Donnerstag, 25. August 2011

Paris (2): Zu Fuss unterwegs. Mena, unsere Reiseleiterin

„Wie sollen Eure Tage aussehen?“, fragte Felicitas nach unserer Ankunft. Mena notierte unsere Vorstellungen und die Wünsche der Kinder rechtsseitig auf einem grossen Papier. Der übrige Platz wurde in 9 Felder für 9 Tagebucheintragungen eingeteilt. Über Wünsche und Erfüllung sollten wir jederzeit Klarheit haben.
 
Die Kinder wünschten ein Picknick in einem Park, einen gemeinsamen Kinobesuch und ein Abendessen im Restaurant. Auch unsere Vorgaben wurden notiert. Wichtig für mich: Dass ich Felicitas endlich einmal „mein“ Quartier zeigen könne. Den Arbeitsort an der Rue de Vaugirard und den Wohnort an der Rue Saint Placide. Von den Kindern wünschte ich mir speziell, dass sie uns das zeigen können, was ihnen in ihrer Stadt gefällt.
 
Einmal haben wir die 9-jährige Mena als Stadtführerin engagiert. Sie begleitete uns zu Fuss von ihrem Zuhause im Umfeld der Metrostation Abbesses über Place Blanche zur Kirche Trinité und dem vorgelagerten Spielplatz, wo sie sich als kleines Kind gern vergnügte. Darauf wies sie hin. Sie war besorgt, dass wir die Strassen korrekt überquerten und schaltete an jedem Fussgängerübergang die Glocke für Blinde ein, die dann läutete, wenn die Ampel auf Grün schaltete. Wir haben immer gute Erfahrungen gemacht, auch mit den eigenen Kindern, wenn wir ihnen Verantwortung übergaben, im Hintergrund aber alles überwachten.
 
Als wir dann bei den grossen Boulevards eingetroffen waren, übernahm der Grossvater die Führung. Und wir landeten im berühmten Warenhaus Galeries Lafayette. Drinnen aber ging uns Mena voran. Wir durchwanderten jedes Geschoss, fuhren mit der Rolltreppe in die nächste Etage, betrachteten die Angebote aber nur so nebenbei. Uns drei interessierte der Baustil mit seinen kreisrunden Galerien, von denen wir in jedem Geschoss übers Geländer in die Tiefe schauen konnten. Mena bewunderte die Relikte an den alten Liften aus der Jugendstilzeit, und vor allem interessierte sie sich für die mit farbigen Gläsern ausstaffierte Kuppel. Wir kamen ihr ganz nahe und sahen ihre Konstruktion, die Verschraubungen und sahen auch, dass einige Gläser leicht verletzt sind. Die Rolltreppe führte dann aus einem Anbau nebenan noch höher, und von dort aus konnten wir sogar auf sie herunterschauen. Die höchstmögliche Aussicht war nun erreicht, und wir waren gleichzeitig in der Spielzeugabteilung gelandet.
 
Erschien uns Mena bisher älter als sie ist, wurde sie hier oben wieder ganz Kind. Sie verliebte sich in Kuscheltiere, betastete haptische Materialien, bestieg Schaukelpferde, setzte sich an Kinderklaviere und dirigierte eine Gokart-Bahn. Derweil entdeckten wir Grosseltern das enorm vielfältige Spielzeugangebot und besonders die jetzt gängigen Figuren von Barbie. Während sich Mena in diesem Kinderland irgendwie heimisch fühlte, realisierten Primo und ich, wie weit weg wir von ihm sind.

Nach dem Mittagessen und auf dem weiteren Weg – immer zu Fuss – trafen wir auf ein Strassen-Orchester und lauschten dort eine Zeit lang Vivaldis „Jahreszeiten“. Spannend auch für ein 9-jähriges Kind. Endlich landeten wir vor der Kirche Notre Dame. Dort wollten wir den Turm besteigen und Mena die steinerne Figur zeigen, in der Globi sich selbst erkannte. Globi ist ein Wesen zwischen Mensch und Papagei und die erfolgreichste Kinderbuchfigur der Schweiz. Wenn die Enkelkinder zu uns kommen, gehen sie jedesmal sofort zum Schrank, wo seine Bücher versorgt sind.
 
In der Geschichte „Globi erlebt Paris“ besuchte er ebenfalls den Turm von Notre Dame und erschrak, als er in einer Ecke der Balkonbrüstung eine dämonische Figur wahrnahm, die seinen Gesichtszügen ähnelte. Der Globi-Texter sah in dieser und anderen Figuren Wasserspeier. Aus meiner Sicht sind es vom Steinmetz erschaffene Figuren. Schimären, die das Böse erschrecken und das Heiligtum beschützen müssen. Als wir aber die unzähligen Menschen in der Warteschlange sahen, änderten wir das Programm. Von weit her sahen wir Globis Verwandte dann doch noch. Zusätzlich kaufte ich für Mena eine Postkarte mit einer Nahaufnahme von ihm.
 
Eindrücklich bleiben die vielen Menschen in Erinnerung, die Notre Dame besuchen wollten. Quer über den ganzen Vorplatz dieser weltberühmten Kathedrale stand man in der Schlange an. Niemand drängte vor. Dieser Ort strahlt eben aus. Die Menschen, die hieher kommen, fühlen rasch, dass die Atmosphäre einmalig ist. Alt und Jung wollen Notre Dame sehen und erleben. Das lange Warten wird akzeptiert. Bald einmal fühlt es sich sogar wohltuend an. Wartend vermischen sich Temperamente und persönliche Energien zu einem Fluidum, das heiter und friedlich stimmt. Das ist meine persönliche Erfahrung. Und davon sprechen auch Fotos, die ich hier schon vor Jahren aufgenommen habe.
 
Wir begleiteten Mena dann in den Square Johannes XXIII. an der rechten Seite der Kathedrale. Dort befindet sich ihre Lieblingsschaukel. Sie verfügt über ein höheres Gestell, eine längere Kette als üblich. Zum Schwung kann weiter ausgeholt werden. Mena kann nicht genug schaukeln. Hin und her, hinauf, hinunter, vom Diesseits ins Jenseits, scheint mir. Als sie ihren Platz einem Amerikaner abtrat, schaute sie bewundernd zu, wie er, ohne zu stoppen, aus dem Schwung absprang. Da wollte sie es ihm gleich tun und stürzte. Die Schürfungen waren nicht bedrohlich, aber der Schreck hing noch eine Weile an ihr. Sie hinkte, meinte, das Knie nicht mehr beugen zu dürfen.
Nicht lange, denn wir trafen auf einen Gaukler, der mit seinem Velo Kunststücke vollführte. Eine Attraktion löste die andere ab. Den Schlusspunkt bildete eine Glace, die auf der Promenade am Seineufer angeboten wurde. „Grosy, du wirst dich wundern“, sagte sie, als sie eine Kaffee-Glace wählte.
 
Diese überbrückte dann die Müdigkeit und den kleinen Schmerz. Gut gelaunt kamen wir nach Hause zurück.

Dienstag, 23. August 2011

Paris (1): Meditative Reise und Empfang im Gare de l'Est

Diesmal verlief vieles anders. Primos Beobachtung von früheren Reisen nach Paris wiederholte sich nicht sofort. Es hiess da, ich sei jedesmal ein anderer Mensch, wenn ich die Grenze zu Frankreich passiert habe. Quirliger, erlebnishungriger, lustiger. Dem riesigen Adler gleich, nach dem wir jeweils in Saint Louis ausschauen. Die mächtigen Flügel zum Abflug ausgebreitet, bewacht er das Museum für Gegenwartskunst im ehemaligen Weinlager von „Fernet Branca“. Und er stellt, auf der Weltkugel sitzend, das Logo dieser Firma dar. Eine imposante Erscheinung.
 
Abfliegen wollen und doch an einen Ort festgebunden sein, in solchem Spannungsfeld fühlte ich mich diesmal beim Grenzübergang. Wir hatten gerade bemerkt, dass Primo die Identitätskarte nicht auf sich trug. Wohl dachten wir ans Schengen-Abkommen, das die Grenzen in Europa öffnete, aber da kam doch die Grenzpolizei in unseren Bahnwagen. In stoische Ruhe versunken, fragten wir uns, was auf uns zukomme. Es wurde aber nur eine Person und deren Gepäck von 3 Grenzwächtern sorgfältig überprüft. Wir blieben unbehelligt, aber auch weiterhin still.
 
Nach Strasbourg führte die Reise im TGV-Hochgeschwindigkeitszug durch die Champagne. Diese Route ist neueren Datums und führt durch riesige Felder auf sanften Hügeln. Sie waren grösstenteils abgeerntet und zwischen den verbliebenen Getreidstorzen wuchs schon wieder zartes Grün. Einen solchen Farbteppich beige-silber-grün würde ich gern für meine Stube erwerben, wenn es ihn gäbe. Von solchen Bildern begleitet, erlebten wir die Reise meditativ. Nach 5 Stunden waren wir schon in Paris.
 
1958/59, als ich in Paris arbeitete, benötigte die Bahnreise ab Zürich noch 10 Stunden. Ich erinnere mich an Halte in grösseren Städten, wo den Reisenden auf rollenden Verkaufswagen vom Perron aus Zwischenverpflegung und sogar mit Kapok gefüllte Kissen angeboten wurden. Damals gehörten zum Reisen auch Zufallsbekanntschaften im selben Abteil und Gespräche mit ihnen. Heute schläft man in der Bahn. Die Landschaft wird kaum mehr bewusst wahrgenommen. Dies meine Erfahrung, auch in der Schweiz. Ausgenommen sind gut informierte Touristen, die wissen, wo die landschaftlichen Schönheiten zu erwarten sind.
 
Im Zug reiste auch eine japanische Reisegruppe. Die meisten schliefen. Der Reiseleiter sass mir gegenüber. Als er seine Papiere geordnet, alle Informationen verteilt hatte, zog er eine eng anliegende Brille aus Stoff über die Augen und tauchte ab in einen ruhigen Schlaf. Ich dachte auch Tage danach noch an diese Reisenden und frage mich jetzt wieder, wie man solche Monstertouren in fernste Länder und zu touristischen Höhenpunkten erträgt. Wie verkraften Herz und Kreislauf die ständig wechselnden Höhenunterschiede und die wechselnden Wettereinflüsse? Was kann überhaupt wahrgenommen werden?
 
Im Abteil uns gegenüber hatten sich eine Grossmutter, ihre Tochter und 2 Enkelkinder aus Basel eingerichtet. Die beiden Frauen strömten eine liebenswürdige Präsenz und auch Gelassenheit aus, die sich auf die Kinder übertrug. Das vielleicht 10-jährige Mädchen strickte an einem Schal, und der kleinere Bruder füllte Bilder in einem Malbuch aus. Es wurden Rätsel gelöst, Proviant gegessen, Fingerspiele gemacht und auch ein bisschen gedöst. Sobald aber die ersten Häuser der Pariser Banlieue sichtbar wurden, erwachten alle, auch die Reisenden aus Japan und das Mädchen von nebenan. Es fragte nach der Sprache in Paris: Ob sie frankrichisch heisse (aus dem Wort Frankreich abgeleitet). Solche Fragen gefallen mir.
 
Paris! Auch Primos und meine Lebensgeister erwachten. Das markante Häusermeer hiess uns willkommen. Ebenso unsere Tochter Felicitas und ihre Töchter. Mena und Nora schauten am Perroneingang nach uns aus. Als sie uns erkannten, rannten sie los, uns zu begrüssen und zu umarmen. Nora, 5-jährig, ist besonders dem Grossvater zugetan. Darum rief sie, schon während sie uns entgegenlief: „Dä Gropi isch für mich. Dä Gropi isch für mich“ (Der Grossvater sei für sie reserviert).
Nora sorgte auch sofort für einen Ersatz, als wir erzählten, dass Gropi die Schweizer Identitätskarte zu Hause liegen gelassen habe. Sofort stellte die 5-Jährige eine Ersatz-ID für ihn aus. Auf einem mit der Karte vergleichbar grossen Papier zeichnete sie das Porträt ihres Grossvaters. Die Fröhlichkeit in Person. Stimmt. Ich staune immer wieder, wie Kinder im Vorschulalter mit wenigen Strichen Stimmungen festhalten können. Hier das lustige Gesicht, das vom Wind aufgestellte Haar (man nannte ihn zeitweise Tintin), die grosse Nase, die ausgestreckten Arme und rund um ihn schwebende Kugeln, die als lustige Einfälle zu deuten sind.
 
Dieses Papier kam in die Brusttasche jedes Hemds, das er in Paris trug. Es erwies sich als wichtiger Datenträger. Auf der Rückseite vermerkte uns Felicitas ihre Telefonnummer, ihren Haustürcode, die Strasse und Hausnummer unserer Ferienwohnung und auch deren Haustürcode.
 
Nach 3 Tagen traf Primos ID im Original in Paris ein. Die in Zürich zurückgebliebene Tochter Letizia hatte dafür gesorgt. Dass wir von einander Haustürschlüssel besitzen, hat sich nicht zum ersten Mal als hilfreich erwiesen.

Dienstag, 2. August 2011

In Zürich singen die Vögel sogar im öffentlichen Bus

"Wenigstens einmal täglich sollten wir unsere Aufmerksamkeit nach innen richten." Dieses Dalai-Lama-Wort stand am 26.07.2011 auf meinem Kalenderblatt.
 
Als ich an jenem Tag im VBZ-Bus in die Innenstadt fuhr, waren wohl die meisten Fahrgäste drinnen, bei sich selbst. Zuhörend und in den Schwingungen eines Vogelgesangs schaukelnd. Und erfüllten, ohne es zu wissen, die buddhistische Vorgabe vom Abreisskalender.
 
Kaum war der Bus losgefahren, hörten wir Vögel singen. Ich fragte mich, wer diese hier so gut nachahmen könne. Beim Einsteigen war mir ein wackerer Mann aufgefallen, dem ich diese Kunst zutraute. Ein Weltreisender vielleicht. Mit Rucksack und Sombrero.
 
Möglichst unauffällig schaute ich nach hinten und beobachtete ihn. Er sass aber ganz ruhig da. Mehr noch, er schien in sich versunken. Er hörte zu. Nichts bewegte sich in seinem Gesicht. Sofort schied er als Imitator aus.
 
Der Gesang wiederholte sich. Kurz vor einer Haltestelle setzte er aus. Fuhr der Bus wieder los, ertönten auch die Vogelstimmen wieder. Niemand fragte, woher sie kämen. Wir hörten einfach zu. Sie hoben uns ab. Gedanken, die mich bis dahin umtrieben, verflüchtigten sich. So mag es auch anderen Fahrgästen ergangen sein. Es entstand eine friedliche Stimmung. Eine Art Andacht. Es wurde nicht gesprochen. Niemand stellte eine Frage. Den singenden Vögeln galt unsere ganze Aufmerksamkeit.
 
Ich fühlte mich in den Bergen. Dort werden Reisen im Postauto oft mit diskreter Musik begleitet.
 
Ich dachte auch an „unsere“ Amsel, die vor dem Eindunkeln ihr Abendlied singt. Dafür fliegt sie, ungefähr eine Stunde vor Sonnenuntergang, auf den First des Nachbarhauses, setzt sich dort an die Front, richtet sich ein, schaut aus, wartet auf den richtigen Augenblick und beginnt dann zu singen. Wir können sie vom Balkon aus beobachten und hören. Manchmal warten wir auf sie, manchmal ist sie es, die uns ruft. Immer ist das ein schöner Abschied vom Tag. Wir fragen uns, ob es ein Loblied sei. Eines für die anbrechende Nacht oder einen Dank an den vergangenen Tag?
 
Jetzt, bei bedecktem Himmel und Regenwetter, ist sie nicht erschienen. Ist das ihre Antwort an uns, sie singe nur für den Sonnenuntergang?

Samstag, 16. Juli 2011

Martigny: Die Rhône beugt das Knie oder den Ellbogen

Eine Erinnerung, die mich immer noch umtreibt. In der Primarschule erfuhr ich, dass der Fluss mit dem Namen Rhône im Umfeld von Martigny VS einen abrupten Richtungswechsel vollziehe. Anfänglich in der Richtung von Ost nach West fliessend, verlangt hier die Topographie einen Richtungswechsel nach Norden. Der Lehrer zeigte uns die markante Biegung auf einer grossen Landkarte. Er sprach von etwas Aussergewöhnlichem. Darum blieb es in mir haften. Vor allem auch wegen der Bezeichnung, die man diesem Ort gegeben hat: Rhôneknie.
 
Ich war schon etliche Jahre verheiratet, als wir auf einer Ferienreise in Martigny anhielten und versuchten, das Naturwunder zu sehen. Jahre später fuhren wir mit den Velos ab Oberwald im Goms durch das Rhônetal und machten selbstverständlich wieder Halt im Umfeld der einst römischen Stadt. Von Saillon und Fully herkommend, auf derselben rechten Flussseite wie beim ersten Besuch.
Und jetzt, das dritte Mal, fanden wir die Mitte dieses Naturphänomens, näher geht es nicht mehr.
 
Das Rhôneknie ist kein touristischer Ort, also still, geheimnisvoll, eine Überraschung, wenn er gefunden wird.
 
Diesmal verwischte die neue Zufahrt zur Autobahn unsere Erinnerung. Wir mussten den Weg zuerst suchen. Den markanten Taleinschnitt Richtung Genfersee vor Augen, gingen wir vorwärts. Wir kamen an einer grossen Aprikosenplantage vorbei und folgten der Pappelallee, einer Art Spalier für die dahinter kanalisierte La Dranse. Da wussten wir noch nicht, dass ihr Wasser in die Rhône mündet und dass wir den Zusammenfluss bald sehen würden.
 
Unser Fussweg führte uns unter der Autobahnbrücke hindurch und danach auf einem breiten Wanderweg auf der linken Flussseite weiter. Von weit her schon sah Primo weisses Wasser als eine Strömung quer zur La Dranse fliessen und ortete dort die Rhône, die wir suchten. Sie schien sich zu verstecken. Erst später bemerkten wir, dass wir die wild verwachsene Flussbettmauer als einen Ausläufer des Waldes am dahinterliegenden Abhang verstanden hatten. Sie ist von Gras, Bäumen und Sträuchern wild überwachsen und schirmte aus unserem Blickwinkel den Raum der Rhône ab. Je näher ich dem Zusammenfluss der beiden Wasser kam, desto mehr freute ich mich. Es bewegt mich jedes Mal, wenn ich an Orten stehe, wo sich Wasser vereinen. Hier treffen die milchig-weisse Rhône, die sich aus dem Rhônegletscher im äussersten Nordosten des Kantons Wallis ergiesst, mit dem Gebirgswasser aus drei Flüssen, der Dranse d'Entremont vom Col du Grand Saint Bernard, der Dranse de Bagne und der Dranse de Ferret zusammen.
Eine Zugabe für uns, schon bevor wir unser angestrebtes Ziel erreicht hatten. Ein Ort mit wohltätiger Energie, mit feinsten Schwingungen. Die Freude war mir ins Gesicht geschrieben, wie ich später aus Fotos lesen konnte. La Dranse führte wenig Wasser. Wir konnten in ihr Bett steigen und angeschwemmte Steine bewundern. Sie lagen in feinem, schillerndem Sand. Mit farbigen Adern, Mustern und Gesichtern, keines dem Anderen gleich. Aber alle beflügelten unsere Fantasie. Mitten im Flussbett lagen mächtige Gesteinsbrocken, und das Wasser sauste über sie hinab. In diesem Geröll hatte sich ein dünner, aber knorriger Baumast verfangen. Es sah aus, als würde hier gerade ein Kranich vorüberziehen. Er und die grossen Steine gaben dem begradigten Fluss mit seinen strengen Mauern etwas Liebliches zurück.
 
Und da lag auch ein Stück trockene Baumrinde, die zum Spielen animierte. Primo brach sie in 3 Teile. Wir warfen 2 von ihnen ins Wasser und schauten zu, wie sie sich forttragen liessen. Beide gaben sich den Strömen offensichtlich lustvoll hin. Locker wurde der Übergang vom einen ins andere Wasser geschafft. Dann ging die Reise auf der reissenden Rhône stürmisch weiter. Der dritten Borke verpasste Primo mit dem Sackmesser einen dünnen Ast und machte sie zu einem Segelschiff. Auch dieses wollte ebenfalls verreisen, eiferte den vorangegangen nach. Ich konnte es noch fotografieren, dann kenterte es, ging aber nicht unter. Solche Spiele haben oft etwas Magisches an sich, weil wir sie mit Fragen behängen. Hier unsere Lebensschiffe, haben sie noch einen weiten Weg vor sich oder gehen sie bald unter ...?


Wir blieben lange an diesem Ort, schauten auch auf das Wasser, wie es sich kräuselte, weil der bekannte Rhônetalwind vom Genfersee her den Fluss manchmal rückwärts schicken will. Ein Kräftespiel zwischen Luft und Wasser. Meine Haare standen zu Berge. Dieser Wind ist unerbittlich, frischt aber auf. Wir kennen ihn gut, hatten ihn auf der erwähnten Velotour als Gegenwind erlebt.
 
Nach diesem schönen Aufenthalt überquerten wir die Fussgängerbrücke über La Dranse, und schon waren wir am Rhôneufer angekommen. Jetzt wurden die Zusammenhänge klar. Von hier aus liefen wir wie der Wind dem Fluss entgegen. Konnten zuschauen, wie er um die Ecke pfeilt, wie sein Wasser diese hier erzwungene Biegung vollzieht. Sehr schwungvoll. Mit Lebensfreude vergleichbar. Und doch auch sich ins Unabänderliche fügend. Der Halt, den der pyramidenähnliche Berg bis hieher geben konnte, ist plötzlich verschwunden, ins Nichts aufgelöst. Doch nach dem Ausflippen in die Kurve kommt der Fluss zum Berg zurück, schmiegt sich erneut an ihn, jetzt einfach an einer anderen Seite.
 
Eine Geschichte von Jahrmillionen, stelle ich mir vor. Was sich hier alles vollzogen hat und was Menschen dazu beigetragen haben, dass wir die Rhône heute so sehen können, wie eben beschrieben, das weiss ich nicht.
Ich hatte mich schon gewundert, dass wir nirgends einen Hinweis auf dieses Naturereignis entdeckt hatten. Doch zum Finale unseres Besuches wurde er uns noch vorgesetzt. Am hölzernen Elektromast fanden sich zwei gelbe Wanderwegtafeln, je nach links und rechts weisend, um das ganze Umfeld einzubeziehen. Dazu die Angabe Coude du Rhône 460 M. Und da befanden wir uns erstmals im Herzen oder in der Mitte des Rhôneknies. Als ich die Tafel mit der Ortsbezeichnung fotografiert hatte, gab der Fotoapparat den Geist auf. Für alle hatte sich etwas vollendet.
 
Das Rhôneknie befindet sich in jenem Teil des Kantons Wallis, in dem französisch gesprochen wird. Dort reden sie vom coude (Ellbogen) und wir in der Deutschschweiz vom Knie der Rhône.

Donnerstag, 7. Juli 2011

Die SBB führen uns vom Ticketbezug am Schalter weg

Wir standen in der Schlange am SBB-Schalter in Zürich-Altstetten. 5 Personen. Anstatt einen 2. Schalter zu öffnen, kam eine Mitarbeiterin zu uns Wartenden hin und befragte jede Person nach ihren Wünschen. Die vor mir stehenden Männer und Frauen brauchten eine persönliche Beratung. Ich wurde gebeten, zu den Automaten ins Freie mitzukommen. Ich benötigte ZVV-Mehrfahrtenkarten, ebenso solche für den 9-Uhr-Pass.
 
Diese könnten auch am Automaten bezogen werden, erfuhr ich. Das wusste ich noch nicht. Die versierte SBB-Mitarbeiterin tippte meine Wünsche schnell in die Tasten, doch der Kasten akzeptierte meine Postcard nicht. Wir wechselten an einen anderen Apparat, und dort waren die Fahrkarten dann erhältlich. Die SBB-Mitarbeiterin hatte mir zwar jeden Schritt erklärt, damit ich mir die Abfolge einprägen könne, doch mir ging das alles viel zu schnell.
 
Ich empfand es in diesem Augenblick als eine Zumutung, dass man auch Kunden im Pensionsalter keine Billette mehr am Schalter verkaufen will. Das sprach ich auch aus. Vor dem Reiseantritt wolle ich keine Aufregungen mit Automaten. Sie hätte jetzt selber erlebt, dass die erste Variante nicht funktioniert habe, fügte ich bei.
 
Sie regte an, hier immer wieder zu üben. Dieser grundsätzlich richtige Rat überzeugte mich aber nicht. Hier ist so viel Leben. Die Automaten sind meistens besetzt. Wie kann ich da gemütlich üben? Die Unruhe um mich herum würde mich sofort bedrängen. Als ich diese Situation schilderte, meinte sie lakonisch: „Kommen sie doch am Sonntagmorgen, wenn die jungen Leute ausschlafen. Dann ist es hier ruhig.“ Dieses Gespräch fand im April 2011 statt. Seither habe ich da und dort von dieser Erfahrung erzählt, und immer hiess es eindringlich: Beschreibe das! Du musst das machen. Und dieser Rat für den Sonntagmorgen, hiess es übereinstimmend, er sei ungehörig.
 
Auch mich oder uns stört es, dass wir unsere Billetteinkäufe nicht mehr am Schalter tätigen sollen. Wir sind doch oft auf zusätzliche Informationen über eine Reiseroute, nicht nur auf eine Fahrkarte, angewiesen. Es fällt uns schwer, auf die vielen kleinen Dienste am Schalter zu verzichten. Es fehlt in meiner Generation der spielerische Umgang mit Automaten. Für uns sind manche Begriffe und Abfolgen fremd. Und Menschen mit Sehschwächen haben es ganz besonders schwer. Da können sich unerwartet Probleme einstellen, die nur ein Mitmensch lösen kann.
 
2 Monate später stand ich wieder in der Kolonne. Diesmal brauchte ich ein Billett ins Wallis. SBB und Postauto. Wieder das Szenario, dass eine SBB-Frau einzelne Personen aus der Schlange zu den Automaten herausholen wollte. Zuvorderst eine Italienerin, die nur vage Deutsch verstand und mit Gesten ausdrückte, hier am Schalter wolle sie bedient werden. Die 2. Frau wollte ein Abonnement mit Foto bestellen. Ihr wurde der Schalterbereich sofort zugestanden. Und dann wurde ich befragt. Ich wünsche ebenfalls Schalterbedienung. Man wolle mir am Automaten behilflich sein, hiess es. Ich wünsche Bedienung am Schalter. Die SBB-Frau war sichtlich enttäuscht. „Sagen sie es doch ihrem Chef, dass wir eine persönliche Bedienung wünschen.“ Auf diese Bitte reagierte sie dann hilflos: „Das nützt nichts.“
 
Die Frau in der Schlange vor mir kehrte sich um und stimmte mir zu, unterstützte mich. Sie sagte: „Man will offensichtlich Stellen abbauen.“ Und ich folgerte: Wie traurig, da müssen Angestellte ihr eigenes berufliches Grab schaufeln.
 
Als mein Mann und ich in Visp ein Billett nach Saint-Maurice kaufen wollten, sprach uns ein SBB-Mitarbeiter in orangefarbener Veste am Eingang in den Schalterbereich an. „Kann ich ihnen behilflich sein?" "Wir wollen ein Billett lösen.“ „Kommen sie mit!“ Wir gingen zusammen ins Freie an den Automaten, und der Helfer tippte unseren Wunsch ein. Er vergewisserte sich, ob wir nicht vielleicht nach St. Moritz reisen wollten und gestand freimütig, er wisse nicht einmal genau, wie Saint-Maurice geschrieben werde. Da half ihm dann der Computer mit dem Angebot an Varianten. Wir konnten den Ablauf gut verfolgen. Der Mann strahlte Ruhe aus. Er wollte uns auch nicht belehren. Er wollte uns offensichtlich nur zu einem Billett verhelfen.
 
Für meine Reise nach St. Gallen versuchte ich, ein Billett am Schalter im Zürcher Hauptbahnhof zu erhalten. Kein Problem. Nachdem ich bezahlt hatte, dankte ich, dass ich bedient worden sei. Warum? Mein Dank irritierte. Weil man jetzt offenbar schweizweit möglichst an die Automaten verwiesen werde. Aha! Und dann: „Also, wenn sie hieher kommen, bekommen sie ihr Billett.“
 
Neu ist im Hauptbahnhof die schlangenförmige Abschrankung vor den Schaltern. Wir müssen uns nicht mehr für eine einzelne Schlange entscheiden. Nur noch anstehen und zuvorderst dann überblicken, welcher Schalter soeben frei geworden ist. Einladend wirkt die Leuchtschrift über den offenen Schaltern: WILLKOMMEN WELCOME.
 
Ich beobachtete, dass der Willkommensgruss ausgeschaltet wird, wenn der letzte Kunde, der bedient werden soll, eingetroffen ist. Ich beobachtete einen Mann, der etwas aufmüpfig und seiner Übersicht sicher rief: „Immer etwas Neues lernen!“ und dann vor einem Schalter eintraf, der kurz zuvor geschlossen worden war. Da stand er dann vor der Tafel „Schalter geschlossen“. Wichtig ist also das leuchtende Wort WILLKOMMEN. Es bedeutet: Schalter geöffnet.
 
In Saint-Maurice gelang es uns, am Automaten Zusatzbillette Visp‒Brig zu lösen. Bedingung für Deutschschweizer: Französisch verstehen. Hilfreich war die Ruhe an diesem Ort. Es warteten keine nervösen Menschen hinter uns. Ein gutes Erlebnis, auf dem wir aufbauen können.
 
Nach den beschriebenen Erlebnissen wirkte der Beitrag „Nie mehr an ein Bahnticket denken“ auf mich wie ein Magnet. Im Tages-Anzeiger vom Samstag, 02.07.2011 wurde informiert, dass ein elektronisches Ticket in den öffentlichen Verkehrsmitteln der Schweiz die heutigen Billette und Abonnemente ablösen soll. Universell verwendbar, hiess es und über Funk kontrollierbar.
 
Erste Schritte sind nach diesem Bericht 2014 zu erwarten.
 
Nach meinen erwähnten Erfahrungen kann ich mich über eine solche Revolution freuen. Mich beschäftigt jetzt nur eine Frage: Wie bekommt es unserem Nervensystem, wenn die Chipkarte in unseren Jacken- oder Hosentaschen täglich beim Ein- und Aussteigen vom Funk aus der Ruhe geweckt wird?

Dienstag, 21. Juni 2011

Das blutunterlaufene Auge irritierte und zog Blicke auf sich

Die Sicht war nicht beeinträchtigt, obwohl das Auge violettrot blutunterlaufen war. Deshalb vielleicht habe ich keine Brille aufgesetzt und bin auch Tram, S-Bahn und Bus gefahren. Das Verbot, bis zur Heilung nicht Velo zu fahren, das halte ich ein.
 
Es schauten mich viele Leute kritisch an. Die meisten stellten freimütig Fragen, wollten wissen, was geschehen sei. Eine Frau wechselte sogar die Strassenseite, um mich genauer zu betrachten, als sie mich daherkommen sah. Wir leben im selben Umfeld, grüssten uns bisher nur. Das geplatzte Blutäderchen hat uns nun zu einem richtigen Kontakt zusammengeführt.
 
Ich erzählte der Augenärztin, wie mitfühlend ich überall behandelt werde und erfuhr, dass mein Fall zwar erschrecke, aber heilbar sei. Ich befände mich auf der besseren Seite. Die wirklich gravierenden Augenleiden sähe man nicht und beurteile sie deshalb falsch. Da könne eine Person das Gegenüber nur noch schemenhaft erfassen und grüsse deshalb nicht mehr. Und schon werde ihr das falsch und als Beleidigung ausgelegt.
 
Es gab auch Leute, mit denen ich verabredet war und die, als sie mich grüssten, nicht bemerkten, dass sie von 2 ganz verschiedenen Augen angeschaut worden sind. Erst eine Weile später und mit etwas Distanz zu mir, riefen beide: Ui-ui! Was ist denn da passiert?
 
In der S-Bahn im Hauptverkehr am Abend zwischen 17 und 18 Uhr störte es eine Frau, dass ihre papierene Tragtasche, die am Boden stand, von einer vorbeigehenden Person gestreift worden war. Vielleicht war da etwas Zerbrechliches drin. Empört schaute sie zu mir auf, wollte vielleicht meine Zustimmung und erschreckte gleich nochmals. Dieses Auge! Entsetzt wandte sie sich ab. Auf der weiteren Fahrt ignorierte sie mich konsequent. Wäre nicht das Gedränge im Zug gewesen, ich hätte sie angesprochen. Doch das war hier unpassend.
 
Ich beobachtete auch, wie Männer mein blutendes Auge betrachteten. Wie ein Arzt, wie um eine Diagnose zu stellen. Sehr aufmerksam, sehr kritisch. Ohne Scheu. Schauen und wegschauen, immer wieder. Es kam mir vor, als ob sie mein Auge fotografieren oder einscannen wollten. Im gegenüberliegenden Coupé der S-Bahn sitzend, war das gut möglich. Von ihnen kam keine Reaktion. Für sie war es vielleicht ein Rätsel, was meinem Auge fehle, und dem wollten sie nachgehen. Ebenso verhielt sich der Stift (Lehrling) vom Format eines Familienoberhauptes, der im Lebensmittelgeschäft an der Kasse sitzt. Fast unanständig lange schaute er mein Auge an und ich war danach stolz, dass ich diesen unverfrorenen Blick ausgehalten habe.
 
Ebenfalls an der Kasse des gleichen Ladens, aber an einem anderen Tag, wusste die junge und quirlige Südländerin sofort, was mir geschehen war. Sie nannte gleich ein Medikament, das ihr schon mehrmals geholfen habe, diese Blutaustritte zu stoppen. Es sei ein natürliches Produkt, ohne Rezept erhältlich, pries sie es an.
 
Im Bahnhof Zürich-Altstetten wollte ich ein Billett kaufen. Noch bevor ich meinen Wunsch aussprechen konnte, sah ich, wie mein Auge die Frau am Schalter elektrisierte. Bevor sie meine Bestellung hören wollte, musste ich erzählen, was mir geschehen sei. Dann berichtete sie, dass sie vor Jahren eine schwere Augenverletzung erlitten habe. 2 Mal sei das Auge operiert worden. Eine furchtbare Leidenszeit. Die ganze Geschichte sei sofort hochgekommen, als sie mich gesehen habe. Sie hätte gedacht: Oh die arme Frau, jetzt muss sie das alles, was ich erlebt habe, auch erleiden.
 
Alle diese Fragen und die Aufmerksamkeit um mein verfärbtes Auge haben mir bewiesen, dass in unserer Stadt viele einfühlsame und hilfsbereite Menschen unterwegs sind. Es war nicht eine billige Neugierde. Manche fragten nach meinem Befund, um herauszufinden, was geschehen sei, wie man mir helfen könne.
 
Ihnen danke ich allen. Solche Erfahrung ist neu für mich.

Sonntag, 5. Juni 2011

Der Marktstand unserer Vorfahren ist immer noch populär

Früchte- und Gemüsemärkte sind beliebt. Sie bringen Farbe auf Plätze und vor alte Mauern. Sie erfrischen einen Ort, machen ihn festlich.
 
Dahin war ich unterwegs. Nach Wipkingen an den Röschibachplatz, wo die Tochter Letizia an einem solchen Samstagsmarkt mitarbeitet. Sie empfindet diesen Arbeitsplatz als Bühne in ihrem Leben, wo sie plaudern, spassen und gute Produkte verkaufen kann.
 
Ich fuhr mit dem Velo kurz nach 6 Uhr von zu Hause weg und hoffte, zuschauen zu können, wie der Stand aufgestellt, Gemüse und Früchte angeliefert werden. Zu spät! Der Lastwagen mit den Produkten ab Hof und den zusätzlichen Einkäufen in der Gemüsezentrale war schon da gewesen. Wackere Männer transportieren diese Ware und stellen auch die Stände auf.
 
Als ich mit Letizia am Röschibachplatz eintraf, war die Fuhre schon zu 2/3 ausgelegt. Ihre Kollegin hatte die Lieferung vor einer Stunde entgegennehmen können. Jetzt mussten nur noch die schweren Kartoffel- und Gemüsekisten an der Rückwand des Standes in Schienen eingehängt und die Palette versorgt werden. Diese hatten dazu gedient, das Transportgut vom Lastauto ins Umfeld des Standes zu kutschieren. Letizia widmete sich danach den Blumen, löste sie aus den Verpackungen, sortierte sie nach Farben in verschiedene Behälter, für die sie vorher vom Dorfbrunnen entsprechend Wasser herbeigeschleppt hatte. Wer hier arbeitet, kann zupacken, kann Lasten tragen, ist nicht zimperlich.
 
Es mussten auch noch die Preisschilder mit der Liste der aktuellen Preise verglichen und angeglichen werden.
 
Das Angebot ist immer vielfältig. Frische Produkte, farbenfroh, gesund und zum Kochen einladend. Gemüse, Salate, Früchte, auch solche aus dem Süden. Und schon Erdbeeren aus der Schweiz. Ebenso im Angebot zu finden: Brote, Zöpfe, Wecken, Freilandeier vom eigenen Hof und oftmals auch Käse aus dem Gotthard-Gebiet. Im Sommer werden hier Heidelbeeren von der Göscheneralp verkauft.
Ein Marktbesuch ist mehr als alltägliches Einkaufen. Eine Spur Gemütlichkeit gehört dazu. Der Gang zu ihm hin kann ein Spaziergang werden. Mit zufälligen Kontakten. Man trifft sich auf diesem Dorfplatz oder im Café Nordbrücke, das kürzlich vor dem Untergang gerettet worden ist. Das markante Gebäude im Rücken des Gemüsestandes stammt aus dem Jahr 1894 und gibt dem Ort einen ganz speziellen Charme. Und nebenan befindet sich der Bahnhof Wipkingen, ebenfalls mit einem markanten Gebäude. Dieses aus den 1930er-Jahren.
 
Es war noch nicht 8 Uhr geworden, als schon erste Kundschaft eintraf. Letizia machte mich auf 3 Personen aufmerksam, die schlurfend und schwankend daherkamen. Erschöpft vom Partyleben. Nach einer wilden Nacht sich mühsam vorwärts schleppend. Der Mann trug seine Frau oder Freundin auf den Schultern. Eine 2. Frau ging hinter ihnen her. Sie stillten ihren Hunger mit weichen Broten vom Stand. Letizia erzählte, dass solche Kundschaft auch zum Markt gehöre. Leute auf dem Heimweg, direkt aus den Clubs, fänden hier den ersten offenen Laden, um ihren Hunger, auch nach Vitaminen, zu stillen.
 
Danach verabschiedete ich mich. Vom Herumstehen war mir kalt geworden, während die beiden Frauen ihre Strickjacken schon längst weggelegt hatten. Die Vorarbeit hatte sie in Schwung gebracht. Mithelfen konnte ich nicht. Ich hätte ihnen höchstens im Weg gestanden. Alle Bewegungen sind eingeschliffen, ihre Freude an der Arbeit darin sichtbar. Beide tragen italienisches Temperament in sich. Das strahlt aus.
 
Ich hatte schon viele Geschichten gehört und die Begeisterung an dieser Arbeit bemerkt. Was wir als Konsumenten sehen und schätzen, ist aber nur die Vorderseite oder das Gegenwärtige. Zum Erfolg gehört auch eine immense Vorarbeit. Einerseits der Anbau, das Wachstum, die Ernte. Oder in den frühesten Morgenstunden der Einkauf in der Gemüsezentrale und später nach Marktschluss die Rücknahme und Weiterverteilung an Gaststätten oder Institutionen.
 
Ich bewundere den Unternehmergeist, die Risikofreude und alle, die in diesen Prozessen ihre Talente einbringen und mit Herzblut zusammenarbeiten. Die nicht müde werden, auch schwierige Kunden zu beraten und freundlich zu bedienen. Wie überall, gibt es am Marktstand auch die knauserigen und unentschlossenen Menschen und solche, die den Verkäuferinnen ihr Herz ausschütten. Am meisten wundert man sich am Stand über das andernorts verlorene saisonale Wissen, was wann geerntet werden kann.
 
Wie ich gehört habe, bekommen Kinder ein Rüebli (Karotte) geschenkt. Einige knabbern dieses sofort an, andere wünschen, dass die Mutter es schäle und wieder andere springen zum Brunnen, um es zu waschen. Einmal, so erzählte Letizia, seien 2 Buben mit ihrem Vater zum Einkaufen gekommen. Sie hätte ihnen je ein Rüebli geschenkt. Später kamen sie in Begleitung der Mutter. Dabei übersahen die Verkäuferinnen die Kinder. Darum wurden sie nicht beschenkt. Seither wollen sie nur noch mit dem Vater Gemüse einkaufen.
 
Letizia erzählte auch von einem Kind, das an den Stand gekommen sei und den Bestellzettel hinstreckte. Es hatte jedes Gemüse, jeden Salat und jede Frucht gut erkennbar gezeichnet und davor die gewünschte Anzahl geschrieben. Beeindruckend schön. Hoffentlich hat die Mutter diese Zeichnung für später aufgehoben.
 
An diesem Morgen, als ich dastand und zuschaute, erinnerte ich mich auf einmal an meinen Vater, der ebenfalls einen Gemüsehandel aufgezogen hatte, aber wegen des Ausbruchs des 2. Weltkrieges und dem befohlenen mehrmonatigen Militärdienst wieder aufgeben musste.
 
Als Erinnerung daran baute er dann später für meine 2 Jahre jüngere Schwester und für mich einen Marktstand zum Spielen in der Art, wie er in Wipkingen jeweils am Samstag zu sehen ist. Mit Kistchen aus Sperrholz und ebenfalls blau-weissem Stoffdach. Das Weiss am Dach in Wipkingen ist aber schon lange zu Grau mutiert.
 
Für alle, die sich für Wipkingens Geschichte interessieren, verweise ich auf die Homepage www.wipkingen.net
Historische Bilder“ und „Historische Geschichten“ sind besonders interessant und spannend.
 
Wipkingen war einmal ein eigenständiges Dorf. Es wurde 1893 von der Stadt Zürich eingemeindet.

Mittwoch, 25. Mai 2011

Erstaunlich, wie das Mittelalterfest in Zürich auch diesmal wieder wie ein Magnet wirkte. Wir verdanken es den Frauen, genau gesagt der Gesellschaft Fraumünster*, die mit diesem Spectaculum der Stadt Zürich alle 3 Jahre ein Stück kultureller Vergangenheit vorführt.
 
Als ich Primo am Tag danach fragte, was ihm an diesem Fest wieder besonders gefallen habe, nannte er gleich alle Handwerker, vorab den Schmied, dessen Mitarbeiter Kinder anleiteten, Nägel zu schmieden. Ausgestattet mit Schutzbrille und Lederschürze, wurde gehämmert „wie die Grossen“.
 
Pong-pong! Pong-pong! Gli-gli-gli-gling! So tönte es, als der Meister schmiedete. Dumpf, wenn auf glühendes Eisenstück geschlagen wurde, hell dazwischen die Leerschläge auf den Ambos. Eine Art Tanz mit dem Hammer: Sehr konzentriert, gespannt, auch gehetzt, um den glühenden Zustand des Eisens auszunützen. Kein Schlag zu wenig, keiner zu viel. Wir verfolgten auch, wie ein Hufeisen geformt wurde. Gearbeitet wurde an diesem Tag in einem offenen Zelt im Freien. Hier entwichen Rauch und Hitze, anders als in der Schmiede, wo sie als Werkstattatmosphäre festsitzen. An einem Stand nebenan wurde uns noch gezeigt, wie Blech mit einem Schaleneisen zu einem Helm getrieben wird.
 
Das bunte Programm historischer Marktfahrer umfasste verschiedene Berufe und Produkte: Ledergerber/Lederverarbeiter, Buchdrucker/Buchbinder, Drechsler, Pfeilbogenhersteller, Kalligraph, Strohflechterinnen mit Hutangebot, Kräuter und Salben nach Rezepten aus der Fraumünsterabtei. Ich kaufte Ringelblumensalbe und wie letztes Mal „Fraumünster-Wundertee“. Die Kräutermischung behagt mir. Ich verwende sie aber nicht als Tee. In offenen Schalen aufgestellt, bestimmt sie unser Raumklima mit.
 
An den Stand der Seifensiederin Irene Lienemann haben mich die starken Lavendeldüfte hingezogen. Hier gefiel mir das ganze Angebot. Ich kaufte handgefertigte Seifen, Lavendelblüten und Lavendelhydrolat, das Nebenprodukt aus der Wasserdampf-Destillation. Davon bin ich jetzt ganz angetan. Als beruhigender Badezusatz, als Gesichtswasser und zum Ausreiben der Küchenkästen geeignet, weil der Lavendelduft Insekten abwehre, erklärte sie mir. Ihre Homepage ist vermutlich nicht nur für mich sehr lehrreich** .
 
Wir erfreuten uns an mittelalterlichen Tänzen, an Musik, an den schlichten Kleidern aus natürlichen Materialien, an den Spielen, den Gauklern und an den vielen Besuchenden dieses Markts, die sich ebenfalls begeistern liessen. Wir schauten Kindern zu, die Stahlkugeln warfen, um Eier zu treffen. Ein Vorläufer des Riesenrads von heute faszinierte auch. In der Art des hölzernen Brückenbaus geschaffen. Für Kinder. Von Hand angetrieben. Allerliebst.
 
Als wir den Münsterhof verlassen hatten, bemerkten wir, dass im Kreuzgang des Fraumünsters mittelalterlich gekleidete Menschen herumstanden. Hier verstärkte sich noch der Eindruck von vorher, dass wir in eine sehr weit zurückliegende Zeit eingetaucht waren. Nicht in Form eines Theaterbesuches, sondern genau so, wie wenn wir zu dem, was hier gezeigt werden wollte, dazu gehörten. Als Einwohner von Zürich, die sich ebenfalls in die Stadt begeben hatten und auf diese Leute stiessen. Sie trugen vornehme Kleider aus alter Zeit, bewegten sich aber nicht als Figuren. Sie hielten keine Monologe, zeigten kein Theater. Einzelne unterhielten sich locker. Wie ich später feststellte, war aber doch ein Spiel gerade beendet worden. Ein Schachspiel, in dem Menschen als Figuren eingesetzt worden sind. Am Rücken waren sie bezeichnet, welche Schachfigur sie darstellten. Primo zeigte sofort auf den Boden mit den Einteilungen des Schachbretts. Wir bemerkten auch den Hochsitz, von dem aus befohlen werden kann, wohin sich eine Figur begeben muss. Aber jetzt wurde nicht gespielt. Wir störten nicht, betraten auch das Schachfeld nicht.
 
Wir gingen seitlich vorwärts. Wohl hatte ich vorher ein paar vorwurfsvolle Blicke einer leitenden Person aufgefangen. Sie schickte uns aber nicht zurück, liess uns gnädig passieren.
 
Wir wurden zu einer abgemachten Zeit in der Altstadt auf der anderen Limmatseite erwartet. Darum benützten wir diesen üblicherweise zweiseitig zugänglichen Kreuzgang als kürzesten Weg. Doch am Gittertor wurden wir noch angehalten. Dort stand ein mittelalterlicher Bettler. Er hielt seinen Filzhut hin und jammerte erbarmungswürdig. Primo stülpte sofort seine beiden Hosentaschen um und hielt sie je mit einer Hand fest, damit er sehen könne, dass auch er sehr arm sei, nichts auf sich trage. Es folgte ein gegenseitig humorvolles Lamento, so lange, bis ich mein Portemonnaie ausgegraben und dem armen Mann einen Batzen in den Hut geworfen hatte. Er bedankte sich artig, und wir konnten weitergehen.
 
Dann bemerkte ich, dass wir einen Augenblick zum Spiel gehört hatten. Ich schaute in schmunzelnde Gesichter. Man schaute uns nach. Unsere Rollen, die sich am Tor ergeben haben, stimmen mit uns überein. Primo ist derjenige, der die Mitmenschen mit seinem Wesen und seiner künstlerischen Leistungen unterhält, und ich sorge dafür, dass alle, die für uns arbeiten, ihren Lohn bekommen.
 
Das Spiel mit dem Bettler hat Spass gemacht. Und wirkt noch nach, wie ein Blick in den Spiegel.
 
Hinweise
* Fraumünstergesellschaft Zürich. www.fraumuenstergesellschaft.ch
** Seifensieden. www.kraeuterseife.ch

Sonntag, 22. Mai 2011

Ohne Garten: Pflanzen aus den Balkonblumen-Kisten

Schon im März dieses Jahres richtete ich die Blumenkisten auf dem Balkon neu ein. Obwohl ich zuvor gelesen hatte, dass die Erde in solchen Behältern jedes Jahr ausgetauscht werden müssse, brachte ich es nicht übers Herz. Ich hatte den Inhalt auf den Boden gestürzt und sah die Verflechtungen der vielen Wurzeln. Die Erde sah aus, als ob sie zu einem grossen Keks gebacken worden wäre. In diesem überwinterten zähe Ableger verblühter Blumen und Gräser. Eindrücklich, wie sie sich in offensichtlich guter Zusammenarbeit arrangiert hatten.
Ich trennte etwa die Hälfte des kompakten Erdreiches weg, lockerte den Rest und füllte mit der speziellen Erde für Balkonkisten auf. Vergissmeinnicht, Akelei und Nachtkerzen, die 2 Frühlinge beanspruchen, um ihre Blüten zu entfalten, hatte ich sorgfältig herausgelöst und setzte sie in neuer Erde wieder ein. Den dicken Farnstamm griff ich nicht an, liess ihm seinen angestammten Platz. Er dankte es mir und schickte bald danach seine kleinen Kinder ebenfalls in die Welt.
 
Wenn ich jetzt auf dem Balkon sitze, sehe ich sowohl auf die Erde als auch auf jedes Pflänzchen, das sie hervorbringt. Sofort. Kaum hat es den Durchbruch ans Licht geschafft, kann ich es sehen. Diesen Blick habe ich nicht, wenn ich von oben herab auf meine „Wiese“ blicke. Es werden hier alle Gräser geduldet. Sie müssen keine Blüten hervorbringen. Wir freuen uns schon, dass sie die strenge Gerade der Balkonarchitektur auflockern.
 
Jetzt gerade beschäftigen sich mehrere Akelei-Stämme mit der Samenproduktion. Auch im nächsten Jahr wollen ihre Nachkommen hier aufwachsen. Diese Pflanze brachten wir vor etwa 20 Jahren aus dem Jura nach Zürich. Wir hatten sie auf dem „Schni“ in Rocourt (Kanton Jura) gefunden. Auf einem offenen Kehrichtberg, wie solche damals auf dem Land noch zulässig waren. „Schni“ steht für das französische Wort „chenil“, das aber „ch'ni“ ausgesprochen wird. Es bedeute „Hundezwinger“, erklärte mir ein Romanist, und daraus sei der Sinn von einem dreckigen, schmutzigen Raum oder eben von einem Abfallberg entstanden.
 
Es blühten gerade mehrere Nachkommen dieser Akelei, als uns Alex und Marianne hier besuchten. Es berührte sie sehr, dass dies Nachkommen der Akelei aus Rocourt seien, denn sie waren dabei gewesen, als wir sie ausgegraben hatten. Die beiden haben uns damals den Jura und seine Schönheit erschlossen. Nur weil wir diese Blume auf einem Abfallberg entdeckten, nahmen wir sie mit. Damals war sie nach unserem Wissen geschützt. Heute findet sie sich in manchen Gärten.
 
Und bald werden die Nachtkerzen, die sich in unseren Blumenkisten ebenfalls wohlfühlen, wieder jeden Abend aufgehen. Dies ist für uns die einzige Pflanze, der wir zuschauen können, wie sie sich öffnet. Immer zur Zeit des Sonnenuntergangs. Dann verströmt sie noch einen feinen Vanille ähnlichen Duft und dieser lockt dann sofort Nachtschwärmer herbei.
 
Die Nachtkerzen zeigen uns viel Kraft, wenn sie ihre Blätter wie ein Regenschirm öffnen. Normalerweise ist Wachstum ein sehr langsamer und für unsere Augen nicht sichtbarer Prozess. Die Nachtkerzen gehören zu den Ausnahmen. Sie dürfen uns diesen in beschleunigter Form aufzeigen. Und ihre Blumen, die aufspringen, sind für mich Zeichen von etwas Reifgewordenem. Etwas das Form bekommen hat und lebensfähig geworden ist. Vergleichbar auch mit der Geburt eines Kindes.
 
Wenn die Sonne am Untergehen ist, trägt sie die Erfahrungen des Tages in sich und somit in die Vergangenheit. Das Licht strahlt nochmals alle und alles an. Es ist eine Art Verklärung, die da stattfindet. Nie leuchten die Farben der Blumen so intensiv wie in diesen letzten lichtvollen Augenblicken. Alle Stunden des Tages sind jetzt gelebt. Es beginnt der Rückzug und das Zurechtkommen in der Nacht, im Übergang zu einem neuen Tag. Im übertragenen Sinne ist es der Augenblick des Alters, wo wir uns der Lebenserfahrungen bewusst werden.
 
In Norwegen habe ich ein Bild von Edvard Munch gesehen, das diese Erfahrung festhält. Munch hat sie zeitlich etwas später angesetzt. Von seinem Himmel leuchten schon die Sterne. Er nennt das Bild auch „Stjernenatt“ (Sternennacht).
 
2 Personen überblicken aus einer Anhöhe diesen Abschied. Das Sonnenuntergangsrot leuchtet noch. Es verliert sich in lindem Grün, bevor es von der blauen Stunde aufgesogen wird. In den Häusern der Stadt ist das Licht angezündet, und dieses trägt zur Stimmung des Augenblicks bei. Aber: Wer sich dort drinnen aufhält, wird die Sterne nicht sehen. Munchs Blick ist ergreifend. Licht, Farben und Dunkel setzte er so zusammen, dass wir in diese Abenddämmerung hineingezogen werden. So sah ich vielmals den Abend erlöschen, als wir noch im Bernoulli-Haus lebten und die Sommerarbende im Garten verbrachten.
 
Ich freue mich schon auf die Nachtkerzen, die erfahrungsgemäss ungefähr auf den längsten Tag hin erblühen. Ihnen dann wieder zuzuschauen, wird gut tun. Es sind jeweils Augenblicke, die uns abheben, uns mitnehmen in den zeitlosen Raum unserer geheimnisvollen Welt.

Sonntag, 8. Mai 2011

Ein schwarzer Abfallsack und Briefpost geben Rätsel auf

Ein schwarzer Plastiksack störte mich. Wie tot lag er am Abhang vor meinem Bürofenster. Er flog nicht fort, bewegte sich nicht. Den wollte ich hereinholen. Auf dem Weg hinter das Haus fand ich dann zusätzlich noch Papiertaschentücher, Fetzen einer Schokoladeverpackung und 2 Stimmrechts-Couverts für die nächste Abstimmung. Es sah so aus, als ob ein Papierkorb über einen Balkon herunter entleert worden sei. Die angeschriebenen Personen mit ausländischen Namen wohnen aber nicht hier.
 
Zuerst wollte ich die noch verschlossenen Couverts wieder der Post übergeben, entschloss mich dann, die Sendungen den Adressaten gleich selber wieder zuzustellen. Als ehemalige Postbotin konnte ich gar nicht anders reagieren.
 
Und wir hatten es schon als Kinder gelernt, keine Fetzen herumliegen zu lassen. In der Primarschule wachte der Abwart in der Pause auf seine Ordnung. Liessen wir Abfälle einfach fallen, pfiff er und das hiess: „Fötzeln“. Anstatt die Pause zu geniessen, mussten wir den Schulhof säubern. Interessant, wie sich die Erinnerung daran sofort meldete.
 
Für mich ist die Aufgabe nun erfüllt. Und für die Personen, die an jenem Abend ihre Stimmrechts-Umschläge erneut vorfanden?
 
Welche Geschichte könnte dahinter stecken? War da jemand überfordert oder einfach uninteressiert, an der Abstimmung teilzunehmen und warf die Couverts deshalb fort? In den schwarzen Sack, dem auch noch andere Abfälle anvertraut wurden? Und dann an die Strasse gestellt? Dem Stadtfuchs vor die Nase? Konnte er noch ein paar Delikatessen finden? Trug er die Beute an einen stillen Ort hinter unser Haus? Der leere Sack gab keine Geheimnisse preis, war etwas zerknittert, aber ohne Spuren von Esswaren.
 
Der Fuchs ist hier bekannt. Ich hatte ihn nachts auch schon beobachtet, und kürzlich lief er sogar zur Mittagszeit auf der leicht erhöhten Wiese, unserem Balkon gegenüber, sehr selbstbewusst vorbei. Nicht als Flüchtender, sondern seiner Majestät bewusst. Er schaute sogar zu uns hinüber.
 
Verhält es sich so, wie es die Fantasie zu dieser Geschichte hier vorgibt, dann muss die erneut zugestellte Abstimmungs-Post grosse Fragezeichen, vielleicht sogar Wut, ausgelöst haben. Aber auch dann, wenn Kinder mit den Abfällen spielten und diese nur achtlos liegen liessen.
 
Wir sollten den Fuchs nach des Rätsels Lösung fragen können.