Sonntag, 15. Juli 2007

Kopenhagen und die kleine Meerjungfrau schicken Grüsse

Eine Ansichtskarte aus Kopenhagen steht im Mittelpunkt meines Blogs von heute. Als Feriengruss ist sie bei mir eingetroffen. Verführerisch schön mit Aufnahmen wichtigster Orte dieser Stadt und mit einer Foto der Skulptur von Hans Christian Andersens kleiner Meerjungfrau, dem Nationalsymbol der Dänen. Noch immer schaut sie wartend und traurig aufs Meer und berührt alle, die sie sehen.
 
Auf der Rückseite der Karte, unten im Bereich, der den persönlichen Grüssen vorbehalten ist, sprach mich die Skizze der Stadtsilhouette mit den Türmen verschiedenster Gebäude und Kirchen sofort an. Sie zeigt sich anders als moderne Städte heute erscheinen wollen. Hier weisen alle Bauten über sich hinaus. Kein Flachdach, kein Wolkenkratzer ist dabei. Historische Bauwerke geben mir immer den Eindruck, wir könnten ihre Giebel oder Türme ersteigen, um ins Universum abzufliegen. Locker und leicht. Ganz anders die modernen „Towers“, deren Dächer eine horizontale Grenze zwischen dem Materiellen und dem Geistigen ziehen. Oben angekommen, muss die Decke wie eine Barriere wirken. Ein dickes Brett über dem Kopf. So empfinde ich ihre abgeschlossene Form.
 
Zur Silhouetten-Skizze auf der Postkarte gehört rechts unter dem Adressbereich auch noch eine dazu, die den Hafen mit einem grossen Schiff markiert. Sie ist für mich in der nachfolgenden Geschichte ebenfalls wichtig.
 
Diese Postkarte aus Kopenhagen löste also vielerlei aus, besonders auch den Wunsch, die Geschichte der kleinen Meerjungfrau wieder einmal zu lesen. Der Dichter, Hans Christian Andersen, der diese Figur erschuf, lebte von 1805–1875. Und seine Märchen leben heute noch. Sie sind voller Spannung, erreichen uns in seelischen Tiefen, wo die Erfahrungen der Menschheit zu Hause sind. Die Bilder, die sie erzeugen, sprechen für sich selbst. Wir verstehen sie, ohne dass wir sie ausführlich deuten müssen.
 
„Die kleine Meerjungfrau“ ist die Geschichte einer grossen Liebe, von der der schöne Prinz mit den grossen, schwarzen Augen nichts weiss. Als sein Schiff im Sturm kenterte, wäre er ertrunken, hätte ihn die Meerjungfrau nicht aufgefangen und ans Land gebracht. Solange er von ihr durch die Meeresfluten getragen wurde, waren seine Sinne ermattet, und als er von der Sonne beschienen, am Strand endlich aufwachte, sah er seine Retterin nicht. Ausserhalb seines persönlichen Blickwinkels schaute sie nach ihm aus. Er lächelte alle anderen dankbar an, die ihm entgegenkamen, nur sie nicht. Er konnte sie nicht sehen.
 
Diesen einen Aspekt der Geschichte habe ich für meinen Aufsatz herausgezogen, weil ich gleich danach im Tram eine zwar banale Episode erlebte, der aber das gleiche Thema zugrunde liegt.
 
An der Tramhaltestelle Förrlibuck in Zürich versuchte eine Frau nervös, ihre Fahrkarte dem Billett-Automaten zu entlocken. Sie fütterte ihn mit reichlich Kleingeld, aber nicht alle Münzen wurden sofort akzeptiert. Das Tram war eingefahren, Gäste ein- und ausgestiegen und wäre sicher weitergefahren, wenn nicht eine Frau im Tram die Situation erfasst hätte. Sie konnte von ihrem Sitzplatz aus mit Knopfdruck die Türschliessung blockieren und der Frau draussen die Mitfahrt ermöglichen. Es dauerte eine ganze Weile. Als sie einstieg, seufzte diese erleichtert und setzte sich auf einen freien Platz. Sie dankte nicht, wusste nicht, wer ihr geholfen hatte. Sie vermutete vielleicht, dass der Chauffeur die Situation über den Rückspiegel erfasst habe. Sie war einfach erleichtert, dass sie jetzt fahren konnte und nur mit sich selbst beschäftigt.
 
Ich aber sass der helfenden Frau über den Gang schräg gegenüber und konnte beobachten, wie enttäuscht sie war. Ihr Mund verzog sich, ihr Gesicht wurde lang. Sie konnte es nicht verwinden, dass man sie überging. Sie schien zu denken: Hat diese Person keine Manieren? Danke hätte sie sagen können. Sie kann froh sein, dass ich ihr geholfen habe. Ich zwinkerte ihr zu, doch konnte ich sie nicht erreichen. Ihre Enttäuschung blockierte sie.
 
In diesem Augenblick erinnerte ich mich an die kleine Meerjungfrau im Märchen, mit der ich tags zuvor einen glücklichen Ausgang der Geschichte ersehnt hatte und dachte: Es muss sich um ein Lebensgesetz handeln, denn wir alle kennen solche Situationen. Wahre Hilfe bleibt oft unerkannt.
 
Wie es die kleine Meerjungfrau geschafft hat, über sich selbst hinaus zu steigen, erzählt Andersen auch noch. Das Märchen ist im Internet abrufbar.

Freitag, 6. Juli 2007

Die Beschleunigung, Markenzeichen eines neuen Zeitalters

Sonntagabend. Ich spaziere mit Primo am Limmatufer. Es hat kurze Zeit geregnet. Die Luft ist rein. Die Spazierenden sind grösstenteils heimgegangen und somit ist hier eine gewisse Ruhe eingekehrt. Hin und wieder klingeln nervöse Velofahrer, damit wir ihnen Platz machen. Sie tun es unverfroren, denn hier wäre allgemeines Fahrverbot.

Dann überholt uns eine junge Frau im Laufschritt. Sie joggt und stösst gleichzeitig ihren Säugling im Kinderwagen vor sich her. Sie irritiert mich, scheint sich an diesem Auslauf gar nicht zu freuen. Keuchend spult sie irgendein Programm ab, das gar nicht ihrem Naturell entspricht.
 
Kurz bevor wir unseren Rundgang beenden, kreuzt sich der Weg dieser jungen Mutter mit dem unsrigen nochmals. Auch sie ist im Kreis herumgegangen. Gegenläufig. Noch immer im Trab, noch immer keuchend.
 
Wie erlebt ein Säugling eine solche Tour? Als Tortur? Er wird geschüttelt, weil der Weg einen Kiesbelag trägt. Er wird den ungewöhnlich kurzen Atem der Mutter wahrnehmen. Tut ihm das gut? Passt er sich vielleicht an diesen an?
 
Als ich am Sonntag zuvor im Kino einen Bildhauer in einem Dokumentarfilm über sein Werk sprechen hörte, muss etwas ähnlich abgelaufen sein. Dieser Künstler, offensichtlich ein starker Raucher, atmete schwer. Er redete und rauchte, dass mir bang wurde. Ich musste ein Bonbon zu Hilfe nehmen, um zum eigenen ruhigen Atmen zurückzufinden. Daran denke ich jetzt. Ging es diesem kleinen Kind auch so, dass sein Atem von aussen beeinflusst und in eine Hektik mitgenommen wurde?
 
Wir sind im Zeitalter der grossen Beschleunigung angelangt. Alles geht schnell und muss noch schneller gehen. Gleichgültig, ob es uns zuträglich ist. Die Züge fahren jetzt mit höheren Geschwindigkeiten und erreichen Ziele rascher. Die Fahrgäste werden durch Stollen und Tunnels geführt, gehen aber schönster Landschaftsbilder verlustig. Sie können dösen oder schlafen wie der Säugling. Sie sehen wenig und jene Orte, die kurz auftauchen, zeigen sich nur als Aufwasch. Seitdem ich die Beschriftungen der Bahnstationen wegen der schnelleren Durchfahrt nicht mehr lesen kann, macht mir das Reisen weniger Freude. Zudem wird mir in den Neigezügen schlecht.
 
Ich habe etwas verloren. Der Säugling aber baut sein Leben erst auf. Möglich ist, dass er bestens gerüstet ist, weil ihn seine Mutter von klein auf mit übersetzter Geschwindigkeit vertraut gemacht hat. Oder war das, was ich beobachtet habe, vielleicht nur eine Ausnahmesituation, und rannte die Mutter nur deshalb, weil sie einen Frust loswerden wollte?

Samstag, 30. Juni 2007

Besuch im Muotathal: Geschichten aus der Franzosenzeit

Manchmal stelle ich mir vor, wie spannend es wäre, wenn ich meine Vorfahren in einer Leuchtspur auf der Weltkarte sehen könnte. Woher kamen sie? Wie verlief ihr Weg in der Völkerwanderung, wo rasteten und verweilten sie?

Ein kleiner leuchtender Punkt auf ihrer Reise in die Gegenwart hat sich kürzlich bestätigt. Ich besuchte das Muotathal und dort die alte Klosterkirche, die schon 1958 renoviert worden ist. Dieser romanische Kirchenraum, einzigartig im Alten Land Schwyz, hat mich sofort eingenommen. Seine Schlichtheit bezauberte mich. In dieser Kirche wurde ich aufmerksam auf die Grabstätte von

Walburga Mohr
1745 bis 1828, von Luzern
Vorsteherin des Klosters von 1795 bis 1827
In der Kriegszeit beim Durchgang
fremder Heere – im Kampfe zwischen
Franzosen und Russen 1798–1799
Beschützerin der Schwestern
und der Talleute
Helferin der Verwundeten
und Hungrigen.

Ich kaufte mir Schriften, um dieser Frau näher zu kommen und fand darin einen Vorfahr erwähnt, der zur so genannten Franzosenzeit 1798/1799 zu Tode kam. Es heisst da: „Wegen der Gewalttätigkeiten und dem Mutwillen der Franzosen hatten die Leute viel zu leiden. Anton Bolfing von Rickenbach wurde totgeschlagen. Johann Georg Fässler in Yberg stürzten sie über die Guggernfluh zu Tode, weil er seine Tochter aus ihren Händen retten wollte.“ Da war mir, als ob mich ein leichter Blitz getroffen hätte. Exakt diesen Wortlaut besitze ich auf einem Papier, das mir ein Onkel vererbt hat. Es informiert über das Geschlecht Fässler, dem meine Mutter entstammt, beschreibt das Wappen und zählt herausragende Männer auf. Ihm kann ich auch entnehmen, dass 3 weitere Familienmitglieder durch die Franzosen umkamen. Und hier also innerhalb der Lebensbeschreibung von Walburga Mohr leuchteten die Namen dieser Vorfahren unverhofft auf. Sie hat also auch mich beschenkt.


Auch heute noch wird im Kanton Schwyz und vor allem im Muotathal mit Achtung von dieser Frau gesprochen. Sie muss eine starke und aussergewöhnliche Persönlichkeit gewesen sein. General Alexander Wassiljewitsch Suworow soll beim Abschied gesagt haben: „Ihr verdient ein Land zu regieren, nicht nur ein armes Klösterlein.

Nun war mein Interesse geweckt. Ich konnte mir noch das vergriffene Buch „Maultiere machen Geschichte – Suworows Krieg in den Schweizer Alpen im Jahre 1799“ aus einem Antiquariat beschaffen. Obwohl mich Kriege nie faszinierten, packte mich dieses Buch, das die grossen Zusammenhänge zu den Ereignissen im Muotathal herstellt. Sobald Menschen fühlbar werden, kann ich mich ins Geschehen einlassen. Eine blosse nüchterne Darstellung erreicht mich nicht. Ich hatte vordem die Schrift „700 Jahre Frauenkloster Muotathal 1288–1988“ gelesen und bin dort den Hauptakteuren ebenfalls als Menschen und nicht nur als Kriegsherren begegnet. Somit waren es dann Bekannte, als ich mich ins Camenzind-Buch vertiefte.

Alois Camenzind schreibt darin: „Die Französische Revolution brauste seit mehreren Jahren wie ein Wirbelwind über Europa, traf Fürstenhäuser ebenso unvorbereitet wie Städte und machte auch vor der Eidgenossenschaft nicht halt. Menschenrechte wurden erklärt, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit proklamiert und Freiheitsrechte aller Art verkündet, deren Tragweite vorerst kaum erfasst wurde.

Ich verstand die Französische Revolution immer als eine Befreiung, aber erst nach diesen Lektüren bin ich beschämt über den Preis, den andere für uns bezahlt haben.

In Paris befindet sich auf dem Vorplatz zum Palais de Chaillot eine Gedenktafel mit dem Artikel 1 der Menschenrechte: „Les hommes naissent et demeurent libres et égaux en droits“. (Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es.) Der damalige Präsident, François Mitterrand, liess diesen Text am 30. Mai 1985 in den Fussboden einmauern.

Da liegen diese bedeutungsvollen Worte und erinnern daran, dass die Freiheit einmal nicht allen gehörte. Manche Besucher werden wohl achtlos und unwissend darüber hinweggehen, andere spüren vielleicht den ihm zugrunde liegenden Geist, denn der Ort ist heiter und offen. Hier sind immer junge und fröhliche Menschen anzutreffen.

Auf dem Weg der Nordseite dem Palais de Chaillot entlang, wusste ich schon, was jetzt kommen werde: Die spektakuläre Aussicht auf den gegenüberliegenden Eiffelturm. Und diese wollte ich noch etwas steigern. Ich schlug vor, die Augen zu schliessen und sie erst wieder auf der Hauptterrasse zu öffnen. Letizia war gerade 20 geworden, und ihretwegen befanden wir uns hier. Ihr wollten wir ein zum Geburtstag passendes Erlebnis verschaffen. Es gelang. Die Sicht zum Eiffelturm ist hier immer wieder überwältigend und gibt die Gewissheit: Ich bin in Paris.

Und der Zufall gab an jenem Tag noch eins drauf. Wir standen nämlich, ohne es zu wissen, exakt vor der erwähnten Tafel mit dem Hinweis auf das grundlegende Menschenrecht. Wer hatte wohl mehr Freude daran? Die eben volljährig gewordene Tochter oder die Mutter, deren höchstes Gut die eigene Freiheit ist? Freiheit wohlverstanden immer im Zusammenklang mit der dazugehörigen eigenen Verantwortung.

Verwendete Literatur
Gwerder, Alois: „700 Jahre Frauenkloster Muotathal 1288–1988.
Heinzer, Max: „Sr. Walburga Mohr, Heldin der Franzosenzeit.
Diese beiden Schriften sind im Frauenkloster St. Josef, CH-6436 Muotathal, erhältlich.

Camenzind, Alois: „Maultiere machen Geschichte (Suworos Krieg in den Schweizer Alpen im Jahre 1799)“, ISBN 3-909196-04-7, mit etwas Glück noch im Antiquariat erhältlich.

Freitag, 22. Juni 2007

Lindenblütendüfte in der Zürcher Altstadt und im Quartier

Auf einem Stadtspaziergang rasteten wir am letzten Sonntag unter der Linde neben dem Grossmünster.

Hier liess und lässt sich gut sein. Einerseits weil Linden befrieden und mit ihren Düften betören, andererseits der prächtigen Aussicht wegen. (Sicht zum Albis und See. Ausfluss der Limmat aus dem Zürichsee. Silhouetten von Stadthaus, Fraumünster, St. Peter usw.).

Schon zu Hause, als wir uns auf den Weg machten, fragte ich mich, was ich heute Besonderes finden werde. Es waren dann die blühenden und duftenden Linden. Auch auf unserem weiteren Weg wehte uns ihr Parfum entgegen, als noch weit und breit kein Lindenbaum zu sehen war. Auf der Höhe, wo die Kirchgasse mit dem Hirschengraben zusammentrifft, standen die Bäume dann zum Empfang bereit. Und sofort begriff ich, warum hier eines der Häuser „Am Lindentor“ heisst. Hier stelle ich mir ein Tor in der mittelalterlichen Stadtmauer vor, ohne aber zu wissen, ob Linden innerhalb der Mauer oder draussen angesiedelt waren.

Der Sonntag gehörte also der Wahrnehmung von Lindendüften. An diesen freuen wir uns auch seit mehr als einem Monat rund um die Josefswiese. Als ausgleichender Kontrast zum Kerichtheizkraftwerk von nebenan. Erstaunlich, was diese Bäume hier bewirken. Sie erfrischen den Ort. Sie reinigen die Luft. Hier atme ich voll und tief und gern.

Linden umranden hier die grosse, rechteckige Wiese im Neugassbereich 1-reihig, an der Josefstrasse 2-reihig, und im Bereich Ottostrasse 3-reihig. Erst jetzt, für diesen Beitrag ins Blogatelier, habe ich die Gestaltung dieser Anlage endlich einmal genauer angeschaut. Dabei komme ich hier fast täglich vorbei. Doch schaue ich immer nur auf die Bäume und ihre Ausstrahlung, die in diesem Jahr ausserordentlich üppig ist.

In der Auflistung der Parks von „Grün Stadt Zürich“ wird auf den deutschen Sozialreformer Leberecht Migge hingewiesen, in dessen Geist die Josefswiese gestaltet worden sei. Obwohl sie unter den Parks figuriert, wurde sie nie als solcher empfunden. Noch heute ist sie ein Platz, der beansprucht werden darf. In ihren Anfängen war sie in erster Linie ein Ort, wo die Schüler im Sommer turnen und sich ganze Familien am Sonntag auf der Wiese tummeln konnten. „Rasen betreten verboten“ war damals eine bekannte Weisung, die hier nicht mehr galt. Die Josefswiese durfte benützt, nicht nur angeschaut werden.

Obwohl zu einer Zeit geschaffen, als wir Menschen aus anderen Kulturkreisen nur in Geschichten begegneten, ist die Josefswiese für die Bedürfnisse von heute ideal. Sie ist ein Tummelplatz der multinationalen Bevölkerung, auch aus angrenzenden Stadtkreisen. Hier werden Quartier- und Spielfeste und auch das alljährliche Pétanque-Turnier abgehalten. Mehr und mehr entdecken die Afrikaner diesen schönen Ort und entführen uns trommelnd oder singend solange in unbekannte Welten, wie unsere Velofahrt der Grünfläche entlang dauert. Manchmal halten wir an und hören eine Weile zu.

Ja, die Linden. Sie blühen an vielen Orten, aber nur in verkehrsfreien Zonen fällt uns ihr Wohlgeruch auf.

Als Autos noch Ausnahmeerscheinungen waren, also bis etwa 1950, wurden Lindenblüten von den Anwohnern für den eigenen Gebrauch geerntet. Primo kann sich gut erinnern, wie sein Vater die Leiter schulterte und er mit den Eltern zusammen an der Heinrichstrasse von diesen Teeblüten pflückte. Und ich weiss noch, dass wir in der Nähschule einen Stoffsack aus locker gewobener Baumwolle bestickten, um darin eine Jahresportion Lindenblüten aufbewahren zu können. Lindenblüten waren geschätzt. Ihr Tee erfrischte uns im Sommer. Mutter stellte ihn kühl und gab ihm einen Schluck Rotwein bei. So habe ich ihn auch heute noch gern. Er ist wertvoll, sein Vitamin-C-Gehalt beachtlich.

Allgemein bekannte Wirkungen von Lindenblüten sind: Husten lindernd, Fieber senkend, beruhigend, schweisstreibend.

Weniger bekannt sind Lindenblüten-Kompressen für ermüdete Augen: Lindenblüten-Teesäcklein mit heissem Wasser übergiessen, ziehen und abkühlen lassen. Je ein Säcklein auf die geschlossenen Augen legen. Mit einem Tuch bedecken. Ungefähr eine Viertelstunde wirken lassen.

Ich kann diese Prozedur empfehlen. Sie beruhigt auch, weil man sich dafür hinlegen und stille sein muss.

Den Hinweis habe ich von Pauline Felder bekommen, und sie beruft sich auf Hildegard von Bingen.

Dienstag, 12. Juni 2007

Die pfeifenden Naturtöne vom Heck des Zürcher Trams 13

Ich sass auf einer Bank an der Tramhaltestelle Uetlihof, nahe dem Stadtrand von Zürich und wartete auf den „Dreizehner“ (Tram 13). Nach 9 Uhr am Morgen ist es hier ruhig, wenn alle Angestellten an ihren Arbeitsplätzen eingetroffen sind. Eine Frau wartete ebenfalls, später traf noch die Hauptperson meiner Geschichte auf der Traminsel ein. Ein etwa 70-jähriger Mann.

Ich nahm ihn nur oberflächlich wahr, sah, dass er einen langen, wollenen Mantel trug und die gestrickte Mütze über beide Ohren gezogen hatte. Wir stiegen gleichzeitig ein, doch schenkte ich ihm keine besondere Beachtung. In der Stadt begegnen wir vielen Sonderlingen. Sie gehören dazu. Ich sah nur, dass ihm seine Kluft offensichtlich behagte, obwohl der Tag sommerlich warm war.

Bald nachdem das Tram in Bewegung gekommen war, hörten wir seltsame Töne aus dem hinteren Wagenbereich. Köpfe wurden gedreht und geschüttelt. Ich hörte zuerst nur hin, schloss meine Augen und wartete auf innere Bilder. Was ist das für eine Stimme? Es waren Naturtöne und sie gefielen mir. Es wurde nicht in herkömmlicher Art gesungen. Rasch wähnte ich mich in der Steppe. Der Wind atmete und pfiff. Pferde galoppierten um die Wette, Staub flog auf.

Dem Wagenführer war der ungewöhnliche Gast auch aufgefallen. Als er an der nächsten Station angehalten hatte, verliess er seine Kabine, kam zu den Fahrgästen, fragte ganz locker und freundlich: „Ist es hier jemandem zu heiss geworden?“ Er sah sofort, woher die Töne kamen. Wenn ich ihn recht verstanden habe, entschuldigte er sich sogar für diese Störung, doch niemand hatte sich beklagt.

Dann fuhren wir weiter. Der vermeintliche Wind pfiff wieder. Jetzt schaute auch ich zurück und beobachtete den Mann. Ich sah, wie unruhig er war, wie wenn er reiten und ein Pferd zügeln müsste. Er schnaubte und hopste. Faszinierend seine Urtöne, die von keinem Wort oder Vokal abhängig waren. Manchmal dumpf, dann wieder schneidend. Und es schien, die Welt gehöre nur ihm und seinen inneren Bildern.

Eine Dame, die mir gegenüber sass, schmunzelte und ich meinte, für solche Töne gingen wir manchmal ins Kino oder Theater. Ich erinnerte mich z. B. sofort an einen Film über die Mongolei.

Stammte der Mann vielleicht aus einer anderen Kultur? Nein. Er passte sehr gut in die Landschaft von Schweizer Gesichtern. War er vielleicht ein Wandermönch? Ich weiss es nicht.

Mir fiel auf, dass er ruhig wurde, sobald viele Menschen einstiegen und dass er wieder zu tönen anfing, wenn sich die Reihen lichteten.

Ich wäre ganz gern mit ihm weiter gefahren, doch nach einer Viertelstunde war ich dort angelangt, wo mein Velo für die Heimfahrt auf mich wartete.

Donnerstag, 7. Juni 2007

Wallis CH: Heinzelmännchen und Himmelserscheinungen

Zwei Begebenheiten werden haften bleiben. Wir fuhren ins Wallis, wählten wieder einmal die Route mit der Furka-Oberalp-Bahn von Göschenen nach Andermatt, Realp und durch den Furkatunnel nach Oberwald, wo uns ein gelber Teppich blühender Löwenzahnblumen erwartete. Die ganze Talbreite trug Gelb. Das „Goms“, so der Name des Hochtals, gehört zu den noch grösstenteils intakten Natur- und Kulturlandschaften der Schweiz. Oberwald liegt auf 1366 Meter ü. M.

Diese Region ist weit und senkt sich kontinuierlich von 1366 auf 678 Meter ab. An seinen grünen Hängen wachsen Bäume, locker hingestreut, wie das nur die Natur kann. Und es gibt da auch die kleinen Kartoffel-, Gemüse- und Roggenäcker, die Teppichen gleich an den Abhängen liegen. Links der Fahrbahnen fliesst und stürmt die Rotte (Rhone) ins Tal. Das sind die Kulissen einer Fahrt von Oberwald nach Brig. Sie beansprucht 1 ¼ Stunden.

Bevor wir diese Weiterreise ins Tal antraten, hielten wir uns in Oberwald auf. Wir fanden hinter der einheitlichen, geschlossenen Fassade der Ferienhausbauten ein altes, sehr schönes Dorf mit den unverwechselbaren, vom Wetter gegerbten Walliser Holzhäusern, Ställen, Brunnen und Scheunen.

Und hier begegneten wir Kindern. Als das mit der Anschrift „Schülerkurs“ bezeichnete Postauto wegfuhr, kam eine kleine Gruppe Erst- oder Zweitklässler daher. Alle trugen einen Rechen, der grösser war als sie. Die Lehrerin erklärte, dass ihnen ein Stück Wald gehöre, das jetzt gesäubert werden müsse. Sie seien auf dem Weg, um diese Arbeit zu tun. Die farbenfroh gekleideten Kinder mit ihren Rucksäcken und eben den grossen Rechen erschienen mir wie Heinzelmännchen. Fast traumwandlerisch folgten sie der Lehrerin. Erwachsen geworden, werden sie sich erinnern, wo sie gelernt haben, eine praktische Aufgabe, also Verantwortung zu übernehmen und Sorge zu tragen. Hier geschieht das ganz natürlich. Das hat mich beeindruckt.

Oberwald, ein Ort, der ohne den Furkatunnel das Ende der Welt markieren würde, war sehr still, als wir uns hier umsahen. Es ist Zwischensaison. Der Winter hat sich zurückgezogen und mit ihm die vielen Skifahrer. Das Goms ist ein beliebtes Langlaufskigebiet und im Sommer ein ebensolches für Wanderferien und der Tourismus ein wichtiger Erwerbszweig für die Bevölkerung.

Ich schätze diese Zwischenzeiten an vielen Orten. Sie verströmen Ruhe und ermöglichen auch einer Landschaft Ferien.

Talabwärts verändert sich das Bild. Mit den Stationen der grossen Bergbahnen (Belalp und Riederalp) gehen auch Siedlungsveränderungen einher. Die beliebige Architektur ist rücksichtslos und verdrängt die Kultur und Geschlossenheit der typischen Walliser Siedlung. Brig dann aber, die Metropole des deutschsprachigen Wallis, ist ein markanter und reizvoller Ort. Er hat sich vom verheerenden Hochwasser von 1993 gut erholt, ist verjüngt, herausgeputzt und lebendig. Die Tür zum Stockalperpalast war offen. Wir traten ein. Hier wurde gerade ein Hochzeitspaar gefeiert, und der geschichtsträchtige Hof war belebt.

In Brig nimmt der Weg über den Simplon-Pass seinen Anfang. Alle Städte, von denen Passstrassen ausgehen, haben einen besonderen, spröden Charme. Da werde ich immer neugierig, möchte wissen, wie es jenseits der Berge aussieht. Und hier müssen die vorher geschauten Bilder aus der Natur sofort zurückweichen. Jetzt sind Stadtbild und Schaufensterauslagen Orte, wo unsere Augen weiden. Hier in Brig wunderte sich Letizia, dass sie sich in den Alpen wähnte und pulsierendes Stadtleben fand.

Ein zweites Erlebnis besonderer Art spielte sich im Hotel Bahnhof in Ausserberg ab. Ein Ort am steilen Abhang an der Lötschberg-Südrampe mit Ausblick ins Rhonetal und Richtung Simplon. Die ganze Nacht zuvor und den ganzen Tag lang hatte es geregnet und in höheren Lagen geschneit. Jetzt begannen sich kleine Aufhellungen zu zeigen. Wir sassen beim Nachtessen im Speisesaal, hatten alle Zeit, die Veränderungen am Himmel zu beobachten. Lange zogen weisse Wolkenzüge, aus dem Unterwallis kommend, wie Prozessionen an uns vorbei. Und langsam hellte sich der Himmel auf. Letizia hatte das leicht verschneite Simplonmassiv vor Augen und beobachtete, wie sich die Wolken zum Teil auflösten, und Teile von ihnen zu seltsam schönen Kränzen über dem Simplon mutierten. Es war, wie wenn sich die Quintessenz der gesamten Fracht selber einen Kranz winden wollte.

Letizia, deren Sitzplatz im besten Winkel zu diesem Schauspiel stand, sagte einmal gut hörbar zu mir: „Lueg emal das a!“ (Schau das an!). Diese wenigen Worte elektrisierten dann alle in diesem Raum Anwesenden. Es mögen etwa 20 Personen gewesen sein. Sie standen auf. Man ging auf die Veranda hinaus. Alle staunten, waren ergriffen. Die Kränze über dem Simplonmassiv zerfielen bald, ähnlich wie es mit den Kondensstreifen von den Flugzeugen geschieht. Aber sie zauberten gleich noch ein weiteres Spektakel hervor. Ihr Stoff wurde (vielleicht von Winden?) zu reliefartigen Mustern gestaltet. Es war, als ob am Himmel viele aufgeschäumte Halbkugeln zu Deckenleuchten aufgehängt worden seien. Die Abendsonne machte mit, leuchtete sie aus, liess sie schneeweiss erstrahlen. Den Hintergrund färbte sie blau. Erstaunlich, dass einige der Fotos einen leicht violetten Himmel und beige Wolken festgehalten haben.

Edith Leiggener vom Hotel Bahnhof sagte mir später, so etwas hätten sie hier noch nie gesehen. Aber wahrscheinlich reagieren wir auf Himmelserscheinungen nur selten. Unsere Alltagspflichten zwingen den Blick nach unten.

An diesem Samstag vor Pfingsten, als es an vielen Orten regnete und schneite, mussten Feriengäste auf die geplanten Ausflüge verzichten. Es wurden uns allen Grenzen gesetzt. Schliesslich haben uns diese viel Ruhe und das eben beschriebene wundersame Himmelsbild geschenkt.

Hinweis auf weitere Reiseberichte von Rita Lorenzetti
23.05.2007: Reisen mit Kindern: Wache und verblasste Erinnerungen
01.04.2007: Aarburg AG: Wiedersehen und Erinnerung an eine Befreiung
30.03.2007: Wolfwil SO: Kunstvolle Ostereier verbreiten Feststimmung
25.02.2007: Der Rheinfall bei Schaffhausen: Wasser- und Lebensläufe
25.02.2007: Seen, Stege, Wanderwege und ein persönlicher Kraftort
29.06.2006: In der Aareschlucht. Von Reiseeindrücken und Souvenirs
18.06.2006: Johanna Spyri, Heidi-Gefühle im Ort Hirzel und die Linden
03.05.2006: Mit Robert Walser und Emil Nolde im Berner Oberland
14.03.2006: Capunet aus Poschiavo, dem „schönsten Ort auf Erden“
25.02.2006: „Bleichibeiz“ Wald ZH: DRS 1-„Persönlich“ persönlich erlebt
15.12.2005: Der Zürcher Hauptbahnhof – pulsierender Ort für Emotionen
05.11.2005: Ein weiter Horizont ist an vielen Orten zu finden
14.10.2005: Reise nach Genf: Beobachtungen und Begegnungen
09.10.2005: Unter Kontrolle: Rückreise Köln–Zürich und Reise-Allerlei
07.10.2005: Über Aachen-Eupen in den Naturpark Hohes Venn
28.09.2005: Von Köln in Richtung Aachen: Lebensräume, grüne Auen
17.08.2005: Im Zug-Fahrpreis inbegriffen: Kontakte und Geschichten
18.06.2005: Jutzen und Beten in der Cabane: Expo-02-Souvenirs
08.06.2005: Geheimtipp geheimnisvoller Üetliberg (Zürichs Hausberg)
18.05.2005: Gedankenblitze auf einer Velofahrt durch Zürich
08.05.2005: Wege und Übergänge. Um Freunde zu finden
24.04.2005: Frühlingsfest im Tessin: Amore e Nostalgia
23.04.2005: Hier dreht sich alles um den Gotthard-Mythos
11.04.2005: Unabhängig und beweglich sein: Ab ins Tessin!

Donnerstag, 31. Mai 2007

Paul Treu: Der Fliegerstein und die Luftkrieg-Geschichte

Von Ursula hatte ich vom Fliegerstein gehört. Sie wohnt in Zürich-Affoltern und kommt auf ihren Spaziergängen oft an ihm vorbei. Auf meinen Wunsch begleitete sie mich zu ihm hin. Ich hatte den Einstieg in den Wald schon einmal alleine gesucht, aber nicht gefunden.

Die Hinweistafel, die gleichzeitig den Eingang in den Wald markiert, steht im Bereich, wo Einfangstrasse und Fronwaldstrasse aufeinander treffen. Wir kamen auf der Einfangstrasse daher, der Rosengärtnerei entlang. An deren Ende bogen wir Richtung Zürich-Oerlikon ab. Nach nur 10 Schritten standen wir schon vor dem Wegweiser „Fliegerstein“ und konnten in den Wald eintreten.

Nicht weit von hier erspähten wir dann rechter Hand den Gedenkstein, lasen seine Inschrift.

In Verteidigung der Schweiz. Neutralität stürzte am 5.9.1944
Flieger Oblt PAUL TREU
im Luftkampf tödlich verwundet ab.


Neben diesem Gedenkstein wird in einer Plexiglashülle die dazugehörige Geschichte aufbewahrt. Ebenso Abbildungen aller Flugzeuge, die beteiligt waren.

Es wird da einerseits die ganze Tragödie geschildert und andererseits erzählt ein Augenzeuge, wie er den Absturz beobachtet hat. Es heisst da:

In Gedenken an Oberleutnant Paul Treu, der am 5. September 1944 im Dienste der Eidgenossenschaft in seiner J-378 abgeschossen wurde und den Tod fand.

Am 5. September 1944 um 11 Uhr gibt die Einsatzzentrale Zürich Startalarm für die in Dübendorf stationierten Jagdstaffeln.


Nach einem Luftangriff auf Stuttgart haben soeben über 20 amerikanische Bomberflugzeuge der 8. USAAF die Schweizer Nordgrenze überflogen.


Eine Doppel-Patrouille von je zwei schweizerischen Me-109 E-3 wird auf eine in Richtung Zürich fliegende B-17 angesetzt. Der Amerikaner quittiert die Aufforderung zur Landung mit einer Leuchtkugel und wird nach Dübendorf geleitet.


Nun taucht ein B-24 Bomber auf. Zwei eidgenössische Me-109 kurven in seine Richtung, um auch ihn zur Landung aufzufordern. Plötzlich stürzen sich die Begleitjäger der B-24 mit ihren Mustangs auf die beiden eidgenössischen Maschinen und schiessen sie augenblicklich ab.


Oberleutnant P.Treu (J-378) findet dabei den Tod. Seinem Kameraden, Oberleutnant R. Heiniger (J-324), gelingt mit seinem stark beschädigten Flugzeug noch die Notlandung.


Die US-Piloten haben offensichtlich die eidgenössische Me-109 als deutsche Jäger angesehen.


Und so schilderte ein Augenzeuge den Vorfall:
Ich beobachtete den Luftkampf und sah, wie ein Jagdflugzeug, eine Rauchfahne hinter sich herziehend, brennend in Richtung Affoltern abstürzte. Sofort fuhr ich mit dem Velo in diese Richtung und traf an der Absturzstelle am Waldrand neben der Fronwaldstrasse ein. Zwischen den Stämmen der Bäume brannte ein fast unscheinbarer Haufen zerbrochener Flugzeugteile. Vermutlich hatte sich der Vorderteil der Maschine mit dem schweren Motor tief in den Boden eingerammt. Fetzen von rot und weiss bemalter Bespannung zeigten deutlich, dass es sich um ein Schweizer Flugzeug handelt. Ein dabei liegendes Stück Blech wies eine ganze Reihe von Einschlägen auf, die wahrscheinlich von MG-Munition herrührte. Innert kürzester Zeit erschienen die Feuerwehr, die Kantonspolizei, Leute vom Luftschutz und ein Sanitätsautomobil.

Ursula sagte, ihre Enkelkinder zöge es auf jedem Spaziergang zu dieser Gedenkstätte hin, wo sie deren Geschichte immer wieder erzählen müsse.

Wer weiss noch davon? Es müssen noch Menschen da sein, die Paul Treu kannten und dafür sorgen, dass sein Andenken nicht verblasst. Obwohl mit einfachen Mitteln gestaltet, berührte diese Gedenkstätte auch mich.

Mittwoch, 23. Mai 2007

Reisen mit Kindern: Wache und verblasste Erinnerungen

„Alles für die Katz!“ sagt Primo jedesmal, wenn wir die Töchter auf weit zurückliegende gemeinsame Ferien oder Reisen ansprechen und sie sich nicht mehr daran erinnern können.

Er reagiert gern humoristisch und fängt so ein vermeintliches Fiasko auf. Klar, er weiss selbst, dass nicht alle Erfahrungen im Bewusstsein bleiben. Manche siedeln sich auf der andern Hirnhälfte an und bereichern das Unbewusste, aus dem sich dann unsere schöpferischen Kräfte entwickeln.

Was uns immer wichtig war: dass Ferien auf spielerische Weise etwas fürs Leben vermitteln. Dass die Kinder von früh auf lernen, sich auch in veränderten Verhältnissen wohl zu fühlen. Dann die praktischen Aspekte, z. B. das Packen der Dinge, auf die man nicht verzichten kann. Den Rucksack selber tragen. Eine Reiseroute überblicken, den Fahrplan studieren lernen. Und sich dann in einer Ferienwohnung einrichten.

An solchen Orten fängt eine Familie bei Null an. Es ist vieles offen. Räume können erobert werden. Man tastet sich gemeinsam vor. Eine vorhandene Leere muss mit eigenem Leben und mit Fantasie gefüllt werden. Damals konnte nicht aufs Fernsehen ausgewichen werden, wenn das Regenwetter Ausflüge unmöglich machte. Für alle Unterhaltung waren die Feriengäste selber zuständig. Diese Situation hat viel Kreativität freigesetzt. Und wir hatten Zeit, auf die Kinder einzugehen. Das eigentliche Ziel der Ferien ist ja, Zeit füreinander zu haben.

Meine Mutter, die Ferien erst kennen lernte, als ich schon verheiratet war, staunte immer wieder, wie junge Familien verreisten und fragte sich, ob das kleinen Kindern und vor allem Säuglingen gut tue. Das frage ich mich grundsätzlich auch, andererseits sind Reiseerfahrungen für Schulkinder sicher sehr wichtig. Reisen muss auch gelernt sein.

Felicitas, unsere Erstgeborene, wollte von klein auf so viel wie möglich reisen. Sobald sie begriff, dass es eine Landesgrenze gibt, wollte sie diese immer wieder überqueren. Wie oft war sie enttäuscht, wenn der Zöllner nicht verlangte, dass sie den Koffer ihrer Puppe öffne und den Inhalt zeige. Sie wollte mit allen Fasern erleben, dass sie in ein anderes Land reise.

Und Letizia fürchtete sich vor dem Zoll. Menschen in Uniform ängstigen sie enorm.

Einmal, an einem Sonntag, als wir die Kinder fragten, was wir unternehmen könnten, wollte Felicitas unbedingt nach Deutschland. Gut. Das war möglich. Reise ab Zürich mit der Bahn nach Stein-Säckingen. Zu Fuss über die prächtige, 220 Meter lange Holzbrücke über den Rhein. Rundgang in der Stadt Säckingen.

Kurz vor der Zollstation merkten wir aber, dass wir wegen unserer überstürzten Abreise keine Identitätskarten mitgenommen hatten. Jetzt wurde es spannend. Wir meldeten uns beim Schweizer Zoll auf der linken Rheinseite. Hier wurde uns geraten, beim deutschen Zoll, also am anderen Ufer, zu fragen, ob Deutschland uns für einen Spaziergang in Säckingen eintreten lasse.

Auf dem Weg dorthin trafen wir in der Mitte auf den Brückenheiligen St. Nepomuk. Wir grüssten und baten ihn, er möge dort drüben ein gutes Wort für uns einlegen.

Auf der anderen Rheinseite angekommen, schickte uns der deutsche Zöllner sofort in die Schweiz zurück und liess ausrichten, wenn man uns dort einen Ausflugsschein ausstelle, sei die Sache in Ordnung. Obwohl wir kein einziges Papier bei uns hatten, das uns als Familie Lorenzetti hätte ausweisen können, schrieb uns der Schweizer Zöllner 2 Ausflugsscheine. Einen für den Vater und die beiden Kinder, einen zweiten für die Mutter.

Nun freuten wir uns riesig, marschierten wieder los. Die überglücklichen Kinder schwenkten die Ausweispapiere und zwinkerten St. Nepomuk zu. Drüben in Deutschland war dann das Zollbüro leer und niemand kontrollierte uns bei der Einreise. Freude und Enttäuschung in einem. Wir hätten unsere Papiere so gerne gezeigt.

Dieses Erlebnis war stark und ist darum in den Erinnerungen gut verankert. Wir können es jederzeit abrufen. Die Ausflugsscheine besitzen wir übrigens noch. Ausgestellt wurden sie am 23. Mai 1974. Einen für den Vater mit den beiden Kindern, einen für die Mutter zu je SFR. 3.–. Sie tragen die Nummern 134 916 und 134 917.

Mittwoch, 16. Mai 2007

Hardhof Zürich: Grundwasserfeld und Naherholungsgebiet

Meine kurzen Ausläufe, weg vom Schreibtisch, führen mich oft in den Hardhof. Dieser befindet sich zwischen der Tramstation Sportplatz Hardturm und der Europabrücke.

In 4–6 Metern Tiefe fliesst da ein 20–30 Meter breiter Grundwasserstrom durch das Limmattal. Zusammen mit dem Regenwasser können ihm 15 % des Zürcher Trinkwassers entnommen werden. Dieses Grundwasser fliesst mit einer Geschwindigkeit von 1–10 Millimetern pro Sekunde, also langsamer als die Flüsse Limmat und Sihl, die es speisen.

Das Areal darüber ist begrünt, mit Bäumen, Sträuchern und geschwungenen Spazierwegen gestaltet und mit verschiedenen Sportanlagen ausgerüstet. Mein Lieblingsweg ist jener, der nach dem Vorbild der Finnenbahnen angelegt ist. Eine Art Orientteppich. Die Wirbelsäule geniesst hier den weichen Auftritt und die sanften Bewegungen, die sich daraus ergeben. Am Rand dieser Oase sind Bäume gegen die Autobahn hin so ideal gesetzt, dass sie viel vom Lärm schlucken.

Die gesamte Anlage ist 25 Hektaren gross und wurde in den 1970er-Jahren geschaffen. Da waren unsere Töchter noch Kinder. Ich sagte ihnen voraus, dass hier ein kleiner Wald heranwachse, in dem sie später einmal mit ihren Kindern spazieren würden. Und schon sind wir in dieser Epoche angelangt. Bereits im Sommer werden wir uns hier einfinden und mit den im Frühjahr neu installierten Wasserspielen vergnügen. Hier kann die 1-jährige Enkelin dann auch laufen lernen.

Das Areal darf in der Mitte auf einem gut signalisierten Veloweg durchfahren werden. Für das gesamte Spazierwegnetz gilt aber ein striktes Fahrverbot. Diesem verdanken wir die geordnete und beschauliche Atmosphäre.

Das Hardhofgebiet ist weit. Grundwasserstrom und Limmat halten uns diesen Raum offen. An Sommerabenden schauen wir uns hier die Sonnenuntergänge an. Der Hardhof ist wirklich ein Erholungsgebiet, eine Oase. Dieser Ort ist geschützt.

Die Wasserversorgung formuliert es so: „Die hohe Qualität des Grundwassers kann garantiert werden, weil das Grundwasserfeld und seine Umgebung durch eine Schutzzone mit strengen Bestimmungen vor Gefahren geschützt wird.“ Und auf einer der Informationstafeln ist zu lesen: „Trotz aller Aktivität, die hier stattfinden kann, gilt: Der Vorrang gehört der Grundwasserförderung. Nur was diese nicht gefährdet, ist hier erlaubt.“

In früheren Sommernächten kamen wir mit den Kindern auch hierher, damit sie das Himmelsgewölbe wahrnehmen und die Sterne beobachten konnten. Auf Wolldecken auf einer der Wiesen liegend, warteten wir auf Sternschnuppen. Als diese dann aufleuchteten, waren wir so überrascht, dass wir vergassen, rechtzeitig unsere Wünsche auszusprechen.

In der Stadt wird es nie mehr richtig dunkel. Auch damals schon hellte eine zwar mindere Beleuchtung den Nachthimmel über Zürich auf. Trotzdem war es möglich, mehr vom Glanz der Sterne zu erfassen als es heute möglich ist.

Mittwoch, 9. Mai 2007

Als der Regen auf die Dächer trommelte, wichen die Sorgen

Auch in Zürich hat es nun geregnet. Am ersten Tag nach der Trockenperiode als feiner Sprühregen, später dann stärker. So, wie wir es gewohnt sind. Wir schmeckten den Regen. Die Erde gab sofort eine Duft-Resonanz. Den feuchten Erdgeruch, frisch und moderig zugleich. Und von den Wetterprognosen wussten wir, dass es nun in der ganzen Schweiz regnete. Erleichterung. Aufatmen. Am liebsten hätte ich in diesem Augenblick mit andern zusammen gesungen.

Da machte es gar nichts mehr aus, dass jetzt die schönsten Blüten nass wurden und auch die Rosen am Torbogen viele ihrer Blätter verloren haben. Wir waren einfach zufrieden, dass der Erde wieder Wasser geschenkt worden ist. Und dass wir wieder freier atmen konnten.

Tage und Wochen zuvor konnten wir ja den Frühling feiern, die Bäume im Blust bewundern, ihre Aromen einatmen und verstehen, warum ein klassisches Brautkleid weiss und mit Spitzen versehen sein muss. Wie der Frühling. Unberührt, rein und schön.

Es wurde uns bewusst, wie machtlos wir wären, wenn das Wasser nicht mehr über unsere Dächer und Felder rieselte. Da könnten wir gar nichts ausrichten. Wir nahmen wieder einmal wahr, dass wir nur Teil der Natur und nicht ihre Gebieter sind.

Erstaunlich: Ich hörte bis jetzt niemanden, der sich beklagt hätte, dass die Temperaturen gesunken und das Klima feucht und der Himmel grau geworden sind. Hoffentlich hält die Zufriedenheit lange an.