Freitag, 20. Februar 2009

Irren heisst, ohne Kenntnis der Richtung umherzulaufen

2 Tage verfolgte uns dieses Thema. Aus der Rückschau: Wir waren sorglos und nachlässig. Im Augenblick grosser Orientierungslosigkeit fühlten wir uns beinahe wie verhext.
 
Wir wollten Freunde besuchen, die nach Zürich-Höngg umgezogen sind, vergassen aber den Zettel mit der genauen Adresse mitzunehmen. Diese besteht aus einem Eigennamen und der Endung -steig. Mit gleichem Namen sind eine -Strasse, ein -Weg und eine -Halde bezeichnet. Es half uns die Erinnerung, dass es sich um den Steig handle, aber die Hausnummer fehlte. Ebenfalls aus der Erinnerung meinte ich, das Haus finden zu können. Ich hatte es auf dem Kartenausschnitt im Internet gesehen. Da aber die Gastgeber ihren Briefkasten noch nicht ordnungsgemäss angeschrieben hatten, fanden wir sie lange nicht.
 
Wir irrten eine Stunde lang umher, bis wir dort eintrafen, wo wir erwartet wurden. S., ein Psychologe, musterte uns kritisch. Primo und ich lösten die Spannung aber mit Lachen auf. Als wir erzählten, wie sich unsere Suche gestaltete und wie wir uns beide noch eine lange Zeitspanne aus den Augen verloren hatten, sagte er streng: „Man trennt sich nicht.“ Und später, als wir alle Details unserer Irrwege aufzeigten, diagnostizierte er eine „kognitive Dissonanz.“
 
Stimmt. Primos und meine Vorstellungen sind selten deckungsgleich. Und zusätzlich hatten wir unsere Abmachungen nach eigenem Gutdünken noch etwas ausgedehnt.
 
Am andern Morgen dann, beim sonntäglichen Auslaufen im Wald unserer Umgebung, beschäftigten wir uns nochmals mit dem Durcheinander vom Vortag. Ich wollte den Fehlern und Nachlässigkeiten nachspüren. Im Gehen lassen sich Probleme besonders gut besprechen. Es gab an diesem Sonntagmorgen viel zu bereden. Nicht nur zu den Irritationen von gestern. Besonders die Sorgen um einen Ersatz für Primos Werkstatt nahmen uns ganz gefangen. Vor 2 Tagen wurde nun das Baugespann für den Neubau aufgestellt. Der Auszug ist unausweichlich, und wir haben noch keine Lösung. Obwohl wir gingen, waren wir in Fahrt.
 
Mehr als 1½ Stunden wanderten wir durch den Wald. Wir können uns nur an eine Weggabelung erinnern, die wir bewusst wählten. Alle anderen Abzweigungen hinterfragten wir nicht mehr. Und so kam es, dass wir immer höher stiegen und dass sich der Regen in Schnee verwandelte und den Wald verzauberte, ohne dass wir das bemerkten. Irgendwann blieben wir dann doch stehen und bewunderten diese Pracht. Und wir waren uns einig: Da sind wir noch nie gewesen. Jetzt wollte ich wissen, in welcher Richtung der Heimweg anzutreten sei. Primo zeichnete mir im frisch gefallenen Schnee unsere angeblich gegangenen Wege und die Richtung heimwärts. Ich war nicht einverstanden. Mein innerer Kompass meldete mir etwas anderes. S. hätte in diesem Augenblick wohl wieder diagnostiziert: „Kognitive Dissonanz!“
 
Irritiert gingen wir nach Primos Vorgabe weiter und erreichten bald einen schönen Platz mit Tischen und Bänken, alle mit gemütlichen Schneepolstern bedeckt. Daneben das angeschriebene Forsthaus Frauenmatt. Ihm gegenüber verlässliche gelbe Wanderwegtafeln, in 3 Richtungen weisend. Primo war sprachlos. Es dauerte eine Weile, bis er seine Vorstellungen fahren liess. Dem Wanderweg nach Schlieren hätten wir folgen können, doch das wollte er nicht. Und er fand denn auch bald eine Holztafel, die den Weg nach Altstetten wies. Schon von weitem erspähte ich eine Abzweigung, die uns erneut verunsicherte. Erst als ich den Schnee mit meinem Handschuh von einem versteckten Wegweiser aus Holz abklopfte und das Wort Salzweg erschien, wussten wir, dass wir den besten Heimweg gefunden hatten. Der Salzweg führt beinahe vor unsere Haustür. Die Übersicht war wieder hergestellt. Gleichwohl rieben wir uns die Augen. Wo waren wir gewesen? Nach Primo in einem verwunschenen Wald. Er nennt es ein „Hänsel-und-Gretel"-Erlebnis.

Sonntag, 8. Februar 2009

Was Autoreisende nicht kennen: Erlebnisse in der Bahn

Basel Bahnhof SBB, kurz vor 23 Uhr. Unsere Zeit war knapp bemessen. Wir entwerteten unsere Bahnkarten und stiegen in den erstbesten Wagen ein, obwohl dies ein Erstklasswagen war. Also begann die Fahrt mit einer kleinen Wanderung Richtung Zürich. Rasch landeten wir im Speisewagen, dessen Lichter gelöscht, der Betrieb eingestellt, die Sitzmöglichkeiten an kleinen Tischen aber einladend war. Hier richteten wir uns ein. Auch anderen Reisenden gefiel die ungewöhnliche Atmosphäre. Solange wir uns noch im Einflussbereich städtischer Reklamen befanden, erhellten diese unseren Raum, bald aber waren wir vom Dunkel umfangen und nahmen einander nur noch schemenhaft wahr.
 
Das habe ich mir schon manchmal gewünscht, dass ich ohne Beleuchtung reisen könne. Immer dann, wenn sich die Sonne langsam verabschiedet und die Lichtspiele am schönsten zu erleben wären, muss elektrisches Licht den Tag verlängern. Und das heisst dann, dass die Farben am Himmel verschwinden und die später erscheinenden Sterne gar nicht sichtbar werden.
 
In dieser Nacht nahm ich die Dörfer anders wahr. Leuchtend wie Sterne. Und einmal sagte ich zu Primo: "Ich fühle mich im Orient-Express." Und war dann selbst erstaunt, was ich da sagte. So muss es sein, wenn die nächtliche Reise durch unbewohnte Gebiete führt und plötzlich Orte erscheinen, wo vorher grenzenlose Einsamkeit war.
 
Wir gewöhnten uns rasch an die Dunkelheit im Raum und nahmen Mitreisende wahr. Mir schräg gegenüber ein junges Paar. Der Mann war eingeschlafen. Er hatte den Kopf auf die überkreuzten Arme auf den Tisch gelegt und seine Liebste hielt ihre Hand auf seinen Rücken.
 
Da kam ein Mann durch den Mittelgang geschlurft, blieb hie und da stehen. Er schaute um sich, schaute auch uns prüfend an. Ging weiter. Ein Afrikaner, vermutete ich.
 
Plötzlich ging der Zugsbegleiter raschen Schrittes an uns vorbei. Das Natel am Ohr. Wir wunderten uns, dass unsere Fahrkarten nicht überprüft wurden, wussten auch nicht, ob wir die Sitzplätze hier im fahrenden Gasthaus überhaupt benützen durften.
 
Im Umfeld von Lenzburg wurde das Licht angezündet. „Oh wie schade!“ hiess es unisono. Ich war also nicht die einzige, der es hier im Dunkeln gefiel. 2 gutgelaunte, freundliche Zugsbegleiterinnen kontrollierten unsere Billette. Der beschauliche Teil der Reise war abgeschlossen. Das Licht wurde nicht mehr gelöscht.
 
In Lenzburg wurde der Afrikaner von Polizisten erwartet. Primo konnte die Männer von seinem Sitzplatz aus sehen. Ohne die Umstände näher zu kennen, berührte uns dieser Empfang. Es umgab ihn eine grosse Ruhe. Die Fragen, die gestellt wurden, konnten wir nicht hören. Der offensichtlich total Erschöpfte wurde begleitet. Wohin? Und mit welchen Konsequenzen? Welches Schicksal war da aufgeblitzt? Noch sehe ich ihn, sich mühsam vorwärts schleppen, links und rechts von einem Polizisten und von uns in Gedanken begleitet.
 
Dass die Eisenbahn nicht nur der Beförderung von Personen und ihrem Gepäck dient, erfahre ich immer wieder neu. Hier treffen die Lebensreisen und Schicksale aufeinander. Kontakte, auch wenn sie kurz sind und nur einem Flügelschlag gleichen, gehen mir meist noch lange nach. Und sie erweitern meinen Horizont.

Dienstag, 20. Januar 2009

Skypen: Ein neues Programm mit Nähe zu den Enkelinnen

Plötzlich erinnere ich mich wieder an die kybernetische Grossmutter, die ich im Blog vom 22.05.2005 beschrieb. Ich komme ihr immer näher, auch wenn sie ein Kunstgebilde ist. Als künstliche Grossmutter, über der Erde schwebend, überwacht sie die Enkel und hilft ihnen, wenn es nötig ist.

Noch vor Weihnachten, im Blog vom 23.12.2008, dachte ich darüber nach, wie technische Errungenschaften Zwänge auslösen. Kaum ausgesprochen, klopfte ein weiterer an meine Computer-Tür. Er kam aus Paris. Mena wünsche sich, dass bei mir das Skype-Programm installiert werde. Sie möchte nicht nur mit mir telefonieren. Sie möchte mit mir reden und mich sehen.

Schön, wenn Enkelkinder solche Kontaktwünsche aussprechen. Und doch war ich im ersten Moment gar nicht begeistert. Wieder etwas Neues installieren, wieder etwas lernen, wieder Fehler machen und wieder auf die Töchter abstellen müssen, wenn ich nicht mehr weiter weiss. Und wenn etwas gratis zur Verfügung gestellt wird, bin ich zusätzlich skeptisch. Menas Mama konnte mir alle Fragen beantworten und Zweifel auflösen. Und schon ist das Skype-Programm installiert und die neuartigen Kontakte sind angelaufen.

Wie leicht man zueinander findet. Ein Klick nur – und es läutet im Computer der Ansprechperson. Der Name erscheint. Ist der Skype-Besuch willkommen, öffnet wieder ein Klick die Tür. Und schon ist die Verbindung hergestellt. Das Gespräch kann beginnen. Die anrufende und die angesprochene Person können sich sehen. Mena begrüsste mich. Zuerst etwas verlegen, doch schnell auch wieder mit mir vertraut.

Unser erster Austausch im Skype-Programm ist für mich sofort zur Französisch-Lektion geworden. Mena ist Schülerin der 1. Primarklasse und wollte mir zeigen, was sie schon alles gelernt hat. Sie las mir Geschichten aus ihrem Lesebuch vor. Um die Texte besser zu verstehen, hielt sie von Zeit zu Zeit das Buch so vor sich hin, dass ich die farbigen Illustrationen sehen konnte. Ich lernte die grüne Ratte kennen und um sie herum verschiedenfarbige Katzen und einen Hund. Ich notierte ihre Namen: Mina, Marou, Belo und Victor. Ratus offenbar der Chef.

Ob ich diese Geschichten auch richtig verstanden habe, werde ich nach weiteren Lesungen überprüfen. Es mangeln meinem Französisch viele Worte aus der Kinderwelt. Mena wird mich dahin führen. Sie dürfe meine Lehrerin sein, anerbot ich ihr.

Was ich aber schon gespürt habe: Diese Geschichten sind kindergerecht, voll von einfallsreichem, also kreativem Blödsinn und seinen Folgen. Ich bin begeistert.

Ratus nahm z. B. täglich Vitamine zu sich und folgerte, wenn ihn diese stark machten, würden sie gewiss auch seinem Motorrad helfen. Zum Benzin oder an deren Stelle wurden die Vitamine in den Tank geschüttet. Sie wirkten. Der «Töff» (Motorrad) sprang an, galoppierte wie ein junges Pferd.

Ich könnte mir vorstellen, dass die verschiedenen Farben der Katzen verschiedene Temperamente verkörpern. Das möchte ich noch ergründen. Dass der Hund sehr stark sei und etwas mit «fortune» (Glück) zu tun habe, ist mir nicht entgangen. Schon freue ich mich auf die Fortsetzung.

Die nächste Skype-Stunde wird aber vorher noch Nora gehören. Sie ist 2½-jährig und ihre Sprache erst ein lebhafter Klang. Einzelne Worte sind erkennbar. Sätze noch unverständlich. Ich freue mich, die Sprachentwicklung über das neue Medium ganz nahe mitzuerleben. Nora ist auch schon mit dem Skype-Programm vertraut. Während der Schulferien durfte sie bereits mit ihrer Freundin im Ausland skypen und auf ihre für uns unverständliche Art Geschichten erzählen. Die kleinen Mädchen sahen sich im Computer und waren sich nahe.

So erging es mir auch. Ich bin erstaunt, wohin ich vorgestossen bin. Genau gesagt, gestossen wurde. Menas Wunsch war ausschlaggebend. Sie hat mir die Zukunft ein Stück weiter geöffnet. Und dort habe ich, wie eingangs erwähnt, sogar noch die kybernetische Grossmutter getroffen.

Hinweis
Informationen zu Skype: www.skype.com
... und bei Wikipedia: www.wikipedia.org

Mittwoch, 7. Januar 2009

Meine Bäume: Der Schnee deckt zu und deckt auch auf

Zum Jahresende 2008 wurde uns noch eine weisse Decke geschenkt. Schnee bis in die Niederungen. Dicke, weiche Flocken fielen vom Himmel. Ein seltener Moment wahrer Ruhe. Er dauerte über eine Stunde. Und ich sass nur da und schaute diesem Treiben zu.
 
Die beiden Bäume, eine Aspe und eine Hagenbuche, am Rand von Nachbars Wiese, müssen mich schon gut kennen. Ich schaue immer nach ihnen aus. Ich bewundere sie. Sie sind meine Freunde. Nun hat mir der Schnee zum Neujahr ein Geschenk gemacht. Er setzte sich auf gebogene Äste und markierte ein grosses Herz. Ich habe es fotografiert. Es ist keine Illusion. „Meine“ Bäume zeigen mir ihr Herz. Der Schnee macht es möglich.

Auch auf der Westseite unseres Hauses ist die verschneite Welt nun eine andere, eine weichere. Hier milderte die weisse Pracht den radikalen Schnitt der üppig gewachsenen Sträucher, rund um die Einfahrt in die Höhle des Zivilschutzes. Bis anhin wusste ich nur, dass sich hinter „meinem“ grünen Hain, den ich vom Büro aus sehen konnte, eine Einfahrt in den kleinen Berg befinde. Jetzt sehe ich sie. Ich konnte zuschauen, wie sich die Landschaftsgärtner, vermutlich von „Grün Zürich“ an die Arbeit machten und den ganzen Wall zwar professionell, aber doch schonungslos zurückschnitten.
 
Während dieses Abholzens dachte ich manchmal: So jetzt reicht es. Und wusste doch, dass ich da nichts zu bestimmen habe.
 
Der neue Anblick war anfänglich brutal. Doch entdeckte ich bald, dass ich jetzt auf den Waldboden sehen kann. Jenseits der Zivilschutz-Einfahrt sind ein Dutzend stramme Hagenbuchen herangewachsen und bilden ein Wäldchen als Abschluss des Schulhausareals uns gegenüber. Wenn die Sonne langsam untergeht, berührt sie diesen Waldboden und bringt mir Lichtstrahlen auf den Schreibtisch. So kann ich den Schmerz loslassen und die Sträucher ermuntern, wieder neu aufzublühen. Der Schnee unterstützt mich. Er mildert alles. Und ich glaube, dass sich das Grün eines Tages auch wieder zeigen wird.
 
Der Schnee plaudert auch Geheimnisse aus. Wir bemerkten schon beim ersten Schnee Angang Dezember 2008, dass der Fuchs vom neuen Zaun quer durch die grosse Wiese überrascht worden ist. Seine Spuren deckten auf, wie er die Grenze spürte, sich irritiert abwandte, im Kreis herum ging, bis er einen neuen Weg in gewohnter Richtung gefunden hatte.
 
Spuren von Kindern, die unserem Haus entlang schleichen, um den Schulweg abzuschneiden sind auch sichtbar, ebenso jene einer dicken grauen Katze, die so gar nichts Liebenswertes an sich hat.
 
Komme ich nach dem Kern von Altstetten, fallen mir an den Tramstationen die vielen Zigarettenstummel auf, die jetzt gefroren sind und erst nach dem Abtauen weggewischt werden können.
 
Da, wo wir wohnen, wird der Schnee nicht sofort weggeräumt. Einerseits wird das Weiss lange erhalten, andererseits kann ich jetzt nicht mehr unbeschwert ausschreiten. Wenn ich einkaufen gehe, laufe ich auf der nicht stark befahrenen Strasse, vorsichtig bis ängstlich. Und warte, bis der Schnee schmilzt und bekomme eine Ahnung, wie Menschen, die in den Bergregionen leben, sich frühzeitig auf den Winter einstellen müssen.

Freitag, 2. Januar 2009

Jahresbeginn: Einkehr während der grossen Feiertage

Die zur Adventszeit montierten farbigen Lichter zucken immer noch an der Haustür einer portugiesischen Familie uns gegenüber und signalisieren, dass für sie das Fest noch nicht verklungen sei.
 
Auch für mich ist der Zwischenbereich Weihnachten/Neujahr immer etwas Besonderes, nicht alltäglich. Wie ein Nachhall nach einem schönen Konzert. Langsam kehrt Ruhe ein. Die Gäste sind weggegangen, die Wohnung ist aufgeräumt, aber der Christbaum ist noch da. Da sitze ich dann manchmal eine Weile zu ihm und sinniere über mein Leben, über die vielen Festvarianten und auch über die vielen Christbäume, die in unseren Stuben dekoriert worden sind. Und manchmal sehe ich ein inneres Licht, und dann weiss ich, dass ich auch diesmal Weihnachten wieder erlebt habe.
 
Diese Tage sind auch zum Aufräumen aller administrativen Arbeiten da. Rechnungen zahlen, um das neue Jahr ohne Schulden anzutreten. Nicht immer gelingt es, wenn Abrechnungen zu spät eintreffen. Die Post arbeitet nicht mehr so dienstfertig wie einst. Selber schuld, wird sie mir sagen. Ich könne mich ja mit dem E-Banking einlassen.
 
Schon als Jugendliche durfte ich für Mutter die Einzahlungsscheine ausfüllen. Ebenso war es meine Aufgabe, in den Tagen vor Neujahr die Adressliste unserer grossen Verwandtschaft neu zu schreiben und alle Änderungen, die sich im abgelaufenen Jahr durch Umzug oder Tod ergeben haben, zu berücksichtigen. Diese Arbeiten entsprachen mir schon damals und prägten sich zu einer Art Ritual aus.
 
Auch die Kalender gehören dazu. Sie abzunehmen und neue aufzuhängen, ist auch immer mit Blicken zurück und ein Stück vorwärts verbunden. Und der neue Tagebuchordner bekommt einen farbigen Rücken. Seit Jahrzehnten dekoriere ich die nüchternen A5-Ordner mit einem dekorativen Druckerzeugnis. Diese farbigen Bildausschnitte aus Zeitschriften, Glückwunschkarten oder Einpackpapier werden manchmal zum Programm. Letztes Jahr z. B., als wir noch nicht wussten, wann und wo wir eine neue Wohnung finden werden, wählte ich eine Foto aus einem Winterwald. Der Fotograf hatte exakt jenen Augenblick festhalten können, als die verschneiten Tannen ihre schweren Lasten abwarfen. Dieses Foto wird mich daran erinnern, dass die Hoffnung nicht vergebens war.
 
Spätestens am Neujahr kommt mir jeweils in den Sinn, dass ich als 6-Jährige am Neujahrsmorgen zum Milchmann geschickt wurde. Von ihm bekam ich unerwartet ein „Mödeli“ Butter geschenkt. Unfassbares Glück. Butterbrote waren und sind für mich die grössten Delikatessen. Mutter hatte einige Tage zuvor im Milchladen ausgesprochen, es sei traurig für sie, dass sie mir nicht jeden Tag ein Butterbrot geben könne. Die Lebensmittel waren damals wegen des 2. Weltkriegs rationiert. Der Milchmann erbarmte sich meiner. So etwas vergisst man nie.
 
Für mich brauchte es nun keine weiteren und gar noch grossartigen Veranstaltungen, um bereit zu werden für einen neuen Jahreslauf. Wie schon oft, haben wir am Silvester um 24 Uhr nur die Fenster geöffnet und das neue Jahr unter Glockenklängen einziehen lassen.
 
2009 hat begonnen. Es möge für alle Textatelier-Leserinnen und Leser ein gutes Jahr werden. Herzlichen Glückwunsch Ihnen allen.

Dienstag, 23. Dezember 2008

Die Weihnachtspost: Mehrheitlich immer noch auf Papier

Manchmal möchte ich wissen, wie viele Hände eine eben erhaltene Sendung weitergegeben haben.
 
Das wattierte Couvert aus Paris sollte seine Geschichte erzählen können. Es ist zerknittert, aber nicht beschädigt. Seine Rückseite arg verschmutzt, vermutlich in den Schneematsch gefallen. Seine Dekoration, die Briefmarken aus der Serie „Bonnes Fêtes“, aber farbenfroh. Abgestempelt in Paris-La-Vilette. Der blaue Prioritaire-Kleber beteiligt an der speditiven Reise. In nur 4 Tagen kam die Sendung bei uns an. Ein Strichcode, grün umrahmt und mit Vermerk „abgabefrei“ versehen, wird mitgeholfen haben. Wichtig auch der in der Mitte angebrachte Strichcode aus Zürich-Mülligen, dem Ankunftsort am Stadtrand von Zürich. Rot gedruckt heisst es da „International“ und Post Pac Priority.
 
Alles Worte, Bezeichnungen. Doch welche Drücke musste der Umschlag aushalten? Zuerst einmal die Last weiterer Sendungen im Briefkasten im 17. Arrondissement, wo meine Enkelkinder wohnen. Hatte er kalt, und ist es ihm vielleicht übel geworden, als die Postsäcke in rasender Fahrt nach La Villette gebracht wurden? Und erst beim Ausladen und Ausschütten auf die Fliessbänder, wie fühlte sich das an? Gab es auch freundliche Hände, die einzelne Sendungen aufhoben, wenn sie herunterfielen und ihnen den Weg zum Ziel sicherten?
 
Lebten meine Grosseltern noch, sie würden staunen, wie schnell und effizient uns die internationale Post heute bedient. Damals war es wie ein Wunder, wenn Nachrichten von ausgewanderten Söhnen oder Töchtern auf den Weihnachtsabend in der Heimat eintrafen. Es gab da viele Geschichten, die dieses Thema bearbeiteten. Ich weiss nicht, ob sie reines Wunschdenken waren.
 
Dem Umschlag habe ich ein festlich verpacktes Geschenk entnommen und für Weihnachten zur Seite gelegt. Gelesen habe ich die Glückwünsche von den Kindern. Die zweijährige Nora schenkte uns energiegeladene Filzstiftschwünge und Mena gestaltete eine Karte. Auf ein feines Baumwollflies platzierte sie kleinste Blätter und feinste Gräser und fixierte das Arrangement mit einer transparenten Folie auf einer roten Karte. Was sie vielleicht gar nicht bemerkte: Unter der durchsichtigen Haut befindet sich auch ein kleines, gelocktes Haar. Dieses erinnert mich an den alten Brauch, Schmuckstücke aus Haar anzufertigen. Mussten die Mütter früherer Jahrhunderte ihre Kinder früh ziehen lassen, wünschten sie, dass etwas Lebendiges von ihnen zurückbliebe. In der Familie von Primo habe ich ein aus Haaren hergestelltes Armband gesehen, das die in Gold gefasste Foto einer verstorbenen Tochter umfing.
 
Heute berühren wir mehrheitlich nur noch eine Tastatur, um mit unseren Kindern, Enkeln und Freunden, die weit ab von uns im Ausland leben, verbunden zu bleiben. Der Internetanschluss ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Ihm verdanken wir den schnellen Transport von Worten, Bildern und kleinen Filmen. Wir sind einander nahe, ohne aber die persönliche Ausstrahlung zu spüren und ohne Spannungen ertragen zu müssen.
 
Der Computer ist überall. Auch schon in der Liste des Existenzminimums? Was machen eigentlich Familien, die sich keinen Computer leisten können? Es ist Primo und mir bis jetzt noch gelungen, ohne Fernsehen zu leben. Den Computer abzulehnen, wäre weit schwieriger.
 
Wir können heute gar nicht mehr bescheiden leben. Die Zwänge sind gross. Hat sich eine technische Errungenschaft durchgesetzt, will sie benützt werden.
 
Ich selber habe mich unter einem gewissen Zwang für den Computer entschieden und bereue es nicht. Und doch stört es mich, wenn ich erkenne, dass wir im Grunde keine freien Menschen sind. Wir reden es uns nur ein. Der Zeitgeist mischt immer mit.
 
Aber ganz hat er uns noch nicht unter Kontrolle. Sonst würde mir der Postbote nicht täglich ein paar handschriftliche Weihnachtsgrüsse bringen.

Sonntag, 14. Dezember 2008

Mein Wunsch: Stille Momente in der Vorweihnachtszeit

Ich pendle hin und her. Einerseits gefällt mir der Advent hier oben am Stadtrand. Andererseits fahre ich auch gerne in die Innenstadt. Abendspaziergänge zum Waldrand sind aber die Favoriten dieser Vorweihnachtszeit. In einer Viertelstunde bin ich schon auf dem Schlieremerberg, kann die Stadt aus der Ferne und wenn der Himmel offen ist, auch die Sterne betrachten. Das angekündigte, seltene Ereignis der Venus, die am 1. Dezember für 45 Sekunden hinter dem Mond verschwand, konnten wir nicht beobachten. Der Himmel war bewölkt. Doch tags zuvor bewunderten wir Venus, Jupiter und die Mondsichel in einer seltenen Nähe und Klarheit. Ein wunderschönes Bild, das sich uns einprägte.
 
Wir waren durch den Wald anmarschiert, und als wir aus ihm heraustraten, präsentierten sich auch die Stadt und das Limmattal als Lichtermeer. Aber von anderer Art, nur von Menschen gemacht.
 
Am Sonntag dann entdeckten wir von weitem rote Feuersglut und sich bewegende kleine Lichter, als wir wieder dort oben unterwegs waren. Die Sonne war längst untergegangen. Der gedeckte Unterstand war von Familien bevölkert. Kinder sprangen herum. Einige trugen Laternen, andere spielten mit Taschenlampen. Hier wurde vermutlich Sankt Nikolaus gefeiert. Wir sahen dieses Fest nur von weitem. Es war ein Anblick wie aus der Zwergenwelt. Ein Zauber der Nacht. Und Primo wurde, wegen seines Barts und seiner Ausstrahlung, wie immer im Advent, von Kindern ganz genau betrachtet. War das der Samichlaus? Zwei Buben auf dem Heimweg fragten sich: Hat der Samichlaus eine Frau? als sie mich an seiner Seite entdeckten.
 
Ein anderes vorweihnachtliches Erlebnis: Die Ausstellung „Polnische Weihnacht“ im Spielzeugmuseum Baden. Wir mussten lange suchen, bis wir den Ort fanden. Die Auskünfte, die uns ein Bus-Chauffeur und Passanten gaben, waren so widersprüchlich, dass wir die Altstadt zweimal durchqueren mussten, bis wir den Ländliweg endlich fanden. Es schneite und regnete. Schneematsch behinderte uns im Gehen, aber als wir das Museum in einer schönen, alten Villa fanden, waren wir versöhnt. Hier trockneten die Kleider. Es war gemütlich warm, und die Frau an der Theke war freundlich. Ich war mit meiner Freundin Ursula hierher gekommen. Still schauten wir uns um, lasen die Texte, bestaunten den polnischen Weihnachtsbaum, eindrückliche Holzschnitzereien von Waclaw Suska, ebenso filigrane Scherenschnitte, Strohgeflechte und die mit Silberpapier gestalteten Kathedralen. Polnische Weihnachtsmusik füllte den kleinen Raum und gab uns das Gefühl, zum Fest eingeladen zu sein.
 
Diese Gegenstände aus der Volkskunst tauchten schon vor Jahren auf dem Weihnachtsmarkt auf. Jetzt weiss ich, woher sie kommen. Aber auch aus Skandinavien und aus der Schweiz kenne ich solche Stroharbeiten. Wer wen beeinflusst hat, ist oft nicht mehr auszumachen.
 
Der farbenfroh dekorierte Weihnachtsbaum hinter einer gläsernen spanischen Wand steht vor einem Fenster der Museumsvilla. Da es schneite, als wir uns dort aufhielten, wurde das Bild einer Weihnachtsstube lebendig.
 
Ursula begeisterte sich für das Rezept der polnischen Mohn-Roulade und notierte es. Mein Blick haftete immer wieder an Holzreliefs von Waclaw Suska. Seinen Geige spielenden Engel hätte ich gern mitgenommen.
 
Das polnische Weihnachtsfest mit vielen traditionellen Speisen muss ein Festschmaus für die Grossfamilie sein. Mich beeindruckte die Oblate, die bei Tisch gebrochen wird. Eine feierliche Geste, die das Fest erst zum Weihnachtsfest werden lässt. So stelle ich mir das vor. Die Oblaten, die wir hier kaufen können, sind rund. In Polen rechteckig und gross und wie unsere Tirggel mit eingedrückten Bildern verziert.
 
Diese Ausstellung sei die erste in ihrer Art. Weitere werden in den nächsten Jahren folgen. Obwohl im Spielzeugmusem angesiedelt, ist dieser Blick in die Volkskunst anderer Länder zuallererst für Erwachsene ein Gewinn. Nur sie können ihn den Kindern vermitteln. Obwohl klein, ist die Ausstellung aber fein. Sie dauert noch bis zum 6. Januar 2009.
 
Zurück in Zürich, stand ich noch alleine bei einer singenden Heilsarmee-Gruppe, die im Advent zum traditionellen Bild meiner Stadt gehört. Jedes Jahr bewundere ich das Engagement dieser Menschen und ihre liebenswürdige Ausstrahlung. Sie sorgen nicht nur für die Ärmsten. Sie schenken uns ganz allgemein etwas Einstimmung in den Advent. In diesem Sinn sind sie Bestandteil von städtischen Weihnachtsbräuchen. Sie gehörten dazu, wenn im Badener Spielzeugmuseum Volkskultur aus Schweizer Städten gezeigt würde.
 
Das Säcklein Maggi-Suppe, das mir überreicht wurde, als ich meine Gabe in den Topf fallen liess, werde ich dann unserer Weihnachtssuppe einverleiben.

Sonntag, 7. Dezember 2008

Besuch in Basel: „Figuretti“ entdeckt und Engel mitgebracht

Wir schlenderten herum. Wir waren nach Basel gekommen, um die Ausstellung von Primos Bildern und Objekten zum Thema „Fundsache Engel“ zu eröffnen. Alle Vorbereitungen waren gemacht. Es blieb uns noch etwas Zeit, das Quartier Gundeldingen zu entdecken.
An der Laufenstrasse 90 zog mich ein hell erleuchteter Raum in einer Reihenhaussiedlung magisch an. Im Schaufenster links grüsste ein feingliedriger Stern, eingerahmt von einem türkisfarbenen Theatervorhang. Wir standen vor dem Figurentheater „Figuretti“. Ich ging die Steintreppe hoch. Durch die Glastüre schaute ich auf Kaspers Bühne. Sie war erleuchtet, aber unbelebt. 25 Stühle, alles Individualisten mit verschiedenfarbig bezogenen Sitzkissen, standen für einen Auftritt bereit. Doch nichts regte sich. Das Dutzend Figuren schaute noch aus einem Fenster und machte auf sich aufmerksam.
 
Mit mir hatte es funktioniert. Diese intime Theaterwelt elektrisierte mich, machte mich neugierig. Ich dachte an unsere Enkelkinder in Paris, zog den Fotoapparat aus der Tasche und blitzte in den Raum. Ich wollte ihnen Bilder schicken und erzählen, ich wisse jetzt, wo der Kasper wohne. Vielleicht könnten wir ihn im nächsten Jahr einmal besuchen.
 
Sofort erschienen 2 Personen aus einem Nebenraum und öffneten die Tür. Sie wollten wissen, warum es hier geblitzt habe. Sie schienen sich an meiner Begeisterung zu freuen. Ich bekam die „Figuretti“-Zeitung“ und den Prospekt „Über uns“. Die Foto zeigt die beiden Personen, mit denen ich gesprochen hatte: Claudia Stoob und Werner Jufer. Die Theaterdirektion also. (Mehr über sie und ihr Theater bei www.figuretti.ch).
 
Ich versicherte, wieder zu kommen und einer Aufführung beizuwohnen. Vor lauter Freude vergass ich, dass ich auf dem obersten Treppenabsatz stand. Als ich zu Primo auf die Strasse zurückkehren wollte, ging ich wie ein Luftibus ebenaus und wäre beinahe abgestürzt. Ich konnte mich am Geländer auffangen. Primos Gesichtsausdruck werde ich nicht so schnell vergessen. Eine Mischung aus Schrecken und vorwurfsvoller Strenge. Ich hatte grosses Glück. Hat mich vielleicht ein Engel vor einem katastrophalen Sturz bewahrt?
 
Mittlerweile war die Sonne untergegangen und allerlei Weihnachtsbeleuchtungen spendeten festliches Licht. In solchen Momenten werden  alle Schichten von erlebten Weihnachtsgeschichten wieder wach. Besonders einfache, eher spröde Dekorationen ergreifen mich dann. Sie erinnern an die Kindheit.
 
Letztes Jahr um diese Zeit waren wir auch nach Basel gekommen, um einem Stadtrundgang zu folgen. Eine Kunsthistorikerin führte uns zu Engeln in der Kunst und Architektur und zeigte auf, wie diese geflügelten Wesen von den Menschen durch viele Jahrhunderte hindurch als Beschützer wahrgenommen und sichtbar gemacht wurden.
 
Damals durften wir auch das Rathaus betreten und im Turmzimmer, ganz oben, wurde ein Apéritif serviert. Meine Familie kam, in der Gruppe gehend, unvorbereitet in den Hof dieses prächtigen Gebäudes. Da stand eine mächtige Tanne, festlich geschmückt, und vor ihr wurde Drehorgelmusik gespielt. „Oh, wie schön!" entfuhr es mir. Die Klänge, der Baum, der Lichterglanz, das unbekannte Umfeld, sie gaben den Blick für Weihnachten frei. Wie ein Blick ins Paradies kam mir das vor. Ein Ereignis von wenigen Sekunden.
 
Wir mussten zügig weitergehen. Es vollzog sich alles husch-husch, wie wenn ein Engel gesichtet worden wäre, der sich aber nicht weiter bestaunen liess. Und als wir später zurückkamen, waren die Drehorgeln verschwunden und mit ihnen die grosse Ausstrahlung von vorher.
 
Jetzt, an diesem Dezembertag 2008, konnten wir bekannten und auch unbekannten Menschen aus Basel etwas Vergleichbares zurückgeben. Nichts Herkömmliches und darum überraschend. Ein neuer Blick auf das Wesen des Engels, den Primo als reine Energie versteht. Für ihn sind Engel keine Sache, auch keine menschlichen Figuren. Um aber ein Objekt herzustellen, das diese Energie andeutet, braucht auch er eine Sache: Materialien, die ihm aus seinem Berufsalltag zufallen, Farben, auch Fundgegenstände, die er als Velofahrer auf dem Weg zur Arbeit und auf der Strasse oder beim Spaziergang im Wald oder Feldern entlang, zufällig findet.
Die Ausstellung ist gut aufgenommen worden.
 
Hinweis auf die Ausstellung mit Werken von Primo Lorenzetti
Sie ist bis Ende Januar 2009 im Restaurant L'esprit zu sehen. Informationen zum Ort, einer Lesung über Engel und ein Engelmahl finden sich bei www.lesprit.ch.

Samstag, 29. November 2008

In meinem Fokus sind noch Zuversicht und das Vertrauen

Jetzt ziehen die neuen Mieter ins frisch renovierte Mehrfamilienhaus ein. Schon seit Wochen waren das Hämmern und die mehrheitlich heiteren Rufe der Bauarbeiter verstummt. Der Innenausbau vollzog sich still.
 
25 persönliche Wohnungseingänge habe ich gezählt. Dazu auf jedem der Stockwerke noch ein allgemeiner. Ich bin gespannt, wie wir diese neue Nachbarschaft erleben. Der Einzug der neuen Mieter scheint gut abgestimmt zu sein. Es reisen nicht alle am selben Tag an. Wir bemerken jeweils nur am Abend, dass weitere Fenster erleuchtet sind.
 
Auf der grossen Wiese wird noch ein Zaun errichtet, damit die Landverhältnisse klar sind. Eine Massnahme, die in der Erfahrung gründe, hörten wir von unserem Hausmeister. Die Grosszügigkeit wird beschnitten, weil nicht alle damit umzugehen wussten.
 
Auch in der Gesellschaft weisen plötzlich neue Leitlinien auf einen ähnlichen epochalen Wandel hin. Aber die Sicherheit, die wir suchen oder neu erschaffen müssen, beschert uns zuerst viel Unsicherheit.
 
In solchen Situationen schaue ich immer wieder einmal auf einen Leitsatz, der schon einige Jahre innerhalb meiner Bücherwand hängt. Da heisst es: „S’chunnt guet. Mer ziehend’s durä." (Es kommt gut. Wir ziehen es durch.)
 
Dieser stammt nicht aus meiner Feder. Ich entdeckte ihn an Neujahr 2002 auf einem handschriftlichen Plakat an der Konradstrasse in Zürich, wo sich damals noch viele Drogenabhängige aufhielten. Die positive Botschaft aus diesem Umfeld erreichte mich wie ein Blitz. Zu Hause tippte ich sie in den Computer und druckte sie in grossen Lettern aus. Noch heute, beinahe 6 Jahre danach, unterstützt sie meinen Durchhaltewillen. Noch selten habe ich 2 Sätzen so viel Zuversicht entlocken können, wie diesen.
 
Und ich stelle fest, dass ich dieses jetzt schon etwas abgegriffene Papier nicht fortwerfen kann. Es ist pausenlos im Einsatz. Ein Problem löst das nächste ab. Jetzt gerade, weil wir die Kündigung unserer kleinen Werkstatt akzeptieren müssen. Das Haus wird abgebrochen.
 
Auch mein Velo, treuer Begleiter, und seit beinahe 15 Jahren Teil meiner selbst, musste ersetzt werden. Noch bin ich daran, mich mit dem neuen Gefährt anzufreunden. Muskeln und Knochengerüst sind darob irritiert und müssen sich arrangieren. Da geht es um kleinste Massdifferenzen, die mir zu schaffen und auch Angst machen. Oder meine Zähne, einst mein Stolz, sind nicht mehr fähig, sich selbst zu erhalten.
 
Was bleibt da Besseres übrig, als der inneren Zuversicht zu vertrauen. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich tiefgreifend verunsichert werde. Immer gab es eine Lösung der Probleme, die einen neuen Weg, manchmal eine neue Richtung verlangten.
 
Der mich behandelnde Zahnarzt ist ein Meister seines Fachs und kennt auch Sensibilität. Ich fühlte mich aufgehoben, sicher und konnte alle Spannungen loslassen. Am Schluss sagte ich, das müsse eine grosse Koryphäe sein, die ihn behandeln dürfe. Er widersprach sofort. Ein beruflicher Rang sei nicht ausschlaggebend. Es brauche vor allem Vertrauen.

Montag, 17. November 2008

Erfahrungen, Aufgaben und Gedanken rund um den Tod

Jetzt gerade nachdem ich Wäsche aufgehängt habe, ist mir bewusst geworden, dass ich wieder in der Gegenwart angekommen bin. Ich war ganz bei der Sache, freute mich, wie sauber das Stück wieder war, das ich gerade in Händen hielt. Zeitweise war ich stehen geblieben, habe mich rückwärts gewandt und kurz darauf bin ich wieder vorausgeeilt, um dringende Aufgaben zu erfüllen. Die Folge: Ich verlegte Papiere, die Brille, die Schlüssel usw.
 
Der Grund: Celeste, die gelegentlich auch in Beiträgen im Blog-Atelier auftauchte, ist gestorben. Eine Erkältung minderte ihren Lebenswillen so stark, dass sie loslassen konnte. Als man ihr ein Spitalbett versprach, in dem sie besser gepflegt werden könne, gab sie auf. Ich freute mich über diese Art zu sterben. Sie war nicht allein. Pflegefachfrauen hielten sie beim Umbetten und gleichzeitigem Sterben in den Armen.
 
Ein Tod richtet sich nicht nach der Agenda der Betroffenen. Rücksichtslos wurde von mir gefordert, neben anderen Arbeitssträngen jetzt vor allem jenem für die Beerdigung zu folgen. Celeste hat mich zeitlebens als ihre „Seggredärin“ (Sekretärin) vorgestellt und mir rechtzeitig alle Vollmachten gegeben. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, ihre letzten Wünsche zu erfüllen.
 
Ich habe schon für verschiedene Mitmenschen diese letzten Aufräumarbeiten übernommen und erfahre auch jetzt wieder, wie hilfreich es ist, wenn lange vorher darüber gesprochen wird. Was ist noch wichtig? Was soll gesagt und geschrieben werden? Wie soll das Leidmahl ausfallen usw. Was geschieht mit wertvollen Möbeln oder Andenken? Diese Fragen und die dazugehörigen Antworten sind enorm wichtig und erleichtern die Arbeit.
 
Celeste wünschte, dass ihre Asche in einer Nische bestattet werde. Der Verantwortliche vom Bestattungsdienst offerierte, selbst begeistert vom Urnenhain, einen Platz in der neu angelegten Nischenwand im Friedhof Sihlfeld. Ich dachte sofort an Kelten oder Römer, die solchen Orten viel Bedeutung gaben. Ideal auch nach den Vorstellungen der Verstorbenen und ideal für mich. Dieser Friedhof ist für mich gut erreichbar und er ist als friedliche Stätte schön. Von seiner Architektur her ein Ort der Geborgenheit.
 
Als wir den Tod im Bevölkerungsamt meldeten, wurden wir an allen Stellen sehr freundlich, mitfühlend und auf eine Art liebevoll begrüsst. Bevor wir an die Reihe kamen, trat eine Dame an den Schalter, die uns schon im Lift aufgefallen war. Sie konnte kaum mehr atmen. Und ihre Stimme versagte oft. Ein Tod, den sie betrifft, muss ihr arg zugesetzt haben. Da können wir uns gut vorstellen, dass das Personal dieses Amtes so geschult ist, dass es Mitgefühl signalisieren kann. Primo setzte für unseren Fall aber gleich ein Zeichen. Er informierte, wir würden einen Tod mitteilen, der als Erlöser gekommen sei. Wir seien nicht traurig.
 
Als Celeste vor 10 Jahren ins Heim eintrat, nannte sie mir Namen und Adressen von Verwandten und befreundeten Frauen. Ich listete sie auf. Ein A-4-Blatt wurde zu ¾ gefüllt, wohlgemerkt, jede Adresse ohne Leerschaltung an die nächste gerückt. Und jetzt, beim Tod, konnte ich nur noch 3 Personen mit der Todesanzeige erreichen. Wer über 90 Jahre alt wird, alleinstehend und kinderlos ist, wird zwangsläufig einsam.
 
Wo immer ihre Seele oder Persönlichkeit jetzt ist, wir wünschen ihr den Frieden. Letizia sagte ein paar Tage später, Celeste habe sich nicht mehr gemeldet (z. B. in einem Traum), und darum stelle sie sich vor, dass sie fadengerade, aber über ihr geliebtes Tal von Poschiavo, in ihre neue Heimat geflogen sei.