Dienstag, 23. Dezember 2008

Die Weihnachtspost: Mehrheitlich immer noch auf Papier

Manchmal möchte ich wissen, wie viele Hände eine eben erhaltene Sendung weitergegeben haben.
 
Das wattierte Couvert aus Paris sollte seine Geschichte erzählen können. Es ist zerknittert, aber nicht beschädigt. Seine Rückseite arg verschmutzt, vermutlich in den Schneematsch gefallen. Seine Dekoration, die Briefmarken aus der Serie „Bonnes Fêtes“, aber farbenfroh. Abgestempelt in Paris-La-Vilette. Der blaue Prioritaire-Kleber beteiligt an der speditiven Reise. In nur 4 Tagen kam die Sendung bei uns an. Ein Strichcode, grün umrahmt und mit Vermerk „abgabefrei“ versehen, wird mitgeholfen haben. Wichtig auch der in der Mitte angebrachte Strichcode aus Zürich-Mülligen, dem Ankunftsort am Stadtrand von Zürich. Rot gedruckt heisst es da „International“ und Post Pac Priority.
 
Alles Worte, Bezeichnungen. Doch welche Drücke musste der Umschlag aushalten? Zuerst einmal die Last weiterer Sendungen im Briefkasten im 17. Arrondissement, wo meine Enkelkinder wohnen. Hatte er kalt, und ist es ihm vielleicht übel geworden, als die Postsäcke in rasender Fahrt nach La Villette gebracht wurden? Und erst beim Ausladen und Ausschütten auf die Fliessbänder, wie fühlte sich das an? Gab es auch freundliche Hände, die einzelne Sendungen aufhoben, wenn sie herunterfielen und ihnen den Weg zum Ziel sicherten?
 
Lebten meine Grosseltern noch, sie würden staunen, wie schnell und effizient uns die internationale Post heute bedient. Damals war es wie ein Wunder, wenn Nachrichten von ausgewanderten Söhnen oder Töchtern auf den Weihnachtsabend in der Heimat eintrafen. Es gab da viele Geschichten, die dieses Thema bearbeiteten. Ich weiss nicht, ob sie reines Wunschdenken waren.
 
Dem Umschlag habe ich ein festlich verpacktes Geschenk entnommen und für Weihnachten zur Seite gelegt. Gelesen habe ich die Glückwünsche von den Kindern. Die zweijährige Nora schenkte uns energiegeladene Filzstiftschwünge und Mena gestaltete eine Karte. Auf ein feines Baumwollflies platzierte sie kleinste Blätter und feinste Gräser und fixierte das Arrangement mit einer transparenten Folie auf einer roten Karte. Was sie vielleicht gar nicht bemerkte: Unter der durchsichtigen Haut befindet sich auch ein kleines, gelocktes Haar. Dieses erinnert mich an den alten Brauch, Schmuckstücke aus Haar anzufertigen. Mussten die Mütter früherer Jahrhunderte ihre Kinder früh ziehen lassen, wünschten sie, dass etwas Lebendiges von ihnen zurückbliebe. In der Familie von Primo habe ich ein aus Haaren hergestelltes Armband gesehen, das die in Gold gefasste Foto einer verstorbenen Tochter umfing.
 
Heute berühren wir mehrheitlich nur noch eine Tastatur, um mit unseren Kindern, Enkeln und Freunden, die weit ab von uns im Ausland leben, verbunden zu bleiben. Der Internetanschluss ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Ihm verdanken wir den schnellen Transport von Worten, Bildern und kleinen Filmen. Wir sind einander nahe, ohne aber die persönliche Ausstrahlung zu spüren und ohne Spannungen ertragen zu müssen.
 
Der Computer ist überall. Auch schon in der Liste des Existenzminimums? Was machen eigentlich Familien, die sich keinen Computer leisten können? Es ist Primo und mir bis jetzt noch gelungen, ohne Fernsehen zu leben. Den Computer abzulehnen, wäre weit schwieriger.
 
Wir können heute gar nicht mehr bescheiden leben. Die Zwänge sind gross. Hat sich eine technische Errungenschaft durchgesetzt, will sie benützt werden.
 
Ich selber habe mich unter einem gewissen Zwang für den Computer entschieden und bereue es nicht. Und doch stört es mich, wenn ich erkenne, dass wir im Grunde keine freien Menschen sind. Wir reden es uns nur ein. Der Zeitgeist mischt immer mit.
 
Aber ganz hat er uns noch nicht unter Kontrolle. Sonst würde mir der Postbote nicht täglich ein paar handschriftliche Weihnachtsgrüsse bringen.

Sonntag, 14. Dezember 2008

Mein Wunsch: Stille Momente in der Vorweihnachtszeit

Ich pendle hin und her. Einerseits gefällt mir der Advent hier oben am Stadtrand. Andererseits fahre ich auch gerne in die Innenstadt. Abendspaziergänge zum Waldrand sind aber die Favoriten dieser Vorweihnachtszeit. In einer Viertelstunde bin ich schon auf dem Schlieremerberg, kann die Stadt aus der Ferne und wenn der Himmel offen ist, auch die Sterne betrachten. Das angekündigte, seltene Ereignis der Venus, die am 1. Dezember für 45 Sekunden hinter dem Mond verschwand, konnten wir nicht beobachten. Der Himmel war bewölkt. Doch tags zuvor bewunderten wir Venus, Jupiter und die Mondsichel in einer seltenen Nähe und Klarheit. Ein wunderschönes Bild, das sich uns einprägte.
 
Wir waren durch den Wald anmarschiert, und als wir aus ihm heraustraten, präsentierten sich auch die Stadt und das Limmattal als Lichtermeer. Aber von anderer Art, nur von Menschen gemacht.
 
Am Sonntag dann entdeckten wir von weitem rote Feuersglut und sich bewegende kleine Lichter, als wir wieder dort oben unterwegs waren. Die Sonne war längst untergegangen. Der gedeckte Unterstand war von Familien bevölkert. Kinder sprangen herum. Einige trugen Laternen, andere spielten mit Taschenlampen. Hier wurde vermutlich Sankt Nikolaus gefeiert. Wir sahen dieses Fest nur von weitem. Es war ein Anblick wie aus der Zwergenwelt. Ein Zauber der Nacht. Und Primo wurde, wegen seines Barts und seiner Ausstrahlung, wie immer im Advent, von Kindern ganz genau betrachtet. War das der Samichlaus? Zwei Buben auf dem Heimweg fragten sich: Hat der Samichlaus eine Frau? als sie mich an seiner Seite entdeckten.
 
Ein anderes vorweihnachtliches Erlebnis: Die Ausstellung „Polnische Weihnacht“ im Spielzeugmuseum Baden. Wir mussten lange suchen, bis wir den Ort fanden. Die Auskünfte, die uns ein Bus-Chauffeur und Passanten gaben, waren so widersprüchlich, dass wir die Altstadt zweimal durchqueren mussten, bis wir den Ländliweg endlich fanden. Es schneite und regnete. Schneematsch behinderte uns im Gehen, aber als wir das Museum in einer schönen, alten Villa fanden, waren wir versöhnt. Hier trockneten die Kleider. Es war gemütlich warm, und die Frau an der Theke war freundlich. Ich war mit meiner Freundin Ursula hierher gekommen. Still schauten wir uns um, lasen die Texte, bestaunten den polnischen Weihnachtsbaum, eindrückliche Holzschnitzereien von Waclaw Suska, ebenso filigrane Scherenschnitte, Strohgeflechte und die mit Silberpapier gestalteten Kathedralen. Polnische Weihnachtsmusik füllte den kleinen Raum und gab uns das Gefühl, zum Fest eingeladen zu sein.
 
Diese Gegenstände aus der Volkskunst tauchten schon vor Jahren auf dem Weihnachtsmarkt auf. Jetzt weiss ich, woher sie kommen. Aber auch aus Skandinavien und aus der Schweiz kenne ich solche Stroharbeiten. Wer wen beeinflusst hat, ist oft nicht mehr auszumachen.
 
Der farbenfroh dekorierte Weihnachtsbaum hinter einer gläsernen spanischen Wand steht vor einem Fenster der Museumsvilla. Da es schneite, als wir uns dort aufhielten, wurde das Bild einer Weihnachtsstube lebendig.
 
Ursula begeisterte sich für das Rezept der polnischen Mohn-Roulade und notierte es. Mein Blick haftete immer wieder an Holzreliefs von Waclaw Suska. Seinen Geige spielenden Engel hätte ich gern mitgenommen.
 
Das polnische Weihnachtsfest mit vielen traditionellen Speisen muss ein Festschmaus für die Grossfamilie sein. Mich beeindruckte die Oblate, die bei Tisch gebrochen wird. Eine feierliche Geste, die das Fest erst zum Weihnachtsfest werden lässt. So stelle ich mir das vor. Die Oblaten, die wir hier kaufen können, sind rund. In Polen rechteckig und gross und wie unsere Tirggel mit eingedrückten Bildern verziert.
 
Diese Ausstellung sei die erste in ihrer Art. Weitere werden in den nächsten Jahren folgen. Obwohl im Spielzeugmusem angesiedelt, ist dieser Blick in die Volkskunst anderer Länder zuallererst für Erwachsene ein Gewinn. Nur sie können ihn den Kindern vermitteln. Obwohl klein, ist die Ausstellung aber fein. Sie dauert noch bis zum 6. Januar 2009.
 
Zurück in Zürich, stand ich noch alleine bei einer singenden Heilsarmee-Gruppe, die im Advent zum traditionellen Bild meiner Stadt gehört. Jedes Jahr bewundere ich das Engagement dieser Menschen und ihre liebenswürdige Ausstrahlung. Sie sorgen nicht nur für die Ärmsten. Sie schenken uns ganz allgemein etwas Einstimmung in den Advent. In diesem Sinn sind sie Bestandteil von städtischen Weihnachtsbräuchen. Sie gehörten dazu, wenn im Badener Spielzeugmuseum Volkskultur aus Schweizer Städten gezeigt würde.
 
Das Säcklein Maggi-Suppe, das mir überreicht wurde, als ich meine Gabe in den Topf fallen liess, werde ich dann unserer Weihnachtssuppe einverleiben.

Sonntag, 7. Dezember 2008

Besuch in Basel: „Figuretti“ entdeckt und Engel mitgebracht

Wir schlenderten herum. Wir waren nach Basel gekommen, um die Ausstellung von Primos Bildern und Objekten zum Thema „Fundsache Engel“ zu eröffnen. Alle Vorbereitungen waren gemacht. Es blieb uns noch etwas Zeit, das Quartier Gundeldingen zu entdecken.
An der Laufenstrasse 90 zog mich ein hell erleuchteter Raum in einer Reihenhaussiedlung magisch an. Im Schaufenster links grüsste ein feingliedriger Stern, eingerahmt von einem türkisfarbenen Theatervorhang. Wir standen vor dem Figurentheater „Figuretti“. Ich ging die Steintreppe hoch. Durch die Glastüre schaute ich auf Kaspers Bühne. Sie war erleuchtet, aber unbelebt. 25 Stühle, alles Individualisten mit verschiedenfarbig bezogenen Sitzkissen, standen für einen Auftritt bereit. Doch nichts regte sich. Das Dutzend Figuren schaute noch aus einem Fenster und machte auf sich aufmerksam.
 
Mit mir hatte es funktioniert. Diese intime Theaterwelt elektrisierte mich, machte mich neugierig. Ich dachte an unsere Enkelkinder in Paris, zog den Fotoapparat aus der Tasche und blitzte in den Raum. Ich wollte ihnen Bilder schicken und erzählen, ich wisse jetzt, wo der Kasper wohne. Vielleicht könnten wir ihn im nächsten Jahr einmal besuchen.
 
Sofort erschienen 2 Personen aus einem Nebenraum und öffneten die Tür. Sie wollten wissen, warum es hier geblitzt habe. Sie schienen sich an meiner Begeisterung zu freuen. Ich bekam die „Figuretti“-Zeitung“ und den Prospekt „Über uns“. Die Foto zeigt die beiden Personen, mit denen ich gesprochen hatte: Claudia Stoob und Werner Jufer. Die Theaterdirektion also. (Mehr über sie und ihr Theater bei www.figuretti.ch).
 
Ich versicherte, wieder zu kommen und einer Aufführung beizuwohnen. Vor lauter Freude vergass ich, dass ich auf dem obersten Treppenabsatz stand. Als ich zu Primo auf die Strasse zurückkehren wollte, ging ich wie ein Luftibus ebenaus und wäre beinahe abgestürzt. Ich konnte mich am Geländer auffangen. Primos Gesichtsausdruck werde ich nicht so schnell vergessen. Eine Mischung aus Schrecken und vorwurfsvoller Strenge. Ich hatte grosses Glück. Hat mich vielleicht ein Engel vor einem katastrophalen Sturz bewahrt?
 
Mittlerweile war die Sonne untergegangen und allerlei Weihnachtsbeleuchtungen spendeten festliches Licht. In solchen Momenten werden  alle Schichten von erlebten Weihnachtsgeschichten wieder wach. Besonders einfache, eher spröde Dekorationen ergreifen mich dann. Sie erinnern an die Kindheit.
 
Letztes Jahr um diese Zeit waren wir auch nach Basel gekommen, um einem Stadtrundgang zu folgen. Eine Kunsthistorikerin führte uns zu Engeln in der Kunst und Architektur und zeigte auf, wie diese geflügelten Wesen von den Menschen durch viele Jahrhunderte hindurch als Beschützer wahrgenommen und sichtbar gemacht wurden.
 
Damals durften wir auch das Rathaus betreten und im Turmzimmer, ganz oben, wurde ein Apéritif serviert. Meine Familie kam, in der Gruppe gehend, unvorbereitet in den Hof dieses prächtigen Gebäudes. Da stand eine mächtige Tanne, festlich geschmückt, und vor ihr wurde Drehorgelmusik gespielt. „Oh, wie schön!" entfuhr es mir. Die Klänge, der Baum, der Lichterglanz, das unbekannte Umfeld, sie gaben den Blick für Weihnachten frei. Wie ein Blick ins Paradies kam mir das vor. Ein Ereignis von wenigen Sekunden.
 
Wir mussten zügig weitergehen. Es vollzog sich alles husch-husch, wie wenn ein Engel gesichtet worden wäre, der sich aber nicht weiter bestaunen liess. Und als wir später zurückkamen, waren die Drehorgeln verschwunden und mit ihnen die grosse Ausstrahlung von vorher.
 
Jetzt, an diesem Dezembertag 2008, konnten wir bekannten und auch unbekannten Menschen aus Basel etwas Vergleichbares zurückgeben. Nichts Herkömmliches und darum überraschend. Ein neuer Blick auf das Wesen des Engels, den Primo als reine Energie versteht. Für ihn sind Engel keine Sache, auch keine menschlichen Figuren. Um aber ein Objekt herzustellen, das diese Energie andeutet, braucht auch er eine Sache: Materialien, die ihm aus seinem Berufsalltag zufallen, Farben, auch Fundgegenstände, die er als Velofahrer auf dem Weg zur Arbeit und auf der Strasse oder beim Spaziergang im Wald oder Feldern entlang, zufällig findet.
Die Ausstellung ist gut aufgenommen worden.
 
Hinweis auf die Ausstellung mit Werken von Primo Lorenzetti
Sie ist bis Ende Januar 2009 im Restaurant L'esprit zu sehen. Informationen zum Ort, einer Lesung über Engel und ein Engelmahl finden sich bei www.lesprit.ch.

Samstag, 29. November 2008

In meinem Fokus sind noch Zuversicht und das Vertrauen

Jetzt ziehen die neuen Mieter ins frisch renovierte Mehrfamilienhaus ein. Schon seit Wochen waren das Hämmern und die mehrheitlich heiteren Rufe der Bauarbeiter verstummt. Der Innenausbau vollzog sich still.
 
25 persönliche Wohnungseingänge habe ich gezählt. Dazu auf jedem der Stockwerke noch ein allgemeiner. Ich bin gespannt, wie wir diese neue Nachbarschaft erleben. Der Einzug der neuen Mieter scheint gut abgestimmt zu sein. Es reisen nicht alle am selben Tag an. Wir bemerken jeweils nur am Abend, dass weitere Fenster erleuchtet sind.
 
Auf der grossen Wiese wird noch ein Zaun errichtet, damit die Landverhältnisse klar sind. Eine Massnahme, die in der Erfahrung gründe, hörten wir von unserem Hausmeister. Die Grosszügigkeit wird beschnitten, weil nicht alle damit umzugehen wussten.
 
Auch in der Gesellschaft weisen plötzlich neue Leitlinien auf einen ähnlichen epochalen Wandel hin. Aber die Sicherheit, die wir suchen oder neu erschaffen müssen, beschert uns zuerst viel Unsicherheit.
 
In solchen Situationen schaue ich immer wieder einmal auf einen Leitsatz, der schon einige Jahre innerhalb meiner Bücherwand hängt. Da heisst es: „S’chunnt guet. Mer ziehend’s durä." (Es kommt gut. Wir ziehen es durch.)
 
Dieser stammt nicht aus meiner Feder. Ich entdeckte ihn an Neujahr 2002 auf einem handschriftlichen Plakat an der Konradstrasse in Zürich, wo sich damals noch viele Drogenabhängige aufhielten. Die positive Botschaft aus diesem Umfeld erreichte mich wie ein Blitz. Zu Hause tippte ich sie in den Computer und druckte sie in grossen Lettern aus. Noch heute, beinahe 6 Jahre danach, unterstützt sie meinen Durchhaltewillen. Noch selten habe ich 2 Sätzen so viel Zuversicht entlocken können, wie diesen.
 
Und ich stelle fest, dass ich dieses jetzt schon etwas abgegriffene Papier nicht fortwerfen kann. Es ist pausenlos im Einsatz. Ein Problem löst das nächste ab. Jetzt gerade, weil wir die Kündigung unserer kleinen Werkstatt akzeptieren müssen. Das Haus wird abgebrochen.
 
Auch mein Velo, treuer Begleiter, und seit beinahe 15 Jahren Teil meiner selbst, musste ersetzt werden. Noch bin ich daran, mich mit dem neuen Gefährt anzufreunden. Muskeln und Knochengerüst sind darob irritiert und müssen sich arrangieren. Da geht es um kleinste Massdifferenzen, die mir zu schaffen und auch Angst machen. Oder meine Zähne, einst mein Stolz, sind nicht mehr fähig, sich selbst zu erhalten.
 
Was bleibt da Besseres übrig, als der inneren Zuversicht zu vertrauen. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich tiefgreifend verunsichert werde. Immer gab es eine Lösung der Probleme, die einen neuen Weg, manchmal eine neue Richtung verlangten.
 
Der mich behandelnde Zahnarzt ist ein Meister seines Fachs und kennt auch Sensibilität. Ich fühlte mich aufgehoben, sicher und konnte alle Spannungen loslassen. Am Schluss sagte ich, das müsse eine grosse Koryphäe sein, die ihn behandeln dürfe. Er widersprach sofort. Ein beruflicher Rang sei nicht ausschlaggebend. Es brauche vor allem Vertrauen.

Montag, 17. November 2008

Erfahrungen, Aufgaben und Gedanken rund um den Tod

Jetzt gerade nachdem ich Wäsche aufgehängt habe, ist mir bewusst geworden, dass ich wieder in der Gegenwart angekommen bin. Ich war ganz bei der Sache, freute mich, wie sauber das Stück wieder war, das ich gerade in Händen hielt. Zeitweise war ich stehen geblieben, habe mich rückwärts gewandt und kurz darauf bin ich wieder vorausgeeilt, um dringende Aufgaben zu erfüllen. Die Folge: Ich verlegte Papiere, die Brille, die Schlüssel usw.
 
Der Grund: Celeste, die gelegentlich auch in Beiträgen im Blog-Atelier auftauchte, ist gestorben. Eine Erkältung minderte ihren Lebenswillen so stark, dass sie loslassen konnte. Als man ihr ein Spitalbett versprach, in dem sie besser gepflegt werden könne, gab sie auf. Ich freute mich über diese Art zu sterben. Sie war nicht allein. Pflegefachfrauen hielten sie beim Umbetten und gleichzeitigem Sterben in den Armen.
 
Ein Tod richtet sich nicht nach der Agenda der Betroffenen. Rücksichtslos wurde von mir gefordert, neben anderen Arbeitssträngen jetzt vor allem jenem für die Beerdigung zu folgen. Celeste hat mich zeitlebens als ihre „Seggredärin“ (Sekretärin) vorgestellt und mir rechtzeitig alle Vollmachten gegeben. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, ihre letzten Wünsche zu erfüllen.
 
Ich habe schon für verschiedene Mitmenschen diese letzten Aufräumarbeiten übernommen und erfahre auch jetzt wieder, wie hilfreich es ist, wenn lange vorher darüber gesprochen wird. Was ist noch wichtig? Was soll gesagt und geschrieben werden? Wie soll das Leidmahl ausfallen usw. Was geschieht mit wertvollen Möbeln oder Andenken? Diese Fragen und die dazugehörigen Antworten sind enorm wichtig und erleichtern die Arbeit.
 
Celeste wünschte, dass ihre Asche in einer Nische bestattet werde. Der Verantwortliche vom Bestattungsdienst offerierte, selbst begeistert vom Urnenhain, einen Platz in der neu angelegten Nischenwand im Friedhof Sihlfeld. Ich dachte sofort an Kelten oder Römer, die solchen Orten viel Bedeutung gaben. Ideal auch nach den Vorstellungen der Verstorbenen und ideal für mich. Dieser Friedhof ist für mich gut erreichbar und er ist als friedliche Stätte schön. Von seiner Architektur her ein Ort der Geborgenheit.
 
Als wir den Tod im Bevölkerungsamt meldeten, wurden wir an allen Stellen sehr freundlich, mitfühlend und auf eine Art liebevoll begrüsst. Bevor wir an die Reihe kamen, trat eine Dame an den Schalter, die uns schon im Lift aufgefallen war. Sie konnte kaum mehr atmen. Und ihre Stimme versagte oft. Ein Tod, den sie betrifft, muss ihr arg zugesetzt haben. Da können wir uns gut vorstellen, dass das Personal dieses Amtes so geschult ist, dass es Mitgefühl signalisieren kann. Primo setzte für unseren Fall aber gleich ein Zeichen. Er informierte, wir würden einen Tod mitteilen, der als Erlöser gekommen sei. Wir seien nicht traurig.
 
Als Celeste vor 10 Jahren ins Heim eintrat, nannte sie mir Namen und Adressen von Verwandten und befreundeten Frauen. Ich listete sie auf. Ein A-4-Blatt wurde zu ¾ gefüllt, wohlgemerkt, jede Adresse ohne Leerschaltung an die nächste gerückt. Und jetzt, beim Tod, konnte ich nur noch 3 Personen mit der Todesanzeige erreichen. Wer über 90 Jahre alt wird, alleinstehend und kinderlos ist, wird zwangsläufig einsam.
 
Wo immer ihre Seele oder Persönlichkeit jetzt ist, wir wünschen ihr den Frieden. Letizia sagte ein paar Tage später, Celeste habe sich nicht mehr gemeldet (z. B. in einem Traum), und darum stelle sie sich vor, dass sie fadengerade, aber über ihr geliebtes Tal von Poschiavo, in ihre neue Heimat geflogen sei.

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Von Wänden, die besprayt oder beschrieben worden sind

Der „Rosengarten“, ein altes Gasthaus an der Kalkbreite in Zürich, ist auferstanden. 150 Jahre lang war es ein wichtiger Quartiertreffpunkt und die Beiz der Trämler. Nebenan befindet sich das alte Kalkbreite-Tramdepot. Dieses baufällig gewordene und verlassene Restaurant wäre abgebrochen worden, hätte sich nicht der Heimatschutz eingeschaltet und „eines der ältesten Beispiele für die Urbanisierung Zürichs“ gerettet.
 
Kürzlich fuhr ich dort mit dem Velo vorbei und sah dieses alte Haus mit seinen gemütlichen Proportionen in neuem Glanz. Es strahlte. Es erschien mir jetzt grösser. Ich freute mich. Ein paar Tage danach war ich wieder in seiner Nähe und erschrak. Über Nacht hatten schon wieder Sprayer ihre seltsamen und in meinen Augen widerlichen Signaturen angebracht. Eine Schande! Ich liess mir von jungen Leuten sagen, das seien Markierungen der Selbstdarstellung: Ich bin da gewesen.
 
Da frage ich mich dann schon, wie sie reagierten, wenn ich zum Beispiel in ihren persönlichen Wohnraum eindringen und ihre Wände und Decken mit Malereien meines Schönheitsempfindens verschmieren würde.
 
Fotos in den Tageszeitungen zeigen mir heute, dass die betroffene Fassade noch rechtzeitig vor der Einweihung gereinigt und vielleicht nochmals übertüncht werden konnte. Wer bezahlt das eigentlich?
 
„Ich bin da gewesen.“ Dieser Satz liess in mir sofort ein uraltes Erlebnis aufsteigen, das unsere Töchter bestätigen können. Mit ihnen befand ich mich in der Bahnhofhalle des Zürcher Hauptbahnhofs zur Zeit, als diese renoviert wurde. Bauabschrankungen aus Spanplattenmaterial grenzten die Baustelle ab. Auch sie waren beschrieben oder verschmiert, aber nicht im heutigen Sinn versprayt. Dort, wo sich früher die „Chüechliwirtschaft“ befunden hatte, warteten wir auf Primo. Es stand eine Ausstellungseröffnung seiner Arbeiten an. Wir wollten gemeinsam ins Zürcher Oberland reisen.
 
Wir warteten und warteten. Zu dritt im Gespräch, fiel mein Blick schräg auf die Holzwand. Eine unscheinbare Bleistiftnotiz zog mich an. Eine Schrift ähnlich jener von Primo. Ich las: „Ich bin da gewesen, habe etwas vergessen. Reise eine Stunde später nach.“ Eine Botschaft für uns drei. Obwohl nicht unterschrieben, wussten wir augenblicklich, dass sie uns galt.
 
Wie unterschiedlich doch eine gleichlautende Botschaft motiviert sein kann. Da der Platzhirsch, der sich ein Denkmal setzt. Und dort einer, noch nicht im Handy-Zeitalter angekommen, der versucht, eine Verspätung mitzuteilen.
 
Aber beide haben öffentliche Wände benützt.

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Deutsche in der Schweiz: Das Thema berührt auch mich

Schlagzeilen wirken weniger als Schläge, wenn sie von Karikaturen, zum Beispiel von Felix Schaad, begleitet sind. Seine träfen Beiträge im Tages-Anzeiger entspannen öfters mein Frühstück.
 
Schon bald eine Woche liegt Seite 21 vom 2. Oktober 2008 offen auf meinem Schreibtisch und amüsiert mich. Eine Bildgeschichte über 5 Sequenzen zu einem Artikel „Wie die neuen Ausländer die Schweiz verändern“.
 
Ein Mann mit locker umgebundener Krawatte, die Ärmel hochgekrempelt, überlegt: Er sei gewiss kein Rassist, aber sein Vorgesetzter sei ein Deutscher, sein Arzt ebenfalls und auch die Dozenten seiner Tochter. Und aus dem Fenster lehnend, sieht er bestätigt, dass es in seinem Quartier von ihnen nur so wimmle. Während dieser Aufzählung zeigte er sich von verschiedenen Seiten, mit der Hand im Hosensack, stehend und gehend. Dann sehen wir ihn bei sich zu Hause. Seine Frau sitzt auf dem Sofa und liest die FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Von ihr will er jetzt wissen: „Wofür sind wir eigentlich in die Schweiz gezogen?“
 
Es fällt mir auf, dass in den letzten Monaten das Thema „Die Deutschen kommen“ immer wieder aufgegriffen worden ist. Statistiken dazu belegen, dass die Einwanderung zunimmt.
 
Ich frage mich trotzdem, ob das sinnvoll ist. Wird da Angst geschürt? Ich weiss es nicht. Auf jeden Fall bin ich persönlich vorsichtig, denn meine Urgrosseltern kamen auch aus Deutschland und haben hier wertvolle Arbeit geleistet. Der Urgrossvater war ein Spezialist für den Bau hoher Fabrikkamine. Er und seine Frau stammten aus dem Gebiet der Donau-Versickerungen.
 
2 Tage später betrete ich die Sihlpost beim Zürcher Hauptbahnhof. Es herrscht ein reger Betrieb. Die Schalter von A bis M alle besetzt. Ich drücke die Taste am Automaten, der mir den Zettel mit der anstehenden Nummer ausspuckt. Die 487. Es nimmt mich wunder, wie lange ich warten muss und schaue nach einer Anzeigetafel aus. Am Leuchtkasten oberhalb des Nummernautomaten erscheint die 05. Sie irritiert mich. „Da stimmt etwas nicht!“ sage ich leise vor mich hin und überprüfe nochmals meinen Zettel. Das war vermutlich eine Alterserscheinung, dass ich redete, wo andere schweigen. Ein junger Mann hat mich beobachtet und sofort eingegriffen. Freundlich erklärt er mir das System. Er verweist auf die Anzeigetafel über den Schaltern. Ich müsse nur warten, bis dort meine Nummer erscheine. Zu ihr gehöre ein Buchstabe, der sei für den betreffenden Schalter wegweisend. Es war ein Deutscher!
 
Ich musste lachen. Einerseits über mich, dass ich die 05 am Kasten falsch deutete. Sie ist neu und zeigt die mutmassliche Wartezeit an. Ich kannte sie noch nicht. Andererseits passt es zum Thema, dass die Deutschen da und sogar sehr hilfsbereit sind.

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Freundlichkeit gedeiht auf respektvollen Verhaltensregeln

Montagmorgen. Schon vor 8 Uhr beleben die Kinder den Schulhausplatz von nebenan und erinnern mich an ein schönes Erlebnis von gestern. Sie lachen und kreischen. Es tönt fröhlich, aktiv und lebenslustig.
 
Primo und ich gingen erstmals in Zürich-Altstetten abstimmen. Das Abstimmungslokal befindet sich zu unserer Überraschung gleich nebenan im Schulhaus Loogarten. Wir wurden herzlich willkommen geheissen. Ich habe schon mehrmals erwähnt, wie freundlich man sich in diesem Quartier begegnet. Man grüsst sich auf der Strasse, wie das in den Landgemeinden üblich ist. Je näher wir dem Stadtkern kommen, desto nüchterner gehen die Menschen aneinander vorbei. Verständlich. Zu viele sind unterwegs.
 
Als ich am Tisch der Stimmabgabe erwähnte, wie uns die Altstetter-Freundlichkeit auffalle, huschte ein Leuchten über die 3 Personen, die unsere Papiere in Empfang nahmen. Selbstbewusst und gar nicht erstaunt über unsere Beobachtung, sagte eine der Frauen sofort: „Das ist eine alte Tradition!“
 
Ja, eine echte und lebendige. Eine, die entspannt und auch Humor zulässt.
 
Beim Verlassen des Schulhauses wurde ich zufällig noch auf die Verhaltensregeln in der Schule Loogarten aufmerksam. Am Informationsbrett steht geschrieben: 
Wir grüssen alle freundlich.
Wir begegnen allen mit Respekt.
Wir reden und benehmen uns anständig.
Wir folgen den Anweisungen der Erwachsenen.
Wir schlagen und spucken nicht.
Wir tragen Sorge zum Material und halten Ordnung.
Das sind Werte der angesprochenen Tradition.
 
Von ihnen zu reden, war lange kein Thema mehr. Ich freue mich über diese klare Vorgabe, die gewiss auch in andern Schulkreisen wieder salonfähig wird oder schon geworden ist.
 
Ich selbst habe beim Einzug in eine neue Wohnung erlebt, wie klare Regeln eigene Sicherheit hervorbringen. In meinem ganzen Leben musste ich nie eine Waschküche mit anderen teilen. Davor war mir ein bisschen bange. Dank der vorgegebenen Ordnung fand ich mich rasch zurecht.
 
Gut schweizerisch empfinde ich jene Ecke, an deren Wand ein Besen, eine kleine Schaufel und der dazugehörige Wischer aufgehängt sind. Um jeden dieser Gegenstände wurde seine Kontur mit Filzstift an die Wand gemalt, damit ihnen ein immer gleicher Platz sicher ist. Jedesmal denke ich dazu: So klare Vorgaben, locker erfüllt, würden an vielen Orten viele Probleme verhindern.

Dienstag, 16. September 2008

Atmosphärisches aus unseren Bilderbuchferien im Tessin

Eindrücklich erlebte ich die Ankunft in Magadino TI, kurz vor der Schiffstation. Von Quartino herkommend, steigt die Uferstrasse ganz leicht an, bevor sie in geschwungener Linie nach links abbiegen muss. An diesem Punkt wird der See (Lago Maggiore) in seiner Weite sichtbar. Palmen wachsen am Strand. Hier überfliessen die Gefühle. Angekommen im Süden! Oder gar am Meer?
 
Ich dachte dazu: Wenn hier ein übermütiger Autofahrer mit übersetzter Geschwindigkeit daherbraust, landet er im Wasser. – Falsch! Ein kleiner Park mit den erwähnten Palmen und daneben ein grosser Autoabstellplatz sorgen schon für den schützenden Abstand.
 
Die Freude kann alles grösser machen als es ist. Nicht immer werden wir verstanden, wenn wir begeistert erzählen. Da heisst es dann manchmal, man rede das Blaue vom Himmel herunter. Und wer die Arbeit schwänzt, macht „Blauen“, ist auch eine Redensart, die auf eine verführerische Farbe hinweist.
 
Während der ganzen Ferienwoche sahen wir dieses heitere Lago-Maggiore-Blau. Täglich. Zauberhaft. Vom Himmel geschenkt, nicht mit den Händen fassbar und doch real da. So einflussreich, dass auch die Berge blau erschienen. Und sind doch alle von dichtem, grünen Wald ummantelt.
Ich will aber nicht verschweigen, dass es auch im Tessin regnen kann, sogar sehr stark regnen kann. Während unserer Ferien konnten wir aber das Klischee der südlichen Heiterkeit erfahren und bestätigen. Dazu beigetragen haben auch unsere Enkelkinder Mena und Nora. Ihretwegen sind wir nach Orgnana oberhalb von Magadino ins Reka-Dorf gekommen. Reka-Dörfer* sind Orte für familienfreundliche und kindergerechte Ferien (www.reka.ch).
 
Da gibt es viel Platz für bewegungshungrige Kinder, verschiedene Spielgeräte und in Orgnana manche Treppe, weil das Dorf an den Hang gebaut ist. Genau das Richtige für Kinder aus Paris. Kinderlärm gehört hier zur Selbstverständlichkeit und ist kein Problem. Hier konnte sich die 2-jährige Nora zum Wiesel entwickeln, kann jetzt rasch und eigenständig davonspringen.
 
Sie hatte sofort guten Kontakt zum Grossvater. Nachdem sie ihn kritisch musterte und sich vielleicht erinnerte, dass sie ihn kenne, trieb sie den Speichel in lustigen Blasen über die Lippen. Und er selbstverständlich noch eine Spur kräftiger zurück. Und sofort war die Freundschaft wieder gefestigt.
 
Im Reka-Dorf können sogar Grossmütter wieder zu Kindern werden. Ich wunderte mich selbst darüber, dass es noch möglich ist, mit bald 7 Jahrzehnten auf dem Buckel „Versteckis“ (Versteckspiel) zu spielen, um Hausecken zu flitzen und sich hinter Gebüschen ins Gras fallen zu lassen. Wären wir länger geblieben, hätten vielleicht andere Väter, Mütter oder Grosseltern noch mitgespielt. Sie beteiligten sich aber insofern daran, als sie darauf achteten, dass die Spielregeln eingehalten wurden. Mena hätte manchmal so gerne die Augen geöffnet, bevor die vereinbarte Zahl aufgerufen worden war. Es gab da strenge Beobachter.
 
In diesem Feriendorf beobachtete auch ich die Anwesenden, ihre Spiele, ihr Dasein. Und wir plauderten miteinander. Man hatte Zeit. Ich freute mich an den geduldigen Vätern und Müttern, die ihre 1- oder 2-jährigen Sprösslinge schaukelten, mit ihnen erste Schritte übten, sie auf die Rutschbahn setzten und dafür sorgten, dass sie unten wohlbehalten ankamen. Wir alle gaben aufeinander Acht, und Mena sogar noch im sprachlichen Bereich.
 
Schon vor Monaten, als sie bei uns in Zürich in den Ferien war, sagte sie auf einmal:„Grosy, du sagst immer wieder ,Ja was!’“ Wiederholungen stören sie. Mena muss man etwas nur einmal sagen, dann sitzt es. Trotzdem sie mich damals rügte, beantwortete ich das, was mich erstaunte erneut mit „Ja was!“ Tönt doch sicher besser als beispielsweise „Das gits ja nöd.“ (Das gibt es nicht.) Dies ist auch so eine Redensart. Diese stört aber mich.
 
Damals in Zürich notierte sie mit Strichen, wie oft sie mich beim Wiederholen erwischt hatte. So sind Kinder. Sie beobachten und sagen unverblümt, was sie entdeckt haben. Und wir Erwachsene können unser Tun und Reden reflektieren und falls nötig und überhaupt möglich ändern.
 
Wenn Mena im Tessin vorwurfsvoll „Grosy!! Ja Was!“ rief und dabei die Augen rollte, war ich selber erstaunt, wie oft mir dieser Ausspruch herausrutschte. Also suchte ich nach einer neuen Variante, denn vieles, was mir erzählt wird, ist doch erstaunlich. Ich rief dann nach einer Rüge von ihr „LAGO MIO“, auch so ein Wort, das Erstaunen ausdrückt. Hier besonders passend, weil wir uns über dem Lago Maggiore befanden und gerne nach ihm ausschauten. In solchen Momenten war er mein oder unser See, wie es der Ausspruch meint. Der schöne See, der zauberhaft blaue See.
*
*Wie ich auf der Homepage von www.reka.ch entdeckte, ist das Feriendorf in Orgnana ob Magadino-Vira nicht mehr aufgeführt. Schon im Winterschlaf. Es bietet keine Herbst- oder Winterferien an.
 
Von einer Tessin-Kennerin habe ich erfahren, dass die Magadino-Seeseite „Pfnüselküste“ (Die Küste, wo man sich eine Erkältung holt) genannt werde, weil hier im Winter die Sonne lange Zeit zu tief stehe, um sie zu beleuchten und erwärmen. Dafür ist sie im Sommer wunderschön.

Samstag, 6. September 2008

SBB-Versprechen: „So leicht kommt Verlorenes zurück.“

Ich sah die SBB-Angestellte vom Schalter aus, als sie mit meinem gelben Rucksack durch den Korridor daher kam. Sie hob ihn in die Höhe, und ich konnte sofort zustimmen: „Ja, er sei es!“ Da waren wir erleichtert. Primo hatte ihn auf der Reise in der S-Bahn auf der Strecke Luino–Bellinzona liegen gelassen. Heute denke ich dazu: Der Sinn der Aufregung sei vielleicht dieser Beitrag im Blogatelier, damit viele Reisende über den neuen Fundservice der SBB informiert werden.
 
Der Schwiegersohn hatte sofort eine entschuldigende Erklärung. Primo hätte sich eben so sehr um seine kleine Tochter Nora gekümmert. Das habe ihn abgelenkt.
 
Primo trug an jenem Mittwoch den leichten Rucksack auf dem Spaziergang durch den Markt in Luino am Rücken, legte ihn dann für die Rückfahrt in der S-Bahn ins Gepäckfach über unseren Sitzen und plauderte spassend mit Mitreisenden. Die Enkelin Nora, deren Kinderwagen er während des Ausfluges chauffierte, war eingeschlafen, der Wagen gesichert. Er war frei und wie immer in Italien von diesem Land seiner Vorväter bewegt. Licht, Lebensweise, Kunst und Architektur beflügeln ihn hier mehr als anderswo. Und die Lebensfreude drückt sich dann in allerlei verbalen Spässen aus.
 
Unser Schwiegersohn hatte wohlweislich sein Auto schon in Maccagno abgestellt. In Luino darf am Markttag (jeden Mittwoch von 9 bis 16.30 Uhr) nicht mit freien Parkplätzen gerechnet werden. Wir fuhren deshalb die letzten beiden Streckenabschnitte mit der S3 und erreichten den international bekannten und für mich legendären Markt auf kurzem Weg vom Bahnhof her zu Fuss.
 
In Luino werden sowohl Textilien aller Art wie auch Lebensmittel-Spezialitäten und allerlei Haushaltartikel angeboten. Wir liessen uns treiben, kauften dies und das. Nicht wirklich Nötiges, aber Dinge, die uns an einen schönen Ausflug erinnern werden. Wir schleckten Gelati und hörten den indianischen Musikern zu. Wir beobachteten die Polizei, wie sie die Papiere der Musikanten prüfte. Die 6-jährige Mena hat diesen Auftritt ganz genau beobachtet. Die attraktiven Uniformen der Carabinieri imponierten ihr. Dann setzten wir uns wieder in die Bahn und fuhren dem tiefblauen Lago Maggiore entlang nach Maccagno zurück.
 
Kaum waren wir wieder beim Auto angelangt, bemerkten wir, dass der Rucksack fehlte, also alleine weiter reiste. Sofort begann ein Wettlauf nach ihm. Fahrt nach dem schweizerischen Magadino-Vira, wo wir den Verlust melden wollten. Der Bahnbeamte konnte uns verstehen, aber nur mühsam auf Deutsch antworten. Er schickte uns nach Bellinzona. Frauen und Kinder wurden in die Ferienwohnung zurückgefahren und die Männer reisten sofort dorthin.
 
Zu spät. Alle im Zug liegen gelassenen Gegenstände würden jeweils an der Endstation sofort eingesammelt und nach Bern weitergeleitet. Die Männer erhielten einen Prospekt mit der Internetadresse www.sbb.ch/fundservice und die Aufforderung, den Verlust dort anzumelden. Mehr konnte der Mann nicht für sie tun. Primo kam etwas zerknirscht nach Hause. Wir hatten nicht nur persönliche Dinge verloren, sondern auch eine wertvolle Jacke unserer Tochter und ebensolche von den Kindern. Von einer Sammelstelle in Bern und wie diese funktioniere, wussten wir in jenem Augenblick noch nichts. Die Abwicklung erschien uns umständlich.
 
Unserem Schwiegersohn, einem Sprachwissenschaftler, hatte aber das Gespräch am Schalter gefallen. Die Mischung von gutem Deutsch und italienischem Sprachklang.
 
Am Abend dann, als Ruhe ins Haus eingekehrt war, füllte unsere Tochter Felicitas das Computer-Formular aus. Wir beantworteten alle von den SBB gestellten Fragen und beschrieben die Gegenstände, die sich im Rucksack befanden. Wir konnten im SBB-Fahrplan im Internet auch die Zugs-Nummer ausfindig machen und korrekt bekanntgeben. Dann liessen wir das Suchformular los.
 
In der Nacht fiel mir ein, dass ich auf dem Markt doch noch 2 Küchenschürzen gekauft habe, die in unserer Verlust-Liste fehlten. Anderseits fand ich einen kleinen Küchenartikel in meiner Handtasche, den ich dem Rucksack-Inhalt zugeordnet hatte. Felicitas machte mich aufmerksam, dass das eingereichte Protokoll ergänzt werden dürfe. Ich war erleichtert, dass man mit etwas Aufregung rechnete und einen Nachtrag ermöglichte.
 
Kaum hatte sie diesen abgeschickt, bekamen wir die Antwort, es sei nicht mehr möglich, das Protokoll zu ändern, denn der verlorene Gegenstand sei bereits gefunden worden. Da freuten wir uns wieder und tauten auf.
 
Ich rief später noch die aufgeführte Telefon-Nummer an und erkundigte mich nach dem weiteren Vorgehen. Nach der Rückkehr nach Zürich würde ich in meinem Computer eine Bestätigung vorfinden, mit der ich den Rucksack im Bahnhof Altstetten auslösen könne.
 
Ich dankte und äusserte mich erfreut über die bisher unbekannte und für uns im ersten Moment undurchsichtige Abwicklungs-Methode. Die freundliche Sachbearbeiterin sagte: Eine solche Lösung habe sich aufgedrängt. Die SBB würden täglich Tausende von Fundgegenständen einsammeln. Unglaublich.
 
Primo hängte den Rucksack gleich wieder an seinen Rücken, nachdem er uns am Bahnschalter von Zürich-Altstetten ausgehändigt worden war. Auf der Heimfahrt mit den Velos wurde ich unruhig. Der Rucksack war nicht mehr prall gefüllt. Es schien etwas zu fehlen. Und so war es dann auch. In Luino kauften wir an einem Marktstand ein sehr grosses Stück Brot. Es wurden dort Brote von der rechteckigen Fläche eines normalen Küchentisches angeboten. Dieses Brot haben wir nicht mehr erhalten. Ich vermute, dass alle Lebensmittel rigoros aussortiert werden, um Fäulnis zu verhindern. Mit hartem Brot hätte ich zwar noch etwas anfangen können. Ein roher Fisch, Frischkäse, rohes Fleisch oder mit Vanillesauce gefüllte Gebäcke aber würden Probleme verursachen. Die Abwicklung also optimal.
 
Innert 5 Tagen hatten wir unseren Rucksack zurück erhalten. Unkosten Fr. 5.— für Inhaber eines Halbtaxabos. Ohne einen solchen Ausweis kostet die Aktion Fr. 10.—.
 
An jedem Bahnschalter liegen jetzt Flyers auf, die zusätzlich zu den beschriebenen Erfahrungen das neue „easyfind“–System der Bahn erläutern. Dieses wirkt vorbeugend, damit Verlorenes zurückkommt wie ein Bumerang. 
 
Jetzt habe ich nur noch eine Frage: Was machen ältere Leute ohne Computer, wenn sie etwas liegen gelassen haben? Können sie ihre Anfrage per Telefon aufgeben? Die Rail Service Nummer, die ich bekommen habe, lautet 0900 300 300 (CHF 1.19/Min). Mit ihr traf ich sofort ins Fund-Verarbeitungszentrum.