Wer mich gut kennt, weiss bereits, dass für mich ein Leben ohne Post Vereinsamung wäre.
Darum erzähle ich gern wieder einmal eine Post-Geschichte, die Applaus verdient.
Wir meldeten unsere Adressänderung. Primos Schreinerei im Welti-Furrer-Areal sei aufgehoben. Alle an sie adressierten Briefe und Pakete sollen neu an unsere Wohnadresse umgeleitet werden.
Tochter Letizia kümmerte sich um das Formular im Internet und füllte es mit unseren Angaben aus. In solchen Augenblicken wird mir jeweils bewusst, wie alt wir geworden sind und ohne Hilfe nicht zurecht kämen.
Kein Problem für jüngere Leute. Die digitale Adressänderung von Letizia übermittelt, wurde sofort automatisch akzeptiert und 4 Tage später fanden wir die korrekt umgeleitete Briefpost im Briefkasten unseres Wohnortes.
Ohne uns zu informieren, hat Letizia für uns noch eine Kontrolle eingefügt. Mir schickte sie eine Fotokarte, wie üblich an unsere Wohnadresse. Für Primo adressierte sie eine Postkarte mit der Schreinerei-Adresse versehen, die nicht mehr gültig war. Jede Karte wurde am selben Tag, aber nicht am selben Ort in der Stadt Zürich in den gelben Briefkasten geworfen. Und beide kamen gleichzeitig bei uns zu Hause an. Beide wurden im Briefzentrum Mülligen zur selben Zeit bearbeitet. Beide Stempel tragen den Tag 18.10.17 und die Uhrzeit 22 Uhr. In dieser Bearbeitungszeit muss der Computer mit unsere Adressänderung konfrontiert worden sein und die neue Anschrift entdeckt haben. Diese drückte er maschinell ans untere Kartenende und ermöglichte so, dass beide Sendungen wieder zusammenfanden und miteinander in unserem Briefkasten landeten.
Wir staunten und freuten uns!
Tags darauf erhielten wir Briefpost mit gelben Klebern, auf denen unsere Heimadresse aufgedruckt worden ist. Offenbar können nur Sendungen maschinell bearbeitet werden, wenn die Briefumschläge sorgfältig und in einem gewissen Rahmen angeschrieben sind, damit sie der Computer problemlos erfassen kann. Aber offensichtlich kann er keine Adressen vom Fenstercouvert automatisch bearbeiten. Mit Unebenem arbeitet er nicht. Ich stellte auch fest, da wo gelbe Adresskleber nötig waren, ist der Brief uneben. In einem gelb beklebten Couvert fand ich zum Beispiel einen Weihnachtsstern, in einem anderen Bettelbrief einen Kugelschreiber. Solche Sendungen können nicht maschinell bearbeitet werden, folgere ich jetzt.
Wahrscheinlich gehören die gelben Kleber noch zur postalischen Handarbeit. Ebenso die Korrektur der Postleitzahl 8084 auf einem Brief für uns. Richtig wäre 8048 gewesen.
Letizias Karte «Ich hol Dir die Sterne vom Himmel» verlangt noch einen Hinweis:
Letizia spricht da ihren Vater als Kunigunde Elfriede Pümperlitz an. Diese ist in unserer Kommunikation eine Figur, mit der wir Spass machen und kleine Geschichten erzählen, damit das Leben nicht immer nur ernst ist.
Tage zuvor ist im Tages Anzeiger ein Artikel über jene Mieter aus dem Welti-Furrer-Areal erschienen, die ihre Werkstätten jetzt verlassen müssen. Auch Primo wurde befragt und fotografiert. Und dieses Interview hatte Kunigunde Elfriede Pümperlitz natürlich gelesen. Dass den 4 Männern je eine Figur aus den Geschichten von Asterix und Obelix übertragen wurde, faszinierte natürlich unsere Kunigunde.
Das gallische Dorf von Zürich-West – Tages-Anzeiger-Artikel vom 12.10.2017
Geschichten von Rita Lorenzetti-Hess aus Zürich-Altstetten und
Archiv sämtlicher Blog-Beiträge aus der Zeit beim Textatelier Hess von Biberstein
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Mittwoch, 25. Oktober 2017
Samstag, 21. Januar 2017
Eine Briefmarke wirbt für einen sensiblen Umgang mit der Natur
Dem Briefkasten entnahm ich eine Postkarte, die in der Ukraine aufgegeben wurde. Sofort erkannte ich die von der Schweizer Post herausgegebene Sondermarke mit dem Thema Ökologie in Europa (Think Green, Be Green). Solche habe ich öfters und gern benutzt. Gestaltung, die Farbe Grün und besonders ihre Botschaft entsprechen mir.
So vertraut mir die erwähnte Briefmarke einen Augenblick lang erschien, sie ist nicht deckungsgleich mit unserer Sondermarke. Jene aus der Ukraine ist eine Verwandte von ihr. Auch sie wirbt speziell für den Umweltschutz. Sie trägt ebenfalls Grün. Aber sie trägt auch Details auf sich, die nur für die Ukraine wichtig und passend sind.
Links von ihr die Ergänzung im kleineren Format: Die abgebildete Frucht eines gesunden Baumes mit einem seiner Blätter.
Die beiden Sondermarken ergänzen sich gut. Aber nur jene links mit der Zahl 3oo ist für das Porto zuständig.
Ich habe die Fotos aus der Schweizer Philatelie und jene auf der Postkarte zusammen fotografiert. Viel Spass beim Suchen der Unterschiede.
Die Postkarte selbst ist auch ein Unikat. Mit Schwüngen geschmückt. Links und rechtsseitig und auch am unteren Rand hüllen sie die Grüsse in einer Art Umarmung ein. Und für eine gute Reise «Par Avion» ist sogar ein Engel verantwortlich.
Im Dezember entdeckte ich in der Sihlpost Zürich eine neu eingerichtete Philatelie. Und dort konnte ich nochmals von den erwähnten Sondermarken Ökologie in Europa kaufen.
Die Briefmarken «Europa 2016 - Ökologie in Europa» sind auch online im Postshop der Schweizerischen Post käuflich: www.postshop.ch
Schade, dass ich den Text unter der Foto nicht verstehe.
Und schon ist das Rätsel gelöst. Tochter Letizia überraschte mich mit der Übersetzung des handschriftlichen Textes. Sie konnte berichten, dass es sich bei dem Bild auf der Postkarte um das Hauptgebäude der Nationalen Jurij-Fedkowstsch-Universität Czernowitz handle. Früher Erzbischöfliche Residenz in Czernowitz (Residence of Bukovinian and Dalmatian Metropolitans). Und heute UNESCO-Weltkulturerbe. Der handschriftliche Text auf der Postkarte lasse sich übersetzen mit: «Immer von Bedeutung, über die Zeit hinaus».
Link zu UNESCO-Weltkulturerbe: whc.unesco.org
Aber wie kommt meine Tochter zu einer solchen Übersetzung? Man könnte es moderne Brieffreundschaft nennen. Im vergangenen Herbst suchte Letizia auf der ganzen Welt nach antikem Christbaum-Schmuck. Sie kaufte im Onlineshop von Marina alte sowietische Kugeln. So kam sie auf die Idee, bei ihr anzufragen, ob sie uns helfen könnte. Dass sich Czernowitz dann noch als Marinas Heimatstadt herausstellte, freut uns ganz besonders.
So vertraut mir die erwähnte Briefmarke einen Augenblick lang erschien, sie ist nicht deckungsgleich mit unserer Sondermarke. Jene aus der Ukraine ist eine Verwandte von ihr. Auch sie wirbt speziell für den Umweltschutz. Sie trägt ebenfalls Grün. Aber sie trägt auch Details auf sich, die nur für die Ukraine wichtig und passend sind.
Links von ihr die Ergänzung im kleineren Format: Die abgebildete Frucht eines gesunden Baumes mit einem seiner Blätter.
Die beiden Sondermarken ergänzen sich gut. Aber nur jene links mit der Zahl 3oo ist für das Porto zuständig.
Ich habe die Fotos aus der Schweizer Philatelie und jene auf der Postkarte zusammen fotografiert. Viel Spass beim Suchen der Unterschiede.
Die Postkarte selbst ist auch ein Unikat. Mit Schwüngen geschmückt. Links und rechtsseitig und auch am unteren Rand hüllen sie die Grüsse in einer Art Umarmung ein. Und für eine gute Reise «Par Avion» ist sogar ein Engel verantwortlich.
Im Dezember entdeckte ich in der Sihlpost Zürich eine neu eingerichtete Philatelie. Und dort konnte ich nochmals von den erwähnten Sondermarken Ökologie in Europa kaufen.
Die Briefmarken «Europa 2016 - Ökologie in Europa» sind auch online im Postshop der Schweizerischen Post käuflich: www.postshop.ch
Schade, dass ich den Text unter der Foto nicht verstehe.
Und schon ist das Rätsel gelöst. Tochter Letizia überraschte mich mit der Übersetzung des handschriftlichen Textes. Sie konnte berichten, dass es sich bei dem Bild auf der Postkarte um das Hauptgebäude der Nationalen Jurij-Fedkowstsch-Universität Czernowitz handle. Früher Erzbischöfliche Residenz in Czernowitz (Residence of Bukovinian and Dalmatian Metropolitans). Und heute UNESCO-Weltkulturerbe. Der handschriftliche Text auf der Postkarte lasse sich übersetzen mit: «Immer von Bedeutung, über die Zeit hinaus».
Link zu UNESCO-Weltkulturerbe: whc.unesco.org
Aber wie kommt meine Tochter zu einer solchen Übersetzung? Man könnte es moderne Brieffreundschaft nennen. Im vergangenen Herbst suchte Letizia auf der ganzen Welt nach antikem Christbaum-Schmuck. Sie kaufte im Onlineshop von Marina alte sowietische Kugeln. So kam sie auf die Idee, bei ihr anzufragen, ob sie uns helfen könnte. Dass sich Czernowitz dann noch als Marinas Heimatstadt herausstellte, freut uns ganz besonders.
Donnerstag, 16. April 2015
Meine persönliche Briefmarke fand ihren Weg zurück
Zu meinem letztjährigen Geburtstag wurden mir persönlich gestaltete
Briefmarken geschenkt. Die ganze Familie war an der Produktion
beteiligt. Die Töchter, der Ehemann, der Schwiegersohn und die
Enkelinnen. Alle stellten ein Sujet zur Verfügung, einige eine Foto, die
andern ein extra dafür gemaltes Bild.
DIE POST – so der Name der Schweizerischen Post – ermöglicht es, mit dem Programm „WebStamp" persönliche Briefmarken herzustellen.
Letizia sammelte die Bilder und realisierte über das erwähnte
Onlinetool einige Bogen Briefmarken zu den Tarifen Fr. 1.– für das
Inland und Fr. 1.40 für Europa. Mit ihnen schmückte ich einen Teil der
Weihnachts- und Neujahrspost.
Heute besitze ich nur noch 2 Exemplare, und diese hüte ich wie eine wertvolle Antiquität. Es sind 2 Stücke aus der Serie von Letizia, die eine Foto aus meiner Jugendzeit verwendete und sie mit der Zahl meines Alters, dem Text Grosy Grand-mère ici voilà und einer überragenden Königskrone gestaltete.
Ende Februar kam einer dieser Briefe als unzustellbar zurück. Er konnte unserem Freund Frank
nicht zugestellt werden, weil er von Aachen weggezogen war. Die
deutsche Post sandte deshalb den Umschlag in die Schweiz zurück. Und
hier musste noch nach mir gefahndet werden. Ich war nachlässig gewesen,
hatte keinen Absender auf den Umschlag gestempelt.
Da erwies sich der Code auf der Briefmarke als Wegweiser. Die zu
ihr gehörende Auftragsnummer und Postleitzahl führten dann zu Letizia.
Sie hatte die Briefmarken realisiert, ihr wurde der unzustellbare Brief
zurückgegeben. Und sie schickte ihn sofort weiter zu mir, dass sich der
Kreis der Reise schliesse und meine Glückwünsche an Franks neue Adresse
nochmals starten konnten.
Als ich ihn über E-Mail informierte und nach der aktuellen Adresse fragte, schrieb er: „Das
ist ja unvorstellbar. Ich wusste nicht, dass man bei Euch selber
Briefmarken gestalten kann, finde es aber eine schöne Idee. Aber dass
aufgrund dieser Marke dann ein absenderloser Brief zurückrecherchiert
wurde, ist unglaublich.“
Ich sandte ihm den ursprünglichen Weihnachtsgruss, der in Aachen
nicht zugestellt werden konnte im Umschlag der Schweizer Post,
adressiert an Letizia. Und ich schob diesen auch noch in jenes Couvert,
das Letizia für die Rücksendung zu mir benützt hatte.
Frank reagierte sofort, als die angekündigte Sendung eingetroffen
war. Er antwortete auf die Glückwünsche. Und weiter schrieb er: „Und
dann habe ich den von Dir beschriebenen Postweg nochmal schön gedanklich
durch die einzelnen Umschläge nachvollziehen können. Das ist wirklich
eine tolle Geschichte!!
Ich danke ganz herzlich dafür!“
Es ist eine perfekte Geschichte, empfinde ich. Sie zeigt, wie
verantwortungsvoll die Institution Post in diesem Fall in Deutschland
und in der Schweiz mit unseren Sendungen umgeht. Erst eine Unstimmigkeit
aus ihrer Kundschaft zeigt dann die offensichtlich stets präsente
Qualität auf.
Auch ich danke. Was wäre auch mein Leben ohne die Post?
Sonntag, 12. Mai 2013
Die Sicht vom Herrenbergli zum Briefzentrum Mülligen ZH
Das Herrenbergli sei ein Geheimtipp, las ich in einem
Prospektblatt von „Grün Stadt Zürich“, in dem die Grünflächen von
Albisrieden und Altstetten vorgestellt sind. Gemeint waren Friedhöfe,
Parkanlagen, Verkehrsgrün, Schulgrün, Sportanlagen und extensive
Grünflächen. Diese grüne Dienstabteilung der Stadt Zürich pflegt 4440
Hektaren öffentlichen Grünraum und weiss Bescheid, wo es schön ist. 

Dahin luden wir unsere beiden Töchter und Mena,
unsere Enkelin, zu einem Spaziergang ein. Einen Berg zu besteigen, ist
immer spannend. Er muss nicht hoch sein. Aber wenn er uns Übersicht
schenkt, dann ist es ein richtiger Berg. Beim Herrenbergli handelt es
sich um einen Moränenhügel. Sein Name endet mit der Verkleinerungsform –li. Es muss sich also um einen kleinen Berg handeln. Was es mit den Herren zu tun hat, ist unbeantwortet. Ich denke an Arbeitgeber von einst. Die Herren waren Besitzer, ihnen untertan die Arbeiter und Vorarbeiter. Vielleicht gehörte der Hügel einmal einem Fabrikanten.
Das Herrenbergli ist heute allen zugänglich. Es sind mir 3 Wege
bekannt. Einer mit einer direkten Treppe am Ende des Blinddarms der
Dachslernstrasse. Wir benützten den Pfad durch die Wiese, der vom Alters- und Pflegezentrum Herrenbergli nach oben führt.
Oben auf der Krete laden 2 Sitzbänke zum Verweilen ein. Mit Blick
über die Stadt, zum Hönggerberg und unten ins Tal, zum Briefzentrum
Mülligen. Eine Gelegenheit, der 11-jährigen Enkelin diese Drehscheibe
unserer Korrespondenz zu zeigen. Mena hat mir schon manche Karten und
Briefe geschrieben, die dieses wichtige Zentrum passieren mussten. Es
ist das einzige, das in der Schweiz die internationale Briefpost
verarbeitet. Auf einer Grundfläche von ungefähr 70 000 m2 arbeiten etwa
1200 Postangestellte.
Die Distanz zu unserem Zuhause ist gering. Ich stelle mir immer
vor, dass am Abend, wenn der gelbe Briefkasten an unserer Strasse
geleert wird, die eingeworfene Post ohne viele Umwege nach Mülligen
komme und anschliessend z. B. nach Paris weitergeleitet werde. Ob es
stimmt, dass sich meine Briefe dann im obersten Sack befinden und darum
zuerst verarbeitet werden, ist wahrscheinlich eine Illusion. Und doch:
Meine Briefe werden zuverlässig eingesammelt und rasch auf die Reise
geschickt.
Dann erinnerten sich die Töchter daran, dass ich mir schon
gewünscht habe, selber als kleines Paket oder Brief zu reisen, damit ich
erfahren könnte, wie sich eine Reise von A nach B anfühlt. Und sie
sprachen aus, wie das wäre, wenn ich als Sendung auf dem Fliessband
daher käme.
Du willst sicher sofort wissen, wer neben dir liegt. Und dich
fragen: Wer hat mich geschrieben? Bin ich eine Rechnung oder ein
Liebesbrief? Wohin reise ich? Und schnell bemerken, dass mich ein
schöner Briefumschlag umgibt. Feines Papier und Briefmarken aus der
Philatelie. Nebenan ein voluminöser A-Postbrief, von dem ich erwarte,
dass er von Hand sortiert werden muss, weil er die Schleuse der 2 cm
Dicke vielleicht nicht passieren kann. Gewiss wirst du auch neben dir
reisende Sendungen ansprechen. Nach dem Woher und Wohin fragen und über
die Namen der Orte staunen. Und falls du als kleines Paket unterwegs
bist, fällst du vielleicht irgendwo hinunter, verursachst Lärm. So Primos Vorstellung. Und er spielte uns entsprechende Geräusche vor.
Es wurde auch darüber gesprochen, dass ich die einzelnen Postsäcke,
in denen ich spediert worden war, beschreiben würde. Vielleicht so: Es
müffelte, war modrig, ein kleines Loch spendete etwas Licht. Schlafen
konnten wir nicht. Einige Sendungen stöhnten. Über uns allen lag eine
schwere Last. Und die Bahnwagen schepperten, machten Lärm. Nach langer
Fahrt dann die Ankunft in Paris. Heiteres, weisses Licht. Fremde
Stimmen, eine fremde Sprache. Und ähnliche Manöver wie in Mülligen,
jetzt in umgekehrter Reihenfolge. Wurde in Zürich Post aus den gelben
Kästen eingesammelt, müssen sie hier in die Briefkästen der Wohnhäuser
verteilt werden. Darum ist die korrekte Anschrift so wichtig.
Und ich stellte mir dann ganz still und ohne es auszusprechen vor,
wie ich in Zürich-Altstetten ankomme. Ich bin da noch ein von Mena
geschriebener Brief. Aber sobald sich der Briefkasten im Hauseingang
öffnet, auch wieder die normale Grossmutter, die ihm Post aus Paris
entnimmt. Da wurde es dann hell für den Brief, und auch für mich.
Sonntag, 8. Mai 2011
Ein schwarzer Abfallsack und Briefpost geben Rätsel auf
Ein schwarzer Plastiksack störte mich. Wie tot lag er am Abhang vor
meinem Bürofenster. Er flog nicht fort, bewegte sich nicht. Den wollte
ich hereinholen. Auf dem Weg hinter das Haus fand ich dann zusätzlich
noch Papiertaschentücher, Fetzen einer Schokoladeverpackung und 2
Stimmrechts-Couverts für die nächste Abstimmung. Es sah so aus, als ob
ein Papierkorb über einen Balkon herunter entleert worden sei. Die
angeschriebenen Personen mit ausländischen Namen wohnen aber nicht hier.
Zuerst wollte ich die noch verschlossenen Couverts wieder der Post
übergeben, entschloss mich dann, die Sendungen den Adressaten gleich
selber wieder zuzustellen. Als ehemalige Postbotin konnte ich gar nicht
anders reagieren.
Und wir hatten es schon als Kinder gelernt, keine Fetzen
herumliegen zu lassen. In der Primarschule wachte der Abwart in der
Pause auf seine Ordnung. Liessen wir Abfälle einfach fallen, pfiff er
und das hiess: „Fötzeln“. Anstatt die Pause zu geniessen, mussten wir
den Schulhof säubern. Interessant, wie sich die Erinnerung daran sofort
meldete.
Für mich ist die Aufgabe nun erfüllt. Und für die Personen, die an jenem Abend ihre Stimmrechts-Umschläge erneut vorfanden?
Welche Geschichte könnte dahinter stecken? War da jemand
überfordert oder einfach uninteressiert, an der Abstimmung teilzunehmen
und warf die Couverts deshalb fort? In den schwarzen Sack, dem auch noch
andere Abfälle anvertraut wurden? Und dann an die Strasse gestellt? Dem
Stadtfuchs vor die Nase? Konnte er noch ein paar Delikatessen finden?
Trug er die Beute an einen stillen Ort hinter unser Haus? Der leere Sack
gab keine Geheimnisse preis, war etwas zerknittert, aber ohne Spuren
von Esswaren.
Der Fuchs ist hier bekannt. Ich hatte ihn nachts auch schon
beobachtet, und kürzlich lief er sogar zur Mittagszeit auf der leicht
erhöhten Wiese, unserem Balkon gegenüber, sehr selbstbewusst vorbei.
Nicht als Flüchtender, sondern seiner Majestät bewusst. Er schaute sogar
zu uns hinüber.
Verhält es sich so, wie es die Fantasie zu dieser Geschichte hier
vorgibt, dann muss die erneut zugestellte Abstimmungs-Post grosse
Fragezeichen, vielleicht sogar Wut, ausgelöst haben. Aber auch dann,
wenn Kinder mit den Abfällen spielten und diese nur achtlos liegen
liessen.
Wir sollten den Fuchs nach des Rätsels Lösung fragen können.
Sonntag, 17. April 2011
Kultur-Werbebanner auf der schweizerischen Briefpost
Werbebanner gab es schon früher, als wir noch nicht mit dem
Computer arbeiteten. Sie ergänzten den Datum- und Aufgabeortsstempel,
der die Briefmarken maschinell entwertete. Als Werbungsträger für
besondere Orte und Städte gaben sie den Briefen ein sehr persönliches
Gepräge. Sie gefielen mir. Ich nahm viele ihrer Anregungen wahr und
besuchte solche Orte. Enttäuscht wurde ich nie. Es handelte sich immer
um Hinweise auf schweizerische Kultur.
Alle Beispiele wurden auch bebildert, nicht nur mit Worten dargestellt.
AARAU: Die Stadt der schönen GiebelKLOTEN: Das FlughafendorfSCHAFFHAUSEN: Schatzkammer zu AllerheiligenADELBODEN: Unerschöpfliches WandergebietWALD (ZH): Wander- und SkigebietZÜRICH: Die Stadt der schönen Geschäfte
Auf dem Stempel von Zürich warb das Grossmünster für unsere Stadt.
Um ihre Türme kreisten Möwen. Briefe, die solche Motive auf sich trugen,
erzählten etwas vom Absenderort.
Diese Bilder, von denen ich hier nur wenige Beispiele aufzählte,
sind uns verloren gegangen. Wenn ich meine Briefe an meinem Wohnort in
den gelben Briefkasten werfe, werden diese im gigantischen Briefzentrum
Mülligen verarbeitet und mit dem immer gleichbleibenden Stempel
versehen: Eine maschinelle Kalligraphie, die das Schweizerkreuz fasst,
ergänzt von Ort, Datum und Verarbeitungszeit im gefassten Kreis.
Korrekt, sauber, klar, nüchtern, aber langweilig. Ein Glück, dass es
noch variantenreiche Sonderbriefmarken gibt.
Letzte Woche blitzte ein solches Werbebanner vor meinen inneren
Augen auf, als ich von einer Freundin hörte, sie stelle gegenwärtig
Batikarbeiten im Schloss Pratteln BL aus. Ich entschloss mich
augenblicklich, ihre Ausstellung zu besuchen, weil ich diesen Ort doch
schon seit Jahren einmal aufsuchen wollte. Ja, die Werbung auf einem
Brief aus Pratteln befand sich seit mindestens 40 Jahren immer noch in
der Warteschlaufe. Es hat sich vorher nicht ergeben, dahin zu reisen und
wenn ich schon mit der Bahn über Pratteln nach Basel fuhr, konnte ich
mir nicht vorstellen, dass ein Schloss in einem von der Industrie
dominierten Gebiet standesgemäss überleben kann.
Es war dann Liebe auf den ersten Blick, und wenn das Schloss reden könnte, hätte es vielleicht gesagt: Endlich bist du gekommen!
Es hat menschliche Masse. Seine Räume und auch sein Innenhof nehmen
die Besuchenden beinahe familiär auf. Und die aktuelle, farbenfreudige
Ausstellung strahlte auch aus.
Unter „Kultur Pratteln“ finden sich im Internet Hinweise auf
weitere Ausstellungen. Die erwähnte dauert nur noch bis und mit
Palmsonntag, 17.04.2011.
Interessant auch die Geschichte des Schlosses, die ich einem
Prospekt des Hauses entnehme: Das Adelsgeschlecht der Herren von
Eptingen erstellten das Weiherschloss sowie die Burg Madlen um das Jahr
1275.
Am 18. Oktober 1356 zerstörte das Basler Erdbeben dann beide
erwähnte Bauten. Das Weiherschloss wurde wieder aufgebaut und ziert
heute den alten Dorfkern von Pratteln. Beide mögen sich, ergänzen sich.
Das Schloss ist während der Ausstellungen jeweils am Samstag und Sonntag
von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Eintritt frei.
Sonntag, 8. August 2010
Postkarten, Briefe aus den Ferien. Umgang mit der Post
Jetzt trifft wieder Ferienpost ein. Heute aus der Bretagne, gestern
aus Stralsund und etwas weiter zurück aus Sidney, Prag und aus
Appenzell.
Ich freue mich immer über sichtbar gewordene Gedanken. Es heisst da
manchmal, dieser Ort würde mir gefallen oder es wäre schön, wenn ich
auch mitgereist wäre. Was immer auch das Motiv ist, dass Karten
verschickt werden: Diese Tradition gefällt mir.
Die eingegangenen Karten sind farbig. Der Himmel meist blau, und wo
er bewölkt ist, sind imposante Wolkenformationen dargestellt. Aus Prag
erreichten mich letzte Sonnenstrahlen vor dem Sonnenuntergang. Da ist
die Stadt in ein goldenes Licht getaucht.
Das Blau, von dem ich sprach, muss auch anderen gefallen. Sonst
würde es nicht so oft dargestellt. In den meisten Fällen wird es nicht
exakt den Augenblick eines Himmelbildes darstellen, sondern den
Farbentscheid eines Druckers, der den Wunsch einer Tourismusbehörde
umsetzt.
Der Himmel über Sydney entspricht exakt meiner Wahrnehmung in
Norwegen. Ich nenne es Trondheim-Blau. Dort sprach es mich an und nahm
mich in seinen Bann. Ich kann es nicht mehr vergessen. Hier gibt es
dieses Blau selten, am ehesten nach dem ersten Herbsteinbruch, wenn die
Sonne nicht mehr so hoch am Himmel steht. Dieses Blau wirkt kühl, aber
nicht kalt. Es strahlt Frische aus, die zur Klarheit gehört.
Ich freue mich, dass es diese Post noch gibt, die auch
handschriftlich angeschriebene Briefe und Karten zustellt. Aus der
eigenen Erfahrung als Aushilfspöstlerin weiss ich, dass gerade diese
Post ein emotionales Gewicht hat, die eine Verträgerin spürt. Auch wenn
die Grüsse und Texte nicht gelesen wurden, konnte ich ahnen, dass sie
Freude bereiten. Und ich trug sie vor allem gern aus.
In letzter Zeit hat meine Liebe zur Post gelitten. Die
Tarifanpassung für die Auslandbriefe Europa per 01.04.2010 (bis dahin
Fr. 1.30, neu Fr. 1.40) ging an mir vorbei, ebenso letztes Jahr die
Reduktion für A4-Briefe in der Schweiz. Es ärgerte mich, dass ich
mangels Informationen Fehler machen musste. Es sah so aus, dass nur noch
die Grosskunden interessant seien. Nun ist das Rätsel aber gelöst. Der
Kleber „Stopp! Bitte keine Reklame“, der in unserem Haus an allen
Briefkästen angebracht ist, verhinderte die Zustellung eines neuen
Tarifblattes. Da ich ihn nicht selbst platzierte – er war schon da, als
wir hier einzogen – habe ich mich mit diesem Thema gar nicht befasst.
Trotzdem, von der Post hätte ich nicht erwartet, dass sie ihre
Tarifmitteilungen als simple Reklame einstuft. Gut. Ich bin jetzt
informiert und richte mich danach. Ich habe meine Haltung geändert. Ich
warte nicht mehr, dass man mich informiere. Ich will mich von Zeit zu
Zeit selber erkundigen, ob sich etwas geändert hat. Und da habe ich
gleich eine interessante Beobachtung gemacht. Schon beim nächsten Besuch
in der Post fiel mir der Ständer im Eingangsbereich mit vielen
Informationen zu allen Dienstleistungen auf. Diese habe ich bisher
übergangen, habe alle Schriften als Reklame betrachtet und dort keine
Tarifinformation erwartet. Sie wäre aber bereitgelegen.
Die ganze Geschichte hat sicher auch mit meinem Alter zu tun. Ich
habe ungefähr 55 Jahre lang erfahren, dass mich die Post immer
informierte, wenn sie an ihren Tarifen etwas änderte.
Wer über 60 Jahre alt ist, muss sich mehr und mehr nicht nur von
Menschen, sondern immer auch von Institutionen, Organisationsformen,
Gewohnheiten, Sicherheiten usw. verabschieden. Ob es uns passt oder
nicht.
Mittwoch, 8. Oktober 2008
Deutsche in der Schweiz: Das Thema berührt auch mich
Schlagzeilen wirken weniger als Schläge, wenn sie von Karikaturen, zum Beispiel von Felix Schaad, begleitet sind. Seine träfen Beiträge im Tages-Anzeiger entspannen öfters mein Frühstück.
Schon bald eine Woche liegt Seite 21 vom 2. Oktober 2008 offen auf
meinem Schreibtisch und amüsiert mich. Eine Bildgeschichte über 5
Sequenzen zu einem Artikel „Wie die neuen Ausländer die Schweiz verändern“.
Ein Mann mit locker umgebundener Krawatte, die Ärmel
hochgekrempelt, überlegt: Er sei gewiss kein Rassist, aber sein
Vorgesetzter sei ein Deutscher, sein Arzt ebenfalls und auch die
Dozenten seiner Tochter. Und aus dem Fenster lehnend, sieht er
bestätigt, dass es in seinem Quartier von ihnen nur so wimmle. Während
dieser Aufzählung zeigte er sich von verschiedenen Seiten, mit der Hand
im Hosensack, stehend und gehend. Dann sehen wir ihn bei sich zu Hause.
Seine Frau sitzt auf dem Sofa und liest die FAZ (Frankfurter Allgemeine
Zeitung). Von ihr will er jetzt wissen: „Wofür sind wir eigentlich in die Schweiz gezogen?“
Es fällt mir auf, dass in den letzten Monaten das Thema „Die Deutschen kommen“ immer wieder aufgegriffen worden ist. Statistiken dazu belegen, dass die Einwanderung zunimmt.
Ich frage mich trotzdem, ob das sinnvoll ist. Wird da Angst
geschürt? Ich weiss es nicht. Auf jeden Fall bin ich persönlich
vorsichtig, denn meine Urgrosseltern kamen auch aus Deutschland und
haben hier wertvolle Arbeit geleistet. Der Urgrossvater war ein
Spezialist für den Bau hoher Fabrikkamine. Er und seine Frau stammten
aus dem Gebiet der Donau-Versickerungen.
2 Tage später betrete ich die Sihlpost beim Zürcher Hauptbahnhof.
Es herrscht ein reger Betrieb. Die Schalter von A bis M alle besetzt.
Ich drücke die Taste am Automaten, der mir den Zettel mit der
anstehenden Nummer ausspuckt. Die 487. Es nimmt mich wunder, wie lange
ich warten muss und schaue nach einer Anzeigetafel aus. Am Leuchtkasten
oberhalb des Nummernautomaten erscheint die 05. Sie irritiert mich. „Da stimmt etwas nicht!“
sage ich leise vor mich hin und überprüfe nochmals meinen Zettel. Das
war vermutlich eine Alterserscheinung, dass ich redete, wo andere
schweigen. Ein junger Mann hat mich beobachtet und sofort eingegriffen.
Freundlich erklärt er mir das System. Er verweist auf die Anzeigetafel
über den Schaltern. Ich müsse nur warten, bis dort meine Nummer
erscheine. Zu ihr gehöre ein Buchstabe, der sei für den betreffenden
Schalter wegweisend. Es war ein Deutscher!
Ich musste lachen. Einerseits über mich, dass ich die 05 am Kasten
falsch deutete. Sie ist neu und zeigt die mutmassliche Wartezeit an. Ich
kannte sie noch nicht. Andererseits passt es zum Thema, dass die
Deutschen da und sogar sehr hilfsbereit sind.
Samstag, 8. März 2008
Milch-„Gebsi“: Der spezielle Behälter für unsere Briefpost
Heute morgen bin ich im Hof mit unserem Briefträger
zusammengetroffen. Ich informierte ihn gleich über unseren baldigen
Umzug nach Altstetten. Und er erklärte mir, dass ich am neuen Wohnort in
den selben Zustellkreis gehöre. Dort seien alles gute Leute. Ich werde
sicher weiterhin zuverlässig bedient.
Daran habe ich gar nicht gezweifelt. Schon am ersten Tag, als ich noch nicht wusste, dass wir als Mieter an der Eugen-Huber-Strasse akzeptiert werden, bemerkte ich, dass hier die Briefpost schon vor 9 Uhr ausgetragen wird. Das deutete ich als gutes Omen.
Die Fäden zur Post bleiben also intakt. Jetzt nimmt es mich nur
noch wunder, wo ich die eingetroffenen Briefe in Zukunft hinlegen werde.
Es fehlt im neuen Zuhause noch der dafür geeignete Platz.
Seit 40 Jahren dient uns an strategisch richtigem Ort ein hölzernes Becken, „Gebsi“
genannt. (Ein Schweizer Dialektwort für Becken, Waschbecken oder
Zuber). Eine Weissküferarbeit aus dem Toggenburg. Wir fanden die etwas
lädierte, weggeworfene Schale auf einer damals noch rudimentären
Abfalldeponie. Primo erkannte sofort die Schönheit ihrer Form. Dass das
Holz an 2 Orten ausgerissen und mit Drähten zusammengehalten wurde,
störte ihn nicht. Wir nahmen sie mit, sprachen noch mit den Vermietern
unserer Ferienwohnung darüber und erfuhren, dass dieses „Gebsi“ zur
Milchentrahmung gebraucht worden sei. Es fasste die frische Milch, die
tags darauf abgesahnt werden konnte.
In seinen Boden waren Initialen der Besitzer eingebrannt. Und zu
Hause fügte Primo diesen auch die eigenen auf gleiche Weise an. Und
damit war das „Gebsi“ sozusagen zu einem Mitglied unserer Familie
geworden.
In Zürich fing es dann alle Post auf, die noch beantwortet werden
musste. Es behütete Briefe, Prospekte, Einladungen, Pläne,
Visitenkarten, Notizen, oder kleine Dinge, von denen wir nicht wussten,
ob wir sie behalten sollen. Und hier, in dieser Schale drin, geschah
dann etwas Ähnliches wie mit der Milch. Indem die Papiere ruhten,
trennte sich im übertragenen Sinn der Rahm von der Milch. Manches
erledigte sich von selbst. Wichtiges wurde plötzlich erkannt. „Gebsis“
Platz auf einer Kommode am Durchgang von der Küche zur Stube war ideal.
Den gibt es so jetzt nicht mehr.
Ich weiss noch nicht, ob wir dieser treuen Dienerin wieder einen
grossräumigen Platz zuweisen können, der ihrem 45-cm-Durchmesser
entspricht. Das beschäftigt mich. Wenn ich darüber schreibe, mokiere ich
mich über mich selbst. Es ist ja nur ein Detail unseres gesamten
Umzuges, ich weiss. Und doch ein wichtiges.
Während der Wohnungssuche wurde ich manchmal gefragt: „Kannst du noch schlafen?“ Ja.
Das war kein Problem. Aber jetzt schlafe ich manchmal lange nicht ein,
weil ich an „Gebsi“ denke. Unsere Zusammenarbeit war so wertvoll, dass
ich mir nicht vorstellen kann, sie einfach in Pension zu schicken.
Samstag, 8. Dezember 2007
Post: Die Mitarbeit in der Briefzustellung beflügelte mich
Heute fehlte der „Tages-Anzeiger“ in unserem Briefkasten. An seiner
Stelle lag die „Neue Zürcher Zeitung“. Eine Verwechslung, die ich gut
nachvollziehen kann. Abonnierte Zeitungen und neu auch abonnierte
Wochenblätter ohne aufgedruckte Adresse zuzustellen, ist eine
anspruchsvolle Arbeit.
Meine mehrjährigen Erfahrungen als „Postaushelferin“ (Zustellung der Briefpost am Samstag) spiegeln sich in diesem Verständnis.
Für einen Rückblick habe ich mein Tagebuch von 1983 hervorgeholt.
Dort ist meine erste, noch von der Vorgängerin begleitete Tour
beschrieben. Damals brauchten wir noch Schlüssel, um die Briefkästen
innerhalb eines Hauseingangs zu bedienen. Neu waren aber die als Code
verschlüsselten Namen auf dem Tableau der Hausglocken. Ein Druck auf das
richtige Wort – und die Haustür öffnete sich. Heute müssen die
Briefkästen aussen angebracht sein, was die Arbeit wesentlich
vereinfacht.
Frau K., die mich einführte, beeindruckte mich. Sie verteilte die
Briefe in einem erschreckenden Tempo. Da, dort, hier, unten, oben,
rechts. Ein kurzer Blick auf eine Anschrift und schon hob sich der Arm
in die richtige Richtung. Ihre Arbeit pulsierte und die Briefkästen
schepperten in ihrem persönlichen Takt. Schon im 2. Haus übergab sie mir
den entsprechenden Bund. Was Frau K. verinnerlicht hatte, fehlte mir
aber noch. Zwar gründlich, aber noch zu langsam, versuchte ich, die
Adressaten zu finden und die Bürde loszuwerden. Im 3. Haus übernahm sie
dann selbst wieder das Zepter, und ich ging neben ihr her. Ihre
vielfältigen Hinweise, worauf ich ganz speziell achten müsse, kamen
locker daher. Konnte ich das alles behalten? Würde ich überhaupt den Weg
mit seinen vielen Abzweigungen wieder erkennen? Ob ich dann noch daran
denke, dass der Zugang zu den Briefkästen einmal sogar durch eine
Metzgerei und an einem andern Ort durch ein Restaurant führe? Auf
unserem gemeinsamen Weg grüsste Frau K. einige unserer Postkunden und
stellte mich als Nachfolgerin vor. Mich machte sie auch auf schwierige
Kunden aufmerksam. Die hagere Frau dort, höre das Gras wachsen und jener
Mann telefoniere regelmässig dem Chef, weil er immer etwas auszusetzen
habe.
Auf halber Tour war dann unser Handwagen leer, unsere Arbeit aber
noch nicht beendet. Es wartete ein deponierter Postsack, dessen Inhalt
wir umladen und auch noch verteilen mussten. Wichtig war, dass die
einzelnen, nummerierten Pakete in richtiger Reihenfolge verstaut wurden.
Nur so können die Pakete selber den weiteren Weg der Tour vorgeben.
Nach nur einmaliger Begleitung und doch in kurzer Zeit hatte ich
die Aufgabe dann verinnerlicht, und meine Arme reagierten ebenso
roboterhaft wie jene von Frau K., wenn ich eine Anschrift las. Und
jedesmal, wenn ich den leeren Wagen in die Sihlpost zurückbrachte,
freute ich mich, dass jetzt wieder viele wichtige Papiere an ihren
Zielen angekommen waren.
Gastarbeiter warteten immer schon vor ihrer Haustür auf die Post
aus der Heimat. Manchmal musste ich ihnen etwas Amtliches vorlesen, was
sie nicht verstanden hatten und nach Möglichkeit erklären. Da leuchtete
dann ein sonst verschlossenes Gesicht, wenn eine erwartete Mitteilung
endlich angekommen war.
Und ich wurde beschenkt. Am Morgen brachte ich jeweils nicht nur die Post in die Metzgerei Gut.
Ich gab auch meine Bestellung ab. Im Stoffsack befanden sich der Zettel
mit meinen Wünschen und das Portemonnaie mit dem nötigen Geld. Wenn ich
ihn auf dem Rückweg abholte, waren immer auch Zugaben darin. Oft hat
die liebenswürdige Frau Gut eine Flasche warme Fleischbrühe hinein
verpackt, in der ich dann zu Hause die zarten Leberknödel aufwärmen
konnte. Die ganze Familie träumt noch von dieser echten Bouillon. Diese
feine Metzgerei gibt es leider schon lange nicht mehr. Heute müssen wir
in der Stadt an vielen Orten Fleisch in der Plastikfolie kaufen. Das
widerstrebt mir immer noch.
Manchmal spüre ich ein bisschen Heimweh nach diesen Zeiten. Auch
darum, weil mein Wesen gut zu den Postboten passt. Es ist eine
Gemeinschaft eigenständiger Menschen, die sich gerne bewegen,
selbständig arbeiten und nicht darüber jammern, wenn es regnet oder
schneit. Unvergesslich ist mir der Moment, wenn um 8 Uhr die Glocke im
Sortierraum klingelte. Das war das Zeichen, dass wir ausschwärmen
konnten. Auch wer seine Tour schon vorher bereitgestellt hatte, musste
warten, bis die letzten, manchmal verspäteten Zeitungen eingetroffen
waren. Dann stürmten alle zum Lift, zwängten sich mit ihren Ladungen
hinein, und sobald sich die Tür unten öffnete, spurteten sie davon. Viel
schneller als ich es konnte.
Unterwegs durften wir die Einladung eines Wirts zu einem Kaffee
annehmen. So informierte mich der für meine Tour zuständige Chef. Die
Post schätze ein gutes Einvernehmen mit ihren Kunden. Die Gefahr, zu
lange sitzen zu bleiben, kam nicht auf. Meine Tour z. B. wurde mit 3
Stunden à Fr. 16.– entlöhnt. Vertrödelte ich die Zeit aus irgendwelchem
Grund, blieb der Lohn doch der gleiche.
Anfänglich fühlte ich etwas Stress, hatte Angst, die heiligen
Hallen der Sihlpost wären schon verschlossen, wenn ich endlich
zurückkäme. Das passierte aber nie.
Als ich den Dienst kündigte, erinnerte mich der Chef an die
PTT-Brosche, die uns als Aushilfspöstler auszeichnete. Ob ich das Depot
von Fr. 5.– zurückerhalten oder die Brosche behalten wolle. Er lachte,
als ich mich für die Brosche entschied. Das habe er erwartet.
Jetzt habe ich bei den Akten meiner Aufzeichnungen auch noch den Ausweis für Postaushelfer gefunden. Primo beobachtete mich, hatte volles Verständnis für meine Rührung.
Da heisst es: „Der Inhaber dieses Ausweises ist berechtigt, sich
zu postdienstlichen Verrichtungen in den Diensträumen des
nachverzeichneten Amtes aufzuhalten.“
Mit Stempel der Briefausgabe und Telefon-Nummer.
In Zürich-Mülligen ist im November 2007 ein neues, gigantisches
Sortierzentrum entstanden. Da habe ich keinen Zutritt mehr. Im ersten
Quartal 2008 beginnt dann der Abbau der Sihlpost in Zürich. Wie immer
sich jetzt die Verteilung abspielt, ihr letzter Dienstast ist nicht
maschinell besetzt. Es sind Menschen, die uns die Post bringen. Weil
niemand von uns perfekt ist, können sich Verwechslungen oder
Verspätungen einstellen. Gerade auch in der strengen Weihnachtszeit. Für
dieses Verständnis werbe ich, obwohl ich Perfektion grundsätzlich liebe
und sie voraussetze.
Samstag, 24. November 2007
Der Christbaum auf dem Baukran, das Windrad im Garten
Heute steht das Windrad beinahe still. In den vergangenen Wochen
aber arbeitete es schwer. Die Bise trieb es an und gönnte ihm keine
Pausen. Unsere Augen waren meist zu langsam, um die einzelnen Fächer
noch zu erkennen. Einmal landete es im Gras und musste zurechtgebogen
werden. Dann folgte es wieder seiner Bestimmung. Primo hatte es
aus einer gebrauchten Alu-Getränkedose zugeschnitten und es an der
Teppichstange befestigt. Das leichte Material erwies sich als richtig.
Es reagiert auf feinste Anstösse und folgt den verschiedensten
Windrichtungen.
Und heute darf es einmal ruhen. Dafür ist jetzt mein eigenes,
inneres Rad im Schwung. Wer es antreibt, weiss ich nicht genau. Ich
stelle mir vor, dass es eine geistige Energie ist.
Vom Wind wissen wir, dass er ein Beweger ist, eine Energie, die wir
nicht sehen können. Was wir wahrnehmen, sind seine Reaktionen: Die
Blätter zittern, wenn er in die Bäume fährt. Die Wasseroberfläche
kräuselt sich, wenn er gegen den Strom bläst. Als Velofahrende kenne ich
ihn als Rücken- oder Gegenwind. Und ich fürchte ihn, wenn er zum
masslosen Sturm wird, weil er auch als Zerstörer bekannt ist.
In Museen können wir Weltkarten aus jener Epoche finden, als die
Erde noch als eine Scheibe aufgefasst wurde. Auf solchen Darstellungen
sind an den 4 Ecken des Bildes jeweils die Winde als blasende,
menschliche Köpfe dargestellt. Aber niemand hat den Wind je als Person
gesehen. Das ist Bildsprache, Symbolsprache. Ich bin immer noch am
Suchen, wie ich meine persönliche Lebensenergie als Bild verstehen
könnte. Das Windrad allein genügt nicht. Es braucht noch ein Symbol für
die Energie selbst.
So viel habe ich bis jetzt aber begriffen: Sie braucht Anstösse, um
zur Bestform aufzulaufen. Gestern Abend bekam ich einen solchen
„Schupf“ (Anstoss), als ich auf dem Baustellenkran in meinem Umfeld
einen erleuchteten Christbaum entdeckte. Hoppla! Die Weihnachtszeit
bricht an.
Und heute lief dann in dieser Hinsicht vieles wie am Schnürchen: Letizia
hatte sofort Zeit, die typografische Textgestaltung unserer Weihnachts-
und Neujahrskarte zu besprechen und mir einen Entwurf zu liefern. Dann
holte ich in der Papeterie die passenden Briefumschläge und fand in den
Auslagen gleich noch die Agenden für 2008. Danach zog mein Velo eine
grössere Kurve in die Innenstadt, damit ich die festlichen Briefmarken
einkaufen konnte. Die „Philateliestelle“ innerhalb der Fraumünsterpost
in Zürich ist dafür die richtige Adresse.
Beschwingt bin ich zurückgekommen. Beschwingt gehe ich an weitere
Vorarbeiten für den Versand heran. Ich liebe diese Zeit, in der Kontakte
wieder gefestigt werden. Es macht mir Spass, Briefe zu schreiben und
Glückwünsche zu versenden. Beschwingt bin ich jetzt auch, weil ich
endlich eine Form gefunden habe, in der ich die Beobachtungen rund ums
Windrad in einen Beitrag fürs Blogatelier einbinden kann. Und jetzt
weiss ich auch gleich noch, wie die mich gerade bewegende Energie
heisst: Begeisterung.
Aber: Begeisterung kann auch gefährlich werden. Darüber gibt jeweils der Blutdruckmesser Auskunft.
Mittwoch, 5. September 2007
Mathon GR: Die letzten Farbtupfer auf meine Ferienberichte
Auf dem Heimweg, von Lohn (Graubünden) herkommend, begann es zu
regnen. In der Rinne am Strassenrand sammelte sich das Wasser. Es
bildeten sich Luftblasen, die uns begleiteten. Es gab da ganze
Blasen-Familien, die sich zusammenfanden, grosse und kleine Gruppen und
auch Einzelgänger. Manche lösten sich schnell wieder auf, andere waren
langlebig. Neben ihnen hergehend, wurde unser Heimweg zum Spiel.
So sehe ich heute die Ferientage an mir vorüberziehen und
entschwinden. Letzte Gelegenheit also, wenn ich nochmals vom Erlebten
erzählen will.
Thema Wasser: Das Bachdelta auf halbem Weg nach Wergenstein
Primo nannte den Zusammenfluss zweier Bäche so: Bachdelta.
Ihre Namen kennen wir nicht. Es schien uns nur, dass sie sich auf ihrem
allerersten Wegstück in die Welt hinaus befänden und sich noch mit
vielen Bächen und Flüssen vereinigen werden.
In diesem archaischen Gerölldelta gefiel es uns ausnehmend gut. Wir
schauten den Sturzfluten zu, wie sie über den Felsabbruch hinab
donnerten und an den Gesteinsbrocken schliffen. Es zeigte sich manches
Gesicht im Stein, als wir die Strukturen betrachteten. Viele Formen,
viele Farben. Auch eine weinrote war dabei. Der eine Bach kam ruhig
daher, locker über die mächtigen Gesteinsbrocken springend. Der andere
zeigte sich wild. Nach ihrem Zusammenfluss verschwindet das Wasser wie
in einem Trichter unter der Strasse und stürmt dann durch das bewaldete,
tiefe Tobel dem Tal zu, wo es dann in den Hinterrhein einfliesst.
Thema Bewegungsfreiheit
Einmal, als Mena zeichnete, sagte sie ganz unvermittelt: „Die Wohnung in Paris interessiert mich nicht.“ Es
war, als ob sie ihren Gedanken einen Riegel schieben wollte. Sie war
jetzt in Mathon, und nichts sollte sie von hier ablenken. Als ich sie
verwundert anschaute, sprach sie gar noch abschätzig über ihr Zuhause.
Das hat seinen Grund: In Paris muss sie einen Code eingeben, wenn
sie die Haustür öffnen will. Und sie darf nie alleine das Haus
verlassen. Ganz anders in Mathon. Hier war sie frei, sprang durch die
Haustür hinaus und kam über 2 Ecken und den Sitzplatz wieder zurück. Der
Ort ist von seiner Lage her geschützt. Die Grenzen, die ihr in Paris
gesetzt sind, gab es hier nicht. Und auch in der modern eingerichteten
Wohnung stand den Kindern ausreichend Raum zur Verfügung.
Post und Zeitung
Die Post von Mathon ist von Montag bis Freitag von 7.45 h bis 8.45 h
offen. Und der aus Zürich umgeleitete „Tages-Anzeiger“ wurde uns schon
um 9 Uhr vor die Haustür gelegt. Ein Service, der vielleicht nur in der
Schweiz so perfekt funktioniert. Mena rannte dann hinaus und holte das
Blatt für den Grossvater. Die papierene Zeitung war eine Entdeckung für
sie. Ihre Eltern lesen ihre Zeitung nur im Internet. Jedesmal schauten
wir zusammen die Wetterprognosen an. Die mit Sonne, Wolken, Regen und in
entsprechenden Farben dargestellte Wetterentwicklung ist auch für ein
5-jähriges Kind verständlich und spannend. Vorlesen musste ich nur, was
zu Paris geschrieben stand.
Das Postauto brachte auch die Lebensmittel aus dem Tal hinauf.
Einmal pro Woche war eine grosse Anlieferung. Da konnten dem Bauch
dieses Gefährts alle bestellten Waren, auch Gemüse und Früchte,
entnommen werden. Es traf sich, dass ich diese Ankunft einmal
miterlebte. Primo packte gleich zu und half beim Ausladen. In solchen
Momenten fühlte ich mich den Menschen aus Mathon sehr nahe. Ich
bewundere ihre innovative Art. Sie kennen den Wert ihrer Region und
verstehen es, ihrer Jugend tragfähige Perspektiven zu vermitteln, ohne
die Seele dieser einmaligen Region zu verkaufen. Ihr Internet-Auftritt www.muntsulej.ch ist in diesem Sinne beeindruckend.
Restaurant „muntsulej“
Für die Enkelkinder gehörten die Pommes frites, Glacékugeln und der
Wirt, der für uns Musik auflegte, zu den Höhepunkten der Ferien. Mena
sprach es in dieser Reihenfolge aus und ihre 1-jährige Schwester wippte
seither jedesmal, wenn sie das Wort „Musik“ hörte. Ganz nach dem Motto
von Franz Schweighofer „Kein Gast zu gross, kein Gast zu klein, um herzlich willkommen zu sein.“
Auch die Wirtin vom Gasthaus Orta in Lohn sei noch erwähnt.
Einfühlsam gelang es ihr, Mena die Angst vor dem grossen Hund
wegzunehmen.
Schlussbild
Noch immer rätsle ich, ob das, was ich gesehen habe, Wirklichkeit war oder ob ich ein inneres Bild geschaut habe.
An einem der letzten Ferientage hörte ich auf der Höhe der Post das
Gebimmel einer Kuhglocke näherkommen. Ich wartete. Aus dem toten Winkel
an der Strasse gegen Wergenstein sah ich einen Sennenhund daherkommen,
gleich hinter ihm eine grosse, drahtige Frau mit gebändigtem Kraushaar,
einen Stecken in der Hand, neben ihr die Kuh, die den Umzug eingeläutet
hatte. Hinter ihnen kam ein Pferd, auf ihm sitzend eine schöne, junge
Frau. Und dahinter trotteten, gleichmässig ausgerichtet, 2 Wollschweine
nebeneinander her.
Ich starrte auf diesen Umzug. Die vorangehende Frau schaute auch mich an, und ich sagte: „Isch das ä schööns Bild!“ (Ist das ein schönes Bild.) Und sie stimmte mir zu: „Gälled Sie!“ (Schweizer Redensart, die Zustimmung bedeutet).
War es eine Sennerin, und sah ich hier einen kleinen Alpabzug?
Diese Episode ist ein wundersamer Abschluss meiner Mathon-Ferien. Ich
bedauere nur, dass ich dieser Gruppe nicht länger nachgeschaut habe.
Jetzt weiss ich nicht, wohin sie ging, und darum bin ich unsicher, wie
ich sie einordnen muss. Vergessen werde ich sie sicher nicht.
Sonntag, 15. Juli 2007
Kopenhagen und die kleine Meerjungfrau schicken Grüsse
Eine Ansichtskarte aus Kopenhagen steht im Mittelpunkt meines Blogs
von heute. Als Feriengruss ist sie bei mir eingetroffen. Verführerisch
schön mit Aufnahmen wichtigster Orte dieser Stadt und mit einer Foto der
Skulptur von Hans Christian Andersens kleiner Meerjungfrau, dem
Nationalsymbol der Dänen. Noch immer schaut sie wartend und traurig aufs
Meer und berührt alle, die sie sehen.
Auf der Rückseite der Karte, unten im Bereich, der den persönlichen
Grüssen vorbehalten ist, sprach mich die Skizze der Stadtsilhouette mit
den Türmen verschiedenster Gebäude und Kirchen sofort an. Sie zeigt
sich anders als moderne Städte heute erscheinen wollen. Hier weisen alle
Bauten über sich hinaus. Kein Flachdach, kein Wolkenkratzer ist dabei.
Historische Bauwerke geben mir immer den Eindruck, wir könnten ihre
Giebel oder Türme ersteigen, um ins Universum abzufliegen. Locker und
leicht. Ganz anders die modernen „Towers“, deren Dächer eine horizontale
Grenze zwischen dem Materiellen und dem Geistigen ziehen. Oben
angekommen, muss die Decke wie eine Barriere wirken. Ein dickes Brett
über dem Kopf. So empfinde ich ihre abgeschlossene Form.
Zur Silhouetten-Skizze auf der Postkarte gehört rechts unter dem
Adressbereich auch noch eine dazu, die den Hafen mit einem grossen
Schiff markiert. Sie ist für mich in der nachfolgenden Geschichte
ebenfalls wichtig.
Diese Postkarte aus Kopenhagen löste also vielerlei aus, besonders
auch den Wunsch, die Geschichte der kleinen Meerjungfrau wieder einmal
zu lesen. Der Dichter, Hans Christian Andersen, der diese Figur
erschuf, lebte von 1805–1875. Und seine Märchen leben heute noch. Sie
sind voller Spannung, erreichen uns in seelischen Tiefen, wo die
Erfahrungen der Menschheit zu Hause sind. Die Bilder, die sie erzeugen,
sprechen für sich selbst. Wir verstehen sie, ohne dass wir sie
ausführlich deuten müssen.
„Die kleine Meerjungfrau“ ist die Geschichte einer grossen
Liebe, von der der schöne Prinz mit den grossen, schwarzen Augen nichts
weiss. Als sein Schiff im Sturm kenterte, wäre er ertrunken, hätte ihn
die Meerjungfrau nicht aufgefangen und ans Land gebracht. Solange er von
ihr durch die Meeresfluten getragen wurde, waren seine Sinne ermattet,
und als er von der Sonne beschienen, am Strand endlich aufwachte, sah er
seine Retterin nicht. Ausserhalb seines persönlichen Blickwinkels
schaute sie nach ihm aus. Er lächelte alle anderen dankbar an, die ihm
entgegenkamen, nur sie nicht. Er konnte sie nicht sehen.
Diesen einen Aspekt der Geschichte habe ich für meinen Aufsatz
herausgezogen, weil ich gleich danach im Tram eine zwar banale Episode
erlebte, der aber das gleiche Thema zugrunde liegt.
An der Tramhaltestelle Förrlibuck in Zürich versuchte eine Frau
nervös, ihre Fahrkarte dem Billett-Automaten zu entlocken. Sie fütterte
ihn mit reichlich Kleingeld, aber nicht alle Münzen wurden sofort
akzeptiert. Das Tram war eingefahren, Gäste ein- und ausgestiegen und
wäre sicher weitergefahren, wenn nicht eine Frau im Tram die Situation
erfasst hätte. Sie konnte von ihrem Sitzplatz aus mit Knopfdruck die
Türschliessung blockieren und der Frau draussen die Mitfahrt
ermöglichen. Es dauerte eine ganze Weile. Als sie einstieg, seufzte
diese erleichtert und setzte sich auf einen freien Platz. Sie dankte
nicht, wusste nicht, wer ihr geholfen hatte. Sie vermutete vielleicht,
dass der Chauffeur die Situation über den Rückspiegel erfasst habe. Sie
war einfach erleichtert, dass sie jetzt fahren konnte und nur mit sich
selbst beschäftigt.
Ich aber sass der helfenden Frau über den Gang schräg gegenüber und
konnte beobachten, wie enttäuscht sie war. Ihr Mund verzog sich, ihr
Gesicht wurde lang. Sie konnte es nicht verwinden, dass man sie
überging. Sie schien zu denken: Hat diese Person keine Manieren? Danke
hätte sie sagen können. Sie kann froh sein, dass ich ihr geholfen habe.
Ich zwinkerte ihr zu, doch konnte ich sie nicht erreichen. Ihre
Enttäuschung blockierte sie.
In diesem Augenblick erinnerte ich mich an die kleine Meerjungfrau
im Märchen, mit der ich tags zuvor einen glücklichen Ausgang der
Geschichte ersehnt hatte und dachte: Es muss sich um ein Lebensgesetz
handeln, denn wir alle kennen solche Situationen. Wahre Hilfe bleibt oft
unerkannt.
Wie es die kleine Meerjungfrau geschafft hat, über sich selbst
hinaus zu steigen, erzählt Andersen auch noch. Das Märchen ist im
Internet abrufbar.
Donnerstag, 29. Juni 2006
In der Aareschlucht. Von Reiseeindrücken und Souvenirs
Der Kugelschreiber aus Einsiedeln ist ein Souvenirartikel. Im rechtshälftigen Teil ist die Klosterfassade abgebildet, und vor dieser fährt ein Postauto vorbei, wenn ich den Schreibstift etwas schräg halte. Kinder freuen sich speziell an diesen Mitbringseln. Auch ich habe Spass daran.
Nun besitze ich ein gleiches Modell, jedoch aus dem Kiosk der Aareschlucht bei Meiringen. In der Schräglage bewegen sich ein Knabe und ein Mädchen durch diesen imposanten Raum. Sie staunen, wie alle, die auf den überhängenden Stegen dem Flusslauf ruhig folgen. Auch Primo und ich. Die junge Aare ist hier jungfräulich milchig, fliesst ruhig an den hohen Felswänden vorbei, muss aber auch Enge erleiden. Der Weg ähnelt jenem eines Kindes bei der Geburt.
Diese Schlucht ist eine riesige Kathedrale, misst 1,4 km Länge und 200 m Tiefe. Das Felsgestein ist uralt, in der Kreidezeit als Meerablagerung entstanden. Die Wände ausgebrochen und ausgewaschen, sind wild geformt, mit vielen Gesichtern im Gestein. Das Flussbett eine geschwungene Linie, das Dach grösstenteils offen. Hier wachsen auch Bäume, bringen grüne Farbe hinein.
Der Rat eines Bahnbeamten in Meiringen, den Osteingang in die Schlucht zu benützen, erwies sich als gut. Wir konnten dem Wasserlauf folgen und am Ende der Wanderung fand sich noch ein einladendes Gasthaus.
In der Bahn zum Reichenbachfall, ebenfalls im Umfeld von Meiringen, entdecke ich in der Ferne ein Postauto, das auf einer Höhenstrasse fährt. Es ist so klein wie jenes in meinem Einsiedeln-Kugelschreiber. Obwohl ich weiss, dass es ein reales Postauto ist, wirkt es von weitem wie eine Miniatur. Die Bilder kippen wie auf einer Schaukel vom grossen Postauto, das Menschen transportiert, zum Modell und wieder zurück.
Auch vom Reichenbachfall und der Drahtseilbahn, die zu ihm führt, will ich noch erzählen. Die romantische Bahn fährt heute auf dem aktuellsten Stand der Technik und überwindet eine Höhendifferenz von 244 m in 7 Minuten. Oben angekommen, stehen wir dem tosenden Wasser gegenüber. Der 120 m hohe Fall zerfledert seine Flut und wirft feinsten Wasserstaub auf unseren Weg. Ich lasse mich gern besprühen, fühle die Energie. Auf dem Wanderweg nach Zwirgi können wir diesem Wasser, das weit hinten im Tal dem Rosenlaui-Gletscher entspringt, auf immer wieder anderen Aussichtsplattformen und auch auf einer kleinen Brücke begegnen. Diese Wucht, mit der es seine Kraft zeigt! Atem beraubend.
Gegenüber der Bergstation ist übrigens ein weisser Stern auszumachen. Er bezeichnet jene Stelle, an der nach dem Roman von Conan Doyle Sherlock Holmes und sein Erzfeind Professor Moriarty ihren tödlichen Kampf ausfochten. Eine flache, aus Holz geschaffene Sherlock-Figur steht zum Fotografieren bereit. Wer sich hinter sie stellt und durch das offene Gesichtsfeld schaut, gibt ihr das eigene Gesicht.
Erstaunt hat mich an beiden Orten nur, dass wir wenig Schweizerdeutsch hörten. Sind nur Japaner, Kanadier, Amerikaner, Engländer und Österreicher darüber informiert, dass hier echte Naturwunder zu bestaunen sind?
Als ich dem Bahnbegleiter auf dem Rückweg vom Reichenbachfall meine Eindrücke schildere und ihm sage, dass wir in Zürich davon schwärmen werden, antwortete er erfreut: „Ja, machen Sie das!“
Nun besitze ich ein gleiches Modell, jedoch aus dem Kiosk der Aareschlucht bei Meiringen. In der Schräglage bewegen sich ein Knabe und ein Mädchen durch diesen imposanten Raum. Sie staunen, wie alle, die auf den überhängenden Stegen dem Flusslauf ruhig folgen. Auch Primo und ich. Die junge Aare ist hier jungfräulich milchig, fliesst ruhig an den hohen Felswänden vorbei, muss aber auch Enge erleiden. Der Weg ähnelt jenem eines Kindes bei der Geburt.
Diese Schlucht ist eine riesige Kathedrale, misst 1,4 km Länge und 200 m Tiefe. Das Felsgestein ist uralt, in der Kreidezeit als Meerablagerung entstanden. Die Wände ausgebrochen und ausgewaschen, sind wild geformt, mit vielen Gesichtern im Gestein. Das Flussbett eine geschwungene Linie, das Dach grösstenteils offen. Hier wachsen auch Bäume, bringen grüne Farbe hinein.
Der Rat eines Bahnbeamten in Meiringen, den Osteingang in die Schlucht zu benützen, erwies sich als gut. Wir konnten dem Wasserlauf folgen und am Ende der Wanderung fand sich noch ein einladendes Gasthaus.
In der Bahn zum Reichenbachfall, ebenfalls im Umfeld von Meiringen, entdecke ich in der Ferne ein Postauto, das auf einer Höhenstrasse fährt. Es ist so klein wie jenes in meinem Einsiedeln-Kugelschreiber. Obwohl ich weiss, dass es ein reales Postauto ist, wirkt es von weitem wie eine Miniatur. Die Bilder kippen wie auf einer Schaukel vom grossen Postauto, das Menschen transportiert, zum Modell und wieder zurück.
Auch vom Reichenbachfall und der Drahtseilbahn, die zu ihm führt, will ich noch erzählen. Die romantische Bahn fährt heute auf dem aktuellsten Stand der Technik und überwindet eine Höhendifferenz von 244 m in 7 Minuten. Oben angekommen, stehen wir dem tosenden Wasser gegenüber. Der 120 m hohe Fall zerfledert seine Flut und wirft feinsten Wasserstaub auf unseren Weg. Ich lasse mich gern besprühen, fühle die Energie. Auf dem Wanderweg nach Zwirgi können wir diesem Wasser, das weit hinten im Tal dem Rosenlaui-Gletscher entspringt, auf immer wieder anderen Aussichtsplattformen und auch auf einer kleinen Brücke begegnen. Diese Wucht, mit der es seine Kraft zeigt! Atem beraubend.
Gegenüber der Bergstation ist übrigens ein weisser Stern auszumachen. Er bezeichnet jene Stelle, an der nach dem Roman von Conan Doyle Sherlock Holmes und sein Erzfeind Professor Moriarty ihren tödlichen Kampf ausfochten. Eine flache, aus Holz geschaffene Sherlock-Figur steht zum Fotografieren bereit. Wer sich hinter sie stellt und durch das offene Gesichtsfeld schaut, gibt ihr das eigene Gesicht.
Erstaunt hat mich an beiden Orten nur, dass wir wenig Schweizerdeutsch hörten. Sind nur Japaner, Kanadier, Amerikaner, Engländer und Österreicher darüber informiert, dass hier echte Naturwunder zu bestaunen sind?
Als ich dem Bahnbegleiter auf dem Rückweg vom Reichenbachfall meine Eindrücke schildere und ihm sage, dass wir in Zürich davon schwärmen werden, antwortete er erfreut: „Ja, machen Sie das!“
Freitag, 21. Oktober 2005
Schweizer Post: Doppelgesichtige Sondermarke Matterhorn
Stephan Eicher, der bekannte Musiker, gestaltete eine Sondermarke für die Schweizer Post. Sie ist schon seit März 2005 im Umlauf. Eine ganz eigenwillige Erscheinung. Gar nicht so leicht zu beschreiben. Sie weist den Wert von 85 Rappen auf und ist doppelgesichtig.
Sie zeigt uns das Matterhorn. Der Aufdruck HELVETIA, den jede Schweizer Briefmarke auf sich trägt, ist hier aber absichtlich verkehrt aufgedruckt. Nur die Zahl 85 ist normal zu lesen. Wende ich dann die Marke, kann ich HELVETIA lesen. Nun stehen aber die Zahlen auf dem Kopf. Und aus dem Matterhorn ist der Kontinent Afrika geworden.
Wie man heute weiss, stammen die letzten rund 1000 Höhenmeter des Matterhorns ursprünglich aus Afrika. Es sind Teile der afrikanischen Kontinentalplatte, die sich in vielen Jahrmillionen zu uns hin verschoben und aufgetürmt haben. Eicher bedankt sich deshalb beim afrikanischen Kontinent dafür und nennt seine Briefmarke „Merci“.
Ich habe jetzt gleich nochmals einen Vorrat solcher Sondermarken angelegt. Ich möchte sie noch oft benützen und mich weiterhin verunsichern lassen. Denn jedesmal, wenn ich sie aufgeklebt habe, ist mein Ordnungssinn irritiert. Entweder ist die Zahl 85 nicht normal zu lesen oder dann schauen die HELVETIA-Buchstaben aus, als seien sie aus einer russischen Schrift gestaltet.
Es ist hier unmöglich, alles in herkömmlicher, braver Norm zu sehen. Und das tut gut. Die eigene Sicht der Dinge ist sowieso nicht allumfassend. Ebenso verhält es sich mit den Gedanken. Nur wenn wir sie drehen und wenden, können wir zu neuen Anschauungen und kreativen Lösungen gelangen.
Ich hoffe, dass ich eines Tages auch eine so geniale Entdeckung mache wie der Künstler, der im Matterhorn den afrikanischen Kontinent gesehen hat.
Hinweise
Link zur Abbildung der Briefmarke
Sie zeigt uns das Matterhorn. Der Aufdruck HELVETIA, den jede Schweizer Briefmarke auf sich trägt, ist hier aber absichtlich verkehrt aufgedruckt. Nur die Zahl 85 ist normal zu lesen. Wende ich dann die Marke, kann ich HELVETIA lesen. Nun stehen aber die Zahlen auf dem Kopf. Und aus dem Matterhorn ist der Kontinent Afrika geworden.
Wie man heute weiss, stammen die letzten rund 1000 Höhenmeter des Matterhorns ursprünglich aus Afrika. Es sind Teile der afrikanischen Kontinentalplatte, die sich in vielen Jahrmillionen zu uns hin verschoben und aufgetürmt haben. Eicher bedankt sich deshalb beim afrikanischen Kontinent dafür und nennt seine Briefmarke „Merci“.
Ich habe jetzt gleich nochmals einen Vorrat solcher Sondermarken angelegt. Ich möchte sie noch oft benützen und mich weiterhin verunsichern lassen. Denn jedesmal, wenn ich sie aufgeklebt habe, ist mein Ordnungssinn irritiert. Entweder ist die Zahl 85 nicht normal zu lesen oder dann schauen die HELVETIA-Buchstaben aus, als seien sie aus einer russischen Schrift gestaltet.
Es ist hier unmöglich, alles in herkömmlicher, braver Norm zu sehen. Und das tut gut. Die eigene Sicht der Dinge ist sowieso nicht allumfassend. Ebenso verhält es sich mit den Gedanken. Nur wenn wir sie drehen und wenden, können wir zu neuen Anschauungen und kreativen Lösungen gelangen.
Ich hoffe, dass ich eines Tages auch eine so geniale Entdeckung mache wie der Künstler, der im Matterhorn den afrikanischen Kontinent gesehen hat.
Hinweise
Link zur Abbildung der Briefmarke
Dienstag, 10. Mai 2005
Nachlässigkeiten im Umgang mit Namen und Adressen
Jetzt habe ich gerade eine E-Mail erhalten. Mit Hinweis auf eine
bevorstehende Klassenzusammenkunft. Den Absender nenne ich hier Franz.
Ich kenne ihn nicht. Er schreibt, er habe die Mail-Adressen von unserem
Kurs in den Computer eingegeben. Um zu wissen, ob alle richtig erfasst
seien, bitte er um ein OK-Mail. Er wählte die kleinste Schrift. So fiel
mir nicht sofort auf, dass diese Nachricht mit dem Vornamen einer Frau
unterschrieben war. Ich orientiere mich immer zuerst an der
Absender-Adresse.
Unmut meinerseits. Wenn ich etwas verabscheue, dann sind es Verschleierungen. Was will dieser Franz mit Bestätigungen von Mail-Adressen, unter denen die meine offensichtlich auch figuriert? Worauf bezieht er sich? Ein Wunder, dass ich seine Anfrage nicht sofort gelöscht habe.
Dann bemerkte ich den weiblichen Vornamen unter dem Text und konnte mir einen Reim machen. Eine Mitschülerin aus dem Seminar X, an dem ich auch teilnahm, durfte offenbar den Computer ihres Mannes benutzen, dachte aber nicht daran, im Betreff einen Hinweis auf sich einzufügen. Sorglos schickte sie das „Franz-Mail“ an ihre Kolleginnen. Sie konnte sich offenbar nicht vorstellen, dass wir sie nicht sofort erkennen würden. Als ehemalige Verträgerin von Briefpost bin ich immer noch allergisch auf alle Nachlässigkeiten in Adressen, die Mehrarbeit und oft auch Verwirrung verursachen. Aber mehr noch störte es mich, dass sich eine junge Frau über ihren Franz definierte.
Vor 15 Jahren, als meine Mutter gestorben war und meine Schwester und ich für die Vermögens-Inventarisation ins Stadthaus gerufen wurden, mussten wir die Personalausweise mitbringen. Damals wurde pro Familie nur einer ausgestellt, selbstverständlich auf den Namen des Mannes. So sassen dann meine Schwester als Paul Anton und ich als Alfred Primo vor der Beamtin, die unsere Papiere prüfte. Und wir wollten von ihr wissen, warum wir mit den Ausweisen der Ehemänner antraben mussten. Die Ehe sei ein Zusammenschluss von 2 Personen, die zu einer neuen Einheit geworden sei, sagte sie feierlich. Da genüge ein Dokument.
Bald aber änderte die Praxis, und Frauen durften den eigenen Personalausweis bestellen. Die Gleichberechtigung kam voran. Der Name einer Frau bekam den gleichen Wert, wie der des Mannes. Jetzt sollte er nur noch selbstbewusst gebraucht werden.
Unmut meinerseits. Wenn ich etwas verabscheue, dann sind es Verschleierungen. Was will dieser Franz mit Bestätigungen von Mail-Adressen, unter denen die meine offensichtlich auch figuriert? Worauf bezieht er sich? Ein Wunder, dass ich seine Anfrage nicht sofort gelöscht habe.
Dann bemerkte ich den weiblichen Vornamen unter dem Text und konnte mir einen Reim machen. Eine Mitschülerin aus dem Seminar X, an dem ich auch teilnahm, durfte offenbar den Computer ihres Mannes benutzen, dachte aber nicht daran, im Betreff einen Hinweis auf sich einzufügen. Sorglos schickte sie das „Franz-Mail“ an ihre Kolleginnen. Sie konnte sich offenbar nicht vorstellen, dass wir sie nicht sofort erkennen würden. Als ehemalige Verträgerin von Briefpost bin ich immer noch allergisch auf alle Nachlässigkeiten in Adressen, die Mehrarbeit und oft auch Verwirrung verursachen. Aber mehr noch störte es mich, dass sich eine junge Frau über ihren Franz definierte.
Vor 15 Jahren, als meine Mutter gestorben war und meine Schwester und ich für die Vermögens-Inventarisation ins Stadthaus gerufen wurden, mussten wir die Personalausweise mitbringen. Damals wurde pro Familie nur einer ausgestellt, selbstverständlich auf den Namen des Mannes. So sassen dann meine Schwester als Paul Anton und ich als Alfred Primo vor der Beamtin, die unsere Papiere prüfte. Und wir wollten von ihr wissen, warum wir mit den Ausweisen der Ehemänner antraben mussten. Die Ehe sei ein Zusammenschluss von 2 Personen, die zu einer neuen Einheit geworden sei, sagte sie feierlich. Da genüge ein Dokument.
Bald aber änderte die Praxis, und Frauen durften den eigenen Personalausweis bestellen. Die Gleichberechtigung kam voran. Der Name einer Frau bekam den gleichen Wert, wie der des Mannes. Jetzt sollte er nur noch selbstbewusst gebraucht werden.
Samstag, 5. März 2005
Ganz im Sinne der Post-Kampagne für den Brief
Die Karten, die mir meine Tochter am letzten Samstag zukommen liess,
waren als Heilmittel gegen Abschiedsschmerz gedacht. Nun liegen sie
schon eine Woche auf meinem Schreibtisch und haben tatsächlich wehmütige
Gedanken verscheuchen können.
Auf meiner Samstags-Posttour fand ich viermal innerhalb der vorsortierten Sendungen an meinen Namen gerichtete Karten und einen Brief von ihr. Immer wieder an eine andere Strasse und an eine andere Hausnummer adressiert. Humoristisch gestaltet. Mit Fantasiefiguren und ausgewählten Briefmarken dekoriert. Es fehlt auch nicht der Hinweis auf die gegenwärtige Kampagne der Post: GROSSES BEGINNT MIT EINEM BRIEF. In meinem Fall wurde er erweitert: ODER MIT DIESER POSTKARTE!
Ja, so ist es. Gross sind Letizias Humor und Kreativität. Sie hat mir den Abschied leicht gemacht. Die Post braucht mich nicht mehr. Die Stellen für uns Samstagszusteller wurden aufgehoben. Es war meine letzte Posttour.
Auf meiner Samstags-Posttour fand ich viermal innerhalb der vorsortierten Sendungen an meinen Namen gerichtete Karten und einen Brief von ihr. Immer wieder an eine andere Strasse und an eine andere Hausnummer adressiert. Humoristisch gestaltet. Mit Fantasiefiguren und ausgewählten Briefmarken dekoriert. Es fehlt auch nicht der Hinweis auf die gegenwärtige Kampagne der Post: GROSSES BEGINNT MIT EINEM BRIEF. In meinem Fall wurde er erweitert: ODER MIT DIESER POSTKARTE!
Ja, so ist es. Gross sind Letizias Humor und Kreativität. Sie hat mir den Abschied leicht gemacht. Die Post braucht mich nicht mehr. Die Stellen für uns Samstagszusteller wurden aufgehoben. Es war meine letzte Posttour.
Samstag, 22. Januar 2005
Posttour ab Zürich-West
Durchs Fenster an der Pforte sehe ich auch heute wieder, wie es
drinnen wimmelt. Ich hole die vorbereitete Posttour für meine Route in
Zürich-West. Als so genannte Aushilfe arbeite ich nur am Samstagmorgen,
stelle Briefpost zu.
Wie immer, werde ich sofort nach dem Eintreten in den Sog dieser hier arbeitenden Menschen mitgerissen. Es macht Spass, hinter den Kulissen zu erleben, wie Briefe und Zeitungen ihren Weg zu den Adressaten finden. Hier arbeiten Menschen, die schnell und gleichzeitig zuverlässig agieren können. Jede Tour ist ein kleines Reich. Die Zuständigen nehme ich als Individualisten wahr, die aber zu einem grossen Ganzen gehören. Und da füge ich mich als kleine Aushilfe ganz gern ein.
Das erste Wegstück ist stotzig (steil). Ich schiebe den Karren ruhig voran. Im ersten Drittel gehe ich auf einer kaum befahrenen Strasse. Es ist so still, dass ich im Sommer jeweils Pendulen-Schläge aus einer Wohnstube vernehmen kann.
Ich schätze die eingravierten Namen an den Briefkästen, muss aber auch Detektiv sein. Von Hand angeschriebene und vom Wetter verwitterte Klebeetiketten können einen verwirren. Dazu die vielen fremden Namen, von denen nicht sofort auszumachen ist, welches der Familien- und welches der Vorname ist. Doch schwierige Fälle prägen sich ein. Alle bekommen ihre Post.
Unterwegs spreche ich mit meinen Füssen und Knien und danke ihnen, dass sie mir behilflich sind. Tausende Schritte muss ich tun, auf und ab, auch in Gärten und Höfe hinein.
Im Altersheim hole ich die Post aus dem gelben Kasten und schleuse sie in den Zustellkanal. Unterwegs treffe ich wieder auf jenen Mann, der seit Monaten auf meinem letzten Wegstück, an Stöcken humpelnd, eine neue Beweglichkeit einübt.
Hunderte von Sendungen gingen durch meine Hand. Von allen geht eine ganz eigene Ausstrahlung aus. Schöne Briefe bewundere ich, auch wenn der Blick auf ihnen nur Sekunden oder Bruchteilen davon ruhen kann. Auch spezielle Briefmarken erkenne ich sofort. Postkarten aus fernen Ländern entfachen Reisefieber. Immer sind es Sendungen von und an Menschen. Was bringe ich Ihnen? Gutes oder schwer Verdauliches? Sicher bin ich oft Schicksalsträgerin, ohne dass ich es weiss.
Wie immer, werde ich sofort nach dem Eintreten in den Sog dieser hier arbeitenden Menschen mitgerissen. Es macht Spass, hinter den Kulissen zu erleben, wie Briefe und Zeitungen ihren Weg zu den Adressaten finden. Hier arbeiten Menschen, die schnell und gleichzeitig zuverlässig agieren können. Jede Tour ist ein kleines Reich. Die Zuständigen nehme ich als Individualisten wahr, die aber zu einem grossen Ganzen gehören. Und da füge ich mich als kleine Aushilfe ganz gern ein.
Das erste Wegstück ist stotzig (steil). Ich schiebe den Karren ruhig voran. Im ersten Drittel gehe ich auf einer kaum befahrenen Strasse. Es ist so still, dass ich im Sommer jeweils Pendulen-Schläge aus einer Wohnstube vernehmen kann.
Ich schätze die eingravierten Namen an den Briefkästen, muss aber auch Detektiv sein. Von Hand angeschriebene und vom Wetter verwitterte Klebeetiketten können einen verwirren. Dazu die vielen fremden Namen, von denen nicht sofort auszumachen ist, welches der Familien- und welches der Vorname ist. Doch schwierige Fälle prägen sich ein. Alle bekommen ihre Post.
Unterwegs spreche ich mit meinen Füssen und Knien und danke ihnen, dass sie mir behilflich sind. Tausende Schritte muss ich tun, auf und ab, auch in Gärten und Höfe hinein.
Im Altersheim hole ich die Post aus dem gelben Kasten und schleuse sie in den Zustellkanal. Unterwegs treffe ich wieder auf jenen Mann, der seit Monaten auf meinem letzten Wegstück, an Stöcken humpelnd, eine neue Beweglichkeit einübt.
Hunderte von Sendungen gingen durch meine Hand. Von allen geht eine ganz eigene Ausstrahlung aus. Schöne Briefe bewundere ich, auch wenn der Blick auf ihnen nur Sekunden oder Bruchteilen davon ruhen kann. Auch spezielle Briefmarken erkenne ich sofort. Postkarten aus fernen Ländern entfachen Reisefieber. Immer sind es Sendungen von und an Menschen. Was bringe ich Ihnen? Gutes oder schwer Verdauliches? Sicher bin ich oft Schicksalsträgerin, ohne dass ich es weiss.
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