Donnerstag, 18. März 2010

Grosszügig die Naturkulisse, sparsam die Betonarchitektur

Als ich heute in den Friedhof Eichbühl (im Zürcher Stadtteil Altstetten) einbog, sah ich schon von weitem die Friedhofgärtner in ihren leuchtend grünen Westen, wie sie einem Seitenfeld Farbe verpassten. Es wurden gerade „Dänkeli“ gesetzt. So nennen wir die Stiefmütterchen, die auch Pensées heissen. Näher am Gräberfeld entdeckte ich Tulpenspitzen und an Rosenstöcken rote Knospen. Dann dachte es in mir: Der Friedhof ist auch ein Ort des Lebens. Letzte Woche lag hier nämlich noch Schnee. Nun ist der Winterschlaf beendet. Vieles regt sich. Das Moos in den Wiesen leuchtet frisch. Es herrscht Aufbruchstimmung. Wohl zeigen die Bäume immer noch nur ihr Skelett, trotzdem sehen sie prächtig aus. Es sind Eichen, Eschen, Kirschbäume und Linden.
 
Hier fühle ich mich ausgesprochen wohl. Die Grosszügigkeit der Anlage gefällt mir. Das Zusammenspiel von Naturkulisse, Geometrie und Beton ist so ausgewogen, dass man von einer Symbiose sprechen kann. Hier ist jede Jahreszeit schön, und wer keine Toten zu beklagen hat, kann den Ort geniessen. Ich denke aber, dass auch die Leidtragenden hier aufgerichtet werden. Der Ort ist offen und befreiend. Angelehnt an den Uetliberg sind die Grabfelder in den Hangfuss eingeschnitten und liegen einige Stufen tiefer als die prächtige Baumallee. Von Mauern umgeben finden sich hier Räume für die persönliche Andacht am Grab, während der Hang sich optisch über die Grabkammern hinweg fortsetzt. So beschreibt „Grün Stadt Zürich“ diese Besonderheit.
Ich befand mich heute auf einem Seitenpfad über diesen tiefer liegenden Grabräumen, schaute sie also von oben herab an. Grabsteine, Stelen und Kreuze wirkten aus dieser Sicht wie verwoben, als etwas Gesamtes, als Ort menschlicher Gemeinschaft auch im Tod. Neu für mich.
 
Meist gehe ich, vom Salzweg herkommend, abseits der Anlage auf jenem Pfad unmittelbar dem Waldrand entlang, der auf die Kuppe führt, wo auch die Abdankungshalle steht. Von diesem höchsten Punkt aus ist der Blick frei auf die Stadt und das Limmattal. Von hier aus kann ich Zürich-Wipkingen grüssen, wo unsere Tochter Letizia wohnt, und ich kann sehen, wie der Primetower neben Primos Werkstatt rasant in die Höhe wächst. Es sind überhaupt extrem viele Baukräne auszumachen, besonders gut sichtbar auf dem Hönggerberg. Zürich erneuert sich an vielen Orten von Grund auf.
 
Das Wegnetz dieses Friedhofs sei orthogonal aufgebaut, habe ich gelesen. Mir ist dieser Begriff nicht geläufig, aber die Wege, die sich hier anbieten, gehe ich gern. Gern auch, weil mich die natürliche Hügellandschaft anspricht. Ohne sie wäre die rechnerische Gestaltung vermutlich ausgesprochen nüchtern.
 
1968 wurde dieser Friedhof eingeweiht. Von der sparsamen Betonarchitektur war die Bevölkerung anfänglich nicht begeistert. „Erst 40 Jahre später ist der Friedhof Eichbühl als Hauptwerk des Zürcher Landschaftsarchitekten Fred Eicher eine Ikone der 60er-Jahre und ein vielbeachtetes Gartendenkmal“, heisst es im Informationsblatt über diesen Ort.
 
Auf dem Rückweg verweile ich noch beim überdachten Treffpunkt, einer Art offener Kapelle, wo Farben Zuversicht vermitteln. Auf den Dachstützen schwingen sich schlichte blaue, weisse und grüne Flächen empor. Das erdfarbige Graubraun bleibt unten. Und Glas in der Dachmitte sorgt ebenfalls für Sicht und Durchsicht nach oben.
 
Das war meine Pause. Auslaufen, durchatmen, Augen vom Bildschirm auf die Landschaft und den Himmel richten. Und auf dem Rückweg am Brunnen nochmals Quellwasser trinken.

Freitag, 5. März 2010

Der Himmel und sein Licht beeinflussen uns individuell

Brit, meine norwegische Freundin, hat mir schon öfters von der lange anhaltenden Dunkelheit erzählt, die den Winter im Norden prägt. In Briefen oder am Telefon berichtete sie aber auch über die Freude, wenn sich die Sonne wieder zeigte. Vor Jahrzehnten hat sie mir das Buch „Eine Frau erlebt die Polarnacht“ geschenkt. Bis heute mein Lieblingsbuch. Es ist ein Jahr vor meiner Geburt geschrieben worden. Darin berichtet Christiane Ritter, wie sie ein Jahr lang mit ihrem Mann und einem Pelzjäger in Spitzbergen in einer kleinen Hütte gelebt und überlebt hat. Ohne Hilfsmittel, wie sie den modernen Arktisexpeditionen zur Verfügung stehen. Ihr Bericht lässt uns die monatelange Finsternis miterleben und an der überwältigenden Freude teilhaben, als die Sonne wieder auferstand.
 
Sie schrieb: „Nein, die Arktis gibt ihr Geheimnis nicht her für den Preis einer Schiffskarte. Man muss hindurchgegangen sein durch die lange Nacht, durch die Stürme und Zertrümmerung der menschlichen Selbstherrlichkeit.“
 
Daran denke ich jeweils, wenn Mitmenschen aus unserem Bekanntenkreis hier in Zürich über Tage mit bewölktem Himmel jammern. „Diese Düsternis, eine Zumutung!“ habe ich auch schon gehört. Unglaublich! Wie wenn wir dem Himmel befehlen könnten, eine Taste für Sonnenschein zu drücken.
 
Das, was wir nicht beeinflussen können, sollen wir aushalten. Die Freude über das wiederkehrende Licht ist dann umso grösser. Ein altes Sprichwort sagt: „Trüeb Wätter dusse: heb Geduld. Trüeb Wätter dinne: bisch sälber gschuld.“ (Das trübe Wetter soll mit Geduld ertragen werden. Das trübe Wetter drinnen, sowohl im Haus, wie im eigenen Herzen, das aber sei selbst gemacht.)
 
Ich leide nicht, wenn sich die Sonne im Winter manchmal tagelang nicht zeigen kann. Aber wenn sie dann die ersten Strahlen wieder aussendet, dann freue ich mich, bin jedesmal überrascht. Ah ja, so sieht ein heiterer Himmel aus! Und Frühlingslicht beflügelt auch mich. Manchmal beginne ich, gründlich zu putzen. Gestern fuhr ich sofort in die Stadt und schaute nach guter Wanderweg-Literatur aus.
 
Auch die Stimmung nach einer Regennacht, die liebe ich. Wenn noch Wolkenfetzen am Himmel hängen, sich im Morgenlicht aber langsam auflösen. Wenn sich das Blau hervorschiebt. Heute morgen habe ich eine solche Stimmung für einige Minuten erlebt. An den Bäumen in meiner Nachbarschaft hingen schwere Tropfen. Von der Sonne angeschienen, glitzerten sie wie Klunker. In einigen schien Rot auf. Wunderschön. Die Bäume schienen mir verklärt. Ein Augenblick nur und schon war das grandiose Schauspiel vorüber.
 
In den Mittagsstunden im Frühjahr und im Herbst trifft die Sonne jeweils auf die facettierte Kristallkugel, die auf dem Fensterbrett in unserer Stube dem Licht ausgesetzt ist. Sie funktioniert dann als Prisma, bricht das Licht und wirft Regenbogen-Spickel auf Wände und Türen. Das sind immer Momente grosser Freude. Das farbige Licht besucht uns. Jetzt gerade meldete es, dass der Frühling in Ansätzen schon sichtbar sei. Im Herbst sind es jeweils Abschiedsvorstellungen, die wir ebenso geniessen und sie als Lichtreserve für den Winter in unsere Zellen aufnehmen.
 
Wäre der Himmel immer nur blau, wir würden ihn kaum gross beachten. Spannend sind Veränderungen. Auch das Spiel mit Licht und Schatten, besonders im Herbst, wenn Wolken Teile der Landschaft abdunkeln und die Sonne die restlichen ausleuchten kann. Grossen Eindruck machen mir Wolken, die sich langsam auflösen, nachdem Regen gefallen ist. So sieht es vielleicht in uns drinnen aus, wenn Probleme gelöst wurden und ein schwerer Druck von uns abgefallen ist.
 
Danièle Siebenhaar hat einen anderen Zugang zum Himmel. Wolken sind für sie nicht nur Wolken. Sie findet in ihnen Figuren, Tiere, Symbole, menschliche Wesen usw. und fotografiert sie. Ihre Wolkenbilder nennt sie „Chamälographien“. Präsentiert sind viele auf ihrer Homepage www.chamaelographien.ch
 
Was sie präsentiert, fasziniert. Wie sie zu diesem Sehen gekommen ist, erzählt sie dort.
 
Danièle und ich besuchten in der gleichen Klasse die Sekundarschule. Ich freue mich, auf sie, ihre ausstrahlende Persönlichkeit und ihre aussergewöhnlichen Fotos hinzuweisen.

Donnerstag, 18. Februar 2010

Manchmal ist die Schreinerei auch eine Arztpraxis

Im Wartezimmer einer Praxisgemeinschaft beobachte ich, wie eine Ärztin ihre Patientin einlädt, ins Untersuchungszimmer zu kommen. Sie beugt sich zur wartenden Frau, die gleich neben der Tür sitzt. Allein mit dieser einfühlsame Geste scheint sich die Patientin leichter aufzurichten. Das berührt mich.
 
Dann sitze ich alleine in diesem Raum. Die Gedanken sind ausgeschaltet. Ich warte. Plötzlich sehe ich mich in unserer Schreinerei-Werkstatt. Ich beuge mich, ganz ähnlich wie die Ärztin, auch zu einem Patienten nieder. Da steht ein alter Sekretär, und abgebrochene Teile von ihm liegen auf der Hobelbank. Die mit intarsierten Frauenfiguren aus Kirschbaum-, Nussbaum- und Ahornholz gestaltete Klappe geben ihm immer noch ein vornehmes Gepräge, obwohl die brüchige Oberfläche verhindert, dass das Möbel noch eine attraktive Rolle spielen kann. Es ist ein Unikat, das renoviert und dem die ursprüngliche Ausstrahlung zurückgegeben werden soll. Die massive Front ist verzogen. Das Holz wirkt ausgetrocknet. Ich sehe, wie sich fehlende Luftfeuchtigkeit auswirken kann.
 
Noch immer befinde ich mich in diesem Film. Ich sehe die Blessuren. Und Primo beugt sich ebenfalls behutsam über abgefallene Teile, nimmt sie zur Hand, hält sie sachte da hin, wo sie einmal fest verankert waren. Es ist eine vergleichbare Stimmung wie bei einem Arzt, der einen Menschen untersucht und sich über sein Leiden, sein Alter und seine Abnützungen ein Bild macht.
 
Noch rechtzeitig, bevor mich die Ärztin ebenfalls aufruft, komme ich wieder ins Hier und Jetzt zurück. Jetzt hoffe ich, dass ich selber ähnlich einfühlsam untersucht werde, auch wenn ich keine mit dem Möbel vergleichbare Renovation erwarte. Und so geschieht es auch. Ich höre zum Beispiel, dass mein Körpergewicht jenem entspreche, das vor 3 Jahren notiert worden sei. Die Körpergrösse aber habe um 3 cm abgenommen. Damit ich dann in den Sarg passe, füge ich bei. Mein Schalk schien ihr zu gefallen. Sie griff den Gedanken an den natürlichen Abbau des Körpers auf und schätzte es, dass ich diesen nicht negiere.

Zurück zum Möbel: Der oben beschriebene Sekretär wurde als Patient tatsächlich in unserer Werkstatt behandelt. Auf dem Schragen liegend, wurden die Wurmlöcher in den Füssen unschädlich gemacht, imprägniert und mit Schleifstaub gefüllt. Abgebrochene Teile wurden neu verleimt. Um die Windschiefe aufzulösen, mussten der Klappe im Inneren ein paar Einschnitte verpasst werden. Diese Operation war sehr anspruchsvoll. Sie ist gelungen. Und die frische Schellackoberfläche nach altbewährter Art bringt nun das aufgefrischte Möbel wieder zum Strahlen.
 
Es dünkt mich, diese beiden Geschichten seien verwandt. Da der in die Jahre gekommene Mensch und dort das alte Möbel. Beide haben andern gedient und sich dabei verbraucht. Beide benötigen plötzlich Zuwendung und professionelle Hilfe, um innere und äussere Verwitterungen zu stabilisieren.
 
Der Mensch, der sich verstanden fühlt, wird sich aufrichten und seine schlummernden Kräfte wieder mobilisieren. Auch das Möbel wird seine Dienste nach einer Renovation wieder leisten können.
 
Hat der Handwerker noch mit alten Techniken gearbeitet, ist die Seele eines alten Möbels nicht verletzt und es kann erneut strahlen und die Bewunderung geniessen, die es anzieht. Eine gute Auffrischung ist vom handwerklichen Können des Schreiners abhängig. Seine Hände geben dem Holz manche Streicheleinheit, die eine Maschine nicht hervorbringen kann.
 
Und wie ein guter Arzt empfunden wird, das wissen Sie selber.

Dienstag, 2. Februar 2010

Stricken war einmal sehr populär: Meine Erinnerungen



Am 28. Januar 2010 fand ich im Blog unserer Tochter Letizia zum Thema Stricken diesen kleinen und witzigen Film „The last knit“
Es löste diesen Beitrag aus.
*
In letzter Zeit ist Stricken wieder salonfähig geworden. Es soll junge Frauen geben, die sich zu Strickabenden treffen. Das weckt Erinnerungen.
 
Zu meiner Jugendzeit war Stricken populär. Wir Mädchen wuchsen ganz natürlich in dieses Handwerk hinein. Meine Mutter verstand es, uns dafür zu begeistern. Und die Grossmutter half mir, meine Projekte zu verwirklichen, wenn ich bei ihr in den Ferien war. Zu Hause strickten wir zu dritt um die Wette. Beim Sockenstricken gab es einen in vielen Familien bekannten Wettstreit. Wir stachen mit der Nadel in die Zeitung. Die Anzahl Buchstaben jenes Wortes, das wir getroffen hatten, bestimmte die Anzahl der zu strickenden Umgänge. Wer diese zuerst abgespult hatte, war Gewinnerin. Ein fröhliches Spiel. Die Zeit verflog im Nu.
 
Mutter und Grossmutter verstanden es, uns zur Perfektion zu erziehen. Da machte es dann Freude, wenn ein Werk gelang. Wir strickten auch Pullover und Jacken. Noch besitze ich zwei der hochformatigen Strickbücher der „Schaffhauser Wolle“. Den 19. und den 20. Jahrgang. Modejournal und Anleitungsbuch in einem. Jedes Modell fotografisch dargestellt, mit Zeichnung und Beschrieb versehen. Einleitend auch mit einem Sortenverzeichnis der verschiedenen Wollgarne.
 
Das Markensignet der „Schaffhauser Wolle“ mit dem abgebildeten Hardturm spricht mich darum speziell an, weil ich diesem mittelalterlichen Wohnturm gegenüber aufgewachsen bin.
 
Wenn ich heute in diesem Strickbuch blättere, erkenne ich sofort jene Modelle, die in unserer Stube entstanden sind. Und ich finde auch Yolanda, meine Mitschülerin, die wie ein professionelles Mannequin eine mehrfarbige und mit Spannstichen dekorierte Strickjacke präsentiert. Auf der Fotografie sitzt sie auf dem Brunnenrand vor dem Primarschulhaus Kornhausbrücke. Um dieses Mädchen wehte immer eine Art Glanz, dem sich vor allem die Buben nicht entziehen konnten. Wer wählte sie aus, wie kam sie zu solcher Ehre? Wir waren doch Kinder aus dem Industriequartier.
 
Beeindruckt bin ich noch heute von der Gestaltung dieser Strickbücher. Es begeistert mich das modische Flair, die übersichtliche Darstellung, die Fotos auch von Strickmustern und die grundlegenden, allgemeinen Hinweise. Alles klar. Wirklich alles klar.
Beim Stricken lernten wir, auf viele Details zu achten. Auch da gibt es eine Art Handschrift. Manche reihen die Maschen ganz eng und hart aneinander, andere locker. Darum musste zuallererst eine Maschenprobe gemacht werden. Im Strickbuch heisst es dazu zum Beispiel bei einem Modell: „15 M. (Maschen) im Flächenmuster ergeben 4 cm Breite.“ Das war zu vergleichen und falls nötig, auf die eigene „Handschrift“ umzurechnen. Da lernte ich den Dreisatz praktisch einsetzen.
 
Wir lernten planen, berechnen, vorausschauen, Masse einhalten, auf Form stricken. Man kann eine Handstrickarbeit später nicht zuschneiden. Da würde das Gewebe sofort zerfallen. Wir lernten, Voraussicht und Übersicht zu entwickeln.
 
Wenn wir einen Fehler entdeckten, wurden die Nadeln herausgezogen und die Strickerei soweit aufgelöst, bis er verschwunden war.
 
Dass das Gewebe der Handstrickerei aufgelöst werden kann, hat uns damals auch ermöglicht, einen Pullover, der zu klein geworden war, aufzutrennen, das vernähte Wollfadenende zu suchen, es aufzulösen und die gesamte Arbeit rückgängig zu machen. Die gekräuselte Wolle also wieder zu Knäueln aufrollen. Danach wickelten wir sie um eine Stuhllehne, unterteilten von Zeit zu Zeit mit einem andersfarbigen Garn die Stränge und banden den Faden fest. Dann wuschen wir diese Wollstränge in einem milden Seifenwasser, streckten sie, trockneten sie, banden sie erneut zu Knäueln auf und verarbeiteten sie zu einem neuen Modell. Wenn es grösser ausfallen musste, wurde ein zusätzliches, andersfarbiges Garn dazugenommen und zu einer neuen Kreation verarbeitet. Als „nachhaltig“ würde man das heute bezeichnen.
 
Wenn sich die Fäden beim Stricken um unsere Finger schlängelten, fühlten wir die Art der Garne und ihre Elastizität. Das sind Sinneseindrücke, die ewig leben und mir immer noch beistehen, wenn ich eine Stoffqualität beurteilen will.
 
Nach und nach folgte ich nicht mehr den vorgegebenen Mustern. Erfahrung führt ja automatisch zur Kreativität. Das ist nochmals ein positiver Punkt, der zum Thema Stricken hinzugefügt werden kann. Und mit Stricken verdiente ich übrigens mein erstes Geld.
 
Felicitas, unsere ältere Tochter, wuchs auch noch in der beschriebenen Tradition auf. Schneller als ich verzichtete sie auf Strickbücher und Vorgaben und entwickelte eigene Modelle und Muster. Ihre spätere Ausbildung zur Textil-Designerin baute dann auf diesen Erfahrungen auf. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Paris und hat kürzlich einen Laden für ihre CAGOULES (Kapuzenmützen) im Internet eröffnet. www.ateliercagoules.etsy.com
 
Im Werbebanner von Letizias Blog machetwas.blogspot.com stellen meine Enkelinnen Mena und Nora samt Puppe Mamas Arbeit vor. Von dort aus ist das Atelier Cagoules ebenfalls erreichbar. Ein Besuch lohnt sich.

Samstag, 23. Januar 2010

Das Neben- und Miteinander in der S-Bahn nach Rüti ZH

Ab Winterthur wollte ich mit der S-Bahn durchs Tösstal reisen. Die Wartezeit benützte ich, um einen ominösen Stadtplan zu suchen, der mir vor Jahren bewusst gemacht hat, dass mir Planlesen schwer fällt. Ich hatte einen Wettbewerb gewonnen und durfte die Studios von RADIO TOP besichtigen.
 
Den Strassennamen hatte ich auf dem Plan auf meinem Ankunftsperron rasch gefunden. Das Problem war nur, dass er sich hinter Glas und die Stadt, die darauf eingezeichnet war, hinter meinem Rücken befand. Es gelang mir nicht, ihn in der Vorstellung umzukippen. Ich hätte ihn in die Hände nehmen, drehen und wenden wollen. Beispielsweise so hinhalten, dass mir die Eisenbahnschienen die Basis zur Übersicht gegeben hätten. Mit meinem angeborenen Spürsinn aber kam ich dann doch rechtzeitig im Radio-Studio an.
 
Seither rufe ich „Winterthur“, wenn Planlesen schwierig ist. Und mit diesem liebenswürdigen Reizwort sind mir in der Familie Verständnis und Hilfe sicher.
 
Den Plan von damals gibt es nicht mehr. Das habe ich nun letzte Woche festgestellt.
 
Zurück zur Tösstal-S-Bahn. Ich fand dort ein leeres Abteil und richtete mich behaglich ein. Ich wollte an diesem Tag nach dem Winter im Zürcher Oberland Ausschau halten. Die weissen Wälder sehen. Meinen Alltag allein lassen. Eine solche Reise nennt Primo Mutterleibserfahrung. Alle Kontrolle loslassen, fahren und schaukeln, geniessen.
 
Nebenan, auf den Plätzen rechts vom Gang, hatte sich schon eine junge Mutter für eine längere Fahrt eingerichtet. Als ich ankam, packte sie ein Kinderbuch aus ihrem Rucksack und begann sogleich vorzulesen. Etwas später richtete sich eine wortkarge Frau neben mir ein. Sie kümmerte sich hauptsächlich um ihren Hund, war besorgt, dass dieser niemanden störe.
 
Nachdem uns die S-Bahn über die Strecke von 3 Stationen geführt hatte, stiegen 2 Buben zu. Artig fragten sie uns: „Ist hier noch frei?“ Der bisher stille Hund erwachte wie aus einem Schlaf, wedelte mit dem Schwanz, schnupperte an den Hosenbeinen der beiden Primarschüler. Einer erklärte der Frau, das Tier sei auf den Hund ihrer Grossmutter aufmerksam geworden. Dieser schnuppere ebenso gern an ihnen herum. Das könne der Hund riechen.
 
Die sofortige Freundschaft zwischen Hund und Schülern war nicht zu übersehen. Es waren Kinder vom Land, mit Tieren vertraut. Sie sprachen mit dem Hund wie zu einem Kollegen, und er reagierte auf sie. Der ältere der beiden streichelte sein Fell. Mich erinnerte dieses an die Persianermäntel von einst. Das Kraushaar wurde bewundert. Nach einem Bad könnte man die Haare auf Lockenwickler dressieren und eine Hundefrisur kreieren, schlug er vor. Jetzt schmunzelte sogar die Hundebesitzerin. Und eine Weile später sagte er sogar noch zu ihr: „Sie müssen damit rechnen, dass dieser Hund nicht mehr lange lebt.“ ‒ „Ja, er ist sehr alt“, antwortete sie leise.
 
Kinder von heute. Unbefangen, liebenswürdig kontaktfreudig, sagen, was sie denken.
 
Dann wollte der Jüngere, vielleicht ein Viertklässler, einen Witz erzählen: Ein Mann wurde gefragt, ob es Geister gebe. Das wisse er nicht. Er sei nun schon 800 Jahre auf der Welt und doch noch nie einem begegnet.
 
Es amüsierte den Erzähler, dass der alte Mann nicht wusste, dass er selbst ein Geist sei. Zu mir gewendet, sagte er dann: Wenn man einem solchen Geist das Schwert in die Brust stosse, falle es hinten augenblicklich heraus. Ergänzend spielte er die Szene vor und seine Phantasie liess ihn den Todesstoss, der keiner sein konnte, mit verklärten Augen schauen.
 
Dann war die Fahrt der Buben zu Ende. Sie verabschiedeten sich. Sie würden jetzt die Grossmutter besuchen. Die Frau mit dem Hund hatte ihr Ziel ebenfalls erreicht. Jetzt sass ich allein im 6er-Abteil.
 
Nebenan wurde immer noch aus dem Kinderbuch vorgelesen. Der Bub im Kindergartenalter folgte nun schon eine halbe Stunde lang der schriftdeutsch verfassten Geschichte, ohne sich zu langweilen. Ich konnte sie nicht verstehen, aber aus dem Sprachklang ableiten, dass sie sehr spannend sein musste. Es tönte wie aus einem Hörspiel. Wenn der kleine Zuhörer eine Zwischenfrage stellte, sprach er Mundart und verstand offenbar auch die Schriftsprache sehr gut.
 
In Bauma angekommen, liess ich mich wieder einmal in die eigene Geschichte zurückfallen. Jedesmal werde ich beim Anblick der alten Dampfbahn auf das grosse Turnfest von 1946 oder 1947 erinnert. Das fand in Bauma statt. Meine Klasse war dabei. Wir fuhren in dieser grünen Bahn von Wald hierher. Es war aufregend schön. Noch immer wird diese Bahn gehegt und gepflegt und zu Nostalgiefahrten ausgeführt. Ich sah sie vor der Remise stehen.
 
In Gibswil verliessen mich auch die Vorleserin und ihr Knirps. Draussen warteten schon die Grosseltern. Nur ich – auch Grossmutter – wurde nirgends erwartet.
 
Rüti ZH, Endstation. Das wars also gewesen. Als ich aufstand, schaute ich rückwärts. Es erstaunte mich, dass sehr viele Leute in „meinem“ Wagen mitgereist sind. Da sich mein Sitzplatz gleich hinter der Lokomotiv-Führerkabine befand, nahm ich nur diejenigen Mitreisenden wahr, die in meinem direkten Umfeld sassen. Niemand musste an uns vorbeigehen. Wir befanden uns quasi in der eigenen Stube. Und so fühlte es sich auch an.

Freitag, 8. Januar 2010

Widerstand mit dem zürichdeutschen „Nüüt“ (= Nichts)

„Nüüt, nüüt“ ist neuerdings ein geflügeltes Wort in unserer Familie. Wir verdanken es der 3½-jährigen Enkelin. Sie muss es während der gemeinsamen Sommerferien aufgefangen haben. Ihr Grossvater benützt es oft an der Stelle von einem harten Nein. Gleichwohl waren wir überrascht; denn Nora spricht mehrheitlich französisch. Stellen wir Fragen, die sie nicht beantworten will, heisst es abwehrend: „Nüüt, nüüt“.
 
Zu Weihnachten wünschten sich beide Enkelinnen ein Abspielgerät. Wir Grosseltern wurden informiert, dass die früher auf einer CD zusammengetragenen Kinderlieder und Verse in Noras Player eingespiesen werden. Ob wir diese persönliche Sammlung noch ergänzen wollten? Ja, gern. Wir freuen uns, wenn unser Sprachklang den Enkelinnen vertraut bleibt.
 
Primos Beitrag befasste sich dann ausschliesslich mit dem Wort „nüüt“. Ich halte ihn hier fest, obwohl ich weiss, dass der Dialekt an vielen Orten nicht verstanden werden kann. Aber vielleicht freuen sich Leserinnen und Leser am Sprachklang. Einzelne Worte erkläre ich noch am Schluss des Textes. 
Öppis, wo öppis isch
isch nüd nüüt.
 
Öppis Guets isch guet:
Ässe, trinke, suggele,
scho lang nüme nuggele.
 
Wenig isch nonig nüt.
Vill isch nonig alles.
Gar kei da – isch alles wegg.
Gar nüt isch me da.
Niemer da.
 
Niemer, keis, alles furt.
Furt und Schluss. Fidibus. 
Erklärung der Mundartausdrücke
öppis = etwas
isch nüd nüüt = ist nicht Nichts
Guets = Gutes
guet = gut
ässe = essen
suggele = genüsslich saugen
nuggele = lutschen
nonig nüüt = noch nicht Nichts
gar kei = kein, keines („gar“ verstärkt die Aussage)
alles wegg = alles fort
niemer = niemand
keis = keines
furt = fort
Fidibus = Aschenbecher mit Aufsatz. Daran werden Streichhölzer entzündet.
 
Fidibus beschliesst hier das Wortspiel mit einem zündenden Feuer.

Samstag, 2. Januar 2010

Neujahrswünsche, um sich Geld und Glück zu sichern

Ein Geschäftsfreund sandte uns wieder einen sehr originellen Neujahrsglückwunsch. Wie üblich, verlangen seine Ideen, dass die Empfänger mitdenken und die knappen Botschaften entschlüssen.
 
Diesmal kam ein Portemonnaie mit verschiedenen Fächern an. Verpackt war es in einem einfachen Streifband. Korrekt adressiert, alltäglich frankiert. Nüchterner geht es nicht mehr. Doch das Streifband enthielt auch einen Neujahrswunsch. Am linken und rechten Rand wurden die Vornamen seiner Familie genannt. Sie alle „wünschen ein gutes oo". Dieser Wunsch wiederholte sich auf der ganzen Länge des Papierbandes mehrmals.
 
Was war da mit diesen beiden Kreisen gemeint? Wofür stehen sie da? Ich öffnete die Fächer dieses Portemonnaies und fand keine Anleitung. Ich legte es zur Seite. Es war ja nicht das erste Mal, dass ich eine Botschaft von Ph. nicht sofort verstand.
 
Primo, der Gründliche, aber fand 2 Geldstücke. Ein 20- und ein 10-Rappen-Stück. Er legte sie nebeneinander vor mich hin: Die Zahl des neuen Jahres. Genial!
 
Ich weiss noch nicht, ob ich diese beiden Geldstücke als eiserne Reserve zur Seite legen soll. Es haftet ihnen, zusammen mit den Glückwünschen, ein gewisser Nimbus an.
 
Eine andere Möglichkeit, vom neuen Jahr beschenkt zu werden, hat mir eine in Italien lebende Freundin eröffnet. In Florenz müsse man am 1. Januar Linsen kochen, damit das Geld im neuen Jahr reichlich fliesse.
 
Ein anderer Volks- oder Aberglaube, den mir meine Mutter vermittelte, betrifft die Ordnung im Haus. Am 1. Januar dürfe kein Staub gewischt werden. Man würde sonst das Glück aus dem Haus jagen.
 
Obwohl mit einem zwinkernden Auge, halte ich mich bis heute daran.

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Anneli, die Glarnerin. Eine Erinnerung an unsere Nachbarin

Jedes Jahr, wenn die Tage kürzer werden und die Festtage bevorstehen, erinnern wir uns an die einstige Nachbarin Anneli. Sie lebt schon lange nicht mehr. Sie stammte aus dem Glarnerland, war die Tochter eines Bergbauern. Eine grazile Person, liebenswürdig, aber eher distanziert. Unsere Gespräche über den Gartenzaun waren nie weltbewegend. Um Wichtiges zu besprechen, war ihr Mann zuständig. Er, ein Breitschultriger, sie, eine Feingliedrige, ein sich ergänzendes Paar. So lange er lebte, sangen die beiden in der Silvesternacht ein Jodellied. Im Garten stehend, verabschiedeten sie das alte und begrüssten das neue Jahr.
 
Anneli sprach nicht vom Silvester. Sie nannte diesen letzten Tag im Jahr „Altjahrabig“. Es tönte, wie wenn hier von etwas Arabischem die Rede sei. Dieser Ausdruck ist geblieben. Darum denken wir jetzt wieder an Anneli und sprechen von ihrem Altjahrabig-Niidle. (Niidle=Rahm).
 
So wird er hergestellt: Rahm steif schlagen. Getrocknete Weinbeeren und geraffelte Schokolade darunterziehen.
 
Wenn keine Kinder am Tisch sind, serviere ich dieses Dessert mit Weinbeeren, die ich vorher eine Stunde in Kirschwasser eingelegt habe.
 
Dieser Festschmaus war nur dem letzten Tag im Jahr vorbehalten. Dass er ersehnt wurde, kann ich mir gut vorstellen.
 
Bevor Anneli in ein Altersheim übersiedelte, erlebten wir mit ihr eine spannungsvolle Zeit. Sie war vergesslich geworden, ging aus dem Haus und fand manchmal den Heimweg nicht mehr. Ich suchte sie oft, hatte den Söhnen versprochen, auf sie aufzupassen. Sie hatte einen grossen Freiheitsdrang und verstand es, ganz leise zu entwischen.
 
Einmal sass sie an einem ruhigen Samstagnachmittag mehr als eine Stunde auf der Bank bei der Tramstation Bernoulli und hoffte, dass jemand käme, sie anspreche und heimbegleite. Sie war aus der Stadt zurückgekehrt und wusste nicht mehr, wo sie zu Hause sei. Ein Tramchauffeur bemerkte, dass sie immer noch auf der Bank sass, nachdem er seine Route bis zur Endstation Tiefenbrunnen und hieher zurück gefahren war. Er alarmierte die Zentrale der Verkehrsbetriebe. Es wurden 2 Männer aufgeboten, die sie suchen und zu uns Nachbarn heimbegleiten mussten. Das mit Namen und Adresse versehene Tram-Abonnement half ihnen, ihren Wohnort zu finden.
 
Die Söhne hätten sie schon längst gerne in der Obhut eines guten Altersheims gegeben, doch sie wehrte sich vehement. Die Schwierigkeiten aber wuchsen, und sie ahnte, dass sie letztendlich ihr Zuhause verlieren werde.
 
Eines Tages erzählte sie mir einen Traum: „S’ hät mer traumet“ (Es hat mir geträumt), ich sei in einem anderen Land. „Ich ha tänggt“ Ich habe gedacht, wo bin ich auch?
 
Ich fragte sie, ob es dort schön gewesen sei? Sie wusste es nicht. Ob es dort auch andere Leute gegeben habe? Ja, aber etwas habe gefehlt. „Es isch nüd dehai gsii“ (Es war nicht daheim).
 
So habe ich es notiert und dazu geschrieben: Wenn ich Annelis Hände reibe, um sie zu wärmen, fühle ich ihr Vertrauen in mich. Ich fühle, wie sie an meiner Hand geht, ein Reststück ihres Lebens ertastet. Wie heilsam das ist, dieses Begleiten, die Zuwendung beiderseits. Und ich weiss, dass ich doch so vieles nicht tun kann, was sie brauchte.
 
Annelis Lieblingscafé befand sich am Limmatplatz in Zürich. Wenn ich sie suchen musste, wurde ich oft dort fündig. Sie genoss ihr „Käffeli“" (eine Tasse Kaffee) und Schwarzwäldertorte. Manchmal habe ich sie auch dorthin begleitet und gesehen, wie ihr das Personal behutsam entgegenkam. Ich bemerkte auch, wie sie beinahe jauchzte, wenn sie das Lokal betrat und die wohlige Wärme fühlte. Sie zog sich vielmals zu wenig warm an. Ihr Wunsch nach Eleganz blieb bis zuletzt erhalten.
 
Zur Zeit der offenen Drogenszene im Platzspitz wurde sie oft von bettelnden Männern angesprochen. „Grosi, häsch mer en Stutz?" (Grossmutter, hast du mir einen Franken.) Und sie öffnete ihre Tasche und gab einen Batzen. Sie war auch dort beliebt und dadurch beschützt. Sie wurde nie überfallen.
 
Auf der Heimfahrt schaute sie, kaum ins Tram eingestiegen, sofort nach, ob der Hausschlüssel und das Portmonnaie noch da seien. Und das wiederholte sich in kurzen Intervallen, bis sie am Ziel war. Zu Hause dann, wenn sich die Tür problemlos öffnete, stiess sie einen tiefen und erlösenden Seufzer aus.
 
Und heute bin ich es, die schon im Tram nach dem Hausschlüssel sucht. Wenn ich dann melde, „S’ Anneli hät de Schlüssel“ (Anneli hat den Schlüssel bei sich), schmunzelt Primo vielsagend und vielwissend. Ja, Annelis Andenken ist immer noch lebendig.

Sonntag, 20. Dezember 2009

Ich suchte die Weihnacht und fand sie nicht sogleich

Am Freitag, 18.12.2009, habe ich mich spontan aufgemacht, die Weihnacht in der Vorweihnacht zu suchen. Wo ich sie finden könnte, war mir von Anfang an unklar. Meine Reiseroute: Mit dem Velo zum Bahnhof Altstetten, mit der S-Bahn nach Zürich-Hauptbahnhof, zu Fuss durch die Bahnhofstrasse, immer aufmerksam auf Ungewöhnliches oder Berührendes.
 
Nichts da. Alles wie gewohnt. Etwas hektischer vielleicht. Mehr Menschen unterwegs. Am meisten fielen mir die grossen Tragtaschen vom Spielwarengeschäft Franz Carl Weber auf, die von Müttern und Grossmüttern heimgetragen wurden.
Ich selbst schien nichts zu begehren. Nichts zog mich in einen Bann. Es fehlten mir in den Schaufenstern echte Bezüge zum Weihnachtsfest, nicht geschäftstüchtige. Wir seien eben abgeklärt, kommentierte Primo am Abend meine Erfahrung. Immerhin hatte mich in der Buchhandlung Orell Füssli Olga Kaminers Buch „Weihnachten auf Russisch“ angesprochen. Ein guter Fund, wie es sich später herausstellte. Schon allein das Vorwort, das Weihnachten auf Russisch seit dem 10. Jahrhundert beschreibt, begeistert mich. Eine Geschichte mit mannigfaltigen Einflüssen. Mit und ohne Religion. Spannend. Als ich auf meiner Stadtwanderung weiterging, hatte ich es aber noch nicht gelesen und hoffte nur, dass es mich weihnächtlich anrühren werde.
 
Als ich die Limmat überquerte, vermisste ich die Sicht auf die Alpen. Heute keine Vorstellung, schien der Himmel zu sagen. Ich tauchte in die rechtsufrige Altstadt ein. Im Umfeld des Neumarkts halte ich mich immer gerne auf. Und hier wird die Gasse in der Weihnachtszeit besonders schön und mild beleuchtet. Ich war aber zu früh. Ich ging durch die Froschaugasse, bog in die Spitalgasse ein. Einen Augenblick später nur, kam Lisbeth R., die liebenswürdige Altstadt-Ikone, daher. Fadengerade kamen wir aufeinander zu. Ich kenne sie von der Freiwilligenarbeit. Sie ist ein liebenswürdiges Original und trägt immer sehr farbige und unkonventionelle Hüte.
 
Als sie hörte, dass ich einen Hauch Weihnacht erhaschen möchte, wollte sie mich in die Predigerkirche schicken. Dort findet noch bis zum 10. Januar 2010 die Ausstellung „Weihnachtskrippen aus aller Welt“ statt. Dieser Besuch ist aber für einen der Weihnachtstage vorgesehen. Ich wollte unser privates Programm nicht unterlaufen. Also, dann solle ich mit ihr nach Hause kommen. Da werde ich die Weihnacht finden.
 
Lisbeth wohnt in einem geschichtsträchtigen Altstadthaus mit grossen Zimmern, wertvollen Parkettböden, massiven Nussbaumtüren und einem prächtigen Erker mit Blick auf die Froschaugasse hinaus. Ich durfte alle Räume sehen, ihre Einrichtung bewundern. Sie ist genau so originell, wie die Frau selbst. Jedes Möbel mit Geschichte, alle Bilder mit Bezügen zu Menschen. Und Fotos aus jener Zeit, als sie schauspielerte.
 
Wir tranken Tee. Lisbeth holte ein wächsernes Christkind in einem mehr als hundertjährigen Kripplein hervor. Das war die Weihnacht, die sie mir versprochen hatte. Aber auch der Blick in die inzwischen festlich beleuchtete Gasse hinaus gehörte dazu. Ich stand im Erker, schaute hinaus. Sie überreichte mir ein modernes Kaleidoskop, das mir den Blick hinunter vervielfachte, die Gasse zum weiten Platz werden liess. Dann wurde ich noch angewiesen, mit den Augen zu blinzeln und sofort bewegten sich die Lichter, wie wenn es Kerzen wären.
 
Jetzt bin ich richtig beschwingt, um in meinem Umfeld auch noch für weihnächtliche Stimmung zu sorgen.

Freitag, 11. Dezember 2009

Adventszeit: Allerlei Erfahrungen mit Licht und Dunkelheit

In diesen Tagen erlebe ich Licht und Dunkel ganz bewusst. Manchmal denke ich, die beiden Gegensätze sässen auf einer Kinderschaukel. Wenn ein Element den Boden berührt, schnellt das andere in die Höhe.
 
Letzte Woche erlebte ich das Licht der tief stehenden Sonne als Blendung. Ich konnte entgegenkommende Menschen in einer weiten Gasse nur noch als dunkle Schemen wahrnehmen. Einzig ihren Haaren gelang es, das Licht aufzufangen und abzubilden.
 
In einer Feier, während einer Lesung, löschte ein Kurzschluss das Licht abrupt, das die Madonnenfigur beleuchtet hatte. Der Raum selber wurde nicht tangiert. Mir fiel auf, wie die Skulptur sofort plastischer erschien, weil sie nicht mehr total ausgeleuchtet war. Ich blieb immer wieder an ihr hängen. Nicht nur wegen ihrer jetzt gut zur Geltung gekommenen Schönheit. Der elektrische Zwischenfall erinnerte mich sofort an die damalige Ausstellung im Zürcher Landesmuseum (November 2007, „Maria Magdalena Mauritius – Umgang mit Heiligen“).
 
Es war eine eindrückliche Schau, die schon in den ersten 6 Wochen 10 000 Besucher zu sich lockte. In abgedunkelten Räumen, nur punktuell angestrahlt, empfingen uns die Heiligenfiguren unserer Vorfahren mehrheitlich auf schwarzem Samt. Viele von ihnen trugen Gold. Die darunter liegenden Holzarbeiten wirkten auf mich als Schreinersfrau wie wundervolle Stoffe. Die faltenreichen Kleider schienen zu rauschen. Die diskrete und pietätvolle Beleuchtung belebte sie. Die Ausstelldung führte durch einen gewundenen Gang, und irgendwann war sie scheinbar beendet. Man trat in einen quadratischen, hell erleuchteten, leeren Saal. Dieser war mit „Reformation“ überschrieben. An den Wänden war je eine markante Aussage eines Reformators angebracht. Hier wurden keine Figuren mehr geduldet. Hier, wo alles ausgeleuchtet war, war ausser den Worten nichts zu sehen, was hätte anrühren und in Erinnerung bleiben können. Mir war es eindeutig zu hell, exakt so, wie wenn mir das Föhnlicht eine Migräne beschert.
 
Dieser Ort war aber nicht das Ende des Rundgangs. Es folgte noch das ausgestellte Lager der nicht verwendeten Figuren. Von oben herab sahen wir die in vielen Kisten deponierten Heiligen.
 
Später habe ich verschiedene Bekannte auf diesen scheinbar leeren (geistigen?) Reformationsraum angesprochen. Und bin auf Unverständnis gestossen. Man wusste gar nicht, wovon ich sprach.
 
Die Bahnhofstrasse von Zürich ist für mich persönlich auch zu grell geworden. Die einzelnen Lichtdekorationen für die Vorweihnachtszeit konkurrenzieren sich und zur grossen Lichtband-Installation, die heuer zum letzten Mal eingerichtet worden ist, haben sie ebenfalls keinen Bezug. Immer mehr Beleuchtung, scheint die Devise zu sein, obwohl wir Strom sparen sollten.
 
Letztes Jahr besuchte ich um diese Zeit die Ausstellung über die polnische Weihnacht im Kindermuseum in Baden. Ich habe darüber berichtet. Diesmal war ich hieher gekommen, um mich auf das Brauchtum der dänischen Weihnacht einzulassen. Letztes Jahr war ich bei unwirtlichem Wetter unterwegs. Am Himmel hingen dunkle Wolken. Zudem war es nicht einfach, das Museum zu finden. Als ich dort endlich angekommen war, begann es zu schneien. Die Schneeflocken tanzten vor den Fenstern der installierten Weihnachtsstube. Es war warm. Leise Weihnachtsmusik sorgte für festliche Stimmung. Ich fühlte mich zum Fest geladen. Diesmal war es ein heller Tag und wie oben berichtet, blendete mich das Licht. In der Ausstellung war auch alles gut ausgeleuchtet. Kinder sprangen herum und suchten nach Abbildungen, weil sie an einem Wettbewerb teilnahmen. Musik wurde verdrängt. Obwohl mich das Brauchtum Dänemarks begeistert hat, fühlte ich mich nicht als Gast in einer Weihnachtsstube. Diesmal war ich eine aussen stehende Person, die sich am Ausstellungsgut informierte.
 
Wenn Licht und Dunkelheit miteinander agieren, lösen sie oft einen Zauber aus. Ihr Zusammenspiel macht uns Freude. Helle allein oder Dunkel allein zu ertragen, das ist schwer. Aber schon das kleinste Licht auf dunklem Hintergrund bewegt uns, kann Freude oder auch Hoffnung hervorbringen.
 
Als ich an jenem Abend nach Hause kam, flackerte auf dem obersten Treppenabsatz ein Teelicht in einem facettierten Glas und warf seinen strahlenförmigen Schatten an die Wand. Der Windstoss, den ich beim Eintreten mitbrachte, bewegte das schöne Bild.
 
Das machen wir im Dezember immer so: Wer zuerst heimkommt, zündet ein Teelicht an. Und immer ist es eine Überraschung, die uns heiter stimmt. Da sind wir zu Hause.