Donnerstag, 31. Januar 2008

Wo in Zürich finden wir eine 3- bis 4-Zimmer-Wohnung?

Heute Morgen, als ich das Haus verliess, schienen die Füsse zu sagen: Auf diesem Weg gehst du nicht mehr lange. Ich spürte den Kies unter den Füssen, obwohl ich nicht barfuss unterwegs war. Bis dahin freute ich mich jeweils nur über die Fussmassage. Heute aber nahm ich eine weitere Facette des bevorstehenden Abschieds wahr.

Seitdem der Auszug aus dem Bernoullihaus an der Hardturmstrasse in Zürich in meinem Hirn gespeichert ist, werde ich immer wieder aufmerksam auf das, was ich zurücklassen muss. Noch weiss ich nicht, wohin es uns verschlägt. „Verschlagen“ bezeichnet unsere Situation ganz richtig. Eine Wohnung zu finden, ist an den Zufall gekoppelt. Eine mir nicht bekannte Macht wird uns hoffentlich zum rechten Zeitpunkt in die richtige Richtung stossen.
Ich habe letztes Jahr im Zürcher Oberland eine Aufführung der 3 welschen Künstlerinnen Anne-Sylvie Casagrande, Edmée Fleury und Gisèle Rime erleben können. Ihr Ensemble nennen sie „Vokal-Trio NORN“. Sie verkörpern die aus der germanischen Mythologie bekannten Schicksalsgöttinnen, die die Fäden des Schicksals spinnen und weben.

Ihr Gesang, ihre wunderschönen Filzkleider, ihre Bewegungen und Tänze sind mir vor Augen, wenn ich versuche, mir eine Schicksalsmacht vorzustellen. Mit ihren seltsamen Klängen und der Kunstsprache, aber auch mit ihren Bewegungen nahmen sie uns in ihre Sphären und ihr Arbeitsfeld mit. Da lachten sie, wenn sie Wege zeigten oder grinsten, wenn sie solche abschnitten, wohl wissend, was das für den Menschen bedeutet.

So erlebe ich jetzt meine Wohnungssuche. Ich befinde mich oft auf einer Achterbahn, dann wieder auf einem scheinbar guten Weg, obwohl sich dieser bis heute noch nicht als der richtige erwiesen hat. Immerhin habe ich schon viele wertvolle Erfahrungen gesammelt.

Dass ich jetzt innerhalb des Blogateliers mein Anliegen formulieren darf, freut mich riesig.
*
Für unseren 2-Personenhaushalt suchen wir eine
3-, 3 ½- oder 4-Zimmer-Wohnung

Stadt Zürich, Kreise 2, 3, 4, 5, 8, 9, 10.
Nicht am Berg. Wir möchten noch lange Velo fahren.
Mit Lift.

Nicht an einer stark befahrenen Strasse.
Mindestens 1 Baum möchte ich in meinem Blickfeld haben.

Monatliche Miete bis CHF 1500.–.

Bis Ende September sollten wir das jetzt bewohnte Haus spätestens verlassen.
Wir können aber sofort ausziehen, wenn eine neue Wohnung gefunden worden ist.
Vielleicht sind wir als „Nachmieter“ interessant.

Nachtrag vom 20.02.2008
Jetzt ist das Rätsel schon gelöst, der neue Mietvertrag unterschrieben.
Es scheint, dass unsere Vorgaben mehr als erfüllt worden sind.
Rita Lorenzetti

Freitag, 25. Januar 2008

Bern: Vom Rosengarten über den Friedhof zu Paul Klee

Auf gut Glück sind wir in Bern zum Rosengarten gepilgert, doch die Ahnung bestätigte sich. Das Restaurant befindet sich noch bis März im Winterschlaf. Gleichwohl ist ein Spaziergang auch im Winter lohnenswert, denn die Aussicht auf Bern, auf ihre Altstadtreihen und den sie umfliessenden Aareschlauf ist einfach wunderschön.
 
Hier oben auf dem Hügel, der sich vom Bärengraben her auf dem Fussgängerweg „Aargauerstalden“ erreichen lässt, befindet man sich in einer Parkanlage, von der es heisst, sie sei ein Mekka für jeden Blumenliebhaber. Hier blüht vom Frühling bis zum Herbst immer etwas. Rosen, Rhododendren, Azaleen und Iris, geben den Ton an. Der Park ist auf einem alten (17651877), still gelegten Friedhofgelände angelegt. Eine Oase. Ein Ort fern von hektischem Stadtleben und der Stadt doch nahe.
 
Wir waren zur Buchpräsentation ins ehemalige Pförtnerhaus am Rande des Schlosshaldenfriedhofs gekommen, wo der „Verlag Rothe Drucke“ die bibliophile Ausgabe „Wer auch immer“, eine Grafikedition mit Werken von Alois Lichtsteiner, auflegte. Der Weg dorthin liess sich gut mit dem Besuch im Rosengarten kombinieren. Später bereicherten noch der Spaziergang durch den angrenzenden Friedhof und einige Zufälle unser ursprüngliches Ziel.
 
Da war einmal der Bereich der Gräber für Kinder. Mit seinem Sammelsurium von sich bewegenden Elementen, Windrädern, Blumen, Figuren, Worten und Bildern war eine frohe Stimmung auszumachen, obwohl der Tod von Kindern etwas Tieftrauriges ist. Hier wehte ein versöhnlicher Geist. Gleich daneben fanden wir unerwartet das Grab von Paul Klee und seiner Frau und realisierten bald einmal, dass wir uns im nahen Umfeld jenes Zentrums befanden, das 2005 für seine Werke geschaffen worden war.
 
Der Text auf der Grabplatte ist anrührend. Es heisst da:
 
„Hier ruht der Maler Paul Klee 18.12.1879–29. Juni 1940
 
Diesseitig bin ich gar nicht fassbar. Denn ich wohne grad so gut bei den Toten, wie bei den Ungeborenen. Etwas näher dem Herzen der Schöpfung als üblich. Und noch lange nicht nahe genug.“
 
Gleich nebenan ist der Weg zur Luft-Station angelegt. So lautet auch der Name eines Werkes von Klee. Um die Form eines Kegels führt ein Pfad spiralförmig nach oben und belohnt alle, die diesen kurzen Weg gehen, mit der grossartigen Aussicht zum Alpenkranz hin.
 
Die gute Stimmung blieb um uns auch im „Zentrum Paul Klee“, beim Essen und später im Gespräch mit einer Museums-Angestellten, die auf den Auftakt zum Ausstellungsjahr 2008 hinwies. Die neue, am 26. Januar 2008, anlaufende Ausstellung widmet sich der GENESIS und behandelt das Thema „Die Kunst als Schöpfung“. Die Themen sind weitreichend und spannend. Sie können unter www.zpk.org aufgerufen werden. Zu dieser Ausstellung würden auch lebende Hühner gehören, sagte uns diese Frau. Man sei eben daran, den Hühnerhof aufzubauen. Gerade vorhin seien die Hühner angeliefert worden. Da fanden wir sie dann draussen, noch in ihren Plastikkörben, eng zusammengepfercht, wartend, was da kommen soll. Sie dauerten mich. Es waren schöne Exemplare, auch ein Perlhuhn und farbig schillernde Hähne. Sie dürfte es wenig interessieren, was die Menschen im Gesprächslabor dann miteinander beraten und zum Thema „Vom Urknall zum Homo Sapiens“ denken werden. Hoffentlich wird ihnen ein artgerechter Hühnerhof aufgebaut, in dem sie ein anständiges, ihnen entsprechendes Leben führen können. Was nützen alle Worte, wenn sie nicht auf die Bedürfnisse des Lebendigen eingehen?
 
Im Laufe des vergangenen Jahres kam ich erstmals ins Zentrum Paul Klee. Die Frauengruppe, der ich angehörte, wurde von 2 verschiedenen Personen (eine Frau und ein Mann) durch die Ausstellung geführt. Ich war jener zugeordnet, die von einem Kunsthistoriker betreut wurde. An ihn dachte ich bei diesem erneuten Besuch und dem Anblick der Hühner. Zu viel Wissen und zu viele Worte können schädlich sein. Wir wurden damals mit kunsthistorischem Wissen geradezu übergossen. Es gab im Referat keinen überflüssigen Atemzug. Eine echte Begegnung mit einem Bild war für mich unmöglich. Ich bekam Kopfweh und beneidete die andere Gruppe, die auf ganz ruhige Weise den gefühlsmässigen Zugang zu Klee fand.
 
Der erneute Besuch in denselben Hallen hat nun einen Ausgleich geschaffen. Primo und ich liessen uns von Bildern gefühlsmässig leiten. Wir schauten und hörten. Heisst es nicht: Ein Bild spricht mehr als 1000 Worte?
 
Literatur zu Ausstellungen und Künstler-Biografien interessieren mich auch. Aber erst, wenn ich wieder zu Hause bin und ich das Geschaute verinnerlicht habe.
 
Ganz anders die Situation, wenn Kühe sich mit Kunstbüchern befassen. Ein Lieblingswitz von mir lautet so:
Auf der Wiese, in zartem Gras liegend, vertieft sich eine intellektuelle Kuh in die Betrachtung eines Bildbandes. „Was siehst du dir an?“ fragt der Ochse. „Etwas Faszinierendes von meinem Lieblingsmaler.“ „Wie heisst er denn?“ „Klee.“

Sonntag, 20. Januar 2008

Überforderte Ohren streikten und erschreckten mich bös

Nach diesem Telefongespräch fühlte ich Panik. Letizia hatte angerufen und mir die erwartete Information geliefert. Sie war zu Fuss auf dem Heimweg und in heiterer Stimmung. Ich hörte sie schlecht, machte darauf aufmerksam. Der hektische Verkehr werde mich stören, folgerte sie. Und ich, etwas aufmüpfig, verwies auf den Akku ihres Natels. Der sei offenbar am Auslaufen. Nein, keine Anzeige. Alles in Ordnung.
 
Als ich aufgelegt hatte, änderte das gar nichts. Das Knistern im Ohr ging weiter. Jetzt wurden die Nachrichten aus dem Radio zerhackt. Unerträglich. Beängstigend. Mit den inneren Augen „sah“ ich dann meine Ohren als verschlossene Tore, an denen die Schwingungen von Worten aufschlugen, schepperten und zu Boden fielen. Noch nie so erlebt, obwohl ich Schmalzpfropfen kenne.
 
Ich musste mich in einen stillen Raum zurückziehen, um nicht verrückt zu werden.
 
Am andern Morgen säuberte der Arzt meine Ohren. Jetzt fühle ich wieder eine Kathedrale um mich. Viel Raum für Worte und Klänge. Jetzt können sie wieder schwingen und ausklingen. Aber schrille Töne, wie sie beispielsweise Kabarettisten alter Schule noch gebrauchen, irritieren sofort. Das wird eine Alterserscheinung oder vielleicht sogar ein Zeichen für die zurückgewonnene Hellhörigkeit sein.
 
Wieder zu Hause, sandte ich Letizia ein Mail: Nicht dein Natel war schuld am gestörten Empfang, sondern der Schmalz in meinen Ohren. Fazit: Immer zuerst den Fehler bei sich selber suchen, nicht bei den andern!
 
Und sie meldete zurück: Ich musste herzhaft lachen!

Freitag, 11. Januar 2008

In meiner Rückschau gäbe es da und dort viel zu danken

Ruedi war Buchdrucker und Fotograf alter Schule, als er noch im gleichen Gebäude arbeitete, in der sich auch unsere Werkstatt befand. Ein begeisterungsfähiger Mann, der keine Mühe hatte, sich auf Experimente einzulassen, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht berufskonform waren. Er druckte uns verschiedenste Geschäftspapiere, Holzschnitte und ebenso Holz als Struktur.
 
Dann trennten sich unsere Wege, weil er an einem anderen Ort Arbeit fand. Jetzt, nach über 20 Jahren, meldete er sich wegen einer Schreinerarbeit wieder bei uns. Sein Besuch liess viele Erinnerungen aufsteigen. Ich freute mich, ihm zu sagen, dass wir seine Arbeiten immer noch schätzten und dass ich mir bewusst sei, wie viel er für uns getan habe.
 
Er schmunzelte, denn er wusste das selber auch. Nur ist es so, dass wir manchmal gar keine Möglichkeit haben, solche Einsichten auszusprechen. Ruedi war weggezogen. Wir hatten keine Adresse mehr von ihm. Er kreuzte unsere Wege nicht mehr. Und selbst wenn in Gedanken die Zusammenarbeit manchmal als wertvolle Erinnerung aufblitzte, setzte ich mich nicht hin und schrieb ihm. Die Rechnungen waren ja bezahlt. Und doch wünsche ich mir manchmal, die besondere Leistung, die wir anderswo nicht bekommen hätten, zu erwähnen.
 
Maurice, dem Südfranzosen, konnte ich nie danken, denke aber immer wieder einmal an ihn. Wir arbeiteten in Paris im selben Buchverlag. Ich war dort als Stagiaire angestellt, bearbeitete die eingegangenen Bestellungen, und er verpackte die Bücher. In der Pause holte er seine Gitarre und spielte hingebungsvoll Stücke von Manuel de Falla. Zum Ritual gehörte auch ein Apfel, den er anschliessend ass.
 
Von ihm hörte ich erstmals von den schädigenden Spritzmitteln, die über die Obstbäume gesprüht würden. Darum wusch er den Apfel jedesmal mit der unparfümierten Marseille-Seife und polierte die Haut des Apfels mit einem sauberen Tuch, bis sie glänzte. Das mache ich seither auch so. Und dafür möchte ich ihm danken. Er vermittelte mir, damals 19-jährig, die ersten Ansätze für eine bewusste, gesunde Ernährung.

Dienstag, 8. Januar 2008

Während der Bahnfahrt wird geplaudert und ausgeplaudert

Im Eisenbahnabteil neben den Einrichtungen für den Velo-Transport waren Primo und ich die einzigen, die keine SMS erhielten oder abschickten, nicht am Computer arbeiteten und auch keine Musik oder Botschaften über Kopfhörer empfingen.
 
Uns vis-à-vis arbeitete ein Mann am Computer und trug diesen von Zeit zu Zeit in den Bereich des Gepäckwagens, wo er ihn vermutlich an eine elektrische Steckdose anschliessen und seine Botschaften loslassen konnte.
 
Später telefonierte er seiner Frau oder Freundin, meldete die Zugsankunft und überliess ihr grosszügig die Menuwahl für das Abendessen. Er meldete, dass er sich darauf freue. Dann klingelte sein Handy, und er musste Fragen von einem Mitarbeiter beantworten. Unmöglich, dass ich das Gespräch hätte ignorieren können. Er sprach in normalem Konversationston über die Möglichkeit von Kunstgriffen in der Buchhaltung oder vielleicht von einer Daten-Erhebung, die noch etwas zurechtgebogen werden musste. Es war Jahresende und ein anderer Mitarbeiter hatte diese Eingriffe verschlafen. So verstand ich die Geschichte, die mich grundsätzlich nichts angeht, die ich aber zwangsläufig mithören musste. Was würde wohl ein Vorgesetzter dazu sagen? Ich stellte mir zeitweise vor, dass hinter seinem Rücken ein Mann aufstehen und ihn zur Rede stellen könnte.
 
Was ich als Zumutung empfinde, scheint aber normal zu sein. Dieser Mann war nicht der einzige, der uns Bahnfahrende mit einer Art Hörspiel unterhielt. Dominant auch eine junge Frau, die mit einer Freundin telefonierte und ihr die Wettersituation in jenen Städten schilderte, in denen sie sich in den vergangenen Wochen aufgehalten habe. War sie vielleicht eine Flugbegleiterin? Es tönte trotzdem unglaubwürdig und vor allem laut.
Und ich schaute unentwegt in die verschneite Landschaft und wie sich die Nebelschwaden vor den schroffen Felsen der Churfirsten bewegten und uns sogar eine Durchsicht in hintere Welten öffneten, wo die untergehende Sonne einen Felszacken berührte und ihn kurz aufblitzen liess.
 
Primo und ich verständigten uns während der ganzen Fahrt höchstens mit bedeutungsvollen Blicken. Erst später habe ich realisiert, dass wir unsere Empfindungen zu den schönen Landschaftsbildern wohl hätten aussprechen können, denn die meisten Mitreisenden waren ja verkabelt und hätten uns gar nicht gehört. 

Montag, 24. Dezember 2007

Zurich-Airport: Die bewegende Ankunft von Mena aus Paris

Erst später habe ich realisiert, dass für uns die Welt für eine Weile stille gestanden ist, als wir Mena in der Ankunftshalle im Flughafen Zürich wohlbehalten in Empfang genommen hatten. Ganz selbstsicher kam sie an der Seite des Begleiters daher. Die Übergabe gegen Unterschrift vollzog sich als etwas Selbstverständliches für den Mann und für uns als einen bedeutenden Augenblick.
 
Da standen wir dann, schauten das kleine und in diesem Moment beinahe erwachsen scheinende Mädchen an. Es strahlte, es erzählte. Alles verlief so, wie man es ihm geschildert hatte. Mena wusste im voraus, dass wir an der Glasfront nach ihr ausschauen würden. Sie erkannte uns sofort, winkte, informierte den Begleiter, wir seien da.
 
Anstatt den Weg für andere Ankommende freizuhalten, standen wir einfach still. Erstaunlich, dass uns niemand rügte. Alle fanden ihren Weg wie das Wasser im Quellbereich, wenn es noch kein fixes Bett hat.
 
Unsere 5 ½-jährige Enkelin war in diesem Moment etwas aufgedreht, fotografierte uns, zeigte eine Filmsequenz auf ihrer Digitalkamera, den Blick vom Himmel in die Landschaft, aus dem Flugzeug aufgenommen. Kinder von heute. Da staunen wir. Es wird uns bewusst, wie sich das Wissen der Menschen entwickelt und die Welt verändert hat. Und wie Kinder mit der Technik befreundet sind. Sie spielen mit ihr.
 
Nach der kurzen Bahnfahrt haben wir in Zürich dann die Bahnhofshalle durch den Weihnachtsmarkt verlassen. Mena bewunderte die Tanne mit den vielen Swarowski-Kristallen, die mit dem Licht spielen und Farben herbeizaubern. Sofort wollte sie zu uns nach Hause, um mit dem Grossvater diese Tanne zu malen, das Plakat dann im Freien aufhängen, damit alle wüssten, das „fête“ (das Fest) sei da.
Mit den Farbstiften allein wurde der Baum noch nicht so ausstrahlend, wie sie es gesehen hatte. Anderntags wurde ihm dann aber doch noch zu einem annähernden Glanz verholfen. Der Grossvater schnitt ihr Schnipsel von irisierendem Papier zu und sie verteilte diese so locker, wie es nur Kinder können. Jetzt sei der Baum „magique“ (zauberhaft, magisch), erklärte sie.
Dieses französische Wort werden wir gewiss über die Feiertage hinaus behalten und dort einsetzen, wo das Leben farbig ist und wo wir staunen können.
 
In diesem Sinne „Une bonne année magique 2008!“ (ein gutes, magisches Jahr 2008) an die gesamte Leserschaft.

Sonntag, 16. Dezember 2007

Wintermorgen in Einsiedeln: Besinnliche Dezember-Reise

Weihnachten 2007 wird anders für uns. Wir sind wieder gefordert. Mena, unsere 5 1/2 Jahre alte Enkelin, will mit uns feiern. Sie wird alleine von Paris nach Zürich fliegen. Letzte Woche telefonierte sie mir und sagte: „Grosy! Ich habe es in der Schule erzählt, dass ich allein zu Euch komme. Aber sie glauben es mir nicht!“ (Sie besucht die 3. Stufe der „Ecole maternelle“.) Sie ist fest entschlossen, allein zu reisen, seitdem sie von einer Freundin erfahren hat, wie der Begleitservice der Fluggesellschaften funktioniert. Dieses Mädchen flog in den Herbstferien zur Grossmutter nach Berlin. Es konnte Mena ganz genau informieren.

Nun bin ich nach Einsiedeln gefahren, um dort Kerzen und Schokoladenschmuck für den Christbaum einzukaufen. Es soll diesmal ein besonders strahlender werden. Der offizielle Weihnachtsmarkt war bereits vorbei, doch fand ich in den hier ansässigen, traditionellen Geschäften genau das, was ich suchte. Bei „Lienert“ die Kerzen aus der eigenen Produktion, im Laden der Schafbock- und Lebkuchenbäckerei „Goldapfel“ verschiedenste Varianten von Schokolade, die sich für die Christbaum- und Tischdekoration eignen. Auch bei „Tulipan“ wurde ich fündig. Und dort trinke ich jeweils einen Kaffee und geniesse etwas aus der eigenen Bäckerei. Die Auswahl ist immer gross und die Wahl schwierig. Alles ist fein, von höchster Güte.
 
Auch zu Benziger gehe ich regelmässig. Diesmal schaute ich nach Kinderbüchern aus und fand solche, die einen Bezug zu Weihnachten herstellen. Benziger kenne ich seit Kindsbeinen. Meine Mutter war Präsidentin des Mütter- und Frauenvereins. 1945 fand in unserer Gemeinde, in der katholischen Kirche, eine Volksmission statt. Mutter organisierte den Verkauf von Andenken (Bücher, Andachtsbilder, Gebetsbildchen, Rosenkränze, Figuren von Heiligen, Kreuze usw.) Und diese wurden von Benziger, Einsiedeln, geliefert. Ich durfte, damals 6-jährig, helfen, die grosse Sendung auszupacken und miterleben, wie eine Ausstellung entsteht. Das hat mich geprägt. Wenn von Einsiedeln als einem „Kultur- und Wallfahrtsort“ gesprochen wird, entspricht das auch meiner Wahrnehmung, immer noch. Aber heute ist auch der Sport an diesem Ort ein wichtiger Tourismus-Faktor.
 
Der Mittelpunkt von Einsiedeln ist aber das Kloster mit seiner Gnadenkapelle innerhalb der barocken Kirche. Ein Anziehungspunkt für Millionen von Menschen. Die zeitlose Schönheit der schwarzen Madonna, die aus einer goldenen Wolke hervortritt, fasziniert nicht nur die Katholiken. Hier finden alle, die danach suchen, Einkehr und innere Ruhe. Es ist ein Ort, der uns für eine Weile aus der hektischen und materiell organisierten Alltagswelt heraustreten lässt. Hier können viele ihre Ängste zurücklassen.
 
Wer erstmals nach Einsiedeln kommt, sollte das „Salve Regina“, den Gruss der Mönche an die Gottesmutter, nicht verpassen. Dieses Loblied wird seit beinahe 500 Jahren täglich als Abschluss der Vesper gesungen. (Beginn der knapp halbstündigen Vesper: 16.30 Uhr.) Wer einmal dabei war, wird wiederkommen. Der Gesang ist eindrücklich schön.
 
Es erstaunt nicht, dass das Logo von „Einsiedeln Tourismus“ mit der Silhouette des Klosters für die gesamte Region wirbt.
 
Hier haben Primo und ich geheiratet. Nicht in der barocken Kirche selbst. Zu uns passte die schlichte Turmkapelle besser, die damals den Pfadfindern vorbehalten war.
 
Als Hochzeitsgeschenk durften wir am Tag zuvor die Röcke der Madonna in der Sakristei bewundern. Sie werden in einem alten, gepflegten Schrein aufbewahrt. Ein schmaler Bildband mit dem Titel „Das Kleid der Madonna“ (*) zeigt die offenen Schubladen, in denen die kostbaren Gewänder geschützt aufbewahrt werden. Jedes einzelne hat seine Geschichte. Es heisst da: „Um die Wette vergaben Frauen und Männer ihre kostbaren Stoffe und Röcke an ,Unsere liebe Frauw’. Pater Thaddäus Zingg listet in seiner Dokumentation viele Donatoren aus dem Kreis der Wohlgeborenen auf. Zwei Beispiele sollen das illustrieren: ,Es opferet Maximilian, erwählt König in Polen, Erzherzog in Oesterreich, Ornat mit ganz güldenen Blumen...’ oder ,Die Mutter Napoleons III. besuchte mehrmals Einsiedeln, schenkte ihr Brautkleid, das als Muttergotteskleid verwendet wurde’.
 
Am Tag meines Besuchs trug sie das Menzingerkleid.  Eine Arbeit von Menzinger Nonnen, die 1958 an der SAFFA (Ausstellung für Frauenarbeit) in Bern ausgestellt worden war. Die Stickerei auf diesem Kleid zeigt zwei Engel mit erhobener Krone. Es ist zusätzlich mit virtuosen Ornamenten bestickt.
 
Als ich nach meinem Besuch aus der Kirche heraustrat, war die Welt weiss geworden. In kurzer Zeit fielen so viele Flocken vom Himmel, dass ich eine veränderte, hellere Welt vorfand. Ich war sehr früh nach Einsiedeln gereist, weil ich hoffte, auf dem Weg dem Zürichsee entlang den Sonnenaufgang zu erleben. Den fand ich nicht, bemerkte nur bei der Ankunft, dass die Strassen- und Dekorationslichter gerade ausgeschaltet wurden. Dieser Augenblick markiert überall den eben eingetretenen Sonnenaufgang. Sonst war er für mich als solcher nicht markant wahrzunehmen, die Nebeldecke war zu dicht.
 
Die Anreise nach Einsiedeln ist am schönsten mit der Bahn. Ab Wädenswil überwindet sie innert einer halben Stunde 264 Höhenmeter. Während einem Drittel der Fahrt kann die weite Sicht über den See einerseits nach Zürich hin und andererseits über die Inseln und den Damm von Rapperswil hinweg Richtung Obersee bewundert werden. Die von der Jahreszeit und dem Wetter beeinflusste Sicht ist immer wieder anders. Immer wieder ein Erlebnis, auch wegen der Hügel und der dahinter liegenden Berge, die den See umgeben.
 
Vor Jahren fuhr ich an einem verhangenen Morgen auch nach Einsiedeln.  Es war dunkel, ich war schläfrig, erwachte aber wie nach einem Paukenschlag, als wir in Schindellegi-Feusisberg eintrafen. Der Zug hatte gerade die Nebelgrenze überfahren, und die Sonne lachte über mein Erschrecken. Nie mehr habe ich einen so tief berührenden Sonnenaufgang erlebt. Noch immer hoffe ich auf eine Wiederholung.
*
Hinweis
(*) Der erwähnte kleine Bildband wurde 1974 von Pater Thaddäus Zingg, Einsiedeln, herausgegeben.
Die zweite, 1983 erschienene Auflage, ist bei Buchhandlung Benziger AG, Klosterplatz, CH 8840 Einsiedeln, immer noch erhältlich. Sie ist nicht mit einer ISBN-Nummer versehen.

Samstag, 8. Dezember 2007

Post: Die Mitarbeit in der Briefzustellung beflügelte mich

Heute fehlte der „Tages-Anzeiger“ in unserem Briefkasten. An seiner Stelle lag die „Neue Zürcher Zeitung“. Eine Verwechslung, die ich gut nachvollziehen kann. Abonnierte Zeitungen und neu auch abonnierte Wochenblätter ohne aufgedruckte Adresse zuzustellen, ist eine anspruchsvolle Arbeit.


Meine mehrjährigen Erfahrungen als „Postaushelferin“ (Zustellung der Briefpost am Samstag) spiegeln sich in diesem Verständnis.
 
Für einen Rückblick habe ich mein Tagebuch von 1983 hervorgeholt. Dort ist meine erste, noch von der Vorgängerin begleitete Tour beschrieben. Damals brauchten wir noch Schlüssel, um die Briefkästen innerhalb eines Hauseingangs zu bedienen. Neu waren aber die als Code verschlüsselten Namen auf dem Tableau der Hausglocken. Ein Druck auf das richtige Wort – und die Haustür öffnete sich. Heute müssen die Briefkästen aussen angebracht sein, was die Arbeit wesentlich vereinfacht.
 
Frau K., die mich einführte, beeindruckte mich. Sie verteilte die Briefe in einem erschreckenden Tempo. Da, dort, hier, unten, oben, rechts. Ein kurzer Blick auf eine Anschrift und schon hob sich der Arm in die richtige Richtung. Ihre Arbeit pulsierte und die Briefkästen schepperten in ihrem persönlichen Takt. Schon im 2. Haus übergab sie mir den entsprechenden Bund. Was Frau K. verinnerlicht hatte, fehlte mir aber noch. Zwar gründlich, aber noch zu langsam, versuchte ich, die Adressaten zu finden und die Bürde loszuwerden. Im 3. Haus übernahm sie dann selbst wieder das Zepter, und ich ging neben ihr her. Ihre vielfältigen Hinweise, worauf ich ganz speziell achten müsse, kamen locker daher. Konnte ich das alles behalten? Würde ich überhaupt den Weg mit seinen vielen Abzweigungen wieder erkennen? Ob ich dann noch daran denke, dass der Zugang zu den Briefkästen einmal sogar durch eine Metzgerei und an einem andern Ort durch ein Restaurant führe? Auf unserem gemeinsamen Weg grüsste Frau K. einige unserer Postkunden und stellte mich als Nachfolgerin vor. Mich machte sie auch auf schwierige Kunden aufmerksam. Die hagere Frau dort, höre das Gras wachsen und jener Mann telefoniere regelmässig dem Chef, weil er immer etwas auszusetzen habe.
 
Auf halber Tour war dann unser Handwagen leer, unsere Arbeit aber noch nicht beendet. Es wartete ein deponierter Postsack, dessen Inhalt wir umladen und auch noch verteilen mussten. Wichtig war, dass die einzelnen, nummerierten Pakete in richtiger Reihenfolge verstaut wurden. Nur so können die Pakete selber den weiteren Weg der Tour vorgeben.
 
Nach nur einmaliger Begleitung und doch in kurzer Zeit hatte ich die Aufgabe dann verinnerlicht, und meine Arme reagierten ebenso roboterhaft wie jene von Frau K., wenn ich eine Anschrift las. Und jedesmal, wenn ich den leeren Wagen in die Sihlpost zurückbrachte, freute ich mich, dass jetzt wieder viele wichtige Papiere an ihren Zielen angekommen waren.
 
Gastarbeiter warteten immer schon vor ihrer Haustür auf die Post aus der Heimat. Manchmal musste ich ihnen etwas Amtliches vorlesen, was sie nicht verstanden hatten und nach Möglichkeit erklären. Da leuchtete dann ein sonst verschlossenes Gesicht, wenn eine erwartete Mitteilung endlich angekommen war.
 
Und ich wurde beschenkt. Am Morgen brachte ich jeweils nicht nur die Post in die Metzgerei Gut. Ich gab auch meine Bestellung ab. Im Stoffsack befanden sich der Zettel mit meinen Wünschen und das Portemonnaie mit dem nötigen Geld. Wenn ich ihn auf dem Rückweg abholte, waren immer auch Zugaben darin. Oft hat die liebenswürdige Frau Gut eine Flasche warme Fleischbrühe hinein verpackt, in der ich dann zu Hause die zarten Leberknödel aufwärmen konnte. Die ganze Familie träumt noch von dieser echten Bouillon. Diese feine Metzgerei gibt es leider schon lange nicht mehr. Heute müssen wir in der Stadt an vielen Orten Fleisch in der Plastikfolie kaufen. Das widerstrebt mir immer noch. 
 
Manchmal spüre ich ein bisschen Heimweh nach diesen Zeiten. Auch darum, weil mein Wesen gut zu den Postboten passt. Es ist eine Gemeinschaft eigenständiger Menschen, die sich gerne bewegen, selbständig arbeiten und nicht darüber jammern, wenn es regnet oder schneit. Unvergesslich ist mir der Moment, wenn um 8 Uhr die Glocke im Sortierraum klingelte. Das war das Zeichen, dass wir ausschwärmen konnten. Auch wer seine Tour schon vorher bereitgestellt hatte, musste warten, bis die letzten, manchmal verspäteten Zeitungen eingetroffen waren. Dann stürmten alle zum Lift, zwängten sich mit ihren Ladungen hinein, und sobald sich die Tür unten öffnete, spurteten sie davon. Viel schneller als ich es konnte.
 
Unterwegs durften wir die Einladung eines Wirts zu einem Kaffee annehmen. So informierte mich der für meine Tour zuständige Chef. Die Post schätze ein gutes Einvernehmen mit ihren Kunden. Die Gefahr, zu lange sitzen zu bleiben, kam nicht auf. Meine Tour z. B. wurde mit 3 Stunden à Fr. 16.– entlöhnt. Vertrödelte ich die Zeit aus irgendwelchem Grund, blieb der Lohn doch der gleiche.
 
Anfänglich fühlte ich etwas Stress, hatte Angst, die heiligen Hallen der Sihlpost wären schon verschlossen, wenn ich endlich zurückkäme. Das passierte aber nie.
 
Als ich den Dienst kündigte, erinnerte mich der Chef an die PTT-Brosche, die uns als Aushilfspöstler auszeichnete. Ob ich das Depot von Fr. 5.–  zurückerhalten oder die Brosche behalten wolle. Er lachte, als ich mich für die Brosche entschied. Das habe er erwartet.
Jetzt habe ich bei den Akten meiner Aufzeichnungen auch noch den Ausweis für Postaushelfer gefunden. Primo beobachtete mich, hatte volles Verständnis für meine Rührung.
 
Da heisst es: „Der Inhaber dieses Ausweises ist berechtigt, sich zu postdienstlichen Verrichtungen in den Diensträumen des nachverzeichneten Amtes aufzuhalten.“ 
Mit Stempel der Briefausgabe und Telefon-Nummer.
 
In Zürich-Mülligen ist im November 2007 ein neues, gigantisches Sortierzentrum entstanden. Da habe ich keinen Zutritt mehr. Im ersten Quartal 2008 beginnt dann der Abbau der Sihlpost in Zürich. Wie immer sich jetzt die Verteilung abspielt, ihr letzter Dienstast ist nicht maschinell besetzt. Es sind Menschen, die uns die Post bringen. Weil niemand von uns perfekt ist, können sich Verwechslungen oder Verspätungen einstellen. Gerade auch in der strengen Weihnachtszeit. Für dieses Verständnis werbe ich, obwohl ich Perfektion grundsätzlich liebe und sie voraussetze.

Samstag, 24. November 2007

Der Christbaum auf dem Baukran, das Windrad im Garten

Heute steht das Windrad beinahe still. In den vergangenen Wochen aber arbeitete es schwer. Die Bise trieb es an und gönnte ihm keine Pausen. Unsere Augen waren meist zu langsam, um die einzelnen Fächer noch zu erkennen. Einmal landete es im Gras und musste zurechtgebogen werden. Dann folgte es wieder seiner Bestimmung. Primo hatte es aus einer gebrauchten Alu-Getränkedose zugeschnitten und es an der Teppichstange befestigt. Das leichte Material erwies sich als richtig. Es reagiert auf feinste Anstösse und folgt den verschiedensten Windrichtungen.
 
Und heute darf es einmal ruhen. Dafür ist jetzt mein eigenes, inneres Rad im Schwung. Wer es antreibt, weiss ich nicht genau. Ich stelle mir vor, dass es eine geistige Energie ist.
 
Vom Wind wissen wir, dass er ein Beweger ist, eine Energie, die wir nicht sehen können. Was wir wahrnehmen, sind seine Reaktionen: Die Blätter zittern, wenn er in die Bäume fährt. Die Wasseroberfläche kräuselt sich, wenn er gegen den Strom bläst. Als Velofahrende kenne ich ihn als Rücken- oder Gegenwind. Und ich fürchte ihn, wenn er zum masslosen Sturm wird, weil er auch als Zerstörer bekannt ist.
 
In Museen können wir Weltkarten aus jener Epoche finden, als die Erde noch als eine Scheibe aufgefasst wurde. Auf solchen Darstellungen sind an den 4 Ecken des Bildes jeweils die Winde als blasende, menschliche Köpfe dargestellt. Aber niemand hat den Wind je als Person gesehen. Das ist Bildsprache, Symbolsprache. Ich bin immer noch am Suchen, wie ich meine persönliche Lebensenergie als Bild verstehen könnte. Das Windrad allein genügt nicht. Es braucht noch ein Symbol für die Energie selbst.
 
So viel habe ich bis jetzt aber begriffen: Sie braucht Anstösse, um zur Bestform aufzulaufen. Gestern Abend bekam ich einen solchen „Schupf“ (Anstoss), als ich auf dem Baustellenkran in meinem Umfeld einen erleuchteten Christbaum entdeckte. Hoppla! Die Weihnachtszeit bricht an.
Und heute lief dann in dieser Hinsicht vieles wie am Schnürchen: Letizia hatte sofort Zeit, die typografische Textgestaltung unserer Weihnachts- und Neujahrskarte zu besprechen und mir einen Entwurf zu liefern. Dann holte ich in der Papeterie die passenden Briefumschläge und fand in den Auslagen gleich noch die Agenden für 2008. Danach zog mein Velo eine grössere Kurve in die Innenstadt, damit ich die festlichen Briefmarken einkaufen konnte. Die „Philateliestelle“ innerhalb der Fraumünsterpost in Zürich ist dafür die richtige Adresse.
 
Beschwingt bin ich zurückgekommen. Beschwingt gehe ich an weitere Vorarbeiten für den Versand heran. Ich liebe diese Zeit, in der Kontakte wieder gefestigt werden. Es macht mir Spass, Briefe zu schreiben und Glückwünsche zu versenden. Beschwingt bin ich jetzt auch, weil ich endlich eine Form gefunden habe, in der ich die Beobachtungen rund ums Windrad in einen Beitrag fürs Blogatelier einbinden kann. Und jetzt weiss ich auch gleich noch, wie die mich gerade bewegende Energie heisst: Begeisterung.
 
Aber: Begeisterung kann auch gefährlich werden. Darüber gibt jeweils der Blutdruckmesser Auskunft.

Freitag, 9. November 2007

Thema Heizen: Eine Störung weckt Erlebnisse von früher

Letzte Woche erschreckte mich ein mäandrierendes Bächlein im Keller. Es trat wie eine Quelle aus dem Geviert, in dem die Heizung untergebracht ist. Nachdem nun die verkalkten Schutzanoden im Wassertank durch neue ersetzt worden sind, kann ich sie wieder vergessen. Sie ist ja autonom und wird unser Zuhause weiterhin zur rechten Zeit und im rechten Ausmass wärmen.
Ganz anders früher. Da wurde unser Kachelofen mit Holz und Kohle gefüttert, und das war hauptsächlich meine Aufgabe. Ganz im traditionellen Mutter-Verständnis von damals. War ich ohne grosse Unterbrüche zu Hause, war es hier gemütlich und warm. Wir liebten unseren Ofen, der von der Küche her geheizt wurde. Im Spätherbst, wenn die Saison begann, jubelten die Kinder, wenn sie Feuer entfachen und dem Knistern der Tannenholzspäne zuhören konnten. Und alle liebten wir die auf dem Ofen lagernden, mit Kirschensteinen gefüllten Stoffsäcke. Froren wir beim Heimkommen aus der Stadt, legten wir sie auf den Boden, standen darauf und lehnten an den Ofen. Und sogleich kehrte unsere eigene Wärme zurück. Wir nahmen sie auch ins Bett mit. Sie waren immer richtig warm, ganz anders als die Bettflaschen, die mit warmem oder heissem Wasser gefüllt werden müssen.
 
Im Ofen konnte auch gekocht werden. Die beiden Fächer wurden rege benützt. Von der Küche her, hinter einer Klappe, brodelten Eintöpfe und briet Rösti. Im Stubenfach liessen wir Wasser verdunsten. Da konnten die Kinder auch beobachten, wie sich am emaillierten Gefäss Kalk ablagerte und Gesteinswände entstanden. Das aus Messing hergestellte Ofentürli in der Stube wurde jeweils von Felicitas hingebungsvoll poliert und sah dann wie ein Schmuckstück aus.
 
Es faszinierte uns auch das Simmern im Ofen, das vom verdunstenden Wasser ausging. Obwohl sehr leise, tönte es doch so, wie wenn Geschichten erzählt würden. Lauschten wir ihnen, fühlten wir, dass hier unser unverwechselbares Zuhause sei. Das ist denn auch der grösste Verlust, den uns die moderne Gasheizung, mit der wir übrigens sehr zufrieden sind, abverlangte. Das Simmern ist verstummt.
 
Auch in unserer ersten gemeinsamen Wohnung in Zürich-Höngg mussten wir selber heizen. Primo sagte oft, Holz gäbe doppelt warm. Erstmals, wenn wir es in den dritten Stock hinauftrügen und dann, wenn es verbrannt werde.
 
Wir heirateten in jenem Oktober, dem dann der sehr kalte Winter mit der „Seegfrörni“ folgte. (1963 gefror der Zürichsee zum letzten Mal.) Unsere schlecht isolierte Wohnung war kaum zu erwärmen. In der Dachlukarne, die mir als Kühlschrank diente, gefror die Milch zu einem Block. Meinem Schwager, der in einem hinteren, nicht beheizbaren Zimmer wohnte, schob ich jeweils am Morgen nach dem Betten eine heisse Bettflasche unter die Decke, um ihm eine minimale Wärme bereit zu halten. Es bildete sich dann Kondenswasser, und die Matratze schimmelte. So waren die Verhältnisse früher.
 
Und zum Heizen gehörte die Kaminreinigung mit dem unheimlichen Russ, der sich in unserer Stube überall absetzte. Mit Leintüchern deckte ich Schränke und die offene Bücherwand jeweils vorsorglich ab, wenn ich den Kaminfeger erwartete. Wir lebten wirklich elementar.
 
Wenn die Holzlieferung angesagt war, hatte ich immer ein schlechtes Gefühl, dass sich die wackeren Männer für uns abmühen müssen, obwohl es ihr Beruf war. Ein Trinkgeld allein konnte doch ihre Rücken nicht stärken. Einmal ergab es sich wieder, dass eine extreme Kälte wochenlang anhielt und das Holz und die Kohle überall knapp wurden. Es war vor Weihnachten und alle Kundschaft drängte auf Lieferung. Wir wurden als letzte noch bedient. 4 Männer trugen am 23. Dezember die schweren Lasten in unseren Keller. Es war 8 Uhr abends. Man sah ihnen an, wie erschöpft sie waren. Da luden wir sie ganz unkompliziert zu Kaffee, Fleisch, Käse und Brot an unseren Tisch ein. Sie langten gerne zu, konnten aufatmen, denn sie hatten ihr Soll mehr als erfüllt. Wir kamen ins Gespräch. Ich erinnere mich gut, weil dieses Zusammensein für mich zu den schönsten Weihnachtserlebnissen gehört.