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Mittwoch, 25. Oktober 2017

Die Post – meine Lieblings-Organisation

Wer mich gut kennt, weiss bereits, dass für mich ein Leben ohne Post Vereinsamung wäre.
Darum erzähle ich gern wieder einmal eine Post-Geschichte, die Applaus verdient.
Wir meldeten unsere Adressänderung. Primos Schreinerei im Welti-Furrer-Areal sei aufgehoben. Alle an sie adressierten Briefe und Pakete sollen neu an unsere Wohnadresse umgeleitet werden.

Tochter Letizia kümmerte sich um das Formular im Internet und füllte es mit unseren Angaben aus. In solchen Augenblicken wird mir jeweils bewusst, wie alt wir geworden sind und ohne Hilfe nicht zurecht kämen.

Kein Problem für jüngere Leute. Die digitale Adressänderung von Letizia übermittelt, wurde sofort automatisch akzeptiert und 4 Tage später fanden wir die korrekt umgeleitete Briefpost im Briefkasten unseres Wohnortes.
Ohne uns zu informieren, hat Letizia für uns noch eine Kontrolle eingefügt. Mir schickte sie eine Fotokarte, wie üblich an unsere Wohnadresse. Für Primo adressierte sie eine Postkarte mit der Schreinerei-Adresse versehen, die nicht mehr gültig war. Jede Karte wurde am selben Tag, aber nicht am selben Ort in der Stadt Zürich in den gelben Briefkasten geworfen. Und beide kamen gleichzeitig bei uns zu Hause an. Beide wurden im Briefzentrum Mülligen zur selben Zeit bearbeitet. Beide Stempel tragen den Tag 18.10.17 und die Uhrzeit 22 Uhr. In dieser Bearbeitungszeit muss der Computer mit unsere Adressänderung konfrontiert worden sein und die neue Anschrift entdeckt haben. Diese drückte er maschinell ans untere Kartenende und ermöglichte so, dass beide Sendungen wieder zusammenfanden und miteinander in unserem Briefkasten landeten.

Wir staunten und freuten uns!

Tags darauf erhielten wir Briefpost mit gelben Klebern, auf denen unsere Heimadresse aufgedruckt worden ist. Offenbar können nur Sendungen maschinell bearbeitet werden, wenn die Briefumschläge sorgfältig und in einem gewissen Rahmen angeschrieben sind, damit sie der Computer problemlos erfassen kann. Aber offensichtlich kann er keine Adressen vom Fenstercouvert automatisch bearbeiten. Mit Unebenem arbeitet er nicht. Ich stellte auch fest, da wo gelbe Adresskleber nötig waren, ist der Brief uneben. In einem gelb beklebten Couvert fand ich zum Beispiel einen Weihnachtsstern, in einem anderen Bettelbrief einen Kugelschreiber. Solche Sendungen können nicht maschinell bearbeitet werden, folgere ich jetzt.

Wahrscheinlich gehören die gelben Kleber noch zur postalischen Handarbeit. Ebenso die Korrektur der Postleitzahl 8084 auf einem Brief für uns. Richtig wäre 8048 gewesen.

Letizias Karte «Ich hol Dir die Sterne vom Himmel» verlangt noch einen Hinweis:
Letizia spricht da ihren Vater als Kunigunde Elfriede Pümperlitz an. Diese ist in unserer Kommunikation eine Figur, mit der wir Spass machen und kleine Geschichten erzählen, damit das Leben nicht immer nur ernst ist.

Tage zuvor ist im Tages Anzeiger ein Artikel über jene Mieter aus dem Welti-Furrer-Areal erschienen, die ihre Werkstätten jetzt verlassen müssen. Auch Primo wurde befragt und fotografiert. Und dieses Interview hatte Kunigunde Elfriede Pümperlitz natürlich gelesen. Dass den 4 Männern je eine Figur aus den Geschichten von Asterix und Obelix übertragen wurde, faszinierte natürlich unsere Kunigunde.
Das gallische Dorf von Zürich-West – Tages-Anzeiger-Artikel vom 12.10.2017

Samstag, 21. Januar 2017

Eine Briefmarke wirbt für einen sensiblen Umgang mit der Natur

Dem Briefkasten entnahm ich eine Postkarte, die in der Ukraine aufgegeben wurde. Sofort erkannte ich die von der Schweizer Post herausgegebene Sondermarke mit dem Thema Ökologie in Europa (Think Green, Be Green). Solche habe ich öfters und gern benutzt. Gestaltung, die Farbe Grün und besonders ihre Botschaft entsprechen mir.

So vertraut mir die erwähnte Briefmarke einen Augenblick lang erschien, sie ist nicht deckungsgleich mit unserer Sondermarke. Jene aus der Ukraine ist eine Verwandte von ihr. Auch sie wirbt speziell für den Umweltschutz. Sie trägt ebenfalls Grün. Aber sie trägt auch Details auf sich, die nur für die Ukraine wichtig und passend sind.

Links von ihr die Ergänzung im kleineren Format: Die abgebildete Frucht eines gesunden Baumes mit einem seiner Blätter.

Die beiden Sondermarken ergänzen sich gut. Aber nur jene links mit der Zahl 3oo ist für das Porto zuständig.

Ich habe die Fotos aus der Schweizer Philatelie und jene auf der Postkarte zusammen fotografiert. Viel Spass beim Suchen der Unterschiede.

Die Postkarte selbst ist auch ein Unikat. Mit Schwüngen geschmückt. Links und rechtsseitig und auch am unteren Rand hüllen sie die Grüsse in einer Art Umarmung ein. Und für eine gute Reise «Par Avion» ist sogar ein Engel verantwortlich.

Im Dezember entdeckte ich in der Sihlpost Zürich eine neu eingerichtete Philatelie. Und dort konnte ich nochmals von den erwähnten Sondermarken Ökologie in Europa kaufen.

Die Briefmarken «Europa 2016 - Ökologie in Europa» sind auch online im Postshop der Schweizerischen Post käuflich: www.postshop.ch
Schade, dass ich den Text unter der Foto nicht verstehe.

Und schon ist das Rätsel gelöst. Tochter Letizia überraschte mich mit der Übersetzung des handschriftlichen Textes. Sie konnte berichten, dass es sich bei dem Bild auf der Postkarte um das Hauptgebäude der Nationalen Jurij-Fedkowstsch-Universität Czernowitz handle. Früher Erzbischöfliche Residenz in Czernowitz (Residence of Bukovinian and Dalmatian Metropolitans). Und heute UNESCO-Weltkulturerbe. Der handschriftliche Text auf der Postkarte lasse sich übersetzen mit: «Immer von Bedeutung, über die Zeit hinaus».
Link zu UNESCO-Weltkulturerbe: whc.unesco.org

Aber wie kommt meine Tochter zu einer solchen Übersetzung? Man könnte es moderne Brieffreundschaft nennen. Im vergangenen Herbst suchte Letizia auf der ganzen Welt nach antikem Christbaum-Schmuck. Sie kaufte im Onlineshop von Marina alte sowietische Kugeln. So kam sie auf die Idee, bei ihr anzufragen, ob sie uns helfen könnte. Dass sich Czernowitz dann noch als Marinas Heimatstadt herausstellte, freut uns ganz besonders.

Donnerstag, 16. April 2015

Meine persönliche Briefmarke fand ihren Weg zurück

Zu meinem letztjährigen Geburtstag wurden mir persönlich gestaltete Briefmarken geschenkt. Die ganze Familie war an der Produktion beteiligt. Die Töchter, der Ehemann, der Schwiegersohn und die Enkelinnen. Alle stellten ein Sujet zur Verfügung, einige eine Foto, die andern ein extra dafür gemaltes Bild.
DIE POST – so der Name der Schweizerischen Post – ermöglicht es, mit dem Programm „WebStamp" persönliche Briefmarken herzustellen.
 
Letizia sammelte die Bilder und realisierte über das erwähnte Onlinetool einige Bogen Briefmarken zu den Tarifen Fr. 1.– für das Inland und Fr. 1.40 für Europa. Mit ihnen schmückte ich einen Teil der Weihnachts- und Neujahrspost.
 
Heute besitze ich nur noch 2 Exemplare, und diese hüte ich wie eine wertvolle Antiquität. Es sind 2 Stücke aus der Serie von Letizia, die eine Foto aus meiner Jugendzeit verwendete und sie mit der Zahl meines Alters, dem Text Grosy Grand-mère ici voilà und einer überragenden Königskrone gestaltete.
Ende Februar kam einer dieser Briefe als unzustellbar zurück. Er konnte unserem Freund Frank nicht zugestellt werden, weil er von Aachen weggezogen war. Die deutsche Post sandte deshalb den Umschlag in die Schweiz zurück. Und hier musste noch nach mir gefahndet werden. Ich war nachlässig gewesen, hatte keinen Absender auf den Umschlag gestempelt.
 
Da erwies sich der Code auf der Briefmarke als Wegweiser. Die zu ihr gehörende Auftragsnummer und Postleitzahl führten dann zu Letizia. Sie hatte die Briefmarken realisiert, ihr wurde der unzustellbare Brief zurückgegeben. Und sie schickte ihn sofort weiter zu mir, dass sich der Kreis der Reise schliesse und meine Glückwünsche an Franks neue Adresse nochmals starten konnten.
 
Als ich ihn über E-Mail informierte und nach der aktuellen Adresse fragte, schrieb er: „Das ist ja unvorstellbar. Ich wusste nicht, dass man bei Euch selber Briefmarken gestalten kann, finde es aber eine schöne Idee. Aber dass aufgrund dieser Marke dann ein absenderloser Brief zurückrecherchiert wurde, ist unglaublich.“
 
Ich sandte ihm den ursprünglichen Weihnachtsgruss, der in Aachen nicht zugestellt werden konnte im Umschlag der Schweizer Post, adressiert an Letizia. Und ich schob diesen auch noch in jenes Couvert, das Letizia für die Rücksendung zu mir benützt hatte.
 
Frank reagierte sofort, als die angekündigte Sendung eingetroffen war. Er antwortete auf die Glückwünsche. Und weiter schrieb er: „Und dann habe ich den von Dir beschriebenen Postweg nochmal schön gedanklich durch die einzelnen Umschläge nachvollziehen können. Das ist wirklich eine tolle Geschichte!!
Ich danke ganz herzlich dafür!“
 
Es ist eine perfekte Geschichte, empfinde ich. Sie zeigt, wie verantwortungsvoll die Institution Post in diesem Fall in Deutschland und in der Schweiz mit unseren Sendungen umgeht. Erst eine Unstimmigkeit aus ihrer Kundschaft zeigt dann die offensichtlich stets präsente Qualität auf.
 
Auch ich danke. Was wäre auch mein Leben ohne die Post?

Sonntag, 12. Mai 2013

Die Sicht vom Herrenbergli zum Briefzentrum Mülligen ZH

Das Herrenbergli sei ein Geheimtipp, las ich in einem Prospektblatt von „Grün Stadt Zürich“, in dem die Grünflächen von Albisrieden und Altstetten vorgestellt sind. Gemeint waren Friedhöfe, Parkanlagen, Verkehrsgrün, Schulgrün, Sportanlagen und extensive Grünflächen. Diese grüne Dienstabteilung der Stadt Zürich pflegt 4440 Hektaren öffentlichen Grünraum und weiss Bescheid, wo es schön ist.
Dahin luden wir unsere beiden Töchter und Mena, unsere Enkelin, zu einem Spaziergang ein. Einen Berg zu besteigen, ist immer spannend. Er muss nicht hoch sein. Aber wenn er uns Übersicht schenkt, dann ist es ein richtiger Berg. Beim Herrenbergli handelt es sich um einen Moränenhügel. Sein Name endet mit der Verkleinerungsform –li. Es muss sich also um einen kleinen Berg handeln. Was es mit den Herren zu tun hat, ist unbeantwortet. Ich denke an Arbeitgeber von einst. Die Herren waren Besitzer, ihnen untertan die Arbeiter und Vorarbeiter. Vielleicht gehörte der Hügel einmal einem Fabrikanten.
 
Das Herrenbergli ist heute allen zugänglich. Es sind mir 3 Wege bekannt. Einer mit einer direkten Treppe am Ende des Blinddarms der Dachslernstrasse. Wir benützten den Pfad durch die Wiese, der vom Alters- und Pflegezentrum Herrenbergli nach oben führt.
 
Oben auf der Krete laden 2 Sitzbänke zum Verweilen ein. Mit Blick über die Stadt, zum Hönggerberg und unten ins Tal, zum Briefzentrum Mülligen. Eine Gelegenheit, der 11-jährigen Enkelin diese Drehscheibe unserer Korrespondenz zu zeigen. Mena hat mir schon manche Karten und Briefe geschrieben, die dieses wichtige Zentrum passieren mussten. Es ist das einzige, das in der Schweiz die internationale Briefpost verarbeitet. Auf einer Grundfläche von ungefähr 70 000 m2 arbeiten etwa 1200 Postangestellte.
 
Die Distanz zu unserem Zuhause ist gering. Ich stelle mir immer vor, dass am Abend, wenn der gelbe Briefkasten an unserer Strasse geleert wird, die eingeworfene Post ohne viele Umwege nach Mülligen komme und anschliessend z. B. nach Paris weitergeleitet werde. Ob es stimmt, dass sich meine Briefe dann im obersten Sack befinden und darum zuerst verarbeitet werden, ist wahrscheinlich eine Illusion. Und doch: Meine Briefe werden zuverlässig eingesammelt und rasch auf die Reise geschickt.
Dann erinnerten sich die Töchter daran, dass ich mir schon gewünscht habe, selber als kleines Paket oder Brief zu reisen, damit ich erfahren könnte, wie sich eine Reise von A nach B anfühlt. Und sie sprachen aus, wie das wäre, wenn ich als Sendung auf dem Fliessband daher käme.

Du willst sicher sofort wissen, wer neben dir liegt. Und dich fragen: Wer hat mich geschrieben? Bin ich eine Rechnung oder ein Liebesbrief? Wohin reise ich? Und schnell bemerken, dass mich ein schöner Briefumschlag umgibt. Feines Papier und Briefmarken aus der Philatelie. Nebenan ein voluminöser A-Postbrief, von dem ich erwarte, dass er von Hand sortiert werden muss, weil er die Schleuse der 2 cm Dicke vielleicht nicht passieren kann. Gewiss wirst du auch neben dir reisende Sendungen ansprechen. Nach dem Woher und Wohin fragen und über die Namen der Orte staunen. Und falls du als kleines Paket unterwegs bist, fällst du vielleicht irgendwo hinunter, verursachst Lärm. So Primos Vorstellung. Und er spielte uns entsprechende Geräusche vor.
 
Es wurde auch darüber gesprochen, dass ich die einzelnen Postsäcke, in denen ich spediert worden war, beschreiben würde. Vielleicht so: Es müffelte, war modrig, ein kleines Loch spendete etwas Licht. Schlafen konnten wir nicht. Einige Sendungen stöhnten. Über uns allen lag eine schwere Last. Und die Bahnwagen schepperten, machten Lärm. Nach langer Fahrt dann die Ankunft in Paris. Heiteres, weisses Licht. Fremde Stimmen, eine fremde Sprache. Und ähnliche Manöver wie in Mülligen, jetzt in umgekehrter Reihenfolge. Wurde in Zürich Post aus den gelben Kästen eingesammelt, müssen sie hier in die Briefkästen der Wohnhäuser verteilt werden. Darum ist die korrekte Anschrift so wichtig.
 
Und ich stellte mir dann ganz still und ohne es auszusprechen vor, wie ich in Zürich-Altstetten ankomme. Ich bin da noch ein von Mena geschriebener Brief. Aber sobald sich der Briefkasten im Hauseingang öffnet, auch wieder die normale Grossmutter, die ihm Post aus Paris entnimmt. Da wurde es dann hell für den Brief, und auch für mich.

Sonntag, 8. Mai 2011

Ein schwarzer Abfallsack und Briefpost geben Rätsel auf

Ein schwarzer Plastiksack störte mich. Wie tot lag er am Abhang vor meinem Bürofenster. Er flog nicht fort, bewegte sich nicht. Den wollte ich hereinholen. Auf dem Weg hinter das Haus fand ich dann zusätzlich noch Papiertaschentücher, Fetzen einer Schokoladeverpackung und 2 Stimmrechts-Couverts für die nächste Abstimmung. Es sah so aus, als ob ein Papierkorb über einen Balkon herunter entleert worden sei. Die angeschriebenen Personen mit ausländischen Namen wohnen aber nicht hier.
 
Zuerst wollte ich die noch verschlossenen Couverts wieder der Post übergeben, entschloss mich dann, die Sendungen den Adressaten gleich selber wieder zuzustellen. Als ehemalige Postbotin konnte ich gar nicht anders reagieren.
 
Und wir hatten es schon als Kinder gelernt, keine Fetzen herumliegen zu lassen. In der Primarschule wachte der Abwart in der Pause auf seine Ordnung. Liessen wir Abfälle einfach fallen, pfiff er und das hiess: „Fötzeln“. Anstatt die Pause zu geniessen, mussten wir den Schulhof säubern. Interessant, wie sich die Erinnerung daran sofort meldete.
 
Für mich ist die Aufgabe nun erfüllt. Und für die Personen, die an jenem Abend ihre Stimmrechts-Umschläge erneut vorfanden?
 
Welche Geschichte könnte dahinter stecken? War da jemand überfordert oder einfach uninteressiert, an der Abstimmung teilzunehmen und warf die Couverts deshalb fort? In den schwarzen Sack, dem auch noch andere Abfälle anvertraut wurden? Und dann an die Strasse gestellt? Dem Stadtfuchs vor die Nase? Konnte er noch ein paar Delikatessen finden? Trug er die Beute an einen stillen Ort hinter unser Haus? Der leere Sack gab keine Geheimnisse preis, war etwas zerknittert, aber ohne Spuren von Esswaren.
 
Der Fuchs ist hier bekannt. Ich hatte ihn nachts auch schon beobachtet, und kürzlich lief er sogar zur Mittagszeit auf der leicht erhöhten Wiese, unserem Balkon gegenüber, sehr selbstbewusst vorbei. Nicht als Flüchtender, sondern seiner Majestät bewusst. Er schaute sogar zu uns hinüber.
 
Verhält es sich so, wie es die Fantasie zu dieser Geschichte hier vorgibt, dann muss die erneut zugestellte Abstimmungs-Post grosse Fragezeichen, vielleicht sogar Wut, ausgelöst haben. Aber auch dann, wenn Kinder mit den Abfällen spielten und diese nur achtlos liegen liessen.
 
Wir sollten den Fuchs nach des Rätsels Lösung fragen können.

Sonntag, 17. April 2011

Kultur-Werbebanner auf der schweizerischen Briefpost

Werbebanner gab es schon früher, als wir noch nicht mit dem Computer arbeiteten. Sie ergänzten den Datum- und Aufgabeortsstempel, der die Briefmarken maschinell entwertete. Als Werbungsträger für besondere Orte und Städte gaben sie den Briefen ein sehr persönliches Gepräge. Sie gefielen mir. Ich nahm viele ihrer Anregungen wahr und besuchte solche Orte. Enttäuscht wurde ich nie. Es handelte sich immer um Hinweise auf schweizerische Kultur.
 
Alle Beispiele wurden auch bebildert, nicht nur mit Worten dargestellt. 
AARAU: Die Stadt der schönen Giebel
KLOTEN: Das Flughafendorf
SCHAFFHAUSEN: Schatzkammer zu Allerheiligen
ADELBODEN: Unerschöpfliches Wandergebiet
WALD (ZH): Wander- und Skigebiet
ZÜRICH: Die Stadt der schönen Geschäfte 
Auf dem Stempel von Zürich warb das Grossmünster für unsere Stadt. Um ihre Türme kreisten Möwen. Briefe, die solche Motive auf sich trugen, erzählten etwas vom Absenderort.
 
Diese Bilder, von denen ich hier nur wenige Beispiele aufzählte, sind uns verloren gegangen. Wenn ich meine Briefe an meinem Wohnort in den gelben Briefkasten werfe, werden diese im gigantischen Briefzentrum Mülligen verarbeitet und mit dem immer gleichbleibenden Stempel versehen: Eine maschinelle Kalligraphie, die das Schweizerkreuz fasst, ergänzt von Ort, Datum und Verarbeitungszeit im gefassten Kreis. Korrekt, sauber, klar, nüchtern, aber langweilig. Ein Glück, dass es noch variantenreiche Sonderbriefmarken gibt.
Letzte Woche blitzte ein solches Werbebanner vor meinen inneren Augen auf, als ich von einer Freundin hörte, sie stelle gegenwärtig Batikarbeiten im Schloss Pratteln BL aus. Ich entschloss mich augenblicklich, ihre Ausstellung zu besuchen, weil ich diesen Ort doch schon seit Jahren einmal aufsuchen wollte. Ja, die Werbung auf einem Brief aus Pratteln befand sich seit mindestens 40 Jahren immer noch in der Warteschlaufe. Es hat sich vorher nicht ergeben, dahin zu reisen und wenn ich schon mit der Bahn über Pratteln nach Basel fuhr, konnte ich mir nicht vorstellen, dass ein Schloss in einem von der Industrie dominierten Gebiet standesgemäss überleben kann.
 
Es war dann Liebe auf den ersten Blick, und wenn das Schloss reden könnte, hätte es vielleicht gesagt: Endlich bist du gekommen!
 
Es hat menschliche Masse. Seine Räume und auch sein Innenhof nehmen die Besuchenden beinahe familiär auf. Und die aktuelle, farbenfreudige Ausstellung strahlte auch aus.
 
Unter „Kultur Pratteln“ finden sich im Internet Hinweise auf weitere Ausstellungen. Die erwähnte dauert nur noch bis und mit Palmsonntag, 17.04.2011.
 
Interessant auch die Geschichte des Schlosses, die ich einem Prospekt des Hauses entnehme: Das Adelsgeschlecht der Herren von Eptingen erstellten das Weiherschloss sowie die Burg Madlen um das Jahr 1275.
 
Am 18. Oktober 1356 zerstörte das Basler Erdbeben dann beide erwähnte Bauten. Das Weiherschloss wurde wieder aufgebaut und ziert heute den alten Dorfkern von Pratteln. Beide mögen sich, ergänzen sich. Das Schloss ist während der Ausstellungen jeweils am Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Eintritt frei.

Sonntag, 8. August 2010

Postkarten, Briefe aus den Ferien. Umgang mit der Post

Jetzt trifft wieder Ferienpost ein. Heute aus der Bretagne, gestern aus Stralsund und etwas weiter zurück aus Sidney, Prag und aus Appenzell.
 
Ich freue mich immer über sichtbar gewordene Gedanken. Es heisst da manchmal, dieser Ort würde mir gefallen oder es wäre schön, wenn ich auch mitgereist wäre. Was immer auch das Motiv ist, dass Karten verschickt werden: Diese Tradition gefällt mir.
 
Die eingegangenen Karten sind farbig. Der Himmel meist blau, und wo er bewölkt ist, sind imposante Wolkenformationen dargestellt. Aus Prag erreichten mich letzte Sonnenstrahlen vor dem Sonnenuntergang. Da ist die Stadt in ein goldenes Licht getaucht.
 
Das Blau, von dem ich sprach, muss auch anderen gefallen. Sonst würde es nicht so oft dargestellt. In den meisten Fällen wird es nicht exakt den Augenblick eines Himmelbildes darstellen, sondern den Farbentscheid eines Druckers, der den Wunsch einer Tourismusbehörde umsetzt.
 
Der Himmel über Sydney entspricht exakt meiner Wahrnehmung in Norwegen. Ich nenne es Trondheim-Blau. Dort sprach es mich an und nahm mich in seinen Bann. Ich kann es nicht mehr vergessen. Hier gibt es dieses Blau selten, am ehesten nach dem ersten Herbsteinbruch, wenn die Sonne nicht mehr so hoch am Himmel steht. Dieses Blau wirkt kühl, aber nicht kalt. Es strahlt Frische aus, die zur Klarheit gehört.
 
Ich freue mich, dass es diese Post noch gibt, die auch handschriftlich angeschriebene Briefe und Karten zustellt. Aus der eigenen Erfahrung als Aushilfspöstlerin weiss ich, dass gerade diese Post ein emotionales Gewicht hat, die eine Verträgerin spürt. Auch wenn die Grüsse und Texte nicht gelesen wurden, konnte ich ahnen, dass sie Freude bereiten. Und ich trug sie vor allem gern aus.
 
In letzter Zeit hat meine Liebe zur Post gelitten. Die Tarifanpassung für die Auslandbriefe Europa per 01.04.2010 (bis dahin Fr. 1.30, neu Fr. 1.40) ging an mir vorbei, ebenso letztes Jahr die Reduktion für A4-Briefe in der Schweiz. Es ärgerte mich, dass ich mangels Informationen Fehler machen musste. Es sah so aus, dass nur noch die Grosskunden interessant seien. Nun ist das Rätsel aber gelöst. Der Kleber „Stopp! Bitte keine Reklame“, der in unserem Haus an allen Briefkästen angebracht ist, verhinderte die Zustellung eines neuen Tarifblattes. Da ich ihn nicht selbst platzierte – er war schon da, als wir hier einzogen ­– habe ich mich mit diesem Thema gar nicht befasst. Trotzdem, von der Post hätte ich nicht erwartet, dass sie ihre Tarifmitteilungen als simple Reklame einstuft. Gut. Ich bin jetzt informiert und richte mich danach. Ich habe meine Haltung geändert. Ich warte nicht mehr, dass man mich informiere. Ich will mich von Zeit zu Zeit selber erkundigen, ob sich etwas geändert hat. Und da habe ich gleich eine interessante Beobachtung gemacht. Schon beim nächsten Besuch in der Post fiel mir der Ständer im Eingangsbereich mit vielen Informationen zu allen Dienstleistungen auf. Diese habe ich bisher übergangen, habe alle Schriften als Reklame betrachtet und dort keine Tarifinformation erwartet. Sie wäre aber bereitgelegen.
 
Die ganze Geschichte hat sicher auch mit meinem Alter zu tun. Ich habe ungefähr 55 Jahre lang erfahren, dass mich die Post immer informierte, wenn sie an ihren Tarifen etwas änderte.
 
Wer über 60 Jahre alt ist, muss sich mehr und mehr nicht nur von Menschen, sondern immer auch von Institutionen, Organisationsformen, Gewohnheiten, Sicherheiten usw. verabschieden. Ob es uns passt oder nicht.

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Deutsche in der Schweiz: Das Thema berührt auch mich

Schlagzeilen wirken weniger als Schläge, wenn sie von Karikaturen, zum Beispiel von Felix Schaad, begleitet sind. Seine träfen Beiträge im Tages-Anzeiger entspannen öfters mein Frühstück.
 
Schon bald eine Woche liegt Seite 21 vom 2. Oktober 2008 offen auf meinem Schreibtisch und amüsiert mich. Eine Bildgeschichte über 5 Sequenzen zu einem Artikel „Wie die neuen Ausländer die Schweiz verändern“.
 
Ein Mann mit locker umgebundener Krawatte, die Ärmel hochgekrempelt, überlegt: Er sei gewiss kein Rassist, aber sein Vorgesetzter sei ein Deutscher, sein Arzt ebenfalls und auch die Dozenten seiner Tochter. Und aus dem Fenster lehnend, sieht er bestätigt, dass es in seinem Quartier von ihnen nur so wimmle. Während dieser Aufzählung zeigte er sich von verschiedenen Seiten, mit der Hand im Hosensack, stehend und gehend. Dann sehen wir ihn bei sich zu Hause. Seine Frau sitzt auf dem Sofa und liest die FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Von ihr will er jetzt wissen: „Wofür sind wir eigentlich in die Schweiz gezogen?“
 
Es fällt mir auf, dass in den letzten Monaten das Thema „Die Deutschen kommen“ immer wieder aufgegriffen worden ist. Statistiken dazu belegen, dass die Einwanderung zunimmt.
 
Ich frage mich trotzdem, ob das sinnvoll ist. Wird da Angst geschürt? Ich weiss es nicht. Auf jeden Fall bin ich persönlich vorsichtig, denn meine Urgrosseltern kamen auch aus Deutschland und haben hier wertvolle Arbeit geleistet. Der Urgrossvater war ein Spezialist für den Bau hoher Fabrikkamine. Er und seine Frau stammten aus dem Gebiet der Donau-Versickerungen.
 
2 Tage später betrete ich die Sihlpost beim Zürcher Hauptbahnhof. Es herrscht ein reger Betrieb. Die Schalter von A bis M alle besetzt. Ich drücke die Taste am Automaten, der mir den Zettel mit der anstehenden Nummer ausspuckt. Die 487. Es nimmt mich wunder, wie lange ich warten muss und schaue nach einer Anzeigetafel aus. Am Leuchtkasten oberhalb des Nummernautomaten erscheint die 05. Sie irritiert mich. „Da stimmt etwas nicht!“ sage ich leise vor mich hin und überprüfe nochmals meinen Zettel. Das war vermutlich eine Alterserscheinung, dass ich redete, wo andere schweigen. Ein junger Mann hat mich beobachtet und sofort eingegriffen. Freundlich erklärt er mir das System. Er verweist auf die Anzeigetafel über den Schaltern. Ich müsse nur warten, bis dort meine Nummer erscheine. Zu ihr gehöre ein Buchstabe, der sei für den betreffenden Schalter wegweisend. Es war ein Deutscher!
 
Ich musste lachen. Einerseits über mich, dass ich die 05 am Kasten falsch deutete. Sie ist neu und zeigt die mutmassliche Wartezeit an. Ich kannte sie noch nicht. Andererseits passt es zum Thema, dass die Deutschen da und sogar sehr hilfsbereit sind.

Samstag, 8. März 2008

Milch-„Gebsi“: Der spezielle Behälter für unsere Briefpost

Heute morgen bin ich im Hof mit unserem Briefträger zusammengetroffen. Ich informierte ihn gleich über unseren baldigen Umzug nach Altstetten. Und er erklärte mir, dass ich am neuen Wohnort in den selben Zustellkreis gehöre. Dort seien alles gute Leute. Ich werde sicher weiterhin zuverlässig bedient.
 
Daran habe ich gar nicht gezweifelt. Schon am ersten Tag, als ich noch nicht wusste, dass wir als Mieter an der Eugen-Huber-Strasse akzeptiert werden, bemerkte ich, dass hier die Briefpost schon vor 9 Uhr ausgetragen wird. Das deutete ich als gutes Omen.
 
Die Fäden zur Post bleiben also intakt. Jetzt nimmt es mich nur noch wunder, wo ich die eingetroffenen Briefe in Zukunft hinlegen werde. Es fehlt im neuen Zuhause noch der dafür geeignete Platz.
Seit 40 Jahren dient uns an strategisch richtigem Ort ein hölzernes Becken, „Gebsi“ genannt. (Ein Schweizer Dialektwort für Becken, Waschbecken oder Zuber). Eine Weissküferarbeit aus dem Toggenburg. Wir fanden die etwas lädierte, weggeworfene Schale auf einer damals noch rudimentären Abfalldeponie. Primo erkannte sofort die Schönheit ihrer Form. Dass das Holz an 2 Orten ausgerissen und mit Drähten zusammengehalten wurde, störte ihn nicht. Wir nahmen sie mit, sprachen noch mit den Vermietern unserer Ferienwohnung darüber und erfuhren, dass dieses „Gebsi“ zur Milchentrahmung gebraucht worden sei. Es fasste die frische Milch, die tags darauf abgesahnt werden konnte.
 
In seinen Boden waren Initialen der Besitzer eingebrannt. Und zu Hause fügte Primo diesen auch die eigenen auf gleiche Weise an. Und damit war das „Gebsi“ sozusagen zu einem Mitglied unserer Familie geworden.
 
In Zürich fing es dann alle Post auf, die noch beantwortet werden musste. Es behütete Briefe, Prospekte, Einladungen, Pläne, Visitenkarten, Notizen, oder kleine Dinge, von denen wir nicht wussten, ob wir sie behalten sollen. Und hier, in dieser Schale drin, geschah dann etwas Ähnliches wie mit der Milch. Indem die Papiere ruhten, trennte sich im übertragenen Sinn der Rahm von der Milch. Manches erledigte sich von selbst. Wichtiges wurde plötzlich erkannt. „Gebsis“ Platz auf einer Kommode am Durchgang von der Küche zur Stube war ideal. Den gibt es so jetzt nicht mehr.
 
Ich weiss noch nicht, ob wir dieser treuen Dienerin wieder einen grossräumigen Platz zuweisen können, der ihrem 45-cm-Durchmesser entspricht. Das beschäftigt mich. Wenn ich darüber schreibe, mokiere ich mich über mich selbst. Es ist ja nur ein Detail unseres gesamten Umzuges, ich weiss. Und doch ein wichtiges.
 
Während der Wohnungssuche wurde ich manchmal gefragt: „Kannst du noch schlafen?“ Ja. Das war kein Problem. Aber jetzt schlafe ich manchmal lange nicht ein, weil ich an „Gebsi“ denke. Unsere Zusammenarbeit war so wertvoll, dass ich mir nicht vorstellen kann, sie einfach in Pension zu schicken.

Samstag, 8. Dezember 2007

Post: Die Mitarbeit in der Briefzustellung beflügelte mich

Heute fehlte der „Tages-Anzeiger“ in unserem Briefkasten. An seiner Stelle lag die „Neue Zürcher Zeitung“. Eine Verwechslung, die ich gut nachvollziehen kann. Abonnierte Zeitungen und neu auch abonnierte Wochenblätter ohne aufgedruckte Adresse zuzustellen, ist eine anspruchsvolle Arbeit.


Meine mehrjährigen Erfahrungen als „Postaushelferin“ (Zustellung der Briefpost am Samstag) spiegeln sich in diesem Verständnis.
 
Für einen Rückblick habe ich mein Tagebuch von 1983 hervorgeholt. Dort ist meine erste, noch von der Vorgängerin begleitete Tour beschrieben. Damals brauchten wir noch Schlüssel, um die Briefkästen innerhalb eines Hauseingangs zu bedienen. Neu waren aber die als Code verschlüsselten Namen auf dem Tableau der Hausglocken. Ein Druck auf das richtige Wort – und die Haustür öffnete sich. Heute müssen die Briefkästen aussen angebracht sein, was die Arbeit wesentlich vereinfacht.
 
Frau K., die mich einführte, beeindruckte mich. Sie verteilte die Briefe in einem erschreckenden Tempo. Da, dort, hier, unten, oben, rechts. Ein kurzer Blick auf eine Anschrift und schon hob sich der Arm in die richtige Richtung. Ihre Arbeit pulsierte und die Briefkästen schepperten in ihrem persönlichen Takt. Schon im 2. Haus übergab sie mir den entsprechenden Bund. Was Frau K. verinnerlicht hatte, fehlte mir aber noch. Zwar gründlich, aber noch zu langsam, versuchte ich, die Adressaten zu finden und die Bürde loszuwerden. Im 3. Haus übernahm sie dann selbst wieder das Zepter, und ich ging neben ihr her. Ihre vielfältigen Hinweise, worauf ich ganz speziell achten müsse, kamen locker daher. Konnte ich das alles behalten? Würde ich überhaupt den Weg mit seinen vielen Abzweigungen wieder erkennen? Ob ich dann noch daran denke, dass der Zugang zu den Briefkästen einmal sogar durch eine Metzgerei und an einem andern Ort durch ein Restaurant führe? Auf unserem gemeinsamen Weg grüsste Frau K. einige unserer Postkunden und stellte mich als Nachfolgerin vor. Mich machte sie auch auf schwierige Kunden aufmerksam. Die hagere Frau dort, höre das Gras wachsen und jener Mann telefoniere regelmässig dem Chef, weil er immer etwas auszusetzen habe.
 
Auf halber Tour war dann unser Handwagen leer, unsere Arbeit aber noch nicht beendet. Es wartete ein deponierter Postsack, dessen Inhalt wir umladen und auch noch verteilen mussten. Wichtig war, dass die einzelnen, nummerierten Pakete in richtiger Reihenfolge verstaut wurden. Nur so können die Pakete selber den weiteren Weg der Tour vorgeben.
 
Nach nur einmaliger Begleitung und doch in kurzer Zeit hatte ich die Aufgabe dann verinnerlicht, und meine Arme reagierten ebenso roboterhaft wie jene von Frau K., wenn ich eine Anschrift las. Und jedesmal, wenn ich den leeren Wagen in die Sihlpost zurückbrachte, freute ich mich, dass jetzt wieder viele wichtige Papiere an ihren Zielen angekommen waren.
 
Gastarbeiter warteten immer schon vor ihrer Haustür auf die Post aus der Heimat. Manchmal musste ich ihnen etwas Amtliches vorlesen, was sie nicht verstanden hatten und nach Möglichkeit erklären. Da leuchtete dann ein sonst verschlossenes Gesicht, wenn eine erwartete Mitteilung endlich angekommen war.
 
Und ich wurde beschenkt. Am Morgen brachte ich jeweils nicht nur die Post in die Metzgerei Gut. Ich gab auch meine Bestellung ab. Im Stoffsack befanden sich der Zettel mit meinen Wünschen und das Portemonnaie mit dem nötigen Geld. Wenn ich ihn auf dem Rückweg abholte, waren immer auch Zugaben darin. Oft hat die liebenswürdige Frau Gut eine Flasche warme Fleischbrühe hinein verpackt, in der ich dann zu Hause die zarten Leberknödel aufwärmen konnte. Die ganze Familie träumt noch von dieser echten Bouillon. Diese feine Metzgerei gibt es leider schon lange nicht mehr. Heute müssen wir in der Stadt an vielen Orten Fleisch in der Plastikfolie kaufen. Das widerstrebt mir immer noch. 
 
Manchmal spüre ich ein bisschen Heimweh nach diesen Zeiten. Auch darum, weil mein Wesen gut zu den Postboten passt. Es ist eine Gemeinschaft eigenständiger Menschen, die sich gerne bewegen, selbständig arbeiten und nicht darüber jammern, wenn es regnet oder schneit. Unvergesslich ist mir der Moment, wenn um 8 Uhr die Glocke im Sortierraum klingelte. Das war das Zeichen, dass wir ausschwärmen konnten. Auch wer seine Tour schon vorher bereitgestellt hatte, musste warten, bis die letzten, manchmal verspäteten Zeitungen eingetroffen waren. Dann stürmten alle zum Lift, zwängten sich mit ihren Ladungen hinein, und sobald sich die Tür unten öffnete, spurteten sie davon. Viel schneller als ich es konnte.
 
Unterwegs durften wir die Einladung eines Wirts zu einem Kaffee annehmen. So informierte mich der für meine Tour zuständige Chef. Die Post schätze ein gutes Einvernehmen mit ihren Kunden. Die Gefahr, zu lange sitzen zu bleiben, kam nicht auf. Meine Tour z. B. wurde mit 3 Stunden à Fr. 16.– entlöhnt. Vertrödelte ich die Zeit aus irgendwelchem Grund, blieb der Lohn doch der gleiche.
 
Anfänglich fühlte ich etwas Stress, hatte Angst, die heiligen Hallen der Sihlpost wären schon verschlossen, wenn ich endlich zurückkäme. Das passierte aber nie.
 
Als ich den Dienst kündigte, erinnerte mich der Chef an die PTT-Brosche, die uns als Aushilfspöstler auszeichnete. Ob ich das Depot von Fr. 5.–  zurückerhalten oder die Brosche behalten wolle. Er lachte, als ich mich für die Brosche entschied. Das habe er erwartet.
Jetzt habe ich bei den Akten meiner Aufzeichnungen auch noch den Ausweis für Postaushelfer gefunden. Primo beobachtete mich, hatte volles Verständnis für meine Rührung.
 
Da heisst es: „Der Inhaber dieses Ausweises ist berechtigt, sich zu postdienstlichen Verrichtungen in den Diensträumen des nachverzeichneten Amtes aufzuhalten.“ 
Mit Stempel der Briefausgabe und Telefon-Nummer.
 
In Zürich-Mülligen ist im November 2007 ein neues, gigantisches Sortierzentrum entstanden. Da habe ich keinen Zutritt mehr. Im ersten Quartal 2008 beginnt dann der Abbau der Sihlpost in Zürich. Wie immer sich jetzt die Verteilung abspielt, ihr letzter Dienstast ist nicht maschinell besetzt. Es sind Menschen, die uns die Post bringen. Weil niemand von uns perfekt ist, können sich Verwechslungen oder Verspätungen einstellen. Gerade auch in der strengen Weihnachtszeit. Für dieses Verständnis werbe ich, obwohl ich Perfektion grundsätzlich liebe und sie voraussetze.

Samstag, 24. November 2007

Der Christbaum auf dem Baukran, das Windrad im Garten

Heute steht das Windrad beinahe still. In den vergangenen Wochen aber arbeitete es schwer. Die Bise trieb es an und gönnte ihm keine Pausen. Unsere Augen waren meist zu langsam, um die einzelnen Fächer noch zu erkennen. Einmal landete es im Gras und musste zurechtgebogen werden. Dann folgte es wieder seiner Bestimmung. Primo hatte es aus einer gebrauchten Alu-Getränkedose zugeschnitten und es an der Teppichstange befestigt. Das leichte Material erwies sich als richtig. Es reagiert auf feinste Anstösse und folgt den verschiedensten Windrichtungen.
 
Und heute darf es einmal ruhen. Dafür ist jetzt mein eigenes, inneres Rad im Schwung. Wer es antreibt, weiss ich nicht genau. Ich stelle mir vor, dass es eine geistige Energie ist.
 
Vom Wind wissen wir, dass er ein Beweger ist, eine Energie, die wir nicht sehen können. Was wir wahrnehmen, sind seine Reaktionen: Die Blätter zittern, wenn er in die Bäume fährt. Die Wasseroberfläche kräuselt sich, wenn er gegen den Strom bläst. Als Velofahrende kenne ich ihn als Rücken- oder Gegenwind. Und ich fürchte ihn, wenn er zum masslosen Sturm wird, weil er auch als Zerstörer bekannt ist.
 
In Museen können wir Weltkarten aus jener Epoche finden, als die Erde noch als eine Scheibe aufgefasst wurde. Auf solchen Darstellungen sind an den 4 Ecken des Bildes jeweils die Winde als blasende, menschliche Köpfe dargestellt. Aber niemand hat den Wind je als Person gesehen. Das ist Bildsprache, Symbolsprache. Ich bin immer noch am Suchen, wie ich meine persönliche Lebensenergie als Bild verstehen könnte. Das Windrad allein genügt nicht. Es braucht noch ein Symbol für die Energie selbst.
 
So viel habe ich bis jetzt aber begriffen: Sie braucht Anstösse, um zur Bestform aufzulaufen. Gestern Abend bekam ich einen solchen „Schupf“ (Anstoss), als ich auf dem Baustellenkran in meinem Umfeld einen erleuchteten Christbaum entdeckte. Hoppla! Die Weihnachtszeit bricht an.
Und heute lief dann in dieser Hinsicht vieles wie am Schnürchen: Letizia hatte sofort Zeit, die typografische Textgestaltung unserer Weihnachts- und Neujahrskarte zu besprechen und mir einen Entwurf zu liefern. Dann holte ich in der Papeterie die passenden Briefumschläge und fand in den Auslagen gleich noch die Agenden für 2008. Danach zog mein Velo eine grössere Kurve in die Innenstadt, damit ich die festlichen Briefmarken einkaufen konnte. Die „Philateliestelle“ innerhalb der Fraumünsterpost in Zürich ist dafür die richtige Adresse.
 
Beschwingt bin ich zurückgekommen. Beschwingt gehe ich an weitere Vorarbeiten für den Versand heran. Ich liebe diese Zeit, in der Kontakte wieder gefestigt werden. Es macht mir Spass, Briefe zu schreiben und Glückwünsche zu versenden. Beschwingt bin ich jetzt auch, weil ich endlich eine Form gefunden habe, in der ich die Beobachtungen rund ums Windrad in einen Beitrag fürs Blogatelier einbinden kann. Und jetzt weiss ich auch gleich noch, wie die mich gerade bewegende Energie heisst: Begeisterung.
 
Aber: Begeisterung kann auch gefährlich werden. Darüber gibt jeweils der Blutdruckmesser Auskunft.

Mittwoch, 5. September 2007

Mathon GR: Die letzten Farbtupfer auf meine Ferienberichte

Auf dem Heimweg,  von Lohn (Graubünden) herkommend, begann es zu regnen. In der Rinne am Strassenrand sammelte sich das Wasser. Es bildeten sich Luftblasen, die uns begleiteten. Es gab da ganze Blasen-Familien, die sich zusammenfanden, grosse und kleine Gruppen und auch Einzelgänger. Manche lösten sich schnell wieder auf, andere waren langlebig. Neben ihnen hergehend, wurde unser Heimweg zum Spiel.
 
So sehe ich heute die Ferientage an mir vorüberziehen und entschwinden. Letzte Gelegenheit also, wenn ich nochmals vom Erlebten erzählen will.
 
Thema Wasser: Das Bachdelta auf halbem Weg nach Wergenstein
Primo nannte den Zusammenfluss zweier Bäche so: Bachdelta. Ihre Namen kennen wir nicht. Es schien uns nur, dass sie sich auf ihrem allerersten Wegstück in die Welt hinaus befänden und sich noch mit vielen Bächen und Flüssen vereinigen werden.
 
In diesem archaischen Gerölldelta gefiel es uns ausnehmend gut. Wir schauten den Sturzfluten zu, wie sie über den Felsabbruch hinab donnerten und an den Gesteinsbrocken schliffen. Es zeigte sich manches Gesicht im Stein, als wir die Strukturen betrachteten. Viele Formen, viele Farben. Auch eine weinrote war dabei. Der eine Bach kam ruhig daher, locker über die mächtigen Gesteinsbrocken springend. Der andere zeigte sich wild. Nach ihrem Zusammenfluss verschwindet das Wasser wie in einem Trichter unter der Strasse und stürmt dann durch das bewaldete, tiefe Tobel dem Tal zu, wo es dann in den Hinterrhein einfliesst.
Thema Bewegungsfreiheit
Einmal, als Mena zeichnete, sagte sie ganz unvermittelt: „Die Wohnung in Paris interessiert mich nicht.“ Es war, als ob sie ihren Gedanken einen Riegel schieben wollte. Sie war jetzt in Mathon, und nichts sollte sie von hier ablenken. Als ich sie verwundert anschaute, sprach sie gar noch abschätzig über ihr Zuhause.
 
Das hat seinen Grund: In Paris muss sie einen Code eingeben, wenn sie die Haustür öffnen will. Und sie darf nie alleine das Haus verlassen. Ganz anders in Mathon. Hier war sie frei, sprang durch die Haustür hinaus und kam über 2 Ecken und den Sitzplatz wieder zurück. Der Ort ist von seiner Lage her geschützt. Die Grenzen, die ihr in Paris gesetzt sind, gab es hier nicht. Und auch in der modern eingerichteten Wohnung stand den Kindern ausreichend Raum zur Verfügung.
 
Post und Zeitung
Die Post von Mathon ist von Montag bis Freitag von 7.45 h bis 8.45 h offen. Und der aus Zürich umgeleitete „Tages-Anzeiger“ wurde uns schon um 9 Uhr vor die Haustür gelegt. Ein Service, der vielleicht nur in der Schweiz so perfekt funktioniert. Mena rannte dann hinaus und holte das Blatt für den Grossvater. Die papierene Zeitung war eine Entdeckung für sie. Ihre Eltern lesen ihre Zeitung nur im Internet. Jedesmal schauten wir zusammen die Wetterprognosen an. Die mit Sonne, Wolken, Regen und in entsprechenden Farben dargestellte Wetterentwicklung ist auch für ein 5-jähriges Kind verständlich und spannend. Vorlesen musste ich nur, was zu Paris geschrieben stand.
 
Das Postauto brachte auch die Lebensmittel aus dem Tal hinauf. Einmal pro Woche war eine grosse Anlieferung. Da konnten dem Bauch dieses Gefährts alle bestellten Waren, auch Gemüse und Früchte, entnommen werden. Es traf sich, dass ich diese Ankunft einmal miterlebte. Primo packte gleich zu und half beim Ausladen. In solchen Momenten fühlte ich mich den Menschen aus Mathon sehr nahe. Ich bewundere ihre innovative Art. Sie kennen den Wert ihrer Region und verstehen es, ihrer Jugend tragfähige Perspektiven zu vermitteln, ohne die Seele dieser einmaligen Region zu verkaufen. Ihr Internet-Auftritt  www.muntsulej.ch ist in diesem Sinne beeindruckend.
 
Restaurant „muntsulej“
Für die Enkelkinder gehörten die Pommes frites, Glacékugeln und der Wirt, der für uns Musik auflegte, zu den Höhepunkten der Ferien. Mena sprach es in dieser Reihenfolge aus und ihre 1-jährige Schwester wippte seither jedesmal, wenn sie das Wort „Musik“ hörte. Ganz nach dem Motto von Franz Schweighofer „Kein Gast zu gross, kein Gast zu klein, um herzlich willkommen zu sein.“
 
Auch die Wirtin vom Gasthaus Orta in Lohn sei noch erwähnt. Einfühlsam gelang es ihr, Mena die Angst vor dem grossen Hund wegzunehmen.
 
Schlussbild
Noch immer rätsle ich, ob das, was ich gesehen habe, Wirklichkeit war oder ob ich ein inneres Bild geschaut habe.
 
An einem der letzten Ferientage hörte ich auf der Höhe der Post das Gebimmel einer Kuhglocke näherkommen. Ich wartete. Aus dem toten Winkel an der Strasse gegen Wergenstein sah ich einen Sennenhund daherkommen, gleich hinter ihm eine grosse, drahtige Frau mit gebändigtem Kraushaar, einen Stecken in der Hand, neben ihr die Kuh, die den Umzug eingeläutet hatte. Hinter ihnen kam ein Pferd, auf ihm sitzend eine schöne, junge Frau. Und dahinter trotteten, gleichmässig ausgerichtet, 2 Wollschweine nebeneinander her.
 
Ich starrte auf diesen Umzug. Die vorangehende Frau schaute auch mich an, und ich sagte: „Isch das ä schööns Bild!“ (Ist das ein schönes Bild.) Und sie stimmte mir zu: „Gälled Sie!“ (Schweizer Redensart, die Zustimmung bedeutet).
 
War es eine Sennerin, und sah ich hier einen kleinen Alpabzug? Diese Episode ist ein wundersamer Abschluss meiner Mathon-Ferien. Ich bedauere nur, dass ich dieser Gruppe nicht länger nachgeschaut habe. Jetzt weiss ich nicht, wohin sie ging, und darum bin ich unsicher, wie ich sie einordnen muss. Vergessen werde ich sie sicher nicht.

Sonntag, 15. Juli 2007

Kopenhagen und die kleine Meerjungfrau schicken Grüsse

Eine Ansichtskarte aus Kopenhagen steht im Mittelpunkt meines Blogs von heute. Als Feriengruss ist sie bei mir eingetroffen. Verführerisch schön mit Aufnahmen wichtigster Orte dieser Stadt und mit einer Foto der Skulptur von Hans Christian Andersens kleiner Meerjungfrau, dem Nationalsymbol der Dänen. Noch immer schaut sie wartend und traurig aufs Meer und berührt alle, die sie sehen.
 
Auf der Rückseite der Karte, unten im Bereich, der den persönlichen Grüssen vorbehalten ist, sprach mich die Skizze der Stadtsilhouette mit den Türmen verschiedenster Gebäude und Kirchen sofort an. Sie zeigt sich anders als moderne Städte heute erscheinen wollen. Hier weisen alle Bauten über sich hinaus. Kein Flachdach, kein Wolkenkratzer ist dabei. Historische Bauwerke geben mir immer den Eindruck, wir könnten ihre Giebel oder Türme ersteigen, um ins Universum abzufliegen. Locker und leicht. Ganz anders die modernen „Towers“, deren Dächer eine horizontale Grenze zwischen dem Materiellen und dem Geistigen ziehen. Oben angekommen, muss die Decke wie eine Barriere wirken. Ein dickes Brett über dem Kopf. So empfinde ich ihre abgeschlossene Form.
 
Zur Silhouetten-Skizze auf der Postkarte gehört rechts unter dem Adressbereich auch noch eine dazu, die den Hafen mit einem grossen Schiff markiert. Sie ist für mich in der nachfolgenden Geschichte ebenfalls wichtig.
 
Diese Postkarte aus Kopenhagen löste also vielerlei aus, besonders auch den Wunsch, die Geschichte der kleinen Meerjungfrau wieder einmal zu lesen. Der Dichter, Hans Christian Andersen, der diese Figur erschuf, lebte von 1805–1875. Und seine Märchen leben heute noch. Sie sind voller Spannung, erreichen uns in seelischen Tiefen, wo die Erfahrungen der Menschheit zu Hause sind. Die Bilder, die sie erzeugen, sprechen für sich selbst. Wir verstehen sie, ohne dass wir sie ausführlich deuten müssen.
 
„Die kleine Meerjungfrau“ ist die Geschichte einer grossen Liebe, von der der schöne Prinz mit den grossen, schwarzen Augen nichts weiss. Als sein Schiff im Sturm kenterte, wäre er ertrunken, hätte ihn die Meerjungfrau nicht aufgefangen und ans Land gebracht. Solange er von ihr durch die Meeresfluten getragen wurde, waren seine Sinne ermattet, und als er von der Sonne beschienen, am Strand endlich aufwachte, sah er seine Retterin nicht. Ausserhalb seines persönlichen Blickwinkels schaute sie nach ihm aus. Er lächelte alle anderen dankbar an, die ihm entgegenkamen, nur sie nicht. Er konnte sie nicht sehen.
 
Diesen einen Aspekt der Geschichte habe ich für meinen Aufsatz herausgezogen, weil ich gleich danach im Tram eine zwar banale Episode erlebte, der aber das gleiche Thema zugrunde liegt.
 
An der Tramhaltestelle Förrlibuck in Zürich versuchte eine Frau nervös, ihre Fahrkarte dem Billett-Automaten zu entlocken. Sie fütterte ihn mit reichlich Kleingeld, aber nicht alle Münzen wurden sofort akzeptiert. Das Tram war eingefahren, Gäste ein- und ausgestiegen und wäre sicher weitergefahren, wenn nicht eine Frau im Tram die Situation erfasst hätte. Sie konnte von ihrem Sitzplatz aus mit Knopfdruck die Türschliessung blockieren und der Frau draussen die Mitfahrt ermöglichen. Es dauerte eine ganze Weile. Als sie einstieg, seufzte diese erleichtert und setzte sich auf einen freien Platz. Sie dankte nicht, wusste nicht, wer ihr geholfen hatte. Sie vermutete vielleicht, dass der Chauffeur die Situation über den Rückspiegel erfasst habe. Sie war einfach erleichtert, dass sie jetzt fahren konnte und nur mit sich selbst beschäftigt.
 
Ich aber sass der helfenden Frau über den Gang schräg gegenüber und konnte beobachten, wie enttäuscht sie war. Ihr Mund verzog sich, ihr Gesicht wurde lang. Sie konnte es nicht verwinden, dass man sie überging. Sie schien zu denken: Hat diese Person keine Manieren? Danke hätte sie sagen können. Sie kann froh sein, dass ich ihr geholfen habe. Ich zwinkerte ihr zu, doch konnte ich sie nicht erreichen. Ihre Enttäuschung blockierte sie.
 
In diesem Augenblick erinnerte ich mich an die kleine Meerjungfrau im Märchen, mit der ich tags zuvor einen glücklichen Ausgang der Geschichte ersehnt hatte und dachte: Es muss sich um ein Lebensgesetz handeln, denn wir alle kennen solche Situationen. Wahre Hilfe bleibt oft unerkannt.
 
Wie es die kleine Meerjungfrau geschafft hat, über sich selbst hinaus zu steigen, erzählt Andersen auch noch. Das Märchen ist im Internet abrufbar.

Donnerstag, 29. Juni 2006

In der Aareschlucht. Von Reiseeindrücken und Souvenirs

Der Kugelschreiber aus Einsiedeln ist ein Souvenirartikel. Im rechtshälftigen Teil ist die Klosterfassade abgebildet, und vor dieser fährt ein Postauto vorbei, wenn ich den Schreibstift etwas schräg halte. Kinder freuen sich speziell an diesen Mitbringseln. Auch ich habe Spass daran.

Nun besitze ich ein gleiches Modell, jedoch aus dem Kiosk der Aareschlucht bei Meiringen. In der Schräglage bewegen sich ein Knabe und ein Mädchen durch diesen imposanten Raum. Sie staunen, wie alle, die auf den überhängenden Stegen dem Flusslauf ruhig folgen. Auch Primo und ich. Die junge Aare ist hier jungfräulich milchig, fliesst ruhig an den hohen Felswänden vorbei, muss aber auch Enge erleiden. Der Weg ähnelt jenem eines Kindes bei der Geburt.
Diese Schlucht ist eine riesige Kathedrale, misst 1,4 km Länge und 200 m Tiefe. Das Felsgestein ist uralt, in der Kreidezeit als Meerablagerung entstanden. Die Wände ausgebrochen und ausgewaschen, sind wild geformt, mit vielen Gesichtern im Gestein. Das Flussbett eine geschwungene Linie, das Dach grösstenteils offen. Hier wachsen auch Bäume, bringen grüne Farbe hinein.
Der Rat eines Bahnbeamten in Meiringen, den Osteingang in die Schlucht zu benützen, erwies sich als gut. Wir konnten dem Wasserlauf folgen und am Ende der Wanderung fand sich noch ein einladendes Gasthaus.

In der Bahn zum Reichenbachfall, ebenfalls im Umfeld von Meiringen, entdecke ich in der Ferne ein Postauto, das auf einer Höhenstrasse fährt. Es ist so klein wie jenes in meinem Einsiedeln-Kugelschreiber. Obwohl ich weiss, dass es ein reales Postauto ist, wirkt es von weitem wie eine Miniatur. Die Bilder kippen wie auf einer Schaukel vom grossen Postauto, das Menschen transportiert, zum Modell und wieder zurück.

Auch vom Reichenbachfall und der Drahtseilbahn, die zu ihm führt, will ich noch erzählen. Die romantische Bahn fährt heute auf dem aktuellsten Stand der Technik und überwindet eine Höhendifferenz von 244 m in 7 Minuten. Oben angekommen, stehen wir dem tosenden Wasser gegenüber. Der 120 m hohe Fall zerfledert seine Flut und wirft feinsten Wasserstaub auf unseren Weg. Ich lasse mich gern besprühen, fühle die Energie. Auf dem Wanderweg nach Zwirgi können wir diesem Wasser, das weit hinten im Tal dem Rosenlaui-Gletscher entspringt, auf immer wieder anderen Aussichtsplattformen und auch auf einer kleinen Brücke begegnen. Diese Wucht, mit der es seine Kraft zeigt! Atem beraubend.

Gegenüber der Bergstation ist übrigens ein weisser Stern auszumachen. Er bezeichnet jene Stelle, an der nach dem Roman von Conan Doyle Sherlock Holmes und sein Erzfeind Professor Moriarty ihren tödlichen Kampf ausfochten. Eine flache, aus Holz geschaffene Sherlock-Figur steht zum Fotografieren bereit. Wer sich hinter sie stellt und durch das offene Gesichtsfeld schaut, gibt ihr das eigene Gesicht.

Erstaunt hat mich an beiden Orten nur, dass wir wenig Schweizerdeutsch hörten. Sind nur Japaner, Kanadier, Amerikaner, Engländer und Österreicher darüber informiert, dass hier echte Naturwunder zu bestaunen sind?

Als ich dem Bahnbegleiter auf dem Rückweg vom Reichenbachfall meine Eindrücke schildere und ihm sage, dass wir in Zürich davon schwärmen werden, antwortete er erfreut: „Ja, machen Sie das!“

Freitag, 21. Oktober 2005

Schweizer Post: Doppelgesichtige Sondermarke Matterhorn

Stephan Eicher, der bekannte Musiker, gestaltete eine Sondermarke für die Schweizer Post. Sie ist schon seit März 2005 im Umlauf. Eine ganz eigenwillige Erscheinung. Gar nicht so leicht zu beschreiben. Sie weist den Wert von 85 Rappen auf und ist doppelgesichtig.

Sie zeigt uns das Matterhorn. Der Aufdruck HELVETIA, den jede Schweizer Briefmarke auf sich trägt, ist hier aber absichtlich verkehrt aufgedruckt. Nur die Zahl 85 ist normal zu lesen. Wende ich dann die Marke, kann ich HELVETIA lesen. Nun stehen aber die Zahlen auf dem Kopf. Und aus dem Matterhorn ist der Kontinent Afrika geworden.

Wie man heute weiss, stammen die letzten rund 1000 Höhenmeter des Matterhorns ursprünglich aus Afrika. Es sind Teile der afrikanischen Kontinentalplatte, die sich in vielen Jahrmillionen zu uns hin verschoben und aufgetürmt haben. Eicher bedankt sich deshalb beim afrikanischen Kontinent dafür und nennt seine Briefmarke „Merci“.

Ich habe jetzt gleich nochmals einen Vorrat solcher Sondermarken angelegt. Ich möchte sie noch oft benützen und mich weiterhin verunsichern lassen. Denn jedesmal, wenn ich sie aufgeklebt habe, ist mein Ordnungssinn irritiert. Entweder ist die Zahl 85 nicht normal zu lesen oder dann schauen die HELVETIA-Buchstaben aus, als seien sie aus einer russischen Schrift gestaltet.

Es ist hier unmöglich, alles in herkömmlicher, braver Norm zu sehen. Und das tut gut. Die eigene Sicht der Dinge ist sowieso nicht allumfassend. Ebenso verhält es sich mit den Gedanken. Nur wenn wir sie drehen und wenden, können wir zu neuen Anschauungen und kreativen Lösungen gelangen.

Ich hoffe, dass ich eines Tages auch eine so geniale Entdeckung mache wie der Künstler, der im Matterhorn den afrikanischen Kontinent gesehen hat.

Hinweise
Link zur Abbildung der Briefmarke

Dienstag, 10. Mai 2005

Nachlässigkeiten im Umgang mit Namen und Adressen

Jetzt habe ich gerade eine E-Mail erhalten. Mit Hinweis auf eine bevorstehende Klassenzusammenkunft. Den Absender nenne ich hier Franz. Ich kenne ihn nicht. Er schreibt, er habe die Mail-Adressen von unserem Kurs in den Computer eingegeben. Um zu wissen, ob alle richtig erfasst seien, bitte er um ein OK-Mail. Er wählte die kleinste Schrift. So fiel mir nicht sofort auf, dass diese Nachricht mit dem Vornamen einer Frau unterschrieben war. Ich orientiere mich immer zuerst an der Absender-Adresse.

Unmut meinerseits. Wenn ich etwas verabscheue, dann sind es Verschleierungen. Was will dieser Franz mit Bestätigungen von Mail-Adressen, unter denen die meine offensichtlich auch figuriert? Worauf bezieht er sich? Ein Wunder, dass ich seine Anfrage nicht sofort gelöscht habe.

Dann bemerkte ich den weiblichen Vornamen unter dem Text und konnte mir einen Reim machen. Eine Mitschülerin aus dem Seminar X, an dem ich auch teilnahm, durfte offenbar den Computer ihres Mannes benutzen, dachte aber nicht daran, im Betreff einen Hinweis auf sich einzufügen. Sorglos schickte sie das „Franz-Mail“ an ihre Kolleginnen. Sie konnte sich offenbar nicht vorstellen, dass wir sie nicht sofort erkennen würden. Als ehemalige Verträgerin von Briefpost bin ich immer noch allergisch auf alle Nachlässigkeiten in Adressen, die Mehrarbeit und oft auch Verwirrung verursachen. Aber mehr noch störte es mich, dass sich eine junge Frau über ihren Franz definierte.

Vor 15 Jahren, als meine Mutter gestorben war und meine Schwester und ich für die Vermögens-Inventarisation ins Stadthaus gerufen wurden, mussten wir die Personalausweise mitbringen. Damals wurde pro Familie nur einer ausgestellt, selbstverständlich auf den Namen des Mannes. So sassen dann meine Schwester als Paul Anton und ich als Alfred Primo vor der Beamtin, die unsere Papiere prüfte. Und wir wollten von ihr wissen, warum wir mit den Ausweisen der Ehemänner antraben mussten. Die Ehe sei ein Zusammenschluss von 2 Personen, die zu einer neuen Einheit geworden sei, sagte sie feierlich. Da genüge ein Dokument.

Bald aber änderte die Praxis, und Frauen durften den eigenen Personalausweis bestellen. Die Gleichberechtigung kam voran. Der Name einer Frau bekam den gleichen Wert, wie der des Mannes. Jetzt sollte er nur noch selbstbewusst gebraucht werden.

Samstag, 5. März 2005

Ganz im Sinne der Post-Kampagne für den Brief

Die Karten, die mir meine Tochter am letzten Samstag zukommen liess, waren als Heilmittel gegen Abschiedsschmerz gedacht. Nun liegen sie schon eine Woche auf meinem Schreibtisch und haben tatsächlich wehmütige Gedanken verscheuchen können.

Auf meiner Samstags-Posttour fand ich viermal innerhalb der vorsortierten Sendungen an meinen Namen gerichtete Karten und einen Brief von ihr. Immer wieder an eine andere Strasse und an eine andere Hausnummer adressiert. Humoristisch gestaltet. Mit Fantasiefiguren und ausgewählten Briefmarken dekoriert. Es fehlt auch nicht der Hinweis auf die gegenwärtige Kampagne der Post: GROSSES BEGINNT MIT EINEM BRIEF. In meinem Fall wurde er erweitert: ODER MIT DIESER POSTKARTE!

Ja, so ist es. Gross sind Letizias Humor und Kreativität. Sie hat mir den Abschied leicht gemacht. Die Post braucht mich nicht mehr. Die Stellen für uns Samstagszusteller wurden aufgehoben. Es war meine letzte Posttour.

Samstag, 22. Januar 2005

Posttour ab Zürich-West

Durchs Fenster an der Pforte sehe ich auch heute wieder, wie es drinnen wimmelt. Ich hole die vorbereitete Posttour für meine Route in Zürich-West. Als so genannte Aushilfe arbeite ich nur am Samstagmorgen, stelle Briefpost zu.

Wie immer, werde ich sofort nach dem Eintreten in den Sog dieser hier arbeitenden Menschen mitgerissen. Es macht Spass, hinter den Kulissen zu erleben, wie Briefe und Zeitungen ihren Weg zu den Adressaten finden. Hier arbeiten Menschen, die schnell und gleichzeitig zuverlässig agieren können. Jede Tour ist ein kleines Reich. Die Zuständigen nehme ich als Individualisten wahr, die aber zu einem grossen Ganzen gehören. Und da füge ich mich als kleine Aushilfe ganz gern ein.

Das erste Wegstück ist stotzig (steil). Ich schiebe den Karren ruhig voran. Im ersten Drittel gehe ich auf einer kaum befahrenen Strasse. Es ist so still, dass ich im Sommer jeweils Pendulen-Schläge aus einer Wohnstube vernehmen kann.

Ich schätze die eingravierten Namen an den Briefkästen, muss aber auch Detektiv sein. Von Hand angeschriebene und vom Wetter verwitterte Klebeetiketten können einen verwirren. Dazu die vielen fremden Namen, von denen nicht sofort auszumachen ist, welches der Familien- und welches der Vorname ist. Doch schwierige Fälle prägen sich ein. Alle bekommen ihre Post.

Unterwegs spreche ich mit meinen Füssen und Knien und danke ihnen, dass sie mir behilflich sind. Tausende Schritte muss ich tun, auf und ab, auch in Gärten und Höfe hinein.

Im Altersheim hole ich die Post aus dem gelben Kasten und schleuse sie in den Zustellkanal. Unterwegs treffe ich wieder auf jenen Mann, der seit Monaten auf meinem letzten Wegstück, an Stöcken humpelnd, eine neue Beweglichkeit einübt.

Hunderte von Sendungen gingen durch meine Hand. Von allen geht eine ganz eigene Ausstrahlung aus. Schöne Briefe bewundere ich, auch wenn der Blick auf ihnen nur Sekunden oder Bruchteilen davon ruhen kann. Auch spezielle Briefmarken erkenne ich sofort. Postkarten aus fernen Ländern entfachen Reisefieber. Immer sind es Sendungen von und an Menschen. Was bringe ich Ihnen? Gutes oder schwer Verdauliches? Sicher bin ich oft Schicksalsträgerin, ohne dass ich es weiss.