Dienstag, 28. August 2012

Augenblicke wie in den Ferien, unweit von zu Hause weg

Zürich ist eine grosse Baustelle geworden. In vielen Quartieren muss Altes verschwinden. Das sogenannt verdichtete Bauen erfindet Zürich ausserhalb der Altstadt neu.


Auch Zürich-Altstetten ist davon betroffen. Da stehen an der Hohlstrasse aber noch manche alte Schuppen und Scheunen. Ihr Todesurteil ist aber schon gesprochen. Dort ist eine grosse Überbauung geplant. Die hier seit Jahrzehnten angesiedelten Gewerbler mit ihren Hütten und Unterständen müssen verschwinden. Auch grössere Gebäude werden abgebrochen. Primo lud mich ein, mit ihm einen Rundgang zu machen, damit ich das hölzerne Gerippe von 2 Lager- oder Werkstatthallen noch sehen könne. Auf seinem Arbeitsweg kommt er hier täglich vorbei und beobachtet die Veränderungen sehr genau.

Die immer noch gut erkennbaren Gebäude sind jetzt aber bis aufs Knochengerüst ausgehöhlt. Die Form noch intakt. Die Verschalung abgenommen und darum jetzt durchsichtig. Eine klassische Zimmermannskonstruktion, in meinen Augen ein Kunstwerk. Vor diesem Knochengerüst aus schmalen Latten stehend, verstand ich das Wort Rückbau sehr gut. Hier findet rücksichtsvoller Abschied statt.




Interessant ist es auch, tiefer ins Gelände hinein zu sehen. Seit Jahrzehnten wucherten hier kleine Unterstände und abgedeckte Lagerplätze, für die wohl kaum je eine Baubewilligung beantragt worden ist.

Primo hatte aber auch etwas Neues entdeckt. Das Bistro METRO an der Hohlstrasse. Eine städtische Form von Gartenwirtschaft an einer stark befahrenen Autostrasse. Mit überdachten Plätzen im Freien. Abgeschirmt durch Gebüsche in Töpfen. Begrenzt mit einem militärischen Tarnnetz. Dahin wurde ich zum Mittagessen eingeladen. Ich fühlte mich wie in den Ferien. An einem bisher unbekannten Ort, nur 10 Minuten Velofahrt von unserem Zuhause entfernt. Gast bei einem türkischen Ehepaar, das uns grillierte Lammspiesse mit Pfefferschoten, Couscous, griechischen Salat und frische Brötchen auftrug.

Während wir aufs Essen warteten, fuhr eine amerikanische Limousine vor das Nachbargebäude, das als Automobil AG (Garage, Autospenglerei, Autospritzwerk und Pneuhaus) gekennzeichnet war. Sofort standen junge Männer von ihren Tischen auf, gingen hinüber, umkreisten den „Schlitten“. Solche Oldtimer sieht man heute selten. Und wer sie fährt, wird bewundert. Die Männer aus dem Gasthaus stützten die Hände in die Hüfte und markierten mit einem vorgestellten Bein imaginären Besitzerstolz. Offensichtlich ein Traum für sie. Sie umkreisten das prachtvolle Gefährt und taxierten es.

Kaum waren sie an ihre Plätze in der Gartenwirtschaft zurückgekommen, lagen auf der Kühlerhaube Klebband, Schere, Tüllstreifen, Rosaband und verschiedene Schnittblumen, die, an die hintere Fensterscheibe angelehnt, den Fond des Wagens festlich schmücken mussten. Blumen auch für die Front am Gitter der Kühlerhaube. Das Rosaband konnte zu einem Bouquet gekräuselt werden und wurde auf die Kühlerhaube geklebt.

Ich sah noch, wie der Autoverleiher die Tüllstreifen zurechtschnitt, sie an jede Türe band und Wind simulierte, um die Wirkung zu überprüfen. Dann war die hellblaue Hochzeitslimousine für den grossen Auftritt bereit und plötzlich wie vom Erdboden verschwunden.

Wir wurden abgelenkt, schauten zu, wie am Grill hantiert wurde. Ein junger Mann belebte die Glut mit einem alten Haarföhn. Es knisterte. Kleine Funken sprangen auf. Und sofort sah ich mich als Primarschülerin in der Stube in meinem Elternhaus. Dort knisterte es auch einmal, jedoch überraschend für mich. Wir heizten mit Holz und Kohle. Über Nacht erlosch das Feuer jeweils. An einem solchen Wintermorgen musste ich die Stube staubsaugen und wollte die Arbeit ganz besonders gut machen. Ich reinigte auch den Ofen, sog die Asche mit dem Staubsauger auf. Die Luft entflammte die restliche, noch vorhandene Glut ... den Rest kann man sich denken. Der Stoffsack im Staubsauger verbrannte. Es stank fürchterlich.

Selbstverständlich wurde ich entsprechend gerügt. Wie genau, weiss ich nicht mehr. Aber dass meine Idee sehr dumm war, das habe ich schon damals begriffen und darum nie vergessen.

Als sich der Wirt erkundigte, ob uns das Essen geschmeckt habe, stimmten wir zu, und ich sagte, ich fühle mich hier in den Ferien. Das freute ihn. Damit wir sein Bistro in guter Erinnerung behalten, wurde uns noch ein Bittermandel-Likör offeriert.

Dann führte mich Primo ins hintere, an die Bahngeleise angrenzendes Gelände. Hier erkannte ich verschiedene Fotosequenzen, die er kürzlich heimgebracht hatte. Ganz besonders hat uns dann auch das verwitterte, dunkle Holzhaus gefallen, an dem eine SBB-Stationstafel „Zürich-Flughafen“ angebracht war. Auf dem Dach flattert, hoch oben an einem Mast, eine einfache hellblaue ausgefranste Fahne.


Später ist mir aufgefallen, dass die Hohlstrasse nicht nur eine stark befahrene Ausfallstrasse ist, sondern auch eine Allee. Es sind dort über eine grosse Strecke viele Rosskastanien-Bäume gewachsen; sie weisen ein respektables Alter aus.



Auch auf der anderen Strassenseite existiert noch ein altes Eldorado ähnlicher Art. Primo ist auch mit ihm vertraut, hatte dort im Laufe seines Berufslebens mit Handwerkern, Künstlern und Gewerbetreibenden zu tun.

Wir fragen uns, wohin die Menschen ziehen werden, wenn auch gegenüber Häuser, Hallen und Schuppen abgebrochen werden müssen.

Und ob es dann in den zu erwartenden Bürokomplexen nur noch sterile Gaststätten gibt, keine improvisierten Gartenwirtschaften mehr, wie wir dieser Tage eine kennengelernt haben.

Freitag, 10. August 2012

Anlass zum Landschaftstheater gab der Villmergerkrieg

Mein Blog von heute berichtet über ein grossartiges Theaterereignis auf dem Hintergrund des Villmergerkriegs von 1712, ohne ihn aber genau nachzuzeichnen. Musik führte uns in längst vergangene Zeiten.



Die Musiker waren in Uniformen gekleidet, wie wir sie von der Heilsarmee kennen. Die Sphäre, die sie schufen, trug uns weit weg. Immer dort, wo sie aufkreuzten, gelang es ihnen, uns in eine spezielle Situation mitzunehmen. Ihre Musik wirkte verbindend. Es mag eine weitgehend übereinstimmende Wellenlänge entstanden sein.

In den Bildern aus längst vergangenen Zeiten schimmerten immer auch Bezüge zur Gegenwart auf. In vielen Belangen gibt es nichts Neues unter der Sonne.

Die Gründe, die zum Krieg führten, werden heute nicht mehr nur als solche religiöser Natur gesehen. In der Zeitung zum Landschaftstheater lese ich dazu die Frage: „Religion – Mittel zur Macht? Ging es in diesem Krieg um Religion oder um Macht? Um beides.“

Im 1. Teil des Schauspiels „Mit Chrüüz und Fahne“ waren wir zu Fuss unterwegs, wurden auf verschiedene Schauplätze in den Garten und Hof des Schlosses Hilfikon mitgenommen. Primo und ich hatten uns unter die Fahne der Schwyzer einreihen lassen. Da wurden wir gleich auf den Platz der Gaukler mitgenommen, wo uns markige Spässe und Sprüche, aber auch Lebensweisheiten entgegenflogen. Für uns ein starker Einstieg ins Spiel.

Der 2. Schauplatz für die Schwyzer spielte sich unter einem grossen, alten Laubbaum ab. Als wir dort eintrafen, ging eine etwas verhärmte Frau umher und warnte alle Ankommenden, man solle denen (die dann sogleich erschienen) nicht glauben. Sie verkörperte die Vorsicht und Verantwortung. Dann der Auftritt des Waffenhändlers Kubli, ein Schauspieltalent sondergleichen. Wie er uns die seinerzeit modernsten Waffen empfahl, seinen Mitarbeiter aus Spanien vorstellte und die neuesten unverzichtbaren Modelle durch 2 junge, attraktive Frauen vorstellen liess. Raffiniert. Die Choreographie dieser Sequenz wirkte auf uns wie ein Ballett. Kubli agierte machtvoll, eindringlich und vor allem lebensfreudig, denn er konnte immer wieder daraufhinweisen, dass der Krieg für alle Gutes bringe. Er nannte die Gewerbe, die daran beteiligt seien und wirtschaftliches Wachstum generierten. Solch einseitige Übertreibungen sind auch heute noch geläufig. Grotesk. Manchmal schaute ich Primo an, und er nickte, kennt mich ja. Und dann schluckten wir leer.

Schwungvoll dann der Schluss dieser Sequenz, als der Waffenhändler den aus Spanien heimgekehrten jungen Mann als seinen Sohn, die beiden Schönheiten als seine Töchter und die verantwortungsvolle Frau, die vor ihnen gewarnt hatte, als seine Ehefrau vorstellte. Selbstsicher legte er den Arm um sie. Der perfekte, fürsorgliche Familienvater! Da konnten viele herzhaft lachen. Wir auch.

Die 3. Sequenz, die uns unter der Schwyzer Fahne zustand, beschäftigte sich mit dem Aargauer Lied, das ich aus meiner Jugend auch kenne. Da ging es um eine junge Liebe, die daran zerbrach, dass der Jüngling in Kriegsdienste zog, die Liebste zurückliess und sie nach einem Jahr mit einem anderen, reicheren Mann schon verheiratet wieder antraf. Im Lied heisst es, wenn er zu Hause geblieben wäre, hätte er sein „Schätzeli“ (die Liebste) noch. Gingen die jungen Männer wirklich freiwillig in den Krieg? Drängte sie nicht die Armut dazu? Die Aussicht auf ein besseres Leben muss verlockend gewesen sein. Der Mann aus dem Aargauer Lied kam aber schwer verletzt zurück. Und hinter ihm tauchte ein lebendiger Pfau auf, ohne sich aber aufzuplustern. Der verletzte Stolz?

Unter insgesamt 8 Fahnen wurden die Gäste an Orte und ganz verschiedene Situationen aus alter Zeit hingeführt. Auf Hin- und Rückwegen von Glockenklängen und Musik begleitet oder begrüsst. Jede Fahnengruppe erlebte 3 Theater-Schauplätze. Die Erlebnisse aller sind deshalb ganz verschieden.

Der 2. Teil gehörte dann allen. Und für diesen wurden alle Theatergäste wie in einer Prozession durch einen Hohlweg vom Schloss Hilfikon weg auf eine Anhöhe zur Bühne und zu den überdachten Sitzplätzen geführt.

Hier wurde für eine Hochzeit die Tafel gedeckt. In der Zeit, bis alle Gäste ihre Plätze gefunden hatten, spielte sich auf der Bühne wieder eine Art Ballett ab. Wunderschön der Auftritt des Servicepersonals mit dem Besteck. Diese Bilder habe ich innerlich fotografiert. Dann trafen die Hochzeitsgäste ein. Pferde zogen die Kutsche. Und oben an der Krete bewegten sich die Ahnen. Wir sahen sie mit Kreuz und Fahnen vorüberziehen. Sie zeigten uns, woran sie geglaubt haben und wem sie gefolgt sind. Rechtfertigung und Mahnung zugleich, schien mir. Am Schluss dieses Zugs ein einzelner Mann mit einer weissen Fahne. Für mich Max Dätwyler, der schweizerische Friedensapostel, konsequenter Pazifist und erster Kriegsdienstverweigerer der Schweiz. Auf Sonntagsspaziergängen mit den Eltern konnte ich ihn einige Male in Zürich am Bürkliplatz erleben. Dort stand er dann auf einer Leiter, damit man ihn sehen konnte. Er prangerte manche Verlogenheit an und warb für echten Frieden und Versöhnung nach Krieg oder Streit. Ich beobachtete, wie mein Vater diesen Gedanken grundsätzlich zustimmte und doch betreten war.

Dätwyler wurde auch belächelt, und man versuchte sogar, ihn zu entmündigen. Seine Heimatgemeinde Zumikon aber liess das nicht zu. Unverdrossen verkündete er seine Friedensbotschaft bis zum Ende. Wenn ich jetzt an ihn denke, fällt mir das Sprichwort ein: „Derjenige, der seinen Weg kennt, muss sich keiner Karawane anschliessen.“

Zurück zum Spiel. Dort stiegen künstliche Wolken auf. Donner grollte, Unheil zog auf. Im Dialekt sagen wir „Es dräuet“ und meinen, dass es rumort. Hier in diesem Spiel innerhalb der Hochzeitsfamilie drehte bald einmal der Wind. Anfängliche Heiterkeit zerbrach, als eine der Mütter den Wert der Toleranz in Frage stellte und gleich die ganze Gesellschaft verunsicherte. Mit der Fröhlichkeit war es nun vorbei. Unfriede lauert immer irgendwo. Wie schnell können ein paar Worte an alte Verletzungen rühren und einen Streit neu entfachen.

So auch oben auf der Krete. Dort traten die Ahnen wieder auf. Sie trugen das Kreuz und viele Fahnen, uns mahnend, wie grausam der Krieg sei. Da stachen Krieger auf Menschleiber (aus gefülltem Sacktuch) ein. Von weit her nahmen wir sie als getötete Menschen wahr, die den Abhang herunterkollerten. Wie echt das aussah und einen erschütterte! Wir sahen Frauen, die sich um Verletzte und Tote kümmerten. Da war auch der Leichenwagen, der von lebenden Pferden gezogen wurde.

Und da fiel mir auf, dass die Kubli-Töchter in ihren feinen Kleidern, jetzt aber noch mit einem weissen Umhang gekleidet, sich ebenfalls um die Verletzten kümmerten. Auf der einen Seite unterstützten sie das Waffengeschäft ihres Vaters, auf der andern halfen sie jenen, die durch Waffen verletzt worden waren.

In diesen Gegensätzen sind wir wohl mehr gefangen, als wir sie je durchschauen können.

Unten, in der verunsicherten Hochzeitsgesellschaft, stürmte ein völlig erschöpfter Söldner, offensichtlich am Verdursten, in den festlichen Saal. Sein Gesicht schrie nach Hilfe. Er fiel hin, erbrach sich. Die Festgesellschaft fühlte sich gestört, rief nach Ordnung. Eine Person befahl sogar, dass dieser Mann ausgeschafft werde. Und eine junge Frau aus der Hochzeitsgesellschaft glaubte im Ernst, es handle sich doch nur um einen Showact, einen Unterhaltungsbeitrag zum Fest.

Tröstlich, dass es da eine Frau aus dem Servicepersonal gab, die sich um den sterbenden Mann kümmerte. Niemand aus der ganzen Gesellschaft fühlte seine Not. Allein diese Frau aus einem osteuropäischen Land, die den Krieg kannte und sehnlichst auf ein Zeichen ihres Verlobten wartete, war bei ihm, als er starb.

Am Schluss empfand ich, alle Ordnungen seien jetzt auseinandergefallen. Man stürmte von der Krete herunter, kam zurück, fand sich in der Gegenwart wieder. Kam heim.

Und wieder war es ein feiner Klang, der die Menschen zusammenführte. Das Lied, das dann alle zusammen sangen, gab ihnen offensichtlich neuen Halt, neue Zuversicht, einen neuen gemeinsamen Weg.

Im verstorbenen Söldner sah ich einer jener beiden Vorfahren aus Mutters Familie, die im Villmerger Krieg 1712 umgekommen sind. Ihretwegen bin ich nach Hilfikon gekommen. Leonhard und Georg Fässler stammten aus Oberiberg, Kanton Schwyz. Deshalb habe ich mir gewünscht, das Theater unter der Schwyzer Fahne mitzuerleben.

Herzlichen Dank für dieses Erlebnis. Wir sind tief beeindruckt und begeistert.

Hinweis
Diese Aufführung ist eine Gemeinschaftsproduktion der 4 Freiämter Theatergruppen: Kellertheater Bremgarten, Verein Kultur im Sternensaal Wohlen, Theatergesellschaft Villmergen, MuriTheater.

Mittwoch, 25. Juli 2012

Rhein und Thurauen und das Krokodil von der Tössegg


Wir hatten in Flaach das Naturzentrum Thurauen besucht und wanderten anschliessend zur Mündung der Thur, wo sie in den Rhein fliesst. Trotz unsicherer Wetterprognosen konnten wir den Ausflug geniessen. Zwischen vielen Wolkenfrachten grüsste immer auch der blaue Himmel.


Der Rhein beansprucht an diesem Ort einen weiten Raum, und auf den ersten Anblick war ich sogar unsicher, ob die Thur hier wirklich mit ihm zusammentreffe. Der Pegelstand war hoch und drängte den Zufluss eher zurück, als dass er die Strömung sichtbar werden liess. Nur auf dem Prospektblatt erkannten wir die Thur in grünlicher Farbe, den Rhein blau eingezeichnet. Die Thur speiste in diesen Tagen den grossen Bruder vielleicht aus dem Grund.


Dieses Auengebiet trägt den Namen Eggrank-Thurspitz. Eine alte Bezeichnung. Ihr Inhalt wirkt wie Sprudel auf mich, erklärt sich selbst. Egg = Ecke, Rank = Biegung, Kurve, Spitz = kleines Stück Land mit spitzer Kontur. Diese Bezeichnungen gestalten ein inneres Bild, das dem Anblick entspricht.

Dass dieser Ort nicht alle Geheimnisse preisgibt, macht ihn wertvoll. Er muss zu einem gewissen Grad unzugänglich bleiben, damit das Leben in ihm nicht gestört oder sogar zerstört wird. Auengebiete sind heilige Orte, an denen sich scheue Wesen gern niederlassen. Das Prospektblatt wirbt mit dem Eisvogel, der Haselmaus, der Ringelnatter, dem Perlgrasfalter und verschiedenen Blumen. Und es spricht von Fischen, Libellen und Vögeln.


Auf einem Steg konnten wir in urwaldähnliche Waldbestände schauen. Diese unbeeinflussten Gebiete regen an, über das Leben nachzudenken, über die Heilkräfte der Natur, wenn man sie machen lässt. Zuerst aber müssen ihr diese wertvollen Lebensräume zurückgegeben werden. Der Thur wurde einst ein denaturiertes Bett verpasst. Von ihm will man sich definitiv trennen. Die 1. Etappe des 1999 eigeleiteten Projekts Hochwasserschutz und Auenlandschaft Thurmündung konnte 2011 abgeschlossen werden. In diesem erfrischten Zustand nahm sie uns auf und zeigte manch verborgene Schönheit.


Zurück im Zentrum schauten wir uns nochmals um, betrachteten die Bücherauslage und die geschmackvollen Souvenirs. Ich entdeckte eine Postkarte, die den Eggrank exakt so zeigte, wie ich ihn an diesem Tag kennen lernte. Eine Bestätigung, ein schöner Schlusspunkt.


                                                                *
Themenwechsel. Plötzlicher Platzregen. Es goss wie aus Kübeln. Es stürmte. Der Wind hätte gerne unsere Regenschirme zerfetzt. Da wurden wir auf eine Wanderwegtafel aufmerksam, die zur Schiffstation Rüdlingen lenkte. Wir folgten ihr, erreichten den Ort, staunten, wie schnell am Ende des Rheincouloirs bei der Tössegg ein Schiff aus dem dicken Nebel auftauchte. Es nahm uns auf und führte uns nach Eglisau.

Anfänglich prasselten die Regentropfen noch an die Fenster, dann war der Spuk vorbei. Ruhig vollzog sich unsere Reise.


Hinter mir schaute ein Mädchen im Kindergartenalter aus dem Fenster, kommentierte vieles, was es sah. Es entdeckte Haufen aus Ästen und Zweigen und wollte wissen, ob es ein Biberbau sei. Das könnte sein, antwortete die Mutter, denn hier ist der Biber im Vormarsch und wird unterstützt. Dieses Kind war sehr aufmerksam, an allem interessiert. Es kommentierte aus der eigener Sicht. Ein kleiner Erdrutsch hatte offenbar einen von Bibern zusammengetragenen Asthaufen in den Fluss gestossen und diesen dort verankert. Aber es ragte doch noch ein markanter Ast aus dem Wasser, und in diesem sah das Kind ein Krokodil. Gut nachvollziehbar für mich. Aber die Mutter konnte dieses Sehen nicht goutieren. Immer wieder hiess es nein, nein, es sei kein Krokodil. Hier wäre das Wasser zu kalt. Doch, doch, es sei ein Krokodil gewesen, die kämpferische Antwort. Unvorstellbar für mich, einen Kinderblick nicht zu akzeptieren, auch wenn er mit der strengen Realität gerade nicht exakt übereinstimmt. Das Kind muss dieses Tier aus Büchern oder Filmen kennen. Darum sah es im Ast das Auftauchen eines Krokodilgrindes aus dem bewegten Wasser.


Ich erinnere mich an Zeichnungen der eigenen Kinder, wie sie ein Tier oder seine Bewegungen intuitiv richtig zeichneten. Und dann sehe ich Frauen und Männer vor mir, die sich im wissenschaftlichen Zeichnen ausbilden lassen und eines Tages die Abstraktion entdecken. Und dann werden ihre dürftig erscheinenden Arbeiten als Kunst vorgestellt. Das hätte ich dieser Frau gerne gesagt. Wahrscheinlich erfolglos.

                                                                *
Nochmals Themenwechsel. Am Morgen, als wir uns, von Rafz herkommend, im Bus der breiten Rheinbrücke näherten, sprang Primo vom Sitz, sprach gestikulierend, schilderte eine militärische Übung in einem Tempo, das dem fahrenden Bus entsprach. Es meldeten sich Erinnerungen an einen WK (Militärischer Wiederholungskurs) und diese wollte er mir genau am Ort, an dem sie ihren Ursprung hatten, vermitteln: „Ich erinnere mich gut. Hier starb ein Mann im Rhein. Er gehörte zu den Tauchern, musste eine befohlene Aufgabe erfüllen und verlor sein Leben. Es ist schon bald ein halbes Jahrhundert her.“

Als wir uns auf den Heimweg machten, wünschte ich, nochmals an diese zu Flaach gehörende Rheinbrücke zurückzukommen und dort etwas zu verweilen. Am Morgen „sah“ ich nämlich das Wasser von Wirbeln aufgewühlt. Das wollte ich nochmals sehen. Ich schreibe „sah“ in Gänsefüsschen, denn es muss sich um ein inneres Bild gehandelt haben. Als wir dorthin zurückkamen, floss der Rhein friedlich dahin. Wohl peitschten Regen und Wind auf seine Oberfläche, doch der Fluss blieb ruhig. Das zu sehen, überraschte mich. Entweder hat mich das tragische Ereignis, wie es Primo am Morgen schilderte, aufgewühlt, oder ein inneres Bild zeigte mir, dass der Taucher in einem Strudel umgekommen sei.

Die Frage ist unbeantwortet, wie so viele andere, die wir in unserem Leben noch nicht beantworten konnten. Auf jeden Fall sind wir beide der Meinung, dass Wissen immer mit äusserem Sehen und innerem Schauen verbunden sein muss. Die Wahrheit ist übergeordnet. Und dort hat auch das Krokodil aus Baumästen seinen Platz.

Freitag, 6. Juli 2012

Die herausragende Tanne – Nachbarin der Rautisiedlung

Die städtische Wohnkolonie Rautistrasse in Zürich war in den 1940er-Jahren ein Vorzeigemodell. Eine Wohnsiedlung nach skandinavischem Vorbild. Mit viel Holz, im Landistil erbaut. 7 zweistöckige Häuser beherbergten 44 Wohnungen auf einem leicht abfallenden Gelände. Ein Ort mit viel Grün, mit Natursteinplatten belegten Wegen, mit Büschen und Bäumen.

Verwachsen und doch nicht verwildert. Jedesmal, wenn ich dort vorbeigefahren bin, schaute ich nach ihm aus. Eine Art Idylle. Schon längere Zeit verlassen. Nun wird diese Siedlung abgebrochen. Sie ist verbraucht und entspricht nicht mehr den Ansprüchen und Raumnormen von heute. Neu werden hier 104 Wohnungen in 7 Neubauten entstehen.

Bevor die Bagger auffahren, haben wir noch Abschiedsfotos gemacht. Erst jetzt getrauten wir uns, näher in dieses Gelände hinein zu gehen. Wir entdeckten manch schöne Winkel und besonders auch die 3 Ateliers mit ihren von breiten Sprossen zusammengehaltenen Glasfronten. Ich sah sofort eine Verwandtschaft mit Bauten auf dem Monte Verità in Ascona, im Tessin.

Nach unserem Rundgang erinnerte ich mich, dass ich diesen Fussweg, auf dem wir gerade standen, schon einmal begangen habe. Kurz nach unserem Umzug nach Altstetten. Ich war da auf der Suche nach dem Standort der grossen Tanne, die ich von unserem Esszimmer aus sehe. Ein prächtiger Baum, gesund, stark und gross. Aus meinem Blickfeld ein ausstrahlender Mittelpunkt. Wie ein markanter Berg. Damals aber konnte ich seinen Standort nicht finden.

Es gibt in unserem Umfeld nicht nur eine mächtige Tanne. Und die Wege zu ihnen sind geheimnisvoll, gehören in private Bereiche. Und immer stehen entweder Häuser davor oder andere gross gewachsene Bäume, die die gesamte Sicht auf „unsere“ Tanne verunmöglichen. Die Suche entwickelte sich unglaublich spannend. Einmal standen wir ganz nahe bei ihr, ohne zu wissen, dass sie es sei, nach der wir fahndeten. Da kamen wir von der Abbruch-Siedlung her und waren nur durch einen Zaun von ihr getrennt. Wir sahen ihren Stamm, sahen die Wunden, die entstanden sind, als unterste Äste weggeschnitten wurden. Es war unmöglich, diesen Baum ganz zu erfassen. Der Abstand, der nötig gewesen wäre, ist hier nicht gegeben. Auch die dunkle Ausstrahlung, hier unten am Boden, wollte so gar nicht zum Bild passen, das wir von unserer Tanne entworfen hatten. Und doch war da auch eine Ahnung, diese da könnte die gesuchte sein.
Gingen wir andere Wege, zeigte sich immer wieder eine Tanne, aber nicht die unsere. Die Art ihrer Krone war beim Suchen hilfreich. Sie kannte ich. Auch Form und Haltung ihrer Äste konnten uns weiterhelfen. Von meinem Esszimmerfenster aus sehe ich sie, wie sie diese wie zu einem Sonnenritual erhebt. Aber nirgendwo konnten wir ihre gesamte Ausstrahlung so sehen, wie es aus unserer Wohnung möglich ist. Wohl zeigte sie sich da und dort ebenfalls dominant, aber nie so frei wie ich sie sehen kann.
Mit Primo zusammen betraten wir an diesem Abend auch Sackgassenwege. Allein hätte ich das nicht gemacht. Aber ohne die Sichten und Aussichten, die sich da ergaben, hätten wir die Mitte unseres Labyrinths nicht erreicht. Einmal wurde ein Fenster geöffnet und nach unserem Weg gefragt. Es war ein freundlicher Mann, mit Primo bekannt. Wir wussten nicht, dass er hier wohnt.
An diesem Abend kam ich an viele etwas versteckte Orte in meiner nächsten Umgebung. Und ich sah in manches Dahinter. Die Fronten, die ich mit meinem Blick aus den Fenstern unserer Wohnung sehe, wurden zu Gebäuden. Zu meinem Dorf. So empfinde ich die Umgebung am Abend, besonders nach dem Eindunkeln, wenn eine Strassenlaterne ihr mildes Licht ausstrahlt und uns den Weg weist. Mir wurde bewusst, dass diese Umgebung mein Daheim ausmacht, auch wenn ich die vielen Menschen, die hier wohnen, nicht kenne.
Am andern Morgen ging ich nochmals ins Geviert der Girhalden-, Meiental-, Stampfenbrunnen- und Rautistrasse. Wieder mit dem Fotoapparat, und mehr und mehr verdichtete sich die Gewissheit, wir hätten unsere Tanne gestern gesehen. Ich fotografierte sie an verschiedenen Orten und erzählte am Mittagstisch davon. Primo stellte Fragen, die ich nicht beantworten konnte, und darum ging ich am Nachmittag nochmals auf die Pirsch. Ohne Fotoapparat, also ohne Ablenkung, und da entdeckte ich dann den Zugang von der Stampfenbrunnenstrasse her. Er führte mich in ein stilles Gelände, vorbei an gepflegten Häusern und Gärten. Ich fragte mich, ob ich im Paradies angekommen sei. Und weit vorne, in voller Grösse, entdeckte ich den gesuchten Baum und das militärgrüne Haus, in dessen Garten er steht. Da stand ich, jetzt ohne trennenden Zaun. Sichtbar vom Erdreich bis zur Krone. Ich hatte die Labyrinthmitte erreicht, war am Ziel angekommen.
Auf eine Art trunken, kam ich wieder heim. Es hatte sich eine feinsinnige Stimmung ergeben, in der ich nun auch diesen Beitrag schrieb.
Jetzt hoffe ich, dass der Baum stehen bleiben darf. Glücklicherweise befindet er sich nicht im Gelände der Wohnkolonie, die abgebrochen wird. Für mich ist er ein Freund, mit dem ich in den Himmel schaue. Den Bewohnern des grünen Hauses aber nimmt er viel Licht weg. Ich könnte verstehen, dass er von ihnen nicht so geschätzt wird wie von mir.

Donnerstag, 28. Juni 2012

Wieder einmal in Genf. Wir trafen auf den Ort der Seelen

Was wären unsere Städte, wenn ihnen der innerste Wesenskern nicht erhalten bliebe. So dachte ich in Genf.

Auf dem Tagesausflug in der zweitletzten Juni-Woche 2012 liessen wir uns treiben. Die Augen offen für das Unbekannte und einem Zufall nicht abgeneigt. Finden, ohne zu suchen. So ungefähr sollte der freie Tag ablaufen. Sich von der Arbeit fernhalten, das nennen wir in der Schweiz „Blauen machen“.

Trüb und diffus war das Licht auf der Reise. Aber bald nach unserer Ankunft hellte sich der Himmel auf und strahlte blau aus, wie es der farbige Reiseführer vorgab.


Und blau zeigte sich entsprechend auch der Genfersee und weiss wie Schnee die weltberühmte Wasserfontäne, das Wahrzeichen von Genf. Dieser Jet d’eau ist weithin sichtbar, 140 Meter hoch und lässt sein Wasser mit 1360 PS Richtung Himmel schiessen. Diesem Wasserspiel schauten wir zu und beobachteten, wie Bussarde seine Nähe suchten, sein feuchtes Energieumfeld segelnd umkreisten. Wir vermuteten, dass sie sich darin erfrischten.

Bald einmal fühlten wir uns vom Genfer Fluidum eingenommen. Von der Offenheit der Stadt am See und dem entsprechenden Temperament der hier ansässigen Menschen. Wie sie ihre Wege gehen. Ihre Gesichter. Ihr Sprachklang. Selbstbewusst, selbstsicher mit einem gewissen Stolz. Ich dachte an meine ehemalige Nachbarin Françoise, eine Genferin. Sie wohnte auch eine Zeit lang in einem Bernoulli-Haus in Zürich, uns gegenüber. Sie vermittelte mit ihrer Art etwas von der geistigen Atmosphäre ihrer Heimatstadt, die ich jetzt wieder erkannte.

An einem Geschäftshaus baumelten 5 behelmte Männer. Sie putzten die Glasfront eines hohen Geschäftshauses. Lange fragte ich mich, ob das vielleicht eine künstlerische Installation sein könnte und die Männer nur Figuren seien. Ich konnte sie nicht fragen. Ehemann und Tochter überzeugten mich dann, dass das Männer an der Arbeit seien.

Wir überquerten jenen langgezogenen Teil der Innenstadt mit den renommierten Geschäften. Die hier spürbare Energie und Geschäftigkeit hält einen Vergleich mit dem Jet d’eau aus. Der Unterschied bestand für uns nur darin, dass wir nicht in ihn eintauchen konnten.

Viel Ruhe und Gelassenheit strömte dann die Altstadt aus. Von ihr heisst es in der Tourismusinformation, sie sei die grösste Altstadt der Schweiz, dominiert von der Kathedrale Saint Pierre, der Hochburg der Reformation. Nachbarin ist die Madeleine-Kirche und in ihrem Umfeld lockt eine Manège zu Karussellfahrten für Kinder.

Es war noch nicht Zeit für das Mittagessen, als wir die Taverne de la Madeleine entdeckten. Und sofort waren wir uns einig, hier würden wir dann essen. Dieser Ort zog uns magisch an. Alle 3. Noch wussten wir nichts über seine Geschichte.

Das Haus steht erhöht am Berg. Die Wirtschaft wird über eine Treppe erreicht. Oben kann im Freien auf der Terrasse oder im Inneren gespeist werden. Im Album, das verschiedene Menus anpreist, wurde ich gleich aufmerksam auf geschichtliche Hinweise zu diesem Ort. Es sei eines der ältesten Gasthäuser von Genf, befinde sich an der Stelle der seit dem 16. Jahrhundert bekannten Herberge mit dem Namen La Mul. Dieser Name verweist auf das Maultier. War dieser Ort vielleicht eine Karawanserei und eine Umladestation von Gütern, die mit Maultieren auf unwegsamen Gebieten hierher gebracht worden sind?

Die Taverne de la Madeleine, wie wir sie vorfanden, wurde 1920 als alkoholfreie Gaststätte gegründet. 1919, zur Zeit des 1. Weltkriegs, kochten hier „Frauen aus gutem Haus“ Suppe für Bedürftige. Es sollen auch wohlhabende Bürger einkehrt sein, weil hier kein Alkoholzwang bestand. Aus diesen Erfahrungen entstand hier ein Ort des Kampfes gegen den Alkoholismus. Bis heute wird in dieser Taverne kein Alkohol ausgeschenkt.

Kaum hatten wir auf der Terrasse Platz genommen und die Speisen bestellt, als unten auf der Strasse 2 Männer aus Osteuropa mit ihren Instrumenten eintrafen und zu spielen begannen. Entsprechend sehnsüchtig die Klänge von Akkordeon und Bass. Der Applaus dann eher dürftig. Die Männer kamen an den Tisch, bedankten sich bei uns für die Gabe, seufzten, hier sei es zu ruhig und gingen wieder fort. Nicht alle, die sich hier verköstigten, hatten heute Ferien wie wir. Die Musik war für sie überflüssig.

Wir stärkten uns hier mit einfachen, sehr guten Gerichten zu moderaten Preisen. Als ich dem Wirt sagte, er habe ein schönes Gasthaus, schaute er mich eine Weile fragend an, wie wenn er ergründen wollte, ob mir ernst sei. Dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht, und da muss er begriffen haben, was ich meine. Ein Ort mit Geschichte, die ausstrahlt. Eine Inneneinrichtung, die ich mit dem welschen Schönheitsbegriff gleichsetze. Ich empfand den Ort als echt.

Die Strassenbezeichnung an der Hausmauer der Taverne heisst Toutes Ames (alle Seelen). Unweit entfernt heisst eine andere Strasse Rue d’Enfer (Strasse der oder zur Hölle). Ich nehme an, dass wir uns auf einem einstigen Friedhofgelände befanden. Es freute mich, hier bei den Seelen zu sein. Sind sie es, die dem alten Kern noch Charme verleihen?

Dann eine nächste Station: Carouge, das idyllische, ganz andere Genf. Auf der Tramfahrt dorthin fuhren wir an einem gut 200 m langen Gebäude entlang, an dessen Fassade die Flaggen flatterten, unzählig viele, aber nur die Genfer- und die Schweizerfahne. Eine Darstellung schöner Ordnung und Gleichberechtigung. Genf – Schweiz – Genf – Schweiz usw.

Carouge wollten wir vor allem Letizia zeigen. Sie hätte diese Kleinstadt mit menschlichen Massen, ästhetischer Architektur und mit all den interessanten Boutiquen und Ladengeschäften am liebsten als Gesamtheit nach der Deutschschweiz mitgenommen und sie auf einer noch freien Wiese aufgestellt. Es ist ein unverdorbener Ort, grenzt aber an solche an. Und er wäre gewiss auch verdorben, wenn sich Letizias Wunsch erfüllen liesse. Denn ob die Seele, die zu diesem Ort gehört, sich verpflanzen liesse, das bezweifle ich. Letizia auch. Ihr Ausspruch war eine Form von Liebeserklärung.

Zurück in der Genfer Innenstadt, wollten wir in einer Confiserie Prussiens kaufen. Wir wurden nicht verstanden. Letizia zeigte auf das ausgestellte Gebäck. „Ah!“ lachte die Dame hinter der Glasvitrine. „In der Schweiz nennen wir es Coeur der France” (Herz aus Frankreich). Sie muss uns als Deutschschweizer erkannt haben. Nur so erklärt sich ihre humoristische Antwort. In unserer Schweiz, dort wo man deutsch spricht, heisst das Herz aus Frankreich eben Prussiens. Es trägt sogar einen französischen Namen. Und in Paris heissen sie Palmiers.

Solch humorvolle Momente prägen unsere Betrachtung von Menschen einer Stadt. Ein einziger kann seinen Ort erstrahlen lassen. Diese Dame wird uns in Erinnerung bleiben.

Nachdem ich für diesen Aufsatz den illustrierten Stadtplan für Touristen nochmals durchforstete, ist für einen weiteren Besuch klar, dass wir uns dann den Organisation zuwenden werden, die Genf zur Metropole des Friedens gemacht haben. Und vielleicht können wir uns eines Tages auf der Suche nach dem Ursprung aller Zeiten einer Führung im CERN anschliessen.

Wir werden also wieder einmal in Genf ankommen.

Als wir an jenem Abend wieder nach Zürich zurückgekommen waren, trafen wir beim Umsteigen vom einem ins andere Tram die erwähnte Genferin Françoise. Grosse Überraschung. Wir haben uns seit Jahren nicht mehr gesehen. Sie als Genferin setzte den Schlusspunkt unter unseren Ausflug.

Montag, 11. Juni 2012

Ein Abend mit Hofgesang und überraschenden Beigaben

Nun sind die Hofgesänge wieder abgeschlossen. Rechtzeitig machte uns die Quartierzeitung noch darauf aufmerksam, dass sie am Ausklingen seien. In diesem Jahr 2012 wurde vom 7. Mai bis 9. Juni in Zürichs Höfen an 108 Orten gesungen. Im Blog vom 16. Mai 2006 berichtete ich schon über dieses Projekt. Noch immer gilt der Grundgedanke „Die freundlichen Höfe werden gefeiert – die trostlosen wachgeküsst“.

Als wir an jenem Abend an der Röntgenstrasse 55 mit den Velos eintrafen, begann es gerade zu regnen und innert kurzer Zeit zu giessen, zu schütten. Ein beängstigendes Gewitter erreichte die Stadt. Dadurch musste der Singkreis der Engadiner Kantorei, der im schönen Hof dieser grossen Siedlung hätte auftreten wollen, ins Kindergartenlokal ausweichen.

Primo und ich waren zu früh eingetroffen. Die Quartierzeitung hatte den Zeitpunkt nicht richtig angegeben. Wir überbrückten die Wartezeit mit einem Besuch in der nahe gelegenen SENIOR DESIGN FACTORY. Eine gute Gelegenheit, das neu eingerichtete Café-Restaurant kennenzulernen. Hier arbeiten junge und alte Menschen mit Begeisterung zusammen. Es werden täglich alte Rezepte mit saisonalem Angebot aus der Region frisch gekocht. Mir haben die Brioches aus ihrer Küche gemundet. Für ein Menu reichte unsere Zwischenzeit nicht.

Unterdessen hatte sich der Singkreis im Kindergarten der grossen Siedlung einrichten können, und als wir dort wieder eintrafen, sangen sie schon ein erstes Lied. Platz für Zuhörende gab es in diesem Raum nicht viel. Wir Gäste standen, wo man Platz fand. Im Eingangsbereich, auf der Treppe, einfach dort, wo es nicht regnete. Wie ich später von einem Sänger erfahren habe, entstammten alle Lieder der Romantik. Kein Wunder liess ich mich von ihren Klängen und den naturseligen Texten aus meinem Alltag wegtragen.

Nach 3 Liedern wurde eine junge Frau, sommerlich gekleidet und darum etwas fröstelnd, ins Freie geschickt um auszuschauen, ob die andere Hälfte des Programms draussen dargeboten werden könne. Sie erinnerte an Noah und die ausgesandte Taube, die ausschauen musste, ob das Land trocken sei.

Trocken nicht, berichtete sie, aber es regne nicht mehr. Die 50 Sängerinnen und Sänger freuten sich, dass sie auch noch im Hof auftreten konnten. Der Singkreis stellte sich im Halbkreis auf. Und wir Zuhörende ergänzten diesen locker zu einem Ganzen.


Jetzt sah ich, dass auch Fenster geöffnet waren und einige wenige Anwohner von ihrem Zuhause aus zuhörten. Ohne Regen wäre der Abend gewiss anders verlaufen. Alle flüchteten dann rasch heim. Und Fenster wurden auch wieder geschlossen. Und doch war es schön gewesen, hier zu verweilen.

Wieder bei unseren Fahrrädern, zog ich den Regenschutz an. Da kam eine Frau auf mich zu und wollte wissen, ob mein Vorname Rita sei, vormals so und so. Ja! Sie sei eine Mitschülerin von mir, habe mich sofort erkannt. Antoinette ihr Name. Und ohne zu begreifen, wie das möglich war, befanden wir uns augenblicklich in der Sekundarschule, wussten Namen und Orte, die wir lange hätten suchen müssen, wenn jemand danach gefragt hätte. Primo stand still daneben und beobachtete uns. Als Antoinette erzählte, ich sei die einzige gewesen, die sich einmal getraut habe, nach einem bestimmten Gedicht zu fragen, lachte er zustimmend. Es muss sich um ein lyrisches Gedicht von einem wogenden Ährenfeld gehandelt haben, das ich gerne vorgetragen hätte. Ja, das passt zu mir. Und doch staunte ich. In jener 3. Klasse fühlte ich mich gerade in den Deutschstunden nicht wohl. Die Ansprüche waren elitär, die Lehrerin ehrgeizig. Sie arbeitete am liebsten mit Schülerinnen, die sie in höhere literarische Gefilde führen konnte.

Ich gehörte nicht zu diesen Auserwählten. Dass mir nun jemand sagt, ich sei damals mutig gewesen, erstaunt mich. Und beweist wieder einmal, dass das, was in der eigenen Innenwelt abläuft, nicht unbedingt unverändert von aussen her wahrgenommen wird. Und ich wundere mich, dass der Mut für Antoinette an diesem Abend sofort wieder im Mittelpunkt stand, auch wenn seither ein halbes Jahrhundert vergangen ist.

Ich konnte mich auch an eine Episode erinnern, die mir sofort präsent war. In der 1. Französisch-Lektion wollte die Lehrerin wissen, ob jemand schon französisch spreche oder vielleicht einen Auspruch kenne. Antoinette war die einzige. Sie sagte, von ihrer Mutter höre sie manchmal den Satz „Je ne peux pas répondre à cause de la petite“ (Ich kann nicht sprechen wegen der Kleinen).“ Damals sprach sie diesen perfekt aus, ohne ihn zu verstehen.

Es regnete immer noch, als wir heimfuhren. Aber es störte uns nicht. Wir freuten uns über diesen Abend und die lockeren Kontakte, die sich ergeben haben. Eine Frau schloss sich uns ganz unkompliziert an, als wir Richtung SENIOR DESIGN FACTORY steuerten. Sie hatte mitbekommen, wie uns ein Anwohner riet, dieses Gasthaus zu besuchen. „Es wird ihnen gefallen“, sagte er noch dazu. Primo berichtete dann dort von früher, denn in dieser Umgebung ist er aufgewachsen. Und die Frau erzählte, wo sie daheim sei. In Zürich-Altstetten, ganz nahe bei uns.

Also für uns vollzog sich an diesem Abend manches, das zum Thema Soziokultur passt. Und diese liegt ja dem Projekt Hofgesang zugrunde.

Dienstag, 5. Juni 2012

Zürich-West: Abflug zu den Wolken im Prime Tower-Lift

Seit 2009 taucht der Prime Tower immer wieder einmal in einem meiner Blogs auf. Damals zügelten wir unsere Schreinerwerkstatt in eine der ausgedienten Pferdestallungen der Welti Furrer AG. Und wurden so zum Nachbarn vom gegenwärtig höchsten und ausstrahlendsten Hochhaus von Zürich und der Schweiz. Mit 36 Geschossen, 126 m Höhe und einem Volumen von ungefähr 228 000 m3.



Wir waren aber vor ihm da, haben noch verfolgen können, wie das alte, unbrauchbar gewordene Verwaltungsgebäude der Firma Zahnräder Maag abgebrochen wurde. Es existieren noch Fotos davon, wie wir in das aufgerissene Gebäude wie in eine Puppenstube hineinsehen konnten. Danach verfolgten wir den Aushub in die Tiefe, entdeckten das Grundwasser, sahen wie die Fundamente für den Neubau entstanden. Von Woche zu Woche wuchs der Bau heran wie eine Pflanze in einem Treibhaus. Später, als der Tower seine grüne Glasfassade erhalten hatte, nahmen wir ihn von vielen Orten her als eine Art Edelstein wahr. Er ist und wird wohl der „prime“ Tower bleiben, der Hauptturm, so sein Name, und dieser verweist auf solche hin, die noch nachkommen werden. Wenn ich ihn von Schlierenberg aus sehe, freue ich mich immer, dass er die Silhouette des Zürichbergs nicht überschneidet. Aus dieser Sicht fügt er sich anständig in den Hügelzug ein. Ob er diese vornehme Haltung von überall her einhalten kann, weiss ich nicht.

Am 1. April 2011 musste er für einen Scherz herhalten. Der „Tages-Anzeiger“ berichtete von einem Aufruf zur Rekrutierung von 750 Männern für einen Erdbeben-Sicherheitstest im Prime Tower. Ich erinnere mich, dass geschrieben wurde, die in Gruppen eingeteilten Personen müssten auf militärisches Kommando im erst halbfertigen Hochhaus in befohlene Himmelsrichtungen stürmen. So sollte der Bau auf Erdbeben und Sturm geprüft werden. Obwohl ich den Scherz erkannte, „sah“ ich doch die Männer spurten und den Turm schwanken.

Wenn wir vom Prime Tower reden, meinen wir immer das höchste Gebäude. Der Name Prime Tower gilt aber auch für den 4 Gebäude umfassenden Gesamtkomplex. Neben den Geschäftsräumen gehören Restaurants, Läden, ein Fitnesszentrum, Galerien und ein Kinderhort dazu.

Wenn wir vom Prime Tower als Nachbar reden, ist immer nur der Hauptturm gemeint. Ihn besuchen wir, um mit unseren Kunden und Freunden im 35. Stockwerk, im Bistro CLOUDS, Kaffee zu trinken und die grandiose Aussicht zu geniessen.

Wir erleben bei jedem Besuch, wie die Aussicht bezaubert und wie sich Geschichten melden, wenn ein Wohnort von oben herab betrachtet werden kann. Z. B. die stark abfallende Rosengartenstrasse. Der auf der Hardbrücke doppelspurig geführte Verkehr wird von ihr übernommen. Es donnern da täglich 50 000–60 000 Fahrzeuge über sie hinweg. H. wohnte an der Wibichstrasse und erinnerte sich an einen Winter mit viel Schnee. Da war die Rosengartenstrasse noch nicht Teil der Westtangente. Sie war eine Quartierstrasse, die man zu Fuss überqueren konnte. Im besagten Winter, vielleicht 1955, fiel so viel Schnee, dass die Kinder von Wipkingen auf der Rosengartenstrasse Ski fahren konnten. Noch mehr erstaunt: 1930 gab es in Zürich erst 8000 Autos.

Die Fahrt im Lift ist ein besonderes Erlebnis. Er ist wie ein Spiegelsaal gestaltet. Man begegnet sich von allen Seiten, auch verkehrt und ist mit diesem Spass beschäftigt, wenn der Lift fährt. Als ich beim ersten Mal auf die Anzeige der Stockwerkhöhe schaute, wechselte 14 gerade auf 15, und gleich danach waren wir oben. Und die Anzeige stand auf 35 still.



So angenehm Lift zu fahren, ist neu, nicht nur für uns. Keine Beschwerden, kein Druck auf der Brust. Und oben auch keine Höhenangst.

Die zeitgemässe Innenarchitektur nimmt die Kundschaft grosszügig auf, ohne sich hier verloren zu fühlen.



Schauen wir aus den grossen Fenstern, weitet sich der Blick zur grossen Übersicht. Ganz interessant ist die Sicht ins Limmattal zu den Geleisesträngen und zur Baustelle für die Durchmesserlinie. Noch ist nicht klar zu erkennen, wo dann die Züge, die Zürichs Sackbahnhof unterqueren, ihren Anschluss an bestehende Linien finden werden.

Der Ausblick aus verschiedenen Fenstern ergibt beinahe ein Rundblick. Da unten die Stadt mit ihren Geschäftshäusern, Lagerhäusern, Wohnbauten, Schulhäusern, Kirchen usw. wie ein Modell. Immer sind auch S-Bahnen bei ihrer Durchfahrt über den Viadukt zu beobachten. So klein wie eine Modelleisenbahn. Hier oben wird alles kleiner, die Übersicht aber grösser.

Je nach Wetterlage wird vom Bistro aus der Alpenkranz über dem Zürichsee bewundert.

Weitere Informationen über den Gastrobetrieb von CLOUDS.
Der schöne Platz, mit Bäumen und Unebenheiten gestaltet, trägt den Namen Maagplatz. Uns erinnert er an das alte, ausgediente Geschäftsgebäude, dessen Todesstösse wir beim Abbruch miterleben konnten. Hier stand es einmal.

An diesem Ort weht immer ein aussergewöhnlich starker Wind. Er durchlüftet die neuen Schluchten und macht dem Alten den Garaus. Hier hat die Zukunft begonnen.

Mittwoch, 23. Mai 2012

Horizont erweiternde Wanderung über den Altberg SZ

Alp heisst der Voralpenfluss, den ich von Reisen Richtung Einsiedeln kenne. Die Bahn folgt ihm durch seine Schlucht. Kurz nach Biberbrugg zeigt sich linksseitig auf dem Grat ein Haus, das mich seit Jahren zu grüssen scheint. Ein schöner Baum, vielleicht eine alte Linde, steht neben ihm. Beide machten mich neugierig, immer wieder. Wie sieht es dort oben jenseitig aus?

Meine Fragen sind nun beantwortet. Am vergangenen Sonntag wanderten Primo und ich ab Biberbrugg über einen stotzigen Wiesenpfad und anschliessend auf einem steilen, aber weichen Fussweg durch den Wald nach oben. Von Biberbrugg (838 m ü. M.) nach Altberg auf 950 m ü. M. benötigten wir ungefähr 20 Minuten.

Grosses Erstaunen, als wir an einer prächtigen Scheune vorbei in die Weite des Naturschutzgebiets und Hochmoors heraustraten. Eine Offenbarung. Dieser Rundblick. So weit das Auge reicht. Wunderschön die Farben auf den Feldern, gelb und grün einander durchdringend. Da von Löwenzahn dominiert, dort von den feingliedrigen Ankeblüemli (Scharfer Hahnenfuss).



Ich weiss nicht, wie oft ich an diesem frühen Nachmittag stille stand und dieser Landschaft sagte, sie sei schön. Wunderschön. Mitbeteiligt an diesem natürlichen Gesamtkunstwerk sind Bäume verschiedener Art. Da locker verstreut, dort zu einem Wäldchen gruppiert. Ihren Platz dürften sie selbst gefunden haben. Und die Ankeblüemli erinnerten an Spiele in der Kindheit auf dem Land. Wir hielten sie einander vor den Hals, und wenn das Gelb auf der Haut aufleuchtete, war es ein gutes Omen. Was dieses Orakel wirklich beantworten musste, weiss ich nicht mehr.

Auf unserem Weg kamen wir an einigen Häusern vorbei. Bauernhäuser oder Wohnhäuser der alten Art, wie ich eines vom Tal her wahrgenommen hatte. Hier oben aber konnte ich es nicht mit Sicherheit erkennen.

Wir folgten auch weiterhin dem gelb beschilderten Wanderweg über die Krete Richtung Galgenkappeli, immer den frisch verschneiten Alpenkranz vor Augen.


Weiter auf unserer Wanderung sah ich schon von weitem eine grosse, leicht abfallende Fläche mit sich bewegendem Weiss und vermutete, dass es sich um ein Wollgrasfeld handle. Da muss es Wasser haben, dachte ich, und entdeckte es sogleich. Ein so grosses Feld dieser Alpenblume hatten wir noch nie gesehen. Da standen wir denn auch bezaubert davor. Es wehte eine leichte, angenehme Bise, und ich bemerkte, wie diese Berührung ganz unterschiedliche Reaktion hervorrief. Auf jeden Fall liessen sich die Stengel dieses Wollgrases nicht nur in eine Richtung drängen. Wir standen lange vor ihnen und entdeckten eine grosse Individualität. Je nach Kraft und Grösse zitterten sie ob dem Wind, schwankten hin und her oder zogen leichte Kreise. Ihre Schwünge erinnerten mich an die Schnüerlischrift in der Primarschule (zusammenhängende Schrift, wie wenn ihr eine Schnur als Grundlage gedient hätte.)

So reagieren auch Menschen. Wir werden von Ereignissen, die alle betreffen, ganz unterschiedlich bewegt und reagieren mit individuellen Ausschlägen, wie es uns das Wollgras zeigte. Einige zitterten, wieder andere schienen gleichmütig oder unberührt dazustehen.

Zu Hause holte ich dann das 1946 erschienene SILVA-Buch* „Bergblumen der Heimat“ hervor und las dort: „Das vierjährige Wollgras gehört zu den arktisch-alpinen Pflanzen, die in den Moorgebieten rund um den Nordpol ausgedehnte Bestände bilden, aber auch bei uns von der Ebene bis in die Alpen häufig auftreten. Wie oft stösst man auf sommerlichen Wanderungen beim Erklimmen einer Hochfläche unvermutet auf kleine Moränenseen, die wie leuchtende Augen in der Landschaft liegen, oder auf unansehnliche verlandete Tümpel, die noch vom Schmelzwasser sprärlicher Lawinenreste zu zehren scheinen. In der Nähe besehen, lösen sich aber die vermeintlichen Schneereste in Tausende von weissschimmernden Haarschöpfchen auf. Es sind die Fruchtstände des vieljährigen Wollgrases. Am eindrücklichsten wirken sie, wenn ein frisches Morgenlüftchen die Bodennebel in Bewegung setzt. Dann flattern die Wollschöpfchen wie silberne Perücken im Winde, und ein Sonntagskind würde auch die Liliputanerhexen entdecken, deren Köpfe sie zieren. Nach einer längeren Regenperiode freilich sind die verwaschenen Haare zerzaust oder verklebt, wie etwa der Haarschopf eines gesunden Jungen, der im Wasser herumtollte.“

Wenn ich in Bücher wie das erwähnte SILVA-Buch eintauche, dann weiss ich jedesmal, dass meine Generation durch solche Beschreibungen die Ehrfurcht vor dem Leben eingeimpft bekam. Auch die zu jeder besprochenen Pflanzenart gehörenden Aquarelle strahlen entsprechend aus. Worte, Erklärungen und Bilder sind beseelt. Es sind nicht nur kühle und tabellenartige Informationen. Dank dieser Erziehung fällt es leicht, allem Gewachsenen als einem Lebewesen zu begegnen.

Freude empfanden wir an diesem Tag auch, als sich auf dem weiteren Weg die Landschaft plötzlich änderte und wieder öffnete. Wir landeten auf einer Art Balkon. Vor uns glitzerte das weite Wasser des Sihlsees. Und da waren wir auch beim Galgenchappeli angekommen. Ein Chappeli ist eine kleine Wegkapelle. Diese da, die wir vorfanden, entspricht vom Äusseren her eher einem Verschlag. Viereckig, vorne offen, also einem Unterstand und hat doch eine Aura, eine Ausstrahlung, dass ihr mit Respekt begegnet wird. (Im Internet ist unter Einsiedeln Tourismus Pilgerweg Galgenchappeli eine Foto zu finden. www.einsiedeln-tourismus.ch)

Wir setzten uns auf einen der Bänke, die den Wänden entlang angebracht sind und zum Verweilen einladen. Ich las von 2 Informationstafeln:

Dieses Galgenchappeli, genannte Gruobi und Schutzhütte, erinnert an das Einsiedler Hochgericht, das bis zum Jahre 1799 hier jenseits der Strasse lag und an das 1810 abgebrochene Kapellchen. Wanderer, gedenke der armen Sünder, die hier endeten. R.I.P. (Sie mögen ruhen in Frieden.)

Und:

Wanderer, gedenke auch der „drei Kälin“ Nicolaus Benedikt des Lochbauer, Josef Rupert und Johann Nico dem Cölestin, die am 15. bzw. am 16.Dezember 1766 auf der Waidhuob zu Schwyz für die Unabhängigkeit der Waldleute unter dem Schwerte des Henkers starben und deren Köpfe hier aufgenagelt wurden. R.I.P. (Sie mögen ruhen in Frieden.)

In der Mitte des Raums steht ein eindrücklicher Steinsäulenstumpf, ursprünglich floral gestaltet, mit Ranken und Blattwerk versehen. Jetzt verwittert und beschädigt. Vermutlich war diese Säule das Zentrum, an dem gerichtet wurde.

In der Zeit unserer Rast begegneten wir 4 Personen, die mit schweren Rucksäcken unterwegs waren. Wir fragten, ob sie noch einen weiten Weg vor sich hätten. Heute nur bis Einsiedeln. Sie kamen aus der Steiermark, seien auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela unterwegs. Sie wollen auch den Heimweg wieder zu Fuss gehen und rechnen damit, dass sie im nächsten Jahr dann zurück seien.

Solche Begegnungen, auch wenn sie nur kurz sind, bewegen. Die guten Wünsche, die man in solchen Momenten ausspricht, sind stark und kommen von Herzen. Gleich nach ihnen kamen weitere Pilger vorbei. Wieder grüssten wir einander. Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen: In diesem Augenblick beneidete ich sie. Ein solcher Weg verwandelt alle, die ihn gehen.

Wir zogen dann auch weiter, der alten Etzelstrasse entlang. Und ebenfalls zum Kloster. Nach einem Gruss bei der Madonna kehrten wir aber mit der S-Bahn wieder heim.

Buchhinweis
*Bergblumen der Heimat, Herausgeber SILVA-Bilderdienst Zürich
Text: Prof. Dr. Hans Meierhofer, Zürich
Aquarelle: H. und O. Baumberger, Zürich

Sonntag, 13. Mai 2012

Kreuz und Fahnen, Kreuz und Palmwedel in Villmergen

Geschichten und Ereignisse rund um Landsknechte und Söldner beeindrucken mich immer. Warum das so ist, weiss ich nicht genau. Kriege sind nicht meine Themen. Schicksalsgemeinschaften jedoch schon. Ich stelle mir vor, wie sich die Männer im Kampf zusammenraufen und einander beistehen mussten.

Aus der Familiengeschichte meiner Mutter väterlicherseits weiss ich allerdings, dass es unter ihren Vorfahren Söldner gab. Wir kennen auch die Namen von den beiden Männern, die neben vielen anderen im Villmergerkrieg 1712 umgekommen sind.

Rückblickend bin ich erstaunt, wie sich Ende März plötzlich ein langgehegter Wunsch wieder meldete. Vor 20 Jahren hatten wir uns vorgenommen, einmal im Villmerger Wald zu wandern. Damals waren wir erstmals nach Villmergen gekommen, weil Primo zu einer Ausstellung eigener Werke in den Schaufenstern verschiedener Geschäfte eingeladen worden war.

Unsere Wiederkehr traf in diesem Jahr mit dem festlichen Palmsonntag zusammen. Unerwartet erlebten wir die Prozession und feierten den anschliessenden feierlichen Festgottesdienst mit.

Es gab viel zu bewundern. Palmwedel tragende Ministrantinnen und Ministranten. Eine lebhafte Jugend, die sich in der Tradition ihres Ortes heimisch fühlt. Dahinter das Volk aus Villmergen. Eltern und Kinder brachten in ihren eigenen Körben ebenfalls Stechpalmendekorationen und Äpfel mit.

Junge Männer trugen auf ihren Schultern einen grossen, schlanken und geschmückten Baumstamm in die Kirche, wo sie diesen dann im Chor aufstellten. Sie waren mit grossen Stechpalmenkränzen und Äpfeln geschmückt. Der Baum war in die Farben gelb und blau eingebunden. Zuoberst das Tännchen, die eigentliche Baumkrone, die beim Fällen stehen gelassen worden ist.

Wegen der im Villmergerkrieg gefallenen Vorfahren Leonhard und Georg Fässler sog ich die Stimmung in diesem Ort und vor allem dann auch im Wald in mich auf. Auf unserer Wanderung kamen wir auf die Hohlwege von nationaler Bedeutung. So informierte uns eine Waldlehrpfad-Tafel.

„Die Hohlwege waren früher sehr wichtige Verkehrswege. Der Talboden war Sumpflandschaft mit enormer Mückenplage. Ein ganzes Nest dieser Hohlwege sorgte am Rieterberg für direkte Verbindungen über den Berg und zu ehemaligen Ackerzelgen, Köhlerplätzen und Kiesgruben. Diese Hohlwege entstanden aus der häufigen Benutzung für Viehbetrieb und aus der Holznutzung. Voraussetzung war aber entsprechend weicher Untergrund.

Eine grosse Zahl der Hohlwege ist in Villmergen erhalten geblieben. Dieser Hohlwegfächer gehört zu den grossflächigsten und markantesten im aargauischen Mittelland. Da die tiefen Gräben eine intensive Holznutzung heute erschweren, haben sie zur Ausbildung eines schützenswerten Waldstandortes beigetragen. Was ursprünglich durch die intensive Nutzung des Waldes entstanden ist, dient heute seinem Schutz.“


Auf diesen Wegen fühlte ich mich geführt und beschützt. Weil sie tief eingegraben sind, geht man zwischen 2 Wänden. Das Erdreich und der Sandsteinfels darunter sind angeschnitten und darum entblösst. Das Wurzelreich mit seinen Räumen und Höhlen wird sichtbar und unterstützt Vorstellungen aus dem Märchenreich.

Wieder zu Hause, schickten wir jenem Freund unserer Familie einen Gruss, der die damalige Ausstellung in Villmergen angeregt hatte, und erinnerten ihn daran. Er antwortete schnell, machte aufmerksam auf das im Sommer zu erwartende Theaterereignis, in dem der Villmergerkrieg thematisiert werde. Der Autor Paul Steinmann, ebenfalls aus Villmergen stammend, habe das Stück geschrieben. – Ich nahm mir vor, aufmerksam zu bleiben, vergass die Sache dann wieder.
Ein paar Wochen später sind wir im Säuliamt – hinter dem Uetliberg – bei einem Pfadfinderkollegen von Primo eingeladen. Und auch dort taucht das Thema Landsknechte unvermittelt auf. Seltsam. Ich erfahre, dass dieser Mann alte Landsknechtlieder kennt und sie seiner Tochter schon im frühen Kindesalter vorgesungen habe. Trotz des Widerstands von seiner Frau. Dem Kind haben sie gefallen. Als diese Tochter, heute eine junge Frau, dann am späteren Abend auch noch bei ihren Eltern eintrifft, wird sofort beschlossen, dass sie mit ihrem Vater zusammen ein bestimmtes Landsknechtlied singen. Ich wundere mich, dass sie sofort einverstanden ist. Es macht ihr sichtlich Spass. Die beiden singen hingebungsvoll, zur Freude von uns, aber auch zur eigenen. Eindrücklich.

Einen Tag später verfolge ich, nichts ahnend, ein Interview mit Christov Rolla auf Radio DRS/Musikwelle. Wieder unerwartet, werde ich auf das bevorstehende Theater-Ereignis aufmerksam. Ich erfahre, dass dieser Musiker die musikalische Leitung für das Freiämter Landschaftstheater zum Villmergerkrieg 1712 übernommen habe.

Und die weiteren Informationen kann ich dann aus dem Internet herausholen. Sie sind vielfältig und schüren meine Vorfreude.

Die Gemeinschaftsproduktion von 4 Theatergruppen im Freiamt läuft unter dem Titel Mit Chrüüz und Fahne (mit Kreuz und Fahne). Der Link dazu http://www.kreuz-und-fahne.ch

Soweit hat sich für mich persönlich das Thema verdichtet. Ich bin gespannt, ob noch weitere Zusammenhänge sichtbar werden. Spannend ist es immer, sich einem Thema nicht nur über den Verstand und allerlei Fakten, sondern auch mit dem Gemüt anzunehmen.

Dienstag, 1. Mai 2012

Die Hektik und der Friede im Zusammensein mit Kindern

Es widerstrebte mir, mit den Enkelinnen in der Stadt Zürich herumzukurven. Da würden sie ohnehin von der dort herrschenden Betriebsamkeit und der daraus resultierenden Hektik erfasst und mir nicht mehr folgen.

Wir erlebten es beispielsweise, wenn wir mit ihnen das Tram, den Bus oder die S-Bahn benützen mussten. Da wurde das Gehorchen ausgetrickst. Angetrieben von einer Art Wettstreit, eroberten sie sich Sitzplätze, um sie sogleich wieder zu verlassen, um noch bessere zu ergattern. Primo verglich die Kinder mit auf Waldästen turnenden Gibbonaffen. Rücksichtslos und vor allem wider die Vorgaben der Grosseltern.

Im Wald war das dann anders. Weder auf schmalen noch auf den breiten Wegen kam Hetze auf. Hier gab der natürliche Raum die Themen vor: Ruhe und Frieden und ein Hauch von Ehrfurcht. Und vor allem auch die Möglichkeit, die Kinder einfach loszulassen, ihnen Entdeckungen zu ermöglichen.

Wir strebten einem schönen Spielplatz zu. Ich ging mit ihnen auf ausholenden Wegen, damit die Wanderung lange dauerte. Es gab keine Langeweile. Der Wald liess uns immer wieder staunen. Vom Boden mit dem grünen Moos, den weissen Glöckchen im Klee über die Bäume zum Himmel hin gab es unendlich vieles zu entdecken.


Auf dem vorangegangenen Anmarschweg hatte ich den Kindern erzählt, wie ich als 7-Jährige von einem frechen Bub verfolgt wurde. Ich rannte vor ihm her so schnell ich konnte, stolperte aber auf der Naturstrasse meines Schulweges und fiel hin. Ein spitzer Stein verletzte mich oberhalb eines Knies. Das Blut aus der tiefen Wunde erschreckte sogar auch meine Eltern. Die 4 cm lange Narbe, jetzt 65-jährig, ist immer noch zu sehen. Und sie beeindruckte vor allem Nora. Auf unserer Wanderung wollte sie darum plötzlich einen Stein finden, der ihr erzählen könnte, wie ich verletzt worden bin. Ständig hob sie Steine auf, wollte wissen: War es ein solcher? Und immer fand sie nur abgeschliffene, aus einem Flussbett stammende Kiesel, die niemals Fleisch aufschneiden können. Mit der ihr angeborenen Hartnäckigkeit bückte sie sich erneut, stellte die gleiche Frage, warf den Stein weg und suchte weiter. Und dann fand sie einen, der das Unglück von damals hätte hervorgebracht haben können. Ein Stück Bruchstein mit einer markanten, scharfen Spitze. Lange behielt sie ihn in den Händen, trug ihn mit sich. Gegen Abend beklagte sie sich dann über ihren schweren Rucksack, und ich fand in ihm einige Steine, denen sie die Frage nach dem Unglück gestellt haben musste.

Weil ihre Blicke wegen dieser Steingeschichte hauptsächlich auf den Boden zielten, wurde sie noch auf Hufeisenabdrücke und vor allem auf Pferdeäpfel – wir nennen sie Rosspoppele – aufmerksam. Da begann ein Spiel. Mena schlug vor, alle Rosspoppele-Haufen zu zählen. Am Ende unseres Wanderwegs sollten dann die Resultate verglichen werden. Alte, also schon lange hier liegende, zertretene oder überfahrene Haufen konnten leicht übersehen werden. Aufmerksamkeit war auch da wieder gefragt. Und so verging die Zeit des Wanderns, und wir kamen auf dem Spielplatz an.

Am Sonntag zuvor war es hier noch ungemütlich gewesen. Der Regen hatte den Erdboden zu Matsch werden lassen, und die Rutschbahn war klebrig. Heute hatten wir Stofflappen bei uns. Auf ihnen rutschten die Mädchen einige Male hinunter, trockneten und polierten die Bahn, und bald einmal war sie von mehreren Kindern bevölkert. Ich sass eine Stunde lang in ihrer Nähe und freute mich über den Frieden, der auch von dieser Rutschbahn ausging. Mena war die Älteste, und obwohl sie nichts dirigierte, richteten sich kleinere Kinder nach ihr aus. Ihre Rutschvarianten wurden nachgeahmt oder noch ausgereizt. Ein Bub aus Äthiopien wurde zum fröhlichen Clown, und ein scheues Mädchen, das anfänglich nur quer in die Bahn sass und alle stoppte, getraute sich nach und nach die Lust zuzulassen, die bis dahin ausser ihr alle anwesenden Kinder angetrieben hatte. Hier erstaunte mich, wie meine Enkelinnen Mena und Nora ihre Unruhe und das gibbonartige Verhalten verloren hatten und die Freude am Spiel mit allen teilten. Hier war der Friede des Walds am Werk, folgerte ich.

Tage später, als unsere Enkelkinder schon wieder nach Paris zurückgekehrt waren, spazierten Primo und ich durch den Wald hinter dem Kloster Fahr AG zu den jetzt wieder zugedeckten Kiesgruben hin. Wir schauten ins Land und vor allem zu den Alpen hin. Dank Föhn zeigten sie sich uns sehr nahe. Auf dem Rückweg zeigte Primo auf eine grosse Richtstrahlantenne (um den Verkehr im Gubrist zu kontrollieren), und er sagte, es wundere ihn, dass generell nicht mehr über ihre Einflüsse gesprochen werde. Als diese neu gebaut wurden, gab es viele Bedenken wegen der elektromagnetischen Strahlungen, auch offensichtliche gesundheitliche Belastungen. In unserem Bekanntenkreis wurde eine sensible Musikerin sehr krank und konnte nur gesunden, weil sie ihr damaliges Heim verliess und sich an einem weniger belasteten Ort niederliess.

Und jetzt frage ich mich, gerade nach dem 2-wöchigen Zusammensein mit den Enkelinnen, ob das immer mehr verdichtete energetische Gewebe die grosse Unruhe in den Menschen hervorgebracht habe, die für mich nicht mehr normal ist. Meine Generation hat viel geleistet, viel gearbeitet, aber doch auch die entspannende Ruhe gekannt. Heute ist die Unruhe übergross. Man reizt alles aus, was nur möglich ist. Beschaulichkeit ist ein fremder Begriff geworden. Es wird gerannt, gehetzt, alle Möglichkeiten ausgereizt, auch der Mensch von heute. Darum gehen vielleicht auch manche Ehen in Brüche.
*
Auf unserem Heimweg, wir waren insgesamt über 3 Stunden unterwegs, sangen wir den französischsprachigen Kinderreim:

Un kilomètre à pied, ça use, ça use
un kilomètre à pied, ça use nos souliers.

Der sinngemässe Inhalt des Lieds: Ein Kilometer zu Fuss, verbraucht unsere Schuhe (nützt die Schuhe ab).

Da waren wir die müden Kumpels, denen ein Lied half, durchzuhalten, fröhlich zu bleiben und gut aufzupassen, dass sich die Zahl der Strophe übereinstimmend ändere. (Ein Kilometer zu Fuss, dann 2 Kilometer zu Fuss usw.)

Im Internet singt auf YouTube ein Frosch dieses Lied, und zu meiner Überraschung gehört es auch in die schweizerische Kinderliedsammlung www.falleri.ch.

Mena hat es mir beigebracht.