Montag, 9. September 2019

Der alte Mann vom Salzweg


Es sind schon 7 Jahre her und immer noch denke ich an ihn, wenn ich auf dem Salzweg Richtung Friedhof Eichbühl gehe.
Ich begegnete ihm zufällig, beobachtete, wie er seinen Rollator mühsam aufwärts schob. Die Sonne schien. Sie hatte mich hinaus gelockt.

Auf diesem steilen Weg traf ich zufällig einen alten Mann, der seinen Rollator mühsam aufwärts schob. Immer nach ein paar wenigen Schritten musste er anhalten und durchatmen. Ich fragte, ob ich helfen könne. Nein! Er brauche den Rollator, um vorwärts zu kommen. Wenn ich etwas helfen wollte, könne ich ihm dieses oder jenes schenken: Zum Beispiel eine Maschine, die das Glas herstelle und ähnlich Unmögliches. Ich sagte: Er habe Humor. Da wurde er beinahe wütend, stampfte und antwortete, er habe keinen Humor. Oha! Ich aber sagte, auf seinem Gesicht sei doch ein Lächeln erschienen. Da verwandelte er sich, wurde freundlich und erklärte, er müsse sich doch tarnen.
Ich ging neben ihm her, weil ich mir vorstellen konnte, dass er froh sei, dass ich ihm helfe, denn die Last war schwer, um diese in die Wohnung zu tragen. Lebensmittel-Einkäufe in 2 Taschen und eine grosse Packung Toilettenpapier. Er informierte mich, dass sich seine Wohnung im 2. Stockwerk im «schlechtest gebauten Haus», wie er es nannte, befinde. Ich werde sehen. Wirklich, er hatte recht. Ich erlebte aber vorher auch noch seine Mühsal mit der Parkierung des Rollators. Und zusätzlich musste er sich im engen Treppenhaus regelrecht hochziehen. Die schmale Spannweite ermöglichte eine unglaubliche Leistung.

Oben, in seiner Etage wartete ein Stuhl auf dem Boden vor der Wohnungstür. Dort setzte er sich sofort nieder, erholte sich langsam, bevor er seine Wohnung öffnete. Es war eine Expedition. Tief beeindruckt nahm ich seine Einladung an. Wir setzten uns an den Küchentisch. Dann erzählte er aus seinem Leben. Als er sich hingesetzt hatte, sagte er als Ausgangspunkt, er sei Jude und als Kind ungeliebt aufgewachsen. In Amerika. Bei Nachbarn habe er sich mehr zu Hause gefühlt als bei den Eltern. Von diesem Ehepaar aus Oesterreich und Deutschland habe er viel lernen können. Vor allem Deutsch. Wenn ich mich recht erinnere, lernte er später den Nobelpreisträger Walter Rudolf Hess kennen und durfte für ihn Texte übersetzten. Als er davon sprach, huschte Freude über sein Gesicht.

Als ich von seinem Übersetzungstalent hörte, sagte ich, ich hätte schon am Anfang unseres Gesprächs gedacht, er sei ein Mann, der nur ein einziges Wort, als das präziseste für eine Sache dulde. Da schaute er auf. Sein Gesicht wurde hell und die Augen füllten sich mit Tränen.

Dann wollte er wissen, ob ich das Restaurant «Oefeli» in unserer Umgebung kenne. Er möchte mich dort einladen. Dort treffe er öfters Professoren seines akademischen Grades.

Als wir uns verabschiedeten sagte er nochmals sehr freundlich: «Sie sind eingeladen.» Unsere Gespräche erstreckten sich über 2 Stunden. In dieser Zeit entstand ein inneres Bild einer Lebensgeschichte und ich fühlte, wie es sein muss, wenn die Kräfte nachlassen und Mitmenschen wegsterben.

Das Haus, in dem ich seine Wohnung betreten durfte, wurde nach unserem Zusammensein sehr bald abgebrochen. Und ein grösseres Haus aufgebaut.

Diesen Mann habe ich nie mehr angetroffen, weder im Coop-Laden in seinem und meinem Umfeld, noch auf dem steilen Salzweg. Ich denke jeweils an ihn, wenn ich dort vorbeikomme.

Mittwoch, 3. Juli 2019

Noch bevor es blitzte und donnerte

Nachdem sich die Küchengerüche von nebenan davon gemacht hatten, trat grosse Stille ein. Und mit ihr wohltätige Ruhe. Ich hatte die Tür zum Balkon geöffnet und spürte eine leise Brise. Ein Geschenk, das ich noch nicht erwartet hatte. Ein heisser Sommertag begann langsam seine Hitze abzulegen und lud uns ein, den Abend noch im Balkon zu geniessen.
Ich fühlte mich sofort in den Ferien. In höheren Regionen, wo Abendstunden den Tageslauf auf milde Art abschliessen. Mit leichter Frische, leichtem Wehen, leichten Bewegungen von Gras und den zugehörigen Blumen. Freunde aus dem Ausland, die noch nie zu uns in die Ferien gekommen waren, würden sich wundern, wie schön und gesund der Stadtrand von Zürich hier ist. Ich schätzte an diesem Abend die Stille, die Frische, die Geborgenheit an diesem Wohnort. Da sass ich einfach ganz still, was mir guttut. Keine Gedanken drehen, sich an nichts erinnern wollen, einfach ruhen.

Plötzlich erinnerte ich mich aber an Stefan Zweig, den grossartigen Schriftsteller, der so detailtreu erzählte und seine Texte mit Gedanken bebilderte, was ich gerade jetzt fühlte. Von weit her und offenbar noch ganz in meinen Erinnerungen eingegliedert, haben sie mich besucht. Sie brachten Bilder, stille Freude, Ruhe, Staunen, Zuhören und inneren Frieden.

Primo war ebenso in seine Lektüre versunken. Zu besprechen gab es noch nichts. Stille auch von ihm und seiner Lektüre und Stille aus der uns umgebenden Ruhe.
Bald entdeckte ich den veränderten Himmel. Die blaue Farbe, die ganztags führend aufgetreten war, wurde plötzlich verdrängt. Grau tauchte auf. Es führte gelbes, gefährliches Licht mit sich. Niemand trat auf den Balkon, niemand bewegte sich um das Haus. Waren wir allein hier? Ich fühlte den Atem unseres ruhigen und gesunden Ortes und freute mich an der Stille. Nur hin und wieder störte ein Auto unsere Idylle.

Plötzlich wurden im Nachbarhaus die Treppenhaus-Lichter eingeschaltet. Und bald danach brach die Dunkelheit über uns aus. Da hörte ich die Stimme einer Frau, die ein Kind zu sich rief. Sie schrie. Hoch oben sauste ein Flugzeug vorbei. Graublaue Wolken zogen am Himmel auf. Vom Süden gegen den Norden. Und mehr und mehr löschte der Himmel sein Licht aus. Es nachtete. Da donnerten plötzlich mehrere Flugzeuge über unser Quartier. Ohne diesen Lärm wären wir vielleicht eingeschlafen. Zum Abschluss hörten wir noch mehrere Frauen und auch Männer, die nach ihren Kindern suchten. Sie werden einander wohl noch gefunden haben.
Um Mitternacht, bereits in tiefem Schlaf, war ein höllisches Gewitter ausgebrochen. Eigenartig Blitz und Donner. Nicht wie gewohnt. Das Wasser, das in meinem Umfeld vom Himmel fiel, war eine Mischung zwischen feinstem Wasser, in meinen Augen feinstem, dünnstem Schnee. Und unzählige Blitze, die am Tag danach auf ungefähr 20’000 gezählt worden seien. Und doch müssen grosse Wassermassen vom Himmel gefallen sein. Ungeheuer das gurgelnde, braune Abwasser, dessen Rückstau bis in unsere WC-Schüssel hoch gedrängt wurde. Das Wort Ungeheuer lässt hier wirklich an ein Ungeheuer denken. Die Gurgeltöne ängstigen. In der Toilette rumorte es. Und die Zuckungen spritzten Wasser über den Toilettenrand.
Auf unseren Balkon fiel wenig Wasser. Auch unser Umfeld wurde glücklicherweise nicht überschwemmt.
Am Morgen aber fanden wir keine geschlagenen Pflanzen, keine Wassertümpel. Keine umgefallenen Geräte, usw.

Ein Verlust empfand ich, dass ich während der 20’000 Blitze nicht schlafen konnte. Die Stunden dafür fehlten mir noch heute.

Ein ähnliches Erlebnis erzählte ich im Blog von 10. August 2008 zum Thema Faszination Gewitter und die dazugehörige Angst.
Die Faszination Gewitter ist oft auch von der Angst begleitet


Samstag, 4. Mai 2019

Witze und Zeitgeist von einst

Mein mehrseitiger Beitrag zum Thema Humor erschien im Januar 1997 in der Zeitschrift «Natürlich». Dieser Tage kam er mir wieder einmal in meine Hände. Ich begann zu lesen, zu lachen, vergass mich ganz. Das Leben einer alten Frau ist nicht mehr lustig wie einst, doch als ich alle 8 Seiten ruhig gelesen habe, fühlte ich mich verwandelt. Heiterer und vor allem zu einem Scherz bereit. Als die Tochter zufällig anrief, staunte sie einige wenige Sekunden lang und war sofort bereit, mein Lachen noch auszuweiten.

In letzter Zeit denke ich öfters an Witze und frage mich, wo sind sie geblieben? Vor Jahrzehnten erheiterten sie unser einfaches Leben. Ich fragte mich, wer eigentlich Witze in mein persönliches Leben brachte. Es war ein Verwandter aus der Familie des Vaters. Dieser leitete einen Buchverlag, kam mit vielen Menschen in Kontakt, hatte Freude an allem Kuriosen, reiste viel und konnte sehr gut erzählen. Das was ich am Sonntag in der Stube hörte, erzählte ich dann gern der Freundin auf dem Schulweg weiter. Und sie verstand es ebenso, Witze aus ihrer Verwandtschaft zu behalten und weiter zu geben.

Hier eine Auswahl von damals:

«Sie wollen heiraten? Können Sie denn überhaupt eine Frau unterhalten?»
«Aber sicher. Man sagt mir viel Humor nach.»


Es sagt eine Frau: Mein Mann baut jetzt sein Gemüse biologisch-dynamisch an.
«Hat er schon etwas ernten können?»
»Ja, den Spott seiner Nachbarn.»


Im Restaurant sagt der Wirt empört zu einem Zechpreller: «So, zahlen können Sie also nicht. Sie unverschämter Kerl, nachdem Sie meinen köstlichen Kalbsbraten verzehrt haben? Nun, dann sollen Sie auch gleich wissen, dass es Rindfleisch war.


Der kleine Jonas sitzt mit der Grossmutter vor dem Fernseher. Es wird ein Western gezeigt. Eben betritt der Revolverheld eine düstere Bar. «Solche Filme sind wirklich nichts für die Jugend», spricht die Grossmutter vor sich hin. «Was sollen die Kinder für eine Lebensauffassung bekommen, wenn sie die Männer immer nur beim Trinken sehen.»
«Aber Omi!» ruft Jonas, «der Tommy trinkt ja gar nicht. Der ist jetzt nur in die Bar gekommen, um seinen besten Freund umzulegen…»


Ein junges Paar kehrt in ein Gasthaus ein. Er bestellt sich eine Portion Schinkenwurst, seine Frau fragt er nicht, ob sie auch etwas möchte.
Als die Wurst serviert wird, fragt die Frau «Willst Du die Wurst ganz allein essen?»
«Du hast recht» meint er, ich könnte noch einen Salat dazu bestellen.»


Ein unbeherrschter Gast wirft das bestellte Schnitzel zum Fenster hinaus, weil es seinem Empfinden nach zu stark gebraten ist. Ungerührt wirft der Kellner auch den Teller mit den Kartoffeln hinaus und sagt freundlich: «Aha, der Mann möchte im Garten essen.»


Auf der Wiese, in zartem Gras liegend, vertieft sich eine intellektuelle Kuh in die Betrachtung eines Bildbandes.
«Was siehst du dir denn an?»
«Etwas Faszinierendes von meinem Lieblingsmaler.»
«Wie heisst er denn?»
«Klee.»


«Was tun die Fische im Rhein?»
«Sie studieren Chemie.»


Ein Schlachtschiff ist bei einbrechender Dunkelheit auf Manöver im dicken Nebel unterwegs.
Der Beobachtungsposten auf der Brücke meldet dem Kapitän: «Licht Backbord voraus.»
Der Kapitän gibt dem Funker die Anweisung: «Funken Sie dem anderen, dass wir auf Kollisionskurs sind und ihm eine Kursänderung um 20 Grad vorschlagen».
Der Funker tut wie ihm geheissen und erhält den Funkspruch zurück: «Wir empfehlen IHNEN eine Kursänderung um 20 Grad!»
Der Kapitän darauf, leicht verärgert: «Schicken Sie den Funkspruch: Hier spricht ein Kapitän, ändern Sie den Kurs um 20 Grad!»
Es kommt die Antwort: «Hier ist ein Matrose zweiten Grades. Es ist besser, SIE ändern Ihren Kurs um 20 Grad.»
Der Kapitän ist nun in Rage: «Funken Sie: Wir sind ein Schlachtschiff! Ich befehle Ihnen, den Kurs um 20 Grad zu ändern!»
Umgehend kommt die lapidare Antwort: «Wir sind ein Leuchtturm.»

Und zum Abschluss Witze, die den Kindern gefallen.

«Was ist das Gegenteil von Theolog?»
«Theo sagt die Wahrheit.»


«Kennst Du den Bert?
«Welchen Bert?»
«Den Camembert.»


«Kennst Du den Fritz?»
«Welchen Fritz?»
«Den Pommes Fritz.»

Mittwoch, 1. Mai 2019

Maierisli — in Paris

Heute hat Letizia aus dem Gemüse- und Blumenmarkt für uns Eltern je ein Sträusschen Maiglöckchen heimgebracht. Sie erinnerte sich an meine Erzählungen von einst, als ich in Paris arbeitete und erlebte, wie der 1. Mai gefeiert wurde. Als ein Fest für die Maiglöckchen, für den Frühling und vor allem auch für die Frauen. Man schenke sich auch heute noch Maiglöckchen, konnte ich im Internet erfahren, denn diese zarten Blumen gehören zum Glück.
Der 1. Mai ist offensichtlich immer noch ein offizieller Feiertag. Und vor allem ein besonderer Festtag, denn jeder Mensch darf Maiglöckchen verkaufen ohne eine besondere Bewilligung. Er ist ein sehr alter, romantischer Brauch, stammt aus dem 16. Jahrhundert.

Ich kann mich gut erinnern, dass ich am 1. Mai gern aus dem Fenster schaute und zusehen konnte, wie sich da und dort Haustüren öffneten und vor allem Männer auf die Strasse kamen, um die symbolischen Blumensträusschen zu kaufen. Der Gärtner schob seine grüne Karre gemächlich durch die Rue Saint Placide.

Wie sich diese Tradition heute zeigt, weiss ich nicht. Aber dass der 1. Mai immer noch die Tradition der Muguets weiter trägt, finde ich schön.

Freitag, 29. März 2019

Das erste Vierteljahr 2019

Die Heizung in unserem Haus hat sich auch in diesem Winter eine Zeit lang wieder als labil erwiesen. Anfänglich sehr kühle, später mehrfach überhitzte Nächte. Die Wärme in den einzelnen Wohnungen dürfen wir eigenständig einstellen. Ob das zum erlebten Durcheinander führt? Wer weiss das genau? Ich war nicht die einzige, die unter der Hitze litt. Ein total trockener Schlafzimmer-Raum und 24 Grad Heizungs-Wärme war für mich unerträglich.
Hilfe spendeten mir die «pflotschnassen» Küchentücher, die ich im Wäscheständer aufhängte. Sie halfen mit, Feuchtigkeit ins Zimmer zu bringen und die Trockenheit zu überwinden. Auch mehrere Schwamm-Lappen (siehe Foto) halfen mit, die unerträgliche Trockenheit anzugreifen und bis zu einem gewissen Grad zu überwinden. Beide Varianten verloren ihr Wasser jeweils innert einem halben Tag.

Jeder Schwammlappen, der sich nach und nach krümmte, konnte zeigen, dass zu trockene Luft schadet.

So hat das Jahr 2018 geendet und das neue Jahr 2019 begonnen. Für uns still, aber doch mit vielen Menschen verbunden. Gedanken und Glückwünsche auf Papier lasen wir einander an einem stillen Sonntagabend nochmals vor. Dann war die Festzeit abgeschlossen und ein aussergewöhnlicher Alltag trat ein. Immer wieder stand ich entweder am Küchenfenster oder öffnete die Wohnungstür, um die Holzfällerarbeit zu beobachten. Bäume müssen weichen, weil ein Wohnungs-Neubau bevorsteht.
Als erster wurde der Tulpenbaum gefällt. Eine Schönheit sondergleichen. Primo entdeckte herumliegende Reststücke dieses Baumes, den wir seit Jahren beobachten. Kurz vor dem Abtransport konnte er noch ein paar Reststücke ergattern. Die grüne Holzfarbe im Innern fasziniert ihn.

Tage später wurden 3 weitere Bäume angegriffen. Einer sofort gefällt. 2 ruchlos zurückgeschnitten. Gerade jene beiden, die ich als Liebespaar bezeichnete. Sie streckten einander doch immer die Arme entgegen und hielten sich fest.
Jetzt ist der Ort noch still. Bald wird er eine Baustelle sein. Was mit den abgeschnittenen Bäumen vorgesehen ist, wissen wir nicht. Ich würde gerne mit ihnen sprechen, von Ihnen erfahren, dass sie ihr Leben noch nicht aufgegeben haben. Die gefühlte Antwort könnte lauten: Ich solle mich an den Wiesenblumen ihnen zu Füssen orientieren. Alle seien noch da, wie eh und je.

Sonntag, 30. Dezember 2018

Jahres-Ausklang 2018

Ich denke über das auslaufende Jahr nach. Wie würde es meine Leistungen bewerten, wenn wir miteinander sprechen könnten? Was war das Schönste an ihm? Warum erlebte ich in den vergangenen Monaten oft schwierige Momente? Offenbar weil ich alt geworden bin.

Zufällig entdeckte ich in meiner Textsammlung «Das Gebet des älter werdenden Menschen». Ich weiss nicht mehr, wer mir dieses einmal zugespielt hat. Sehr alt dürfte dieser Text nicht sein. Er passt zum heutigen Denken und Leben.
Gebet des älter werdenden Menschen
O Herr, du weisst besser als ich,
dass ich von Tag zu Tag älter
und eines Tages alt sein werde.
Bewahre mich vor der Einbildung,
bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema
etwas sagen zu müssen.

Erlöse mich von der grossen Leidenschaft,
die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.
Lehre mich, nachdenklich –
aber nicht grüblerisch –,
hilfreich – aber nicht diktatorisch – zu sein.
Bei meiner ungeheuren Ansammlung
von Weisheit erscheint es mir ja schade,
sie nicht weiterzugeben – aber du verstehst, o Herr,
dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.

Bewahre mich
vor der Aufzählung endloser Einzelheiten
und verleihe mir schwingen,
zur Pointe zu gelangen.

Lehre mich schweigen
über meine Krankheiten und Beschwerden:
Sie nehmen zu – und die Lust, sie zu beschreiben,
wächst von Jahr zu Jahr.

Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen,
mir Krankheitsschilderungen anderer
mit Freude anzuhören, aber lehre mich,
sie geduldig zu ertragen.

Lehre mich die wunderbare Weisheit,
dass ich mich irren kann.

Erhalte mich so liebenswert wie möglich.
Ich möchte kein Heiliger sein –
Mit ihnen lebt es sich so schwer -,
aber ein alter Griesgram
ist das Krönungswerk des Teufels.

Lehre mich, an anderen Menschen
unerwartete Talente zu entdecken,
und verleihe mir, oh Herr, die schöne Gabe,
sie auch zu erwähnen.

Autorin: Teresa von Avila, 1515–1582
Wer glaubt das?
Nach dem Text müsste es sich um einen Mann handeln.
Siehe zweitletzter Abschnitt.
Trotzdem: originell, mit viel Wahrheit.

Montag, 17. Dezember 2018

Freude am Glockenklang von Zürich

Dass alle Kirchen der Stadt Zürich jeden Samstagabend um 19 Uhr gemeinsam den Sonntag einläuten, wusste ich lange nicht. Am Rande des Industriequartiers, wo ich aufgewachsen bin, hörten wir die gemeinsamen Klänge der katholischen und der protestantischen Kirche erst später, als die Katholiken die Samstags-Abendmesse einführten. Diese schenkte uns danach freie Zeit am Sonntag. Sie war sofort beliebt. Wie andere Kirchgänger aus unserem Umfeld ging auch meine Familie den halbstündigen Weg zu Fuss zur Kirche. Man traf sich zufällig unterwegs.

Auf dem Weg zur Messe am erwähnten Samstagabend machte uns der Vater eines Tages auf die gemeinsamen Glockenklänge aufmerksam. Wir seien jetzt zur rechten Zeit unterwegs, um das Zusammenspiel der katholischen und der reformierten Glocken von Zürich im gemeinsamen Spiel zu erleben. Hört gut hin, hiess es.

Kurz vor dem Escher Wyss Platz empfing uns dann das Geläute von St. Josef und einige Minuten später konnten wir auch die Klänge von der reformierten Johanneskirche erahnen. Die feierliche Stimmung, die Glocken auslösen können, bewegte mich damals und auch heute noch.

Als ich in Paris eine Französin kennen lernte, die kurz zuvor Zürich besucht hatte, sprach sie begeistert vom erlebten Samstagabendläuten in Zürich. Sie schilderte mir ihre Freude und wünschte sich, diese Klänge nochmals zu erleben. Und ich fühlte mich in diesem Moment unwissend, kulturlos. Ich war da schon 20 Jahre alt und noch nie zur rechten Zeit in der Innenstadt oder auf dem Lindenhof eingetroffen, um das Zusammenspiel aller Glocken zu hören.
Am vergangenen Samstag erlebten Primo und ich wieder einmal dieses Zusammenspiel verschiedenster Glockenklänge. Berührend heiter spielten die Töne. Anfänglich hell bis hinunter zu dumpfen, dominanten Klängen z.B. von der Peterskirche. Dieses Spiel dauerte nur 10 Minuten. Wir haben es voll ausgekostet. Es lag ein Zauber über uns. Die Nacht spielte mit, versteckte scheinbar ganze Orte, zeigte ihre Gassen nicht.
Und dann erwachten plötzlich weit zurückliegende Erinnerungen. Es meldete sich die Frage: Habe ich nicht vor Jahren einmal einen Beitrag zum Thema der Zürcher Glockenklänge geschrieben? — Ja! Stimmt! Nun füge ich den damaligen ausführlichen Bericht hier an. Er ist detailreicher als meine Worte von gestern.
23.7.2005: Ins Samstagabend-Läuten in Zürich eingetaucht

Freitag, 30. November 2018

Farben und Formen zum Herbstabschied

Bäume und Gingkoblätter am Boden
November, der in meinen Augen eher graue oder zumindest neblige Zeitabschnitt ist nicht nur düster. Wie jedes Jahr sorgt das Gingko-Baumpaar unweit von unserem Zuhause dafür, dass ihre gelben Blätter lange leuchten konnten. Zuerst am Baum selbst, dann auf der Wiese. Auch dort blieb den Blättern das leuchtende Gelb erhalten. Auch dort durften sie uns erfreuen. Ihr Fallen zerstörte ihr Wesen nicht. Auch am Boden durften sie leuchten und uns bezaubern. Ich habe viele der Blätter aufgehoben. Ihre Formen und Farben blieben ihnen erhalten. Für Abertausende solcher Blätter war der Fall auf die Wiese vielleicht ein grosser Spass. Ich habe etliche der Blätter aufgehoben. Keines war beschädigt. Ihr Leichtgewicht muss jeweils zur sanften Landung führen.
Bäume und ihr Umfeld
Der Gingko-Baum sei wahrscheinlich der älteste Baum der Erde. Schon Dinosaurier müssen von seinen Blättern gefressen haben. In China gelte er als Heilpflanze, seitdem er sich 1945 in Hiroshima als resistent gegen atomare Strahlung erwiesen habe, las ich in einem «Dokutipp» im «Tagesanzeiger.»
Von den Blättern von diesem Urbaum mit zusammengewachsenen Nadeln erzählte mir Primo schon früher. Wer diese Blätter betrachte, könne sich vorstellen, dass sich Nadeln und Blatt in Millionen von Jahren annäherten und sich nach und nach zum heutigen Baumblatt vereinten. Ich freue mich, dass ich die Nadeln im Baumblatt fotografieren konnte. Es liessen sich nicht alle gern abbilden.
verschieden zugefallene Blätter
Blätter einer Aspe
Blätter anderer Bäume in unserem Umfeld wirken auf den beiden Fotos abschiedlich. Sie verweisen auf den Zerfall und verweisen auf das menschliche Fallen, auf unseren Tod.
Auch wir verlieren vorher noch unsere Farben, unsere Schönheit und Vitalität.

Heute am 30.11. endet der November-Monat. Das Tor zum Dezember mit all seinen Lichtern, Liedern, Geschenken und Festfreuden öffnet sich.

Ich freue mich vor allem wieder auf die Weihnachtsbriefe mit den persönlichen Gedanken und der Verbundenheit mit Menschen, die mir nahestehen.

Samstag, 27. Oktober 2018

Der Marthaler Eichenhain

Im Marthaler Eichenhain aufgelesener Querschnitt-Schnipsel mit einem Teil der Jahrringe.
Aussen sieht man die Rinde. Der Radius im Kreisausschnitt lässt die Dicke des Baumes erahnen.
Wir waren in Ossingen angekommen. Das Postauto nach Andelfingen stand bereit, wie wenn es auf uns persönlich gewartet hätte.

Vorgesehen war eine Wanderung, doch als Primo das Postauto-Ziel entdeckte, wollte er sofort in diese Richtung reisen. Erstens sagte er dazu, der Name Marthalen erinnere an seine Mutter Martha und an diesem Ort hätten wir doch vor ungefähr 40 Jahren einen aussergewöhnlichen Eichenwald besucht. Den möchte er nochmals finden. Ja, ich konnte mich sofort daran erinnern und ging gerne mit.

Die Postautofahrt von Ossingen Richtung Andelfingen führte uns dann durch eine liebliche Landschaft, vorbei an gepflegten Orten. Eine Augenweide für unsereins aus der Stadt.

Marthalen empfing uns dann auf seiner modern verschobenen Bahnstation. Auf unserer Eichenwald-Suche kamen wir schlussendlich noch am alten Bahnhof vorbei. Ein Schuppen nur und ein altes Gebäude stehen verlassen da. Auch das Mehl-Silo gehörte zu vagen Erinnerungen. Beide Gebäude mögen dann mitgeholfen haben, dass wir plötzlich den gesuchten Waldeingang fanden.

Wenn Bäume mit uns sprechen könnten, hätten sie uns jetzt vielleicht angesprochen, denn damals vor vier Jahrzehnten war der Besuch in diesem Wald für Primo und mich eine Initiation, eine Zulassung zu den Baum-Mysterien. Ich sehe mich noch in jenem Waldteil, wie wir nach ihnen ausschauten und ihre gesunden, schnurgeraden Stämme bewunderten. Schon damals strebten sie nur himmelwärts.
Die Eiche aus Guggenbühls Werk «Unsere einheimischen Nutzhölzer»
Ein Bericht über dieses aussergewöhnliche Waldstück lockte uns damals dorthin. Es war Primos Gewerbelehrer, der in der Schweizerischen Schreinerzeitung im Bereich «Kunst und Handwerk» darüber schrieb. Paul Guggenbühl habe es verstanden, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch auf viele Details aufmerksam zu machen, an denen viele von uns achtlos vorbeigehen. So schrieb die Schreinerzeitung im Nachruf nach seinem Tod.

Primos Wesen trägt viel von diesem vermittelten Wissen weiter. Immer noch entdeckt er besondere Schönheiten aus der Innenwelt der Bäume. Er lebt mit ihnen. Sie faszinieren ihn. Denn keine sind sich gleich. Auch Querschnitte von kranken Bäumen können fantastische Bilder hervorbringen.

Den Wald betraten wir still, umschauend und nach Erinnerung prüfend und entdeckten dann als erstes am Wegrand liegende Eichenstämme. Da einer, dort einer, und so weiter. Alle gesund, stark, gross gewachsen, unversehrt ihre Rinden. Sie müssen mit viel Achtsamkeit gefällt worden sein. Da wo sie herkamen, entdeckten wir ihre Plätze, weil die Bäume offensichtlich so gefällt wurden, dass ein kurzes Stück Stamm im Erdreich zurückblieb und sich uns als eine Art Hocker präsentierte. Und dank diesen Reststücken konnten wir uns zurechtfinden. Da wussten wir plötzlich, dass wir im Marthaler Eichenhain angekommen waren.
  Ein Zweig Eichen-Herbstblätter Jahrgang 2018 aus diesem Wald 
Unsere Stimmung ist schwer zu beschreiben. Wir fühlten das Leben und auch den Tod. Aber ohne Trauer. Die daliegenden Stämme zeigten sich uns vollendet. Und bereit für eine neue Aufgabe. Primo sinnierte, sprach über die Aufgabe solcher Bäume, die für sich einen grossen Raum beanspruchen und dabei bewirken, dass um sie herum lichtdurchflutete Räume entstehen, in denen sich andere Gewächse auch wohlfühlen. Und auch Menschen, möchte ich dazu sagen, denn wir erlebten hier eine friedliche Atmosphäre, die uns von unserem Alltag und allen Sorgen abhob.

Berührt schlenderten wir weiter durch diesen Wald und trafen am Waldrand noch auf die älteste Eiche in diesem Hain. Ihr wurde eine Informations-Tafel umgehängt.
Höhe 34 Meter, Umfang 5,6 Meter, Inhalt ca. 30 m³, Alter ca. 360 Jahre
Dazu die Unterschrift Marthaler Eichen-Wald.

Das Schreinerherz meldete sich auf dem Heimweg dann auch noch. Primo dachte nach, welch grossartige Tischplatte entstehen könnte, wenn die älteste Eiche dazu verarbeitet würde. Er nannte gleich Zahlen: 1 Tischplatte 20 Meter lang und 1,5 Meter breit. Grossartig!

Und ich orientierte mich nach der Heimkehr noch an den Themen «Mensch und Baum» in Guggenbühls Werk «Unsere einheimischen Nutzhölzer». Dort schrieb er:

Die knorrige Eiche ist ein Sinnbild der Kraft und Unbeugsamkeit. Bei den Griechen und Römern galt sie als heiliger Baum, der Zeus oder Jupiter, dem höchsten Gotte, geweiht war. Die Germanen errichteten unter der Eiche oder in Eichen-Hainen die Opferstätten für Donar, den Donnergott. Kein Sterblicher durfte die Axt an diesen Baum legen.

Aus der Mystik der Menschheits-Geschichten seien alle Vorfahren durch die Jahrtausende staunend und verehrend mit solchen Eichenbäumen umgegangen, sagt Primo.

Mittwoch, 10. Oktober 2018

Festtag für unser gemeinsames Leben

Ankunft vor dem Gasthaus Feld in Feusisberg
Kürzlich bin ich auf dem Trottoir umgefallen. Ich überquerte die Hauptstrasse, nachdem ich einen Brief in den Postbriefkasten geworfen hatte. Auf dem Rückweg störte mich einer der «lödeligen» Socken, der nach vorne gerutscht war. Ich nahm mir vor, diesen raschmöglichst zurück zu ziehen, sobald ich wieder bei meinem Velo angekommen sei.

Diesem Gedanken müssen meine schnellen Schritte widersprochen haben. Darum stolperte ich über die eigenen Füsse und fiel hin.

Ich muss mich beim Fallen leicht abgerollt haben. Wie das geschah, weiss ich nicht. Der Schlag hatte meine Knochen nicht angegriffen. Das spürte ich sofort. Fürs erste blieb ich eine Weile liegen und dachte: Was geschieht jetzt?

Da sprach mich eine Frau an, die ich im Alter etwa 10 Jahre jünger als ich es bin einschätzte.

Sie half mir aufstehen und begleitete mich einige wenige Schritte bis zur Sitzbank an der Bushaltestelle. Dann sprach sie sehr selbstsicher: Jetzt müssen Sie sich einen Rollator aneignen. Und ich dachte dazu: Wenn diese Frau wüsste, dass ich auf dem Velo vom Stadtrand herunter gefahren bin, dann würde sie gewiss die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Seltsam solche Befehle!

Ich liess mich nicht in weitere Gespräche ein. Wir verabschiedeten uns. Ich dankte für die Hilfe. Ich wurde nicht weiter beachtet oder angesprochen. Ich konnte normal gehen, machte danach noch kleine Kommissionen und ging dann heim. Immer ein Stück weit normal Velofahren, dann wieder ein Stück zu Fuss, das Rad vor mich herschiebend. Weder die eine noch die andere Variante signalisierte mir, dass ich Hilfe brauche.

Zu Hause wusste mein Ehemann, welche Salben jetzt aufzutragen seien. Es traten keine Schmerzen auf und auch keine Ängste.

Ich dachte dazu, dass dieser Sturz «Obacht» gerufen habe. «Du solltest ruhiger und gelassener gehen und handeln. Nicht mit einem ersten Gedanken davon eilen.» Mein Vater sagte jeweils in vergleichbaren Momenten: Das war eine Warnung.
 Feusisberg und Blick zum Zürichsee
Wenige Tage später konnte ich meinen Vorsatz anwenden. Primo hatte mich zum Mittagessen nach Feusisberg eingeladen. Das war der Ort, wo wir vor 57 Jahren Hochzeit feierten.

Wir fuhren nach Schindellegi und marschierten von dort aus nach Feusisberg, ins Restaurant Feld.

Erst bei der Bezahlung für das Mittagessen, das uns gemundet hat, wiesen wir kurz auf unsere Geschichte hin. Die Serviertochter informierte die Wirtin, die sich dann noch mit uns unterhielt. Als wir den Jahrgang unserer Hochzeit nannten, lachte sie. Da sei sie noch ein kleines Kind gewesen.
steil aufwärts
Es war ein heiterer Tag mit viel Weitsicht auf den See und in die Berge. Es lockte uns, immer höher zu steigen. Die Wirtin konnte uns den zeitlichen Rahmen für den Weg nach Einsiedeln nennen: 3½ bis 4 Stunden.

Wir fühlten uns aufgenommen von dieser hügeligen Welt, in der wir immer höher aufsteigen konnten. In der ersten sehr steilen Etappe wollte ich eins sein mit meinen Füssen und Schuhen. Auf sie aufpassen, auf sie hören. Sie spüren. So kam ich gut voran. Das Umfallen hat mich gelehrt, mit den Gedanken weniger voraus zu eilen. Da zu sein, wo ich jetzt gerade bin. So fühlte ich eine innere Ruhe, die Kraft und Ausdauern spenden kann.

Weitere Fotos zeigen Blickwinkel unserer Wanderung.
Blick auf den Zürichsee mit der Ufenau
Teufelsbrücke
Sankt Meinrad
Paracelsus Geburtshaus
Ankunft in Einsiedeln, Glocken läuteten gerade zum Gottesdienst
Krönender Abschluss: Vermicelles im Sternen Bistro Einsiedeln