Werte zu diesem Thema sehen.
Mittwoch, 15. Juni 2005
Alles in Unordnung: Littering auf Strassen und Plätzen
Zuerst ein Erlebnis aus der S-Bahn in Zürich: Der Zug fährt ab
Stadelhofen Richtung Hauptbahnhof. Ich stehe auf, gehe langsam dem
Ausgang zu. Im Vorraum treffe ich auf einen jungen Mann, aus dem ein
Gewitter hervorbricht. Mit einem Fusstritt wirft er den Abfallbehälter
aus der Verankerung und schaut mich herausfordernd an. Verschiedenste
Abfälle liegen jetzt am Boden. Ich runzle die Stirn, sage aber kein
Wort.
Glücklicherweise hält jetzt der Zug an, und ich kann aussteigen. Es ist sehr ungemütlich geworden.
Jetzt hoffe ich, dass die Werber gegen Littering Menschen ansprechen können, denen ein kultiviertes Zuhause wichtig ist. Ihre Plakate zeigen ja Zimmer, die einer Mülldeponie gleichen und texten dazu: „Was im Wohnzimmer (Kinderzimmer, Restaurant) stört, stört auch auf dem Trottoir.“
Der Ausdruck Littering steht für die zunehmende Unsitte, Abfälle im öffentlichen Raum achtlos wegzuwerfen oder liegen zu lassen, ohne die dafür vorgesehenen Abfalleimer oder Papierkörbe zu benützen (englisch heisst litter = Abfall, herumliegendes Papier, Durcheinander, Unordnung).
In diesem Zusammenhang veröffentlichte das „Tagblatt der Stadt Zürich“ im Laufe der letzten Woche Zahlen zu den immer noch zunehmenden Abfallbergen. Es heisst in diesem Bericht, diese hätten in den letzten Jahren kontinuierlich um 10 % zugenommen. Im Jahr 2003 waren es z. B. 7929 Tonnen gewesen. 70 % davon wurden in Eimern deponiert, 30 % auf den Boden geworfen. Und im Sommer seien generell 50 % mehr Abfälle zu entsorgen als in der übrigen Jahreszeit. Manche sind offenbar der Meinung, für die Entsorgung sei gesorgt und jene, die den Dreck aufwischen müssen, seien ja bezahlt dafür.
Ein neues Verhalten wird jetzt aber eingeübt. Lehrer von der Pusch (Stiftung Praktischer Umweltschutz) unterrichten Kinder in den städtischen Schulen, wie sie mit den Ressourcen unserer Erde rücksichtsvoller umgehen sollen. Sie zeigen auch auf, wie der Abfall fachgerecht entsorgt werden kann.
Und die aktuelle Plakatkampagne erreicht hoffentlich auch noch ältere Semester.
Er fragt: „Ist etwas nicht in Ordnung?“
„Das wissen Sie selbst.“
„Weiss ich nicht. Was haben Sie jetzt gerade gedacht?“
„Welche Ordnung hat dieser Mann zu Hause?“
„Dieselbe wie hier!“
Jetzt hoffe ich, dass die Werber gegen Littering Menschen ansprechen können, denen ein kultiviertes Zuhause wichtig ist. Ihre Plakate zeigen ja Zimmer, die einer Mülldeponie gleichen und texten dazu: „Was im Wohnzimmer (Kinderzimmer, Restaurant) stört, stört auch auf dem Trottoir.“
Der Ausdruck Littering steht für die zunehmende Unsitte, Abfälle im öffentlichen Raum achtlos wegzuwerfen oder liegen zu lassen, ohne die dafür vorgesehenen Abfalleimer oder Papierkörbe zu benützen (englisch heisst litter = Abfall, herumliegendes Papier, Durcheinander, Unordnung).
In diesem Zusammenhang veröffentlichte das „Tagblatt der Stadt Zürich“ im Laufe der letzten Woche Zahlen zu den immer noch zunehmenden Abfallbergen. Es heisst in diesem Bericht, diese hätten in den letzten Jahren kontinuierlich um 10 % zugenommen. Im Jahr 2003 waren es z. B. 7929 Tonnen gewesen. 70 % davon wurden in Eimern deponiert, 30 % auf den Boden geworfen. Und im Sommer seien generell 50 % mehr Abfälle zu entsorgen als in der übrigen Jahreszeit. Manche sind offenbar der Meinung, für die Entsorgung sei gesorgt und jene, die den Dreck aufwischen müssen, seien ja bezahlt dafür.
Ein neues Verhalten wird jetzt aber eingeübt. Lehrer von der Pusch (Stiftung Praktischer Umweltschutz) unterrichten Kinder in den städtischen Schulen, wie sie mit den Ressourcen unserer Erde rücksichtsvoller umgehen sollen. Sie zeigen auch auf, wie der Abfall fachgerecht entsorgt werden kann.
Und die aktuelle Plakatkampagne erreicht hoffentlich auch noch ältere Semester.
Montag, 13. Juni 2005
„Limmatsprützer“ auf der Zürcher Werdinsel
Das Windrad mit dem Namen „Limmatsprützer“ gefällt mir noch immer. In den 80er-Jahren wurde das Wehr bei der Werdinsel in Höngg
modernisiert, und im selben Zeitraum entstand auch dieses
fröhlich-farbige Windrad. Mit hellem Rot am Rad und heiterem Grün an der
Flügelschraube. Die Farben scheinen einander foppen oder verdrängen zu
wollen, und doch sind sie auf ihre Plätze fixiert. Sie tanzen zusammen,
wenn sie der Wind antreibt. Auch das Schattenspiel am Boden ist lustig,
wie es sich aus dem Rund in die Ellipse und schliesslich nur noch in
einen breiten Strich verwandelt.
Dieses Windrad ist Kunst- und Anschauungsobjekt in einem. An ihm geht eigentlich niemand unberührt vorbei. Es stimmt heiter, will aber auch veranschaulichen, wie Windenergie zum Wasserpumpen genützt werden kann. Das Windrad-Getriebe pumpt Wasser aus der Limmat und spritzt es danach in weiten Bogen wieder in den Fluss zurück.
In den letzten Jahren stand es still. Verschleisserscheinungen, hiess es. Gefährlicher Zustand. Dank einigen Idealisten ist die Sanierung nun gelungen. Das Windrad erfreut nun wieder alle, die auf die Insel kommen. Wer weiss übrigens noch, dass hier einmal der Autofriedhof angesiedelt war? Sind es 15 oder schon 20 Jahre her, seitdem er abgetragen worden ist? Heute ist die Insel ein romantischer Ort und Anziehungspunkt für alle Sommerfreuden. Sie hat viele Namen: Werdinsel, Inseli, Hönggi, Bad Au-Höngg.
Beim Wehr sind neuerdings geschichtliche und technische Daten abzulesen und zu meiner Freude auch Gedichte zum Thema Fluss und Wasser angebracht. Z.B.
Dank diesen verschiedenen Hinweisen weiss ich jetzt auch noch, dass das ewz (Elektrizitätswerk
der Stadt Zürich) im Wehr schon damals eine Fischtreppe eingebaut hat,
auf der Barben, Trüschen, Forellen, Schwalen und Hechte das Gefälle
überwinden können. Ich lebe nun schon über 40 Jahre in diesem Umfeld,
und immer wieder gibt es etwas zu entdecken.
Dieses Windrad ist Kunst- und Anschauungsobjekt in einem. An ihm geht eigentlich niemand unberührt vorbei. Es stimmt heiter, will aber auch veranschaulichen, wie Windenergie zum Wasserpumpen genützt werden kann. Das Windrad-Getriebe pumpt Wasser aus der Limmat und spritzt es danach in weiten Bogen wieder in den Fluss zurück.
In den letzten Jahren stand es still. Verschleisserscheinungen, hiess es. Gefährlicher Zustand. Dank einigen Idealisten ist die Sanierung nun gelungen. Das Windrad erfreut nun wieder alle, die auf die Insel kommen. Wer weiss übrigens noch, dass hier einmal der Autofriedhof angesiedelt war? Sind es 15 oder schon 20 Jahre her, seitdem er abgetragen worden ist? Heute ist die Insel ein romantischer Ort und Anziehungspunkt für alle Sommerfreuden. Sie hat viele Namen: Werdinsel, Inseli, Hönggi, Bad Au-Höngg.
Beim Wehr sind neuerdings geschichtliche und technische Daten abzulesen und zu meiner Freude auch Gedichte zum Thema Fluss und Wasser angebracht. Z.B.
Blick in den Strom
sahst du ein Glück vorübergehn,
das nie sich wiederfindet,
ist‘s gut in einen
Strom zu sehn,
wo alles wogt und schwindet.
O starre nur hinein, hinein,
du wirst es leichter missen,
was dir und sollt’s dein liebstes sein,
vom Herzen war gerissen.
Niklaus Lenau
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