Dienstag, 4. September 2018

Ansichtspostkarten graben Erinnerungen aus

Dieser Tage nun ist eine schöne Ansichtskarte von Langres in meinen Briefkasten gefallen. Madame Nelly brachte mit dieser Karte eine Art Schlüssel mit, um ein eingeschlafenes Ereignis aufzuwecken. Ohne es zu wissen.

Da sind die Bilder:
Meine Karte, die ich in Langres mit anderen Sujets zusammen gekaufte habe, spricht von Langres als Stadt der Kunst und Geschichte, jene von Madame Nelly weist auf den in Langres geborenen Philosophen und Schriftsteller Denis Diderot hin.
Wie im vorherigen Blog berichtet, kam ich letzthin in Frankreich erstmals in die Stadt Langres. Dort lernte ich die hochbetagte Madame Nelly kennen, die am Place Diderot immer noch eine Baby-Boutique betreibt. Unsere Freunde sind mit ihr bekannt. Wir wurden einander vorgesestellt und Ich konnte mit ihr unter der Eingangstür parlieren. Und danach auch noch ihr Ladenlokal anschauen. Ohne es zu bemerken, wurden wir fotografiert. Die Bilder machen uns Freude.
Auf beiden Ansichtskarten sehen wir Teile hoher Stadtmauern, Türmen und Tore einer stolzer Festung. Sie besitzt 12 Türme, 7 Tore und zahlreiche Glockentürme.

Auf meiner Karte ist der eine Baum rechtsseitig und auf Madame Nellys Karte linksseitig zu sehen. Diese beiden Karten nebeneinander signalisieren mir die Eingänge und Ausgänge aus oder in die Stadt. Der jeweils einzelne Baum rechts oder links auf den Karten weist darauf hin.

Und jetzt zur Hintergrundgeschichte: Vor 60 Jahren
Nach der kaufmännischen Lehrabschluss-Prüfung konnte ich nach Abschluss der Lehre in der Filiale desselben Buch-Verlages in Paris als Stagiaire arbeiten und französisch lernen. Da der Schweizerische Direktor monatlich einmal nach Paris fuhr um die Geschäfte dieser Filiale zu prüfen, konnte ich in seinem Auto von Zürich nach Paris mitreisen. Da tat sich für mich erstmals weites Land auf, aber ich sah auch eine Art Armut in kriegsgeschädigten Dörfern.

Genau kann ich mich nur an einen Blickfang richtig erinnern: Wir fuhren im Auto in einen prächtigen Torbogen hinein, um die Stadt zu durchfahren. Sie beeindruckte mich weniger als der mächtige Eingang selbst. Das Bild dieser Einfahrt ist tief in mir drinnen wach geblieben. Trotzdem konnte ich den Ort bisher nicht finden. Ich habe immer wieder nach ihm gefragt. Und jetzt: Ich hatte meine in Langres gekaufte Ansichts-Karte im Büchergestell vor die Bücherreihe gestellt und jetzt, ein paar Wochen später, jene von Madame Nelly als eine Verwandte dazu. Und wieder ein paar Tage später wurde das Rätsel dann gelöst. Diese beiden Karten, denen ich beim Vorbeigehen manchmal einen Blick schenkte, überraschten mich plötzlich. Alles klar! Damals auf der Reise nach Paris im Auto des Direktors durfte ich eines dieser grossartigen Tore und die Stadt durchfahren. An sie selbst aber erinnere ich mich nicht.
Eine weitere Geschichte gehört noch dazu:
Bevor ich abreiste, wurde mir aus der Filiale Paris mitgeteilt, man hätte für mich eine gute Unterkunft gefunden. Ein Zimmer bei einer alten Dame. Ich sei angehalten, Leintücher und Bettinhalte mitzubringen. In Paris müssten alle Mieter die Leintücher mitbringen. Damit ich nicht frieren müsse, kaufte mir meine Mutter Barchent-Leintücher (Barchent: beidseitiger aufgerauter Baumwollstoff).

Diese Aussteuer und meine Winterkleider konnte ich dem Chauffeur abgeben, der in den nächsten Tagen Bücher nach Paris liefern musste.

Es war für alles gut gesorgt. Aber leider verunfallte der Bücher-Chauffeur, der nach Paris fahren musste. Bücher, Leintücher, Kleider und Schuhe durften nicht ausgeladen werden. Alle Gegenstände wurden zurückbehalten. Der französische Chef der Filiale brachte mir Leintücher von seiner Familie, die ich ein paar Wochen lang benützen konnte.

Ich wurde gut behandelt und die 18 Monate in Paris gehören bis heute zu einem Lebensabschnitt, den ich nicht vermissen möchte.

Montag, 20. August 2018

Träume, die sich im Schlaf zeigen und Erlebnisse, die wir als Träume verstehen

Die Fenster öffnen und die Bettdecken schütteln und dabei an Frau Holle aus der Märchenwelt denken, ist öfters mit besonderen Träumen verbunden. Es sind Träume, die nicht so schnell verschwinden und manchmal im Lauf des Tages ihre Bilder nochmals zeigen.
Ein paar Tage nachdem wir aus Frankreich heimgekommen sind, sah ich im Traum nochmals die Weite der französischen Landschaft, die Felder mit ihren Farben und über ihnen der offene Himmel. Keine Berge, die den Raum abgrenzten. Es fehlte nur die Treppe, um die beiden Welten zu verbinden: Die Erde, auf der wir stehen und der Himmel mit seiner noch unbekannten Unendlichkeit.

Freunde aus der Schweiz, die zeitweise in Frankreich leben, haben Primo und mich eingeladen, ihre französische Seite zu erleben. Was für ein Geschenk!

Auf der Reise ab Zürich mit Umsteigen in Mulhouse kamen wir an einem Buschbrand vorbei. Erstmals sah ich ein solches Feuer. Es störte das Bahngeleise glücklicherweise nicht. Die vielen Windungen, die der Bahn vorgegeben sind, liessen wir uns von den Wolkenbildern erklären. Wir erkannten ihre Formen am Himmel, sahen sie einmal links, einmal rechts, dann wieder verschwunden. Die Reise verlief darum angenehm ruhig und für uns interessant.
Nach ungefähr 4 Stunden trafen wir in Culmont Chalindrey ein. Dort wurden wir von den Freunden herzlich empfangen und in 2 Autos in ihr Paradies chauffiert. Ein Auto für die Frauen, ein zweites für die Männer. Als Spass. Gleichzeitig wollte der Hausherr herausfinden, welche Strecke von der Bahnstation nach Hause weniger Zeit beanspruche. Er und seine Frau benützten dann nicht dieselbe Strasse. Wir Frauen waren zuerst am Ort. Und die Frage somit beantwortet. Vom Dachstock her grüsste die Schweizerfahne. Primo und ich fühlten uns sofort wohl bei Maria-Lina und Hubert in diesem alten, gepflegten, ehemaligen Pfarrhaus. Unkompliziert, herzlich und von ihrer Seite mit Freude, uns Noidant und Umgebung zu zeigen. Das Haus ein Schmuckstück und die Gegenstände wie in einem Museum.
Ich zeige einige Fotos von diesem Ort und seiner Umgebung. Dazu sage ich gern «Vive la France».

Hatte ich anfänglich Bedenken, dass mir mein Französisch, das aus der Stagiaire-Zeit in Paris stammt, nicht mehr behilflich sein könne, erwachte es doch noch. Zu hören war es wieder sehr schön und zum persönlichen Sprechen so-so-la-la. Lang ist’s her.

Und Hubert, der Gastgeber, schmunzelte, als ich mich in Langres mit einer alten Dame unterhielt. Das Gespräch konnte sich nur so locker entwickeln, weil mich diese Person nicht kannte und keine Menschen dabei waren, die feststellten, wie schwach mein Französisch geworden ist. Das war für mich eine ganz besondere Erfahrung. Und das Wissen dazu: Immer wenn man allein zurecht kommen muss, geschehen noch Wunder.
Ich füge nun noch Fotos bei, die Umwelt, Atmosphäre und das Milieu dieses wunderschönen Ortes überhaupt zeigen können. Und wer diese gesehen hat, kann gewiss feststellen, dass die Tage an diesem Ort und die Ausflüge, die auch noch geschenkt wurden, zu einem unvergesslichen Erlebnis geworden sind.
Diese Freunde denken aber nicht nur für sich. Sie sorgen sich um den Ort, um seine Schätze und bauen ein Museum auf. Menschen vor Ort bringen ihnen alte, wertvolle Werkzeuge, die nicht verloren gehen sollen. Und sie sorgen sich um ihre Häuser.
Der Kirche schenkte Hubert offenbar schon vor längerer Zeit eine kleine Orgel. Dort begann er, der Musiker, sofort altbekannte Lieder zu spielen. Ich hätte ihm noch lange zugehört. Er erzählte uns, dass die Kirche in einem desolaten Zustand sei und dass hier nur 2 x im Jahr eine Messe gefeiert werde. Kürzlich auch wieder. Er nannte, wenn ich mich recht erinnere, 200 Personen, die zur Feier gekommen seien. Es muss in solchen Momenten eine Zusammengehörigkeit in diesem Ort entstehen, die den Anwohnern gefällt. Ich vermute, dass er und seine Frau mit solchen Ideen immer gut ankommen. Imponiert hat mir der Glockenschlag dieser Kirche. Die Stunden- und Halbstundenschläge ertönen innerhalb einer Minute 2 x . Das erste Mal als exakte Zeit, nach einer Minute der 2. Schlag für den Fall, wer den 1. nicht gehört hat. Gefällt mir ausserordentlich.

Maria-Lina sorgte sich täglich um gute Nahrung, um feine Speisen und was mir besonders gefallen hat: Das Essen wurde immer wieder an einem anderen Platz im Garten aufgetragen.

Unvergessliche Tage.

Mittwoch, 11. Juli 2018

Brieffreundschaft Schweiz–Norwegen und zurück

Von Primo gemalt: Die fliegenden Briefe
Ich konnte meine norwegische Brieffreundin Brit wieder einmal in Zürich begrüssen. Nach Ferien im Wallis wollte sie uns vor der Heimreise noch sehen und mit uns sprechen.

Wir kennen uns schon lange. Sehr lange. Und dieses «Kennen lernen» entwickelte sich nach und nach. Jahre lang, immer auf Papier. Als wir jung waren, gab es noch keine Computer. Wir schrieben Briefe, schickten einander Drucksachen und Fotos, wenn wir unser Land, unser Zuhause und unsere Geschichten vorstellen wollten.

Im letzten Ausbildungsjahr in der «Handelsschule des kaufmännischen Vereins Zürich» (Frühjahr 1958) führte uns der Klassenlehrer in verschiedene Firmen. Er wies darauf hin, dass wir nicht nur an der kaufmännischen Seite eines Betriebs interessiert sein sollen. Zu jeder Firma gehöre ein Fachgebiet, eine Branche, und speziell für sie sollte ebenfalls eine Vorliebe vorhanden sein.

Er besuchte dann mit unserer Klasse die Firma PUBLICITAS in Zürich. Dort wurde uns der Betrieb gezeigt. Noch heute «höre» ich wie der Gastgeber uns die Dienste seiner Firma beschrieb. Er sagte: Sollte jemand von Ihnen einmal ein Inserat in eine ausländische Zeitung oder Zeitschrift aufgeben wollen, dann sind Sie bei uns am richtigen Ort. Die PUBLICITAS verfüge weltweit Zugang zu Zeitungs-Verlagen und zu entsprechenden Fachleuten für Übersetzungen. Da dachte ich sofort: Diesen Dienst werde ich einmal nützen, obwohl ich noch nicht wusste, wofür.

Es dauerte dann einige Jahre bis sich mein Versprechen erfüllte. Langsam war ein Interesse am Norden und seinen Menschen gewachsen. Inzwischen war ich verheiratet und Mutter geworden. Mit kleinen Kindern wollte ich damals nicht ins Ausland reisen. Darum wünschte ich mir Brief-Kontakte mit ebenfalls einer Familienfrau, um das Leben aus ihrem Land kennen zu lernen.

Eines Tages erinnerte ich mich an PUBLICITAS und gab ein kleines Inserat in der norwegischen Tageszeitung AFTENPOSTEN auf. Ich wollte Menschen aus Norwegen kennen lernen. Am liebsten auch eine Familienmutter oder überhaupt eine Familie. Mein Inserat wurde offensichtlich perfekt übersetzt. Es meldeten sich bald 3 Frauen.
Mit Brit in Basel
Schiffsreise zu Annedore
Unicef-Karte, Stickbild von Elna Knudsen
Brit: Norwegerin, Volksschullehrerin, Annedore: Buchhändlerin, eine Frau aus Ostberlin, die mit einem Norweger verheiratet war, Elna: Künstlerin, siehe Stickbild, Finnländerin, mit einem Norweger verheiratet. Sie lebte nicht mehr als wir endlich nach Norwegen kamen. Aber ihre Töchter erzählten, dass es immer besondere Momente gewesen seien, wenn Post aus der Schweiz eingetroffen sei und Mama in den Lehnstuhl sass und ihnen erzählte, was ich berichtete.

Brit wurde von ihrer Nachbarin auf das Inserat aufmerksam gemacht. Diese hatte es im Hausfrauenblatt von AFTENPOSTEN entdeckt und ihr geraten, mir zu schreiben. Und bald einmal reiste sie sogar mit einem ihrer Kinder zu uns nach Zürich. Wir verstanden uns sofort und fühlen uns bis heute freundschaftlich verwandt.

Unsere Korrespondenz entwickelte sich für uns alle als eine Art Lebens-Elixier.

Im Jahr 1996 wurde es dann für Primo und mich möglich, die nordischen Freundinnen zu besuchen. Die Frauen und ihre Familien hatten sich inzwischen untereinander auch kennen gelernt. So kam es, dass wir von Familie zu Familie weitergereicht wurden. Alle zeigten gern ihre Welt und erzählten von ihren Aufgaben. Brit hatte es verstanden, sie miteinander bekannt zu machen.
Mit Brit in Trondheim
Wieder zu Hause, schrieb ich ins Tagebuch, in Norwegen hätte ich mich immer beschützt und wohlgefühlt.

Zwei der Brieffreundinnen sind seither schon gestorben. Brit konnte uns dieser Tage, wie schon erwähnt, zusammen mit der einen Tochter nochmals in Zürich besuchen. Wir erinnerten uns an das damalige Inserat von mir. Sie konnte den Text (nach ungefähr 36 Jahren) auswendig zitieren. Auch für sie ist die Freundschaft Norwegen—Schweiz ein Geschenk des Lebens.

Im vergangenen Mai hat uns in Zürich PUBLICITAS überrascht. Wir lasen in der Tageszeitung eine traurige Mitteilung: 11.5.2018 — Eine uralte Institution der Schweizer Presse steht vor ihrem Ende. Am Freitag hat die Publicitas beim Bezirksgericht ihren Konkurs angemeldet.

Donnerstag, 28. Juni 2018

Erschreckender Strukturwandel

Es öffnete sich mir plötzlich eine grandiose Bühne, als ich die Hardturmstrasse auf dem Velo verliess und in der Förrlibuckstrasse weiterfuhr. Nichts ahnend, was mich auf dieser Strecke erwartete. Einige wenige Blicke schenkte ich den renovierten Familienhäusern, die ich seit meiner Kindheit kenne. Der Arbeitgeber «Schaffhauser Wolle» stellte sie seinen Arbeitern zur Verfügung. Eine Mitschülerin aus der Primarschule wohnte hier. Ich durfte sie dort besuchen und bewunderte diesen damals idyllischen Ort mit seinen Gärten und der grossen Wiese. Besonders auch die Rosen am Eingangstor.

Später, als ich mit der Familie in einem Bernoullihaus an der Hardturmstrasse wohnte und ich für Einkäufe zur Pfingstweidstrasse fuhr, kam ich ebenfalls an diesen Häusern vorbei. Da musste ich aus der Geraden in eine schmale S-Kurve abzweigen. Die Pedalen durften ruhen. Das Rad führte weiter. Und in diesen wenigen Momenten erlebte ich auch inneres Loslassen. Da meldeten sich Antworten und Einsichten, nach denen ich lange Zeit vorher gesucht habe. Seltsam schön. Solche Momente gab es mehrmals. Jedesmal unerwartet. Diesmal einfach als Erinnerung an damals. Ich meinte die innere Stimme zu hören: «Weisst Du noch?»

Diese Rückschau dauerte nur Sekunden lang, denn rechtsseitig öffnete sich mir eine gigantische Abbruch-Bühne. Ich stellte das Velo ab, schlenderte eine Weile umher, dachte an alte Zeiten, überlegte mir, wo genau der Bauernhof der Familie Buob untergegangen sein muss. Und sofort wünschte ich mir, dass ich mit Primo zusammen diesen Ort noch genauer anschauen könne.

Der Wunsch wurde sofort erfüllt. Nach dem Mittagessen fuhren wir dorthin. Der Fotoapparat war dabei. Die Aufnahmen können nun für sich selbst sprechen. Besser als meine Worte.

Obwohl schon Wochen zuvor über den vorgesehenen Abbruch eines nur ungefähr 30 Jahre alten Gebäudes gesprochen und geschrieben wurde, erschraken wir beide. Zu sehen, wie ein gesundes Gebäude umgebracht wird, erschüttert einen. Begründet wird diese Form von Totschlag mit «Strukturwandel».

Ich bin in diesem Umfeld aufgewachsen. Darum versuchte ich wieder einmal, das Zuhause aus der Kindheit an den überbauten Orten im Stadtkreis Zürich 5 zu platzieren. Einen Überblick spendete die alte Aufnahme mit dem Fussballstadion Förrlibuck aus dem Buch «Zürich – im Flug gesehen» (Orell Füssli-Verlag). Im linken Bereich oben der Bauernhof der Familie Johann und Marie Buob und rechts oben im Bild mein Zuhause in der Glas- und Spiegel-Manufaktur Müller-Quendoz an der Hardturmstrasse.

Förrlibuck, was bedeutet dieser Name?
Erst seit gestern weiss ich es. Im Internet wurde die Antwort gefunden: Das immaterielle Wesen, auf den die universelle Schuld abgewälzt wird. Ein Förrlibuck sei eine Steigerungsform vom Sündenbock. Stimmt offenbar mit der erwähnten Situation überein.

Freitag, 18. Mai 2018

CARPE DIEM – geflügeltes, lateinisches Wort

Es wird allgemein leicht variiert verstanden.
Pflücke den Tag, geniesse den Tag, nütze den Tag.

Wenn ich jeweils an diesem Ort vorbeikomme, freue ich mich jedes Mal an der kühlen Schönheit des Brunnens, der zwischen den Backsteinwohnungen Mittelpunkt sein darf. Manchmal treffe ich ihn in Gesellschaft mit Schattenbildern und wenn der Wind noch dazu kommt, sehe ich am Boden die Tänze der Baumblätter.

Heute traf ich den Brunnen aber im eigenen Fotoarchiv. Mit derselben Ausdruckskraft, mich ansprechend wie fliessendes Wasser. Und sogleich erkannte ich für mich den ruhigen Tag, den ich mit Erinnerungen geniessen kann.
www.intarsien.de

Ende April wurden wir im deutschen Koblenz erwartet. Freunde wollten uns an Orte führen, die wir allein kaum erreicht hätten. Andererseits wünschte sich Primo, nochmals nach Mehrmut zu kommen. Dort befindet sich das Intarsienmuseum und die Schule von Heinz Echtermann und Corinna Schmeisser. Es wurde ein herzliches Wiedersehen. Das intarsienmuseum und die dazugehörige Schule haben sich mächtig entwickelt. Unsere Freunde staunten. Sie kannten die «Welt voller Märchen und Wunder» noch nicht. So benennt Heinz Echtermann das Holz. Noch immer entlockt er diesem lebendigen Material zauberhafte Bilder.

Auch am weiten Himmel entstanden lebhafte Bilder. Auf heiterem Blau spielten Wolkenfrachten ihre Ausfahrten. Da befanden wir uns im Gebiet der Eifel, einem grossartigen Mittelgebirge gegen Belgien und Luxemburg hin. Zur Zeit unserer Reise blühte der Raps. Sein Gelb malte viele Felder aus. Primo zeichnete nach der Heimkehr aus dem Erlebten seine persönliche Erinnerung.

Ebenfalls in der Eifel gefunden: Die Bruder-Klaus-Kapelle, die vom Schweizer Stararchitekt Peter Zumthor im Auftrag der Bauernfamilie Scheidtweiler aus Wachendorf gestaltet worden ist. Wir hatten schon vor einiger Zeit Publikationen über Zumtors Meisterwerk gelesen, hätten den Weg ohne Auto dorthin kaum angetreten und den Ort vielleicht gar nicht gefunden.

Bruder Klaus wird oft als Landesvater der Schweiz verehrt. Er gehöre aber allen, heisst es in unserem Land, auch wenn er von der katholischen Kirche heilig gesprochen worden ist. Sein Leben als Eremit ist von Visionen gekennzeichnet. Er soll zwanzig Jahre ohne Speis und Trank gelebt haben. Er war ein Mahner, wies den Weg zum Frieden.
Zum Andenken an diesen Menschen ist in Deutschland eine aussergewöhnliche Feld-Kapelle erbaut worden. Als wir sie von weit her erkannten, erschien uns der Bau wie ein riesiger Kasten, einfach so ins Feld gestellt. Mit keinem Bezug zur Natur oder zu Menschen. Doch je näher wir diesem Gebäude kamen, desto näher kamen wir auch Bruder Klaus. Sah ich im vierkantigen Gebäude zuerst nur etwas Eckiges, eröffnete mir dann der innere Weg eine andere Welt. Ich ging allein voraus. Sobald ich dem schmalen, leicht schlangenförmigen Weg folgte – etwas anderes war gar nicht möglich - waren alle harten Ecken verschwunden. Der Weg führte mich ohne Voraussicht ins Innerste. Ich ging ihn, weil er mich führte und landete dann in der Mitte. Das Licht, das von oben im offenen Rund die Kapelle beschien, war das Sonnenlicht. Das dachlose Gebäude wurde vom Himmel erhellt. Der Innenraum war mit 112 Fichtenstämmen geformt worden. Wie wir später lesen konnten, sei diese Baumkonstruktion mit Beton umgossen und drei Wochen lang durch ein Köhlerfeuer getrocknet worden. Dann wurden die Bäume von oben her aus der Öffnung gezogen. Und in dieser Mitte, die zum Licht nach oben führt, fühlte ich mich abgehoben, nicht zu Hause, aber auch nicht in der Fremde. Das Licht von oben wies den Weg. Erst als ich es fotografiert habe, las ich auf dem Rückweg «Fotografieren verboten». Entschuldigung.
Der Turm ist übrigens von allen Seiten mit Glashalbkugeln bestückt. Diese stecken in den Vertiefungen, die das Verschalungsgerüst hinterlassen hat. Sie bilden eine Art Sternenhimmel.
www.feldkapelle.de

In Schleiden, im Garten vom Kloster Steinfeld, durchwanderten wir auch noch das grosse Labyrinth. Unsere Freunde hatten noch keine Gelegenheit, je ein Labyrinth zu betreten. Das erlebte Modell führt auf immer demselben Weg in die Mitte und auf ihm wieder aus ihr heraus und an den Anfang zurück. Man konnte sich nicht verirren. Es gab nur diesen einzigen Weg und er schenkte die Sicherheit, dass er uns sowohl zur Mitte, wie auch wieder an den Eingang zurück führen werde. Ein Symbol des Lebens. Andere Labyrint-Formen verlangen Entscheidungsfreudigkeit und können auf Irrwege führen. Wir freuten uns, dass der Erstlingseindruck für unsere Freunde so positiv erlebt werden konnte.
www.kloster-steinfeld.de

Als Abschluss unserer Reisen erlebten wir dann in Andernach noch den höchsten Kaltwasser Geysir der Welt. Um zum Geysir zu gelangen, wird man mit dem Schiff zur Halbinsel Namedyer Werth gefahren. Zuvor besuchten wir noch das Geysir-Zentrum, wo die Reise zuerst unter die Erde führte. Danach konnten wir eine 15-Minuten dauernde Schifffahrt auf dem Rhein erleben, um zum Naturschutzgebiet Namedyer Werth zu gelangen. Dort erlebten wir den Geysir Andernach. Andächtig standen wir alle da, schauten zu, wie die Fontäne majestätisch zum Himmel stieg.
www.geysir-andernach.de

Und jetzt will mein Text und die dazugehörigen Bilder noch erzählen, dass die Zusammenfassung wirklich zum CARPE DIEM geworden ist.

Sonntag, 22. April 2018

Unser Zürich-Höngg — Schatten alter Erinnerungen

Dieser Tage kamen wir wieder einmal nach Höngg. Hier begann vor 55 Jahren das gemeinsame Leben.

Wir besuchten die Ausstellung der farbig ausstrahlenden FIERZ-BILDER in den Räumen der HÖNGGER-ZEITUNG.
Nach dem Ausstellungsbesuch begann unser Heimweg nach sehr langer Zeit wieder einmal auf dem Chilesteig den Rebhang hinunter, zum ersten gemeinsamen Zuhause «Am Wasser 145». Oben noch stillstehend, mit weitem Blick zur Innenstadt und an diesem Abend auch in die Alpen. Primo sinnierte später darüber, dass uns damals Weite von oben her und solche aus der Stube geschenkt worden seien. Wir wohnten im 3. Stock mit Blick auf die Limmat, die sich vor unseren Augen schlängelte. Weite umgab uns. Sie mag uns beeinflusst haben.
Das Haus war renovationsbedürftig und in keiner Weise komfortabel. Das WC pro Etage für alle Personen, nicht für die persönliche Familie. In der Stube stand ein kleiner Ofen. Mit Holz wärmten wir unser Zuhause. Im ersten Winter erlebten wir die Seegfrörni. Die Milchpackung, die ich in der mit einem Glasfenster abschliessbare Dachlukarne kühl halten wollte, gefror zum Eisklotz.

Wir fühlten uns glücklich an diesem Ort, weil wir unser Nest selber bauen konnten. Wir fühlten uns wohl, auch deshalb, weil Primo als Schreiner mit seinen Talenten für viele Reparaturen zuständig war.

Ein Beweis dafür: An einem Montagmorgen stand ein Polizist vor unserer Wohnungstür. Er sammelte Informationen. In der Nacht vom Freitag auf den Samstag sei die Polizei wegen einer Schlägerei in dieses Haus gerufen worden. Wie wir den Lärm erfahren hätten, wollte er wissen. Keine Ahnung! «Sie haben nichts gehört?» wollte er wissen. Und konnte es kaum glauben. Dann sagte er: «Einen solchen Schlaf möchte ich auch haben.»

7 Jahre gehörten wir hierher zu den Hönggern. Dann wurde das Haus verkauft und die Mieter fortgeschickt.

Heimweh bekamen wir nicht. Aber Erinnerungen sind wertvoll.

An diesem Abend nach dem Besuch im HÖNGGER war mir, wie wenn mein inneres Archiv Spass hätte, mir Bilder aus unserem damaligen Leben als eine Art Dia-Schau vorzutragen.

Da war z.B. Felicitas, die sich im Kindergarten mit Thomas anfreundete. Seine Familie lebte nur fünf Minuten von uns weg. Sie bewohnte ein sehr schönes Haus an der Limmat. Hin und wieder kam Thomas zu uns zu Besuch. Dann stürmte er sofort in die Stube, sprang aufs Sofa, schaute zum Fenster hinaus, sah den Verkehr auf der Europabrücke und rief jedesmal: Ihr habt einfach die beste Wohnung. Das grösste Schauspiel war für ihn die Sirene der Ambulanz. Sie elektrisierte ihn.
Kurz zuvor, bevor die Europabrücke eröffnet wurde, konnten wir Mütter noch auf der Brücke ohne Verkehr mit unseren Kindern im Kinderwagen spazieren. Heute ist so etwas nicht mehr vorstellbar.

Das Kino im Meierhof war auch so ein Ort, der in meinen Erinnerungen bebildert wurde, ebenso das Schulhaus, wo unsere erste Tochter ihre Schulzeit begann und wo im Herbst jeweils auf dem Schulhof eine bescheidene, geruhsame «Dorf-Chilbi» aufgebaut wurde. Ein Karussell, eine Schifflischaukel, ein kleiner Stand mit Schleckzeug, sie beglückten Kinder und Familien.

Ich erinnere mich auch an jenen Knaben, der auf dem Schulhausplatz immer dann auftrat, wenn sich hier etwas ereignete. Er spazierte mit einem Raben, der auf seiner Schulter sass. Er sprach mit ihm. Sie verstanden sich bestens. Wer die beiden entdeckte, stand still. Der Bursche lebte in Höngg, wusste offensichtlich immer genau, wo er Freude bringen und beachtet werden konnte.

Bevor das Hallenbad auf den Schulhausplatz gebaut wurde, war dieser weit offen. Am Abstimmungs-Sonntag kamen die Höngger jeweils aus verschiedenen Richtungen hierher. Das Schulhaus war ein sichtbarer Mittelpunkt. In bester Erinnerungen geblieben, ist mir jener Sonntag, als ich dort in Höngg erstmals als Frau abstimmen oder wählen durfte. Der Vikar aus der Katholischen Kirche nebenan grüsste uns und sagte: «Aha! Frau Schweizerin stimmt ab.»

Das Hallenbad wurde erst später auf dem Schulhausplatz aufgebaut. Noch immer empfinde ich diesen Ort, wie wir ihn heute sehen als eine Bausünde. Verschandelt und den schönen Platz verdunkelt.

An diesem erwähnten Abend in Höngg kamen wir auch an der Apotheke am Meierhofplatz vorbei. Sofort schauten wir uns an und signalisierten einander, dass wir uns gerade jetzt an jene persönliche Geschichte erinnerten, die sogar im Radio als wichtige Mitteilung ausgestrahlt wurde.

Am Morgen jenes Tages kaufte ich hier, wie auch schon, Augenwasser für Säuglinge, wie es die Hebamme in der Mütterberatung vorschrieb.

Gegen Abend telefonierte mir dann eine aufgeregte Nachbarin und wollte wissen, ob ich an diesem Tag in der Höngger-Apotheke Augenwasser gekauft habe. Ja! Ob ich dieses schon benützt habe?
Nein!

Oh, Gott sei dank rief sie entlastend. Sie hätte sofort an mich gedacht, nachdem die Mitteilung im Radio verlesen worden war. Würde ich diese Tropfen benützen, könnte unser Kind erblinden, hiess es.

Dass ich gefunden wurde, ist ein Wunder. In der Apotheke war ich nicht mit Namen bekannt. Alle, die an dieser Geschichte beteiligt waren, konnten dann dankbar aufatmen, als ich die ersehnte Antwort geben konnte, ich hätte die Tropfen noch nicht benützt. Bis man mich fand, muss die mich bedienende Apotheker-Helferin schrecklich gelitten haben.
Meiner Nachbarin Frau Baumann sei Dank!

Wer so etwas erlebt hat, denkt dankbar an die Schutzengel.

Montag, 2. April 2018

Rundläufe, obwohl sie nicht exakt rund sind

Jener Tag, der für mich den Frühling markierte, lockte mich am Morgen ins Freie. Die Nebeldecke liess sich gerade auflösen. Ich erlebte, wie sich das Blau am Himmel entwickelte und meine Lunge einlud, die frische Luft zu kosten.
Das Ziel war nicht vorgegeben, die bemessene Zeit aber schon. Und dann umkehren? Das fällt mir immer schwer. Einfach stillstehen, mich drehen und und dorthin schauen, woher ich gekommen bin und dann zurücklaufen… es widerstrebt mir. Ich liebe jene Wege, die immer wieder in andere führen und mich ohne Umkehr nach Hause lenken.
Am Mittagstisch erzählte ich von diesem inneren Widerstand und dass ich gern jene Wege gehe, die sich zu einem Rundlauf eignen. Primo korrigierte mich: Nein, Du willst einfach nur immer vorwärts gehen.
Ah ja? Wie nenne ich Wege, die Anfang und Ende wieder miteinander verbinden? Noch weiss ich es nicht.
Am frühen Nachmittag marschierte ich nochmals los, hätte gern heitere Bilder eingefangen. Das lichte Blau vom Morgen war aber schon wieder verblasst.

Gleichwohl fotografierte ich Wegkreuzungen. Noch nie sind sie mir so zahlreich begegnet. Ich wollte meinen Rundumlauf auf jeden Fall ohne Umkehr korrekt gehen. Diese Vorgabe liess mich anders als gewöhnlich schauen.

Für meine Leserinnen und Leser zeige ich hier einige markante Übergänge. Die ganze Wanderung aufzuzeigen würde zu viel Platz beanspruchen. Ich kann nur sagen, dass ich immer vorwärts weiter gegangen bin.

Jetzt wünsche ich Ihnen allen ebenfalls angenehme Wege und interessante Übergänge, auch solche die Rückblicke bieten und doch vorwärts führen.