Sonntag, 12. Mai 2013

Die Sicht vom Herrenbergli zum Briefzentrum Mülligen ZH

Das Herrenbergli sei ein Geheimtipp, las ich in einem Prospektblatt von „Grün Stadt Zürich“, in dem die Grünflächen von Albisrieden und Altstetten vorgestellt sind. Gemeint waren Friedhöfe, Parkanlagen, Verkehrsgrün, Schulgrün, Sportanlagen und extensive Grünflächen. Diese grüne Dienstabteilung der Stadt Zürich pflegt 4440 Hektaren öffentlichen Grünraum und weiss Bescheid, wo es schön ist.
Dahin luden wir unsere beiden Töchter und Mena, unsere Enkelin, zu einem Spaziergang ein. Einen Berg zu besteigen, ist immer spannend. Er muss nicht hoch sein. Aber wenn er uns Übersicht schenkt, dann ist es ein richtiger Berg. Beim Herrenbergli handelt es sich um einen Moränenhügel. Sein Name endet mit der Verkleinerungsform –li. Es muss sich also um einen kleinen Berg handeln. Was es mit den Herren zu tun hat, ist unbeantwortet. Ich denke an Arbeitgeber von einst. Die Herren waren Besitzer, ihnen untertan die Arbeiter und Vorarbeiter. Vielleicht gehörte der Hügel einmal einem Fabrikanten.
 
Das Herrenbergli ist heute allen zugänglich. Es sind mir 3 Wege bekannt. Einer mit einer direkten Treppe am Ende des Blinddarms der Dachslernstrasse. Wir benützten den Pfad durch die Wiese, der vom Alters- und Pflegezentrum Herrenbergli nach oben führt.
 
Oben auf der Krete laden 2 Sitzbänke zum Verweilen ein. Mit Blick über die Stadt, zum Hönggerberg und unten ins Tal, zum Briefzentrum Mülligen. Eine Gelegenheit, der 11-jährigen Enkelin diese Drehscheibe unserer Korrespondenz zu zeigen. Mena hat mir schon manche Karten und Briefe geschrieben, die dieses wichtige Zentrum passieren mussten. Es ist das einzige, das in der Schweiz die internationale Briefpost verarbeitet. Auf einer Grundfläche von ungefähr 70 000 m2 arbeiten etwa 1200 Postangestellte.
 
Die Distanz zu unserem Zuhause ist gering. Ich stelle mir immer vor, dass am Abend, wenn der gelbe Briefkasten an unserer Strasse geleert wird, die eingeworfene Post ohne viele Umwege nach Mülligen komme und anschliessend z. B. nach Paris weitergeleitet werde. Ob es stimmt, dass sich meine Briefe dann im obersten Sack befinden und darum zuerst verarbeitet werden, ist wahrscheinlich eine Illusion. Und doch: Meine Briefe werden zuverlässig eingesammelt und rasch auf die Reise geschickt.
Dann erinnerten sich die Töchter daran, dass ich mir schon gewünscht habe, selber als kleines Paket oder Brief zu reisen, damit ich erfahren könnte, wie sich eine Reise von A nach B anfühlt. Und sie sprachen aus, wie das wäre, wenn ich als Sendung auf dem Fliessband daher käme.

Du willst sicher sofort wissen, wer neben dir liegt. Und dich fragen: Wer hat mich geschrieben? Bin ich eine Rechnung oder ein Liebesbrief? Wohin reise ich? Und schnell bemerken, dass mich ein schöner Briefumschlag umgibt. Feines Papier und Briefmarken aus der Philatelie. Nebenan ein voluminöser A-Postbrief, von dem ich erwarte, dass er von Hand sortiert werden muss, weil er die Schleuse der 2 cm Dicke vielleicht nicht passieren kann. Gewiss wirst du auch neben dir reisende Sendungen ansprechen. Nach dem Woher und Wohin fragen und über die Namen der Orte staunen. Und falls du als kleines Paket unterwegs bist, fällst du vielleicht irgendwo hinunter, verursachst Lärm. So Primos Vorstellung. Und er spielte uns entsprechende Geräusche vor.
 
Es wurde auch darüber gesprochen, dass ich die einzelnen Postsäcke, in denen ich spediert worden war, beschreiben würde. Vielleicht so: Es müffelte, war modrig, ein kleines Loch spendete etwas Licht. Schlafen konnten wir nicht. Einige Sendungen stöhnten. Über uns allen lag eine schwere Last. Und die Bahnwagen schepperten, machten Lärm. Nach langer Fahrt dann die Ankunft in Paris. Heiteres, weisses Licht. Fremde Stimmen, eine fremde Sprache. Und ähnliche Manöver wie in Mülligen, jetzt in umgekehrter Reihenfolge. Wurde in Zürich Post aus den gelben Kästen eingesammelt, müssen sie hier in die Briefkästen der Wohnhäuser verteilt werden. Darum ist die korrekte Anschrift so wichtig.
 
Und ich stellte mir dann ganz still und ohne es auszusprechen vor, wie ich in Zürich-Altstetten ankomme. Ich bin da noch ein von Mena geschriebener Brief. Aber sobald sich der Briefkasten im Hauseingang öffnet, auch wieder die normale Grossmutter, die ihm Post aus Paris entnimmt. Da wurde es dann hell für den Brief, und auch für mich.

Samstag, 20. April 2013

2 Geschichten, die dem Markt in Oerlikon entsprangen

Die erste Geschichte:
Auf dem Früchte- und Gemüsemarkt in Zürich-Oerlikon habe ich nochmals Tarocco-Orangen gekauft. Der Händler sagte, das seien die letzten dieser Saison, bald nur noch eine Erinnerung.
 
Und dann, als ich eine schälte, kam mir Leo in den Sinn ‒ der Sizilianer, der mit 6 Arbeitskollegen wie wir damals in einem Bernoulli-Reihenhaus lebte und uns einmal nach der Rückkehr aus den Weihnachtsferien in seiner Heimat eine Prachtsorange brachte. Er läutete an unserer Tür, grüsste, strahlte und erzählte von seiner Reise. 24 Stunden habe sie gedauert. Von Anfang an sei der Zug überfüllt gewesen. Man habe die Sitzplätze mehrheitlich den Frauen überlassen. Und die restlichen abwechselnd benützt. Er habe manche Stunde auf dem gestapelten Gepäck etwas ruhen, aber nicht schlafen können. „Und jetzt koche ich Spaghetti!“ rief er noch, bevor er im Nachbarhaus verschwand.

Er brachte uns also die Orange, bevor er zu kochen begann. Noch „sehe“ ich ihn und die Freude auf seinem Gesicht, als er uns grüsste und ein gutes Neujahr wünschte. Auch wenn er jetzt wieder in der Fremde angekommen war, hier war er nicht fremd, und das spürte er.
 
Leo zeigte mir einmal, wie sich die Männer eingerichtet hatten und er nannte den Preis pro Schlafplatz, der ihnen vom Lohn abgezogen wurde. In meinen Augen überrissen. Ein Wohnort im eigentlichen Sinn war es nicht. 7 Matratzen. Eine Unterkunft, ja. Und ein Glück, dass Bernoulli die Küchen geräumig entworfen hatte. Hier konnten diese Bauarbeiter am Abend selber kochen und an einen gemeinsamen Tisch sitzen. Alle gehörten zur selben Firma.
 
Leo verstand es, Körbe zu flechten. Im Frühjahr schnitt er am Limmatufer geeignete Weidenruten. Er legte sie ins Wasser, wusste, wie er sie behandeln musste. Und wir schauten dann zu, wenn er diese im Garten zu Schalen oder Körben flocht. Handwerkliches Geschick und Schönheitssinn waren ihm mitgegeben und dürften auch auf den Baustellen geschätzt worden sein. Wo mag er heute sein?
 
Die zweite Geschichte, ebenfalls vom Früchte- und Gemüsemarkt:
Rüebli und Radisli
Primo und ich beobachteten dort eine Hortleiterin mit 5 Kindern. Sie waren auf den Marktplatz gekommen, um Früchte und Gemüse zu benennen. Jedes Kind hielt einen Zettel in Händen. Darauf war eine Frucht oder ein Gemüse notiert. Diese(s) wurde(n) gesucht und dann gekauft. Artig grüsste das entsprechende Kind die Frau oder den Mann am Stand „Guten Morgen!“ Und las dann den Namen vom Zettel. Radieschen. Ja, solche wollte der Bub kaufen. Die Hortnerin zeigte noch auf das Preisschild und dass man dort den Namen lesen könne, wenn man ihn vergessen habe. Ein anderes Kind wollte Erdbeeren kaufen. Die Marktfahrerin hatte viel Geduld mit ihm. Es war schwierig für das Mädchen, sich für eine der bereits abgepackten Portionen zu entscheiden. Wir blieben eine Weile stehen und beobachteten diesen praktischen Unterricht. Die Kinder, zum Teil aus fernen Ländern, waren sehr aufmerksam und interessiert. Ein Knabe hielt uns seine Papiertasche hin, damit wir sehen konnten, was er gekauft hatte.
 
Später sahen wir noch eine weitere Führung: Um eine andere Hortnerin geschart, kleinere Kinder, die noch nicht lesen konnten. Aber auch ihnen wurden Früchte gezeigt und diese benannt. Und wieder etwas später trafen wir auf 3 afrikanische Frauen, denen die Produkte in den Auslagen von einer schweizerischen Begleiterin erklärt wurden.
 
Der Markt zeigte sich an diesem Morgen als Freilichtschule. Auch für uns. Wir kamen mit jenem Marktfahrer ins Gespräch, der seinen Cicorino verde zu einem Rosenbett zusammengefügt hatte. Es sei ihm ein Anliegen, diese grünen Rosettenzichorien so zu präsentieren, wie sie gewachsen seien. Aufrecht stehend, Rose an Rose, hatte er sie in ein hölzernes Kistchen platziert und mit diesem ein schönes Bild geschaffen. Den Blättern schien es zu gefallen. Er zeigte uns, wie sie sich aneinander anschmiegten und aufrollten. Das ungehobelte Holz des Kistchen schenkte den schlichten Rahmen dazu.
 
Vielleicht, weil dieser Mann sah, dass wir seine Feinfühligkeit erkannten, wetterte er über alle Händler, die solche Schönheit nur auf einen Haufen werfen. Etwas Gewachsenes muss man doch auch bewundern, nicht nur essen wollen, schien er zu sagen. Er freute sich, dass wir gleicher Meinung waren.
 
Eine weitere Spezialität an seinem Stand: Einige wenige Eier von Gänsen, Enten und Zwerghühnern. Mit sanft farbigen Schalen, schöner als sie Osterhasen färben können. Da langten wir zu.
 
Zudem trugen wir Blumensetzlinge heim. Sie läuteten noch am selben Nachmittag unseren persönlichen Balkon-Frühling ein. Es war ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Heute aber regnet es. Und die Temperatur ist gefallen. Wie froh bin ich, dass die Gärtnerin, die mir Setzlinge verkaufte, noch darauf hingewiesen hat, dass diese robust und unverdorben seien.




Montag, 15. April 2013

Geschichten rund um eine ambulante Augenoperation

In der Rückschau empfinde ich die seriösen Vorbereitungen für Primos Katarakt-Operation wie ein wichtiges Ritual. Wir konnten uns langsam vorbereiten und mit der Augenklinik vertraut machen.
 
Auf Anraten unserer Augenärztin ging ich zur Voruntersuchung mit. Auch ich durfte Fragen äussern. Dann stellten wir uns noch für Studierende eine Stunde lang zur Verfügung.
 
Sie mussten die Probleme in unseren Augen erfassen und eine Diagnose erstellen. Spannend für uns beide, auch wenn uns das Verständnis für die vielen Fachausdrücke fehlte. Diese jungen Leute arbeiteten mit einfachen Instrumenten, gingen behutsam an die Aufgaben heran. Und sie besprachen in ihrer Gruppe das, was sie entdeckt hatten. Einer schwärmte von meinem rechten Auge, wie schön es sei. Es interessierte mich, was er darin sehe, ob das Bild einer Landschaft vergleichbar sei. Nein. Die Farbe und die Adern faszinierten ihn.
 
Ein anderer Schüler hielt die Sehtesttafel hoch. Primo musste die verschieden angeordneten "E" benennen. Der Arzt, mit dem wir die Operation besprochen hatten, schaute zu. Ich sah Fehlinterpretationen und schüttelte den Kopf. Nur leicht, doch wurde es bemerkt. Der Arzt sagte: „Die Frau hat keine Freude, ich aber schon.“ Mir hatten nicht alle Antworten gefallen. Der Arzt aber sah in ihnen seine Diagnose bestätigt, und das freute ihn. Und mir stärkte er mit dem, was er sagte, das Vertrauen in seine Kompetenz.
 
Die Operation ist denn auch entsprechend gut verlaufen. Auf dem Heimweg aus der Klinik erzählte mir Primo, wie sich alles abgespielt hat. Er wünschte keine Vollnarkose, kam damit gut zurecht, war wach und hat mir das, was er mitbekommen hat, schildern können. Entlastet und beschwingt verliess er dieses Haus, in dem die eine alt und trüb gewordene Linse durch ein künstliches Linsenimplantat ersetzt worden war. Wie genau dieser Austausch vollzogen worden ist, bleibt unfassbar. Da war er für nur 2 Minuten voll narkotisiert. Das Wesentliche also konnte nicht mitverfolgt werden. Es bleibt ein Geheimnis, grenzt an ein Wunder, weil wir nicht einmal eine Narbe sehen.
 
Ich fühlte seinen Schwung und seine Freude, als er die Klinik verlassen hatte, und verstand den Wunsch, nicht sofort in ein Tram einzusteigen. Er wollte über die Polyterrasse in die Stadt hinunter gehen. Das ist ein schöner Ort mit Weitsicht über die Altstadt, zum See und Üetliberg hin, auch Richtung Limmattal und bei schönem Wetter in die Alpen. Er hoffte, dort noch Skulpturen zu sehen, hatte von solchen gelesen. Sie waren aber bereits weggeräumt. Da musste ich dann schon augenzwinkernd fragen: Wer braucht denn hier Begleitung? Wer holt wen ab? Von der Klinik wurde nämlich ausdrücklich verlangt, dass der entlassene Patient abgeholt und begleitet werden müsse.
Die schöne Aussicht konnte er aber nur halbseitig geniessen. Wenn ich aus Versehen an seiner rechten Seite ging oder stand, konnte er mich nicht sehen. Das operierte Auge war unter einer aufgeklebten Plastikschale gut geschützt, sah gepolstert aus und modellierte das Gesicht neu. Tags darauf wurde dieser Augenschutz, wieder in der Klinik, abgenommen. Das war dann der eindrückliche Moment. Er öffnete die Sicht in neuem, klaren Licht. Primo sprach vor allem von der Weite der Wahrnehmung, die ihn als erstes begeisterte. Noch muss dieser Augenschutz jeden Abend wieder angebracht und über Nacht dort belassen werden.
Ich war sehr neugierig, wie ich seine neue Sicht erleben werde und sprach auch mit den Töchtern darüber. Ich fragte mich, ob ich vielleicht speziell putzen müsse. Letizia erinnerte mich sofort an eine Humorgeschichte aus der Schreinerzeitung von einst. Da kam ein Schreiner zum Augenarzt, beklagte sich über seinen müden Blick und dass er keine präzisen Leimfugen mehr herstelle könne. Es war höchste Zeit für eine Brille, die man ihm sofort verschrieb. Als er sie beim Optiker abholte, beeindruckte ihn die klare Sicht und er freute sich. Dann kam er heim und sah seine Frau. Wie alt und verbraucht sie war. Dieser Anblick war unerträglich. Er packte die Brille wieder ein, brachte sie dem Optiker zurück und schimpfte mit ihm. Unbrauchbar! Eine Zumutung! Eine Frechheit, meine Frau so darzustellen.

Auch ich konnte meine Sicht erweitern. Das Gebiet des UniversitätsSpitals kannte ich bisher kaum. Ich entdeckte die alte, also ehemalige Eidgenössische Sternwarte in Zürich. Ein schmucker Bau mit Kuppel, der mich sofort anzog. Schrecklich aber die verschiedenen Bauten, die nach und nach an diesen Zürichberg-Hang gebaut worden sind. Vor allem die Materialien empfinde ich teilweise abstossend und lieblos. Wie ganz anders zeigt sich der Nachbarort mit dem Kantonsspital und dem zugehörigen Park. Wir empfanden diese hohen Spitalgebäude nicht nur darum wohltuend, weil Primos Vater als Maurer an ihnen gearbeitet hat. Es sind harmonische Bauten. Wir schauten die Backsteinmauern an und fragten uns, welche von seinen Händen und seiner Kraft mitgestaltet worden sind. 
Als die Aufrichte am 15. September 1949 gefeiert wurde, bekamen alle Arbeiter, die an diesem Bau beteiligt waren, ein Fazenettli, ein Stoffdruck mit der Darstellung des Gebäudekomplexes samt Park. Solche Tücher, die den Stofftaschentüchern ähnlich sind, benutzten die Bauarbeiter gerne, um den Schweiss abzuwischen. Jenes von Vater Lorenzetti ist brüchig geworden. Wir halten es gleichwohl in Ehren.
 
Primo erinnerte sich noch, dass ein solches Fazenettli in einem Bildrahmen im Erdgeschoss des Kantonsspitals aufgehängt war. Wir suchten nach ihm. Es ist verschwunden.

Dienstag, 26. März 2013

Souvenirs aus Bayern: Vor allem Buchstaben und Worte

Wie üblich, zogen uns auch in Garmisch-Partenkirchen die Ständer mit den Postkarten magisch an. Hier gab es eine Rubrik, die auf Worte anstelle von Fotografien setzt. Grafisch zeitgemäss, schön, humoristisch und witzig.
 
Primo las als erster MIA SAN MIA, verstand diese Aussage blitzschnell und bezog sie auf unsere Familie (Wir sind wir). Sie ist aber nicht auf Feriengäste ausgerichtet, sondern gehört dem Stolz der Bayern und ihrem FC Bayern München.
 
Es gab da noch andere Redensarten, die uns gefielen. Der Überraschungsgruss JA MEI!, GRÜASS DI! Oder auf einer roten Fläche die Buchstaben IMOGDI (Ich mag Dich). Anstelle der i-Punkte waren Herze eingesetzt. Diese Karte sandte die Enkelin Mena dann ihrer Mama. Gefallen hat mir auch das rote Herz auf einer weissen Karte und das Wortspiel MEHRSOGINED (mehr sag’ ich nicht).
 
Der Kartenverlag cityproducts.de hat noch viele solcher Redewendungen aus anderen Sprachregionen Deutschlands in seinem Sortiment.

Nicht vergessen werde ich auch den schrägen Typ, den wir auf einem Spaziergang entdeckten. Da waren wir aber noch nicht informiert, was dieser eiserne Schwung aussagen soll. Wir standen am gegenüberliegenden Flussufer der Partnach und schauten zu, wie sie ein Bach in sich aufnahm. Es war sehr kalt. An den entlaubten Gebüschen hingen Eiszapfen. Ein paar Sonnenstrahlen leuchteten das weite Flussbett aus. Ein schöner Ort, wo wir trotz Minustemperaturen gerne verweilten. Als wir die Brücke überquert hatten, standen wir gleich vor der Eisenskulptur, die uns schon von weitem aufgefallen ist. Und lasen folgende Erläuterungen. 
ein schräger typ, der aus der partnach kam.
 
ursprünglich ein gerader 13 m langer stahlträger u-200,
hergestellt in der maxhütte sulzbach-rosenberg.
teil eines alten steges hinterhalb der klamm.
 
vom hochwasser pfingsten 1999 erfasst und mitgerissen.
verbogen, geschleift, verdreht vom geröll und den
wassermassen , im flussbett verschwunden.
 
auf Höhe des wittelbacher park,
bei massnahmen zur hochwasserverbauung,
2008 wieder zum vorschein gekommen
und vom bagger an land gesetzt.
 
herbert saller. juni 2011 
Wahrscheinlich ist die Skultpur, wie sie jetzt mit einem Chromstahlrohr fixiert dasteht, gut 3 Meter hoch.

Sie liess uns kaum mehr los. Sie bietet eine eindrückliche Lektion über Urgewalten und Wasserkraft.
 
Die Signatur, die sie im verbogenen Eisen hinterlassen hat, gefällt mir. Zusammen mit dem schrägen Chromstahlrohr sehe ich ein schwungvolles „R“. Ein sogenanntes Rechtzeichen, wie die Lehrer damals ähnlich prägnante Signaturen unter unsere Aufsätze schrieben, wenn sie damit zufrieden waren.



Montag, 4. März 2013

Wenn Kinder singen, verschenken sie von ihrer Energie

Als Jugendliche hörte ich ältere Menschen erklären, der Sinn der Grippe sei, die schwach gewordenen Menschen auszudünnen. Es werde jenen das Leben ausgelöscht, deren Lebensenergie aufgebraucht sei. Die noch widerstandsfähigen und jungen Menschen aber würden an ihr erstarken.
 
Primos Grossmutter starb während der spanischen Grippe 1918, und meine eigene Mutter später ebenfalls an den Folgen einer Grippe. War ich jetzt an der Reihe? Solche Gedanken kamen auf mich zu und zogen dann doch weiter.
 
Nachdem ich auferstanden bin, spüre ich wieder Energie und Schwung und rechne jetzt damit, dass ich hier im Leben noch etwas zu tun und vermutlich auch noch zu lernen habe.
 
Für mich dauerte die Grippe 3 Wochen. Sie legte mich lahm, machte mich apathisch, verweigerte meinem Geruchsinn jegliches Signal. Hunger und Durst gab es nicht mehr. Dass ich Wasser und Tee trank, war von der Vernunft geleitet. Von ihr kam vielleicht auch der Impuls, den Enkelkindern beim Singen zuzuhören.
 
Das Kinderlieder-Archiv besässe ich vielleicht nicht, wenn die beiden Mädchen in unserer Umgebung aufwüchsen. Die grosse Distanz unserer Wohnorte hat also auch sein Gutes.
 
Wenn ich ihre Lieder höre, bin ich ihnen ganz nahe, höre aus ihren Stimmen Klänge, die mich in andere Sphären entführen. Es ist da eine Ehrfurcht vor dem Leben, die sich einstellt. Diese Lieder zeichnen das Wachstum von Mena und Nora und ihre Entwicklung nach. Und dann die Temperamente der beiden Mädchen und auch die Feinfühligkeit, wie sie sich in den verschiedenen Sprachen ausdrücken. (Schweizerdeutsch, Hochdeutsch und Französisch). In diesem Repertoire befindet sich sogar die Französische Nationalhymne, „La Marseillaise“, die Mena im letzten Sommer für mich gesungen hat.
 
Wenn die Mädchen bei uns in Zürich sind, habe ich auch schon dieses Tonarchiv für sie geöffnet. Während sie zeichneten, hörten sie sich selber zu. Und auffällig ist jedes Mal, dass dann niemand spricht. Worte würden etwas von der Atmosphäre zerstören.
 
Eines der Lieder hat mich diesmal besonders angesprochen. Der Text ist der Schläfrigkeit gewidmet und erzählt, wie man sie überwindet. Wie passend für mich. Ich hörte es im rechten Augenblick. So lautet der Text: 
Ach, wie bin ich müde,
ach, ich schlaf gleich ein,
doch es ist ja heller Tag,
wie kann ich müde sein!
 
Jetzt stampf ich mit den Füssen
und wackle mit dem Bauch.
Ich schüttle meine Schultern
und meine Hände auch.
 
Ich strecke meine Arme,
die Beine machens nach.
Ich klatsche in die Hände.
Nun bin ich wieder wach.
Sofort war mir klar, dass mir die Grippe meinen schnellen Schritt eingeschläfert hatte. Ihn wollte ich wecken. Nach obigem Kinderlied. Es ist gelungen. Der Schwung ist zurückgekehrt und mit ihm die Energie.

Sonntag, 10. Februar 2013

Bäume: dürre Blätter und reife Samen feierten Abschied

In der letzten Januar-Woche 2013, noch vor den erneuten Schneefällen, beobachtete ich, wie letzte Samenstände der Hagebuchen von den Bäumen fielen und auf der Wiese zu tanzen begannen. Ich schaute ihnen lange zu, wie sie sich im Kreis drehten, sich von den Winden aufheben und wieder fallen liessen. Immer in harmonischen Kreisbewegungen.

Kein Wunder, dass unsere Altvorderen von Hexentänzen sprachen und sie in Figuren darstellten. Wir kennen das alte Weib mit dem Besen, das Ordnung schafft.


Am Tag danach stürmte es wieder. Da wollte ich die Wohnungstür zumachen. Ich hatte sie für einen totalen Durchzug angelehnt und offen gehalten. Als ich sie schliessen wollte, staunte ich. Es war Besuch gekommen. Getrocknete und darum zusammengerollte Ahornblätter lagen auf der Teppichvorlage, andere auf der Schwelle, und die viel kleineren Samenstände der Hagebuchen hatten es schon in den Korridor geschafft. Alle drängten hinein. Als sie hinfielen, muss sie der Teppich gestoppt haben. Es sah aus, als wären Kinder hierher gerannt, vielleicht um sich zu verstecken. Es war mir, als schauten sie mich an. Dürfen wir eintreten? Ich schickte sie nicht gleich weg.

Und heute Morgen war unsere Wiese, die an den Hagebuchhain angrenzt, braun gesprenkelt. Tausende und Abertausende von Samenständen waren über Nacht abgefallen und haben das Grün teilweise abgedeckt. Nun liegt der Weihnachtsschmuck auf der Wiese. Weihnachtsschmuck? Ja, im Dezember zeigten sich die reif gewordenen Samenfrüchte wie Christbaumschmuck. Sie hingen an ihren Bäumen, winzigen Tannen gleich. Weil sie von leisesten Winden bewegt wurden, ähnelten sie hängendem Schmuck, z. B. am Christbaum, oder auch am Ohr. Glänggerli nennen wir solche Objekte im Dialekt. Wenn sich Glänggerli bewegen, heisst das bei uns, si bambeled (sie schaukeln leicht). Der Klang dieses Wortes ist weich und beweglich, wie es zu den beschriebenen Dingen passt.

Es gibt also immer noch Denkanstösse, denke ich jetzt. In letzter Zeit fiel mir auf, dass ich nur noch selten auf meine nächste Umgebung reagiere. Alle möglichen Bilder scheinen in mir deponiert und archiviert zu sein. Sie sind bekannt. Ich muss nicht mehr darauf aufmerksam gemacht werden. Schön und gut, aber von Zeit zu Zeit möchte ich doch in meiner bekannten Umgebung immer wieder etwas noch nie Geschautes oder Bekanntes entdecken und von ihm bewegt werden. Und das wurde mir jetzt gerade, wie beschrieben, wieder einmal geschenkt.

Dienstag, 22. Januar 2013

Tempo Tüüfel: Gefangen im Strom der Beschleunigung

Morgens um 8 Uhr mit dem Velo unterwegs. Im Bahnhof Zürich-Altstetten durch die Geleiseunterführung. Es herrschte ein Gedränge. Eine S-Bahn war angekommen, und die Passagiere ergossen sich ebenfalls durch den Untergrund. Primo und ich fuhren hintereinander auf dem bezeichneten Veloweg. Rechts neben uns strömten die angekommenen Fussgänger dem Ausgang zu. Der ganze Raum unter den Geleisen war zu diesem Zeitpunkt dicht begangen, dicht ausgefüllt. Hinter uns ein dritter, ungeduldiger Velofahrer, der pausenlos klingelte. Er konnte aber nicht vorfahren. Dafür fehlte der Platz. Stoisch benützten wir alle unseren gemeinsamen Weg und ignorierten, dass da einer mehr Recht für sich beanspruchte, als ihm zustand. Sein Ego schien grösser zu sein als seine Übersicht. Die Durchfahrt unter dem Bahnhof beansprucht doch nur den Bruchteil einer Minute. Doch weiss ich selbst, wie ungern wir Velofahrer das Tempo drosseln, weil wir dann an Schwung verlieren.

Im Zürcher Hauptbahnhof sorgt der Leitsatz „Links gehen, rechts stehen“ dafür, dass die Eiligen auf der Rolltreppe schneller vorwärts kommen. Diese Regel funktioniert gut und sorgt dafür, dass die Pendlerströme ungehindert fliessen können. Der Bahnhof will kein beschaulicher Aufenthaltsort mehr sein.

Früher trafen sich im Bahnhof die Fremdarbeiter, wie Migranten damals genannt wurden. Hier seien sie ihrer Heimat am nächsten, wurde uns erklärt. Heute ist die Bahnhofhalle aber kein gemütlicher Dorfplatz mehr. Er muss Geld einbringen. Die Halle wird zeitweise vermietet. Es finden hier viele Veranstaltungen und im Dezember der Weihnachtsmarkt statt. Ich liebe die Zwischenzeiten, wenn die Halle leer ist, wenn ich sie diagonal durchqueren kann. Nur dann ist sie in meinem Augen eine richtige Schönheit.

Und ich vermisse immer noch die Sitzbänke an der linken Seitenwand der Billettschalterhalle. Bevor die ins Untergeschoss führende Rolltreppe gebaut wurde, konnte man dort warten oder sich ausruhen. Mit Blick zu den Perrons. Eine gewisse Übersicht über die Ankommenden und Abreisenden war da gegeben. Es arbeiteten damals noch die Porteure, die auf Schubkarren schwere Koffer und Taschen zu den Bahnwagen führten. Ihnen schaute ich gern zu. Auf einer solchen Bank zu sitzen und jemanden zu erwarten, weckte Lebensfreude und Reiselust.

Die beschauliche Atmosphäre verschwand langsam, zuerst kaum merklich, doch stetig. Die Errungenschaften der Technik gaben plötzlich allen Lebensbereichen Schub. Es konnte mehr aus ihnen herausgeholt werden. Das Wort „ausreizen“ kam auf.

Ausscheren ist nicht möglich. Alle wurden wir von der Beschleunigung erfasst und gezwungen, deren Gesetze zu respektieren. Alles muss fliessen. Nicht nur im Hauptbahnhof, nicht nur im Verkehr und am Arbeitsplatz. Auch die Familie wird von dieser neuen Energie erfasst. Schon die Kinder sind gehetzt. Ein Programm löst ein anderes ab. Eile mit Weile hat sich zu Eile und Hast verwandelt, weil vieles möglich geworden ist.

Im Dezember 2012 zeigte mir eine der Töchter sogar die schnellste Weihnachtskarte der Welt. Abgebildet war der aus dem Himmel herabstürmende Weihnachtsmann mit seinem Gefährt. Die Illustration entstand in einem Sportwagen während der Fahrt auf einer Rennstrecke in Frankreich. Aussergewöhnlich, aber auch ganz natürlich zeichneten die verwackelten Striche das überrissene Tempo des Gefährts.

Mit „Tempo Tüüfel“ (des Teufels Tempo) hätte man dieses Bild vor Jahrzehnten vielleicht betitelt, denn alles, was damals unerklärbar schien, musste aus des Teufels Küche stammen.

Donnerstag, 10. Januar 2013

Die Intarsie: Das aus dünnstem Holz geschaffene Bild


Wieder einmal erlebte ich, wie Faszination aufkommt, wenn Primo Lorenzetti seine Furnierschätze ausbreitet. Die Verantwortliche, die eine Bild-Ausstellung seiner Intarsien plant und begleiteten wird, war in die Werkstatt gekommen.



Noch unter der Tür stehend, bemerkte ich ihr begeistertes „Oh“, als sie das kreative Chaos wahrnahm. Obwohl der Raum klein und verstellt ist, strahlt er aus. Und viele Objekte, die hier zu sehen sind, weisen den Künstler auch als Tüftler aus. Fertiges und Angefangenes steht oder liegt nebeneinander. Nur weil hier keine sterile Ordnung herrschen muss, können sich Experimente entwickeln. Ähnlich wie Hefe, die Zeit und Geduld fordert, wenn sie aufgehen soll.

Einige Intarsien hatte Frau R. schon gesehen. Nun wollte sie wissen, wie solche hergestellt werden.



Der Bildinhalt dieser Holzflächenkunst wird mit Furnieren gestaltet. Im Furnierwerk werden Bäume zu feinsten Blättern geschnitten. So dick wie dünner Karton. In den 1950er-Jahren waren diese noch 2‒3 mm dick. Heute arbeitet Primo mit Blättern aus 6/10 mm, also etwas mehr als einem halben Millimeter Dicke. Frau R. reagierte begeistert auf die verschiedenen Holzfarben und auch auf die Art des Furniers, wie es geschnitten wird: hauptsächlich längs durch den Baumstamm, aber auch geschält, wenn die Holzsubstanz wie Papier ab einer Rolle abgezogen wird. Birkenfurnier wird oft so hergestellt.

Und dann die Farben: Wer nicht verschiedene Hölzer nebeneinander sehen kann, ist sich gar nicht bewusst, wie farbenreich die Facetten sind, besonders von Bäumen aus anderen Erdteilen. Noch vor dem rücksichtslosen Abholzen der Regenwälder wurden Hölzer aus diesen Gebieten wie Edelsteine behandelt.

An diesem Morgen leuchtete aus allen andern das violette Furnier des Amaranth-Holzes hervor, im deutschen Sprachraum als Violetta gehandelt. Viel beachtet ist auch das rot-orange Padouk, das wir auch Korallenholz nennen.

Ist es da verständlich, dass mit diesen Farben gespielt wird? In seiner über 50-jährigen Tätigkeit als Möbelschreiner und Holzgestalter hat sich Lorenzetti, ergänzend zu den präzisen Wünschen der Kundschaft, immer auch mit den Furnier- und Holzabschnitten beschäftigt. Äste, knorrige Teile, auch Reststücke von besonderen Farben oder Maserierungen regten ihn an, ihre Schönheit in Intarsien darzustellen.

War die ursprüngliche Form der Intarsie früher immer einem bestimmten Bildinhalt gewidmet, fällt diese heute dahin. Man stellte Landschaften, Gebäude, Persönlichkeiten, Pflanzen, auch Symbole dar. Dafür ist heute die Fotografie zuständig.

Lorenzetti-Intarsien sind mehrheitlich zufällige Kompositionen, ein Spiel mit vorhandenem Abschnittmaterial, auf der Suche nach Rhythmen und Perspektiven. Auch als eine Art Gespräch mit den Hölzern und mit Fragen an sie, ob sie bereit und fähig seien, Räumlichkeiten zu gestalten. Und daraus entwickeln sich manchmal Offenbarungen. Diese Intarsienart wirkt auf jede Person individuell. Sie spricht innere Bilder ihres Gegenübers an.

Für eine Intarsienkomposition müssen die einzelnen Furnierstücke fugenlos zusammengefügt und mit papierenen Klebstreifen festgehalten werden. Diese so entstandene Fläche wird dann auf eine entsprechend grosse Trägerplatte geleimt, also furniert. Anschliessend geschliffen und lackiert.

Und noch ein Blick zurück: Es ist bekannt, dass schon die Ägypter die Intarsie kannten. Und in Italien sind viele Intarsienarbeiten aus der Renaissancezeit gut erhalten. Dass sie überhaupt hergestellt werden konnten, setzte die Leimherstellung voraus. Fischer von damals sollen im erkalteten Fischsud die schwabblige Sulz entdeckt und bemerkt haben, dass diese aushärtet. Aus solcher Sulz (Sülze) als Grundmaterial
entstanden nach und nach die Leime für Papiere, Hölzer, Leder und Stoffe.

Vor Jahrzehnten, als ich wieder einmal in die Werkstatt kam, öffnete Primo 2 Schränke und zeigte mir seine Schätze. Er sagte dazu: Hier siehst Du, woran ich jeweils arbeite, wenn der Chef nicht da ist. Er, der selbständig Erwerbende, sein eigener Chef.

Es waren alles Intarsien, mit denen er sich damals von der traditionellen Darstellung verabschiedete. Auch er hatte ursprünglich gegenständliche Intarsien geschaffen. Z. B. das Grossmünster, eine Flusslandschaft, der Tierkreis auf dem Esstisch einer Kundschaft usw. Als ich diese neuen Bilder sah, spürte ich seinen Drang, dem Holz zu mehr Geltung zu verhelfen. Nicht in erster Linie dem Bild, sondern dem Material, mit dem es gestaltet worden ist. Und noch heute möchte er Möglichkeiten aufzeigen, die die nüchterne Innenarchitektur auf schlichte Art bereichern kann. Und dafür arbeitet er immer noch.

Montag, 24. Dezember 2012

Was Weihnachten sein soll, misst sich an der Erinnerung

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich einmal den Duft frisch geschnittener Christbäume so intensiv wahrgenommen habe wie am Freitag, 21.12.2012, als ich mit Primo zusammen nach unserem Tannenbaum suchte. Diese Düfte und dieser kurze Besuch unten auf dem Lindenplatz von Zürich-Altstetten gibt mir gerade den nötigen Schwung für einen Beitrag zur Weihnachtszeit.

Ich erinnerte mich wieder einmal an den Übergang von der Herkunfts- zur eigenen Familie, als ich mit Primo zusammen plötzlich dafür verantwortlich war, dafür zu sorgen, dass Weihnachten zu einem besinnlichen Fest werde.

Zu den schönsten Augenblicken meiner Kindheit gehören definitiv die Momente am 24. Dezember, wenn wir 5 Geschwister das Christkind erwarteten. Für ein Fest gekleidet und zurechtgemacht, erwarteten wir den Glockenton, der die Weihnacht ankündigte und eröffnete. Der Vater rief uns in die Stube: „Äs isch cho“ (Es ist gekommen).

Dieses „Es“ war das Christkind, das uns besuchte und mit einem Baum voller Lichter beschenkte. In keiner Weihnachtsfeier habe ich je wieder diese Ehrfurcht gefühlt wie damals, als wir, unwissend und auf eine Art unverdorben, den Christbaum bestaunen durften. Da war Licht in unserem Haus, und viele der Sorgen wurden für einen Abend lang von diesem verscheucht.

Als ich kürzlich in der Stadt weilte und mir auf der Bahnhofstrasse viele Menschen entgegen kamen, fragte ich sie in meinen Gedanken: „Was sucht ihr noch? Was fehlt euch noch? Wie werdet ihr das Weihnachtsfest feiern?“ Unvorstellbar, die Antworten.

Ich besuchte dann noch den Christmas Tree, die Plattform für Schülerchöre auf dem Werdmühleplatz. Hier wurden vom 24. November an Weihnachtslieder gesungen. Schon allein die Bühne mit dem abstrahierten Tannenbaum, auf dem die Chöre auftreten können, ist ein Kunstwerk. Pyramidenförmig gestaltet, mit Tannästen verputzt, bietet dieser Christbaum auf 7 balkonähnlichen Etagen Raum und Platz für Sängerinnen und Sänger. Sie tragen rote Zipfelmützen und verkörpern die Weihnachtskugeln am Baum.

Diese Institution besteht schon seit 1998 und begeistert uns jedes Jahr neu. Sie verströmt eine frische, echte Weihnachtsstimmung.

Als ich dort war, begeisterten gerade junge Leute aus der 2. Sekundarschule Käferholz aus Zürich-Affoltern das zahlreiche Publikum. Sie sangen amerikanische und englische Weihnachtslieder. Und ernteten viel Applaus. Ein junger Schweizer, neben mir stehend, rief begeistert in die Menge: Da mues mer ja gar nüd uf New York! (Da erübrige sich eine Reise nach N.Y.).

Zu Hause erzählte ich von meinen Eindrücken. Was ich berichtete, löste Erinnerungen aus. Sie holten Begebenheiten aus unserer Kindheit ans Licht. Primo erzählte mir erstmals von einer Weihnacht in der Zeit des 2. Weltkriegs, als die Fenster verdunkelt werden mussten und man sich zu Hause wie in einer Höhle befand. Seine Familie wohnte im Kreis 5, nahe beim Zürcher Hauptbahnhof.

Da sassen sie in der schwach erleuchteten Stube im Parterre. Es hatte geschneit. Es sei still, ganz still gewesen. Auch wegen des vielen Schnees. Die Fensterläden waren geschlossen, die Fensterscheiben mit schwarzem Stoff abgedeckt und die Vorhänge, die zur persönlichen Wohnungseinrichtung gehörten, darüber gezogen. Und dann hörten sie ein Pferdefuhrwerk vorbeiziehen. Aber niemand durfte die Vorhänge lüften. Primo hätte gerne hinausgeschaut. Gefeiert wurde auch still, so still wie möglich. Mit einem bescheidenen Baum. Mit einigen Liedern und bangen Gedanken. Wann denn der in den Texten besungene Friede hier wieder eintreffe, mögen sich die Eltern gefragt haben.

Aus dieser Zeit mag das Kerzenlicht unter dem Thema Hoffnung und Zuversicht in uns abgespeichert sein. Das gilt auch für mich. Noch immer sind uns grelle und der Werbung dienende Lichter fremd.
Später, in unbelasteterer Zeit, durften Primo und sein Bruder dann dem Vater zuschauen, wie er den Baum schmückte und ihm vorher noch zusätzliche Äste einsetzte, um ihn harmonischer zu machen. Primo sagt heute dazu: Er frisierte ihn auf Ästhetik. Die Buben durften zuschauen und danach Kugeln aus den Schachteln holen und sie aus dem Seidenpapier herauslösen. Sie wählten jene aus, die ihnen am besten gefielen. Die Farben waren prächtig und wichtig. Aus diesem Erbe haben wir einige wenige Kugeln geschenkt erhalten. Sie haben bei uns ihren Platz.

Einen Christbaum mitgestalten, macht sicher Freude. Aber so wie es in meinem Elternhaus Tradition war, brachte das Christkind den Baum, und wenn wir die Stube betraten und die Kerzen ihr Licht verströmten, war das einfach unbeschreiblich schön.

Mit Primo zusammen entwickelten wir diese 2. Variante weiter, und noch heute, wenn die Töchter mit uns feiern, ist es selbstverständlich, dass man wartet, bis das Glöcklein läutet und der Vater einlädt, in die Stube zu kommen.

Einmal, die ältere Tochter war vermutlich 9-jährig, die jüngere 3, war das Christkind auch gekommen. Die Glocke hatte geläutet. Die Kinder stürmten aus dem 1. Stock in die Stube hinunter. Da stand der Christbaum und strahlte. Felicitas, die ältere, konnte nicht genug staunen und ihre Gefühle überfliessen lassen, während Letizia, die jüngere, als erstes wissen wollte: Das hat alles Papi gemacht?

In Primos Familie gab es zu Weihnachten Nussgipfel, die der Vater gebacken hatte. Eine Erinnerung an seinen 1. Beruf als Bäcker und Konditor. Und als Erbe aus der italienischen Grossfamilie kamen immer auch die Capelletti auf den Tisch. Tage vorher vorbereitet, beanspruchten sie am Fest selbst nicht mehr viel Kochzeit und Aufmerksamkeit. Man wärmte sie in einer Fleischbrühe, liess sie ziehen. Auch diese Capelletti fabrizierte der Vater. Nach seiner Pensionierung lehrte er mich noch, wie ich diese selber zubereiten kann.

Sonntag, 9. Dezember 2012

Meine Geschichten rund um die amerikanischen Parkas



Jetzt habe ich gerade Heimweh bekommen. Für diesen Beitrag schaute ich mich im Internet nach der Beschreibung der Parka um und fand dort eine Foto unserer damaligen Allzweckjacken aus Beständen der amerikanischen Armee. Das Modell Army Parka M-65 ist abgebildet. Ja, das war es. Dieses besassen wir. Es gab beinahe Tränen der Rührung.

Möglicherweise deutet die Zahl 65 im erwähnten Modell das Produktionsjahr dieser Jacke an. Wir konnten sie vermutlich 1967 kaufen. Damals war das Wort Parka erst im Kommen. Heute steht es für eine Allerweltsjacke mit Kapuze, die länger geschnitten ist als die herkömmliche Windjacke. Als ein in jeder Beziehung dienliches Kleidungsstück.

Jene, die wir kaufen konnten, waren gebrauchte, gereinigte Stücke aus den Beständen der amerikanischen Armee. Sensationell das wärmende Innenfutter, die tiefen Taschen und der robuste Reissverschluss. Da und dort waren sie etwas geflickt. Das gab der Parka gerade noch den letzten Schliff, um als Original zu gelten. Eine Jacke jenseits von Eleganz, aber ungeheuer praktisch. Im Winter wärmend, in den übrigen Monaten ohne Futter getragen, wurde sie zum Regenmantel. Ich schätzte sie, weil sie unkompliziert war. Besonders auch als junge Mutter, wenn ich mit den Kindern unterwegs war.

Trug ich die Parka, fühlte ich mich gut angezogen, geschützt und vor allem auch eigenständig. Sie unterstützte uns, dass wir Velofahrende bleiben konnten. Wohl gab es damals, kurz vor der 68er-Revolte, Leute, die meinten, sie müssten uns aufmerksam machen, wie man sich kleide. So hörten wir auch die hämische Frage: So, seid ihr alternativ? Primo antwortete einmal ganz treffend. Nein! Wir sind jungnativ.

Einmal wollte unser Kinderarzt die Parka genauer ansehen, als ich in der Praxis aufkreuzte. Er wusste nicht so recht, ob er uns ebenfalls belehren müsse, fand diese dann aber ganz originell. Er schaute sie mit den Augen eines Seglers an.

Und einmal trugen wir die Parkas in Istanbul. Dort sprach uns ein Herr an, als wir in einem Schaufenster die Teppichauslagen betrachteten. Wo solche Jacken zu kaufen seien. Er gehe öfters auf die Jagd, und diese Jacke wäre ideal für ihn. Hier befinde sich sein Teppichgeschäft, er lade uns ein, hier einzutreten und ihn darüber zu informieren.

Wir nannten das Geschäft in Zürich und auch den damaligen Preis. Ob er Primos Jacke probieren dürfe? Sie passte gut, nur der abgewetzte Ärmelumschlag störte ihn. Ich bot ihm meine Parka an. Es war dasselbe Modell. Sie war am Ärmel nicht beschädigt. Aber eine Jacke, die von einer Frau getragen wurde, die wollte er nicht. Primos Parka würde er gerne abkaufen. Aber dieser signalisierte Widerstand. Er sei nicht nach Istanbul gekommen, um seine Jacke abzugeben. Ich aber wusste, dass wir in Zürich problemlos Ersatz finden werden und schlug vor, doch auf einen Verkauf einzugehen. Das ergebe ein ungewöhnliches Ferienerlebnis. Gut! Dann wollte der Teppichhändler noch markten. Also CHF 120.— (der Handelspreis in Zürich) für eine gebrauchte und etwas beschädigte Jacke, das sei zu viel. Primo aber blieb dabei. Er hätte seine Parka sowieso gerne weiter getragen. In der Zwischenzeit hatten sich 7 Angestellte aus diesem Teppichgeschäft im Halbkreis um uns gestellt und verfolgten den Handel. Als der Teppichhändler einsah, dass sich Primo nicht überreden lasse, offerierte er einen Tausch. Er holte eine gebrauchte Lederjacke aus seinem Büro und offerierte sie. Und sie passte so gut, wie wenn sie für ihn zugeschnitten worden wäre. Er zog sie nicht mehr aus. Neben ihm trug der Teppichhändler die Parka. Dann sagten beide Ja zum Geschäft und umarmten sich.

Und ich beobachtete die Angestellten, wie sie ihrem Chef zunickten, und ich sah in ihrer Mimik, dass sie annahmen, Primo sei hereingelegt worden. Das war ganz und gar nicht der Fall. Auch wenn der Jackenschnitt nicht der neuesten Mode entsprach, er entsprach Primos Gestalt. Sie diente ihm noch lange. Und die Parka konnte in Zürich dann auch sofort ersetzt werden.

Es sind nun ein paar Jahrzehnte vergangen, und die Parka hat einen neuen Stellenwert erlangt. Heute gehört sie zu den interessanten Modeerscheinungen. Mehr und mehr faszinieren mich heute die aktuellen Modelle, die nichts mehr mit Armeebeständen zu tun haben.

Aber leider passt meine Figur, vor allem meine Grösse, nicht in diese schönen Kurzmäntel, die sich Parka nennen. Ich habe nun lange gesucht und nur jene Modelle für Grossgewachsene gefunden, deren Gewicht mich belasten würden.

Und jetzt habe ich, dank der Vorbereitungen für diesen Beitrag, im Internet unerwartet jenen Händler gefunden, der damals die Armee-Parkas importierte. Er führt neuerdings einen Army-Shop für Jeans und Jacken in einem anderen Stadtkreis. Ich werde ihn noch aufsuchen, auch wenn ich jetzt das anfangs erwähnte Modell als Grossmutter gar nicht mehr tragen würde. Ich vermute, dass es eher im Museum als in seinem aktuellen Geschäft zu finden wäre.