Sonntag, 18. März 2012

Ein Kind im Vorschulalter doziert vom Kindersitz herab

„Wo sind sie in die Schule gegangen?“ Diesen Satz erspähte ich vorhin auf einem Werbebanner im Internet. Er versetzte mich sogleich nach Paris. Sommer 2011. Wir sassen am Familientisch unserer Tochter. Der Schwiegersohn hatte ein feines Essen gekocht und aufgetragen. Nora, damals 5-jährig, sass auf ihrem hohen Kindersitz und überblickte die Speisen. Da kam ihr in den Sinn, was sie in der Ecole Maternelle über die einzelnen Lebensmittel gelernt hatte. Eine Reihenfolge nach ihrem Wert. Zuoberst auf der Liste seien die wichtigsten, also wertvollsten Nahrungsmittel genannt. Die Früchte, Salate, das Gemüse. Dann Getreide, Fleisch, Fisch und zuunterst die Süssigkeiten.




Ihr Papa muss dann einen Einwand geäussert haben. Was er zurechtwies oder vielleicht ergänzte, hatte ich nicht bemerkt. Das konnte die kleine Schülerin aber nicht auf sich sitzen lassen.

Mit fester Stimme und hochdeutsch ausgesprochen, sagte sie: „Du bist nicht in die Schule gegangen. Du kannst das nicht wissen. ICH bin in die Schule gegangen." Es tönte so, wie wenn ihr Vater ein Analphabet wäre. Damit wir es auch wirklich begriffen, wiederholte sie diese Sätze mehrmals. Niemand widersprach ihr. Wir verhielten uns wie Schulkinder im Unterricht. Auf den Stockzähnen schmunzelten wir. Und die Eltern haben vielleicht eine Ahnung bekommen, was ihnen mit Noras klarem Denken und ihrer Hartnäckigkeit noch bevorsteht.

Diese Geschichte habe ich als eine Kostbarkeit nach Zürich heimgenommen. Noras Belehrung wird an unserem Familientisch jeweils dann ausgesprochen, wenn etwas behauptet wird, ohne Rücksicht auf die Person, auf deren Mist es gewachsen ist. Da heisst es dann im Originalton: „Das kannst du nicht wissen. ICH bin in die Schule gegangen.“ Und dann ist alles klar.

Dienstag, 28. Februar 2012

Vorstellungen und Träume rund um die Schweiz und Geld

Als ich dieser Tage mit meiner Freundin an der Bushaltestelle vor dem Neumarkt in Zürich-Altstetten stand, kam ein junger Mann aus Osteuropa auf uns zu und überreichte uns beiden je eine Rose. Ich fragte, was der Grund sei. Diese zu verkaufen. 2 Franken das Stück.

Wir wurden überrumpelt (völlig unvorbereitet überrascht). Noch nie hat mir jemand der Geste nach etwas geschenkt und dann dafür Geld verlangt. Wir bezahlten dann ohne Murren. Meine Freundin kommentierte unser Verhalten: „Drii gloffe!“ (In die Falle getappt.)

Zuvor hatte ich schon einen Augenblick lang gezögert und den Mann stirnrunzelnd angeschaut. Da erklärte er, er sei arbeitslos.

Gut! Besser unternehmerisch sein als stehlen.



Der Schweiz haftet ein Mythos an. Geld sei hier für alle in Fülle vorhanden. Er weckt Träume. Man möchte aus ihrer Quelle schöpfen.

Dazu eine Episode, die sich vor vielen Jahren abgespielt hat. Um sie zu verstehen, müssen wir uns vergegenwärtigen, dass wir in jenen Jahren noch ohne Internet, also ohne weltweite digitale Vernetzung, lebten. Man wusste wenig voneinander. Aber der Mythos von der reichen Schweiz war doch schon weit verbreitet. Dass unser Volk fleissig und sparsam war, das gehörte aber nicht zu diesem Wissen. Und dass es auch Armut in unserer Bevölkerung gab und gibt, schon gar nicht.

1977 war ich mit der Familie in Paris. Am Metroausgang einer eher unbedeutenden Station gab die Pendeltüre Widerstand. Die Kinder wollten sie öffnen und mühten sich ab. Ein Mann aus einem afrikanischen Land beobachtete uns und half ihnen. Er hörte auf unsere Sprache. Er interessierte sich, woher wir kämen. „Aus der Schweiz“ — „Oh!“ sagte er dann: „Da gibt es viel Geld.“ Er sprach ein feines Französisch. Wir verstanden uns gut. – Darum antwortete ich auch locker, das Geld sei aber nicht einfach auf der Strasse zu finden. Wo denn, wollte er wissen. Auf der Bank. Ob es schwierig sei, eine Bank zu finden? Und was denn eine Bank sei, musste ich auch noch erklären.

Geld auf der Strasse hat mein Schwiegervater aber öfters gefunden. Weil er die Bahnhofhalle mit ihren Gehsteigen immer mit dem Blick auf dem Boden durchlief. In jungen Jahren war er sehr arm und die kleinen Geldstücke, die er fand, hochwillkommen. Noch im Alter hat er jedesmal, wenn er sich im Gelände des Hauptbahnhofs aufhielt, nach verlorenem Kleingeld ausgeschaut. Er erklärte mir einmal, an einem solchen Ort seien viele Menschen unterwegs, und da sei es immer möglich, dass jemandem eine Münze entfalle.

Auch Heinrich, ein Freund aus Aachen und bekannt für seinen feinen Humor, demonstrierte uns einmal, dass er die Aura der Schweizer Banken kenne. Auf einem Spaziergang durch die Bahnhofstrasse blieb er plötzlich ein paar Schritte zurück. Er hatte sein Portemonnaie hervorgeholt und es auf eine Sitzbank gelegt. Dann rief er uns zu: „Schaut! Jetzt habe ich mein Geld auch auf einer Schweizer Bank.“

Und wie Geld und Geist und Schweizer Banken heute im Fokus stehen, darüber berichten beinahe täglich in- und ausländische Zeitungen.

Montag, 13. Februar 2012

Chefsache: Mit nur einem Wort den Frust überspringen

Vor vielen Jahren besuchte ich einen Vortrag zum Thema „Wie behandle ich meinen Chef?“ und erfuhr dort, dass zum damaligen Zeitpunkt offen darüber gesprochen wurde, dass heute jeder Chef überfordert sei. Gesellschaftlicher Wandel und die technischen Errungenschaften waren die grossen Herausforderungen. Wenn ich mich richtig erinnere, sollte dieses Eingeständnis zu mehr Verständnis den Vorgesetzten gegenüber und zur Teamarbeit führen.

Das wichtigste Wort jenes Abends kommt mir auch heute immer noch im rechten Augenblick in den Sinn.

Es wurde damals eine Situation beschrieben, in der ein Mitarbeiter der Geschäftsleitung einen Vorschlag unterbreitete. Seine sogenannt gute Idee löste keine Begeisterung aus. Man ignorierte sie. Ein Jahr später aber wurde des Mitarbeiters Anregung doch umgesetzt. Jetzt war sie aber die Idee des Chefs.

Der Referent sagte dazu: Anstatt sich in solchen Situationen zu ärgern oder zu grämen, denken Sie: „Endlich!“

Diese weise Reaktion empfinde ich immer noch hilfreich. Vielleicht ist jemand froh um sie. Darum habe ich sie aufgeschrieben.

Mittwoch, 8. Februar 2012

Die Kinder vom Napf in ihrem gesunden Lebensumfeld

Ich habe den Beitrag der Dokumentarfilmerin Alice Schmid in der Zeitschrift Schweizer Familie gelesen. Sie berichtet darin von den Kindern, die im Napfgebiet im Luzerner Hinterland zu Hause sind. Ein ganzes Jahr lang hat sie die Schulkinder überallhin begleitet und gefilmt. Es ist ein eindrücklicher Film entstanden.




Spannend vom ersten Augenblick an. Die Kinder sind keine Schauspieler, sie zeigen sich, wie sie sind, wie sie ihren Lebensraum erfahren. Sie tun es, als wären sie mit uns, die ihren Film anschauen, vertraut. Kinder von heute, die aber vieles weitertragen, was früher üblich war. Kinder von Bergbauern, die von klein auf angemessene Aufgaben erfüllen müssen. Die mit Tieren auf Du sind, in einer Landschaft leben, die sie mit vielen Extremen bekannt macht. Die einen weiten Schulweg haben. Einige wohnen 10 km von der Schule entfernt. Im Winter wenn die Sonne erst spät erscheint, beginnt ihr verschneiter Schulweg im Dunkeln. An einem Ort, wo es keine Strassenlaternen gibt. Da tragen die Kinder Stirnlaternen, die den Weg ausleuchten können. Einige Kinder müssen ein Stück weit eine Seilbahn und einen Schulbus benützen.

Es ist eine urtümliche Lebensweise und doch wieder nicht. Oben im Napfgebiet arbeitet der Bergbauer mit modernsten Landmaschinen, die ihn bei der Arbeit auf den stotzigen Hügeln unterstützen. Die Kinder sind so gekleidet, wie wir sie hier in Zürich auch sehen und haben ein Wissen, was in der Welt vor sich geht. Und es interessiert sie, wer berühmt ist. Einige möchten das auch werden. In der Schule sitzen verschieden alte Kinder miteinander im Unterricht. Die Kleinste ist ein Original. Ich staunte, was sich die Kinder überlegen, was sie vom Leben schon begriffen haben, was sie weitertragen, aber auch Antworten mit Fragezeichen geben.

Eindrücklich empfand ich die Darstellung des Weihnachtsfests in der dunklen Kirche von Romoos. Nur gerade so ausgeleuchtet, dass im Altarbereich die goldenen Ornate der Priester aufschienen. Gesichter waren nicht zu erkennen. Es entstand der Eindruck von etwas Überirdischem, Heiligem. Die im Dunkel der Kirche sitzenden Gläubigen erhoben sich zum Stille Nacht, heilige Nacht. Es ertönten alle Strophen dieses alten Liedes. Ein Gesang voll Innigkeit, eine liebenswürdige Wucht.

Ähnlich eindrücklich wirkten auf mich die Jahreszeiten, wie die Kinder mit Wind und Wetter, Gewittern, Regen und Schnee vertraut sind. Und wie sie Geräusche erkennen und einige mit Geistern in Zusammenhang bringen. Und ihre Lebensfreude ist einmalig. Zum Beispiel beim Heuen, wenn sie sich in die Heuhaufen werfen. Oder wenn sie mit ihren Fahrrädern die Strasse ins Tal hinunter sausen. Die kleine Laura selbstverständlich auch dabei. Und dann die Nähe zu den Tieren. Das Vertrautsein mit ihnen. Und die Natürlichkeit ihrem Tod gegenüber. Die Kuh wird verabschiedet, wenn sie zum Schlachten abgeführt wird. Man wünscht ihr ein gutes Leben im Kuhhimmel.

Primo begeisterte es, wie die Buben die Grasränder beim Hühnergehege abschnitten, zuvor die Sense dengelten, dann das Abgeschnittene mit dem Rechen zusammen nahmen, es in ein Wägeli schütteten und auf dem Spielzeugtraktor heimfuhren. Diese Delikatesse wurde dann ihren Kaninchen verfüttert.

Ein Knabe werkte mit Holzlatten, kämpfte mit dem Schraubenzieher. Lange fragte ich mich, was er herstellen wolle. Ich dachte an eine Bank. Schlussendlich wurde es ein Podest, auf dem 3 Knaben mit ihren Instrumenten aufspielen konnten. Mit hölzernem Geländer, das die Musikanten zu einem schönen Bild einrahmte.

4 der Kinder, die in diesem Film aufgetreten sind, dürfen nun ans Filmfestival Berlinale nach Berlin reisen. Dort werden sie, wie es heisst, als Botschafter vom Napf auftreten und erleben dürfen, wie fremde Menschen und Filmkritiker mit ihren Argusaugen die Darstellung ihrer Welt taxieren. Sie reisen am 9. Februar 2012 ab, erleben erstmals einen Flug. Ich werde in den nachfolgenden Tagen aufmerksam auf Nachrichten vom Filmfestival warten. Der Dokumentarfilmerin Alice Schmid gratuliere ich aber schon jetzt. Ich bewundere ihre hohe Sensibilität allem Lebendigen gegenüber und wie sie Werte ganz natürlich aufscheinen lässt. Besonders auch ihre ruhigen Landschaftsbilder.

Dienstag, 31. Januar 2012

Zürich: Lieder und Bilder begleiteten mich nach Armenien

Der Abend mit den armenischen Mariengesängen, Wiegen- und Volksliedern im Stadthaus Zürich kam einer Reise gleich. Dargeboten wurden sie von der aus Istanbul gebürtigen Sängerin Hasmig Greys Imer-Güzelyan, am Klavier begleitet von Lidia Schaad Shahinian aus Jerewan. Beide leben heute in der Schweiz.

Begleitet wurden die Gesänge von einigen Lichtbildern, und diese führten mich ins unbekannte Armenien. Die Lieder, von Text her unverständlich, im Klang an vorüberhuschenden Wind mahnend. Ich fühlte mich gut auf meinem Stuhl im Stadthaus, liess alles geschehen und erlebte dann, wie sich meine Wahrnehmung veränderte.

Ich sah auf einem Dia 2 goldene Kunstwerke abgebildet. Sehr grosse Objekte. Eine Art Kabinen, aber grösser als unsere alten Telefonkabinen. Gebaucht wie eine feine Schatulle aus Metall. Vergoldet. Mit religiösen Motiven bemalt. Ich erinnere mich an lichtes Blau und Rot, schaute lange staunend auf sie, ohne die Abbildung einordnen zu können.

Dann wurde das Dia weggeschoben. Landschaftsbilder aus Armenien und Ansichten aus der Hauptstadt Jerewan lösten diese eine, mich packende Aufnahme ab. Später brachte sie mir der Bildrundlauf aber nochmals vor die Augen. Und wieder sah ich die Schatullen. Und auf einmal waren sie verschwunden. Und an ihrer Stelle standen jetzt Kapellen, also religiöse Nischen, wie wir sie hier in der Schweiz auf Pilgerwegen finden. Meine persönliche Wahrnehmung war gekippt. Aus dem Gold war lichtes Gelb geworden. Aus dem Metall Stein. Und aus den gebauchten Körpern nach innen geöffnete Nischen. Aber wie das geschehen konnte, weiss ich nicht.

Primo bestätigte später, dass er die Nischen auch gesehen habe. Drinnen eine Darstellung von Christus am Kreuz. Aber keine Schatullen. Es war also meine persönliche Wahrnehmung, die sich in Bruchteilen von Sekunden verändert hatte.

Ich erinnerte mich an eine weit zurückliegende Ausstellung mit dem Thema Mandala. Dort erfuhren wir, dass gewisse Bilder anregen, aus der zweidimensionalen die dreidimensionale Form optisch-geistig zu produzieren. Seither nennen wir das in der Familie „Bilder kippen“, wenn es möglich ist, ein Bild eben optisch-geistig sowohl als Pyramide nach aussen zu holen und dieses dann auch in die Tiefe zu schicken. Da befinden wir uns dann jeweils in einer Art Wettbewerb, wem es zuerst gelinge. Meist dem Ehemann, weil Planlesen für ihn zum Beruf gehört. Weil er aus flachen Zeichnungen einen Körper ablesen können muss.

Das Schöne am erwähnten Liederabend war für mich, dass ich nichts wollte, nichts anstrebte und dann mit einem aussergewöhnlichen Bild beschenkt wurde, das ich hoffentlich nicht mehr vergesse. Ich hatte mich den Liedern und Klängen geöffnet, sah alle Bilder zum ersten Mal. Kein noch so kleines Vorwissen konnte mich beeinflussen oder ablenken.

Und darum verstehe ich jetzt die goldenen Schatullen als ein Symbol des kulturellen Reichtums von Armenien.
*
In Zürich ist seit dem 9. November 2011 und noch bis 31.03.2012 die Ausstellung „Ein Stück Himmel auf Erden“ zu sehen. In diesem Zusammenhang stand auch der besprochene Liederabend.

Hier im Raum Zürich leben gegenwärtig etwa 15 000 Menschen, die christlichen Ostkirchen angehören. Ihnen ist diese beeindruckende Ausstellung mit prächtigen Fotos im Stadthaus Zürich gewidmet. Eine Ausstellung der Abteilung Kultur in Zusammenarbeit mit der Integrationsförderung der Stadt Zürich.

16 Gemeinden, die sich selber als orthodox bezeichnen oder die zumindest ihre Ursprünge im Osten haben, werden vorgestellt. Mit ihren eigenen Ritualen und oft archaischen Ausdrucksformen. Am Sonntag, 22. Januar 2012, waren wir dabei, als Mitglieder der Russisch-Orthodoxen Auferstehungskirche die Wasserweihe des Zürichsees vollzogen. Anschliessend tauchten einige junge Männer und eine Frau in den See, um sich diesen Segen einzuverleiben. Eindrücklich. Keine Show. Ausdruck ihres Glaubens und in meinen Augen ein Geschenk an alle, die in Zürich zu Hause sind. Sie tauchten 3 x unter Wasser und bekreuzigten sich jedes Mal.



Verschiedene Festlichkeiten, Vorträge und Musik stehen noch an. Zum Beispiel der Äthiopische Abend am 19. März 2012 um 19 Uhr. Da wird Asfa-Wossen Asserate, Grossneffe des letzten Kaisers Haile Selassie, Autor und Unternehmensberater, die lange Geschichte der Kirche Äthiopiens von 34 nach Christus bis heute erzählen.

Weitere Informationen im Internet unter Ein Stück Himmel auf Erden Zürich

Montag, 16. Januar 2012

Zur Bahnfahrt gehörten Entspannung, Schreck und Glück

Für ein gemeinsames Vorhaben hatte ich mich mit einer Verwandten verabredet. Wir wollen uns mehrmals treffen. Dafür musste ich mit der Bahn und dem Postauto zu ihr reisen. Ich kaufte mir am Bahnschalter eine Mehrfahrtenkarte.

Für die Anfahrt zum Bahnhof Altstetten (Zürich) benützte ich mein Velo. Ich fand sofort einen Parkplatz und stellte dann fest, dass ich sehr früh angekommen war. Es blieb mir eine ganze Viertelstunde Wartezeit. Diese benützte ich für 2 kleine Kommissionen und ging danach auf den entsprechenden Perron. Noch immer war ich zu früh. Es war kaltes, windiges Wetter, darum schritt ich aus, stadteinwärts und -auswärts, so lange bis mein Zug hier eintraf. Auf einmal bemerkte ich einen Marienkäfer auf dem Asphalt, und da ich den Fotoapparat bei mir hatte, fotografierte ich ihn. Er war lebendig, bewegte sich vor mir her. Im Winter? Seltsam. Welche Art Wärme hatte ihm eingegeben, der Frühling sei da?

Dann wurde mein Zug (Richtung Basel) ausgerufen. Bald traf er ein. Ich legte Mantel und Halstuch ab, richtete mich gemütlich ein.

Das Reisen im Zug ist für mich immer noch spannend und entspannend. Ich schaute nur aus dem Fenster, fühlte mich wohl, dachte an nichts und niemanden. Bis nach 10 Minuten der nächste Halt ausgerufen wurde: Dietikon!

Ich erschrak. Vor lauter freier Zeit hatte ich vergessen, meine Mehrfahrtenkarte abzustempeln. Was mache ich jetzt? Am besten aussteigen. Versuchen, das Versäumte nachzuholen. Alles hing von etwas Glück ab. Aber wo befindet sich auf dem Perron in Dietikon ein Automat? Keine Ahnung. Und wenn schon, habe ich dafür überhaupt genügend Zeit? Und wie informiere ich Rose, wenn ich den Zug für die Weiterfahrt abfahren lassen muss? Ich besitze kein Handy. Noch bevor der Zug anhielt, hatte ich meine Siebensachen beisammen und den Mantel wieder angezogen. Draussen im Korridor neben der Treppe traf ich auf den Zugbegleiter, der sich gerade etwas notierte. Ich sprach ihn sofort an, informierte mein Versäumnis. Er schaute auf meine Mehrfahrtenkarte und dann auf mich und sagte, ja das könne ich machen, also aussteigen und abstempeln und er fügte bei: Das wäre Ihnen teuer zu stehen gekommen. Ich wusste es. Neuerdings beträgt die Busse CHF 90.‒ zusätzlich die Fahrkosten.

Ich öffnete die Tür. Imposantes Glockengeläute empfing mich. Kaltes Wetter lässt Glocken gern laut ertönen. Obwohl ich mich in diesem Augenblick nur für einen Billettautomaten interessierte, fragte ich mich doch, was hier los sei? An einem Werktag, nachmittags um halb 2? Glockengeläute für eine Beerdigung tönen doch dumpfer, schwerer. Hier schienen sie etwas Heiteres zu verkünden.

Und schon stand ich vor einem der kleinen, orangefarbenen Kästen, in denen Fahrkarten abgestempelt werden können. Aber leider, leider war dieser gerade ausser Betrieb. Ich eilte zurück, informierte den Zugbegleiter. Wir hasteten wieder hinaus, doch auch er konnte meine Karte nicht abstempeln. Er wies mich an meinen Sitzplatz zurück und entwertete mir dann im Lauf der Weiterfahrt meine Karte. Mit einem handschriftlichen Eintrag und dem Aufdruck seiner persönlichen Billettzange.

Jetzt, Tage später, frage ich mich, wer oder welche Macht hat mir in dieser brenzligen Situation geholfen? Ich habe einen Fehler gemacht, habe meine Nachlässigkeit zwar gemeldet, doch woran lag es, dass man mir glaubte? Die Zahl der Schwarzfahrer ist doch so immens, dass Fehler wie der meine gut diesem Kapitel zugeordnet werden könnten. Wäre der Zugbegleiter an einer Busse interessiert gewesen, hätte er sie unbarmherzig einfordern können.

Diese Begebenheit ist nur eine kleine Geschichte, aber sie trägt vieles in sich, das auch zu den grossen gehört. Da sind reale Gegebenheiten, Menschen, Gespräche und Entscheidungen, die nicht immer nachvollziehbar sind.

Für meine Geschichte gilt: Alles, was ich hier berichtete, ist wahr. Auch der Marienkäfer war eine reale Erscheinung und ist auf einer Foto verewigt.

Und die Glocken läuteten wirklich wie an einem Festtag oder für einen feierlichen Empfang. Für mich persönlich haben sie nicht geläutet, aber während sie es taten, bekam ich Hilfe.

Wieder einmal Glück gehabt!

Und so stellen wir doch Glück auf Glückwunschkarten gerne dar: Mit Marienkäfern und schwingenden Glocken.

Samstag, 31. Dezember 2011

Rostige Büchsen, Pflanzen und gute Neujahrswünsche


Ein schöneres altes Paar habe ich wohl noch nie gesehen. Zwei rostige Konservenbüchsen auf einer Granitsteinmauer. Ob Mann oder Frau, ist einerlei. Es sind zwei Persönlichkeiten, aus denen Pflanzen spriessen. In Erde gesetzte Fetthennen, die ihre Ableger über den Rand fallen lassen. Der kleineren Person sind sie zur Haarpracht geworden, der grösseren zu einem Umhang. Der grossen hat der Wind noch Samen von Weideröschen zugetragen, und daraus ist eine wilde Haarpracht gewachsen.

Sie stehen auf unebenem Granit. Die grosse aufrechter als die kleine. Sie weicht der mächtigen Ausstrahlung des Kumpanen etwas aus, ohne Abneigung anzudeuten. Sie gehören doch zusammen.

An diesem Bild stimmt alles. Ob für eine Foto hingestellt oder schon immer so dagestanden, ist es die Abbildung eines gemeinsamen Lebens. Diese beiden gehören zusammen, sind eine Schicksalsgemeinschaft, auch wenn sie nur simple Blechbüchsen sind. Ich sehe sie als Lebewesen, als Personen. Sie schauen mich an, obwohl keine Augen sichtbar sind und ihr Gesicht nur erahnt werden kann.

Als Primo diesen Neujahrsgruss aus dem Umschlag nahm, sagte er, ganz ergriffen: Lueg emal das a. Zwei alti Blächbüchse roschtet vor sich hi. (Schau das an: Zwei alte Blechbüchsen rosten vor sich hin.)

Sagt nicht die Psychologie, dass wir unser Spiegelbild erkennen, wenn wir von einem Anblick gepackt sind, aus ganzem Herzen zustimmend oder aus ebensolchem ablehnend?

Also muss dieses Blechbüchsenbild etwas mit uns beiden zu tun haben. Mit unserem Alter, mit dem Rost, den wir hie und da schon spüren. Mit dem, was das Leben mit uns gemacht hat. Aber auch mit dem, was noch in uns wächst und ausstrahlt.

Mehr als viele wohlmeinenden Worte zum Jahreswechsel spricht dieses Bild Optimismus aus. Es wird uns ins neue Jahr begleiten.

Diese Karte wird von pro natura herausgegeben, gestaltet von Marco Volken. Titel Stilleben in Roseto, Valle Maggia TI.

Die Foto auf der Karte kann ich Ihnen hier nicht anfügen. Einen Glückwunsch für unsere Leserinnen und Leser habe ich aber gleichwohl vorbereitet. Einer, der vielleicht gut zu den rostigen Figuren passt. Wir entdeckten ihn in den 90er-Jahren auf einem Kalenderblatt als Alter ukrainischer Neujahrswunsch und liessen ihn drucken. Wie es sich dann herausstellte, wurde er von einem liebenswürdigen, humorvollen Schweizer verfasst. Er lautet:
Gott schicke:
Den Tyrannen Läuse
Den Frauen Nerze
Den Einsamen Hunde
Den Kindern Schmetterlinge
Den Männern Wildschweine
Uns allen aber einen Adler
Der uns zu Ihm trage.

Montag, 26. Dezember 2011

Eine Tramfahrt durchs offene Neuland von Zürich-West

Vor 10 Monaten (Blog vom 16.02.2011) habe ich darüber berichtet, wie sich mir die Aargauer- und die Pfingstweidstrasse in Zürich neu erschlossen haben. Noch waren die Bauarbeiten in vollem Gange. Wir konnten den Einbau der Gleise für die Tramlinie 4 verfolgen. Diese ist nun verändert und verlängert und führt zum Bahnhof Altstetten hin. Das heisst für mich, dass ich mit diesem 4-er, wie wir die Linie immer nannten, in nur 7 Minuten von Altstetten zum Escher Wyss Platz fahren kann.
Auf Samstag 10.12.2011 luden die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) zu einer Rundfahrt ein. Die Eröffnung wurde gefeiert. Mit allerlei Attraktionen, lauten und leisen. Erstmals durfte ich im Tramdepot Hard die Geleisehalle betreten, die an diesem Tag zur Konzerthalle umfunktioniert worden war. An diesem Tramdepot führte seinerzeit mein Schulweg vorbei.
Der Tages-Anzeiger präsentierte auf einer ganzen Zeitungsseite alle Attraktionen, die zu diesem Festtag gehörten. Eine Fülle an Angeboten, die ich hier gar nicht aufzählen kann. Der Festplatz erstreckte sich vom Tramdepot Escher Wyss Platz bis zum Schiffbau hin.
Lange verweilten wir dann in jenem Ausstellungsraum an der Hardstrasse, der das Stadtmodell „Bereich Zürich-West“ zeigte. Mit einem Ausmass von ungefähr 5 x 5 Metern ergab sich da eine übersichtliche Anschauung vom Neuland Zürich West mit seinen Strassenschluchten, Bahnführungen und den authentischen Hausformen in jenem Umfeld, in dem ich als Kind und später mit der eigenen Familie gelebt habe.

Da mein Vater in diesem Areal ebenfalls gärtnerte, berührt es mich besonders, dass hier keine Nahrung mehr wachsen darf und wir mehr und mehr Gemüse und Früchte aus dem Ausland importieren müssen.Da, wo die Erde früher hauptsächlich atmete, wo Kühe weideten und in den vielen Familiengärten Gemüse und Blumen wuchsen, dominiert jetzt die Gestaltung, der Strassenbau, die Tramführung und allen voran die Architektur. Asphalt und Beton decken die Erde zu. Es soll aber noch ein Park entstehen. Und in einen Abschnitt der Pfingstweidstrasse wurden bereits Bäume gepflanzt.

Solche Gedanken begleiteten meine Ersttagsrundfahrt. Aber ich freute mich auch an der Frische dieses neu auferstandenen Quartiers. Wieder ergab sich für mich eine neue Sicht. Eine weite Sicht sogar. Weil ich mich im Tram auf der Strasse befand.

Wenige Tage später benützte ich dann die Linie 4 ab Zürich-Altstetten Nord im normalen Kurs und fuhr zum Escher Wyss Platz. Eine angenehme Fahrt, die das Tram bieten kann. Anders als im Bus beispielsweise Richtung Dunkelhölzli. Da wird man geschüttelt. An diesem Morgen erlebte ich, wie rege die Linie schon benützt wird. Sie muss sehnlichst erwartet worden sein. Das war keine Rundfahrt mehr. Menschen stiegen ein und aus, können nun ihre Ziele zügig erreichen. Im Tram befanden sich auch einige wenige Passagiere, die zur persönlichen Rundfahrt eingestiegen waren und ebenfalls ausschauten und das Neue kommentierten. Ein Paar, hinter mir sitzend, beschäftigte sich intensiv mit der Geschichte jenes Nagelhauses beim Mobimo Tower, das nicht abgebrochen werden konnte. Die eine Hälfte des 118 Jahre alten Mehrfamilienhauses, das in privatem Besitz ist, soll nach dem Willen der Eigentümer stehen bleiben. Hier wird noch gewohnt. Die andere Hälfte, vormals im Besitz der Stadt, wurde abgebrochen.

Nun bleibt die private Hälfte des Mehrfamilienhauses, zu dessen Gesamtkomplex früher auch ein Kolonialwarenladen gehörte, als wertvolle Antiquität bestehen. Der Besitzer oder die Besitzerin verhielt sich widerständig, war nicht zum Abbruch zu bewegen. In wohltuendem Abstand zu den neuen Hochhausbauten kommt seine Schönheit noch mehr zur Geltung als das früher der Fall war. Es ist ein Haus mit Giebeldach, mit Mansarden-Gauben, mit Fenstern, die im Winter mit Vorfenstern versehen sind. Für mich hat es mehrere Gesichter. Es spricht mich an, verspricht Gemütlichkeit und alte, längst verschwundene Lebensqualität. Umgeben war das Haus von Gebüschen, Blumen und „Pflanzblätzen“. Wie überall vor 100 Jahren wurde auch in nächster Nähe des Wohnortes ganz selbstverständlich ein Teil der Ernährung angebaut. Etwas Weniges von dieser Kultur ist hier auch erhalten geblieben.

Und auch die 3. Fahrt wurde für mich dann zum Erlebnis. Tage später stieg ich um 6 Uhr abends in Altstetten Nord ins Tram. Die Sonne war längst untergegangen. Die Nacht früh eingebrochen, wie es zum Dezember gehört. Ich empfand sie schwarz. Aber bald überraschten mich Lichter vom grünen Prime Tower und den Hochhäusern in seiner Nachbarschaft. So wie die Räume gebraucht und erleuchtet wurden, gaben sie Muster ab. Sehr lebendig, nicht geometrisch vorgeschrieben. Ein grosser Adventskalender für Erwachsene. Linksseitig fuhren wir in der breiten Pfingstweidstrasse nahe an einem Bürohaus entlang und sahen in die Räume hinein. Am Lichtspiel, das mich bewegte, waren auch die Verkehrsampeln mit den wechselnden Farben rot und grün beteiligt. Ein Spektakel sondergleichen. Dieses katapultierte mich in Bruchteilen von Sekunden aus der Vergangenheit dieses Ortes in die Neuzeit hinein. Ich bin gut angekommen.

Als ich kurz darauf am Escher Wyss Platz ausstieg und sich mir nach wenigen Schritten auch noch die neue, nach dem Plan Lumière gestaltete Beleuchtung an der Hardbrücke präsentierte, stand ich einfach nur noch still und staunte.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Kulturerbe in Einsiedeln: Erster Besuch im Museum FRAM

2010 wurde das Einsiedler Museum FRAM eröffnet. Es soll der Bewahrung und Förderung des reichen Einsiedler Kulturlebens dienen. Die Sammlung des Museums umfasst zur Hauptsache das Benziger Archiv mit rund 25 000 Büchern, Bildern, Drucken und Dokumenten des ehemaligen Einsiedler Benziger Verlags sowie die Sammlung Meinrad Lienert und Sammlung Einsiedelensia.
 
Gegenwärtig wird die Wechselausstellung Zauberwahn und Wunderglauben gezeigt. Wir haben sie an einem Werktag besucht, hatten alle Zeit, uns den Texten und Exponaten zuzuwenden, waren sofort angetan von der Atmosphäre dieses sanft renovierten Hauses und vom Respekt dem Ausstellungsgut und der dazugehörigen damaligen Glaubenswelt gegenüber. Schon im Text der Ausstellungs-Einladung wies ein Satz der Direktorin lic. phil. Detta Kälin in diese Richtung. Sie schrieb: Jede subjektive religiöse Erfahrung entzieht sich einer Wertung und ist als solche zu respektieren.
Vieles, was wir dann zu sehen bekamen, war uns noch bekannt. Die Schätze aus den kleinen Läden, die dem Kloster vorgelagert sind, hatten in jungen Jahren ihren Zauber auch auf uns ausgeübt. Und noch heute sind viele Andenken an eine Wallfahrt nach Einsiedeln unverändert erhältlich: Kerzen, Rosenkränze, Engel, Heiligenfiguren, Schmuckketten mit Kreuzen oder Medaillons.
 
Als Kinder schätzen wir Mädchen vor allem die sogenannten Bildli, Abbildungen von Engeln, Maria oder Heiligen, die wir ins Gesangbuch legten und während der Predigt anschauten oder tauschten. Religiöse Bildung entstand anfänglich durch Bilder. In der Ausstellung wurde auch berichtet, dass Heiligenbildchen als allgemeiner Schutz verstanden worden seien.
 
Der Glaube an etwas Geistiges braucht auch noch Unterstützung vom Fassbaren, an dem man sich halten kann, was man sehen, greifen und dann begreifen kann.
 
An Amulette kann ich mich nicht erinnern, obwohl es sie gegeben hat. Sie interessierten mich offenbar nicht. In der Ausstellung wurde ein hiesiges mit solchen aus Afrika, Kongo, Ägypten, Nubien und Tibet vorgestellt und ihre nahe Verwandtschaft aufgezeigt. Primo hatte da sein Aha-Erlebnis. Er hatte dieses in den Verkaufsauslagen vor Jahren schon gesehen, konnte es aber nicht einordnen. Ähnlich benützten wir früher Silberkettchen mit einem Medaillon, ohne zu wissen, was ein Amulett ist.
 
In der Ausstellung las ich: Die Kirche verbot von Anfang an alle Magie und Zauberei als Aberglauben, als ein Werkzeug des Teufels. Doch letztlich schwebte die Frömmigkeitspraxis der Menschen in der Grauzone zwischen dem, was Theologie „Glauben“ beziehungsweise „Aberglauben“ nannte, ohne dass sich die Gläubigen dessen bewusst geworden wären.
 
Die Verbote blieben wirkungslos.
 
Die Menschen von früher hatten ein hartes Leben. Sie waren den Naturgewalten ausgeliefert, hatten mit vielen Ängsten und Nöten zu kämpfen, die wir heute nicht mehr kennen. Sie fühlten sich dem Numinosen, unheimlich Geheimnisvollen ausgeliefert. Es ist nachvollziehbar, dass man sich in auswegsloser Situation an die Magie der Vorfahren erinnerte. Die Ausstellung zeigt Zauber- und Mirakelbücher.
 
Als Kind hörte ich von solchen Geschichten, meist an Beerdigungen innerhalb der Verwandtschaft in Zürcher Oberland. Sie machten mir Angst.
 
Einen Segen gegen alle Unbill zu erbitten, schien mir sinnvoller. In der Ausstellung werden gedruckte Haussegen ebenfalls vorgestellt (1856 bei J. Eberle, Einsiedeln gedruckt).
 
Gefallen hat mir folgende Geschichte:
 
Einst tränkte ein Bauer seine Kühe, da kam die Kastenvögtin, die bekannte Schwyzer Hexe, tätschelte einigen Tieren auf die Laffen und meinte: „Iär hend so schööns Veh" (Ihr habt so schönes Vieh). Der Bauer lachte, zeigte auf die Stalltüre und sagte: „Ja, ja, du kannst mir kein Veh verderben. Schau, was dort auf der Tür steht. Da stand geschrieben: „Phüeti Gott und walti Gott“ (Behüt euch Gott, es walte Gott).
 
Heute ist Einsiedeln auch ein touristischer Ort, ein Ort vor allem für den Skisport. Wer früher hieher kam, suchte das Heiligtum von Maria im Benediktinerkloster auf und sprach deshalb von Maria Einsiedeln. Dorthin wandten und wenden sich auch heute noch gläubige Menschen, wenn sie schwierige Entscheidungen treffen müssen, wenn sie krank oder in grosser Not sind. Es kommen aber viele Menschen einfach immer wieder gern hieher, weil sie die in der Gnadenkapelle ausströmende, ausgleichende Kraft fühlen. Blanche Merz hatte hier hohe Bovis-Einheiten gemessen.
 
Auf einer Postkarte von 1964 ist auf dem Poststempel das Kloster abgebildet. Der Text dazu lautete: „Einsiedeln 1000 Jahre Kulturstätte.“ Jener auf einem Brief von 2003 (und vermutlich auch heute noch so gebräuchlich): „Einsiedeln Kultur Sport Erholung.“
 
Wenn Gläubige bei Maria Hilfe erfahren hatten, dankten sie später mit einer Gabe für ihre Rettung. Ihre persönliche Geschichte, die sie als Wunder betrachteten, wurde als Bild auf Holz gemalt und dem Kloster als „Ex Voto“, als Dankesgabe, übergeben. Diese erstaunlichen Bildergeschichten hatten mich schon in jungen Jahren bewegt. Ein kleiner Teil davon ist noch im hinteren Bereich der Klosterkirche aufgehängt.
 
Die Ausstellung zeigt auch Protokollbücher, in denen die Geschichten jener Menschen festgehalten wurden, die wundersame Hilfe erfuhren und diese dem Kloster dann mitteilten.
 
Anderseits haben in der Ausstellung auch kritische Zeitungsartikel aus der Neuen Zürcher Zeitung ihren Platz. Sie schrieben gegen den Wunderglauben an, zweifelten, dass er echt sei.
 
Und jetzt nähme es mich wunder, wie eine vergleichbare Ausstellung in 50 oder 100 Jahren aussähe. Wenn ich es jetzt erführe, wäre es ein wirkliches Wunder.

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Die Adventszeit heute: Vergangenes tritt wieder ans Licht

Plötzlich erinnere ich mich wieder an die dicke, rote Kerze, die wir am ersten gemeinsamen Weihnachtsfest in unserer Stube vor eine kleine Tanne stellten. Der Baum wurde nicht geschmückt. Sein frisches Grün genügte uns. Wir wollten uns von den gängigen Dekorationen verabschieden und begannen bei Null. Ich erinnere mich an Freunde, die uns wundershalber besuchten, weil sie wissen wollten, ob wir die Christbaumtradition weiterführten. „Abstrakt!“ hiess es.
 
Ähnlich erging es der Weihnachts- und Neujahrskarte. Auch sie wurde auf das Wesentliche reduziert. Unsere Botschaft zum neuen Jahr hiess damals Jeder Tag ist Anfang. Und wir füllten 2/3 der Karte mit dem aneinandergereihten Wort Anfang Anfang Anfang. Auch sie blieb nüchtern, wurde aber wohlwollend aufgenommen.
Nach und nach trug der Baum Äpfel, Strohsterne und viele Kerzen aus Bienenwachs. Bald auch Kugeln. Ich hatte plötzlich Heimweh nach den silbernen Halbkugeln mit der nach innen gestülpten Form. Schon als Kind bezauberten mich ihre Spiegelungen. Und wenn Verwandte vom italienischen Charme jener Christbäume schwärmten, die Primos Vater früher dekoriert hatte, trugen wir von solchen Einflüssen auch etwas weiter. Irgendwann gab es als Aussenseiter sogar einen hölzernen Baum und Steine als Krippenfiguren. Aber nie zweimal dasselbe.
 
Nun nach einem halben Jahrhundert haben sich die Variationen verdichtet. Und das trifft auch auf die Glückwunschkarte zu. Die diesjährige lässt Wortklänge zu Weihnachten aufleben. Anfänge alter Lieder können Erinnerungen anrühren. Was wir vor 50 Jahren zur Seite schoben, heissen wir heute willkommen. Der Kreis schliesst sich.
 
Ähnlich ergeht es dem weihnächtlichen Singspiel Zäller Wienacht, das zum 100. Geburtstag des Schweizer Komponisten Paul Burkhard wieder aufgeführt wird. Wir erlebten es am vergangenen Samstag in der Erlöserkirche in Zürich in seiner Originalfassung. 65 Kinder haben mitgewirkt. Dieses Krippenspiel wurde 1961 uraufgeführt und während Jahren in vielen Schulen und Kirchen gespielt. Die kindergerechten Lieder mit ihren zürichdeutschen Texten öffneten einen neuen Zugang zur Weihnachtsgeschichte. Und sie berühren Jung und Alt auch heute noch.
 
Die jungen Eltern, die als Kinder unter den ersten waren, die die Zäller Wienacht erlebten, freuen sich heute, dass ihren Kindern dieses Spiel auch wieder vermittelt wird. Es gab grossen Applaus, vielleicht gerade deshalb. Es war keine geschliffene Aufführung. Einige Kinder sprachen nur scheu und leise. Die Figuren um König Herodes aber hatten ihren besonderen Spass. Stolz verkündeten sie „Ich bin ein Gauner. Ich bin ein Räuber. Ich bin ein Gaukler“ usw. Die Kinder brachten sich ein, wie sie sind und zeigten uns ihre Persönlichkeiten.
 
Keine leichte Aufgabe, so viele Schülerinnen und Schüler und auch solche im Kindergartenalter, anzuleiten und zusammenzuhalten. Annette Wiesner ist das gelungen.
 
Eine erfrischte Version der Zäller Wienacht wird jetzt auch am Zürcher Schauspielhaus aufgeführt. Es sind Laienschauspieler, ältere Damen und Herren, die als Kinder ebenfalls in diesem Oratorium mitgesungen und jetzt eine neue Fassung erarbeitet haben.
 
Am 17. und 18. Dezember 2011 wird die Zäller Wienacht auch im Zürcher Grossmünster aufgeführt.
Dort singen dann der Altstadt-Kinderchor, Chöre der Musikschule Konservatorium Zürich und Collegium Musicum Grossmünster.
 
Zäller Wienacht überall!