Montag, 11. April 2005

Unabhängig und beweglich sein: Ab ins Tessin!

Der Rucksack ist noch nicht gepackt. Und es steht noch ein Beitrag fürs Blogatelier aus.

Ich bin soeben vom Einkaufen heimgekommen. Es regnet heftig. Es ist kalt geworden. Im Hals kratzt etwas und weist mich an, für Wärme und gute Kleidung zu sorgen.

In solchen Augenblicken wird mir jedesmal bewusst, wie undurchführbar meine Jugendträume waren. Da wünschte ich mir, nie mehr zu besitzen als in einem guten Rucksack Platz finde, den ich selber zu tragen fähig sei. Eine gute Wolldecke allein hätte aber vermutlich den vorhandenen Raum schon ausgefüllt.

Mehr als im beschriebenen Sinn gelten diese Träume aber immer noch als eine Haltung, mich nicht mit unnötigem Besitz zu belasten. Ich möchte beweglich und unabhängig sein. So freue ich mich denn schon jetzt auf den Augenblick, wenn ich in gutem Schuhwerk und mit meinen Habseligkeiten am Rücken neben meinem ebenso ausgerüsteten Mann auf der Station stehe, aufs Tram und den Einstieg in die Ferienwoche warte.

Warten. Ich kann das nicht besonders gut und erlebe doch im Warten so viel Positives und Wegweisendes. Wenn ich warte, kann ich nicht agieren. Da stehe ich dann und schaue, was es zu sehen gibt. Heute Morgen zum Beispiel, aufs Tram wartend, nahm ich die Möwen wahr, wie sie vom See her ins Tagesrevier in den Limmat-Raum kommen. Ich selbst bin dann unwichtig. Ich erfahre etwas von aussen her. Und oft melden sich in solchen Momenten Antworten auf Fragen, die ich über den Kopf nicht bekommen kann. Unerledigtes erledigt sich, wenn ich geduldig und scheinbar leer bin. Ich weiss dann plötzlich, wie ich etwas angehen kann. Heute schenkte mir das Warten die Idee zu diesem Beitrag.

Und so wird es im Tessin dann auch wieder sein. Da werden die feinen Antennen ausfahren, wenn wir durch die Wälder streifen und uns gegenseitig auf Pflanzen, Bäume, Aussichten und Ansichten aufmerksam machen. Ich freue mich auf Bäume mit Gesichtern, auf den typischen südlichen Wald mit Kastanien und Akazien, und ich höre schon, wie es unter den Füssen knackt, wenn wir auslaufen. Aber welche Einsichten uns dann geschenkt werden, das ist noch ein Geheimnis. Aber dass die Seele manchmal abfliegen wird, das weiss ich schon jetzt.

So, der Blogatelier-Beitrag steht. Jetzt richte ich noch die Wäsche. Fürs Packen ist Primo zuständig. Und dann gehts ab in den Süden.

Dienstag, 5. April 2005

Das war also Primos „Tag X“ – ohne Lichterlöschen

An diesen Abschied denke ich ohne Wehmut zurück.
„Ihr könnt jetzt gehen! Jetzt sind wir hier die Chefs.“ Dieser humoristische Unterton erleichterte alles. So beendeten die Liegenschaftsverwalter den Kontrollgang und die Abgabe der Räume an der Drahtzugstrasse 76 in CH-8008 Zürich, die bis zu diesem Augenblick uns gehört hatten. Hier konnte Primo 35 Jahre als selbständiger Möbelbauer und Holzkünstler arbeiten. Er beseelte die Werkstatträume mit seinen Gedanken und Werken.

Alle Menschen, die hierher kamen, wurden vom Charisma dieser einmaligen Werkstatt erfasst. Am romantischen Wildbach hinter dem Botanischen Garten gelegen, wirkte auch ein Stück Natur auf sie ein.

Belustigt, aber auch irritiert, gingen wir dann weg. Ohne ein Licht zu löschen, ohne eine Tür schliessen zu müssen. Seltsam. Das war also der Tag X. Wir wussten es immer, dass wir die Werkstatträume eines Tages zurückgeben müssen. Jetzt werden sie für ein Sozialwerk gebraucht.

In der Bar, wo sich jeweils die Handwerker-Runde traf, war heute kein Stuhl besetzt, das Lokal aber offen. Leere auch hier. Ruhe. Viel Platz und Raum für uns. Letizia, unsere hilfsbereite Tochter, auch dabei. Wir erzählten einander die eben erlebte Abschiedsgeschichte, wie wenn wir Fremde wären. Wir mussten reden, um Emotionen zu glätten. Einerseits hatten wir soeben etwas verloren, doch weil unsere Räumungs- und Putzarbeit so positiv bewertet worden war, schwebte auch Freude um uns.

Es hatten sich also alle Anstrengungen gelohnt. Zwar äusserten sich Nachbarn erstaunt darüber, dass wir in Hallen, die bald einmal umgebaut werden, noch Fenster putzten. „Das ist Ehrensache!“ war meine Antwort dazu. Wäscht man nicht auch einen Toten oder balsamiert ihn vielleicht noch ein, bevor er beerdigt wird? Die Räume strahlten, als wir uns von ihnen verabschiedeten. Wir können schöne Bilder als Erinnerung mitnehmen. Alle Anstrengung mit ihnen kommt mir schlussendlich wie eine Abschiedsfeier und letzte Liebeserklärung vor.

Es bleiben uns noch Fotos, die den langsamen Abschied dokumentieren. Schaue ich auf die Anfänge der Räumung, fällt mir der Schnee auf, der die Mulden zudeckte. Auf der Heimfahrt an jenem oben beschriebenen Morgen entdeckten wir am Sihlquai schon die aufgebrochenen Knospen an den Kastanien. Und sofort verstand ich den Hinweis: Sei unbesorgt. Ständiger Wandel gehört zum Leben. Es geht weiter.

Ja, auch für uns. An einem anderen Ort, in kleinerem Rahmen.

Donnerstag, 31. März 2005

Wie mir holographische Folien farbig zublinzeln

Ich liebe die silbernen Papiere, die das Farbspektrum hervorbringen, wenn Licht auf sie fällt. Verkauft werden sie als „holographische Folien“. Sie sind so bearbeitet, dass sie prismatische Pixel hervorbringen.

Erstmals ist mir ein solches „Papier“ als Deckel eines Notizblocks aufgefallen und hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Zweckentfremdet hängt es seither über einer Bücherreihe und fungiert als Farbwetter-Darsteller. Heute z. B., bei Regen, zeigt es von oben nach unten gedämpftes Gelb in ebenso verhaltenes Türkis und Blau übergehend. Ganz anders im Sommer. Da werden die Farben dann satt leuchtend und dominant.

In Wechselrahmen gesteckt, beleben diese Folien einige meiner Räume. Gehe ich an ihnen vorüber, blinzeln mir die Farben zu. Sie blitzen auf und verschwinden, je nachdem, wo ich stehe und wie schnell ich gehe. Dies geschieht auch, wenn ich mich setze. Wem ich diese lebendigen Bilder auch zeige, den frage ich immer: „Welche Farbe siehst Du?“ Je nach Standort und Körpergrösse fallen die Antworten verschieden aus.

Dass wir nicht alle das Gleiche sehen und wahrnehmen können, wusste ich. Dass aber die Körpergrösse mitspielt, welche Farben wir sehen und gewiss auch unbewusst auffangen, das lehrten mich erst die holographischen Papiere.

Mittwoch, 16. März 2005

„Heilige Momente“: Berührungen im Innersten

In der gegenwärtig im Landesmuseum in Zürich laufenden Ausstellung L’HISTOIRE C’EST MOI („Die Geschichte, das bin ich“), erzählen Zeitzeugen aus der Schweiz, wie der Zweite Weltkrieg ihr Leben beeinflusst und verändert hat. Es gibt nicht die einlinige historische Vergangenheit, sondern Tausende von Erfahrungen einzelner Menschen, die sich zur Geschichte und zum Schicksal eines Volkes zusammenfügen. Stimmen aus der Romandie, dem Tessin und der Deutschschweiz beweisen es.

555 Videoaufzeichnungen stehen zur Auswahl. Die Ausstellung ist so konzipiert, dass die Besuchenden durch Knopfdruck mitbestimmen können, welche Rubrik geöffnet werden soll. Die Mehrheit entscheidet.

Die Zeit schien stille zu stehen. Erst später stellte ich fest, dass ich beinahe 2 Stunden zugehört hatte. Und es war auch sehr still in diesem Raum. Die Bereitschaft, zuzuhören, war offensichtlich gross.

Und trotzdem ging ich später unzufrieden heim. Da hatten wir in verschiedenen Sequenzen von einem bewegenden Schicksal erfahren. Ein Deutschschweizer befand sich mit seiner finnischen Freundin Helmi auf der Überfahrt von Europa nach Übersee. Zusammen wollten sie nach Brasilien auswandern. Die Deutschen holten diesen Mann aus undurchsichtigen Gründen vom Schiff und entführten ihn im U-Boot an die norwegische Küste. Er sagte: “Ich habe Helmi nie mehr gesehen.“ Als er das ausgesprochen hatte, wurde gelacht. Entsetzt sagte ich zu meiner Nachbarin für alle Anwesenden gut hörbar: „Das ist nun wirklich nicht zum Lachen.“

Eigentlich ist dies für mich eine bekannte Erfahrung. Wenn in Lesungen, Vorträgen oder auch im Film das Innerste in uns angesprochen wird, lassen es viele nicht zu und blocken die Berührung mit Lachen ab. Immer wieder frage ich mich, ob wir dem Verständnis füreinander und auch dem Frieden näher wären, wenn alle Berührungen zuliessen? Ich nenne solche Erfahrungen „heilige Momente“, die uns Einsichten, Mitgefühl und Ehrfurcht schenken.

Warum lassen diese viele meiner Mitmenschen einfach nicht zu? Vermutlich müssten sie einige ihrer Einstellungen ändern.

Donnerstag, 10. März 2005

Dank Hans Bernoulli: Häuser, Gärten und Freiräume

Die kleine Noa aus dem Nachbarhaus bezaubert mich. Knapp 3-jährig, ist sie schon eine Persönlichkeit. Ich kann ihr von meinem Küchenfenster her zuschauen, wie sie die Welt entdeckt. Sie lebt mit 3 Geschwistern, 2 Kaninchen und einem Hund. In ihrem Garten tummeln sich auch Katzen aus der Nachbarschaft. Noa ist auf eine Weise eine geheimnisvolle kleine Frau. Sie ist offen für alles, was um sie herum geschieht. Sie schaut einen unergründlich an, spricht nicht viel. Aber sie ruft meinen Namen und winkt mir immer, wenn sie mich sieht.

Oft beobachte ich, wie sie in ihrem Garten herumgeht, ihre Puppe ausführt, neben dem Hund herläuft und ihm die Hand auf den Rücken legt. So sind die Grössenverhältnisse. Ähnlich wie ein Hüterbub, der seine Kuh begleitet. Sie schaut in den Himmel, auf die Erde, auf Pflanzen, Käfer, Vögel und bemerkt immer, wenn sich in ihrer Nähe etwas bewegt.

Und das in Zürich. Auswärtige wundern sich, wenn sie hierher kommen, dass dieser Boden mit so viel Grün, so vielen Bäumen und Sträuchern, noch zur Stadt gehört.

Diese Idylle verdanken wir dem Sozialarchitekten Hans Bernoulli, der in den 20er-Jahren innerhalb von 2 Tramstationen 98 Reihenhäuser baute. Jedes Jahr ziehen zahlreiche Gruppen von Architekturstudenten durch unsere Gartenwege, um diese berühmte und immer noch wohnliche Siedlung, die „Bernoulli-Häuser“, kennen zu lernen.

Bernoulli entwarf kleine Häuser, die sich auch der kleine Mann leisten konnte. In einem Aufsatz für die Zeitschrift „Das Werk“ schrieb er 1924: „Ich habe immer wieder die norddeutsche Ecke aufgesucht, in die sich vor der Springflut der Miethäuser das mittelalterliche Kleinhaus zurückgezogen hatte. Ich habe mich in Belgien herumgetrieben, in den beschaulichen französischen Provinzstädtchen; in Holland habe ich mir die sauberen Puppenhäuser besehen, und vier-, fünfmal bin ich auch nach England hinübergefahren, jedesmal von neuem erstaunt, dass das grossmächtige London aus den allerwinzigsten Häuschen besteht.“

Von diesen Reisen und Eindrücken profitieren wir hier alle. Bernoulli hat uns eine Siedlung mit menschlichen Massen geschaffen, mit Freiräumen für Kinder und Erwachsene. Wir Bewohner und Bewohnerinnen sind uns nahe, haben aber doch unsere eigene Haustür, unseren eigenen kleinen Garten. Und diese Gärten drücken unsere Individualität aus.

Hier finden Kinder, wenn sie laufen gelernt haben, ihren geschützten Raum. Zuerst ist es das verriegelte Gartentor, das ihn begrenzt. Später wird er geöffnet. Das Kind kann weiter auslaufen, zu Nachbarskindern hinüberhuschen und lernt nach und nach, wo die Gefahren sind.

Ganz anders der Lebensraum des Vogels aus Shanghai, den ich nicht vergessen kann. Im Frühjahr 2003 sah ich im hiesigen Völkerkundemuseum in der Ausstellung „In den Strassen von Shanghai, Alltagskultur der Chinesen 1910−1930“ eine Fotografie eines alten Mannes, der seinen Vogel im Käfig ins Freie trägt, um ihm frische Luft zu gönnen.

Das Bild verlor keinen Gedanken an die harte Domestizierung. Kein Gedanke, was ein Gitter ist. Das Bild will ausdrücken, wie gut es der Herr mit ihm meint. Der Vogel ist sein Gefährte und muss ihn unterhalten. Vielleicht lebt der Mann allein. Er wird ihm Zuwendung schenken, aber keine Freiheit, ein Vogel zu sein.

Dieses Bild ist ein Gegenstück zum Bernoullihaus. Es trifft aber auf viele Situationen zu, die auch wir Menschen so erleben. Das Gitter unserer Kultur, in der wir aufwachsen, das Gitter von Schule und Arbeitsplatz, für etliche Menschen auch das Gitter der Verwandtschaft, Familie, Ehe und auch der Religion.

Auch ich bejahe Ordnungen und Grenzen. Aber sie müssen Wachstum ermöglichen, also flexibel sein. Sie sollen eine Zeit lang Schutz bieten, wie ihn Noa erfährt. An diesen Grenzen müssen aber Tore zu finden sein, die den Durchgang ermöglichen. Zur rechten Zeit.

Samstag, 5. März 2005

Ganz im Sinne der Post-Kampagne für den Brief

Die Karten, die mir meine Tochter am letzten Samstag zukommen liess, waren als Heilmittel gegen Abschiedsschmerz gedacht. Nun liegen sie schon eine Woche auf meinem Schreibtisch und haben tatsächlich wehmütige Gedanken verscheuchen können.

Auf meiner Samstags-Posttour fand ich viermal innerhalb der vorsortierten Sendungen an meinen Namen gerichtete Karten und einen Brief von ihr. Immer wieder an eine andere Strasse und an eine andere Hausnummer adressiert. Humoristisch gestaltet. Mit Fantasiefiguren und ausgewählten Briefmarken dekoriert. Es fehlt auch nicht der Hinweis auf die gegenwärtige Kampagne der Post: GROSSES BEGINNT MIT EINEM BRIEF. In meinem Fall wurde er erweitert: ODER MIT DIESER POSTKARTE!

Ja, so ist es. Gross sind Letizias Humor und Kreativität. Sie hat mir den Abschied leicht gemacht. Die Post braucht mich nicht mehr. Die Stellen für uns Samstagszusteller wurden aufgehoben. Es war meine letzte Posttour.

Freitag, 25. Februar 2005

Aufgeräumte Grossstadt: „Für e suubers Züri“

Seit ein paar Wochen werben weisse Abfallsäcke für ein sauberes Zürich: „Für e suubers Züri.“ Ihr neuer Auftritt ist markant, erinnert an ein frisch gereinigtes Badezimmer oder eine weiss geplättelte Toilette. Die Gegensätze sind gross. Aussen weiss, innen kunterbunter, nicht hygienischer Abfall. Die Beschriftung ist blau. Zusammen stehen die heraldischen Farben von Zürich.

Dieser Wechsel von den grauen zu den weissen Säcken regt mich an zurückzuschauen, wie es gewesen ist, als ich Kind war: Da „sehe“ ich das Güsel-(=Abfall)Fuhrwerk, das einmal pro Woche durchs Dorf fuhr und die bereitgestellten Abfälle mitnahm. Sie wurden auf einen abgelegenen Platz gekippt und der Verwesung übergeben. Wir Kinder spielten manchmal an diesem Ort, fanden Kleinigkeiten, die wir eine Weile brauchen und dann wieder zurückwerfen konnten. Der Modergeruch ist mir sofort in der Nase, wenn ich daran denke. Das war in den 40er-Jahren, als die Abfälle grösstenteils noch natürlich zerfallen konnten.

Als sich die Plastikverpackungen auszubreiten begannen, stutzte mancher Gärtner, dass dieser Stoff im Komposthaufen einfach nicht zerfiel. Wer damals nur ein bisschen nachdachte und in die Zukunft schaute, musste darob in Panik geraten. Wohin mit nicht zersetzbaren Stoffen? Noch heute stört es mich, wenn ich ein Produkt, das ich brauche, in der Plastikfolie entgegennehmen muss, obwohl diese heute entsorgt werden kann. Es brauchte die Forderungen und den Durchhaltewillen der Umweltschützer und Mahner, dass wir heute im Abfall (noch) nicht ersticken.

Ende Jahr bekommen jeweils alle Einwohner der Stadt Zürich den Entsorgungskalender für das neue Jahr. Die Dienstleistungen und die Daten für die verschiedenen, separat gesammelten Abfälle sind aufgelistet. Das Entsorgungs-Handbuch beantwortet uns, wie wir diese umweltgerecht und auch wirtschaftlich beseitigen können. Die Illustrationen auf diesen Drucksachen verbreiten ein gutes Gefühl: Das Abfallproblem ist lösbar.

Jetzt kann ich sogar auch noch den persönlichen Entsorgungskalender aus dem Internet (www.erz.ch ) für meine Strasse und meine Hausnummer ausdrucken. Oder ich bestelle das SMS-Abo, das mich 2 Tage vorher über die Papier- und Kartonabfuhr und über die Sammlung von Sonderabfällen informiert. Gratis!

Die Vorarbeit von ERZ Entsorgung + Recycling Zürich ist beeindruckend. Es wird uns leicht gemacht, 100%ig mitzumachen und etwas für das saubere Zürich zu tun.

Mittwoch, 16. Februar 2005

Überirdische und irdische Wesen

Der Zwischenfall geht mir immer noch nach. Letzte Woche bin ich, wie üblich, mit dem Velo aus dem Gartenweg herausgefahren, ein Stück weit auch auf dem Trottoir, ebenfalls üblich. Die Abfahrt zur Strasse hin will es so. Ich bin etwas schnell angefahren und habe einen Hund erschreckt. Er kam auf einem andern Gartenweg heran und aus dem toten Winkel heraus angerannt. Obwohl an der Leine, konnte er mich anspringen. Die Hundehalterin handelte beherzt. Sie riss den Hund zurück und versuchte auch noch, mein Velo vor dem Umfallen zu retten. Ich selbst sprang ab. Das Rad fiel zu Boden. Niemand kam zu Schaden.

Es war ein Ereignis von Sekunden und erst nach und nach begreifbar. Wir entschuldigten uns wortreich und freundlich.

Erst jetzt, wieder allein, reflektierte ich, was mit mir geschehen war. Nicht ich war vom Velo abgesprungen, sondern hingefallen und dann gehalten worden. Eine mir bis dahin unbekannte warme Kraft fing mich auf. Noch fühle ich, wie verhindert worden ist, dass ich auf dem Boden aufschlug. Ein Moment grosser Labilität kippte in Stabilität. Es ist schwer zu beschreiben. Es war ungewöhnlich für mich. Ich dachte an meinen Schutzengel.

Engel seien überall, erfuhren wir Ende 1999, als die Credit Suisse in ihrer Galerie am Hauptsitz in Zürich eine viel besuchte Kunstausstellung über diese zwar unsichtbaren, aber doch erfahrbaren Wesen zeigte. So funktioniert das. Eine eigene Erfahrung wird mit Bildern aus fernen Zeiten in Übereinstimmung gebracht.

Auch im Zürcher Bahnhofareal können wir diesen Wesen begegnen. Da ist einmal die betagte Frau, die seit Jahren alle Reisenden von ihrem Rollstuhl aus segnet. Sie findet Sinn in dieser sich selbst gestellten Aufgabe. Die Bahnverwaltung lässt sie gewähren. Weiter ist die Engelin von Niki de Saint Phalle als Verkörperung weiblicher Spiritualität nicht zu übersehen, und draussen über dem Seitenportal auf dem Dach halten 2 Engel je ein Zürcher Wappen in schützenden Händen.

Oft werden Menschen zu Engeln, wenn sie Mitmenschlichkeit leben und helfen, dass andere körperliches oder seelisches Gleichgewicht wieder finden. Engel gelten als „Architekten“ der Schöpfung, als Beschützer, Führer und Helfer der Geschöpfe, schreibt Wolf-Dieter Storl. Und die von Künstlern geschaffenen Engelsfiguren werte ich als Vermächtnisse von Erfahrungen, die weitergegeben werden wollen. Engel richten etwas oder verhindern etwas, was wir selbst nicht zustande brächten.

Gerne hätte ich meinen Engel gesehen und ihn gegrüsst. Meine knapp 3-jährige Enkelin Mena, in Paris lebend, wurde in der Vorweihnachtszeit im letzten Dezember erstmals auf eine Abbildung eines Engels aufmerksam. Sie fragte „Maiteli?“ (Mädchen?). Es wurde auf die Flügel verwiesen und ihr erklärt, das sei ein Engel. Mena reagierte sofort mit „Enchantée!“ (Es freut mich sehr!) So hätte ich ihn auch gerne angesprochen.

Freitag, 11. Februar 2005

Wochenmarkt auf dem Helvetiaplatz in Zürich

Nicht nur wegen des knackigen Nüsslisalats bin ich hierher gekommen. Ich bin auch mit den Augen einer Bloggerin da, möchte heute diesen Ort wieder einmal als Fremde anschauen und mir Fragen stellen. Was hat es mit diesem Helvetiaplatz in Zürich auf sich? Was spielt und spielte sich hier und in der näheren Umgebung ab?

Am Sozialamt-Gebäude leuchtet ein prächtiges Glasfenster und hellt den trüben Morgen etwas auf. Ein Bild, das vermutlich die Stammeltern und ihre Nachkommen und deren Sozialisierung darstellt. Ein Prozess, den der Künstler für alle unter eine strahlende Sonne gesetzt hat.

Auf dem grossen Platz stehen jetzt nur etwa zwei Drittel der üblicherweise hier anzutreffenden Stände. Es ist Februar, das Angebot beschränkt. Es ist kalt. Die Blumenpracht des Sommers fehlt. Rosen aus dem Thurgau sind nur innerhalb eines auch seitlich abgedeckten Stands zu finden. Die Verkäuferin ist, wie ihre Blumen auch, gut eingepackt. Einfache Glühbirnen leuchten über jeder Auslage. Die Atmosphäre ist gemütlich, die Marktfahrer freundlich, im besten Sinne des Wortes: aufgestellt. Es wird gespasst und gelacht. Humor gehört zum Markt.

Auf hohem Sockel, unübersehbar für alle, überblicken 3 Figuren das Treiben auf diesem geschichtsträchtigen Platz. Es ist der Ort, wo immer schon Volksrechte eingefordert und erstritten worden sind. Demonstrationen und 1.-Mai-Feiern nahmen und nehmen hier ihren Anfang. Karl Geiser schuf mit der Gruppe der beiden Arbeiter und der Frau, die mit ihrer Einkaufstasche hinter ihnen her geht, ein wuchtiges und eindrückliches Monument für den arbeitenden Menschen und seine Familie.

Der Platz, auf dem auch immer wieder Feste gefeiert werden, ist eingerahmt vom Volkshaus, vom Bezirksgebäude mit dem Bezirksgericht und ihm gegenüberliegend von der Lutherwiese, wo im Mittelalter Galgen, Richtplatz und Siechenhaus waren. Zur Umgebung gehört auch das Kino Xenix mit seinem ganz speziellen kulturellen und sozialen Wert. Ein aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts stammendes Wohn- und Geschäftshaus, das die andern Bauten überragt, gibt dem Helvetiaplatz eine würdige Kulisse. Nicht zu vergessen sind das Wohnheim der Heilsarmee und die Post im Rücken des Sozialamts.

Helvetiaplatz. Dieser Name ist hier nicht zufällig da. Helvetia, unsere allegorische Frauenfigur aus dem 18. Jahrhundert, die immer noch die Schweiz repräsentiert. Hier ist sie Sinnbild für das Wohl der Menschen und deren Ordnungen. Sie ist auch Ort der Zuflucht für jene aus fernen Ländern, die hier ein Zuhause finden konnten. Die Statistik sagt, dass hier im Kreis 4 der Ausländeranteil mit 42 % am grössten sei.

Im Kreis 4 leben die meisten Arbeitslosen von Zürich. Und in diesem Stadtkreis ist das Rotlicht- Milieu am meisten verbreitet.

In so vielfältigem und auch sinnträchtigem Umfeld präsentieren uns die Gemüseproduzenten jeden Dienstag- und Freitagvormittag ihre Frischprodukte. Ich schlendere von Stand zu Stand. Meist sind es Angebote aus der Landschaft von Zürich. Mehr und mehr aber nehmen auch Bäcker oder Metzger lange Wege in Kauf, um hier eine grosse Kundschaft bedienen und den Existenzkampf besser bestehen zu können. Heute sehe ich erstmals ein bemerkenswertes Angebot von Käsesorten und Fleisch-Spezialitäten aus dem französischen Jura. Immer sind auch einzelne ältere Marktfahrende anzutreffen, die bei jedem Wetter ein ganz bescheidenes Angebot auf kleiner Tischfläche vor sich ausgebreitet haben. Der Zauber des Markts zieht sie dahin, solange die Kräfte ausreichen.

Die Piazza, der Marktplatz. Der Platz, wo das Leben stattfindet, wo wir uns zufällig und unverkrampft begegnen. Es ist nicht auszumachen, auf welcher Seite die Faszination grösser ist, bei den Anbietern oder bei den Kunden.

Ich packe den Salat, die Fenchelknollen, Randen, die Kartoffeln und den französischen Käse in meine Satteltaschen und pedale heim. Kaum bin ich abgefahren, sehe ich die Zwerge im Hofeingang des Seidenkönigs Andi Stutz. Wir zwinkern einander zu. Auch sie, die edlen Stoffe ihres Meisters und sein Restaurant „Seidenspinner“, sind im Umfeld des Helvetiaplatzes anzutreffen.

Mittwoch, 2. Februar 2005

"Einblicke" in unerfüllbare Migranten-Erwartungen

Heute habe ich nun die Schrift gelesen, die mir meine spanische Nachbarin Merce zugesteckt hat. Die soeben erschienene Nummer "Einblicke" aus der Heftreihe Integrationsförderung aus dem Departement unseres Zürcher Stadtpräsidenten widmet sich diesmal den älteren Spaniern in der Schweiz.

Es sind Geschichten und Schicksale von Migrantinnen und Migranten. Wir können erfahren, warum es zur Auswanderung kam. Es wird nachvollziehbar, warum ihre Hoffnungen nicht alle erfüllt wurden. Es wird von Heimweh gesprochen, von Fremdsein und schwer zu erreichender Integration.

Die Aussagen aus dieser Schrift bestätigen die Klischees der Schweizer Eigenart. Wir sind für die südländische Mentalität zu kühl, zu nüchtern, zu verschlossen und angeblich eher unfähig, auf Mitmenschen zuzugehen.

So sitze ich jetzt wieder einmal nachdenklich da, bin betrübt, dass das Bild von uns immer noch mehrheitlich grau gemalt werden muss.

Ist es überhaupt möglich, für andere in allen Belangen angenehm zu sein? Was die Fragen der sozialen Gerechtigkeit betrifft, teile ich die Auffassung, dass sie eingefordert werden muss. Aber die Erwartungen aneinander sind oft unerfüllbar. Wir kommen aus verschiedenen Kulturen, Systemen und sind unter anderen Lichteinfällen aufgewachsen. Warme und kalte Orte bringen verschiedene Mentalitäten hervor.

Jetzt habe ich das Heft nochmals zur Hand genommen. Da ist mir glücklicherweise noch ein ausgleichender Hinweis zugefallen. Die Sozialarbeiterinnen, die die Interviews geführt haben, schreiben: "In Spanien haben wir auch Schweizer Rentner angetroffen. Sie erzählten von ihren Erfahrungen als Migranten, und es ist verblüffend, wie ähnlich doch viele Probleme und Schwierigkeiten sind."

Ich sollte es ja wissen, lebte auch einmal einige Zeit im Ausland. Vieles war mir fremd. Unterliefen mir Fehler oder löste ich Missverständnisse aus, fühlte ich mich schlecht. Alles, was wir im eigenen Land unbewusst aufnehmen – die Sprache, Regeln, Normen, Gesetze, aber auch die Art wie Strassen und Wege bezeichnet werden − verleiht einem Sicherheit. Im Ausland aber ist dieses Wissen oft nicht mehr viel wert. Da bewegen wir uns dann die erste Zeit in einem luftleeren Raum, fühlen uns einsam und unerwünscht.

Heute dürfen wir mit Unterstützung rechnen, finden Anlaufstellen, die Wege zur Integration aufzeigen. Gerade auch die Heftreihe "Einblicke" will das gegenseitige Verständnis wecken. Sicher werden aber immer Wünsche und Sehnsüchte offen bleiben. Menschliche Beziehungen haben etwas Unvollkommenes in sich. Das Leben will es offenbar so. Spannungen machen das Leben spannend. Auch im eigenen Land, in der eigenen Familie, an unseren Arbeitsplätzen und an vielen andern Orten auch, fühlen wir uns oft fremd und heimatlos. Das müssen wir aushalten und dafür sorgen, dass wir wenigstens mit uns selbst im Einklang sind