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Samstag, 19. Oktober 2019

Nicht suchen, aber finden macht glücklich

Ich bin immer wieder überrascht, dass ich finde, ohne dass ich suchte. Heute zum Beispiel auf dem Heimweg. Die Einkäufe waren besorgt, die Tasche nicht besonders beladen. Was erledigt werden musste, war getan. Die Gedanken, die mich begleiteten waren anspruchslos. Ich ging zügig vorwärts aufwärts, schaute auf meinen Weg und entdeckte plötzlich die vielen abgefallenen Baumblätter. Ihre Farben und Formen und sogar ihre Verletzungen zeigten mir Schönheiten, wie sie nur die Natur hervorbringen kann. Einige schauten mich an. Ich hob sie auf und trug sie heim. Und fotografierte sie.

Jetzt dürfen sich die Auserwählten hier zeigen:

Montag, 9. September 2019

Der alte Mann vom Salzweg


Es sind schon 7 Jahre her und immer noch denke ich an ihn, wenn ich auf dem Salzweg Richtung Friedhof Eichbühl gehe.
Ich begegnete ihm zufällig, beobachtete, wie er seinen Rollator mühsam aufwärts schob. Die Sonne schien. Sie hatte mich hinaus gelockt.

Auf diesem steilen Weg traf ich zufällig einen alten Mann, der seinen Rollator mühsam aufwärts schob. Immer nach ein paar wenigen Schritten musste er anhalten und durchatmen. Ich fragte, ob ich helfen könne. Nein! Er brauche den Rollator, um vorwärts zu kommen. Wenn ich etwas helfen wollte, könne ich ihm dieses oder jenes schenken: Zum Beispiel eine Maschine, die das Glas herstelle und ähnlich Unmögliches. Ich sagte: Er habe Humor. Da wurde er beinahe wütend, stampfte und antwortete, er habe keinen Humor. Oha! Ich aber sagte, auf seinem Gesicht sei doch ein Lächeln erschienen. Da verwandelte er sich, wurde freundlich und erklärte, er müsse sich doch tarnen.
Ich ging neben ihm her, weil ich mir vorstellen konnte, dass er froh sei, dass ich ihm helfe, denn die Last war schwer, um diese in die Wohnung zu tragen. Lebensmittel-Einkäufe in 2 Taschen und eine grosse Packung Toilettenpapier. Er informierte mich, dass sich seine Wohnung im 2. Stockwerk im «schlechtest gebauten Haus», wie er es nannte, befinde. Ich werde sehen. Wirklich, er hatte recht. Ich erlebte aber vorher auch noch seine Mühsal mit der Parkierung des Rollators. Und zusätzlich musste er sich im engen Treppenhaus regelrecht hochziehen. Die schmale Spannweite ermöglichte eine unglaubliche Leistung.

Oben, in seiner Etage wartete ein Stuhl auf dem Boden vor der Wohnungstür. Dort setzte er sich sofort nieder, erholte sich langsam, bevor er seine Wohnung öffnete. Es war eine Expedition. Tief beeindruckt nahm ich seine Einladung an. Wir setzten uns an den Küchentisch. Dann erzählte er aus seinem Leben. Als er sich hingesetzt hatte, sagte er als Ausgangspunkt, er sei Jude und als Kind ungeliebt aufgewachsen. In Amerika. Bei Nachbarn habe er sich mehr zu Hause gefühlt als bei den Eltern. Von diesem Ehepaar aus Oesterreich und Deutschland habe er viel lernen können. Vor allem Deutsch. Wenn ich mich recht erinnere, lernte er später den Nobelpreisträger Walter Rudolf Hess kennen und durfte für ihn Texte übersetzten. Als er davon sprach, huschte Freude über sein Gesicht.

Als ich von seinem Übersetzungstalent hörte, sagte ich, ich hätte schon am Anfang unseres Gesprächs gedacht, er sei ein Mann, der nur ein einziges Wort, als das präziseste für eine Sache dulde. Da schaute er auf. Sein Gesicht wurde hell und die Augen füllten sich mit Tränen.

Dann wollte er wissen, ob ich das Restaurant «Oefeli» in unserer Umgebung kenne. Er möchte mich dort einladen. Dort treffe er öfters Professoren seines akademischen Grades.

Als wir uns verabschiedeten sagte er nochmals sehr freundlich: «Sie sind eingeladen.» Unsere Gespräche erstreckten sich über 2 Stunden. In dieser Zeit entstand ein inneres Bild einer Lebensgeschichte und ich fühlte, wie es sein muss, wenn die Kräfte nachlassen und Mitmenschen wegsterben.

Das Haus, in dem ich seine Wohnung betreten durfte, wurde nach unserem Zusammensein sehr bald abgebrochen. Und ein grösseres Haus aufgebaut.

Diesen Mann habe ich nie mehr angetroffen, weder im Coop-Laden in seinem und meinem Umfeld, noch auf dem steilen Salzweg. Ich denke jeweils an ihn, wenn ich dort vorbeikomme.

Sonntag, 30. Dezember 2018

Jahres-Ausklang 2018

Ich denke über das auslaufende Jahr nach. Wie würde es meine Leistungen bewerten, wenn wir miteinander sprechen könnten? Was war das Schönste an ihm? Warum erlebte ich in den vergangenen Monaten oft schwierige Momente? Offenbar weil ich alt geworden bin.

Zufällig entdeckte ich in meiner Textsammlung «Das Gebet des älter werdenden Menschen». Ich weiss nicht mehr, wer mir dieses einmal zugespielt hat. Sehr alt dürfte dieser Text nicht sein. Er passt zum heutigen Denken und Leben.
Gebet des älter werdenden Menschen
O Herr, du weisst besser als ich,
dass ich von Tag zu Tag älter
und eines Tages alt sein werde.
Bewahre mich vor der Einbildung,
bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema
etwas sagen zu müssen.

Erlöse mich von der grossen Leidenschaft,
die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.
Lehre mich, nachdenklich –
aber nicht grüblerisch –,
hilfreich – aber nicht diktatorisch – zu sein.
Bei meiner ungeheuren Ansammlung
von Weisheit erscheint es mir ja schade,
sie nicht weiterzugeben – aber du verstehst, o Herr,
dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.

Bewahre mich
vor der Aufzählung endloser Einzelheiten
und verleihe mir schwingen,
zur Pointe zu gelangen.

Lehre mich schweigen
über meine Krankheiten und Beschwerden:
Sie nehmen zu – und die Lust, sie zu beschreiben,
wächst von Jahr zu Jahr.

Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen,
mir Krankheitsschilderungen anderer
mit Freude anzuhören, aber lehre mich,
sie geduldig zu ertragen.

Lehre mich die wunderbare Weisheit,
dass ich mich irren kann.

Erhalte mich so liebenswert wie möglich.
Ich möchte kein Heiliger sein –
Mit ihnen lebt es sich so schwer -,
aber ein alter Griesgram
ist das Krönungswerk des Teufels.

Lehre mich, an anderen Menschen
unerwartete Talente zu entdecken,
und verleihe mir, oh Herr, die schöne Gabe,
sie auch zu erwähnen.

Autorin: Teresa von Avila, 1515–1582
Wer glaubt das?
Nach dem Text müsste es sich um einen Mann handeln.
Siehe zweitletzter Abschnitt.
Trotzdem: originell, mit viel Wahrheit.

Samstag, 27. Oktober 2018

Der Marthaler Eichenhain

Im Marthaler Eichenhain aufgelesener Querschnitt-Schnipsel mit einem Teil der Jahrringe.
Aussen sieht man die Rinde. Der Radius im Kreisausschnitt lässt die Dicke des Baumes erahnen.
Wir waren in Ossingen angekommen. Das Postauto nach Andelfingen stand bereit, wie wenn es auf uns persönlich gewartet hätte.

Vorgesehen war eine Wanderung, doch als Primo das Postauto-Ziel entdeckte, wollte er sofort in diese Richtung reisen. Erstens sagte er dazu, der Name Marthalen erinnere an seine Mutter Martha und an diesem Ort hätten wir doch vor ungefähr 40 Jahren einen aussergewöhnlichen Eichenwald besucht. Den möchte er nochmals finden. Ja, ich konnte mich sofort daran erinnern und ging gerne mit.

Die Postautofahrt von Ossingen Richtung Andelfingen führte uns dann durch eine liebliche Landschaft, vorbei an gepflegten Orten. Eine Augenweide für unsereins aus der Stadt.

Marthalen empfing uns dann auf seiner modern verschobenen Bahnstation. Auf unserer Eichenwald-Suche kamen wir schlussendlich noch am alten Bahnhof vorbei. Ein Schuppen nur und ein altes Gebäude stehen verlassen da. Auch das Mehl-Silo gehörte zu vagen Erinnerungen. Beide Gebäude mögen dann mitgeholfen haben, dass wir plötzlich den gesuchten Waldeingang fanden.

Wenn Bäume mit uns sprechen könnten, hätten sie uns jetzt vielleicht angesprochen, denn damals vor vier Jahrzehnten war der Besuch in diesem Wald für Primo und mich eine Initiation, eine Zulassung zu den Baum-Mysterien. Ich sehe mich noch in jenem Waldteil, wie wir nach ihnen ausschauten und ihre gesunden, schnurgeraden Stämme bewunderten. Schon damals strebten sie nur himmelwärts.
Die Eiche aus Guggenbühls Werk «Unsere einheimischen Nutzhölzer»
Ein Bericht über dieses aussergewöhnliche Waldstück lockte uns damals dorthin. Es war Primos Gewerbelehrer, der in der Schweizerischen Schreinerzeitung im Bereich «Kunst und Handwerk» darüber schrieb. Paul Guggenbühl habe es verstanden, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch auf viele Details aufmerksam zu machen, an denen viele von uns achtlos vorbeigehen. So schrieb die Schreinerzeitung im Nachruf nach seinem Tod.

Primos Wesen trägt viel von diesem vermittelten Wissen weiter. Immer noch entdeckt er besondere Schönheiten aus der Innenwelt der Bäume. Er lebt mit ihnen. Sie faszinieren ihn. Denn keine sind sich gleich. Auch Querschnitte von kranken Bäumen können fantastische Bilder hervorbringen.

Den Wald betraten wir still, umschauend und nach Erinnerung prüfend und entdeckten dann als erstes am Wegrand liegende Eichenstämme. Da einer, dort einer, und so weiter. Alle gesund, stark, gross gewachsen, unversehrt ihre Rinden. Sie müssen mit viel Achtsamkeit gefällt worden sein. Da wo sie herkamen, entdeckten wir ihre Plätze, weil die Bäume offensichtlich so gefällt wurden, dass ein kurzes Stück Stamm im Erdreich zurückblieb und sich uns als eine Art Hocker präsentierte. Und dank diesen Reststücken konnten wir uns zurechtfinden. Da wussten wir plötzlich, dass wir im Marthaler Eichenhain angekommen waren.
  Ein Zweig Eichen-Herbstblätter Jahrgang 2018 aus diesem Wald 
Unsere Stimmung ist schwer zu beschreiben. Wir fühlten das Leben und auch den Tod. Aber ohne Trauer. Die daliegenden Stämme zeigten sich uns vollendet. Und bereit für eine neue Aufgabe. Primo sinnierte, sprach über die Aufgabe solcher Bäume, die für sich einen grossen Raum beanspruchen und dabei bewirken, dass um sie herum lichtdurchflutete Räume entstehen, in denen sich andere Gewächse auch wohlfühlen. Und auch Menschen, möchte ich dazu sagen, denn wir erlebten hier eine friedliche Atmosphäre, die uns von unserem Alltag und allen Sorgen abhob.

Berührt schlenderten wir weiter durch diesen Wald und trafen am Waldrand noch auf die älteste Eiche in diesem Hain. Ihr wurde eine Informations-Tafel umgehängt.
Höhe 34 Meter, Umfang 5,6 Meter, Inhalt ca. 30 m³, Alter ca. 360 Jahre
Dazu die Unterschrift Marthaler Eichen-Wald.

Das Schreinerherz meldete sich auf dem Heimweg dann auch noch. Primo dachte nach, welch grossartige Tischplatte entstehen könnte, wenn die älteste Eiche dazu verarbeitet würde. Er nannte gleich Zahlen: 1 Tischplatte 20 Meter lang und 1,5 Meter breit. Grossartig!

Und ich orientierte mich nach der Heimkehr noch an den Themen «Mensch und Baum» in Guggenbühls Werk «Unsere einheimischen Nutzhölzer». Dort schrieb er:

Die knorrige Eiche ist ein Sinnbild der Kraft und Unbeugsamkeit. Bei den Griechen und Römern galt sie als heiliger Baum, der Zeus oder Jupiter, dem höchsten Gotte, geweiht war. Die Germanen errichteten unter der Eiche oder in Eichen-Hainen die Opferstätten für Donar, den Donnergott. Kein Sterblicher durfte die Axt an diesen Baum legen.

Aus der Mystik der Menschheits-Geschichten seien alle Vorfahren durch die Jahrtausende staunend und verehrend mit solchen Eichenbäumen umgegangen, sagt Primo.

Dienstag, 4. September 2018

Ansichtspostkarten graben Erinnerungen aus

Dieser Tage nun ist eine schöne Ansichtskarte von Langres in meinen Briefkasten gefallen. Madame Nelly brachte mit dieser Karte eine Art Schlüssel mit, um ein eingeschlafenes Ereignis aufzuwecken. Ohne es zu wissen.

Da sind die Bilder:
Meine Karte, die ich in Langres mit anderen Sujets zusammen gekaufte habe, spricht von Langres als Stadt der Kunst und Geschichte, jene von Madame Nelly weist auf den in Langres geborenen Philosophen und Schriftsteller Denis Diderot hin.
Wie im vorherigen Blog berichtet, kam ich letzthin in Frankreich erstmals in die Stadt Langres. Dort lernte ich die hochbetagte Madame Nelly kennen, die am Place Diderot immer noch eine Baby-Boutique betreibt. Unsere Freunde sind mit ihr bekannt. Wir wurden einander vorgesestellt und Ich konnte mit ihr unter der Eingangstür parlieren. Und danach auch noch ihr Ladenlokal anschauen. Ohne es zu bemerken, wurden wir fotografiert. Die Bilder machen uns Freude.
Auf beiden Ansichtskarten sehen wir Teile hoher Stadtmauern, Türme und Tore einer stolzer Festung. Sie besitzt 12 Türme, 7 Tore und zahlreiche Glockentürme.

Auf meiner Karte ist der eine Baum rechtsseitig und auf Madame Nellys Karte linksseitig zu sehen. Diese beiden Karten nebeneinander signalisieren mir die Eingänge und Ausgänge aus oder in die Stadt. Der jeweils einzelne Baum rechts oder links auf den Karten weist darauf hin.

Und jetzt zur Hintergrundgeschichte: Vor 60 Jahren
Nach der kaufmännischen Lehrabschluss-Prüfung konnte ich nach Abschluss der Lehre in der Filiale desselben Buch-Verlages in Paris als Stagiaire arbeiten und französisch lernen. Da der Schweizerische Direktor monatlich einmal nach Paris fuhr um die Geschäfte dieser Filiale zu prüfen, konnte ich in seinem Auto von Zürich nach Paris mitreisen. Da tat sich für mich erstmals weites Land auf, aber ich sah auch eine Art Armut in kriegsgeschädigten Dörfern.

Genau kann ich mich nur an einen Blickfang richtig erinnern: Wir fuhren im Auto in einen prächtigen Torbogen hinein, um die Stadt zu durchfahren. Sie beeindruckte mich weniger als der mächtige Eingang selbst. Das Bild dieser Einfahrt ist tief in mir drinnen wach geblieben. Trotzdem konnte ich den Ort bisher nicht finden. Ich habe immer wieder nach ihm gefragt. Und jetzt: Ich hatte meine in Langres gekaufte Ansichts-Karte im Büchergestell vor die Bücherreihe gestellt und jetzt, ein paar Wochen später, jene von Madame Nelly als eine Verwandte dazu. Und wieder ein paar Tage später wurde das Rätsel dann gelöst. Diese beiden Karten, denen ich beim Vorbeigehen manchmal einen Blick schenkte, überraschten mich plötzlich. Alles klar! Damals auf der Reise nach Paris im Auto des Direktors durfte ich eines dieser grossartigen Tore und die Stadt durchfahren. An sie selbst aber erinnere ich mich nicht.
Eine weitere Geschichte gehört noch dazu:
Bevor ich abreiste, wurde mir aus der Filiale Paris mitgeteilt, man hätte für mich eine gute Unterkunft gefunden. Ein Zimmer bei einer alten Dame. Ich sei angehalten, Leintücher und Bettinhalte mitzubringen. In Paris müssten alle Mieter die Leintücher mitbringen. Damit ich nicht frieren müsse, kaufte mir meine Mutter Barchent-Leintücher (Barchent: beidseitiger aufgerauter Baumwollstoff).

Diese Aussteuer und meine Winterkleider konnte ich dem Chauffeur abgeben, der in den nächsten Tagen Bücher nach Paris liefern musste.

Es war für alles gut gesorgt. Aber leider verunfallte der Bücher-Chauffeur, der nach Paris fahren musste. Bücher, Leintücher, Kleider und Schuhe durften nicht ausgeladen werden. Alle Gegenstände wurden zurückbehalten. Der französische Chef der Filiale brachte mir Leintücher von seiner Familie, die ich ein paar Wochen lang benützen konnte.

Ich wurde gut behandelt und die 18 Monate in Paris gehören bis heute zu einem Lebensabschnitt, den ich nicht vermissen möchte.

Mittwoch, 11. Juli 2018

Brieffreundschaft Schweiz–Norwegen und zurück

Von Primo gemalt: Die fliegenden Briefe
Ich konnte meine norwegische Brieffreundin Brit wieder einmal in Zürich begrüssen. Nach Ferien im Wallis wollte sie uns vor der Heimreise noch sehen und mit uns sprechen.

Wir kennen uns schon lange. Sehr lange. Und dieses «Kennen lernen» entwickelte sich nach und nach. Jahre lang, immer auf Papier. Als wir jung waren, gab es noch keine Computer. Wir schrieben Briefe, schickten einander Drucksachen und Fotos, wenn wir unser Land, unser Zuhause und unsere Geschichten vorstellen wollten.

Im letzten Ausbildungsjahr in der «Handelsschule des kaufmännischen Vereins Zürich» (Frühjahr 1958) führte uns der Klassenlehrer in verschiedene Firmen. Er wies darauf hin, dass wir nicht nur an der kaufmännischen Seite eines Betriebs interessiert sein sollen. Zu jeder Firma gehöre ein Fachgebiet, eine Branche, und speziell für sie sollte ebenfalls eine Vorliebe vorhanden sein.

Er besuchte dann mit unserer Klasse die Firma PUBLICITAS in Zürich. Dort wurde uns der Betrieb gezeigt. Noch heute «höre» ich wie der Gastgeber uns die Dienste seiner Firma beschrieb. Er sagte: Sollte jemand von Ihnen einmal ein Inserat in eine ausländische Zeitung oder Zeitschrift aufgeben wollen, dann sind Sie bei uns am richtigen Ort. Die PUBLICITAS verfüge weltweit Zugang zu Zeitungs-Verlagen und zu entsprechenden Fachleuten für Übersetzungen. Da dachte ich sofort: Diesen Dienst werde ich einmal nützen, obwohl ich noch nicht wusste, wofür.

Es dauerte dann einige Jahre bis sich mein Versprechen erfüllte. Langsam war ein Interesse am Norden und seinen Menschen gewachsen. Inzwischen war ich verheiratet und Mutter geworden. Mit kleinen Kindern wollte ich damals nicht ins Ausland reisen. Darum wünschte ich mir Brief-Kontakte mit ebenfalls einer Familienfrau, um das Leben aus ihrem Land kennen zu lernen.

Eines Tages erinnerte ich mich an PUBLICITAS und gab ein kleines Inserat in der norwegischen Tageszeitung AFTENPOSTEN auf. Ich wollte Menschen aus Norwegen kennen lernen. Am liebsten auch eine Familienmutter oder überhaupt eine Familie. Mein Inserat wurde offensichtlich perfekt übersetzt. Es meldeten sich bald 3 Frauen.
Mit Brit in Basel
Schiffsreise zu Annedore
Unicef-Karte, Stickbild von Elna Knudsen
Brit: Norwegerin, Volksschullehrerin, Annedore: Buchhändlerin, eine Frau aus Ostberlin, die mit einem Norweger verheiratet war, Elna: Künstlerin, siehe Stickbild, Finnländerin, mit einem Norweger verheiratet. Sie lebte nicht mehr als wir endlich nach Norwegen kamen. Aber ihre Töchter erzählten, dass es immer besondere Momente gewesen seien, wenn Post aus der Schweiz eingetroffen sei und Mama in den Lehnstuhl sass und ihnen erzählte, was ich berichtete.

Brit wurde von ihrer Nachbarin auf das Inserat aufmerksam gemacht. Diese hatte es im Hausfrauenblatt von AFTENPOSTEN entdeckt und ihr geraten, mir zu schreiben. Und bald einmal reiste sie sogar mit einem ihrer Kinder zu uns nach Zürich. Wir verstanden uns sofort und fühlen uns bis heute freundschaftlich verwandt.

Unsere Korrespondenz entwickelte sich für uns alle als eine Art Lebens-Elixier.

Im Jahr 1996 wurde es dann für Primo und mich möglich, die nordischen Freundinnen zu besuchen. Die Frauen und ihre Familien hatten sich inzwischen untereinander auch kennen gelernt. So kam es, dass wir von Familie zu Familie weitergereicht wurden. Alle zeigten gern ihre Welt und erzählten von ihren Aufgaben. Brit hatte es verstanden, sie miteinander bekannt zu machen.
Mit Brit in Trondheim
Wieder zu Hause, schrieb ich ins Tagebuch, in Norwegen hätte ich mich immer beschützt und wohlgefühlt.

Zwei der Brieffreundinnen sind seither schon gestorben. Brit konnte uns dieser Tage, wie schon erwähnt, zusammen mit der einen Tochter nochmals in Zürich besuchen. Wir erinnerten uns an das damalige Inserat von mir. Sie konnte den Text (nach ungefähr 36 Jahren) auswendig zitieren. Auch für sie ist die Freundschaft Norwegen—Schweiz ein Geschenk des Lebens.

Im vergangenen Mai hat uns in Zürich PUBLICITAS überrascht. Wir lasen in der Tageszeitung eine traurige Mitteilung: 11.5.2018 — Eine uralte Institution der Schweizer Presse steht vor ihrem Ende. Am Freitag hat die Publicitas beim Bezirksgericht ihren Konkurs angemeldet.

Donnerstag, 12. Januar 2017

Der Puls der Zeit – der Zeitenlauf

Die Uhr als Zeitmesser
Die Uhr im Kirchturm und Glockenklänge aus der Bilderuhr

Plötzlich fügen sich einzelne Erlebnisse zu einem Ganzen zusammen.

Erste Geschichte:

Es war ein gewöhnlicher, ruhiger Morgen, als ich im Supermarkt meines Wohnortes Gemüse aussuchte, es wägen und mit dem Preis markieren wollte.

Vor der einen Waage stand ein Afrikaner. Vor einer zweiten andere Kunden, die sich hier zufällig getroffen hatten, stehen blieben und neueste Nachrichten austauschten.

Der Mann aus dem fernen Land klebte gerade die Etikette für die ausgesuchten Früchte an den Plastiksack. Es schien mir, dass er unser System kenne. Im späteren Gespräch dann bemerkte ich, dass ihm auch die deutsche Sprache geläufig ist. Er blieb aber vor seiner Waagschale stehen, obwohl es für ihn nichts mehr zu wägen gab. Er beobachtete die Kundschaft und ihr Benehmen. Mittlerweile hatte sich um diesen Ort ein kleiner Stau ergeben. Wir warteten. Dann fragte ich ihn, ob die Waage frei sei? Er nickte und trat einen Schritt zurück. Als dann auch mein Gemüse seine Preisetikette bekommen hatte, winkte mir der Fremde zu sich und sagte selbstbewusst: «Ich bin Afrikaner. Sie wissen, wir sind langsam. Aber wir haben immer Zeit. Sie haben keine Zeit. Was sagen Sie dazu?»

Ich sah sofort weder die eine noch die andere Lebensart als die einzig richtige und sagte darum: Für ein gutes Zusammenleben müsste ich wahrscheinlich etwas langsamer werden und er etwas schneller. Dann könnten wir uns in der Mitte treffen. Dazu machte ich noch eine passende Handbewegung. Er verstand mich sofort. Er lachte und dankte. Die Antwort hat ihm gefallen.

Eine zweite Geschichte:

Führung durch das Archiv des Uhren-Herstellers LONGINES in Saint Imier, einem Unternehmen, das sich seit mehr als 180 Jahren erfolgreich der Zeitmessung widmet.
Die Begrüssung vor der raumhohen Sanduhr im Haus LONGINES werde ich kaum vergessen. Ebenso beeindruckte das Archiv mit den handschriftlich geführten Archiv-Büchern, die seit 1867 aufbewahrt werden. Sie geben Auskunft über das Modell, den Kunden und wohin die Uhr geliefert wurde. Der Raum mit diesen Büchern wird «Das Gedächtnis von LONGINES» genannt. Ich durfte einen Katalog mit dem aufgezeichneten Lebenslauf dieser erfolgreichen Firma mitnehmen. Jede Seite spricht von Präzision, Schönheit und Kultur. Die Uhr und ihr verwandte Messgeräte dienen uns allen.
Longines Uhrenmuseum in St. Imier: www.longines.ch

Eine dritte Geschichte:

Das Nachtessen mit Kirchturmgeläute aus der Bilderuhr. Wir staunten, dass aus einem gemalten und üblich gerahmten Bild Kirchenglocken ertönten. Die Stunde war voll. Es fühlte sich an, wie wir es im Dorf oder sogar in der Stadt gewohnt sind. Sofort brach das Gespräch am Tisch ab. Wir staunten. Die Stimmung veränderte sich. Sie wurde feinsinniger. Es folgten dann alle Viertelstunden kürzer gehaltene Töne.

Der Besitzer dieser Bilderuhr erklärte:
Unsere Bilderuhr stammt aus Österreich, von dem Kunstmaler Carl Ludwid Hofmeister, Wien 1828 signiert. Hofmeister gilt heute als der bedeutendste Bilderuhr-Maler des 19. Jahrhunderts. Er war gelernter Glasmaler, hat also mit feinstem Pinselstrich Miniaturen bemalt. Seine Bilderuhren sind daher nicht auf Leinwand, sondern fein auf Kupferblech gemalt. Die frühesten Bilder stammen von ca. 1822. Alle von ihm persönlich gemalten Bilder sind signiert, die Bilder seiner Werkstatt sind nicht signiert.

Wir haben die Bilderuhr wegen ihres zeitgenössischen Bezugs auf Koblenz und der Darstellung des Rheins mit Moselzufluss bei Koblenz und Ehrenbreitstein erworben. Es zeigt gleichfalls eine seltene Darstellung einer schwimmenden Brücke über den Rhein aus Kähnen, mit Fußgängern und Reitern.


Und ich füge noch hinzu, dass das Bild auch ein Liebespaar zeigt, das sich in dieser Welt offensichtlich glücklich fühlt.

Und die vierte Geschichte:

Unsere Gastgeber im Jura freuten sich über das gute Sommerwetter. Das Essen wurde auf die Veranda getragen. Wir sassen auf einer hölzernen Bühne, das weite Jura-Gelände vor uns. Eine Landschaft, die das Herz öffnen kann. Wiesen, Weiden mit Kühen und Wälder, die umfangreiche Flächen abgrenzen, vermitteln Grosszügigkeit und auch Schutz.

Die in unseren Augen jungen Leute – sie würden sich aber gewiss eher als Mittelalterleute bezeichnen – freuten sich, ihr umgebautes Zuhause und die dazugehörige Umgebung zu zeigen. Das aus einer Konkursmasse gekaufte Jurahaus konnte seinen Charme behalten. Und doch wurde es auch nach heutigem Schönheitsbewusstsein und den Bedürfnissen unserer Zeit im Innern angepasst.

Als die Sonnenuntergangsfarben erloschen, hüllte uns die Dunkelheit ein. Weit und breit kein künstliches Licht. Eine Erfahrung, die wir in unserem Lebensumfeld in der Stadt nicht mehr machen können. Diese Dunkelheit ängstigte nicht. Im Gegenteil. Ich fühlte mich gut aufgehoben bei Freunden und gleichzeitig auch aufgehoben im Universum. Ich entdeckte im Laufe des Abends, als sich die Dunkelheit noch mehr verstärkte, dass ich meinen Augen den Himmel öffnen konnte, indem ich das Gesichtsfeld abgrenzte. (Aufrecht geschlossene, seitlich am Kopf angelehnten Hände). Wenn ich noch den Kopf nach hinten fallen liess, öffnete sich der Sternenhimmel sofort. Seine Fülle und die Stimmung an diesem Ort – unbeschreiblich schön.
Es zeigte sich hier die Sternenzeit.

In diesen vier Geschichten meldete sich in mir das Thema der Zeit.
Was ist für mich die Zeit?
Es muss sich um das allumfassende Leben handeln. Für uns Menschen ist sie oft Geheimnis und doch allen bekannt. Ihrem Namen begegnen wir in vielen Worten und in verschiedenen Zusammenhängen. Z.B. Arbeitszeit, Freizeit, Auszeit, zur Zeit, zeitgemäss, zeitlang, Zeitschrift, zeitlos, Zeitmangel etc.

Aus dem geläufigen Ausdruck Puls der Zeit höre ich heraus, dass die Zeit ein lebendiger Raum sei, in den wir hineingeboren wurden.

Uhren und Messgeräten verdanken wir, dass die Zeit gemessen werden kann. Sie dienen den persönlichen Zeitabschnitten in der Familie, im Beruf, in der Freizeit, in der Forschung, im Wettbewerb, im Sport und unterwegs, wenn wir uns auf vorgegebene Zeiten nach Fahrplänen einrichten müssen. In vielen Wettbewerben wird die Uhr zur Schiedsrichterin. Und rückwärts blickend bekommt sie in der Geschichtsforschung ihre Aufgabe.

Manchmal erleben wir Situationen, die scheinbar nicht mehr mit der Uhrzeit übereinstimmen.
Immer dann, wenn ich jemanden oder etwas sehnlichst erwarte, erscheinen mir berechnete Zeitabschnitte extrem lang. Es sind dann meine Gefühle, die mitmischeln und die Zeit ausdehnen.

Mein Leben verstehe ich als ein Stück Lebenszeit aus der gesamten Zeit, die unser aller Leben umfasst. Diese persönliche Zeit kann aber erst dann exakt gemessen werden, wenn wir gestorben sind.


Donnerstag, 15. Dezember 2016

Nochmals in Neuwied
Besuch im Herrnhuter-Viertel

Nochmals wurde uns ein Wunsch erfüllt. Wir durften den Ort der Herrnhuter Brüdergemeine kennen lernen. Er befindet sich in einem eigenen Karree, das den lauten Verkehr abweist. Eine Oase. Eine architektonische Schönheit, die Ordnung und Geborgenheit vermittelt.
Der Name Herrnhut bedeutet «der Hut des Herrn».
Herr C. erwartete uns, begrüsste uns draussen im Hof und lud uns in den Gebets-Saal ein. Drinnen erklärte er, dass wir durch den Eingang für die Männer eingetreten seien. Der gegenüberliegende Eingang gehöre den Frauen. In dieser Gemeinschaft sei man einander Bruder und Schwester und sage sich Du.

Und er erzählte von seinen Aufgaben als Vorsteher der Herrnhuter Gemeine und dass dieses Amt immer eine Berufung sei. Man könne sich dafür nicht bewerben. Schon seinem Vater sei es übertragen worden.
Er zeigte uns einen historischen Prospekt der Stadt Neuwied am Rhein. Und sagte dazu, Neuwied sei bis in unsere Tage ein Zufluchtsort für Glaubensflüchtlinge. Er wies in diesem alten Stadtbild auf das linke noch nicht verbaute Karree hin, auf dem bereits die Kirche dargestellt ist. An diesem Ort führten wir gerade das Gespräch mit ihm. Links im Plan markiert: Anbau der Evangelischen Brüder Gemeine.
Mich packte diese historische Darstellung wegen seiner überschaubaren Anordnung, aber auch wegen seinem perfekten Kupferstich.

Einer Schrift über diese Brüdergemeine in Neuwied entnehme ich die folgende Zusammenfassung:

Alte und Erneuerte Brüder-Unität
Die Evangelische Brüdergemeine hat ihren Ursprung in der böhmischen Reformationsbewegung. Anhänger von Jan Hus gründeten im 15. Jahrhundert eine eigene Kirche, die Brüder-Unität. Im Zuge der Gegenreformation wurden ihre Mitglieder verfolgt, die Gemeinden existierten nur im Untergrund weiter. Letzter Bischof der Brüder-Unität war der bekannte Theologe und Pädagoge Johann Amos Comenius.
1722 fanden aus Mähren vertriebene Nachkommen Zuflucht auf dem Gut des sächsischen Grafen Zinzendorf. Unter der Leitung des pietistisch geprägten Grafen gründeten sie Herrnhut, die erste Gemeindesiedlung der Neuen Brüder-Unität.

Über die Flüchtlinge wird berichtet, dass sich im Jahr 1750 die ersten 40 Herrnhuter Glaubensflüchtlinge auf Einladung des Grafen J.F. Alexander von Wied hier ansiedelten. Sie erhielten 1756 in einer «Generalkonzession» Religions- und Gewerbefreiheit. Die Gemeinde wuchs rasch. 1761 zählte sie über 200, im Jahr 1783 bereits über 400 Mitglieder. Ein zweites Karree wurde gebaut und der heutige Kirchsaal eingeweiht.

Es entwickelte sich reges Gewerbe. Und in dieser Zeit blühte das Unternehmen von David Roentgen. Im Unterschied zu seinem Vater Abraham soll sich der Sohn nicht in erster Linie zum Handwerksmeister, sondern zum erfolgreichen Geschäftsmann entwickelt haben. Heute staunen wir, dass Roentgenmöbel erhalten geblieben sind und ein Museum füllen.

In diesen Tagen wird, wie jedes Jahr, auch wieder nach dem Herrnhuter-Stern gefragt. Weltweit ist er bekannt. Und speziell auch für Kirchenräume beliebt. Ich stelle mir vor, dass dieser besondere Stern das Weihnachtsfest darum verschönert, weil er die Familien aus der Herrnhuter Gemeine mit ihrer Herkunft verbindet.

Herrnhutter Sterne: www.herrnhuter-sterne.de
Die Geschichte des Herrnhutter Stammhauses: www.herrnhuter-sterne.de
Die Geschichte des Herrnhuter-Sterns: www.sterne-shop.de

Uns stellte sich in Zürich ein evangelisch-reformierter Pfarrer als Herrnhuter vor. Sein Sohn besuchte die gleiche Primarschulklasse wie unsere Tochter Letizia. Ich erinnere mich an ein Weihnachtsspiel, das er für das Schweizer Radio gestaltet hat. Das ist aber auch bald 50 Jahre her. Solche Kontakte erweitern die Sicht zu andern Konfessionen, zu ihren religiösem Verständnis, ihren Eigenheiten und spirituellen Schätzen. In diesem Sinn freuen wir uns, dass wir in Neuwied offene Türen vorgefunden haben. Sowohl ins Museum wie auch ins Herrnhuter-Viertel und in ihre Kirche.
Zum Abschluss unseres Besuches verwies Herr C. noch auf das Andachtsbuch Die LOSUNGEN, Gottes Wort für jeden Tag.

Die aufgeführten kurzen Texte (Bibeltexte, Gebete) sind je einem Tag zugeordnet. Sie entstammen einer Idee von Nikolaus Ludwig Zinzendorf, Graf von Zinzendorf. Er wollte den Menschen kurze, christliche Leitsätze vermitteln, um ihnen zu helfen, den Alltag zu meistern. Die Ausgabe für 2016, die ich mitgenommen habe, ist die 286. Ausgabe. Ein Taschenbuch.

Im Internet sind Informationen zum Thema Losungen abrufbar. Es wird dort auch erklärt, wie die Texte ausgewählt werden. Zum wesentlichen Teil durch das Los.
Losungen www.losungen.de
Losungen werden erklärt www.losungen.de

Wir baten den Vorsteher, uns die Losung jenes Tages zu lesen. Er machte das gern und wir freuten uns. Als wir uns verabschiedet hatten, sagte jemand von uns: Das war eine Sternstunde.

Sonntag, 20. November 2016

Nach der Beerdigung öffneten sich Türen und Tore

Es gibt Wünsche, die jahrzehntelang auf ihre Erfüllung warten. Unerwartet erwachen sie eines Tages und werden wahr. Primo erlebte kürzlich einen solchen, beinahe magischen Moment.

Die Beerdigung einer Verwandten aus seiner Grossfamilie fand in kleinem Rahmen statt. Wir trafen uns im Feld des Gemeinschaftsgrabes im Zürcher Friedhof Sihlfeld. Der Sohn der Verstorbenen und seine Frau waren aus den USA angereist. Eine Nichte, von ihrem Mann begleitet, war aus Deutschland nach Zürich gekommen. Dieses Paar kannten wir noch nicht.
Wir standen um das vorbereitete Grab. Da entdeckte ich am Boden abgefallene Blätter eines Parkbaumes, dessen Name ich immer noch nicht kenne. Ich hob eines auf und sagte mehr zu mir selbst als zu anderen, hier sei Leben und Sterben abgebildet. Es war eines von vielen. Sofort wurde ich verstanden. Jedes der abgefallenen Laubblätter trug nämlich neben dem vertrockneten Braun auch ein Stück lebendig wirkendes Grün.
Wenige Augenblicke später sah die Frau aus Koblenz ein vierblättriges Kleeblatt in der Wiese. Sie pflückte es und schenkte es mir.

Es fand keine religiöse Zeremonie statt. Und doch wurde die Lebensgeschichte einer Mutter sehr einfühlsam und liebenswürdig erzählt. Dankbar skizzierte der Sohn ihr Leben und wir Verwandte werden unsere persönlichen Erlebnisse mit ihr denkend dazugefügt haben.

Die Enkelin der Verstorbenen, ebenfalls in Amerika lebend, übergab ihrem Vater einen Text und bat ihn, jemanden zu bestimmen, der ihn am Grab vorlesen könne. Ihr war es nicht möglich, nach Zürich zu reisen. Sie liess ausrichten, dass ihr die Grossmutter diesen Reim beigebracht habe. Vermutlich hat sie ihn immer wieder hören wollen. Darum sollte er auch am Grab nochmals erklingen. Mangels anwesenden italienisch sprechenden Personen, wurde Primo gebeten, den Text L’orfano (La neve) di Giovanni Pascoli zu lesen. Er spricht aber nicht italienisch.
Bevor er zu lesen begann, sagte er, dass er als Italiener geboren worden sei. Kindergarten und ein Jahr Primarschule habe er in der Casa d’Italia erlebt. Der Umzug in die Schweizer Schule verhinderte dann eine weitere Entwicklung der italienischen Sprache.

Die Musikalität aber ging nicht verloren. Seine Seele hat sie am Leben behalten. Und gerade darum, dass der Text am Grab der Verstorbenen nicht übersetzt werden musste, konnten die klangvollen Worte wirken. Es war für alle ein berührender Moment.

Beim anschliessenden Mittagsmahl entstanden zwischen dem Verwandten aus Koblenz und Primo interessante Gespräche. Ihre Berufe wurden besprochen. Als Primo berichtete, dass er als selbständiger Möbelschreiner arbeite, wollte der Mann aus Deutschland wissen, ob ihm Möbel von Abraham und David Roentgen ein Begriff seien. Und das war dann Primos magischer Moment. Er erzählte, dass er vor 60 Jahren, zur Zeit seiner Berufslehre als Möbelschreiner auf David Roentgen und seine Luxusmöbel aufmerksam gemacht worden sei. Sein Lehrer in der Gewerbeschule zeigte den Lehrlingen Lichtbilder von Verwandlungstischen, Kommoden, Stühlen, Schatullen usw. Alles hochkarätige Kunstwerke, denen er immer nacheifern wollte. In späteren Jahren festigten jeweils Publikationen von Roentgen-Möbeln in der Schreinerzeitung die Begeisterung aufs Neue. Und manchmal mag er geträumt haben, das Roentgen-Museum doch einmal aufsuchen zu können.
Promenade in Koblenz
Und plötzlich ist der Weg dorthin gebahnt. Wir wurden nach Koblenz und nach Neuwied ins Roentgen-Museum eingeladen.

Unsere Gastgeber haben darüber sinniert, ob vielleicht die verstorbene Tante Leni dafür gesorgt habe, dass wir einander kennen lernten.

Und mehr noch staunten wir, als wir erfuhren, dass dieses Paar zu den Donatoren des Roentgen-Museums Neuwied gehört.

Freitag, 25. September 2015

Formen in der Natur: In den Blumenkisten und in der Handschrift

Gestern habe ich unseren Balkon geputzt. Gründlich, wie nur möglich. Den Boden auf den Knien geschruppt. Die Steine auf dem Fenstersims gewaschen und wieder neu plaziert. Das Gestrüpp in den Blumenkisten sachte dezimiert. Und ihre Formen und Farben nochmals bestaunt. Besonders auch heute, als die Sonne mithalf, die schönen Bilder, die der Herbst verschenken kann, mit Fotos einzufangen.

In meinen Blumenkisten dürfen sich zugewanderte Samen entwickeln und uns überraschen. Die Pflanzen, die sich hier ansiedeln, sind willkommen, müssen sich aber mit Nachbarn arrangieren. Ob auch Revierkämpfe ausgetragen werden, weiss ich nicht.

Bevor die Herbststürme die Samenstände forttragen und die dürren Pflanzenstengel brechen, sprachen sie mich auf ihre Art nochmals an. Z.B. die blaue Blume, die sich ganz allein zeigte. Ihre Verwandten seien schon fortgegangen. Sie geniesse die Ruhe und den schönen Ort, wo sie zur Geltung komme. Aber auch der wattenähnliche Flausch, der hunderte von Samen in sich trägt und auf den Wind wartet, der den Transport in die Ferne übernimmt.

Alle Pflanzen bezaubern durch ihre Formen, die erst jetzt, als ihre Blätter abgefallen sind, sichtbar wurden.
Kalligraphie aus der Natur

Das eine Bild, das den Namen Kalligraphie trägt, lässt mich an Handschriften befreundeter Menschen denken. An ihren Schwung, aus dem Gefühl und Herzlichkeit sprechen. Solche Briefe oder auch nur Briefumschläge lasse ich gern auf dem Schreibtisch liegen. Sie bringen Leben in meine Bude, beflügeln mich. Ganz anders nun die neue Basisschrift, die für die Kinder in der Schweiz ab Schuljahr 2016/2017 neu vorgesehen ist. Entschuldigung: Aber so sehen doch Schriften auf Grabsteinen aus.

Die Handschrift, die Kinder in der Schweiz bis anhin erlernten, nannten wir "Schnüerlischrift". Einer Schnur vergleichbar.

Wir übten diese in einem sogenannten Schreibheft. Ihre Linien waren in 3 Zonen eingeteilt. Diese Zonen werden in der Graphologie mit Oberzone = Geist, Mittelzone = Seele, Unterzone = Leib betrachtet. Ebenso wurde eine leichte Schräge nach rechts vorgegeben.

Wir wurden angehalten, alle Bereiche gleichwertig einzubeziehen. Aber sofort, als die stützenden Linien in Heften anderer Fächer wegfielen, wurde nach und nach die Persönlichkeit der schreibenden Person offenbar. Die Grundlage war einmal für alle dieselbe. Doch die persönliche Eigenart und die Entwicklung wirkten mit.

Schauen wir Handschriften an, sticht sofort ins Auge, dass niemand diese Bereiche exakt gleich und ausgewogen gewichtet.

Für mich ist die Handschrift etwas Schönes und offenbart die Persönlichkeit der schreibenden Person. Sie drückt das aus, wer die Person wirklich ist.

Ich beobachte schon lange, dass Menschen, die jetzt 100 Jahre alt wären, viel schwungvoller geschrieben haben.

Ich vermute, dass die Kinder von heute, genau wie wir damals auch, einer Leitlinie folgen müssen und später dann, ohne es zu wissen, ihre Persönlichkeit in der Schrift darstellen.

Also lasse ich sogenannte Verlustängste fahren… Auch im neuen Zeitalter werden sich Herzlichkeit, Grosszügigkeit, aber auch Gegenteile von ihnen in der eigenen Schrift zeigen.

Montag, 14. September 2015

Was hat die Mooreiche mit dem Pfingstweidpark zu tun?

In der S-Bahn Richtung Zürich-Altstetten, allein im Abteil, schaute ich während der Zugsabfahrt nicht auf Menschen oder Plakate. Ich folgte keinem Gedanken, schaute nur auf die zahlreichen zürichblauen Deckenlampen mit ihrer Aufschrift ZÜRICH HB. Im diffusen Licht der Unterwelt leuchteten sie besonders heiter und als der Zug abfuhr, schienen sie zu tanzen. Und sogleich tauchte die Geschichte der Mooreiche aus meinen Erinnerungen auf. Und dann die Idee, sie auch fürs Blog-Archiv aufzuschreiben.

Das Ereignis liegt 30 Jahre zurück. Ich staune, dass sich diese Geschichte gemeldet hat.

Als im Zürcher Hauptbahnhof für die unterirdische S-Bahn gebaut wurde und man in 8 Meter Tiefe vorgedrungen war, fanden die Bauarbeiter bei den Aushubarbeiten einen ungefähr 6 m langen Baum. Er lag im Kies. Man freute sich nicht über diesen Fund. Er wurde als Störenfried empfunden. Sorglos wurden darum Scheiben abgeschnitten, bis der Stamm etwa 3 m lang war. Erst dann wurde es möglich, ihn aus dem Schotter herauszuziehen.

Eine solche Scheibe wurde in die Schreinerei meines Ehemannes Primo gebracht. Obwohl er die Geschichte dieses Baumes nicht kannte, sah er sofort seine Einmaligkeit und das Archaische an ihm. Die Mooreiche. Die dunkle Farbe und die zottige Rinde wiesen auf sie hin. Solche Bäume werden selten gefunden. Im Zürcher Furnierwerk, wo der Baum aufgeschnitten wurde, sagte ihm der Furnierschneider, in seiner 30-jährigen Tätigkeit habe er erst dreimal eine Mooreiche aus der Schweiz (Funde aus dem Rheintal) aufgeschnitten.

Diese Mooreiche, die den Namen Zürcher Mooreiche tragen darf, wurde untersucht. Das Geografische Institut der Universität Zürich-Irchel ermittelte mit der 14C-Methode ein Alter von 109 Jahren. Vermutlich wurde der Baum vom Blitz erschlagen. Als Schwemmgut im Fluss (in der Sihl, eventuell in der Limmat) im Untergrund des heutigen Hauptbahnhofes im Kies festgehalten und vom Wasser überschwemmt. Dort ruhte der Baum rund 3'000 Jahre.

Eine Geschichte, die uns bewegte und immer noch bewegt.

Nachdem der Baum zu Furnier geschnitten in die Werkstatt zurückgebracht worden war, entstand aus zwei zusammengefügten Furnierblättern das "Bärenfell". So nennt Primo sein erstes Zürcher Mooreichen-Kunstwerk.
Am 5. September 2015, nur einen Tag nach meiner S-Bahnfahrt mit den Erinnerungen an den Mooreichenfund, wurde der Pfingstweidpark eröffnet. Die Quartierzeitung berichtete von einem dynamischen Einweihungsakt. Ihn haben wir nicht erlebt. Wir besuchten den Ort erst gegen Abend. Die Bilder, die dazugehören, erzählen von heiterer Stimmung und Freude.
Das Wort RENAISSANCE am Hotel-Tower verstehe ich als Wiederaufleben dieses Ortes. Alte, ausgediente Industriegebäude sind verschwunden. Ebenso die Familiengärten, wie sie einst in vielen Städten an ihren Rändern anzutreffen waren. Ich hörte einen Mann sagen, der neue Park gefalle ihm gut, doch der Verlust seines eigenen Gemüsegartens, der wiege schwer.
Als Bagger in der Pfingstweid auffuhren
Ich bin in der Nähe, in einer Fabrik, aufgewachsen, habe erlebt, wie sich unser damaliges Umfeld verwandelte und wie sich der Abbruch des Alten zugunsten von etwas Neuem durchsetzte. Wenn ich heute in der S-Bahn aus Oerlikon durch den Wipkingertunnel zur Hardbrücke fahre, staune ich immer wieder. Das erhöhte Trasse der Bahn wird dann zum Aussichtspunkt über Zürich-West. Der Blick fängt einen weiten Raum auf. Unbekannt nüchtern und steinern zeigt sich die Architektur.

Wo bin ich gelandet, fragte ich mich, als ich Zürich-West mit Abstand betrachtete. Der Anblick befremdete. Ich sah eine sehr kühle, nur rationale Umgebung. Und jetzt neu das Gegenstück zu ihr. Der weit offene Pfingstweidpark ist seine Ergänzung. Er atmet, er lässt Pflanzen und Bäume wachsen. Eine Wohltat für alle Menschen aus diesem Quartier.

Wer den Park besuchen will, fährt mit der S-Bahn Richtung Altstetten ab Hauptbahnhof zur Station Hardbrücke. Fahrzeit nur 2 Minuten.

Wer mit der S-Bahn im Untergeschoss des Zürcher Hauptbahnhofs ein- oder ausfährt, der befindet sich im Untergrund, in dem die Mooreiche ihren 3'000-jährigen Schlaf geschlafen hat.

1985 wurde die Mooreiche gefunden. Heute erzählte ich ihre Geschichte. Darum gehört auch sie zum Thema RENAISSANCE.