Sonntag, 10. Februar 2013

Bäume: dürre Blätter und reife Samen feierten Abschied

In der letzten Januar-Woche 2013, noch vor den erneuten Schneefällen, beobachtete ich, wie letzte Samenstände der Hagebuchen von den Bäumen fielen und auf der Wiese zu tanzen begannen. Ich schaute ihnen lange zu, wie sie sich im Kreis drehten, sich von den Winden aufheben und wieder fallen liessen. Immer in harmonischen Kreisbewegungen.

Kein Wunder, dass unsere Altvorderen von Hexentänzen sprachen und sie in Figuren darstellten. Wir kennen das alte Weib mit dem Besen, das Ordnung schafft.


Am Tag danach stürmte es wieder. Da wollte ich die Wohnungstür zumachen. Ich hatte sie für einen totalen Durchzug angelehnt und offen gehalten. Als ich sie schliessen wollte, staunte ich. Es war Besuch gekommen. Getrocknete und darum zusammengerollte Ahornblätter lagen auf der Teppichvorlage, andere auf der Schwelle, und die viel kleineren Samenstände der Hagebuchen hatten es schon in den Korridor geschafft. Alle drängten hinein. Als sie hinfielen, muss sie der Teppich gestoppt haben. Es sah aus, als wären Kinder hierher gerannt, vielleicht um sich zu verstecken. Es war mir, als schauten sie mich an. Dürfen wir eintreten? Ich schickte sie nicht gleich weg.

Und heute Morgen war unsere Wiese, die an den Hagebuchhain angrenzt, braun gesprenkelt. Tausende und Abertausende von Samenständen waren über Nacht abgefallen und haben das Grün teilweise abgedeckt. Nun liegt der Weihnachtsschmuck auf der Wiese. Weihnachtsschmuck? Ja, im Dezember zeigten sich die reif gewordenen Samenfrüchte wie Christbaumschmuck. Sie hingen an ihren Bäumen, winzigen Tannen gleich. Weil sie von leisesten Winden bewegt wurden, ähnelten sie hängendem Schmuck, z. B. am Christbaum, oder auch am Ohr. Glänggerli nennen wir solche Objekte im Dialekt. Wenn sich Glänggerli bewegen, heisst das bei uns, si bambeled (sie schaukeln leicht). Der Klang dieses Wortes ist weich und beweglich, wie es zu den beschriebenen Dingen passt.

Es gibt also immer noch Denkanstösse, denke ich jetzt. In letzter Zeit fiel mir auf, dass ich nur noch selten auf meine nächste Umgebung reagiere. Alle möglichen Bilder scheinen in mir deponiert und archiviert zu sein. Sie sind bekannt. Ich muss nicht mehr darauf aufmerksam gemacht werden. Schön und gut, aber von Zeit zu Zeit möchte ich doch in meiner bekannten Umgebung immer wieder etwas noch nie Geschautes oder Bekanntes entdecken und von ihm bewegt werden. Und das wurde mir jetzt gerade, wie beschrieben, wieder einmal geschenkt.

Dienstag, 22. Januar 2013

Tempo Tüüfel: Gefangen im Strom der Beschleunigung

Morgens um 8 Uhr mit dem Velo unterwegs. Im Bahnhof Zürich-Altstetten durch die Geleiseunterführung. Es herrschte ein Gedränge. Eine S-Bahn war angekommen, und die Passagiere ergossen sich ebenfalls durch den Untergrund. Primo und ich fuhren hintereinander auf dem bezeichneten Veloweg. Rechts neben uns strömten die angekommenen Fussgänger dem Ausgang zu. Der ganze Raum unter den Geleisen war zu diesem Zeitpunkt dicht begangen, dicht ausgefüllt. Hinter uns ein dritter, ungeduldiger Velofahrer, der pausenlos klingelte. Er konnte aber nicht vorfahren. Dafür fehlte der Platz. Stoisch benützten wir alle unseren gemeinsamen Weg und ignorierten, dass da einer mehr Recht für sich beanspruchte, als ihm zustand. Sein Ego schien grösser zu sein als seine Übersicht. Die Durchfahrt unter dem Bahnhof beansprucht doch nur den Bruchteil einer Minute. Doch weiss ich selbst, wie ungern wir Velofahrer das Tempo drosseln, weil wir dann an Schwung verlieren.

Im Zürcher Hauptbahnhof sorgt der Leitsatz „Links gehen, rechts stehen“ dafür, dass die Eiligen auf der Rolltreppe schneller vorwärts kommen. Diese Regel funktioniert gut und sorgt dafür, dass die Pendlerströme ungehindert fliessen können. Der Bahnhof will kein beschaulicher Aufenthaltsort mehr sein.

Früher trafen sich im Bahnhof die Fremdarbeiter, wie Migranten damals genannt wurden. Hier seien sie ihrer Heimat am nächsten, wurde uns erklärt. Heute ist die Bahnhofhalle aber kein gemütlicher Dorfplatz mehr. Er muss Geld einbringen. Die Halle wird zeitweise vermietet. Es finden hier viele Veranstaltungen und im Dezember der Weihnachtsmarkt statt. Ich liebe die Zwischenzeiten, wenn die Halle leer ist, wenn ich sie diagonal durchqueren kann. Nur dann ist sie in meinem Augen eine richtige Schönheit.

Und ich vermisse immer noch die Sitzbänke an der linken Seitenwand der Billettschalterhalle. Bevor die ins Untergeschoss führende Rolltreppe gebaut wurde, konnte man dort warten oder sich ausruhen. Mit Blick zu den Perrons. Eine gewisse Übersicht über die Ankommenden und Abreisenden war da gegeben. Es arbeiteten damals noch die Porteure, die auf Schubkarren schwere Koffer und Taschen zu den Bahnwagen führten. Ihnen schaute ich gern zu. Auf einer solchen Bank zu sitzen und jemanden zu erwarten, weckte Lebensfreude und Reiselust.

Die beschauliche Atmosphäre verschwand langsam, zuerst kaum merklich, doch stetig. Die Errungenschaften der Technik gaben plötzlich allen Lebensbereichen Schub. Es konnte mehr aus ihnen herausgeholt werden. Das Wort „ausreizen“ kam auf.

Ausscheren ist nicht möglich. Alle wurden wir von der Beschleunigung erfasst und gezwungen, deren Gesetze zu respektieren. Alles muss fliessen. Nicht nur im Hauptbahnhof, nicht nur im Verkehr und am Arbeitsplatz. Auch die Familie wird von dieser neuen Energie erfasst. Schon die Kinder sind gehetzt. Ein Programm löst ein anderes ab. Eile mit Weile hat sich zu Eile und Hast verwandelt, weil vieles möglich geworden ist.

Im Dezember 2012 zeigte mir eine der Töchter sogar die schnellste Weihnachtskarte der Welt. Abgebildet war der aus dem Himmel herabstürmende Weihnachtsmann mit seinem Gefährt. Die Illustration entstand in einem Sportwagen während der Fahrt auf einer Rennstrecke in Frankreich. Aussergewöhnlich, aber auch ganz natürlich zeichneten die verwackelten Striche das überrissene Tempo des Gefährts.

Mit „Tempo Tüüfel“ (des Teufels Tempo) hätte man dieses Bild vor Jahrzehnten vielleicht betitelt, denn alles, was damals unerklärbar schien, musste aus des Teufels Küche stammen.

Donnerstag, 10. Januar 2013

Die Intarsie: Das aus dünnstem Holz geschaffene Bild


Wieder einmal erlebte ich, wie Faszination aufkommt, wenn Primo Lorenzetti seine Furnierschätze ausbreitet. Die Verantwortliche, die eine Bild-Ausstellung seiner Intarsien plant und begleiteten wird, war in die Werkstatt gekommen.



Noch unter der Tür stehend, bemerkte ich ihr begeistertes „Oh“, als sie das kreative Chaos wahrnahm. Obwohl der Raum klein und verstellt ist, strahlt er aus. Und viele Objekte, die hier zu sehen sind, weisen den Künstler auch als Tüftler aus. Fertiges und Angefangenes steht oder liegt nebeneinander. Nur weil hier keine sterile Ordnung herrschen muss, können sich Experimente entwickeln. Ähnlich wie Hefe, die Zeit und Geduld fordert, wenn sie aufgehen soll.

Einige Intarsien hatte Frau R. schon gesehen. Nun wollte sie wissen, wie solche hergestellt werden.



Der Bildinhalt dieser Holzflächenkunst wird mit Furnieren gestaltet. Im Furnierwerk werden Bäume zu feinsten Blättern geschnitten. So dick wie dünner Karton. In den 1950er-Jahren waren diese noch 2‒3 mm dick. Heute arbeitet Primo mit Blättern aus 6/10 mm, also etwas mehr als einem halben Millimeter Dicke. Frau R. reagierte begeistert auf die verschiedenen Holzfarben und auch auf die Art des Furniers, wie es geschnitten wird: hauptsächlich längs durch den Baumstamm, aber auch geschält, wenn die Holzsubstanz wie Papier ab einer Rolle abgezogen wird. Birkenfurnier wird oft so hergestellt.

Und dann die Farben: Wer nicht verschiedene Hölzer nebeneinander sehen kann, ist sich gar nicht bewusst, wie farbenreich die Facetten sind, besonders von Bäumen aus anderen Erdteilen. Noch vor dem rücksichtslosen Abholzen der Regenwälder wurden Hölzer aus diesen Gebieten wie Edelsteine behandelt.

An diesem Morgen leuchtete aus allen andern das violette Furnier des Amaranth-Holzes hervor, im deutschen Sprachraum als Violetta gehandelt. Viel beachtet ist auch das rot-orange Padouk, das wir auch Korallenholz nennen.

Ist es da verständlich, dass mit diesen Farben gespielt wird? In seiner über 50-jährigen Tätigkeit als Möbelschreiner und Holzgestalter hat sich Lorenzetti, ergänzend zu den präzisen Wünschen der Kundschaft, immer auch mit den Furnier- und Holzabschnitten beschäftigt. Äste, knorrige Teile, auch Reststücke von besonderen Farben oder Maserierungen regten ihn an, ihre Schönheit in Intarsien darzustellen.

War die ursprüngliche Form der Intarsie früher immer einem bestimmten Bildinhalt gewidmet, fällt diese heute dahin. Man stellte Landschaften, Gebäude, Persönlichkeiten, Pflanzen, auch Symbole dar. Dafür ist heute die Fotografie zuständig.

Lorenzetti-Intarsien sind mehrheitlich zufällige Kompositionen, ein Spiel mit vorhandenem Abschnittmaterial, auf der Suche nach Rhythmen und Perspektiven. Auch als eine Art Gespräch mit den Hölzern und mit Fragen an sie, ob sie bereit und fähig seien, Räumlichkeiten zu gestalten. Und daraus entwickeln sich manchmal Offenbarungen. Diese Intarsienart wirkt auf jede Person individuell. Sie spricht innere Bilder ihres Gegenübers an.

Für eine Intarsienkomposition müssen die einzelnen Furnierstücke fugenlos zusammengefügt und mit papierenen Klebstreifen festgehalten werden. Diese so entstandene Fläche wird dann auf eine entsprechend grosse Trägerplatte geleimt, also furniert. Anschliessend geschliffen und lackiert.

Und noch ein Blick zurück: Es ist bekannt, dass schon die Ägypter die Intarsie kannten. Und in Italien sind viele Intarsienarbeiten aus der Renaissancezeit gut erhalten. Dass sie überhaupt hergestellt werden konnten, setzte die Leimherstellung voraus. Fischer von damals sollen im erkalteten Fischsud die schwabblige Sulz entdeckt und bemerkt haben, dass diese aushärtet. Aus solcher Sulz (Sülze) als Grundmaterial
entstanden nach und nach die Leime für Papiere, Hölzer, Leder und Stoffe.

Vor Jahrzehnten, als ich wieder einmal in die Werkstatt kam, öffnete Primo 2 Schränke und zeigte mir seine Schätze. Er sagte dazu: Hier siehst Du, woran ich jeweils arbeite, wenn der Chef nicht da ist. Er, der selbständig Erwerbende, sein eigener Chef.

Es waren alles Intarsien, mit denen er sich damals von der traditionellen Darstellung verabschiedete. Auch er hatte ursprünglich gegenständliche Intarsien geschaffen. Z. B. das Grossmünster, eine Flusslandschaft, der Tierkreis auf dem Esstisch einer Kundschaft usw. Als ich diese neuen Bilder sah, spürte ich seinen Drang, dem Holz zu mehr Geltung zu verhelfen. Nicht in erster Linie dem Bild, sondern dem Material, mit dem es gestaltet worden ist. Und noch heute möchte er Möglichkeiten aufzeigen, die die nüchterne Innenarchitektur auf schlichte Art bereichern kann. Und dafür arbeitet er immer noch.

Montag, 24. Dezember 2012

Was Weihnachten sein soll, misst sich an der Erinnerung

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich einmal den Duft frisch geschnittener Christbäume so intensiv wahrgenommen habe wie am Freitag, 21.12.2012, als ich mit Primo zusammen nach unserem Tannenbaum suchte. Diese Düfte und dieser kurze Besuch unten auf dem Lindenplatz von Zürich-Altstetten gibt mir gerade den nötigen Schwung für einen Beitrag zur Weihnachtszeit.

Ich erinnerte mich wieder einmal an den Übergang von der Herkunfts- zur eigenen Familie, als ich mit Primo zusammen plötzlich dafür verantwortlich war, dafür zu sorgen, dass Weihnachten zu einem besinnlichen Fest werde.

Zu den schönsten Augenblicken meiner Kindheit gehören definitiv die Momente am 24. Dezember, wenn wir 5 Geschwister das Christkind erwarteten. Für ein Fest gekleidet und zurechtgemacht, erwarteten wir den Glockenton, der die Weihnacht ankündigte und eröffnete. Der Vater rief uns in die Stube: „Äs isch cho“ (Es ist gekommen).

Dieses „Es“ war das Christkind, das uns besuchte und mit einem Baum voller Lichter beschenkte. In keiner Weihnachtsfeier habe ich je wieder diese Ehrfurcht gefühlt wie damals, als wir, unwissend und auf eine Art unverdorben, den Christbaum bestaunen durften. Da war Licht in unserem Haus, und viele der Sorgen wurden für einen Abend lang von diesem verscheucht.

Als ich kürzlich in der Stadt weilte und mir auf der Bahnhofstrasse viele Menschen entgegen kamen, fragte ich sie in meinen Gedanken: „Was sucht ihr noch? Was fehlt euch noch? Wie werdet ihr das Weihnachtsfest feiern?“ Unvorstellbar, die Antworten.

Ich besuchte dann noch den Christmas Tree, die Plattform für Schülerchöre auf dem Werdmühleplatz. Hier wurden vom 24. November an Weihnachtslieder gesungen. Schon allein die Bühne mit dem abstrahierten Tannenbaum, auf dem die Chöre auftreten können, ist ein Kunstwerk. Pyramidenförmig gestaltet, mit Tannästen verputzt, bietet dieser Christbaum auf 7 balkonähnlichen Etagen Raum und Platz für Sängerinnen und Sänger. Sie tragen rote Zipfelmützen und verkörpern die Weihnachtskugeln am Baum.

Diese Institution besteht schon seit 1998 und begeistert uns jedes Jahr neu. Sie verströmt eine frische, echte Weihnachtsstimmung.

Als ich dort war, begeisterten gerade junge Leute aus der 2. Sekundarschule Käferholz aus Zürich-Affoltern das zahlreiche Publikum. Sie sangen amerikanische und englische Weihnachtslieder. Und ernteten viel Applaus. Ein junger Schweizer, neben mir stehend, rief begeistert in die Menge: Da mues mer ja gar nüd uf New York! (Da erübrige sich eine Reise nach N.Y.).

Zu Hause erzählte ich von meinen Eindrücken. Was ich berichtete, löste Erinnerungen aus. Sie holten Begebenheiten aus unserer Kindheit ans Licht. Primo erzählte mir erstmals von einer Weihnacht in der Zeit des 2. Weltkriegs, als die Fenster verdunkelt werden mussten und man sich zu Hause wie in einer Höhle befand. Seine Familie wohnte im Kreis 5, nahe beim Zürcher Hauptbahnhof.

Da sassen sie in der schwach erleuchteten Stube im Parterre. Es hatte geschneit. Es sei still, ganz still gewesen. Auch wegen des vielen Schnees. Die Fensterläden waren geschlossen, die Fensterscheiben mit schwarzem Stoff abgedeckt und die Vorhänge, die zur persönlichen Wohnungseinrichtung gehörten, darüber gezogen. Und dann hörten sie ein Pferdefuhrwerk vorbeiziehen. Aber niemand durfte die Vorhänge lüften. Primo hätte gerne hinausgeschaut. Gefeiert wurde auch still, so still wie möglich. Mit einem bescheidenen Baum. Mit einigen Liedern und bangen Gedanken. Wann denn der in den Texten besungene Friede hier wieder eintreffe, mögen sich die Eltern gefragt haben.

Aus dieser Zeit mag das Kerzenlicht unter dem Thema Hoffnung und Zuversicht in uns abgespeichert sein. Das gilt auch für mich. Noch immer sind uns grelle und der Werbung dienende Lichter fremd.
Später, in unbelasteterer Zeit, durften Primo und sein Bruder dann dem Vater zuschauen, wie er den Baum schmückte und ihm vorher noch zusätzliche Äste einsetzte, um ihn harmonischer zu machen. Primo sagt heute dazu: Er frisierte ihn auf Ästhetik. Die Buben durften zuschauen und danach Kugeln aus den Schachteln holen und sie aus dem Seidenpapier herauslösen. Sie wählten jene aus, die ihnen am besten gefielen. Die Farben waren prächtig und wichtig. Aus diesem Erbe haben wir einige wenige Kugeln geschenkt erhalten. Sie haben bei uns ihren Platz.

Einen Christbaum mitgestalten, macht sicher Freude. Aber so wie es in meinem Elternhaus Tradition war, brachte das Christkind den Baum, und wenn wir die Stube betraten und die Kerzen ihr Licht verströmten, war das einfach unbeschreiblich schön.

Mit Primo zusammen entwickelten wir diese 2. Variante weiter, und noch heute, wenn die Töchter mit uns feiern, ist es selbstverständlich, dass man wartet, bis das Glöcklein läutet und der Vater einlädt, in die Stube zu kommen.

Einmal, die ältere Tochter war vermutlich 9-jährig, die jüngere 3, war das Christkind auch gekommen. Die Glocke hatte geläutet. Die Kinder stürmten aus dem 1. Stock in die Stube hinunter. Da stand der Christbaum und strahlte. Felicitas, die ältere, konnte nicht genug staunen und ihre Gefühle überfliessen lassen, während Letizia, die jüngere, als erstes wissen wollte: Das hat alles Papi gemacht?

In Primos Familie gab es zu Weihnachten Nussgipfel, die der Vater gebacken hatte. Eine Erinnerung an seinen 1. Beruf als Bäcker und Konditor. Und als Erbe aus der italienischen Grossfamilie kamen immer auch die Capelletti auf den Tisch. Tage vorher vorbereitet, beanspruchten sie am Fest selbst nicht mehr viel Kochzeit und Aufmerksamkeit. Man wärmte sie in einer Fleischbrühe, liess sie ziehen. Auch diese Capelletti fabrizierte der Vater. Nach seiner Pensionierung lehrte er mich noch, wie ich diese selber zubereiten kann.

Sonntag, 9. Dezember 2012

Meine Geschichten rund um die amerikanischen Parkas



Jetzt habe ich gerade Heimweh bekommen. Für diesen Beitrag schaute ich mich im Internet nach der Beschreibung der Parka um und fand dort eine Foto unserer damaligen Allzweckjacken aus Beständen der amerikanischen Armee. Das Modell Army Parka M-65 ist abgebildet. Ja, das war es. Dieses besassen wir. Es gab beinahe Tränen der Rührung.

Möglicherweise deutet die Zahl 65 im erwähnten Modell das Produktionsjahr dieser Jacke an. Wir konnten sie vermutlich 1967 kaufen. Damals war das Wort Parka erst im Kommen. Heute steht es für eine Allerweltsjacke mit Kapuze, die länger geschnitten ist als die herkömmliche Windjacke. Als ein in jeder Beziehung dienliches Kleidungsstück.

Jene, die wir kaufen konnten, waren gebrauchte, gereinigte Stücke aus den Beständen der amerikanischen Armee. Sensationell das wärmende Innenfutter, die tiefen Taschen und der robuste Reissverschluss. Da und dort waren sie etwas geflickt. Das gab der Parka gerade noch den letzten Schliff, um als Original zu gelten. Eine Jacke jenseits von Eleganz, aber ungeheuer praktisch. Im Winter wärmend, in den übrigen Monaten ohne Futter getragen, wurde sie zum Regenmantel. Ich schätzte sie, weil sie unkompliziert war. Besonders auch als junge Mutter, wenn ich mit den Kindern unterwegs war.

Trug ich die Parka, fühlte ich mich gut angezogen, geschützt und vor allem auch eigenständig. Sie unterstützte uns, dass wir Velofahrende bleiben konnten. Wohl gab es damals, kurz vor der 68er-Revolte, Leute, die meinten, sie müssten uns aufmerksam machen, wie man sich kleide. So hörten wir auch die hämische Frage: So, seid ihr alternativ? Primo antwortete einmal ganz treffend. Nein! Wir sind jungnativ.

Einmal wollte unser Kinderarzt die Parka genauer ansehen, als ich in der Praxis aufkreuzte. Er wusste nicht so recht, ob er uns ebenfalls belehren müsse, fand diese dann aber ganz originell. Er schaute sie mit den Augen eines Seglers an.

Und einmal trugen wir die Parkas in Istanbul. Dort sprach uns ein Herr an, als wir in einem Schaufenster die Teppichauslagen betrachteten. Wo solche Jacken zu kaufen seien. Er gehe öfters auf die Jagd, und diese Jacke wäre ideal für ihn. Hier befinde sich sein Teppichgeschäft, er lade uns ein, hier einzutreten und ihn darüber zu informieren.

Wir nannten das Geschäft in Zürich und auch den damaligen Preis. Ob er Primos Jacke probieren dürfe? Sie passte gut, nur der abgewetzte Ärmelumschlag störte ihn. Ich bot ihm meine Parka an. Es war dasselbe Modell. Sie war am Ärmel nicht beschädigt. Aber eine Jacke, die von einer Frau getragen wurde, die wollte er nicht. Primos Parka würde er gerne abkaufen. Aber dieser signalisierte Widerstand. Er sei nicht nach Istanbul gekommen, um seine Jacke abzugeben. Ich aber wusste, dass wir in Zürich problemlos Ersatz finden werden und schlug vor, doch auf einen Verkauf einzugehen. Das ergebe ein ungewöhnliches Ferienerlebnis. Gut! Dann wollte der Teppichhändler noch markten. Also CHF 120.— (der Handelspreis in Zürich) für eine gebrauchte und etwas beschädigte Jacke, das sei zu viel. Primo aber blieb dabei. Er hätte seine Parka sowieso gerne weiter getragen. In der Zwischenzeit hatten sich 7 Angestellte aus diesem Teppichgeschäft im Halbkreis um uns gestellt und verfolgten den Handel. Als der Teppichhändler einsah, dass sich Primo nicht überreden lasse, offerierte er einen Tausch. Er holte eine gebrauchte Lederjacke aus seinem Büro und offerierte sie. Und sie passte so gut, wie wenn sie für ihn zugeschnitten worden wäre. Er zog sie nicht mehr aus. Neben ihm trug der Teppichhändler die Parka. Dann sagten beide Ja zum Geschäft und umarmten sich.

Und ich beobachtete die Angestellten, wie sie ihrem Chef zunickten, und ich sah in ihrer Mimik, dass sie annahmen, Primo sei hereingelegt worden. Das war ganz und gar nicht der Fall. Auch wenn der Jackenschnitt nicht der neuesten Mode entsprach, er entsprach Primos Gestalt. Sie diente ihm noch lange. Und die Parka konnte in Zürich dann auch sofort ersetzt werden.

Es sind nun ein paar Jahrzehnte vergangen, und die Parka hat einen neuen Stellenwert erlangt. Heute gehört sie zu den interessanten Modeerscheinungen. Mehr und mehr faszinieren mich heute die aktuellen Modelle, die nichts mehr mit Armeebeständen zu tun haben.

Aber leider passt meine Figur, vor allem meine Grösse, nicht in diese schönen Kurzmäntel, die sich Parka nennen. Ich habe nun lange gesucht und nur jene Modelle für Grossgewachsene gefunden, deren Gewicht mich belasten würden.

Und jetzt habe ich, dank der Vorbereitungen für diesen Beitrag, im Internet unerwartet jenen Händler gefunden, der damals die Armee-Parkas importierte. Er führt neuerdings einen Army-Shop für Jeans und Jacken in einem anderen Stadtkreis. Ich werde ihn noch aufsuchen, auch wenn ich jetzt das anfangs erwähnte Modell als Grossmutter gar nicht mehr tragen würde. Ich vermute, dass es eher im Museum als in seinem aktuellen Geschäft zu finden wäre.

Sonntag, 2. Dezember 2012

Der Sankt Nikolaus in Zürich und Saint Nicolas in Paris

Vor vielen Jahren, als wir mit den Kindern einmal ein Weihnachtsspiel besuchten, erklärte ihnen Primo, dass die Figuren hier aus der Geschichte herauskommen und am Ende des Spiels wieder in sie zurückkehren. Wenn ich daran denke, „sehe“ ich noch heute ein grosses, offenes Buch, aus dem die Darsteller heraustreten ‒ wie auch am Ende Stücks, wenn die verkörperten Worte vom Buch wieder eingezogen werden.

Im Theater begegnen wir auch Figuren, die etwas darstellen, die es draussen in der realen Welt so nicht oder nicht mehr gibt. Dem Ur-Nikolaus zum Beispiel bin ich noch nie begegnet, wohl aber grundgütigen Menschen. Bischof Nikolaus von Myra gilt als ein solches Vorbild. Jahr für Jahr wird dieser heiligmässige Mann am 6. Dezember gefeiert und dargestellt, soweit es uns überhaupt möglich ist. Was würde er wohl sagen, wenn er sich dazu äussern könnte? Was haben wir aus ihm gemacht?

Wenn Sankt Nikolaus – hier nennen wir ihn Samichlaus – in Zürich eintrifft, stehen wir in der festlich erleuchteten Bahnhofstrasse und tauchen in Szenen ein, die uns mit dem Umzug vorgeführt werden. Sein kleines Haus im Wald zieht vorüber, sein Büro mit dem Telefon, das andauernd klingelt, weil er für Hausbesuche gefragt ist. Es wird die Backstube gezeigt, in der Zwerge Teig kneten und Lebkuchen backen. Es scheint, dass alles gelingt, wenn Zwerge dabei sind. Sie tragen rote Zipfelmützen, und die Brust steckt im ledernen Wams. Sie ziehen sogar einen Wagen. Engel spielen Flöte. Die Heilige Familie mit ihrem Neugeborenen fährt auch schon vorbei. Ebenso das erleuchtete Grossmünster und Petrus, der mit seinem grossen Schlüssel das Himmelstor bewacht. Es herrscht dann eine feierliche Stimmung, und Fotos halten fest, wie Kinder staunen und sich Erwachsene freuen.

In Paris erscheint Saint Nicolas auch, jeweils an seinem Namenstag*. Er wird von Zwergen, den Lutins, begleitet. Unsere Enkelin Mena gehört in die Gruppe dieser kleinen Helfer. Sie sind Saint Nicolas Gefolge. Aufgabe der Lutins, alles Mädchen, sei es, ihn beim Einzug ins Quartier und weiteren Umzügen zu begleiten. Die grösseren Lutins dürfen Bonbons verteilen. Dieser Pariser Samichlaus wandelt sich anschliessend zum Père Noël, der bis zu Weihnachten auf der Place des Abbesses anzutreffen ist. Teilweise im Häuschen, wo ihn die Kinder ansprechen können, dann auch als kollegiales Gespann zusammen mit dem Drehorgelmann. An diesem Ort steht eine grosse Tanne, von weit her sichtbar. Letztes Jahr war sie mit Papierengeln geschmückt, alle von Schulkindern gestaltet.

Ich freue mich, dass unsere Enkelkinder vom Zauber der Vorweihnachtszeit erfasst werden. Sie sind stolz, zu den Lutins zu gehören. In ihren roten Kapuzenmänteln mit den weissen, flauschigen Schärpen sind sie als Heinzel- oder Wichtelmännchen gut erkennbar. Begeistert spielen sie ihre Rolle.

Innerhalb einer Foto, bei der Ankunft von Saint Nicolas im Vorjahr entstanden, ist mir eine Gruppe Trommler in Soldatenuniformen von Napoleons Infanteristen aufgefallen. Sie begleitete ihn auf der Ausfahrt mit Pferd und Wagen. Dazu wurde mir ihre Geschichte erzählt. Man nenne sie Les P’tits Poulbots nach dem Familiennamen des berühmten Plakatmalers Francisque Poulbot 1879—1946. Dieser Künstler hatte ein grosses Herz und Charisma. Die damalige Misere der armen, desillusionierten Jugendlichen bewegte ihn. Er wollte sie aus den Gossen von Montmartre befreien. Er fand eine Hütte als Treffpunkt für sie. Dort traf er einmal auf einen Trommler, und gleichzeitig flammte in ihm eine Idee auf: Eine Tambourengruppe mit diesen Burschen! Er verwirklichte sie. Sie besteht bis heute. Fotos im Internet zeigen, wie sie auftreten.

Mir ist aufgefallen, dass beide Auftritte – in Paris und Zürich – von Hilfsbereitschaft motiviert sind. Einerseits erinnern die Poulbots, die den Père Noël begleiten, an den Wohltäter und Gründer ihrer Truppe, und andererseits wird von den Zürcher Samichläusen und seinen Helfern viel Arbeit geleistet. Diese kommt notleidenden Familien, Alleinerziehenden und benachteiligten Kindern unserer Stadt und Menschen aus der Bergbevölkerung zugute. Gegen 40 Samichläuse mit je einem Schmutzli (Helfer) besuchen in den Tagen nach dem Einzug in Zürich Familien, Heime, Schulen und Organisationen. Ungefähr 1000 Anmeldungen liegen jeweils vor. Verständlich, dass darum der Festtag des Heiligen Nikolaus auf 12 Tage ausgedehnt werden muss, um allen Anfragen nachzukommen. Mit dem Erlös dieser Besuche kann die St. Nikolausgesellschaft die erwähnte Hilfe leisten.
*

*Aus Paris sind gerade rechtzeitig noch die Daten des Auftritts von Père Noël eingetroffen. Am 9. Dezember 2012 weilt er in den Quartierstrassen von Lepic Abbesses, am 16. Dezember findet die grosse Ausfahrt mit Pferd und Wagen statt.

Französisch tönt es vornehmer: Le 9 Décembre Passage du Père Noël dans les rues du quartier Lepic Abbesses. Le 16 Décembre Grand Défilé du Père Noël dans sa carriole.

Donnerstag, 15. November 2012

17 Personen brachten Schätze ins Ortsmuseum Höngg

Die Ausstellung unter dem Titel Kunst und Objekte des Handwerks kann als Vorläuferin von den Weihnachtsmärkten verstanden werden. Noch ohne Flitter und Glitzer präsentierten Künstler und Handwerker am Wochenende vom 10./11.11.2012 ihre Eigenkreationen im historischen Haus zum Kranz in Höngg ZH. Zu bewundern gab es Keramik, Mineralien-Schmuck, Textiles, Glas-Kunsthandwerk, Bilder, Porzellan, Holz, Töpferei, Leder, Pelzfiguren, Handfilz-Hüte, Edelstein-Schmuck, Kerzen, Stoffwerke und gebrannte Mandeln.




Höhepunkt für mich: Walter Pfenninger, einer der 5 Zeichner, welche die Globi-Abenteuer illustrieren, war anwesend und brachte sein neuestes Werk mit: „Backen mit Globi“ (60 Rezepte salzig und süss. Aus allen Regionen der Schweiz.) Ein Kinderbuch? So wird es genannt und ist doch eines für alle, die ihre Backkünste verfeinern wollen. Mit Globi als Lehrling bei Bäckermeister Imfang können wir über die Bildergeschichten seiner Ausbildung folgen. Und miterleben, wo die handwerklichen Tücken sind und wie sie gemeistert werden. Auch die professionellen Werkzeuge sind dargestellt. So sollten alle Rezeptbücher daherkommen! Zeichnungen erklären detailreicher als Worte allein. Wie auch schon in einem meiner Beiträge erwähnt, ist Globi ein liebenswürdiger Kerl, ein Fabelwesen und die erfolgreichste Kinderbuchfigur der Schweiz. Das erwähnte Buch ist nun das 83. www.globi.ch

Mit Letizia zusammen habe ich dieses Rezept- und Geschichtenbuch Seite um Seite angeschaut. Wir bewundern das Fachwissen des Zeichners und seinen feinen, persönlichen Schalk, den er mit Globi teilt und aufblitzen lässt.

Primos Arbeiten wurden auf dem Dachboden vorgestellt. Intarsienkunst mit verschieden farbigen Hölzern. Entstanden aus Abschnitten von grossen Möbelschreinerarbeiten. Spielerisch zu ungegenständlichen Bildern zusammengefügt. Als Bildplatten, Kuchenplatten, Gläseruntersetzer und Dekorationselemente.

Bleistifte und Farbstifte aus Baum- oder Strauchästen, denen er eine Miene eingepflanzt hatte, wurden als Humorbeitrag gut verstanden. Über sie kamen mein Mann und ich mit den Besuchern sofort ins Gespräch.



Kein Ausstellungsteilnehmer wird an diesen beiden Tagen grossen Umsatz verbucht haben. Alle Märkte scheinen übersättigt zu sein. Zudem wird gespart, und das Handwerk ist ohnehin ein Auslaufmodell.

Noch einmal stand es hier im Mittelpunkt. Man trauert ihm nach, weiss aber, dass es nicht mehr rentabel betrieben werden kann. Und in manchen Belangen ist es überflüssig geworden. Ein gewisses Heimweh nach ihm war spürbar. In verschiedenen Gesprächen weckten der Ort und die Schätze der Ausstellenden weit zurückliegende Erfahrungen. Besonders in unserem Bereich mit Holz und in einem Museumsraum mit der Werkbank und den Werkzeugen des Küfers. Dadurch war man rasch in die eigene Jugend zurückversetzt.

Dass Vater oder Grossvater es zuliessen, dass Kinder erste handwerkliche Erfahrungen machen konnten, bedeutet ihnen viel. Dass sie im Umfeld der Grossen mitschaffen durften, machte sie stolz. Sie durften hämmern, sägen und in den Hobelspänen wühlen. So redeten Männer und Frauen aus meiner Generation.

Die ruhige Präsenzzeit nützten wir Ausstellende für Gespräche. Wir kannten einander nicht, hörten hier manche Lebensgeschichte und Schicksalsschläge beruflicher Art. Alles ganz ungezwungen, schlicht, ehrlich und demzufolge echt. 2 Tage genügten, um sich auf ein zufälliges Wiedersehen zu freuen.

Etliche Besucherinnen oder Besucher klagten über Schwindel, als sie bei uns oben ankamen. Der schräge Dachboden und das ungewohnt rudimentäre Gebälk irritierten. Die unbewusste Raumorientierung funktionierte plötzlich nicht mehr. Kein Wunder! Das Haus zum Kranz besteht seit 1506.

Am Tisch in der Grossmannstube rückten wir abwechslungsweise zusammen und löffelten eine Suppe oder tranken Kaffee. 2 fürsorgliche Frauen sorgten für Wärme und Gemütlichkeit. Ob die Wärme aus dem alten Kachelofen strömte, habe ich nicht überprüft. Hier war es einfach angenehm warm. Gewiss auch darum, weil wir mit unseren Gesprächen und den dazugehörigen Gesten selbst Wärme erzeugten.

Während unser Ausstellungsnachbar in den letzten 5 Ausstellungs-Minuten noch ein Bild verkaufen konnte, packten wir die verbliebenen Schätze wieder ein und rüsteten uns für den Heimweg. Im Militärrucksack fanden die meisten den entsprechenden Platz. Primo freute sich speziell, wie sich dieser immer noch als anpassungsfähiger Freund an seinen Rücken schmiegt.

Sonntag, 11. November 2012

Wo wir mit Menschen und Emotionen zusammentreffen

In war noch allein im Wartzimmer, als ein Mann eintraf, seinen Rucksack auf einen Stuhl fallen liess und wieder hinausging – Hoppla! Ich erwachte sofort aus meinem dösenden Wartezustand. Wahrgenommen hatte ich nur die polternden Schritte. Die Person sah ich noch nicht. Ob da ein Mann aus den Bergen angekommen war?

Kurz danach kam er erneut ins Wartzimmer. In feines Tuch gekleidet und in schweren, offensichtlich massgeschneiderten Schuhen gehend, erschien mir da eine starke Persönlichkeit. Mit einem Auftritt wie auf einer Bühne. Er trug eine markante Corbusier-Brille, setzt offenbar überall auf saubere Form und Qualität. Er ging zur Fensterfront hin, kam zurück, sprach mich an. Ob er den Vorhang zur Seite schieben dürfe, ob das Licht meine Augen nicht störe. Er wolle die Sicht in die Weite prüfen. Ich hatte nichts dagegen, als er auch das Fenster öffnen wollte. Erst jetzt bemerkte ich, dass er keine normale Brille, sondern jenes metallene Brillengestell aus dem Untersuchungsapparat trug, das für den Aufbau eines Brillenrezeptes benützt wird. Für meinen Fall wickelte sich seinerzeit alles sitzend ab.

Dann sprach der Mann einerseits vor sich hin, aber auch zu mir, dass es ihm zu schaffen mache, dass er nun eine Brille benötige. Eine, die ihm zur klaren Sicht in die Weite verhelfe. Also eine, die er nun bis ans Lebensende immer tragen müsse. Nicht mehr nur eine Lesebrille. Er zeigte mir mit einer Geste den Raum, in dem er Geschriebenes noch lesen könne. Dann erzählte er mir, wie viele farbige Lesebrillen er besitze.

In diesem Mann erkannte ich ein Temperament, das ich sofort verstand. Ein ähnliches lebt auch in mir. Wenn Zwängen nicht ausgewichen werden kann, baut sich im Innern ein beängstigender Druck auf, den ich in diesem Augenblick mitfühlte. Es verjagte ihn beinahe, empfand ich. Ich konnte aber nichts mehr dazu sagen, denn die Ärztin stand unter der Tür und rief: Frau Lorenzetti!

Am Abend berichtete ich beim Essen von diesem Erlebnis. Ich schilderte den Mann, den ich weiter nicht kannte und verglich ihn mit einem Kunden, für den Primo vor etwa 30 Jahren ein exklusives Möbel herstellen durfte.

Hin und wieder dachte ich noch an ihn, besonders in jenem Augenblick, als bei mir ein zu hoher Augendruck festgestellt wurde und für mich plötzlich auch Zwänge anstanden. Da habe ich mich ähnlich verhalten und Widerstand markiert. Und bin dann später doch der Vernunft gefolgt.

Nach ein paar Monaten sass ich mit Primo in einem Gasthaus, als ein Mann in Begleitung anderer hier eintrat und entfernt von uns Platz nahm. Primo sass mit dem Rücken zu ihm, sah ihn nicht. Kurz musterte ich ihn und er auch mich. Beide mögen sich in diesem Augenblick gefragt haben: Wer ist das? Die oder den kenne ich doch. Könnte es jener Mann aus dem Wartzimmer sein, fragte ich mich. Eigenartig, wie in solchen Situationen eine Art Lampe im eigenen Inneren aufleuchtet und die Frage erhellt.

Als wir gegessen hatten und bevor wir das Lokal verliessen, schauten wir einander nochmals an und dann sagte er unverhofft zu Primo: Sali!

Und in diesem Augenblick waren alle Fragen beantwortet. Er war derjenige, mit dem er verglichen worden war.

Sonntag, 28. Oktober 2012

Immer Ende Oktober wird das Thema Friedhof aktuell

Es mögen etwa 30 Jahre her sein, als 2 Journalisten der Tageszeitung Tages-Anzeiger im Zürcher Friedhof Sihlfeld übernachten wollten. Sie erhielten die Erlaubnis und schrieben danach über ihre Erfahrungen. Sie interessierten sich vor allem, was in der Geisterstunde von 24 Uhr bis 01 Uhr geschehe ...

Ihren Bericht habe ich nicht aufbewahrt. Ich erinnere mich wahrscheinlich nur darum an sie, weil ich damals hoffte, dass sie bedeutsame Erfahrungen machen und uns darüber berichten würden. Aber es gab nichts Aussergewöhnliches zu berichten. Es spukte nicht. Es ängstigte sie nichts. Vielleicht froren sie ein bisschen, und den Nachtlärm haben sie möglicherweise eine Zeit lang analysiert und mit andern Orten verglichen.


In jenen Jahren verstand ich den Friedhof weder als Park noch als Paradiesgarten. Er war für mich ein Ort der Toten, der Trauer, des Abschieds. Eher etwas Düsteres. Und ein Ort, wo sich vielleicht unerlöste Geister tummeln.

Meine aus Finnland stammende Schwägerin aber hatte ein ganz anderes Verhältnis zu diesem Ort. In der Nähe des erwähnten Friedhofs wohnend, war er ein Park, in dem sie ihr Kind spazieren fuhr. Das grosse Areal ist ein gesunder Lungenflügel unserer Stadt. Und ein Ort, wo sie zur Ruhe kommt.

Eines Tages beschloss ich, mich mit dem Friedhof anzufreunden. Ich nahm an allen Beerdigungen aus meinem Umfeld teil, wollte diesen Ort und die dazugehörigen Ordnungen kennenlernen. Ich wollte gerüstet sein, wenn mich dann einmal ein naher Tod erschüttern sollte. Das war ein vernünftiger Entscheid. Seither habe ich für verschiedene Verwandte die letzte Begleitung und ihren letzten Willen erfüllt. Und dadurch ist mir der Friedhof vertraut geworden. Ebenso sind es Grabmalarbeiten von meinem Ehemann Primo, deretwegen ich oft in Friedhöfe kam.

Weiter profitierte ich von Historikerinnen, die Friedhof-Rundgänge anboten und alte Gewohnheiten und Rituale erklären konnten. Immer auch in Bezug auf die Rolle der Frau.

Und heute schätze ich in erster Linie die wertvolle Arbeit von Grün Stadt Zürich. Sie hat in den letzten Jahrzehnten die früher strenge und zum Teil düstere Gartenarchitektur in einen Naturpark verwandelt. Der Tod hat hier nicht mehr das letzte Wort. Den Bäumen, Sträuchern, Wiesen und Blumen wird jetzt mehr Natürlichkeit zugestanden.

Ja, der Friedhof ist ein Ort voller Leben. Hier wirken Insekten und Kleinstlebewesen als Bodenverbesserer. Mäuse und Würmer leisten grosse Arbeit. Maulwürfe werden auch in diesem Gebiet den Boden lockern. Nachts mag der Fuchs seine Runden drehen.

Vögel bevölkern den grossen Baumbestand. Bienen, Wespen und Schmetterlinge bestäuben Blüten und sammeln Honig. Ihre Ernte wird im Friedhof Forum verkauft. Dieses wurde erst kürzlich im Friedhof Sihlfeld eröffnet. Es ist eine Stelle für alle Fragen zum Tod, dem Grabangebot und der Vorsorge für die Gestaltung der Beerdigung.

Über den Tod wurde noch nie gern gesprochen. Oft wird dieses Thema zu lange ausgegrenzt. Sicher ist aber, dass wir alle einmal sterben werden. Darum ist es sinnvoll, sich um einen würdigen Abschied zu kümmern. Und den Hinterbliebenen etwas Vorarbeit abzunehmen. Im Bereich des Friedhofs geht es vor allem um die Beerdigungsform, um den Entscheid fürs Erdgrab oder die Kremation, für ein Einzel- oder Gemeinschaftsgrab. Es geht auch weiter um die Wünsche für oder gegen eine religiöse Abdankungsfeier und später dann um das Grabmal.

Unter dem Titel „Verschieden bis zuletzt“ las ich zum Thema Gestaltungsspielraum für Grabmäler im Veranstaltungskalender des "Friedhof Forums", "dass es normal ist, verschieden zu sein – im Leben ebenso wie auf dem Friedhof."

Mein erster Besuch in diesem Forum hat Fragen beantwortet und Ideen zugelassen. Jetzt können wir als Eltern den Wunsch unserer Töchter erfüllen. Sie erwarten von uns klare Hinweise, wie unser Abschied gestaltet werden soll. Wäre ich alleinstehend, könnte ich meine Wünsche beim Friedhofamt hinterlegen. Es ist sogar möglich, eine CD mit einer zum Abschied passenden Lieblingsmusik abzugeben, und diese würde dann nach meinen Angaben abgespielt.

Im vergangenen Frühjahr erlebte ich erstmals eine Abschiedsfeier, die von 2 Fährfrauen geleitet worden ist. Sie nennen sich Fährfrauen, weil sie ihre Begleitung beim Ableben mit dem Fährdienst in einem Boot von einem Ufer ans andere vergleichen. Die Reise aus dem hiesigen Leben in die uns noch unbekannte Anderswelt. Im Internet erklären sie ihre Philosophie. www.faehrfrauen.ch.

Diese Abschiedsform, ohne Religion, wirkte sehr respektvoll, feinfühlig und war schlicht. Auch darüber lohnt es sich, noch nachzudenken.

Das Thema Tod und Friedhof ist Ende Oktober immer präsent. Eingeläutet wird es regelmässig durch Angebote, die jetzt wieder vor den Lebensmittelfilialen stehen. Da die Töpfe mit den kleinen Astern, dort die Windlichter, mit denen die Gräber zu Allerheiligen und Allerseelen geschmückt werden.

Für mich ist das Thema Friedhof auch sonst noch aktuell. Dieser Tage feierte ein Schreiner aus unserem Freundeskreis das Bestehen seiner 33-jährigen Schreinerei und lud zu einer Führung ein. Er demonstrierte die Herstellung von hölzernen Grabkreuzen, wie sie jede verstorbene Person fürs 1. Jahr erhält, sofern sie christlichen Glaubens ist.

Dieses Kreuz, mit dem Namen der verstorbenen Person versehen, dient dem Auffinden ihres Grabes. Ein Jahr lang versieht es diesen Dienst. Erst wenn sich die Erde gesenkt hat, kann ein Grabstein, auch wieder mit Namen und Daten, gesetzt werden.

Und in der ersten Novemberhälfte 2012 wird das Grab meiner Eltern aufgehoben. Ich besuchte es dieser Tage nochmals mit einer meiner Schwestern. Diese hätte die hölzerne Stele, die Primo seinerzeit geschaffen hat, gerne zu sich nach Hause genommen und in die Stube gestellt. Ich konnte ihr dann zeigen, dass das Holz, jetzt 26 Jahre im Freien stehend, vom Xylariapilz befallen ist. Nun wird es entsorgt. Vielleicht geschreddert und einer neuen Aufgabe zugeführt. Oder verheizt und spendet irgendwem Wärme. Das ist auch gut so.

Dienstag, 9. Oktober 2012

Dem offenen Fotoalbum entstiegen unsere Geschichten

Vor ein paar Wochen stellte unsere Tochter Letizia fest, dass es in ihrem Fotoalbum kein Hochzeitsbild von uns Eltern gebe. Kein Wunder, fügte sie gleich hinzu. Da war ich noch lange nicht auf der Welt. Ich konnte ihr den Wunsch erfüllen, fotografierte die ein halbes Jahrhundert alten Bilder und schickte sie ihr per E-Mail.
Und für mich gab das Album dann noch überraschende Funde preis. Es lagen in ihm die Rechnungen für das Hochzeitsessen und ebenso für die Autocarfahrt mit den Gästen.
Die grösste Überraschung aber bot ein amtlicher, an mich gerichteter Briefumschlag von der Einwohnerkontrolle der Stadt Zürich, per Nachnahme zugestellt. Kosten 65 Rappen. Aufgeklebte Briefmarken: 25 Rappen Porto.

Ich hatte dort nach dem Geburtsdatum jenes jungen Mannes gefragt, den ich dann auch heiratete. Ich wollte ihn an seinem Geburtstag überraschen. Durch meine kaufmännische Lehre war ich mit der Einwohnerkontrolle vertraut, musste dort von Zeit zu Zeit nach Adressen säumiger Kunden fragen, wenn diese wegen einer Adressänderung unerreichbar geworden waren.
Die Auskunft wurde mir auf dem Brief meiner Anfrage unverzüglich zugestellt. Mit dem roten Schreibmaschinenfarbband getippt ist zu lesen: Bericht: Obgenannter ist geboren am XY und Jahrgang. Hochachtungsvoll Einwohnerkontrolle der Stadt Zürich Adjunkt XY.

Der Anfrage hatte ich 60 Rappen in Briefmarken beigelegt. Die Bearbeitung hätte aber 1 Franken gekostet. Darum erreichte mich dann die Antwort per Nachnahme. Der vom Postboten eingezogene Betrag setzte sich aus den 40 Rappen, die bei den Briefmarken fehlten, und dem Porto (25 Rappen) für die Zustellung zusammen.

Das war ein richtiger Humorbeitrag. Ich war alleine, als ich die Dokumente entdeckte. Ich lachte herzhaft und auch dann wieder, als ich Primo davon erzählte. Ich lachte vor allem über mich selbst und wie ich im Leben alles, was mit Schreiben möglich war, mit Schreiben erreichte. Und unsere Töchter fragten sofort, wie denn das mit dem Datenschutz gewesen sei, damals, vor mehr als 50 Jahren? Hat man Dir diese Frage wirklich beantworten dürfen?

Diesen Datenschutz gab es in der heutigen Form noch nicht.

Und dann wunderten wir uns auch über diese kleinen Beträge, die man heute nicht einziehen würde, weil der Aufwand dafür zu gross wäre. Sie sehen kleinlich aus, doch müssen wir zu dieser Geschichte auch einen Monatslohn von damals kennen.

Vorab nenne ich noch die Kosten für eine Nachnahmesendung, wie sie heute verrechnet wird. CHF 18.– Grundgebühr. Die Höhe des einzuziehenden Betrages spielt für sie keine Rolle. Aber es muss noch das Brief- oder Paketporto dazu gerechnet werden.

Als ich die kaufmännische Lehre 1958 beendete, riet uns der Kaufmännische Verein, keine Stelle unter dem Mindestlohn von CHF 450. – anzutreten. Und heute: Im Internet fand ich die Angabe des Mindestlohns für das Jahr 2011: CHF 63 100.– Jahressalär = CHF 5258.– pro Monat.

Als wir 1962 heirateten, kostete uns das Hochzeitsessen für 17 Personen:

Mittagessen mit Wasser, Wein, Kaffee, 12 % Service und für die Entgegennahme eines Telegramms (50 Rappen) total CHF 179.90.

Im Verhältnis zu den bisher genannten Preisen empfinden wir die Autocarfahrt als ganztägige Begleitung rund um den Zürichsee und einem Abstecher ins Züricher Oberland mit CHF 216.– teuer. Aber solche Autofahrten waren früher wirklich mit einem Hauch Luxus umgeben.

Unsere Monatsmiete von damals CHF 75. – für eine 3- Zimmer-Wohnung in einem alten Haus.

Mit diesen Zahlen lässt sich auch belegen, dass ich in den ersten Monaten unserer Ehe Lebensmittel für einen Tag kaufen konnte, auch wenn keine Banknote im Portemonnaie lag. Plötzlich war das dann nicht mehr möglich.

Und meine Mutter hatte als Weberin in der Textilindustrie CHF 600.– für ihre Aussteuer erspart und wegen der Weltwirtschaftskrise anfangs der 1930er-Jahre alles verloren, weil die Sparkasse Bankrott ging. Erst jetzt begreife ich besser, wieviel Geld das bei den damaligen Verhältnissen bedeutete.

Und die eingangs erwähnten fotografierten Fotos inspirierten Letizia dann zu einer feinen Tischdekoration zur schlichten Feier unserer goldenen Hochzeit. Zu sehen bei machetwas.blogspot.com.



Die Enkelkinder lieferten dazu ebenfalls einen Beitrag. Sie malten Tischsets als Tellerunterlagen und liessen sie laminieren. Auf ihrer Reise nach Zürich kam die Sendung nur langsam voran. Sie erreichte mit nur einer Stunde Vorsprung die Zeit des festlichen Mittagessens bei Letizia. Ende gut, alles gut. Jene, die die Ankunft der Sendung sehnlichst erwartet hatten, konnten endlich wieder durchatmen.

Das war ein Etappenhalt. 50 Jahre gemeinsames Leben, von dem ich immer sage, Primo und ich seien 2 Ochsen vergleichbar, die denselben Karren ziehen. Geschichten stiegen auf. Freude und Dankbarkeit waren mit uns am Tisch. Ich konnte meiner Freundin, damals Trauzeugin, zeigen, welch feinsinnige Glückwünsche sie uns für den Hochzeitsglückwunsch aufgeschrieben hatte. „Wo habe ich diese Worte wohl abgeschrieben?" sinnierte sie. Und wir meinen, dass wir diesen Text wohl erst jetzt, nach 50 Jahren gemeinsamen Lebens, verstehen können. Und so lautet er:

Wenn du weniger bist, als ich dich denke,
und warum ich dich liebe,
dann muss ich dich umso mehr lieben
auf dass du wirst, wie ich dich dachte
und warum ich dich liebte.