Dienstag, 6. Dezember 2005

Der unbekannte Samichlaus an der M-Kasse im Kreis 5

Letztes Jahr, am 6. Dezember 2004, traf ich vor der Migros-Kasse mit einer mir nicht bekannten Frau zusammen, die sich nach unserem „Samichlaus“ (Sankt Nikolaus) erkundigte. Sie sehe hier viele Zeichen von ihm und interessiere sich für die dahinter liegende Geschichte. Sie komme aus Berlin, kenne eigentlich nur die Figur des Knechts Rupprecht. Weiter erzählte sie, dass sie heute Geburtstag feiere. Sie heisse Nicole. Das ist die französische und weibliche Form von Nikolaus. Als ich daraufhin wies, staunte sie. Sie kannte diese Zusammenhänge noch nicht.

Ich konnte ihr dann in groben Zügen erzählen, dass unserem Samichlaus die Figur des Heiligen Nikolaus von Myra zugrunde liege und dass diese die Mildtätigkeit verkörpere. Der Samichlaus, wie wir ihn heute feiern, komme aus dem tiefen Wald, vor allem zu den Kindern und prüfe, ob sie artig seien. Er beschenke sie mit Nüssen, Äpfeln, Mandarinen, Lebkuchen und „Gritibänzen“ (aus Hefeteig gebackene Mannli) und anderen Leckereien. Die Kinder würden für ihn Verse aufsagen und Lieder singen.

Wenn ich die Berlinerin heute wieder träfe, würde ich noch auf die diesjährigen Sonder-Briefmarken aus der Schweiz hinweisen und ihr jene zu 85 Rappen zeigen, auf der die Insignien des christlichen Ur-Nikolaus zu sehen sind. Die Mitra (Bischofshut) und der Bischofsstab. Die zur gleichen Serie gehörende Briefmarke zu 100 Rappen stellt übrigens einen Gritibänz dar. Die grafische Darstellung dieser beiden Werte fängt den Zauber ein, den ich als Kind in mich aufgenommen habe und der mir immer noch Massstab ist. Sankt Nikolaus ist für mich eine Figur aus der Anderswelt. Eine mythische Figur, die sich der jeweiligen Gegenwart und der Wellenlänge der einzelnen Menschen und Familien anpasst, und doch unverkennbar sich selbst bleibt.

Aus einem Internetbeitrag des Historikers Martin Leuenberger erfahre ich jetzt, dass auch die Indianer aus dem Südwesten Amerikas eine solche Figur gekannt haben. Eine maskierte und kostümierte Person, die jährlich wiederkehrte, die Kinder belohnte oder bestrafte. Wie bei uns. Der oben genannte christliche Ur-Samichlaus ist also nicht der älteste.

Zurück zur Berlinerin: Denkt sie heuer an unser damaliges, zufälliges Zusammentreffen zurück? Hat sie die Legende, die ich ihr beim anschliessenden Tee bei mir zu Hause übergab, gelesen und verinnerlicht? Und die Kassiererin, ist sie vielleicht auch noch auf die Antwort gestossen, die sie selbst nicht geben konnte? Nicole richtete die Frage zuerst an sie. Beantworten konnte diese Frau sie nicht, obwohl sie aus unserem Kulturkreis stammte und nicht mehr jung war. Sie blieb still, einfach still und sass auf ihrem Stuhl wie ein Kind, das am Examen nicht zu antworten weiss. Was die Kunden doch immer alles wissen wollen! So kam es, dass ich mich einmischte.

Nicoles Begleiterin hatte schon nach der peinlichen Stille beim Einpacken ihrer Einkäufe mitfühlend gesagt: „Gälled Sie, mer machts eifach, wie mers immer gmacht hät!“ („Nicht wahr, man macht es einfach, wie es schon immer gemacht worden ist.“)

Eine solche Haltung ist dem Samichlaus vielleicht lieber als wir meinen. Sein Auftreten und seine Anliegen können sowieso nur mit dem Herzen verstanden werden.

Hinweise auf Links
Die Legende, wie sie die St.-Nikolaus-Gesellschaft von Zürich weitergibt:
St. Nikolaus als Kirchenpatron von heute
Nikolaus und Bezüge auf alte Winterbräuche
Nikolaus, der Türke, aus heutiger Sicht

Dienstag, 29. November 2005

Zürichs neue Weihnachtsbeleuchtung gibt zu reden

Immer, wenn wir uns von etwas verabschieden müssen, werden wir unsicher und unzufrieden. Und was vordem eine Selbstverständlichkeit war, bekommt einen überdimensionierten Stellenwert. So erfahren wir das jetzt in Zürich, seitdem die neue Lichtinstallation für die Vorweihnachtszeit eingeschaltet ist. Ich zitiere Titel und Leserbriefe aus Zeitungen von Zürich:

Nordlicht über Bahnhofstrasse (TA = Tages-Anzeiger), Polarlichter statt Glühwein–Romantik (TA), Kalt, lieblos – aber ehrlich (Leserbrief TA), Badezimmer-Atmosphäre, die nichts Weihnachtliches verspüren lässt (Leserbrief TA).

Jedenfalls ist sie eine starke Intervention, die mit Erwartungen an romantischen Weihnachtszauber wie auch dem Fussgängerzonenkitsch radikal bricht. (Barbara Basting im TA). „Wir mussten radikal neu starten“ (Matthias Kohler, einer der Väter der neuen Installation).

Es handelt sich bei dieser neuen Beleuchtung um ein Lichtband aus 7 m hohen Stäben, das sich vom Bahnhof bis zum See erstreckt und dort am schönsten zu betrachten ist, wo sich die Strasse schlängelt. Dort können wir das Spiel am besten beobachten und den Verlauf der ganzen Anlage überblicken. Licht und Schatten huschen einander nach. Von Zeit zu Zeit gestalten Licht und Schatten fleckige Bilder, die sich auf grösseren Abschnitten zeigen und dann wieder erlöschen.

Mir gefällt diese neue Auffassung von Advents-Licht. Sie ist ruhig und dezent und sie erinnert mich an Ada aus der Expo 02, die mit den Besuchern kommunizieren wollte. „Ada“ wurde uns damals als „der intelligente Raum“ vorgestellt, und wir wurden eingeladen, mit ihren Funktionen, die einem Gehirn nachempfunden sind, in Kontakt zu treten. Ada reagierte auf uns, weil sie uns wahrnehmen konnte (sehen, hören, tasten). Sie spielte mit allen, die sich auf sie einliessen (www.ada-ausstellung.ch).

Offensichtlich von Erkenntnissen dieser Forschung beeinflusst, haben die Gestalter dieser neuen Bahnhofstrassen-Beleuchtung (Fabio Gramazio und Matthias Kohler) ein Computerprogramm geschaffen, das auf das Leben in der Bahnhofstrasse reagiert. Es wird uns erklärt, dass auch die Besucherströme einen Einfluss auf die Lichtbewegungen hätten. Dort, wo viel los ist, lösen Sensoren Bewegungsimpulse aus. Wir Stadtgänger sind also Mitgestalter, ohne zu wissen, wie das geschieht. Darüber dürfen wir uns doch freuen. Das Innenleben dieser Leuchtstäbe ist zudem so konzipiert, dass die Lichtmuster auf die Festtage hin feingliedriger werden und einen Höhepunkt erreichen werden. Wir sollen also immer wieder kommen und uns begeistern lassen.

Noch wird beklagt, dass die 34-jährige Weihnachtsbeleuchtung (u. a. auch altershalber) aufgegeben worden ist. Ja, sie war schön, und als sie neu war, war sie auch revolutionär. Sie verabschiedete die gegenständliche Dekoration und verwies nur noch auf den Sternenhimmel. Doch mit den Jahren genügte dieser wirklich berührende Lichterhimmel vielen Geschäften nicht mehr. Sie fügten ihre Version von Weihnachtslichtern bei und in den letzten Jahren steigerte sich diese Konkurrenz zu einem Sammelsurium und zu einer Überhelligkeit, die ganz und gar nicht mehr zum Geheimnis von Weihnachten passte.

So freue ich mich am neuen Anblick. Er zeigt einen neuen Weg. Er verweist ganz speziell weg vom Blick nur auf die Erde, nur auf das Geschäft. Um die sich verändernden Lichter anzuschauen, müssen wir nämlich nach oben blicken.

Link zur Weihnachtsbeleuchtung

Montag, 21. November 2005

Ist eine muslimische Frau eine Muslima oder Muslimin?

In der Schweiz hat sich der Ausdruck „Muslima“ für eine Frau aus der muslimischen Kultur eingebürgert. Auch im Internet ist sie an vielen Stellen zu finden. Ich habe diese Bezeichnung auch schon aus dem Mund einer Muslima persönlich gehört. Darauf baute ich, als ich im Blog über den multikulturellen Flohmarkt auf dem Kanzleiareal in Zürich 4 berichtete. Weil ich von drei Frauen sprach, fügte ich der Muslima, offenbar etwas naiv, nur ein „s“ an. Der Blogatelier-Betreuer sah aber sofort, dass diese Mehrzahl nicht stimmen konnte.

Für eine kompetente Antwort wandte ich mich an Nima Mina von der „School of Oriental and African Studies“ in London. Ich fragte: „Nach meinem Wissensstand ist eine muslimische Frau eine Muslima. Ist das richtig? Und wenn es mehrere muslimische Frauen sind, nennt man sie Muslimas?“

Seine Antwort: „Ich würde einfach ’Moslemin’ oder ’Muslimin’ sagen, d. h. das Wort Moslem/Muslim + die deutsche feminine Endung ’in’. Bei ’a’ wie in ’Muslim+a’ handelt es sich auch nur um die arabische feminine Endung. Warum? Es gibt 1,2 Milliarden Angehörige der islamischen Religionsgemeinschaft auf der Welt, und nur ein Bruchteil von ihnen ist arabischsprachig.

In Indien, Pakistan und Bangladesch allein gibt es fast 700 Millionen Moslems, und sie sprechen in erster Linie Bengali, Urdu und Hindi, aber sie sind keine arabischen Muttersprachler/innen.

Daher glaube ich, dass es nichts zur sprachlichen Korrektheit beiträgt, plötzlich im Deutschen eine arabische Wortendung zu verwenden. Ich habe den Verdacht, dass dieser Sprachgebrauch auf den Wunsch nach politischer Korrektheit, Toleranz und Anerkennung der ’Andersheit’ usw. zurückgeht. Aber es scheint dabei mehr guter Wille im Spiel zu sein als Sachverstand.“


Also konnten wir den Fehler in meinem Aufsatz korrigieren. Aus den Muslimas sind nun korrekterweise die Musliminnen geworden.

Nun stelle ich diese Antwort unseren Leserinnen und Lesern gerne zur Verfügung, damit unser aller guter Wille vom Sachverstand unterstützt werden kann.

Samstag, 12. November 2005

Multikulturelles Brocken-„Haus“ unter freiem Himmel

Neuerdings führen meine Wege vermehrt in den Kreis 4 und endlich besuche ich einmal den Flohmarkt auf dem Kanzleiareal in Zürich.

Samstagmorgen. Es regnet. Der Himmel ist grau, aber auf dem gesamten Umfeld des Kanzleischulhauses sind Sonnenschirme aufgespannt. Es ist Flohmarktzeit. Die Brocken liegen auf Plastikplanen, Schachteln oder einfachen Tischen. Multikulturell das Publikum und auch die Händler. Auch einige Schweizer sind dabei. Wir befinden uns hier in jenem Stadtkreis mit dem grössten Ausländeranteil. Der Ort hat Charme, auch wenn der Regen die Auslagen angreift und vieles unter Plastik versorgt werden muss. Was da alles feilgeboten wird!

Ich entdecke 2 Unterkieferknochen inklusive Zähne von einem Hirsch. Fein säuberlich gereinigt. Der gleiche Anbieter hat auch blitzblanke Nagetier-Schädelknochen im Angebot. Kurios! Neben Baumaschinen, Kettenfräsen und einem Schiffsmotor liegen auch viele Musik-Instrumente da. Ein verbeultes Saxophon, sehr alte Geigen, Gitarren. Sie alle haben offenbar ein wildes Leben hinter sich. Dann das Übliche wie im Brockenhaus: Bücher, Taschen, Geschirr, Lampen, Stühle, Kochgeschirr, Bilderrahmen, ein Fleischwolf, auch Kleider und sehr viele Schuhe.

Primo, der mich begleitet und schon oft hier war, zeigt mir alles, wie wenn er zu einer Führung angestellt wäre. Wir schauen den Stand mit dem Uhrenservice an. Hier können die Batterie ausgewechselt oder das Uhrenarmband erneuert werden. Ein Afrikaner zeigt auf den defekten Zeiger an seiner Uhr. Ihm kann aber nicht geholfen werden. Die Dienste sind beschränkt. Grosser Andrang am Stand „Natel-Service“, wo offensichtlich Probleme gelöst werden. Er wirkt vertrauenerweckend. (Primo sagt, er habe auch schon Polizeikontrollen beobachtet.) 3 nigelnagelneue (brandneue) in Plastikfolie eingeschweisste Fernsehgeräte stehen auf einem Tisch und Händler wie Wächter hinter ihnen. Nebenan allerlei Kabelstränge und Leitsysteme. Und viel Schnickschnack, angefangen von Masken über eine Buddha-Figur bis zu Wilhelm Tell. Von Snowboards und Rollbrettern ganz zu schweigen. Im Bereich Textilien feilschen 3 Musliminnen um einen guten Preis.

Ein Warenhaus unter offenem Himmel, alles für das kleine Portemonnaie und für die Schnäppchenjäger. Und auch für jene, die wie ich einfach gern durch einen offenen Markt gehen.

Obwohl karg in der Präsentation, ist ein besonderes Fluidum auszumachen. Die Angebote führen uns rund ums Schulhaus. Ich staune über die Vielfalt. Und niemand scheint sich am Regenwetter zu stören. Schon möglich, dass sich unter einem strahlenden Himmel ein regerer Austausch entfalten würde. Aber gerade weil es hier ruhig ist und niemand zu einem Kauf drängt, schaue ich die Angebote gerne an. Primo spasst mit einem jungen Mann über seine Angebote hinweg, und derweil entdecke ich Ersatzstücke für mein Langenthaler-Kaffee-Service.

Schnell entschlossen kaufe ich sie und wundere mich, wie billig sie mir überlassen werden. Zu nur 5 Franken. Primo sagt: Du hättest sicher auch 10 dafür bezahlt. Ja, so ist es. Ich habe einen triftigen Grund: Jetzt habe ich endlich wieder alle Tassen im Schrank. So ein Glück!

Dieser Floh- und Kuriositätenmarkt, findet jeden Samstag von 8 bis 16 Uhr im Kanzlei-Areal beim Helvetiaplatz in CH-8004 Zürich statt.

Samstag, 5. November 2005

Ein weiter Horizont ist an vielen Orten zu finden

„Wir alle haben den gleichen Himmel, aber unseren eigenen, persönlichen Horizont.“ Diesen vieldeutigen Satz sprach Ingrid aus Köln aus, als wir uns über die Eindrücke der weiten Landschaft äusserten. Während ich den tiefen Horizont so erlebte, als könnte ich den Himmel betreten, wenn ich nur genügend lange in gleicher Richtung führe, sprachen unsere deutschen Freunde mit Begeisterung von den Horizonten in den Schweizer Bergen.

Gerne hätte ich sie am letzten Sonntag auf eine Wanderung zur Farneralp ins Zürcher Oberland mitgenommen und ihnen das Panorama vom Toggenburg bis zu den Berner Alpen gezeigt. Für Primo und mich war es ein goldener Tag, ausgeleuchtet von einer milden Herbstsonne, einem blauen Himmel und mit Farbtupfern noch belaubter Bäume. Kontraste zu den stotzigen, grünen Hängen.

Das Zürcher Oberland ist eine faltenreiche, abwechslungsreiche Gegend, voralpin, mit vielen Wandermöglichkeiten für alle, die gerne aufwärts gehen.

Am Abend, anstatt sofort wieder mit dem Postauto ins Tal zu fahren, setzten wir uns in Faltigberg auf eine Bank vor die Höhenklinik und schauten zu, wie sich der Tag verabschiedete. Wie die Sonne unterging. Wir blieben so lange, bis sich das fahle Gelb über die Silhouetten senkte und bald einmal die Venus als Abendstern aufging. Da sassen wir ganz alleine an einem Ort, wo noch vor Stunden viel Bewegung war. Das Panorama von den Glarner bis zu den Berner Alpen ist hier beeindruckend und hat sicher alle, die heute auch hierher kamen, so fasziniert wie uns.

Dann bei einbrechender Dunkelheit waren alle Menschen plötzlich verschwunden. Unser modernes Leben will es so. Nachtet es ein, gehen wir in die Häuser, zünden das Licht an und alle Schönheit von draussen ist ausgesperrt und ausgelöscht. Für diesmal fügten wir uns diesem Automatismus nicht. Wir blieben sitzen, länger als eine Stunde, offen für die kleinsten Veränderungen am Himmel. Bis die Nacht dann endgültig angekommen war. Wie gut, dass uns das Postauto danach sicher und bequem nach Wald ZH führen konnte. Ein Rückweg zu Fuss hätte mir etwas Angst gemacht. In Rüti ZH, als wir den Zug nach Zürich erwarteten, tanzten goldene Fetzen vor meinen Augen. Es war offenbar etwas viel, was ich ihnen heute zugemutet hatte.

Ferdinand Hodler malte in seinen Bildern Farbstimmungen aus dem Gebiet Genfersee, wie wir sie geschaut hatten. Und der Fotograf Otto Eggmann fotografierte für seinen Fotoband „Zürcher Oberland“ die erlebte Szene am ähnlichen Standort. Kunst und Natur brauchen einander. Kunst will die schönen Momente bewahren und Natur regt zum Malen und Fotografieren an.

Die Farben des letzten Sonntags will ich nun in die dunkle Jahreszeit mitnehmen. Nicht nur wie eine Konserve im Fotobuch oder auf einem Gemälde. Als etwas Lebendiges, als bewegtes Licht.

Freitag, 21. Oktober 2005

Schweizer Post: Doppelgesichtige Sondermarke Matterhorn

Stephan Eicher, der bekannte Musiker, gestaltete eine Sondermarke für die Schweizer Post. Sie ist schon seit März 2005 im Umlauf. Eine ganz eigenwillige Erscheinung. Gar nicht so leicht zu beschreiben. Sie weist den Wert von 85 Rappen auf und ist doppelgesichtig.

Sie zeigt uns das Matterhorn. Der Aufdruck HELVETIA, den jede Schweizer Briefmarke auf sich trägt, ist hier aber absichtlich verkehrt aufgedruckt. Nur die Zahl 85 ist normal zu lesen. Wende ich dann die Marke, kann ich HELVETIA lesen. Nun stehen aber die Zahlen auf dem Kopf. Und aus dem Matterhorn ist der Kontinent Afrika geworden.

Wie man heute weiss, stammen die letzten rund 1000 Höhenmeter des Matterhorns ursprünglich aus Afrika. Es sind Teile der afrikanischen Kontinentalplatte, die sich in vielen Jahrmillionen zu uns hin verschoben und aufgetürmt haben. Eicher bedankt sich deshalb beim afrikanischen Kontinent dafür und nennt seine Briefmarke „Merci“.

Ich habe jetzt gleich nochmals einen Vorrat solcher Sondermarken angelegt. Ich möchte sie noch oft benützen und mich weiterhin verunsichern lassen. Denn jedesmal, wenn ich sie aufgeklebt habe, ist mein Ordnungssinn irritiert. Entweder ist die Zahl 85 nicht normal zu lesen oder dann schauen die HELVETIA-Buchstaben aus, als seien sie aus einer russischen Schrift gestaltet.

Es ist hier unmöglich, alles in herkömmlicher, braver Norm zu sehen. Und das tut gut. Die eigene Sicht der Dinge ist sowieso nicht allumfassend. Ebenso verhält es sich mit den Gedanken. Nur wenn wir sie drehen und wenden, können wir zu neuen Anschauungen und kreativen Lösungen gelangen.

Ich hoffe, dass ich eines Tages auch eine so geniale Entdeckung mache wie der Künstler, der im Matterhorn den afrikanischen Kontinent gesehen hat.

Hinweise
Link zur Abbildung der Briefmarke

Freitag, 14. Oktober 2005

Reise nach Genf: Beobachtungen und Begegnungen

Erst Tage danach ist mir aufgegangen, dass der Ausflug nach Genf ein Thema in sich trug, das uns vom Zufall zugespielt worden war. Was sich uns zeigte und ansprach, handelte durchwegs von Verbindungen, Beziehungen und vom Einswerden.

„Schau ein Hochzeitspaar!“ rief Primo, als wir an der Ampel standen. Aus dem Tunnel, aus dem sich der Autoverkehr neben dem Hauptbahnhof in die Innenstadt ergiesst, sausten 2 Velos an uns vorbei. Voraus ein Mann in feinem, dunkelgrauem Tuch, in der Brusttasche eine grün unterlegte weisse Rose. Hinter ihm, auf dem eigenen Rad, eine Frau mit einer hochgeschlossenen, edlen weissen Jacke. Den Brautstrauss aus weissen Rosen und grünen Blättern hatte sie auf dem Gepäckträger eingeklemmt. Die abfallende Strasse schenkte den beiden leichte, fast fliegende Fahrt. – Dieses Paar imponierte mir. Menschen von heute. Ohne Firlefanz oder rauschenden Auftritt, dessen Muster ja einer fernen Zeit entlehnt wären. Das könnten wir beide sein, dachte ich dazu und an unsere eigene Geschichte.

Stunden später standen wir am Zusammenfluss von Rhone und Arve. Wir haben ein Faible für solche Orte. Von Carouge herkommend, dieser charmanten Kleinstadt mit menschlichen Massen, kultureller Ausstrahlung und viel handwerklicher Kreativität, schlenderten wir der wilden Arve entlang bis zum Busbahnhof, der dort das Ende des Wegs markiert. Vielleicht 100 Schritte nebenan liess sich das Rhoneufer finden und bald auch die Landzunge, wo sich die Wasser treffen. Sie taten es in unserer Anwesenheit in beinahe schüchterner Art, indem sie sich berührten und wieder losliessen und so ein Zickzackmuster auf dem Wasser erfanden. Etwas weiter entfernt, beim Stützpfeiler des imposanten Bahnviadukts, wurde die Strömung stärker und das Ausufern in den jeweils anderen Fluss mächtiger. So sahen wir die beiden davonfliessen und sich mehr und mehr vereinigen. Bis zur ganzen Durchmischung wird es lange dauern, wenn das überhaupt möglich ist. Fest steht, dass die Arve in diesem Moment ihre Identität verliert. Die Rhone zeichnet fortan für sie beide. Primo bemerkte sofort, dass die Wände der beiden Flussbetten am Ort, wo sie einander treffen, ganz verschieden geartet sind. Die Arve trifft auf Moos, die Rhone wird von Wandermuscheln begleitet. Welche Polsterung erfindet nun die gemeinsame Wasserqualität auf dem weiteren Weg?

Auf der Heimfahrt im voll besetzten Zug trafen wir erneut auf das Tagesthema. Ein ungleiches Paar neben uns konnte beim besten Willen nicht übersehen werden. Das Rascheln im Proviantsack erinnerte an Nächte im Pfadfinderlager. Der Mann zauberte immer wieder kleine Leckereien daraus hervor, doch seiner Partnerin war fast nichts gut genug. Auch landschaftliche Schönheiten oder der über dem Kanton Fribourg legendäre Sonnenuntergang liessen sie kalt. Die Hinweise von ihm wurden einfach ignoriert. Und doch blieb er der Fröhliche und strahlte über den Gang zu uns hinüber aus. Noch jetzt beim Schreiben kann ich seine Gelassenheit und seinen Humor sofort abrufen. Er hat uns die Heimreise verschönert.

Wir haben keine Ahnung, wer uns jeweils beobachtet, wer von uns etwas weiterträgt und wem wir ein persönliches Erlebnis schenkten, ohne es zu wissen.

Als die Nacht hereingebrochen war, begleiteten uns der Mond und in seiner Nähe die Venus. Tanzend erschienen uns die beiden Himmelskörper, wenn die Bahn ihre Kurven fuhr. Auch sie zeigten uns Nähe.

Wieder zu Hause, fanden wir, das sei ein sehr schöner 43. Hochzeitstag gewesen.

Weitere Reise-Blogs von Rita Lorenzetti
09.10.2005: Unter Kontrolle: Rückreise Köln—Zürich und Reise-Allerlei
07.10.2005: Über Aachen-Eupen in den Naturpark Hohes Venn
28.09.2005: Von Köln Richtung Aachen: Lebensräume, grüne Auen
17.08.2005: Im Zug-Fahrpreis inbegriffen: Kontakte und Geschichten
18.06.2005: Jutzen und Beten in der Cabane: Expo-02-Souvenirs
08.06.2005: Geheimtipp geheimnisvoller Üetliberg (Zürichs Hausberg)
18.05.2005: Gedankenblitze auf einer Velofahrt durch Zürich
24.04.2005: Frühlingsfest im Tessin: Amore e Nostalgia
23.04.2005: Hier dreht sich alles um den Gotthard-Mythos
11.04.2005: Unabhängig und beweglich sein: Ab ins Tessin!

Sonntag, 9. Oktober 2005

Unter Kontrolle: Rückreise Köln–Zürich und Reise-Allerlei

Köln Hauptbahnhof. Unser Zug war eingefahren. Grosses Gedränge. Durch dieses hindurch zwängt sich ein Bahnbeamter und stürmt dann durch die Wagen. Offensichtlich muss er noch etwas erledigen, bevor der verspätet eingetroffene Zug weiterfahren darf. Ich vergesse diese Beobachtung aber gleich wieder. Die Heimreise beginnt.

Letzte Grüsse an unsere Freunde. Winken. Ade! Für Sekunden nochmals auf Kirchtürme und Hochhäuser schauen. Ins Polster sinken und wissen, jetzt gehts heimwärts. In Bonn steht unser Zug dann aussergewöhnlich lange still. Über Lautsprecher werden wir informiert, es müsse eine polizeiliche Kontrolle stattfinden. Man bitte um Verständnis und Geduld. Andächtige Stille im ganzen Wagen. Was steht uns bevor? Jetzt hasten mehrere Kontrolleure durch die Wagengänge. Plötzlich kommt einer zurück, hält abrupt neben meinem Sitznachbarn an und verlangt dessen Ausweis. „In Ordnung! Danke!“, heisst es, nachdem dieser überprüft worden ist.

Diesen jungen Mann habe ich beim Einfinden am reservierten Platz als eine höfliche und zuvorkommende Person wahrgenommen, und ich hätte mir nicht vorstellen können, was er verbrochen haben könnte. Auch er ist ratlos, sagt vor sich hin: „Die haben mich als Kriminellen angesehen!“

Dann fährt der Zug weiter. Nach geraumer Zeit, als ich die beschriebene Episode schon etwas vergessen habe, wird über Lautsprecher informiert, warum die Kontrolle stattfand. Eine hilfsbedürftige Person sei aus einer psychiatrischen Klinik entwichen und soll sich in unserem Zug befinden. Ob sie diese nun gefunden haben, wird aber nicht mitgeteilt. Jetzt lachen alle, als des Rätsels Lösung bekannt ist, verlegen auch der Verdächtigte. Aber es bleibt eine fragende Stille. Niemand spricht. Denken andere auch darüber nach, wie rasch wir abqualifiziert oder sogar vorverurteilt werden könnten. Noch bevor mein Sitznachbar in Koblenz aussteigt, sage ich zu ihm: „Sie können heute Abend etwas erzählen.“ — „So ist es. Tschüüss.“

Und wir reisen weiter, geniessen den Abschnitt, der uns dem Rhein entlang führt. Der Computer hat uns einen Fensterplatz auf der richtigen Seite zugesprochen. Wir danken ihm. Ich geniesse diese Strecke ganz besonders, schaue auf Schiffe und Transportkähne und natürlich auf den Felsen der Loreley. Dem Rhein zu begegnen, fasziniert mich immer. Wir sind Freunde. Ich kenne seinen Ursprung, den Tomasee. Primo zwinkert mir zu. Er weiss von meiner Begeisterung.

Dösend erreichen wir den badischen Bahnhof in Basel. Die Bahnbegleitung wechselt. Schweizer Bahnbeamte wollen die Fahrkarten sehen. „Züri!“ ruft jener, der unsere Billette entwertet, „Chönd grad sitze bliibä!“ (Zürich. Sie können sitzen bleiben.)

Wauw! Wir sind wieder in unserem Land. Wir hören unsere Sprache. Dieser eine Satz elektrisiert mich und beendet unsere Ferien. Ab jetzt muss ich nicht mehr aus dem Fenster schauen. Ich entdecke kein Neuland. Ab jetzt spult der innere Film die letzten beiden Wochen aber in mir ab.

Wenn ich von Zürich wegfahre und jeweils den Schienensträngen zuschaue, wie sie sich verdichten und dann wieder auseinander driften, denke ich öfters an den Text, der an der kleinen Kirche in Hospenthal, einer wichtigen Kreuzung früherer Säumer- und Pilgerwege, zu lesen ist. Es heisst da:

Hier trennt der Weg, o Freund, wo gehst du hin.
Willst du zum ewigen Rom hinunterziehn.
Hinab zum heilgen Köln, zum deutschen Rhein.
Nach Westen, weit ins Frankenland hinein?

Wanderer müssen ihre Weichen immer noch selber stellen. Uns Bahnfahrenden aber ist jede Entscheidung abgenommen. Wir nennen nur noch das Ziel, erhalten eine Fahrkarte und die dazugehörige Abfahrtszeit und alles ist für uns geregelt. Um keine Abzweigung müssen wir uns selber kümmern. Und Wegelagerer im alten Sinn sind ausgeschlossen. Aber manchmal gibt es auch auf einer solchen Bahnreise noch eine Überraschung.

Blogs zu Rita Lorenzettis Deutschland-Reise
07.10.2005: Über Aachen-Eupen in den Naturpark Hohes Venn
03.10.2005: Einmalig: Konzert mit Gemshörnern und Cornamusen
28.09.2005: Von Köln Richtung Aachen: Lebensräume, grüne Auen

Freitag, 7. Oktober 2005

Über Aachen-Eupen in den Naturpark Hohes Venn

Unsere Freunde wollen uns auch das Naturschutzgebiet „Hohes Venn“ zeigen. Auf dem Weg dorthin lerne ich Eupen kennen, eine Stadt, vergleichbar mit Fribourg in der Schweiz: Ebenfalls am Berg und im Tal angesiedelt, ebenfalls mit historischer Ober- und Unterstadt. Quirlig die Atmosphäre auf der Strasse, einladend die Kaffeehäuser mit den leckeren Kuchen. Hier wird deutsch gesprochen, obwohl wir uns in Belgien befinden.

In der Unterstadt zieht uns der Friedensbrunnen zu sich. Hier fliesst Wasser spiralförmig um eine Brunnensäule, von Schale zu Schale. Diese Gefässe sind aus der abstrahierten Form einer Taube gestaltet. Obenauf sitzt die Friedenstaube.

Das Grenzgebiet um Eupen wurde im 1. und im 2. Weltkrieg wiederholt hin und her gerissen, gehörte abwechselnd zu Deutschland und zu Belgien. Den hier ansässigen Menschen muss wohl niemand ein solches Friedenssymbol erklären.

Unsere Reise geht weiter. Wir verlassen das Gebiet der deutsch sprechenden Belgier. Mont Rigi ist unser Ausgangsort für eine Wanderung im Hohen Venn. Ein Naturschutzgebiet von imponierender, nicht überschaubarer Grösse.

Hier gurgelt das Wasser dann unter uns. Auf Holzstegen gehen wir im grossen Kreis herum. Wir fühlen uns sicher, obwohl der Weg nicht nur am Rand, sondern eben durchs Moor hindurch führt. Im Hinterkopf melden sich Geschichten aus Skandinavien, die ich in jungen Jahren gelesen habe. Das Moor als unsicherer Boden, der uns verschlingen kann. Ort des Todes. Das Moor, das in jenen Erzählungen nur im Winter und bei tiefsten Temperaturen auf der Eisschicht überschritten werden kann. Das Moor als Ort von Angst und Schrecken. Und wir sind hier getragen von stabilen Stegen und können uns allen Eindrücken angstfrei hingeben.

Moore entstehen dort, wo die Niederschlagsmenge extrem hoch ist und das Wasser nicht sofort abfliesst. An diesem Samstagmorgen erleben wir den Himmel in Aufruhr und den Wind damit beschäftigt, weisse Wolkenfrachten zu transportieren. Licht und Farben wandeln sich oft. Manchmal sind wir von totalem Grau umgeben. Bäume im Moor erscheinen dann wie schwarze Scherenschnitte. Der Wind pfeift, spielt und schafft die Wolkentürme vorwärts. Es ist spannend, einerseits zum Himmel zu schauen, dann durch das rostbraune Pfeifengras auf den Grund zum schwarzen Torf. Die Ansichten wechseln ständig. Es scheint, als sei die Erde wirklich eine runde Scheibe, an ihren Rändern von schützendem Fichtenwald begrenzt. So präsentiert sich der Rundgang. Im Laufe unseres Ausfluges entdecke ich dann auf einmal einen Ausgang und eine dahinter liegende Landschaft. Aus ist die Vorstellung von der Erdenscheibe.

Die allein stehenden Bäume imponieren mir immer. Sie geben einer Landschaft das Gepräge. Sie sind auch Symbole von eigenständigem Leben, von Standhalten, Festigkeit und Persönlichkeit. Hier sind es Fichten, Espen, Birken und Buschgruppen, die die Moorlandschaft bilderreich gestalten. Unzugänglich ist eine Gruppe – vermutlich Birken –, die um eine Fichte herum wie schützende Feen stehen. Gerne wäre ich zu ihnen hingekommen, doch der vorgeschriebene Weg lässt es nicht zu.
Auf dem Weg für die Kinder finden wir blühende Erikastauden. Und Grasflächen, die den Sonnenstrahlen Tautropfen hinhalten. Farn ist dabei und Espen (in der Schweiz nennen wir sie Aspen). Mein Lieblingsbaum. Wenn das Espenlaub zittert, sehe ich ein Bild von meiner Innenwelt. So bewegt sie sich, wenn ich berührt werde. Wir hatten gerade über Lieblingsbäume gesprochen, und Primo sagte von der Aspe, sie könne singen. Und dann, als wir in die Nähe von noch jungen, niederen Aspen kommen, zittern sie gleich für uns. Sie sirren und tönen, weil der Wind ihre Blätter aneinander reibt. Es ist, wie wenn sie uns das vorher Gesagte bestätigen wollten.

Als sich der Kreis unserer Wanderung schliesst, haben wir viel erlebt und doch nur ein Bruchteil dessen gesehen, was dieses Hochmoor zu bieten hat. Es soll noch viele Wege geben, auch solche, die nur in Stiefeln zu begehen sind.

Wenn ich je hierher zurückkomme, will ich die 3 eigenwilligen Fichten besuchen, die aus einem liegenden Stamm entsprungen sind. Ihr „Grossvater“ wurde gefällt. Die Schnittstelle und der Strunk sind noch zu sehen. Aus ihm entsprang ein Trieb, der sich zum liegenden Stamm entwickeln konnte. Ja, er liegt wirklich auf dem Waldboden. Diesem wiederum entsprossen dann 3 Triebe, die sich zu 3 aufrechten Stämmen entfalten konnten. Und in ihrer Umgebung stehen zwei weitere Fichten, die ihre untersten Äste harfenförmig nach oben heben. Wirkt hier ein „Ort der Kraft“ oder spielt da die Natur einmal zum eigenen Spass ein bisschen verrückt?

Weitere Reiseblogs von Rita Lorenzetti

Montag, 3. Oktober 2005

Einmalig: Konzert mit Gemshörnern und Cornamusen

Der Ursprung des Namens Gemshorn sei unbekannt, erfuhren wir noch vor der Aufführung. Es handle sich hier nicht um das Horn von der Gemse, die jetzt übrigens Gämse oder Gams heisst, sondern um Instrumente aus Rinderhörnern. Natürlich gewachsen und als Form belassen, keines gleich wie das andere, aber alle von weichem, tragendem Klang.

Seit 10 Jahren treffen sich die Gemshornspielerinnen und -spieler (hauptsächlich Frauen) aus kleinen und grösseren Ensembles aus Wuppertal, Köln und Bochum einmal im Jahr, um Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam zu musizieren. Als Abschluss gestalteten sie in der Evangelischen Kirchgemeinde Köln-Buchheim am 18. September 2005 eine musikalische Vesper mit Werken aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Die Klänge dieser rund 60 Gemshörner, teilweise unterstützt von einer grossen Bassflöte, entführten uns in alte Zeiten, als die Menschen Himmel und Erde noch als eine Ganzheit erfuhren. So drückten es die Texte einzelner Lieder aus. Es liess sich gut auf der Welle dieser Harmonie abheben und zeitweise mitsingen.

Als die Cornamusen dann auftraten, erwachte ich aufgeschreckt in der Gegenwart. Fremde, aber faszinierende Töne! Sie könnten dem Dudelsack entsprungen sein, zeitweise wie kurze Schreie oder gedehntes Stöhnen. Noch nie gehört oder bewusst wahrgenommen. Erstaunt habe ich später erfahren, dass der Cornamusen-Klang nicht ganz perfekt dahergekommen sei. Und mir hat gerade diese leicht schräge Einlage speziell gut gefallen.

Je älter ich werde, desto mehr kann ich mich am Ungereimten und Unvollkommenen freuen, sofern es in homöopathischer Dosis auftritt. Leben ist so, kann nicht in strenge Ordnungen oder Denkmuster eingezwängt werden. Auch die natürliche Form des Instruments passte zum Eindruck, den mir die Töne vermittelten. Mir fiel sofort auf, dass es etwas Eigenwilliges, Gewachsenes behalten durfte und nicht in die strenge Gerade gezwungen wurde, wie das z. B. bei der Blockflöte üblich ist.

Dass ich in der Grossstadt Köln mit Rinderhörnern in Kontakt kommen würde, hatte ich nicht vorausgesehen. Es ist das Verdienst von Freunden. Nur sie können einen an ihnen bekannte Orte und zu leisen Tönen führen. Der normale Tourismus kann das nicht.