Sonntag, 6. Februar 2011

Unter der Nebeldecke fanden wir Eisblumen und Masken

Eisblumen sind mir von Kindsbeinen an vertraut. Nicht alle Fenster unserer Wohnung waren mit Vorfenstern ausgerüstet. Dort, wo die warme Zimmerluft auf die einfache, kalte Fensterscheibe auftrat, entstanden Eiskristalle, die sich zu bizarren Pflanzenmustern ausformten. Wir Kinder wollten da mitgestalten und kratzten mit den Fingernägeln eigene Bilder ins Eis. Ich kann mich auch an Bahnfahrten mit Eisblumenfenstern in den alten, militärgrünen SBB-Wagen erinnern. Seitdem es Doppelverglasungsfenster gibt, sind diese mimosengefiederten Eisbilder aber aus meinem Blickfeld verschwunden.
 
Ihren Abbildern in Fotos und im Film wieder einmal zu begegnen, bot uns die die Ausstellung „Eisblumen, verborgene Wunderwelt im winterlichen Mikorkosmos“ an (Museum Gletschergarten, Luzern. Ursprünglich bis 8. Mai 2011 konzipiert, wurde sie bis auf weiteres verlängert).
 
In dieser Ausstellung verblüffte als erstes die „Eismaschine“, ein Eiskristallisator. Damit konnte das Wachstum eines Eiskristalls mit blossem Auge beobachtet werden.
 
Eindrücklich auch das textlose, lexikonartige Buch mit dem unendlichen Formenreichtum der Schneekristalle. Seitenweise aneinandergereihte Formen. Jede ein unverwechselbares Original. Das 6-eckige Muster, das allen Schneesternen zugrunde liegt, wurde 1611 schon von Johannes Kepler beschrieben.
 
Primo und ich waren alleine im Ausstellungsraum, hatten alle Zeit, den Darstellungen dieser Bilderausstellung zum Phänomen Eisblumen zu folgen. Wir lernten unterscheiden: die Schneekristalle, der Raureif, die Eisblumen an Fenstern. Erstmals in einer Ausstellung dokumentiert, lernten wir das Haareis auf Waldböden und Stängeln kennen.
 
Ein bezaubernder Film führte diese Arten vor.
 
Raureif bildete sich an feuchtkalten Tagen auch auf Primos Bart auf der halbstündigen Velofahrt von der Werkstatt nach Hause.
Auch an diesem Tag fühlte es sich feuchtkalt an. Die Stadt war ohne Weitsicht, vom Nebel eingehüllt. Das Licht auf grau geschaltet. Freundlich und heiter dann die Stimmung im Hotel „Hofgarten“. Fein die Speisen, freundlich die Bedienung. Wir fühlten uns in den Ferien, liessen uns treiben und landeten schliesslich im Museum Bellpark in Kriens. Ausstellung Krienser Masken 1920‒1970.
 
Ich sah die Freude über Primos Stirn huschen, als er die hohe Kunst der Maskenschnitzer sah. Und überall, wo eine Hobelbank steht, da sind wir zu Hause. Hier in Kriens wurde eine kleine Werkstatt nachgestellt. Mit Werkzeugen und einem Lindenholzblock, halbseitig bereits als Maske roh geschnitzt. Eindrücklich, diese beiden Seiten am gleichen Stück. Der ungeschlachte Klotz und das feinfühlig bearbeitete halbe Gesicht. In der Mitte die noch nicht ausgeformte Nase. Besser könnte die Herstellung dieses Kunsthandwerks gar nicht dargestellt werden. Ohne Worte, ohne Erklärungen rief sie Bewunderung hervor.
 
Wir haben jede Maske betrachtet. Es wird von Charakter- und Schreckmasken gesprochen. Primo verneigte sich schliesslich vor diesen Werken und vor den Künstlern auf der Fotowand.
 
Fasnacht spielt in unserem Leben keine Rolle. Von den Masken in dieser Ausstellung aber liessen wir uns gerne einnehmen. Auch die Geschichten eines alten Krienser Fasnächtlers, die ab Band zu hören waren, trugen dazu bei. Das lebhafte Erzählen und der klangvolle Dialekt berührten uns. Was wir sahen und hörten, ist ein Gesamtkunstwerk.
 
Auf dem Heimweg dann, wieder in Luzern, meinten wir in manchen Gesichtern eine Charaktermaske zu erkennen.
 
Die Ausstellung im Museum Bellpark Kriens ist noch lange zu bewundern: 14.11.2010 bis 26.02.2012.

Mittwoch, 2. Februar 2011

Der eigene Ort der Kraft, der kein Ort, sondern Raum ist

Primo hatte die Anfrage eines Redaktionsmitarbeiters am Telefon entgegengenommen. Ob ich meinen persönlichen Kraftort in ihrer Zeitschrift vorstellen würde. Mit einer Foto und kurzem Text. Er habe gleich zugesagt, informierte er weiter. Das freue mich doch, fügte er noch an.
 
Ja schon, aber wo befindet sich denn mein Kraftort? wollte ich wissen. Auf Schlierenberg! Oh schön. Stimmt. Noch nie habe ich dieses Gebiet als meinen Kraftort bezeichnet, weil ich immer noch davon ausging, dass ein solcher ein fixierter Platz sei. Beispielsweise ein mystischer Ort aus alter Zeit, ein Ort, an dem besondere Energien zu spüren sind.
 
Aber er hat recht. Schlierenberg ist unser Naherholungsgebiet mit besonderem Stellenwert. Ein Moränenhügelzug linksseitig des Gletscher-Auslaufs und letzter Ausläufer des Uetlibergs.
 
Es ist ein Ort zum Auslaufen, zum Sich-Auslüften. Für mich auch ein geistiger Raum, in dem ich Antworten und Ideen auffangen kann. Hier oben verändern wir uns alle. Hier ist es friedlich. Die abwechslungsreiche Landschaft schenkt uns grosszügig Geborgenheit.
 
Die Wege führen zum Dunkelhölzliweiher, in den Wald, dem Waldrand entlang und auf der asphaltierten Zubringerstrasse zu 3 Bauernhöfen und ihren angrenzenden Feldern hin. Hier können wir das Wachstum der Saaten verfolgen.
Bei Föhnwetter zeigt sich der Alpenkranz ganz nahe. Jahreszeiten und Wetterlagen bestimmen die sich ständig wechselnden Stimmungen am Himmel, auf dem Land und in den Gesichtern der Menschen, die uns hier begegnen.
 
Bei schönem Wetter sitzen Gänse mitten auf der Strasse. Sie sonnen sich auf dem warmen Asphalt vor dem zweiten Bauernhof und markieren, dass sie hier zu Hause sind. Im grossen Gehege nebenan weiden Pferde. In Boxen sehen wir manchmal neugeborene Kälber und auch Schweine. Zahlreich hocken Rabenkrähen auf den Bäumen und überblicken, was hier geschieht. Blitzschnell fliegen sie auf, wenn scheinbare Gefahr droht.
 
Schlierenberg ist nicht mehr Zürich. Alles Städtische ist verblasst, wenn wir die Stadtgrenze etwas oberhalb der VBZ-Bus-Endstation „Dunkelhölzli“ überschreiten. Nach den Grenzsteinen haben wir bereits gesucht und solche gefunden. Schlierenberg gehört zur „Stadt in der Agglomeration“, zu Schlieren. Gedanken zu Grenzen und zum Diesseits/Jenseits kommen hier manchmal auch auf, wenn ich bergwärts gehe und dort auf ein schmuckes, kleines Haus treffe, das den Namen „Zum Paradiesli“ trägt. Unter dem Dachfirst ist auf einem schwungvollen Spruchband alter Art noch die Botschaft des Erbauers zu lesen:
 
„Dies Häuschen, das ich selbst erbaute, ist freundlich zwar; doch klein. Das einst man uns wird bauen, Das wird noch kleiner sein."
 
Noch nie habe ich hier die Tür zum Paradiesli offen vorgefunden oder Bewohner getroffen. Es scheint ein richtiges Paradies zu sein, nur für wenige zugänglich. Sein Umfeld ist geordnet, die eigene Statur gesund und die Botschaft unter dem Dach wetterfest. Es muss also doch immer wieder Leben im und ums Paradies herum sein.
 
Schlierenberg habe ich schon verschiedentlich in Blogs erwähnt. Immer wieder aus einem anderen Blickwinkel und in anderem Zusammenhang. Noch bin ich unschlüssig, ob einer allein genügen kann, um das Wesen dieses offenen Ortes für die Zeitschrift in einer einzigen Foto einzufangen. Schwierig empfinde ich die Aufgabe auch darum, weil ich selbst ebenfalls abgebildet werden soll.
 
Und dann der Wetterfaktor. Kürzlich kamen wir gerade im Umfeld des „Paradiesli“ daher, als Nebelschwaden aus dem Limmattal aufstiegen und sich hier oben auflösten. Ein Schauspiel besonderer Art. Hier noch nie so gesehen. Solch berührende Momente wären zum Fotografieren ein Glücksfall, sind aber nicht bestellbar.
 
Gestern habe ich unter der Hochnebeldecke probeweise Landschaftsausschnitte fotografiert. Heute hat mich Primo begleitet und mich beim Fotografieren einbezogen. Ich bin aber unzufrieden, empfinde mich als Störfaktor im Bild. Die Landschaft ist doch wichtig, nicht ich. Weitere Anstrengungen und Geistesblitze sind nötig. Jetzt warten wir vor allem, dass die Sonne die Nebeldecke irgendwo aufreisst und uns ein günstiges Licht sendet. 5 Tage haben wir noch Zeit, um den idealen Moment zu erhaschen, der unseren Aufnahmen die aussagekräftige Ausstrahlung verleiht. Dann muss ich meinen Beitrag abgeben.

Sonntag, 9. Januar 2011

Wald ZH & Hallwil: Mit Brauchtumsfiguren auf Tuchfühlung

Silvester und Neujahr scheinen am Jahresende die abschliessenden Feste zu sein, doch gehört auch die Ankunft der drei Könige aus dem Morgenland zur Weihnachtsgeschichte. Darum feiern die orthodoxen Christen ihr Weihnachtsfest erst am 6. Januar. An diesem Tag gedenkt die katholische Kirche ebenfalls der Ankunft der 3 Weisen im Fest Epiphanie.
 
Und am 13. Januar geben die Appenzeller immer noch ihrem „alten Silvester“ die Ehre. Sie weigerten sich 1582, die damalige Kalenderreform anzunehmen. Obwohl sie schon längst auch zur üblichen Kalenderordnung gefunden haben, orientieren sie sich aber für ihren Silvester immer noch am Julianischen Kalender. Diese Feier steht noch bevor. Längst ist sie zu einem Magnet geworden. Die Kläuse, die an diesem Tag in Urnäsch AR unterwegs sind, geben den Blick frei in die vorchristliche Zeit.
 
Wer sie einmal gesehen und gehört hat, wird sie nicht mehr vergessen. Die schönen Kläuse bezaubern mit den kunstvollen Aufbauten, die sie auf ihren Köpfen tragen. Es sind Frauengestalten, die von Männern verkörpert werden. Die „Schö-Wüeschte“ (die nicht ganz Hässlichen) oder die „Wüeschte“ (Furchterregenden) widmen sich dem Vertreiben von bösen Geistern. Zum Ritual dieser Kläuse gehören die Zäuerli, die den Appenzellern eigene Art des Naturjodels. Diese ergreifenden Klänge müssen liebenswürdige Geisterbeschwörungen sein.
Am Tag vor Silvester meldeten sich plötzlich auch die Schnappesel aus Wald (Kanton Zürich) wieder bei uns. Nicht persönlich. Durch einen Zufall. Die Tochter Letizia googelte im Internet den Begriff „Schnappesel“ und landete auf der Homepage von „sunneland-oberland“. Sie staunte, dass da ihre Mutter zum gesuchten Begriff zitiert wird. Es war mir, als hätten mich diese Brauchtumsgestalten gerufen, auch wieder einmal beim Schlusstanz dabei zu sein. Es stand uns kein anderes Programm im Weg, und so fuhren wir am Silvesternachmittag nach Wald im Zürcher Oberland. Und gleich weiter im Postauto nach Faltigberg, dem Ort der Höhenklinik. Der Tag war auch hier trüb, und doch überraschte uns die Aussicht ins Tal, auf die gegenüberliegenden Hügelzüge, nach Dietzikon und Laupen und sogar bis zur Linthebene hin. Weiss der Schnee, grau und schwarz die Bäume und Landschaft. Ein sehr schönes Bild.
 
Wir schlenderten der Klinik entlang zum Wald hin und trafen dort auf 2 Figuren aus Schnee: ein Schneemann der üblichen und eine Frauenfigur ganz eigentümlicher Art, eine Schneefrau. Ich war elektrisiert. Es schien, diese Figur würde leben. Obwohl aus Schnee gebaut, hätte sie eine Brauchtumsfigur sein können. Ich ging ihr entgegen, wusste sofort, dass sie Gret heisse, Waldgret. Sie lachte. Sie lacht noch heute. Ich habe mich nämlich neben ihr fotografieren lassen. So kann ich auch exakt beschreiben, was sie auszeichnet: ein schön gerundeter Kopf mit dickem Hals, der Körper als Frauenkörper erkennbar, eine wohlproportionierte Taille, ein etwas nach aussen gestellter Rock. Der rechte Arm hält einen feingliedrigen, besenartigen Ast in der Hand. Auf dem Kopf trägt sie einen diademartigen Schmuck aus Tannnadelsprossen. Als Augen wurden ihr trockene Blätter in die Augenhöhlen gesteckt. 2 ungleiche, trichterartige Blätter, die dem Gesicht jene Lebendigkeit geben, die mich angesprochen hat. Auch der Mund ist mit einem länglichen, leicht gebogenen Blatt gestaltet, und diese Form weist die Waldgret als eine humorvolle, verschmitzte Persönlichkeit aus. Dank der Digitalkamera kann ich sie hin und wieder in meinem Computer begrüssen.

Zurück im Dorf, besuchten wir noch den Friedhof, auf dessen Gräbern viele lebendige Lichter flackerten und auch einen prächtigen Christbaum erleuchteten. Wir fanden da eine festliche, ganz und gar nicht tote Stimmung und konnten noch einer lieben Verwandten das Kerzengefäss aus dem Schnee befreien und das Licht darin anzünden. Von den Aussenwachten her hörten wir Schnappesel und Kläuse sich dem Dorfkern nähern. Es war Zeit, sich zuerst beim Bahnhof einzufinden und von dort aus die 7 Klaus-/Schnappeselpaare zum Schwertplatz zu begleiten, wo dann der Schlusstanz stattfand. Wir bewunderten deren ganztägigen Einsatz. Die körperliche Leistung besonders jener Männer, die den Glockenkranz tragen mussten, ist enorm. Der Festplatz vor dem Gasthaus Schwert war gefüllt. Man sah viele Familien und viele Kinder auf den Schultern ihrer Väter. Die Begeisterung aller und eine Art Verzauberung waren auch diesmal wieder zu spüren. Und für uns löste ein Ereignis das andere ab.
 
Auf einen Hinweis von Radio DRS 1 fuhren wir am 2. Januar 2011 nach Hallwil (Kanton Aargau), um noch das Bärzelitreiben zu erleben. Ohne Kenntnis des Orts liefen wir den wilden Gesellen gleich in die Arme. Ein Ausweichen war unmöglich. Ich kann mich nur an 3 Gestalten erinnern, die auf mich zukamen. Ein Strohmann, ein „Hobelspäniger“ und das Stechpalmenungeheuer. Jemand hielt eine Sammelbüchse vor mich hin. Als ich einen Batzen hineingeworfen hatte, wurde ich gleich vom „Stechpalmenen" gepackt. Erst später erlebte ich, wie die jungen Frauen kreischten und davonrannten, wenn ihnen die wilden Gesellen nachstellten. Aber ich als Grossmutter wurde zwar für einige Augenblicke in der stacheligen Umarmung gefangen gehalten, aber mir wurde freundlich „Ä guets Nöis Jahr" gewünscht, derweil Primo vom Strohmann gepackt und geschüttelt wurde. Kaum befreit, wurde auch er noch vom „Stechpalmenen" überfallen und ebenfalls mit einem wohlwollenden Glückwunsch und stacheligem Druck beschenkt. Die Dorfjugend führte den Umzug an, allen voran ein König. Nach und nach bewunderten wir den „Hobelspänigen", eine Figur, die rundum mit Hobelspänen bedeckt war, ebenso eine Gestalt mit einem Gewand voller Schneckenhäuser bekleidet. Es ging auch ein Kamel daher. Unter grobem Sackleinen marschierten 2 Männer und markierten sowohl die Beine wie auch die Höcker des Tiers. Vor ihnen her ging ein Mohr und führte sie.
 
Es gab Burschen, die Saublatern schwangen und einen treffen wollten. Der Begriff „Die Sau herauslassen" passte dazu. Nachdem nochmals ein Obolus in die Kasse fiel, wurden wir nicht mehr angegriffen.
 
Als wir dann später auf der Station auf die Seetalbahn warteten, wurden wir gefragt, woher wir kämen und wie es uns hier gefallen habe. Gut! Wir haben ein lustvolles, unverdorbenes Treiben gesehen, das der Jugend Spass macht und ihr Zusammenhalt gibt. Als ich erzählte, wir seien vom „Stechpalmenen" gepackt worden, sagte der Mann: „Siiie! Das bringt Glück!" So sind wir gespannt, wann und wo es sich im Lauf dieses neuen Jahres dann zeigen wird.

Samstag, 1. Januar 2011

In jedes neue Jahr nehmen wir die alten Erinnerungen mit

Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr habe ich gern. Sie sind mit dem Atemholen vergleichbar. Das Fest ist verklungen. Die Enkelkinder sind abgereist. Nach und nach findet unsere Wohnung zur alten Form zurück. Das Massenlager ist aufgehoben. Die Energie erlebnishungriger Kinder ist verflogen. Es ist still. Still auch ganz besonders, weil es jetzt wieder schneit.
 
Jetzt können sich die Erlebnisse in mir niederlassen, ihren Platz finden und mich dann in Ruhe lassen. Je älter ich werde, desto langsamer verlaufen die entsprechenden Prozesse. Erst danach fallen alle Anspannungen von mir ab.
 
Betrete ich aber unsere Stube, ist die Stimmung mit den Kindern wieder da. Hier steht doch noch unser prächtiger Christbaum, und um ihn tanzen die Erlebnisse des Heiligen Abends. Der Baum scheint die Freude immer noch auszustrahlen, dass er hier sein kann. Seine Nadeln und sein Harz duften. Er ist eben ein ganz besonderes Exemplar. Eines mit einem Vorleben.
 
Primo entdeckte ihn kurz vor Weihnachten in einer grossen Abfallmulde im Umfeld seiner Werkstatt und der benachbarten Event-Hallen. 5 Meter hoch, aufrecht gewachsen, stark, etliche Jahre alt. Gesund und schön. Und doch weggeworfen, rücksichtslos entsorgt. Dass er für weihnachtliche Stimmung einer Geschäftsfeier dienen musste, bezeugen die Beigaben im Containergrab. Ein paar rote und silberne Kugeln, grosse Schneesterne aus Karton und meterweise wattierter weisser Stoff.
 
Primo hat in seinem Berufsleben viele Parkbäume, die hätten geschreddert werden müssen, gerettet und aus ihrem Holz Raritäten hergestellt. Verständlich, dass ihn das Schicksal dieser Tanne im Abfallcontainer berührt hat. Er rettete auch sie und brachte sie heim. Vordem schnitt er sie auf die Masse unserer Stube zu und brachte auch die abgeschnittenen Äste heim. Diese schichtete er am Boden um den Stamm herum auf. Nichts ging verloren, was zum Baum gehört hatte. Entstanden ist eine ausstrahlende, dem Fest würdige Persönlichkeit.
 
Es gab viele Jubelrufe – „Oh wie schön! Oh wie schön!“ – als wir die Stube betraten und die Kinder im Glauben liessen, das Christkind hätte den Baum gebracht. Da gab es keine Zweifel, auch für die Erwachsenen nicht. Wohl können wir einen Baum in die Stube stellen, doch der Glanz, den ihm die flackernden Lichter bescheren, der kommt von anderswo her. Die Enkelkinder erlebten erstmals lebendiges Kerzenlicht und sie staunten.
 
Und vor diesem Baum sangen Mena und Nora Weihnachtslieder, deutsch und französisch. Sie hielten sich an den Händen. Ihre Freude, hier singen zu können, war gross.
 
Gerne wüsste ich, welche Momente in ihren Herzen einen ewigen Platz gefunden haben, von denen sie als Erwachsene dann erzählen. Für jetzt aber muss mir der Glanz, den ich in ihren Augen gesehen habe, genügen.
 
Nora hatte irgendwo den Ausdruck „Du meine Güte!“ aufgefangen. Schnell begriff sie, dass wir es lustig fanden, wenn sie ihn an mehr oder weniger passenden Stellen anbrachte. Sie verwendete ihn nicht in Momenten, die erschreckten. Für sie ist diese Güte Ausdruck einer heiteren Überraschung. Und doch habe ich ihn am Weihnachtsfest nicht gehört. Für ein solches Fest kannte sie noch keine Worte.
 
Auch das neue Jahr kennen wir noch nicht. Ich benütze die Gelegenheit, Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, zum Übergang ins Jahr 2011 von Herzen alles Gute zu wünschen.

Freitag, 24. Dezember 2010

Die Geschichte von Johann Hinrich Wicherns Adventskranz

In einer Zeitschrift stiess ich dieser Tage auf die Besprechung eines Weihnachtsgeschichtenbuchs, das mir gerade noch gefehlt hatte. Einerseits soll ich die Enkelkinder mit Geschichten füllen, wie meine Tochter dies aussprach, andererseits tauche ich immer wieder gerne in alte Weihnachtsgeschichten ein, weil sie weniger rational gestaltet sind. Mir gefallen Geschichten, die der Seele gut tun. Solche, in denen wir miterleben können, wie sich Menschen verändern, wie Wundersames geschieht und solches noch mit nüchternen Überlegungen erklärt werden kann.
 
Das im Verlag Urachhaus erschienene Buch „Als Weihnachten beinahe ausgefallen wäre“ konnte ich kaufen. Vom Kapitel „Advent im Rauhen Haus" will ich erzählen.
 
Es geht hier um verwahrloste Kinder und Jugendliche aus dem Armenviertel von Hamburg in der Zeit ab 1832. In der Geschichte wird erzählt, dass ein Johann Hinrich Wichern das sogenannte „Ruges Hus“ (Raues Haus) ins Leben rief. Ein Zuhause für Kinder, die kein eigenes mehr hatten. Wir können uns damalige Armut und Verwahrlosung wohl kaum vorstellen. Solche Kinder aufzunehmen und sie zu einem menschenwürdigen Leben hinführen, erfordert ein ganz grosses Charisma.
 
In diesem Rauhen Haus galt die Losung, dass man eine Familie und jeder jedem Bruder sei. Aber die Jungen aus schlimmstem sozialen Elend waren noch nicht fähig, solche Forderung zu erfüllen. 2 ungefähr gleich starke Burschen beanspruchten die Führung. Beiden folgten ungefähr je die Hälfte der Buben. Es wurde gestritten, einander geplagt. Es muss eine hochaufgeladene Stimmung geherrscht haben, die zu jenem Zeitpunkt niemand entschärfen konnte. Einer der Anführer hatte sich eine Kerze beschafft und drohte, bald werde es brennen. Schlussendlich beschafften sich alle Knaben, auch jene der Gegnergruppe, eine Kerze. Und niemand wusste eigentlich, was denn brennen sollte.
 
Und dann war es ein kleines Kind, das die Atmosphäre entspannte. Als die Frau, die den Kindern jeweils das Frühstück zubereitete, an einem Morgen auf dem Weg ins Rauhe Haus unterwegs war, fand sie auf der Strasse ein kleines, dunkelhäutiges Kind, fast nackt auf der Strasse liegen. Sie hob es auf, nahm es an ihren Arbeitsort mit. Dort wurde der Kleine in der warmen Stube in den Holzkorb gelegt. Und ab diesem Moment hörten die Raufereien unter den Burschen auf. Sie achteten darauf, dass es diesem kleinen Gast gut gehe. Gab es doch noch Streit, fing der Kleine zu brüllen an und bewirkte, dass sie sich beruhigten.
 
Die Händel rückten nun weg von ihnen. Dieser neugeborene Mensch verwandelte sie, weil er klein und verwundbar war, aber auch, weil er immer wieder auf sich und sein Wohl aufmerksam machte. Sie lernten die Ehrfurcht vor dem Leben kennen. Die Burschen setzten sich zu ihm neben den Holzkorb und schauten nach ihm, fühlten sich vielleicht verantwortlich. Einmal stimmte Vater Johann ein Adventslied an und die Burschen sangen mit. Der Kleine aber, solcher Stimmung fremd, weinte und schluchzte. Einer der Rädelsführer holte nun seine Kerze aus dem Hosensack, entzündete sie am Ofen, brachte sie dem Kleinen vor die Augen und beruhigte ihn augenblicklich. Und weiter heisst es in der Geschichte, Vater Johann sei behilflich gewesen, dass die Kerze am Korbrand sicher befestigt wurde, damit der Kleine das beruhigende Licht und seine Bewegung gut sehen könne. Und dann sei noch ein zum Holzkorb passendes Gestell gebaut worden, auf dem dann nach und nach täglich eine weitere Kerze aus einem der Hosensäcke dazu kam.
 
Und das sei die Geburtsstunde des Adventskranzes gewesen, hiess es. Wicherns Kranz ist aber lichtvoller als derjenige in der Schweiz. Er trägt je eine Kerze für jeden Tag im Advent.
 
Noch vor Jahren hätte ich diese Erzählung einfach als eine erbauende Geschichte aufgefasst. Aber heute, mit dem Zugang zum Internet, habe ich dort bestätigt gefunden, dass es dieses Rauhe Haus gegeben hat und immer noch gibt. Mit grossem Interesse habe ich die entsprechenden Beiträge über Johann Hinrich Wichern gelesen. Er lebte von 1808 bis 1881 und wird als bedeutendste sozialpolitische Persönlichkeit der evangelischen Diakonie in Deutschland bezeichnet. War er mit unserem schweizerischen Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi 1746‒1828 seelenverwandt?
 
Im Internet wird übrigens ebenfalls darauf hingewiesen, dass der Adventskranzbrauch 1839 von Wichern im Rauhen Haus eingeführt worden sei.

Freitag, 17. Dezember 2010

Füsse, Schuhe, Beschwerden, Fussabdrücke im Schnee

Die Füsse haben aufgejault, als ich sie beim ersten Schnee in die schweren Winterschuhe zwängte. Gewohnt an leichtes und bewegliches Schuhwerk, empfanden sie die warmen, aber schweren Schuhe als grosse Last. Knochen und Fersen beklagten sich in Form von Schmerzen, obwohl es Schuhe sind, die meine Füsse seit Jahren kennen und mich an viele Orte hingetragen haben.
 
Auch neue Schuhe wurden nicht sofort akzeptiert. Das ganze Knochengerüst will neuerdings mitreden, wenn es eine Veränderung gibt. Mit zunehmendem Alter meldet sich in diesem Bereich eine anspruchsvolle Sensibilität und fordert geduldige Gewöhnung.
 
Am Morgen des 15.12.2010, als ich zum Einkaufen wieder in den Winterschuhen unterwegs war, fühlte ich keine Probleme mehr. Es lag leichter Schnee und dieser wirkte stossdämpfend. Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich locker gehen konnte. Ich freute mich, schaute auf den Boden, der mir sofort allerlei Geschichten zu erzählen begann.
In den Schnee gedrückt, sah ich grobe, filigrane, absatzbetonte und ganz flache Sohlen. Männerfüsse, Frauenfüsse, Kinderfüsse, aber auch Pfoten von Hunden und Spuren von Vögeln. Dekoriert war der Schnee mit letzten locker verstreuten Blättern und Samen von den hier heimischen Bäumen. Ein schönes Bild.
 
Fortan schaute ich nur noch auf meinen Weg, auf die nächsten Schritte. Und ich sah, dass wir alle, die diesen Weg benützen, unsere Spuren hinterlassen. Unwissend, dass wir dabei das Muster von vorher zerstören. Im Dialekt nennen wir das „vertrampe“ (zertreten). Ein Stück weiter hatte ein Auto sogar alle Fussspuren auf dem Trottoir überwalzt. Wieder einmal dachte ich: Der Schnee deckt zu, aber er deckt auch auf.
 
Er deckt auf, dass viele, sehr viele Menschen den gleichen Weg gehen, aber nichts voneinander wissen. Kämen alle zur selben Stunde daher, es wäre ein ungemütliches Gedränge. Da würden gewiss die Ellbogen eingesetzt, um den eigenen Platz und das Fortkommen zu behaupten. Schwache würden beiseite geschoben und möglicherweise „vertrampet“.
 
Auf dem Heimweg hörte ich die Glocke von der kleinen Kirche am Suteracher läuten, wie üblich am Mittwochmorgen zu dieser Zeit. Ich fühlte mich, wie schon oft hier oben, in einem Dorf. Jetzt war ich allein unterwegs. In der Zwischenzeit hatten die umliegenden Schulhäuser die vorher noch herumalbernden Kinder verschluckt. Es war ruhig, friedlich. Jetzt, auf dem Rückweg, erspähte ich noch einige Partien mit frischem, unberührtem Schnee. Als Kind wäre ich sofort dorthin gesprungen, um meinen persönlichen Fussabdruck zu deponieren. Damals noch auf dem Land wohnhaft, gefiel es mir und meinen Freundinnen auch, uns in den Schnee zu setzen und mit ausgestreckten Armen, die Wirbelsäule abrollend, auf den Rücken zu liegen. Wenn wir sorgfältig aufstanden, sahen wir die eigene Abbildung. Das bin ich! Das waren wichtige Momente im Leben als Kind.
 
Und heute freue ich mich einfach an diesem unberührten Flecken Schnee und wünsche ihm, dass er bis zur Schmelze so belassen werde. Achtsamkeit ist mir wichtiger geworden.

Sonntag, 5. Dezember 2010

Adventskalender aus der Papeterie oder aus dem Internet

Der Adventskalender ist immer noch beliebt. Er ist Begleiter auf Weihnachten hin. Er soll uns das Warten auf ein grosses Fest hin lehren. Tag um Tag wird ein Türchen geöffnet. Neuerdings gibt es auch Adventskalender im Internet. Gestern bin ich auf eine mich ansprechende Ausgabe gestossen: den Astrodienst-Adventskalender 2010. Anders als beim herkömmlichen Kalender müssen im Internet auch Ungeduldige warten. Hier lässt sich kein Türchen früher öffnen.
 
Eine kleine, feine, aber nur 3 Tage dauernde Ausstellung in St. Anton Basel zeigte Adventskalender aus verschiedenen Zeiten. Und entführte uns alle gleich in die Weihnachtsstuben von einst. Es standen nämlich auf der Bühne 2 Christbäume, einer aus der Stadt, der andere aus der Landschaft. Der eine mit vielen glänzend roten Kugeln, der andere bescheidener mit Strohsternen, Äpfeln und gebackenen „Willisauer“-Ringli geschmückt. Das kannte ich nicht. Weder in Zürich noch im Zürcher Oberland gab es meines Wissens Muster oder Vorgaben für den Christbaum der Region. Für mich gibt es bis heute nur Weihnachtsbäume, die eine Familie oder Menschen, die für öffentliche Räume zuständig sind, charakterisieren.
 
Zu den Bäumen wurden in der Ausstellung Familienmitglieder nachgestellt, ebenso der Nikolaus, der einem Knaben zuhört, wie er sein Gedicht vorträgt. Daneben, unter dem anderen Baum, lagen Geschenke. Und diese müssen einer gewissen Norm entsprochen haben: Eine Märklin-Eisenbahn, noch nicht elektrisch und eine Dampfmaschine für die Buben und den kleinen Stubenwagen für die Puppen und ihre Mütter. Ebenso Puppenhausmöbel für die Mädchen. Ähnlich wurden wir in meiner Familie auch beschenkt. Zwischen diesen 2 Welten sass eine Mutter und vor ihr auf dem Boden spielte ein Säugling. Obwohl es sich um Schaufensterpuppen handelte, vermochte das Bild unsere einstige Weihnacht nullkommaplötzlich ins Bewusstsein zu heben. Andern Besuchern erging es wie mir.
Aber eigentlich gehörten die Adventskalender an die erste Stelle meines Berichts. Nur, das Weihnachtsbild auf der Bühne empfing uns gleich beim Eintreten und lockte uns zu sich.
 
Die Adventskalender, einst ein reiner Artikel aus der Papeterie, hat Wandlungen erfahren. War er früher ein doppelwandiger, bedruckter Karton mit nummerierten Fensterläden, hinter denen ein Bild versteckt war, ist er heute etwas Voluminöses. Zum Beispiel eine kleine Eisenbahn bestehend aus 24 Schubladen, die zu einer Lokomotive und 2 Wagen gestaltet worden sind. Oder an Leinen gehängt: 24 Stoffsäcklein, die individuell gefüllt werden können. Säcklein auch an verschiedenen Gestängen. Die Inhalte wurden nicht preisgegeben. Sie gehören zum Geheimnis der Adventszeit.
 
In den einen vermute ich Schokolade, Bonbons, Nüsse. Es hiess, es könne auch ein Zettel mit einer guten Botschaft drin liegen. Z. B. dass das Kind an diesem Tag von einem Ämtli befreit sei. Andererseits könne auch eine neue Aufgabe gefischt werden. Das ist spannend.
 
Ich wurde auch auf einen papierenen Tannenbaum aufmerksam, dessen Dekoration aus gerollten Papierstreifen bestand. Dazu wurde erklärt, alle Rollen enthielten je einen Vorschlag für Erwachsene, wie der gemeinsame Weg auf Weihnachten hin die Partnerschaft stärken könnte. Wer schenkt denn hier wohl solche Anregungen? Ich weiss es nicht. Da habe ich schon etwas gestutzt, doch weiss ich seit meiner Arbeit in einer Buchhandlung, dass der Mensch von heute für alles eine gedruckte Anleitung wünscht. Und ich denke immer noch: Liebe macht doch erfinderisch.
 
Gut gefallen haben mir die 2 robust hergestellten Adventsbücher, die aufgestellt werden können. Das eine im Format wie eine Pyramide, will aber den Tannenbaum darstellen. Öffnet man das Buch, finden sich 24 Blätter fächermässig, immer grösser werdend. Ein Buch, das meinen Kindern damals sicher als Weihnachtswohnung für die Puppenhaus-Leute gedient hätte. Es hat einen festen Stand.
 
Das zweite der robusten Bücher ist eines mit einer auffaltbaren Weihnachtsgeschichte. Wird das Buch geöffnet, stehen die Figuren auf. Flaches wird räumlich. Menschen und Tiere kommen näher.
 
Es mag mit meinem Alter zusammenhängen oder mit den Erstlingseindrücken aus der Kindheit, dass ich den klassischen Adventskalender aus der Papeterie als meinen Favoriten nenne. Der in Basel ausgestellte mag aus den 60er-Jahren stammen. Im Hochformat konzipiert, zeigt er die Weihnachtsgeschichte auf 4 Ebenen: Erde, Stadt, Brauchtum und Himmel.
 
Da ist eine wunderschöne, orientalisch anmutende Stadt abgebildet. Ein Zusammenhalt von Häusern. Alle, auch farblich, individuell und doch zu einem Ganzen verschmolzen. Mit vielen Kirchen und Türmen, die auf verschiedene Religionen hindeuten. In diese Stadt kann man durch ein prächtiges Tor eintreten.
 
Auf dem weiten Platz davor stehen Vater, Mutter, Kinder, Verwandte und auch ein Hund und alle schauen ergriffen in die Höhe.
 
Hinter der Stadt, die an einen Berg anlehnt, tritt eine grüne Berglandschaft mit einem Dorf hervor. Auf einem ihrer Wege kommen die Heiligen Drei Könige mit ihrem Gefolge daher. Ich deute sie als Darstellung des bis heute lebendig gebliebenen Brauchs, am 6. Januar ihr Fest „Epiphanie“ zu feiern.
 
Nun trennen uns nur noch die Berge mit dem ewigen Schnee vom Himmel, wo 3 Engel das Tor, also das Fenster mit dem dahinterliegenden Weihnachtsbild, bewachen. Der eine mit der Trompete, die beiden anderen scheinen mit der Aufgabe betraut, das Weihnachtsbild zu schützen.
 
Diesen Adventskalender, der nicht mir gehört, habe ich fotografieren können. Die inneren Bilder, also jene hinter den Türchen, muss ich selber erfinden, wenn ich meinen Enkelkindern die Weihnachtsgeschichte aufgrund dieser Darstellung erzähle. So wird es gewünscht. Die Mädchen freuen sich, mit uns Weihnachten zu feiern. Unsere Einladung ist gut angekommen. Die bald 9-jährige Mena lese sie täglich vor. Wenn am Schluss unsere Frage gestellt wird: „Ist das gut so? Was sagt ihr dazu?" dann rufen sie jedesmal: „Ja, ja, ja" und tanzten in der Wohnung umher.
 
Beliebt ist in unserer Familie ist auch der feinfühlig gestaltete papierene Adventskalender der Vogelwarte Sempach. Hier sind Vögel hinter den Türchen versteckt und warten darauf, dass wir uns für sie interessieren. Im Inneren des Türchens finden wir Namen und Informationen zu ihrer Nahrung und Lebensweise. Und selbstverständlich vermittelt das Türchen Nr 24 jedesmal auch Weihnachtliches.
 
Dann weise ich noch auf Popis Adventskalender hin. Letizia gestaltet ihn seit einigen Jahren fürs Internet. www.popi.lorenzetti.ch.
 
Popi verkörpert etwas von der Seele unserer Familie. Von unserer Kreativität, von unserer Freude an Geschichten und liebenswürdigem Humor. Mit Popi lösen wir manchmal Probleme, indem wir ihm die Stimme leihen, um etwas zu entschärfen.
 
Popi spricht Zürcher Dialekt. Die Geschichten leben aber auch von den Bildern.

Montag, 29. November 2010

Heute Alltägliches war einmal unbekannt, sogar luxuriös

Die Banane kann heute überall gekauft werden. Man könnte meinen, sie stamme aus hiesigen Gärten, und sie kommt doch von weit her. Meine Mutter, als sie noch ein Kind war, soll den Namen dieser Frucht nicht gekannt haben. Sie nannte sie „die Gelbe“ und habe gebettelt, dass man ihr einmal eine kaufe.
 
Nach wenigen Jahrzehnten konnte offensichtlich niemand mehr auf sie verzichten. Sie wurde schon den Säuglingen verabreicht. Mir wurde sie von der Mütterberatung empfohlen. Sie eignete sich gut für den Übergang vom Stillen oder von der Flaschenmilch zum Brei.
 
Auch die Orange gehörte zu den nicht alltäglichen Früchten. In meinem Elternhaus gab es Äpfel und Birnen sowie eingemachte Früchte wie Zwetschgen, Aprikosen und Mirabellen. Als aber meine Schwester Renate einmal schwer krank war, kaufte Mutter Orangen und verabreichte sie ihr als ergänzende Medizin.
 
Am Sihlquai in der Stadt Zürich, hinter dem Schulhaus „Kornhausbrücke“, wo ich zur Schule ging, kamen die Orangen aus dem Süden in den Güterzügen in Zürich an. Hier wurden sie von den Südfrüchtehändlern für den Engrosmarkt erwartet. Arbeiter, die mit dem Verladen der Früchte beschäftigt waren, schenkten uns augenzwinkernd die noch guten Teile von Orangen, nachdem sie die angefaulten Teile abgeschnitten hatten. Manchmal fielen auch gesunde Orangen aus den Bahnwagen zu Boden. Welch ein Glück, wenn wir sie fanden!
 
Den Krautstiel kannte ich auch lange nicht. Erst 1964, 2 Tage nach der Geburt von unserer Tochter Felicitas, wurde mir dieses Gemüse in der Klinik serviert. Ich fand schon damals, das sei eine Köstlichkeit. Der Krautstiel ist es noch immer, hat seinen Platz in meiner Küche behalten. Ich dämpfe ihn leicht, gebe ihm einige Butterflöckli dazu, würze mit Streusalz und parfümiere ihn mit geriebenem Parmesan.
 
Vom Fenchel kannte ich nur die Samen, die zu einem beruhigenden Tee aufgebrüht werden können und den Säuglingen ebenfalls zuträglich sind. Primo machte mich dann mit dem Fenchelknollen bekannt. In seiner zur Hälfte italienischen Familie wurde der rohe Fenchel als Vorspeise serviert. Die gewaschene Knolle wird gewaschen, abgetrocknet und in etwa 1 cm dicke Scheiben geschnitten. Diese werden beidseitig mit Olivenöl eingerieben und mit wenig Salz bestreut. Die grünen Haare des Knollens werden fein geschnitten und über die Scheiben gestreut. Dazu passen Salami oder Trockenfleisch. Mit diesem rohen Fenchel als Apéro habe ich immer Erfolg.
 
Und Rina, meine Lehrmeisterin, vermittelte mir nicht nur die Praxis der doppelten Buchhaltung. Als sie nach Florenz auswanderte und ich sie dort später besuchte, lehrte sie mich, den Sugo aus frischen Tomaten herzustellen. Ich war begeistert. Nun, nach bald 50 Jahren, habe ich hin und wieder Lust, die Spaghetti nach alter Manier aufzutischen. So, wie es meine Mutter machte. Sie benützte das Parma Doro-Tomatenpüree aus Italien, verdünnte es mit wenig heissem Wasser, presste mindestens 2 Knoblauchzehen dazu, verfeinerte diese Sauce mit Olivenöl und schwenkte die frisch gekochten Teigwaren darin.
 
Neu habe ich einen emotionalen Zugang zum Carnaroli-Reis. Ich habe im Herbst in der südlichen Toskana die grossen Reisfelder bewundert und in der Autobahnraststätte Carnaroli-Reis aus der Region kaufen können. Und wie immer, wenn ich aus den Ferien etwas heim- und dann auf den Tisch bringe, wird meine Liebe zu einer Region oder zu einem Volk gefestigt. Und die schönen Erlebnisse bleiben auf diese Weise lange erhalten.
 
Ich lasse mich immer noch gern von der Güte der italienischen Esskultur beeinflussen. Die Gastarbeiter brachten sie zu uns. Wir wurden aufmerksam auf sie. Es war gerade die Zeit, als ich ziemlich unvorbereitet für meine Familie zu kochen begann.
 
Wer jetzt erwachsen wird und jetzt zu kochen anfängt, wird noch vielfältigere Einflüsse spüren. Produkte aus fernen Ländern sind hier erhältlich und die Grossverteiler sorgen dafür, dass auch entsprechende Rezepte vorhanden sind. Und wer diese nach eigenem Gutdünken an unsere Verhältnisse anpasst, ist kreativ und bringt Welten zusammen.
 
Am meisten staune ich aber über die Fülle von ausgesuchten, hochwertigen Lebensmitteln, die wir in unserem Land kaufen können. Jetzt gerade speziell im Hinblick auf die Feiertage am Jahresende. Es ist eine Art Schlaraffenland entstanden. Für junge Leute etwas ganz Selbstverständliches. Was werden sie in 50 Jahren rückblickend erzählen können?

Freitag, 19. November 2010

Spiegelmeisen im Anflug: Suche nach dem Winterquartier

In der Wiese vor unserem Küchenfenster steht ein zierlicher Baum, eine Schönheit. Sein Name ist Cornus Kousa: Japanischer Blüten-Hartriegel.

Im Frühling bezaubert er uns mit seinen weissen Blüten, im Herbst mit den leuchtend roten Blättern. Jetzt ist er entlaubt und strahlt immer noch Schönheit aus. Er ist gesund, Stamm und Äste lassen an einen Tänzer denken.

Neuerdings tummelt eine Sippe Spiegelmeisen auf ihm herum. Die Vögel scheinen vergnügt zu sein. Als wir hier einzogen, waren die Rabenkrähen und Elstern die Platzhirsche. Die Amsel hörten wir singen. Andere Vögel nahmen wir nicht wahr.

Als ein Maschenzaun die Landbesitzverhältnisse zwischen den Wohnhäusern sichtbar machen musste, verschwanden die Vögel. Vordem stand ihnen ein weiter Landeplatz zur Verfügung. Vielleicht wurde es diesen grossen Vögeln hier dann zu eng. Nun sind also die kleinen da. Und sie suchen Nistplätze.

Seit 2 Wochen pocht der Anführer dieses Clans täglich an mein Küchenfenster. Er will den Zugang zum Rollladenkasten-Innenraum erobern. Und wir stellen uns quer. Hier hätten sie kein ruhiges Zuhause; denn die Fenster einer Küche werden immer wieder gekippt oder geöffnet und je nach Wetter die Rollladen heruntergelassen oder hochgezogen. Wir hatten diesen Vogel Tage vorher schon auf dem Balkon beobachtet. Hier forschte er nach einem Schlupfloch im Bereich des Sonnenstorens. Sofort erinnerte ich mich an den Blog vom 9.9.2010 „Von tachistisch veranlagten Spatzen und vom Bauschaum“ von Walter Hess, der diesbezügliche Folgen beschrieben hat.

Wir deckten dann alle für ihn möglichen Stolleneingänge mit Klebeband ab. Er aber blieb beharrlich, suchte einfach weiter. Wie ich jetzt gehört habe, werden alle Bewohner in unserem Haus von der Ostseite her attackiert. Überall hämmert dieser freche Wicht auf den Beton ein, und wenn sich nichts bewegt, klopft er an die Fensterscheiben. Obwohl ich ihm schon oft sagte, hier sei er am falschen Ort, die Bedingungen ungeeignet, kommt er doch täglich wieder. Es gibt Menschen, von denen gesagt wird, sie könnten mit den Vögeln sprechen. Ich gehöre definitiv nicht dazu, werde nicht verstanden.

Anfänglich hatte er bereits Federn für ein Nest mitgebracht und diese auf dem Fenstersims deponiert. Es beeindruckt mich, wie kämpferisch und mutig dieses Wesen ist.

Eine weitere Erfahrung: Vor ein paar Tagen machte ich nach dem Frühstück das Fenster erneut dicht. Den Sonnenaufgang zu beobachten, hatte ich mir noch gegönnt. Dann nahm ich die Düsternis in Kauf und zog den Rollladen herunter. Zwangsläufig brauchte ich dann elektrisches Licht. Als ich den Stecker kippte, leuchtete die Lampe kurz auf, und mit leisem Zischen gab sie sogleich den Geist auf. Die reinste Kabarett-Nummer!

Jetzt lasse ich einfach allem den Lauf, warte darauf, dass meine konsequente Haltung hier einen Nestbau verhindern kann. Die Rollladen-Einstiegstellen sind zugeklebt. Wer gewinnt? Bringt es der Vogel fertig, das klebrige Band wegzuzerren und sich dahinter einzurichten? Dann lasse ich ihn vielleicht gewähren. Oder bewirken unsere Barrieren, dass die Vögel merken, dass dieser Ort für sie ungünstig ist? Zu nahe bei den Menschen, die ihnen aber grundsätzlich gut gesinnt sind.

Im Augenblick ist noch nichts entschieden.

Donnerstag, 11. November 2010

Blätter an den Bäumen, am Boden und aus der Druckerei

Es regnet. Letzte Blätter fallen von den Bäumen. Gestern noch raschelte es, als wir durch den Wald liefen. Wie bald wird sich das Laub am Boden in Matsch verwandeln und nach und nach zu neuer Erde werden.
 
Vorbei ist die Lust meiner 4- bis 6-jährigen Nachbarskinder, die sich in der vergangenen Woche in den Laubhaufen zweier Bäume fallen liessen, dazu jauchzten und sangen. Einen Tag später dann sassen sie, bis zum Oberkörper bedeckt, in ihm. Erstaunlich still. Das Wort „daheim“ könnte nicht schöner dargestellt werden. Auch darum, weil die Blätter nicht weggeführt, sondern den beiden Stämmen als Schutz und Nahrung zu Füssen gelassen werden. In meinen Augen sind diese Bäume ein Liebes- oder Elternpaar. Ein weit ausholender Ast der grösser gewachsenen Esche beschützt die gedrungene Hagebuche gut sichtbar. Und sie wiederum neigt sich ihm zu.
Ganzjährig raschelt es im Papierblätterwald. Aber auch da fallen täglich Blätter ab: Die Zeitungen und Zeitschriften, sogenannte Leibblätter, Wochen- und Monatsblätter inklusive Reklameblätter, liegen in der Stube oder im Büro auf oder herum. Sie zu durchforsten ist der Lust, in die Laubhaufen zu springen, sehr ähnlich. Ohne Papiere, ohne Buchstaben, Worte und Geschichten zu leben, kann ich mir gar nicht vorstellen. Der Computer ist nur die Ergänzung dazu. Das raschelnde Papier und vor allem Texte, die in Händen gehalten werden können, das ist für mich die wirkliche Lektüre. Erfassen, begreifen, diese Worte gehören dazu.
 
Die Tageszeitung kommt uns da entgegen. Ihre Mitteilungen sind in Bünde gefasst. Primo und ich können sie individuell lesen. Er beginnt meist hinten und ich vorn. In der Mitte angelangt, werden sie mit allerlei Hinweisen ausgetauscht. Lustiges und Kurioses wird aber sofort vorgelesen. So beginnt unser Frühstück, unser Tag.
 
Oft nehme ich mir vor, Berichte, die wertvolle Informationen enthalten oder in einer wohlklingenden Sprache geschrieben sind, aufzubewahren. Da ich sie meinem Ehemann nicht vorenthalten will, nehme ich solche Blätter nicht sofort an mich. Und vergesse sie. Und wenn ich mich an sie erinnere, ist es oft zu spät. Sie wurden schon weggetragen. Denn einmal in der Woche werden auch sie zu einem grossen Haufen zusammengeschichtet und alle 2 Wochen der Wiederverwertung abgeliefert.
 
Und die Buchstaben, was geschieht mit ihnen? Zu Zeiten des Handsatzes wurden sie wiederverwendet. Jede einzelne Letter an ihren angestammten Ort in den Setzkasten zurückgelegt. Und später, zu Zeiten des Bleisatzes, wurden die Zeilen zur Wiederverwendung eingeschmolzen.
 
Wie ist das eigentlich mit den Buchstaben und Texten aus dem Computer? Wo werden sie wiederverwertet? Die Delete-Taste wird kaum alles löschen können, was dem Stromgehirn schon anvertraut worden ist. Ergeht es ihnen wie unseren Gedanken, von denen wir ebenfalls nicht wissen können, wo sie aufgefangen, verwendet und ob vielleicht Teile von ihnen vor dem totalen Zerfall gerettet werden.