Sonntag, 22. Juni 2008

Velomechaniker und Coiffeur: Unverzichtbare Dienstleister

Vorgestern habe ich mein Velo zur Revision zu „meinem“ Velomechaniker nach Zürich-Wipkingen gefahren und mich dabei gefragt, wo ich es einmal flicken lasse, wenn es nicht mehr fahrtüchtig sei. Von der Bernoulli-Siedlung in Zürich-West aus konnte ich das Rad problemlos in seinen Herstellungs-Stall bringen. Zu Fuss. Von Zürich-Altstetten her wäre das anstrengender. Der Weg würde gewiss eine Stunde beanspruchen. Im Notfall nähme ich ihn selbstverständlich in Kauf. Ich wurde immer sehr gut bedient. Solche Beziehungen sind viel Wert, können aber nach einem Wohnungswechsel plötzlich unerreichbar werden.
 
Besser sind die Aussichten, dem Coiffeur treu zu bleiben. Auch auf diese langjährigen Dienste möchte ich nicht verzichten. Im beinahe spartanisch eingerichteten Geschäft von Herrn S. fühle ich mich wohl. Hier ist alles echt. Es wird keine Glamourwelt vorgetäuscht. Und der Mann, der Haare schneidet oder solche färbt, ist ein Künstler. Trotzdem kann er gut auf Wünsche eingehen, will nicht nur seine Vorstellungen umsetzen. Bewundert wird er auch, wie er sich kleidet. Farben und Formen sind ihm wichtig, und er setzt voraus, dass sie es auch für die Kunden sind. Bevor er zu schneiden beginnt, hält er einem eine Beige verschieden farbige Umhänge hin. Die Kunden dürfen wählen, wie sie sich 3/4 Stunden lang im Spiegel anschauen wollen.
 
Gestern habe ich einen cremefarbenen Stoff mit einem eingewobenen Streifenmuster gewünscht. S. kommentiert die Wahl manchmal. Diesmal nicht. Er schien mir aussergewöhnlich schweigsam, schon als er mich begrüsste. Da beschloss ich, auch stille zu sein. Sonst lachen wir gerne miteinander. Er hatte gerade 2 Schnitte in mein Haar gemacht, als sich die Tür öffnete und eine Frau eintrat. S. ging zum Kalender, kehrte zurück, schnitt weiter. Ich fragte sofort, ob etwas nicht in Ordnung sei. Er schien irritiert. Ja! Stimmen die Termine nicht? Ja! Der meine vielleicht? Ja! War er darum schon bei meinem Eintritt beunruhigt, weil er eine andere Person erwartete?
 
Hoppla. Ich sei auf 16 h eingetragen. Ich könne den Sessel sofort räumen und in einer Stunde wieder kommen, offerierte ich. Da war er erleichtert und die eben erschienene Kundin auch. Ich erinnerte mich, dass es schwierig war, einen Termin zu bekommen. Aber wo der Fehler lag, war jetzt nicht wichtig. Wir vergeudeten keine Zeit, um das herauszufinden. Ich wusste schon, wie ich diese Zwischenstunde verbringen konnte und räumte den Platz. Herr S. versicherte mir noch, dass die paar Schnitte im Haar nicht ersichtlich seien.
 
Punkt 16 h war ich zurück und erlebte gerade mit, wie sich die Kundin erhob und die Dienste bezahlte. Als sie mich sah, fischte sie aus der Tiefe ihrer Einkaufstasche ein Stück Lavendel-Seife „Saponet Natura“ aus Indemini im Tessin und dankte mir, dass ihr Coiffeur-Termin eingehalten werden konnte. Damit bewies sie mir, dass sich in Herr S. Geschäft vornehmlich Kunden einfinden, die wie er alles Naturbelassene lieben. Da gehöre ich ja auch dazu.
 
Dann konnte ich mich setzen. Erstaunlicherweise wurden mir die Stoffumhänge jetzt nicht zur Auswahl präsentiert. Er wählte. Rot! Galt es ihm oder mir? Ich vermute: Uns beiden!
 
Informationen über die Seifen-Herstellung in Indemini: www.seifen-handwerk.ch

Montag, 16. Juni 2008

Zufallsgeschichten vom Stadtrand Altstetten-Schlieren ZH

Samstagmorgen. Ich verlasse das Haus etwas nach 8 Uhr. Es ist erstaunlich still. Wohltuend. Wieder einmal fühle ich mich in Zürich-Altstetten in den Ferien. Heute ist es besonders ruhig. Die Festfreudigen der Fussball-Euro2008 können ausschlafen. An vielen Häusern hängen locker verstreut Flaggen europäischer Nationen. Es ist windstill. Es bewegt sich nichts. Auch die Bäume stehen stoisch da. Am Himmel hängen flockige Wolken, die sich noch auflösen werden. Ein Flugzeug überfliegt, angenehm hoch, unser Wohngebiet. Ich bin allein unterwegs.
 
Ich fahre mit dem Velo zum Bauernhof am Pestalozziweg und hole Milch. Wenn ich die Stadtgrenze erreicht habe, denke ich jedesmal an Lisbeth. Sie wohnt in Schlieren, unten im Limmattal. Sie spricht vom „erlösenden Moment“, wenn sie hier oben angekommen ist und die Hektik der Stadt zurücklassen kann. Hier atmet das Leben anders. Die Luft ist frisch. Und das Land gehört der Landwirtschaft. Keine Architektur stört das Landschaftsbild. Hier darf die Erde Lebensnotwendiges hervorbringen.
 
Kurz bevor ich zum Pestalozzi-Hof abbiege, werde ich auf einen Mann aufmerksam. Er schläft am Rand des Kornfelds auf jener Bank, die schon manche Wanderer ausruhen liess. Zusammengekauert liegt er da, atmet ruhig, wird vom Erlebten träumen und die Emotionen verarbeiten. Auch er war mit dem Rad unterwegs. Dieses ist gesichert, an der Bank gut angebunden. Die um die aufrechte Sattelstange am Velorahmen befestigte Flagge weist ihn als Franzosen oder Fan der französischen Nationalmannschaft aus.
 
Tief versunken schläft er. Daunenjacke, Sonnenbrille und Filzhut und seine Eigenwärme schützen ihn. Und doch ist er in meinen Augen schutzlos und ausgeliefert, solange er schläft. Woher kam er? Wohin muss er noch zurückkehren? Hatte er den Match Frankreich gegen Holland miterleben wollen, der im Stade de Suisse Wankdorf Bern ausgetragen worden ist? Meine Fragen bleiben unbeantwortet. Ich fahre heim, mache mir keine Sorgen um ihn.
 
Auf dem Rückweg erledige ich noch Einkäufe bei Coop am Suteracher. Als ich diese nach der Kasse einpacke, bemerke ich eine Frau meines Alters, die meldet, seit sie hier gewesen sei, fehle ihr das Portemonnaie. Sie zeigt 2 Tafeln Schokoladen, die sie vor wenigen Minuten hier bezahlt habe. Die kleine Tasche für den Hausschlüssel und das Portemonnaie hält sie in Händen. Der Geldbeutel fehlt.
 
Das Personal kann ihr nicht helfen. Das Fach, wo die Funde aufbewahrt werden, ist leer. Diebstahl? In solchen Augenblicken ist das immer die nächstliegende Frage.
 
Zusammen verlassen wir den Laden. Plötzlich fällt mir auf, wie sich der Stoff im Umfeld ihrer Manteltasche wölbt, und ich frage sie, ob das Portemonnaie vielleicht da drinnen sei. Oh ja! Nun ist die Ordnung wieder hergestellt. Alle Verdächtigten sind entlastet. Und das Personal ist über den Fund erfreut.
 
Ich bin über mich selbst erstaunt, dass ich so etwas bemerkt habe, weiss aber, dass die Frau auch ohne mich, spätestens dann zu Hause, ihr Portemonnaie wieder gefunden hätte.
 
Und jetzt hoffe ich noch, dass der Franzose ausgeruht aufgewacht ist, alle seine Habseligkeiten vorgefunden, und die Heimreise frisch gestärkt angetreten hat und hoffentlich unversehrt bei sich zu Hause angekommen ist.
 
Dann sind wir alle wieder an unseren Plätzen. Die Dinge und die Menschen auch.

Montag, 9. Juni 2008

Woher kommen die Inspirationen die Blogatelier-Beiträge?

Was inspiriert zu Blogs? So werde ich öfters gefragt. Eine einheitliche Antwort gibt es selbstverständlich nicht. Am 5. Juni 2008 verlief das so: Ich verabschiedete mich für eine kleine Reise nach St. Gallen. Da wünschte mir Letizia lustige Erlebnisse in der Bahn, damit ich darüber schreiben könne.
 
Ich fuhr in Zürich weg, als die Pendler schon an ihren Arbeitsplätzen eingetroffen waren. Es war still im Bahnwagen, in dem ich meinem Ziel entgegenfuhr. Es regnete. Die Landschaft trank das frische Wasser, und darum strahlten die Wiesen trotz dunklem Himmel frisch grün. Weder sah ich etwas aufregend Schönes noch ergaben sich Gespräche. Es war „nur“ eine meditative Zeit für mich. Auch das Säntis-Massiv durfte ich heute nicht entdecken.
 
In St. Gallen erwartete mich Rosmarie, die ich in jungen Jahren in Paris kennen gelernt hatte. Wir hatten uns viele Jahre aus den Augen verloren. Nur dank der Zeitschrift „Natürlich“, damals noch von Walter Hess redigiert, fand sie mich wieder. Sie hatte ein Foto von mir entdeckt und meldete sich sofort. Seither ist der Kontakt wieder da, und ich bin dankbar dafür. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass wir einander nach langer Zeit erzählen können, wie gemeinsame Erlebnisse in der Fremde wirkten und bis heute als kostbare Erinnerungen gehütet werden.
 
Rosmarie informierte mich gleich nach der Ankunft, heute sei ein besonderer Tag. Der 5. Juni 2008? Am 05.06.1958 sei sie in Paris eingetroffen. Auch sie fand eine Anstellung in einem kaufmännischen Betrieb, wo sie ebenfalls als Stagiaire angestellt wurde. Der heutige Tag also eine Art Jubiläum. Vor 50 Jahren lernten wir uns im „Schweizerischen Kaufmännischen Verein“ in Paris kennen. Wir besuchten die gleichen Sprachkurse, die dort von französischen Lehrpersonen erteilt wurden.
 
Hier in St. Gallen gab es wieder viel zu erzählen. Auch ihr humorvoller Ehemann beteiligte sich daran. Zum Abschluss entführte mich Rosmarie noch auf die Anhöhe, wo sich die Dreilinden-Weiher befinden, die zu den schönsten Naturbädern der Schweiz gehören. Und von dort aus konnte ich erstmals die Ausmasse der Stadt St. Gallen überblicken. Eine echte Horizonterweiterung.
 
Auf der Rückfahrt, kurz vor Zürich, dachte ich, Letizias Wunsch habe sich nicht erfüllt. Auch auf dieser Fahrt fing ich nichts auf, worüber es sich zu berichten lohnen würde.
 
Dann, in der S-Bahn ab Zürich-Hauptbahnhof nach Zürich-Altstetten, sass mir ein verliebtes junges Paar schräg gegenüber, das ich nicht übersehen konnte. Die beiden strahlten. Es gab nur ihre Welt. Es sah aus, als ob sie von einer einzigen goldenen Aura umgeben wären. Da hörte ich die junge Frau fragen: „Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Rabe und Krähe?“ Der Mann überlegte nicht lange und sagte: „Krähe nennen wir den Raben im Dialekt. Rabe heisst der Vogel in der Schriftsprache.“
 
Die Stirn der Frau runzelte sich. Sie fragte weiter, warum wir denn nur von Raben- und nicht auch von Krähenmüttern sprächen. Der Mann fühlte sich ertappt, hatte zu schnell einen Schluss gezogen, aber er lachte und war offensichtlich fasziniert, wie die Frau einer Sache auf den Grund ging. Leider war ich da schon in Altstetten angekommen und konnte ihren Gedanken nicht mehr weiter folgen. Ich nahm mir aber vor, zu Hause in einem dafür zuständigen Lexikon nach einer sanktionierten Antwort zu forschen. Dort wurde ich fündig. Krähen seien „mittelgrosse Raben“ heisst es im „Deutschen Wörterbuch“ von Gerhard Wahrig.
 
Anderntags wartete Primo mit einer Rabengeschichte auf. Er erzählte, dass er früh morgens vom Küchenfenster aus einen Raben beobachtet habe, der ein kleines, seltsames Gefährt auf der Wiese vor unserer Wohnung vor sich herschob. Es war aber ein Igel, den er verscheuchen wollte. Auf ihn einhackend, aber ihn doch nicht berührend, schickte er ihn heim. Primo schaute lange zu und weiss jetzt, wo der Igel wohnt.
 
Und ich möchte jetzt noch wissen, ob es sich bei den Vögeln, die sich täglich vor unseren Augen tummeln, auch wirklich um Raben handelt und nicht um Krähen. Danke der jungen Frau für ihre Anregung, Antworten immer noch zu überprüfen. Auch ich ziehe manchmal zu schnell einen Schluss.

Samstag, 31. Mai 2008

Vor 100 Jahren gab es noch keine Zahnpflege-Anleitungen

Besuch beim Zahnarzt, ganz genau gesagt bei seiner Dentalhygienikerin. Wie üblich, gehe ich mit gemischten Gefühlen an diesen Ort und bin dann jeweils erleichtert, wenn ich ohne zahnärztliche Zusatzbehandlung wieder entlassen werde.
 
Diese Reinigungs-Prozedur, die jeweils gute ¾-Stunden dauert, bringt mir jetzt sogar eine gewisse Entspannung. Das war nicht immer so. Weil mich aber immer die gleiche Angestellte behandeln kann, gewöhnten wir uns aneinander. Es entwickelte sich Vertrauen.
 
So lag ich vorgestern einigermassen entspannt auf dem Behandlungsbett, und während Frau V. nach Anzeichen von Zahnzerfall forschte, erinnerte ich mich plötzlich an meine Mutter. Sie wuchs mit 8 Geschwistern im Zürcher Oberland auf. Die Verhältnisse waren bescheiden. Zahnpflege war da kein Thema. So konnte sich die Karies unbeobachtet ausbreiten, und als Mutter 20-jährig war, wurde ein Gebiss fällig. Damals nichts Aussergewöhnliches. Man schrieb das Jahr 1932. Es soll sich in jenen Jahren sogar die Gewohnheit entwickelt haben, den jungen Frauen vor der Hochzeit die Zähne zu ziehen, damit der Ehemann keine Kosten für zukünftig anfallende Zahnbehandlungen befürchten musste. Im Elternhaus meiner Mutter dachte man aber nicht so. Die Zähne waren einfach schon alle angegriffen. Und das leidige Zahnweh sollte unterbunden werden.
 
Mit einigen anderen jungen Frauen fuhr Mutter dann von Wald ZH über Rüti ZH und Rapperswil SG ins glarnerische Mollis, wo ihr alle oberen Zähne, einer nach dem andern und ohne die geringste Betäubung, gezogen wurden. Mutter fiel in Ohnmacht, wie andere auch. Im Laufe des Tages, nachdem alle behandelt worden waren, kehrten sie dann in ihr Dorf zurück.
 
Immer wenn uns Mutter diese Ohnmachtsgeschichte erzählte, fühlte ich ihre Ängste mit und hoffte, dass ich so etwas nie erleben müsse. Heute hätte ich dazu noch einige Fragen, die mir damals nicht in den Sinn gekommen sind: Wer organisierte solche Reisen nach Mollis? Wie stärkten sich die jungen Frauen unterwegs? Was konnten sie nach der „Rosskur“ noch essen? Wer bezahlte die Kosten der Bahn und die Rechnungen des Zahnarzts? Was hatte das überhaupt gekostet? Das müssen Riesenauslagen gewesen sein. Konnten sie einen Kredit aufnehmen? Aber, wer lieh solch Minderbemittelten überhaupt Geld ohne Garantie, dass dieses je zurückbezahlt werde?
 
Mutter arbeitete damals als Weberin in einer Fabrik. Ich vermute, dass sie sich diese grosse Auslage selber erspart hatte. Sie konnte gut mit Geld umgehen, auch sparen, ohne geizig zu sein. Aber kurz vor der Heirat, als sie das Geld für eine Wäsche-Aussteuer, es waren 600 Schweizer Franken, beisammen hatte, ging ihre Bank in Konkurs. Alles war verloren.
 
Auch das Gebiss hatte noch seine Geschichte. Es war von tadelloser Qualität, hielt viele Jahre, doch eines Tages brach es entzwei. Mutter kaufte sich den Alleskleber „Cementit“ und flickte es. Lange hielt ihr Werk aber nicht. Erneut brach es auseinander. Ich beobachtete, wie bekümmert sie war. Ich weiss nicht, wie sie es dann anstellte, um doch noch ein neues Gebiss zu bekommen.
 
Bevor mich Frau V. aus der Zahnpflege entliess, erzählte ich ihr noch die hier eben beschriebenen Gedanken. Sie ist jünger als ich, konnte den Beruf als Dentalhygienikerin erlernen, als er neu geschaffen wurde. Sie dachte sofort an die vielen Präzisions-Werkzeuge und Hilfsmittel, die ihr heute zur Verfügung stehen und die es damals noch nicht gegeben hat. Unvorstellbar für sie, wie grob die Menschen damals behandelt worden sein müssen. Und ohne Betäubung, dünkt mich, muss eine solche eine Art Vergewaltigung gewesen sein. Sie mussten viel mehr aushalten als wir heute, war unsere abschliessende Meinung zu diesem Thema. Und waren darum auch stärker als wir es heute sind.
 
Aber Mutters Ohnmacht drückt noch etwas anderes aus. Sie war „ohn Macht“, musste einfach alles geschehen lassen.

Samstag, 24. Mai 2008

Schon spüre ich, wie am neuen Ort die Wurzeln wachsen

Eine Bekannte bemerkte, ich hätte mich offensichtlich schon gut umgestellt und eingelebt. Diese beiden Worte gefallen mir. Besonders das Wort „umgestellt“ bezeichnet meine Situation sehr präzis. Es beinhaltet sowohl den Umzug als auch die Gestaltung eines neuen Zuhauses, und dazu noch innere Umstellungen, die mein neues Umfeld bedingen.
 
Dazu gehören auch neue Geräusche und Klänge, die mir anfänglich ganz stark aufgefallen sind. Da war zum Beispiel das Morgenläuten der kleinen evangelischen Kirche am Suteracher ein Novum für mich. Punkt 7 Uhr läutet die kleine Glocke und manchmal Sekunden genau ertönen Hammerschläge, die den Arbeitstag auf ihre Weise einläuten. Es wird ein grosses Nachbarhaus renoviert. Noch ist es ausgehöhlt. Alle Geräusche, die Stimmen und der Lärm von Hammer, Bohrer und Säge klingen wie aus einem Instrument heraus und sind auf ihre Art Melodie. Ich weiss es schon jetzt: Dieses Zusammenklingen von Befehlen und Arbeitslärm wird mir fehlen, wenn das Haus umgebaut ist. Es sind keine Maschinengeräusche, die ich wohlwollend wahrnehme. Hier sind starke Männer am Werk. Ihren Stimmen und Namen nach Menschen aus dem Süden.
 
Manchmal zwinge ich mich jetzt richtig, den 7-Uhr-Augenblick bewusst zu erleben, um ihn nicht zu verpassen. Ich bin schon daran gewöhnt.
 
Eine andere Umstellung betrifft den Garten, der nun auf Souvenirs reduziert worden ist.
 
Nachdem uns die neue Wohnung zugesprochen worden war, bemühten wir uns als erstes um Blumenkisten für den langen Balkon. Dann gruben wir aus dem bisherigen Garten Pflanzen aus, ebenso etwas Erde und führten diese an unseren neuen Wohnort. Ich erinnerte mich dabei an Königstöchter aus früherer Zeit. Wenn sie in ein fremdes Land verheiratet wurden, sollen sie unter dem Brautkleid ein Säcklein Heimaterde mitgebracht haben.
 
In diesem Sinne pflanzten wir allerlei, unter anderem 2 Nachtkerzen, Farn, Akelei, roter Mohn, Maierisli (Maiglöckchen), Löwenmaul, auch Schöllkraut. Dominant präsentiert sich heute die Hexenblume, so der Name, den wir ihr vor langer Zeit verpasst haben. Sie wanderte aus dem uns gegenüber liegenden Bernoulli-Garten ein und breitete sich selbstbewusst aus. Wir kennen ihren Namen nicht, haben es verpasst, danach zu fragen, als Herr Senn noch lebte. Oft habe ich bemerkt, dass sich Blumen an ihrem selbst gefundenen Platz besser entwickeln als an Orten, die wir Menschen ihnen zuweisen. Diese erwähnte Hexenblume verbreitete sich rasch, aber nicht rücksichtslos. In freundschaftlicher Art durfte das Schöllkraut die Abgrenzung zur Wiese hin gestalten. Es entstand ein liebliches, natürliches Feld, zu dem auch drei Büsche gehören. Blumenfeen habe ich noch nie gesehen, aber hier konnte ich sie spüren. Ich habe meine Nachbewohnerin darauf aufmerksam gemacht. Ich glaube, sie hat mich verstanden. Sie wird diesem Platz Sorge tragen. Der Ort strahlt etwas Liebenswürdiges aus und strotzt vor Lebensenergie.
 
Es schlummerten auch andere Samen in der mitgebrachten Erde, wie es sich jetzt zeigt. Es blühen z. B. schon Monatserdbeeren, ein paar Grashalme haben sich entwickelt und heute habe ich Weideröschen entdeckt.
 
Alle diese Gewächse haben eine lebhafte Silhouette geschaffen, die wir beim Eintritt in die Stube sofort wahrnehmen. Sie nehmen sich ihren Platz und Raum und zeigen uns, dass sich das Lebendige nie um die gerade Linie kümmert. Im Augenblick verzaubert uns die Akelei-Gruppe mit einem 85 cm hohen Anführer. Im Grunde sind unsere Blumenkisten eine ganz bescheidene Anlage und doch auch eine sich ständig verändernde Pracht.
 
Innerhalb des Hauses habe ich mich in meinen Vorstellungen eine Zeit lang ganz anders verhalten und mich von Publikationen verführen lassen. In meinen Gedanken gestaltete ich Bad und Toilette farblich wie nach einem gerade aktuellen Einrichtungskatalog. Ich meinte, jetzt wäre es günstig, diesen Räumen eine einheitliche Farbe zu verpassen. Wie langweilig! denke ich heute. Ich dachte schon daran, alle vorhandenen Textilien zu ignorieren und neu eine bestimmte Farbe einzuführen. Da hätte ich allerlei fortwerfen müssen. Und das wollte ich dann doch nicht. Glücklicherweise, sage ich jetzt. Jedes Stück hat doch seine Geschichte, ist im Laufe des Lebens zu uns gekommen und immer noch nützlich. Und es hat Farbe in unser Leben gebracht. Farbe, die auch immer wieder wechselt. Oft, wenn ich ein Hand- oder Badetuch benütze, kommt mir die Geschichte dazu in den Sinn.
 
Daran freue ich mich noch. Aber mit Mass. Ich kenne jetzt die Leichtigkeit nach dem Umzug. Diese möchte ich mir bewahren und nichts mehr anhäufen.

Samstag, 17. Mai 2008

Der Wohnungswechsel schenkt auch neue Perspektiven

Der Altstetter Fröschenbrunnen an der Eugen-Huber-Strasse bei der Abzweigung Friedhofstrasse imponiert mir. Es steht da zu lesen: „Fröschen-Brunnen, Geschenk des letzten Altstetter Gemeinderats im Jahr 1933“. (Altstetten wurde damals in die Stadt Zürich eingemeindet.)
 
Weiter ist aus der Tafel beim Brunnen zu erfahren: „Die Altstetter nannte man früher „Frösche“, die zwischen Limmat und Ried lebten. Dieses Ried, heute Albisrieden, ist seit 1934 ebenfalls in die Stadt Zürich eingemeindet und unser Nachbarquartier.
 
Und hieher gehöre ich nun seit Anfang Mai 2008. Ich bin auf dem Weg, eine Altstetterin zu werden. Als ich unserer Tochter Letizia den schönen Brunnen mit der grossen Froschfigur schilderte, lachte sie und fragte: „Muss ich dich jetzt wach küssen? Dann würdest du vielleicht eine Prinzessin.“ Noch im selben Atemzug gab sie sich die Antwort selbst. Nein, dazu würde ich nicht taugen. So ist es.
 
Ich freue mich, Altstetten zu entdecken, will seine Geschichte erfahren. Das Ortsmuseum wird mir bald einmal Fragen beantworten. Es ist aber nur am 1. Sonntag im Monat geöffnet. Auf dem Personenmeldeamt waren die Broschüren dazu leider vergriffen. „Fragen Sie im Herbst wieder danach“, wurde ich vertröstet.
 
Zum Abschied vom Bernoulli schenkte mir die Nachbarin Erika das Buch „Chronik der Heilig-Kreuz-Kirche Zürich-Altstetten“, Verfasser: Alfred Boll. Schon auf den ersten Seiten stiess ich da auf die Abbildung der berühmten Goldschale, einer Opferschale aus einem zerstörten Grab, aus der Hallstatt- oder älteren Eisenzeit. Diese wurde 1906 an der Hohlstrasse bei den SBB-Werkstätten gefunden. Sie kann im Schweizerischen Landesmuseum beim Hauptbahnhof in Zürich bewundert werden. Ihre vollendete Schönheit brachte ihr viel Publizität. Sie prangte auch einmal auf einer schweizerischen Briefmarke.
 
Weiter habe ich erfahren, dass die einstige Römerstrasse in der Gegend meiner neuen Adresse, der Eugen-Huber-Strasse, vermutet wird, denn diese hiess bis 1933 Römerstrasse. Wegen des Sumpfs im Talgrund, von dem auch der Froschbrunnentext berichtet, musste sie über die Anhöhe führen.
 
Aus Erikas Buch habe ich auch erfahren, dass Altstetten ein Marienwallfahrtsort gewesen sei. Man pilgerte im Mittelalter von Zürich aus zu „Unserer Lieben Frau zu Altstetten“. Es sei das am weitesten erntfernte Ziel einer Prozession gewesen, die von Zürich ausgegangen sei. Ein Tavernenbrief von 1423 wird erwähnt. Der Vogt von Altstetten habe das Recht, eine Taverne betreiben zu lassen damit begründet, „es sei notwendig, weil sich viele Leute zum Besuch Unserer Lieben Frau in Altstetten aufhalten müssen, vor allem die Kranken.“ Pilger sollen nicht nur aus den nahen Gebieten, sondern auch aus dem süddeutschen Raum und aus Voralberg angereist sein. Ich spüre: Hier ist der Ort von alters her belebt.
 
Auch andere Gäste landen hier. Grosse Vögel. Dieser Tage haben wir von unserem Balkon aus sogar einen Buntspecht auf Augenhöhe beobachten können. Er pickte Delikatessen aus der Rinde eines Nachbarbaums, der neben einer Kinderschaukel steht. Noch nie gesehen, nur gehört. Und Raben und Elstern landen wie Flugzeuge auf dem Wiesenboden vor meinem Küchenfenster. Im Umfeld der Bernoulli-Siedlung sahen wir diese grossen Vögel meist nur auf den hohen Bäumen und auf Flachdächern grosser Geschäftshäuser. Hier hat eine Rabenfamilie ihr etwas grobschlächtiges Nest auf einer Hagenbuche neben unserem Hauseingang installiert. Und dann weist die Hätzlergasse noch auf die Eichelhäher hin. Hätzler sind Eichelhäher. Ihnen bin ich aber noch nicht begegnet. Kleine Vögel sind hier selten. Aber die Amsel singt uns auch hier ihre Lieder. Und Schwalben haben wir auch gesehen.
 
Viele Strassennamen deuten auf die hier einst bäuerliche Landschaft und auch auf die sichtbaren Alpen hin. Beispiele: Saumackerstrasse, Bachmattstrasse, Feldblumenstrasse, Zwischenbächen, Stampfenbrunnen und andere mehr. Pässe und Orte in den Alpen sind ebenfalls vertreten: Grimselstrasse, Calandastrasse, Bristenstrasse, Furkastrasse, Rautihalde usw. Den nahen Waldrand markiert das Dunkelhölzli.
 
Am Abend spazieren wir gern über die Grenze nach Schlieren. In wenigen Minuten sind wir bei den Bauernhöfen im offenen Land, wo wir Rohmilch und verschiedene landwirtschaftliche Produkte bekommen können. Die Stadt ist nur noch von fern zu sehen. Die Weite des Himmels mit ihrem Wolkengeschiebe, den Farben und Lichtspielen, aber auch mit den Kondensstreifen-Kalligraphien der Flugzeuge vermittelt jedesmal das Gefühl, wir seien in den Ferien. Die Luft ist reiner, die Aussicht prächtig. Wir sehen die Alpen, können Säntis, Vrenelis Gärtli, Rauti und andere Grössen grüssen.
 
Wir haben einen neuen Standort, neue Blickpunkte und Sichten, die uns beflügeln und bereichern. Meine Freundin Lisbeth sagte kürzlich, als sie unsere Wohnung und unser neues Umfeld gesehen hatte: Du musst dich im Paradies fühlen.

Freitag, 9. Mai 2008

Leben, sammeln, anhäufen und eines Tages aufräumen

Es ist gar nicht so einfach, von einem Umzug zu berichten, wenn er vorbei ist. Sich erinnern, wie alles gelaufen ist, ist im ersten Augenblick nicht möglich. Ja, wir atmeten auf, fühlten aber noch keine Last von uns abfallen. Während der vergangenen Wochen konnten wir oft die Sätze nicht vollenden, wenn wir einander etwas erzählten. Es drang immer etwas Neues das eben gerade Gedachte zur Seite. Oft lachten wir nur noch, wenn wir die Worte nicht mehr fanden.
 
Wir pendelten vom alten Ort an den neuen, verabschiedeten uns beim Räumen und bauten auf beim Einräumen der Dinge, die wir in verschiedenen kleinen Etappen in die neue Wohnung trugen.
 
Wir gingen nach Primos Vorschlag so vor: Alle Ideen sollen ausgesprochen werden, ohne diese aber sofort zu bewerten, anzunehmen oder abzulehnen. Sie standen einfach auf Abruf in unseren Gedankenräumen. Auf einmal wussten wir, welche von ihnen die tauglichste sei.

Räumen aber wurde zum Marathon. Manchmal kam ich mir vor wie jemand, der einen ganzen Wald abgeholzt hatte, um Zeitschriften, Bücher, Briefe und Kartenpapiere herzustellen. Und dann all die Papiere aus der Administration der Werkstatt, die 10 Jahre aufbewahrt werden müssen. Ein Riesengewicht. Ich begriff plötzlich die Wohltat im Wort „entsorgen“, als ich meine Schätze abtransportieren lassen konnte. Einige rare Druckerzeugnisse übernahmen Freunde, andere gingen in Brockenhäuser und vieles auch in die Müllcontainer. Bücher sind gar nicht an vielen Orten willkommen. Aber unsere alte Schreibmaschine, etwa 100 Jahre alt, wurde als echter Schatz bewertet und gerne mitgenommen. Primo trennte sich auch von einer Plakat-grossen Intarsie, eine seiner verrücktesten Arbeiten. Mit verschiedensten farbigen Hölzern komponierte er ein Gesicht zwischen Zeichen und Dekorationen ungewöhnlicher und sehr farbiger Art. Auch diese war dem Chauffeur eines Brockenhauses hoch willkommen. Ich hoffe, dass ich ihr irgendwo wieder begegne. Es würde mich nicht verwundern, wenn sie plötzlich in einem öffentlichen Raum oder als Dekoration innerhalb einer Reklame stünde. Das wäre ein Spass für uns, mit ihr wieder zusammenzutreffen. Wir haben vieles losgelassen, aber natürlich nicht alles. Als ich jeweils die Umzugs-Kartons öffnete, staunte ich, was ich da vorfand. Ich dachte mehrmals: Ja, habe ich dies denn nicht alles fortgeworfen?
 
Wegen der Labilität meines Rückens entwickelte sich ein hochsensibles Gefühl für Gewicht. Alle Umzugs-Kartons wurden nicht nur rational gefüllt. Immer mit Gefühl. Bücher oder Geschirr ergänzte ich mit leichten Kleidungsstücken, um die Lastenträger nicht zu überfordern.
Waren 6‒8 Kartons gefüllt, wurden sie an den neuen Ort gefahren. Dort konnte der Inhalt in bereits vorhandene Schränke abgefüllt werden. So entstand nach und nach das Fundament am neuen Ort. Waren die Kartons leer, falteten wir sie zusammen. Primo band sie an den Rücken, und mit den Velos fuhren wir zurück, um sie neu zu füllen. Wenn ich hinter ihm her fuhr, konnte ich die Reklame auf dem Wellkarton lesen. „Möbeltransporte“ war da vermerkt. Primo als Möbelschreiner mit Möbelkartons auf dem Rücken. Bei Wind und Wetter fanden diese Fahrten statt. Der Weg beanspruchte 20 Minuten. Wir mussten 2 × eine Unterführung benützen, eine unter der Autobahn, die andere unter den Bahngeleisen. Diese Fahrten und die dazugehörige Anstrengung wirkten auf mich als gutes Rückentraining. Fast nicht zu glauben: Ich habe mich in den letzten Wochen dank grosser Anstrengungen im Rücken erholt.
 
Ich habe früher auch schon von meiner Kartensammlung gesprochen. Seit 45 Jahren sammelte ich alle Glückwunschkarten, die uns für Weihnachten oder Neujahr zugekommen waren. Ursprünglich diente eine alte Wäschetruhe für die Aufbewahrung, eines Tages kam eine zweite dazu, und auch sie genügte bald nicht mehr. So standen auch einzelne Schachteln auf der Winde. Als Primo diese in den 1. Stock heruntertrug und sie an einer Wand aufschichtete, wurde mir beinahe übel. So viel Material! Wie soll ich dies alles nochmals sichten? Ich hatte vordem Informationen eingeholt, an welches Museum ich damit gelangen könnte. Das Mass war übervoll. Ich sah die Lasten, die Transportkosten und vielleicht die Absage, damit könne man nichts anfangen. Und darum beschloss ich, innerlich unerschütterlich sicher, diesem vor allem für mich emotionalen Wert adieu zu sagen. 3 Jahrgänge flogen sofort in einen 60 Liter-Abfallsack, obwohl ich sofort wieder sah, wie viele Kunstwerke da vorhanden waren. Da kamen dann doch noch Zweifel auf und ich beschloss, aus jeder Schachtel eines Jahrgangs, die 10 schönsten (die meiner Ansicht nach schönsten) Karten zu retten. Aber das war Unsinn, unmöglich.
 
Mit dieser Sammlung hoffte ich, eines Tages aufzeigen zu können, wie Kultur ganz unten in den Familien und jenseits von akademischem Kunstverständnis über Jahrzehnte gepflegt worden ist. Schon als Kind im ersten Primarschulalter war ich fasziniert von diesen Kunstwerken und den Ideen, wie Glück gewünscht worden ist.
 
Nun war also der Abschied gekommen. Anders, als ich es je dachte. Damit ich die Karten in die Papiersammlung geben konnte, schob ich jeden Jahrgang in halboffene Zeitungen und verschloss diese mit ebensolchen zu Paketen. Ein würdiger Abschied, dünkte es mich. Nochmals konnte ich mich an vielen Bildern und Sujets oder auch an guten Worten, wenn auch nur flüchtig, freuen.
 
Und dann wollte meine Schwester Renate plötzlich wissen, was ich mit der Kartensammlung mache. Fortwerfen. Entsorgen. Ihr Interesse erwachte. Am Schluss des Gesprächs entschloss sie sich, die Sammlung an sich zu nehmen. Sie möchte sie kennen lernen. Sie bestellte ein Taxi, fuhr zu uns, packte alle Pakete in mitgebrachte, grosse Taschen und fuhr sie zu sich heim. Sie sind gerettet. Renate arbeitet in einem Gemeinschaftszentrum und hat Kontakte zu Museums-Leuten. Sie nimmt sich jetzt der Sache an.
 
Das waren sehr emotionale Momente. Es schien mir, die Karten, die ich immer in Ehren gehalten hatte, hätten sich gegen die Kremation gewehrt, den Aufstand geplant und jemanden mobilisiert, der sie retten konnte. Ihre Geschichte ist also noch lebendig und nicht fertig geschrieben.

Samstag, 22. März 2008

Meine Liebesgeschichte, Bäumen und dem Holz gewidmet

Wenn ich durch den Wald gehe, wird mir bewusst, wie mir die Bäume halfen, das Leben zu verstehen. Mein Aufsatz dazu  ist im Juni 2007 in der Zeitschrift „Frauen-Forum“ erschienen; doch hat er seine Aktualität behalten.
 
Mein Elternhaus stand neben einer Sägerei. Von Kindsbeinen an bin ich mit dem Duft von Sägemehl und austretendem Harz vertraut. Vielleicht begründete gerade diese Nachbarschaft später dann die Ehe mit einem passionierten Möbelschreiner und Holzkünstler, weil auch er diese Holzaura ständig um sich trug.
 
Zuerst war also das Holz. Die Bäume mit ihren Lebensgeschichten kamen später dazu. Am Anfang bewunderte ich einfach, wie abgeholzte Stämme in die Werkstatt kamen, aufgeschnitten wurden, betörende Düfte verbreiteten und zu wertvollen Gegenständen verarbeitet wurden. Je länger ich aber miterleben durfte, wie schön und vielfältig Holz ist, desto mehr fühlte ich mich in dieses über Jahrzehnte gewachsene Material ein. Ich widmete mich den Stämmen mit ihren Jahrringen und entdeckte auch die Blume im Herzen der Eiche. Ich fing an, mehr zu sehen als den Stamm, mehr zu hören als den Holznamen.
 
Die Arbeit mit Holz ist anspruchsvoll, denn dieses Material ist keine dichte Masse. Es hat einen zelligen Bau und ist von unzähligen Hohlräumen durchzogen, die Feuchtigkeit aufnehmen und abgeben können. Darum reagiert es empfindlich auf die jeweils herrschende Luftfeuchtigkeit. Wenn ihm Widerstand entgegengebracht wird, reisst es. Der Schreiner muss mit diesen Gesetzmässigkeiten so umgehen, dass das Holz mitmacht, in einer ihm zugedachten Form zu verbleiben. Gleichzeitig muss ihm eine gewisse Bewegungsfreiheit garantiert werden.
 
Unser Handwerksbetrieb, bald 50-jährig, ist ein Auslaufmodell. Die Technik hat auch den Schreinerberuf revolutioniert. Sie nimmt dem Menschen viele Arbeitsschritte ab. Das Produkt ist schneller hergestellt und kostet weniger. Doch fehlt ihm nach meiner Sicht die Seele. Eine Maschine bringt etwas anderes hervor als der Mensch, der seine persönliche Energie einsetzt, das Material berührt und formt. Nun ist der Schreiner aber ein Techniker geworden. Er kann programmieren, dass es fräst und bohrt und schneidet. Berührungen finden nur noch wenige statt. Der Sägestaub wird in der modernen Schreinerei automatisch abgesaugt. Wir liebten den Rausch von Aromen, die beim Hobeln aus den Hölzern aufstiegen. Vorbei. Nüchtern, steril, gesund soll die Werkstatt sein.
 
Heute richtet sich alles nach der Wirtschaftlichkeit. Zeit ist Geld. Einst wurden Bäume nur im Winter gefällt, wenn sich die Säfte im Holz zurückgezogen hatten. Jetzt wird ganzjährig Holz geschlagen und in den Handel gebracht. Auch die natürlichen Trocknungszeiten werden vielerorts umgangen. Dampfgruben und Trocknungsanlagen überwältigen das Leben im Holz und wollen lange dauernde Lagerung im Freien ersetzen. Und Waldbesitzer klagen. Ein Baum beansprucht während 50‒100 Jahren einen Quadratmeter Boden, der keinen Handelswert abwirft. Wird der Baum dann gefällt, summieren sich die Kosten für das Fällen, den Transport, den Sägelohn und Lagerplatz und können kaum mehr mit dem Erlös des Holzes gedeckt werden. Die Schreiner wiederum sind unter Druck, weil der Kunde von heute preisbewusst ist und sich an den über verschiedene Erdteile hingeworfenen Billigmöbeln orientiert. Die Einzelanfertigung eines Möbels aus einheimischem Holz kann nur noch eine begüterte Schicht bezahlen.
 
Diese Entwicklung stimmt mich nachdenklich. Ich habe in der langen Zeit meiner Mitarbeit in unserer Schreinerei eine enge Beziehung zum Holz und zu den Bäumen entwickelt. Die Art, wie der Baum aufwächst, gross und stark wird, blüht, fruchtet und später auch altert und stirbt, entspricht für mich unserem menschlichen Dasein. Auch der Baum muss um seine Existenz ringen, seine Nahrung finden. Er muss sich mit Nachbarn arrangieren und den eigenen Platz behaupten. Er erlebt Nähe und Enge wie wir. Er kennt Sturm und Wind, und mancher Baum fühlt sich an seinem Ort nicht einmal wohl. Da sehen wir dann Bäume, die wie Tänzer aussehen und all zu grosser Unruhe im Wurzelbereich ausweichen wollen. Und alle drängen zum Licht. Im Atemaustausch kommt unsere enge Verbindung aufs Schönste zum Tragen. Was wir ausatmen, wandeln sie in Sauerstoff um.
 
Ich betrachte Bäume auch gerne mit Abstand. Auf Reisen mit der Bahn folge ich ihren Silhouetten. Ich bewundere jene, die auf den Kreten stehen, die Wind und Wetter aushalten, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, beneide sie um ihre Aussicht und Übersicht. In der Nähe ist mir die Espe lieb, wenn sie zittert und sirrt. So reagiert meine Innenwelt, wenn sie berührt wird.

Donnerstag, 13. März 2008

Die Tücken der Technik: Der geheimnisvolle Telefonanruf

Wir sassen nach dem Mittagessen in der Stube, als das Telefon läutete. Ich meldete mich. Es antwortete mir niemand. Es raschelte. Dann hörte ich Frauenstimmen, einmal von nahe, dann wieder entfernt. Ich verstand einzelne Worte, zum Beispiel Reuss und Rhein, beides Namen von Flüssen, die in der Schweiz beheimatet sind.
 
Ich hörte längere Zeit zu, um herauszufinden, was sich hier abspiele. Ich stellte mir dann vor, dass ich in einer diskutierenden Frauenrunde angekommen war. Eine Stimme kam mir bekannt vor. Ich übergab Primo das Telefon und fragte ihn, ob das nicht Erikas Stimme sei. Könnte sein!
 
Am Abend rief ich sie dann an. Sie ist eine meiner Cousinen mütterlicherseits. Eine sozial engagierte Frau, die in ihrem Dorf viel bewirkt hat. Auf sie könnte also ein Gespräch, wie ich es von weit her mitverfolgt habe, zutreffen. Ich wollte wissen: „Hattest du heute ein Gespräch mit Frauen, in dem die Flüsse der Schweiz ein Thema waren?“  „Nein!“ sagte sie mit ihrer starken Stimme. „Ich habe meiner Enkelin bei den Schulaufgaben geholfen. Wir beschäftigten uns mit dem Quellgebiet der Flüsse.“ Der Zeitpunkt, als bei mir das Telefon geläutet hatte, passte exakt in den Zeitraum dieser Aufgabenhilfe hinein.
 
Weiter erfuhr ich, dass Erikas Natel in der Mitte des Tisches gelegen habe, an dem gearbeitet wurde. Ja, sie hätte vorher noch ein Telefongespräch mit ihrem Sohn geführt. Und vermutlich jene Taste nicht gedrückt, die das Gespräch definitiv abbricht.
 
Ja, auf dem Tisch hätten sich verschiedene Bücher und Hefte befunden, hörte ich weiter. Vielleicht wurde beim Umblättern eines schweren Buches unbemerkt die Anruftaste gedrückt. Alles Vermutungen, die wir erklären konnten. Was aber ein Geheimnis bleibt ist die Tatsache, dass Erika versichert, meine Telefon-Nummer noch nie gespeichert zu haben.
 
Und jetzt hoffe ich nur, dass ich meine eigenen Telefongespräche korrekt beende. Seit vorgestern besitze ich ein neues Telefongerät. Dieses befindet sich noch im Stadium des „Ersten Ladens und Entladens des Akkus“ und soll deshalb noch nicht in die Station zurückgelegt werden.
 
Mache ich etwas falsch, könnte sich jemand in meine Stube verirren. Vorsorglich deponiere ich es also in einem ruhigen Zimmer, wo keine Hausaufgaben erledigt werden.

Samstag, 8. März 2008

Milch-„Gebsi“: Der spezielle Behälter für unsere Briefpost

Heute morgen bin ich im Hof mit unserem Briefträger zusammengetroffen. Ich informierte ihn gleich über unseren baldigen Umzug nach Altstetten. Und er erklärte mir, dass ich am neuen Wohnort in den selben Zustellkreis gehöre. Dort seien alles gute Leute. Ich werde sicher weiterhin zuverlässig bedient.
 
Daran habe ich gar nicht gezweifelt. Schon am ersten Tag, als ich noch nicht wusste, dass wir als Mieter an der Eugen-Huber-Strasse akzeptiert werden, bemerkte ich, dass hier die Briefpost schon vor 9 Uhr ausgetragen wird. Das deutete ich als gutes Omen.
 
Die Fäden zur Post bleiben also intakt. Jetzt nimmt es mich nur noch wunder, wo ich die eingetroffenen Briefe in Zukunft hinlegen werde. Es fehlt im neuen Zuhause noch der dafür geeignete Platz.
Seit 40 Jahren dient uns an strategisch richtigem Ort ein hölzernes Becken, „Gebsi“ genannt. (Ein Schweizer Dialektwort für Becken, Waschbecken oder Zuber). Eine Weissküferarbeit aus dem Toggenburg. Wir fanden die etwas lädierte, weggeworfene Schale auf einer damals noch rudimentären Abfalldeponie. Primo erkannte sofort die Schönheit ihrer Form. Dass das Holz an 2 Orten ausgerissen und mit Drähten zusammengehalten wurde, störte ihn nicht. Wir nahmen sie mit, sprachen noch mit den Vermietern unserer Ferienwohnung darüber und erfuhren, dass dieses „Gebsi“ zur Milchentrahmung gebraucht worden sei. Es fasste die frische Milch, die tags darauf abgesahnt werden konnte.
 
In seinen Boden waren Initialen der Besitzer eingebrannt. Und zu Hause fügte Primo diesen auch die eigenen auf gleiche Weise an. Und damit war das „Gebsi“ sozusagen zu einem Mitglied unserer Familie geworden.
 
In Zürich fing es dann alle Post auf, die noch beantwortet werden musste. Es behütete Briefe, Prospekte, Einladungen, Pläne, Visitenkarten, Notizen, oder kleine Dinge, von denen wir nicht wussten, ob wir sie behalten sollen. Und hier, in dieser Schale drin, geschah dann etwas Ähnliches wie mit der Milch. Indem die Papiere ruhten, trennte sich im übertragenen Sinn der Rahm von der Milch. Manches erledigte sich von selbst. Wichtiges wurde plötzlich erkannt. „Gebsis“ Platz auf einer Kommode am Durchgang von der Küche zur Stube war ideal. Den gibt es so jetzt nicht mehr.
 
Ich weiss noch nicht, ob wir dieser treuen Dienerin wieder einen grossräumigen Platz zuweisen können, der ihrem 45-cm-Durchmesser entspricht. Das beschäftigt mich. Wenn ich darüber schreibe, mokiere ich mich über mich selbst. Es ist ja nur ein Detail unseres gesamten Umzuges, ich weiss. Und doch ein wichtiges.
 
Während der Wohnungssuche wurde ich manchmal gefragt: „Kannst du noch schlafen?“ Ja. Das war kein Problem. Aber jetzt schlafe ich manchmal lange nicht ein, weil ich an „Gebsi“ denke. Unsere Zusammenarbeit war so wertvoll, dass ich mir nicht vorstellen kann, sie einfach in Pension zu schicken.