Donnerstag, 30. Oktober 2008

Von Wänden, die besprayt oder beschrieben worden sind

Der „Rosengarten“, ein altes Gasthaus an der Kalkbreite in Zürich, ist auferstanden. 150 Jahre lang war es ein wichtiger Quartiertreffpunkt und die Beiz der Trämler. Nebenan befindet sich das alte Kalkbreite-Tramdepot. Dieses baufällig gewordene und verlassene Restaurant wäre abgebrochen worden, hätte sich nicht der Heimatschutz eingeschaltet und „eines der ältesten Beispiele für die Urbanisierung Zürichs“ gerettet.
 
Kürzlich fuhr ich dort mit dem Velo vorbei und sah dieses alte Haus mit seinen gemütlichen Proportionen in neuem Glanz. Es strahlte. Es erschien mir jetzt grösser. Ich freute mich. Ein paar Tage danach war ich wieder in seiner Nähe und erschrak. Über Nacht hatten schon wieder Sprayer ihre seltsamen und in meinen Augen widerlichen Signaturen angebracht. Eine Schande! Ich liess mir von jungen Leuten sagen, das seien Markierungen der Selbstdarstellung: Ich bin da gewesen.
 
Da frage ich mich dann schon, wie sie reagierten, wenn ich zum Beispiel in ihren persönlichen Wohnraum eindringen und ihre Wände und Decken mit Malereien meines Schönheitsempfindens verschmieren würde.
 
Fotos in den Tageszeitungen zeigen mir heute, dass die betroffene Fassade noch rechtzeitig vor der Einweihung gereinigt und vielleicht nochmals übertüncht werden konnte. Wer bezahlt das eigentlich?
 
„Ich bin da gewesen.“ Dieser Satz liess in mir sofort ein uraltes Erlebnis aufsteigen, das unsere Töchter bestätigen können. Mit ihnen befand ich mich in der Bahnhofhalle des Zürcher Hauptbahnhofs zur Zeit, als diese renoviert wurde. Bauabschrankungen aus Spanplattenmaterial grenzten die Baustelle ab. Auch sie waren beschrieben oder verschmiert, aber nicht im heutigen Sinn versprayt. Dort, wo sich früher die „Chüechliwirtschaft“ befunden hatte, warteten wir auf Primo. Es stand eine Ausstellungseröffnung seiner Arbeiten an. Wir wollten gemeinsam ins Zürcher Oberland reisen.
 
Wir warteten und warteten. Zu dritt im Gespräch, fiel mein Blick schräg auf die Holzwand. Eine unscheinbare Bleistiftnotiz zog mich an. Eine Schrift ähnlich jener von Primo. Ich las: „Ich bin da gewesen, habe etwas vergessen. Reise eine Stunde später nach.“ Eine Botschaft für uns drei. Obwohl nicht unterschrieben, wussten wir augenblicklich, dass sie uns galt.
 
Wie unterschiedlich doch eine gleichlautende Botschaft motiviert sein kann. Da der Platzhirsch, der sich ein Denkmal setzt. Und dort einer, noch nicht im Handy-Zeitalter angekommen, der versucht, eine Verspätung mitzuteilen.
 
Aber beide haben öffentliche Wände benützt.

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Deutsche in der Schweiz: Das Thema berührt auch mich

Schlagzeilen wirken weniger als Schläge, wenn sie von Karikaturen, zum Beispiel von Felix Schaad, begleitet sind. Seine träfen Beiträge im Tages-Anzeiger entspannen öfters mein Frühstück.
 
Schon bald eine Woche liegt Seite 21 vom 2. Oktober 2008 offen auf meinem Schreibtisch und amüsiert mich. Eine Bildgeschichte über 5 Sequenzen zu einem Artikel „Wie die neuen Ausländer die Schweiz verändern“.
 
Ein Mann mit locker umgebundener Krawatte, die Ärmel hochgekrempelt, überlegt: Er sei gewiss kein Rassist, aber sein Vorgesetzter sei ein Deutscher, sein Arzt ebenfalls und auch die Dozenten seiner Tochter. Und aus dem Fenster lehnend, sieht er bestätigt, dass es in seinem Quartier von ihnen nur so wimmle. Während dieser Aufzählung zeigte er sich von verschiedenen Seiten, mit der Hand im Hosensack, stehend und gehend. Dann sehen wir ihn bei sich zu Hause. Seine Frau sitzt auf dem Sofa und liest die FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Von ihr will er jetzt wissen: „Wofür sind wir eigentlich in die Schweiz gezogen?“
 
Es fällt mir auf, dass in den letzten Monaten das Thema „Die Deutschen kommen“ immer wieder aufgegriffen worden ist. Statistiken dazu belegen, dass die Einwanderung zunimmt.
 
Ich frage mich trotzdem, ob das sinnvoll ist. Wird da Angst geschürt? Ich weiss es nicht. Auf jeden Fall bin ich persönlich vorsichtig, denn meine Urgrosseltern kamen auch aus Deutschland und haben hier wertvolle Arbeit geleistet. Der Urgrossvater war ein Spezialist für den Bau hoher Fabrikkamine. Er und seine Frau stammten aus dem Gebiet der Donau-Versickerungen.
 
2 Tage später betrete ich die Sihlpost beim Zürcher Hauptbahnhof. Es herrscht ein reger Betrieb. Die Schalter von A bis M alle besetzt. Ich drücke die Taste am Automaten, der mir den Zettel mit der anstehenden Nummer ausspuckt. Die 487. Es nimmt mich wunder, wie lange ich warten muss und schaue nach einer Anzeigetafel aus. Am Leuchtkasten oberhalb des Nummernautomaten erscheint die 05. Sie irritiert mich. „Da stimmt etwas nicht!“ sage ich leise vor mich hin und überprüfe nochmals meinen Zettel. Das war vermutlich eine Alterserscheinung, dass ich redete, wo andere schweigen. Ein junger Mann hat mich beobachtet und sofort eingegriffen. Freundlich erklärt er mir das System. Er verweist auf die Anzeigetafel über den Schaltern. Ich müsse nur warten, bis dort meine Nummer erscheine. Zu ihr gehöre ein Buchstabe, der sei für den betreffenden Schalter wegweisend. Es war ein Deutscher!
 
Ich musste lachen. Einerseits über mich, dass ich die 05 am Kasten falsch deutete. Sie ist neu und zeigt die mutmassliche Wartezeit an. Ich kannte sie noch nicht. Andererseits passt es zum Thema, dass die Deutschen da und sogar sehr hilfsbereit sind.

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Freundlichkeit gedeiht auf respektvollen Verhaltensregeln

Montagmorgen. Schon vor 8 Uhr beleben die Kinder den Schulhausplatz von nebenan und erinnern mich an ein schönes Erlebnis von gestern. Sie lachen und kreischen. Es tönt fröhlich, aktiv und lebenslustig.
 
Primo und ich gingen erstmals in Zürich-Altstetten abstimmen. Das Abstimmungslokal befindet sich zu unserer Überraschung gleich nebenan im Schulhaus Loogarten. Wir wurden herzlich willkommen geheissen. Ich habe schon mehrmals erwähnt, wie freundlich man sich in diesem Quartier begegnet. Man grüsst sich auf der Strasse, wie das in den Landgemeinden üblich ist. Je näher wir dem Stadtkern kommen, desto nüchterner gehen die Menschen aneinander vorbei. Verständlich. Zu viele sind unterwegs.
 
Als ich am Tisch der Stimmabgabe erwähnte, wie uns die Altstetter-Freundlichkeit auffalle, huschte ein Leuchten über die 3 Personen, die unsere Papiere in Empfang nahmen. Selbstbewusst und gar nicht erstaunt über unsere Beobachtung, sagte eine der Frauen sofort: „Das ist eine alte Tradition!“
 
Ja, eine echte und lebendige. Eine, die entspannt und auch Humor zulässt.
 
Beim Verlassen des Schulhauses wurde ich zufällig noch auf die Verhaltensregeln in der Schule Loogarten aufmerksam. Am Informationsbrett steht geschrieben: 
Wir grüssen alle freundlich.
Wir begegnen allen mit Respekt.
Wir reden und benehmen uns anständig.
Wir folgen den Anweisungen der Erwachsenen.
Wir schlagen und spucken nicht.
Wir tragen Sorge zum Material und halten Ordnung.
Das sind Werte der angesprochenen Tradition.
 
Von ihnen zu reden, war lange kein Thema mehr. Ich freue mich über diese klare Vorgabe, die gewiss auch in andern Schulkreisen wieder salonfähig wird oder schon geworden ist.
 
Ich selbst habe beim Einzug in eine neue Wohnung erlebt, wie klare Regeln eigene Sicherheit hervorbringen. In meinem ganzen Leben musste ich nie eine Waschküche mit anderen teilen. Davor war mir ein bisschen bange. Dank der vorgegebenen Ordnung fand ich mich rasch zurecht.
 
Gut schweizerisch empfinde ich jene Ecke, an deren Wand ein Besen, eine kleine Schaufel und der dazugehörige Wischer aufgehängt sind. Um jeden dieser Gegenstände wurde seine Kontur mit Filzstift an die Wand gemalt, damit ihnen ein immer gleicher Platz sicher ist. Jedesmal denke ich dazu: So klare Vorgaben, locker erfüllt, würden an vielen Orten viele Probleme verhindern.

Dienstag, 16. September 2008

Atmosphärisches aus unseren Bilderbuchferien im Tessin

Eindrücklich erlebte ich die Ankunft in Magadino TI, kurz vor der Schiffstation. Von Quartino herkommend, steigt die Uferstrasse ganz leicht an, bevor sie in geschwungener Linie nach links abbiegen muss. An diesem Punkt wird der See (Lago Maggiore) in seiner Weite sichtbar. Palmen wachsen am Strand. Hier überfliessen die Gefühle. Angekommen im Süden! Oder gar am Meer?
 
Ich dachte dazu: Wenn hier ein übermütiger Autofahrer mit übersetzter Geschwindigkeit daherbraust, landet er im Wasser. – Falsch! Ein kleiner Park mit den erwähnten Palmen und daneben ein grosser Autoabstellplatz sorgen schon für den schützenden Abstand.
 
Die Freude kann alles grösser machen als es ist. Nicht immer werden wir verstanden, wenn wir begeistert erzählen. Da heisst es dann manchmal, man rede das Blaue vom Himmel herunter. Und wer die Arbeit schwänzt, macht „Blauen“, ist auch eine Redensart, die auf eine verführerische Farbe hinweist.
 
Während der ganzen Ferienwoche sahen wir dieses heitere Lago-Maggiore-Blau. Täglich. Zauberhaft. Vom Himmel geschenkt, nicht mit den Händen fassbar und doch real da. So einflussreich, dass auch die Berge blau erschienen. Und sind doch alle von dichtem, grünen Wald ummantelt.
Ich will aber nicht verschweigen, dass es auch im Tessin regnen kann, sogar sehr stark regnen kann. Während unserer Ferien konnten wir aber das Klischee der südlichen Heiterkeit erfahren und bestätigen. Dazu beigetragen haben auch unsere Enkelkinder Mena und Nora. Ihretwegen sind wir nach Orgnana oberhalb von Magadino ins Reka-Dorf gekommen. Reka-Dörfer* sind Orte für familienfreundliche und kindergerechte Ferien (www.reka.ch).
 
Da gibt es viel Platz für bewegungshungrige Kinder, verschiedene Spielgeräte und in Orgnana manche Treppe, weil das Dorf an den Hang gebaut ist. Genau das Richtige für Kinder aus Paris. Kinderlärm gehört hier zur Selbstverständlichkeit und ist kein Problem. Hier konnte sich die 2-jährige Nora zum Wiesel entwickeln, kann jetzt rasch und eigenständig davonspringen.
 
Sie hatte sofort guten Kontakt zum Grossvater. Nachdem sie ihn kritisch musterte und sich vielleicht erinnerte, dass sie ihn kenne, trieb sie den Speichel in lustigen Blasen über die Lippen. Und er selbstverständlich noch eine Spur kräftiger zurück. Und sofort war die Freundschaft wieder gefestigt.
 
Im Reka-Dorf können sogar Grossmütter wieder zu Kindern werden. Ich wunderte mich selbst darüber, dass es noch möglich ist, mit bald 7 Jahrzehnten auf dem Buckel „Versteckis“ (Versteckspiel) zu spielen, um Hausecken zu flitzen und sich hinter Gebüschen ins Gras fallen zu lassen. Wären wir länger geblieben, hätten vielleicht andere Väter, Mütter oder Grosseltern noch mitgespielt. Sie beteiligten sich aber insofern daran, als sie darauf achteten, dass die Spielregeln eingehalten wurden. Mena hätte manchmal so gerne die Augen geöffnet, bevor die vereinbarte Zahl aufgerufen worden war. Es gab da strenge Beobachter.
 
In diesem Feriendorf beobachtete auch ich die Anwesenden, ihre Spiele, ihr Dasein. Und wir plauderten miteinander. Man hatte Zeit. Ich freute mich an den geduldigen Vätern und Müttern, die ihre 1- oder 2-jährigen Sprösslinge schaukelten, mit ihnen erste Schritte übten, sie auf die Rutschbahn setzten und dafür sorgten, dass sie unten wohlbehalten ankamen. Wir alle gaben aufeinander Acht, und Mena sogar noch im sprachlichen Bereich.
 
Schon vor Monaten, als sie bei uns in Zürich in den Ferien war, sagte sie auf einmal:„Grosy, du sagst immer wieder ,Ja was!’“ Wiederholungen stören sie. Mena muss man etwas nur einmal sagen, dann sitzt es. Trotzdem sie mich damals rügte, beantwortete ich das, was mich erstaunte erneut mit „Ja was!“ Tönt doch sicher besser als beispielsweise „Das gits ja nöd.“ (Das gibt es nicht.) Dies ist auch so eine Redensart. Diese stört aber mich.
 
Damals in Zürich notierte sie mit Strichen, wie oft sie mich beim Wiederholen erwischt hatte. So sind Kinder. Sie beobachten und sagen unverblümt, was sie entdeckt haben. Und wir Erwachsene können unser Tun und Reden reflektieren und falls nötig und überhaupt möglich ändern.
 
Wenn Mena im Tessin vorwurfsvoll „Grosy!! Ja Was!“ rief und dabei die Augen rollte, war ich selber erstaunt, wie oft mir dieser Ausspruch herausrutschte. Also suchte ich nach einer neuen Variante, denn vieles, was mir erzählt wird, ist doch erstaunlich. Ich rief dann nach einer Rüge von ihr „LAGO MIO“, auch so ein Wort, das Erstaunen ausdrückt. Hier besonders passend, weil wir uns über dem Lago Maggiore befanden und gerne nach ihm ausschauten. In solchen Momenten war er mein oder unser See, wie es der Ausspruch meint. Der schöne See, der zauberhaft blaue See.
*
*Wie ich auf der Homepage von www.reka.ch entdeckte, ist das Feriendorf in Orgnana ob Magadino-Vira nicht mehr aufgeführt. Schon im Winterschlaf. Es bietet keine Herbst- oder Winterferien an.
 
Von einer Tessin-Kennerin habe ich erfahren, dass die Magadino-Seeseite „Pfnüselküste“ (Die Küste, wo man sich eine Erkältung holt) genannt werde, weil hier im Winter die Sonne lange Zeit zu tief stehe, um sie zu beleuchten und erwärmen. Dafür ist sie im Sommer wunderschön.

Samstag, 6. September 2008

SBB-Versprechen: „So leicht kommt Verlorenes zurück.“

Ich sah die SBB-Angestellte vom Schalter aus, als sie mit meinem gelben Rucksack durch den Korridor daher kam. Sie hob ihn in die Höhe, und ich konnte sofort zustimmen: „Ja, er sei es!“ Da waren wir erleichtert. Primo hatte ihn auf der Reise in der S-Bahn auf der Strecke Luino–Bellinzona liegen gelassen. Heute denke ich dazu: Der Sinn der Aufregung sei vielleicht dieser Beitrag im Blogatelier, damit viele Reisende über den neuen Fundservice der SBB informiert werden.
 
Der Schwiegersohn hatte sofort eine entschuldigende Erklärung. Primo hätte sich eben so sehr um seine kleine Tochter Nora gekümmert. Das habe ihn abgelenkt.
 
Primo trug an jenem Mittwoch den leichten Rucksack auf dem Spaziergang durch den Markt in Luino am Rücken, legte ihn dann für die Rückfahrt in der S-Bahn ins Gepäckfach über unseren Sitzen und plauderte spassend mit Mitreisenden. Die Enkelin Nora, deren Kinderwagen er während des Ausfluges chauffierte, war eingeschlafen, der Wagen gesichert. Er war frei und wie immer in Italien von diesem Land seiner Vorväter bewegt. Licht, Lebensweise, Kunst und Architektur beflügeln ihn hier mehr als anderswo. Und die Lebensfreude drückt sich dann in allerlei verbalen Spässen aus.
 
Unser Schwiegersohn hatte wohlweislich sein Auto schon in Maccagno abgestellt. In Luino darf am Markttag (jeden Mittwoch von 9 bis 16.30 Uhr) nicht mit freien Parkplätzen gerechnet werden. Wir fuhren deshalb die letzten beiden Streckenabschnitte mit der S3 und erreichten den international bekannten und für mich legendären Markt auf kurzem Weg vom Bahnhof her zu Fuss.
 
In Luino werden sowohl Textilien aller Art wie auch Lebensmittel-Spezialitäten und allerlei Haushaltartikel angeboten. Wir liessen uns treiben, kauften dies und das. Nicht wirklich Nötiges, aber Dinge, die uns an einen schönen Ausflug erinnern werden. Wir schleckten Gelati und hörten den indianischen Musikern zu. Wir beobachteten die Polizei, wie sie die Papiere der Musikanten prüfte. Die 6-jährige Mena hat diesen Auftritt ganz genau beobachtet. Die attraktiven Uniformen der Carabinieri imponierten ihr. Dann setzten wir uns wieder in die Bahn und fuhren dem tiefblauen Lago Maggiore entlang nach Maccagno zurück.
 
Kaum waren wir wieder beim Auto angelangt, bemerkten wir, dass der Rucksack fehlte, also alleine weiter reiste. Sofort begann ein Wettlauf nach ihm. Fahrt nach dem schweizerischen Magadino-Vira, wo wir den Verlust melden wollten. Der Bahnbeamte konnte uns verstehen, aber nur mühsam auf Deutsch antworten. Er schickte uns nach Bellinzona. Frauen und Kinder wurden in die Ferienwohnung zurückgefahren und die Männer reisten sofort dorthin.
 
Zu spät. Alle im Zug liegen gelassenen Gegenstände würden jeweils an der Endstation sofort eingesammelt und nach Bern weitergeleitet. Die Männer erhielten einen Prospekt mit der Internetadresse www.sbb.ch/fundservice und die Aufforderung, den Verlust dort anzumelden. Mehr konnte der Mann nicht für sie tun. Primo kam etwas zerknirscht nach Hause. Wir hatten nicht nur persönliche Dinge verloren, sondern auch eine wertvolle Jacke unserer Tochter und ebensolche von den Kindern. Von einer Sammelstelle in Bern und wie diese funktioniere, wussten wir in jenem Augenblick noch nichts. Die Abwicklung erschien uns umständlich.
 
Unserem Schwiegersohn, einem Sprachwissenschaftler, hatte aber das Gespräch am Schalter gefallen. Die Mischung von gutem Deutsch und italienischem Sprachklang.
 
Am Abend dann, als Ruhe ins Haus eingekehrt war, füllte unsere Tochter Felicitas das Computer-Formular aus. Wir beantworteten alle von den SBB gestellten Fragen und beschrieben die Gegenstände, die sich im Rucksack befanden. Wir konnten im SBB-Fahrplan im Internet auch die Zugs-Nummer ausfindig machen und korrekt bekanntgeben. Dann liessen wir das Suchformular los.
 
In der Nacht fiel mir ein, dass ich auf dem Markt doch noch 2 Küchenschürzen gekauft habe, die in unserer Verlust-Liste fehlten. Anderseits fand ich einen kleinen Küchenartikel in meiner Handtasche, den ich dem Rucksack-Inhalt zugeordnet hatte. Felicitas machte mich aufmerksam, dass das eingereichte Protokoll ergänzt werden dürfe. Ich war erleichtert, dass man mit etwas Aufregung rechnete und einen Nachtrag ermöglichte.
 
Kaum hatte sie diesen abgeschickt, bekamen wir die Antwort, es sei nicht mehr möglich, das Protokoll zu ändern, denn der verlorene Gegenstand sei bereits gefunden worden. Da freuten wir uns wieder und tauten auf.
 
Ich rief später noch die aufgeführte Telefon-Nummer an und erkundigte mich nach dem weiteren Vorgehen. Nach der Rückkehr nach Zürich würde ich in meinem Computer eine Bestätigung vorfinden, mit der ich den Rucksack im Bahnhof Altstetten auslösen könne.
 
Ich dankte und äusserte mich erfreut über die bisher unbekannte und für uns im ersten Moment undurchsichtige Abwicklungs-Methode. Die freundliche Sachbearbeiterin sagte: Eine solche Lösung habe sich aufgedrängt. Die SBB würden täglich Tausende von Fundgegenständen einsammeln. Unglaublich.
 
Primo hängte den Rucksack gleich wieder an seinen Rücken, nachdem er uns am Bahnschalter von Zürich-Altstetten ausgehändigt worden war. Auf der Heimfahrt mit den Velos wurde ich unruhig. Der Rucksack war nicht mehr prall gefüllt. Es schien etwas zu fehlen. Und so war es dann auch. In Luino kauften wir an einem Marktstand ein sehr grosses Stück Brot. Es wurden dort Brote von der rechteckigen Fläche eines normalen Küchentisches angeboten. Dieses Brot haben wir nicht mehr erhalten. Ich vermute, dass alle Lebensmittel rigoros aussortiert werden, um Fäulnis zu verhindern. Mit hartem Brot hätte ich zwar noch etwas anfangen können. Ein roher Fisch, Frischkäse, rohes Fleisch oder mit Vanillesauce gefüllte Gebäcke aber würden Probleme verursachen. Die Abwicklung also optimal.
 
Innert 5 Tagen hatten wir unseren Rucksack zurück erhalten. Unkosten Fr. 5.— für Inhaber eines Halbtaxabos. Ohne einen solchen Ausweis kostet die Aktion Fr. 10.—.
 
An jedem Bahnschalter liegen jetzt Flyers auf, die zusätzlich zu den beschriebenen Erfahrungen das neue „easyfind“–System der Bahn erläutern. Dieses wirkt vorbeugend, damit Verlorenes zurückkommt wie ein Bumerang. 
 
Jetzt habe ich nur noch eine Frage: Was machen ältere Leute ohne Computer, wenn sie etwas liegen gelassen haben? Können sie ihre Anfrage per Telefon aufgeben? Die Rail Service Nummer, die ich bekommen habe, lautet 0900 300 300 (CHF 1.19/Min). Mit ihr traf ich sofort ins Fund-Verarbeitungszentrum.

Samstag, 23. August 2008

Celeste befürchtet bei jedem Adieu, es sei nun das letzte

Ich treffe Celeste in versteinertem Zustand in ihrem Fauteuil sitzend an. Ich wurde nicht erwartet, darum schaut sie mich kritisch, beinahe grimmig an. Ihr Augenlicht hat nachgelassen. Es braucht eine gewisse Zeit, bis sie mich erkennen kann. Daran bin ich schon gewöhnt. Heute ist sie extrem grau im Gesicht, obwohl ihre Haut immer noch fleckenlos ist und dank einer Gesichtscreme weich und elastisch erscheint. Aber die Ausstrahlung ist dumpf. Es geht ihr wieder nicht gut. Heute Morgen sei sie wieder umgefallen. Nächsten Monat wird sie 92. Ein Arzt hatte ihr schon vor 20 Jahren prophezeiht, sie könne gut 100 Jahre alt werden. Darauf möchte sie gerne verzichten. Seit Jahren will sie sterben und hält das Heft doch immer noch in ihrer Hand. Sie steht jeden Tag um 5 Uhr auf, wäscht sich, pflegt sich, kleidet sich selbständig an. Sie lüftet auch das Bett aus und macht es noch vor dem Frühstück zurecht. Perfekt.
 
Von Tag zu Tag aber spürt sie, wie die Kräfte schwinden. Wenn sie deprimiert ist, fragt sie manchmal, warum er (Gott) sie nicht haben wolle? Diese Frage berührt mich immer. Celeste hat kein ausgeprägtes Selbstwertgefühl, aber ein Gen, das sie zum General befähigen würde.
 
Die Probleme häufen sich. Die Organe spielen nicht mehr unbekümmert miteinander. Es hapert an vielen Orten. Sie braucht viel Chemie, um Schmerzen und das Rumoren im Kopf zu ertragen. Zudem hört sie nicht mehr gut. Da sind Missverständnisse vorprogrammiert. Heute sagt sie zum Beispiel: „Meine Stimme ist verloren gegangen. Ich kann mich kaum mehr hören.“ Und vom Speisesaal, das sei das Krematorium. Alle würden nur noch lispeln und tuscheln. Man vernehme keinen Laut.
 
In Wahrheit hört sie bald gar nichts mehr. Ich kann schon lange nicht mehr mit ihr telefonieren. Sie antwortet auf keine Frage, hört sie gar nicht. Telefonkontakt funktioniert nur noch, wenn sie anruft und ein Ja oder ein Nein zu einer Problemlösung haben will.
 
Heute wollte ich ihr erzählen, dass ich nächste Woche in den Ferien sei. Vorsichtshalber habe ich dazu einen Brief verfasst und ihn in grosser Schrift ausgedruckt. Das ist jetzt die uns verbliebene Kommunikationsform, wenn etwas ganz Neues auf sie zukommen soll. Auch wenn ich neben ihr sitze und schlichte Sätze ins Umfeld ihres linken Ohrs spreche, kann ich nicht mehr damit rechnen, dass sie alles erfasst.
 
Stelle ich eine Frage und versteht sie diese nicht, spürt sie der Sache angestrengt nach und erzählt dann einfach etwas, was im besten Fall einen Teilbereich anspricht. Ihre Antworten sind aber meistens daneben. Ich spüre, sie will nicht aufgeben und mir den Eindruck vermitteln, sie sei noch da und zu einem Gespräch fähig.
 
Als sie die ersten Sätze in meinen mitgebrachten Brief liest, zuckt sie zusammen. Ich erwartete schon einen Aufschrei, aber er blieb aus. Tapfer sagt sie dann: „Ihr habt Recht, dass ihr Euch ein paar schöne Tage gönnt.“ Mich betrachtend, stellt sie fest, meine Haare seien grau geworden. Ich hätte viel geleistet und viel getragen. „Ja, Ferien werden dir gut tun.“
 
Da staune ich. Das ist neu. Früher hätte sie meiner Familie gerne verboten, in die Ferien zu reisen. Sie konnte jammern, wenn ein Abschied bevorstand. Ganz südländische Schauspielerin. Da hiess es dann im Befehlston: „Komm wieder zurück. Ich brauche dich!“ Diesen Satz hörte ich jahrzehntelang mindestens einmal pro Jahr. Er gehörte zu jeder Geburtstagstorte, die sie mir schenkte. „Ich brauche dich noch.“
 
Erst als ich diese Anklammerung nicht mehr als eine Last empfand und einmal beim Abschied sagte: „Ich weiss, dass du auf mich wartest, bevor du dich zum Sterben hinlegst“, atmete sie auf, lachte herzlich, obwohl sie sich ertappt fühlte oder gerade deshalb. Und diese Zuversicht, die sich damals ergab, hat sich offensichtlich erhalten. Dem Humor sei Dank.

Sonntag, 10. August 2008

Die Faszination Gewitter ist oft auch von der Angst begleitet

Ich staune immer wieder, wie mir die Gefühlswelt ihre Erfahrungen aufzeigen kann.
 
In den ersten Tagen hier am neuen Wohnort in Zürich-Altstetten wurde ich früh morgens von Blitzen geweckt und von einem wuchtigen Donner erschreckt. Es war ungewöhnlich für mich, und ich begriff sofort, dass das Haus, in dem ich jetzt lebe, ganz andere Eigenschaften besitzt. Das Bernoulli-Reihenhaus fing einen Donnerknall schwingend auf. Das wusste ich aber erst in diesem Moment, weil es sich am neuen Ort wie ein Erdbeben anfühlte. Die ganze Schwere der Betonmasse grollte, bewegte sich nur leicht hin und her. Es war etwas Dumpfes dabei, und ich sah vor den inneren Augen einen unendlich starren Block.
 
Wochen später bescherte uns ein aussergewöhnliches Gewitter wieder ganz andere Erfahrungen.
 
Es war Ende Mai 2008. Bei Sonnenuntergang baute sich das Gewitter auf. Ich sass in der Stube und schaute durch einen angrenzenden Raum zum Himmel. Dort zuckte es unaufhörlich. Primo beobachtete das Schauspiel anfänglich vom Balkon aus. Ich schaltete alle möglichen elektrischen Anschlüsse aus, und wir kamen überein, auch das Licht zu löschen, um alle Facetten des aufziehenden Natur-Schauspiels einzufangen.
 
In diesem Halbdunkel sahen wir die Zuckungen des Gewitters. Lichtfäden leuchteten nicht nur am Himmel auf. Sie schossen auch durch unsere Stube. Von Norden nach Süden verlaufend. Der dazugehörige grollende Donner, den wir wie den Lärm startender Flugzeuge wahrnahmen, dauerte eine ganze Stunde an. Aber nie folgte diesem Brummen der erlösende Knall.
 
Dann begann es zu regnen. Der Wind peitschte eine Wasserwand wellenartig an der Balkonfront vorbei. Es goss in Strömen. In der Toilette rumorte das Meteorwasser. Es windete und stürmte. Wir liessen die Rolläden herunter und verharrten, schon etwas besorgt, im Dunkeln.
 
Als es ruhiger wurde, öffneten wir die Fenster wieder und sogen die entspannte und gereinigte Luft ein. Es hatte eine Verwandlung stattgefunden. Wir atmeten auf. Den Blitzen gleich, verflüchtigten sich unsere bangen Gefühle. Nun war der Himmel Richtung Osten in ein türkisfarbenes Blau getaucht. Wunderschön klar. Richtung Schlieren allerdings war noch bedrohliches Grau auszumachen.
 
Ein solches Gewitter hatten wir beide noch nie erlebt. Seither messe ich alle nachkommenden an diesem grandiosen, aber auch Angst machenden Energiespektakel.
 
Jetzt bin ich gespannt, wie und wann sich meine Gefühlswelt in ähnlicher Situation wieder meldet und mir das beschriebene Erlebnis als Vergleich darstellt.

Mittwoch, 6. August 2008

Liebenswürdige Feier für liebenswürdige Persönlichkeit

Die Schulanlage Chriesiweg (Chriesi ist der Dialektausdruck für Kirschen) in CH-8048 Zürich habe ich immer nur flüchtig angeschaut, obwohl sie zu meinem nächsten Umfeld gehört. Wohl bewunderte ich die vielen, locker verstreuten alten Bäume, aber eine Beziehung zu diesem Areal hatte sich noch nicht ergeben. Bis zum 4. Juli 2008. Da gehörte ich plötzlich dazu.
 
An diesem Morgen wollte ich am Suteracher einkaufen. Ich stieg aufs Velo, fuhr los und hielt gleich wieder an, sah sofort, dass hier Feierlichkeiten anstehen. Ein roter Teppich war ausgelegt, viele Meter lang und seitlich mit Steinen befestigt. Ich lehnte mein Rad an einen Baumstamm und staunte wie ein Kind durch das hohe Gitter, das die Schulanlage abschirmt. Entlang dem Teppich standen Musikerinnen mit ihren Instrumenten, ein ganzes Orchester. Eine Frau filmte die erwartungsvolle Stimmung. Ich solle doch hereinkommen, sagte sie unter dem Eingangstor, dann könne ich alles mitverfolgen. Sie würden eine Handarbeitslehrerin in die Pension verabschieden.
 
Ich folgte der Einladung gern, stellte mich hinter die grosse Schar von Schülerinnen und Schülern aus der Unterstufe. Ich habe sie nicht gezählt, vermute, dass es etwa 200 Kinder waren, die im Halbrund am Boden sassen.
 
Eine freundliche Frau hiess mich willkommen und gab sich als die Ehefrau eines Lehrers zu erkennen. Sie rapportierte mir alle Einzelheiten. Man erwarte jetzt eine Pferdekutsche. Die Jubilarin und eine sie begleitende Freundin seien in Albisrieden abgeholt worden und würden in den nächsten Minuten hier eintreffen. Und so geschah es. Als das Pferd sichtbar wurde, tönte es im Sprechchor: „Frau Müller, Frau Müller, Frau Müller!“ Für sie war ein Thron vorbereitet, und ein dazu passender Stuhl stand auch für ihre Begleiterin bereit.
 
Die Damen (alles Lehrpersonen), die das Orchester darstellten, begaben sich dann unter die Eichen und suggerierten uns eine Opernpartie, die ab Band gespielt wurde. Ein Lehrer mimte den Sänger, ein zweiter den Dirigenten. Wenn der Sänger sentimentale Partien mit emotionalen Gesten unterstrich, lachten die Kinder. Und am Schluss riefen sie: „Zugabe, Zugabe, Zugabe!“
 
Frau Müller, eine grosse Opernfreundin, wurde mit einem prächtigen Blumenstrauss geehrt. Der „Sänger“ überreichte ihr diesen mit einem Autogramm ihres realen Lieblingssängers. An alles wurde gedacht. Jedes kleinste Detail war getreu und liebenswürdig nachgezeichnet. Auch ich als Aussenstehende spürte, dass Frau Müller eine aussergewöhnlich beliebte und geschätzte Persönlichkeit sein muss.
 
In Altstetten bin ich schon mancher Freundlichkeit begegnet, doch diese Feier im Chriesi-Schulareal ist wohl kaum mehr zu übertreffen.

Freitag, 1. August 2008

Ganz unverhofft durfte ich die Maismutter kennen lernen

Die Geschichte vom „Geheimnis der Maismutter“ hat mich bestimmt schon vor 17 Jahren berührt, sonst hätte ich den Text aus dem „Brückenbauer“ vom 25.09.1991 nicht aufbewahrt. Er ruhte im grossen Märchenbuch, das ich kürzlich hervorholte. Als ich es öffnete, fiel die „Junior“-Seite dieser Zeitung gleich zu Boden und machte mich neugierig.
 
Es handelt sich um eine Geschichte aus der indianischen Mythologie. Sie spielt in einer Zeit des Hungers, als Nahrung mühsam gesucht werden musste.

Sie ist mir zum richtigen Zeitpunkt zugefallen. Ich beobachte doch seit ein paar Wochen, wie sich das Maisfeld auf dem Weg zum Pestalozzi-Hof entwickelt. Mittlerweile sind mir die Pflanzen schon über den Kopf gewachsen und bilden eine Front zur Strasse hin. Da schaue ich dann in ihre Räume und den inneren Wegen entlang.
 
Als ich die Geschichte gelesen hatte, waren die Maispflanzen noch nicht so weit entwickelt, dass ich die Ansätze der Kolben und die Haarbüschel hätte finden können. Ich suchte täglich nach ihnen und freute mich riesig, als ich sie endlich fand.
*
Nun will ich das Märchen nacherzählen: Da soll eines Abends eine armselige Alte mit weissen Haaren in einem Lager angekommen sein. Sie war niemandem bekannt und wurde kaltherzig abgewiesen. „Verschwinde!“ hiess es. „Hier ist kein Platz für dich.“ Auch in anderen Siedlungen war sie unerwünscht. Man jagte sie unwirsch davon. Erst bei den sehr armen und bedürftigen Menschen des Alligator-Clans wurde sie freundlich aufgenommen. Sie durfte ausruhen, sich stärken und neben dem Feuer schlafen.
 
Anderntags gingen die Männer des Clans auf die Jagd, und die Frauen suchten nach Beeren und Wurzeln. Die Alte betreute in dieser Zeit die Kinder und kochte für sie. Einer der Knaben konnte die köstliche Speise, die sie ihnen vorsetzte, nie mehr vergessen, auch als die Alte nach einer gewissen Zeit so geheimnisvoll verschwand, wie sie vorher erschienen war. Eine Zeit lang suchten Männer und Frauen noch intensiv nach dieser geheimnisvollen Nahrung. Sie fanden aber nicht die geringste Spur. Darum wurde sie wieder vergessen.
 
Nach Jahren, als aus dem Knaben ein Krieger geworden war, machte er sich auf die Suche nach der Alten, die bei ihnen eingekehrt war. Als einziger hatte er sie nie vergessen. Obwohl er nicht wusste, dass es die Maismutter selbst war, die in armseliger Gestalt auf die Welt gekommen war, suchte er unentwegt nach ihr. Und eines Tages erschien sie ihm, um ihn den Maisanbau zu lehren.
 
„Brenne das Gras ab, bis nur noch die Asche übrig bleibt. Dann nimm mich bei den Haaren und schleife mich kreuz und quer über die verbrannte Erde!“ befahl sie. Sie prophezeite, dass danach neues Gras aus dem Boden spriessen und er zwischen deren Blättern ihr Haar finden werde.
 
Sofort machte er sich an die Arbeit. Er schleifte die Alte über die ganze Lichtung. Überall, wo sie die Erde berührt hatte, wuchs bald das seltsame Gras. Es wurde so hoch, dass es ihn überragte. Und zwischen den Blättern sah er tatsächlich Büschel von weissen Haaren. Er konnte ihr offenbar gar nicht danken, denn es heisst, als er die vorgeschriebene Arbeit getan hätte, sei die Frau aus seinen Händen entschwunden.
Seitdem ich diese Geschichte kenne, ist das Maisfeld für mich beseelt. Ehrfürchtig stehe ich jetzt da und betrachte die Veränderungen, die täglich zu beobachten sind.
 
Im Text von der Maismutter wird von weissen Haaren geredet. „Meine“ Maispflanzen tragen entweder leicht grünliche Haare, entsprechend der Farbe des Stengels, viele aber rote Haare. Im Anfangsstadium waren sie so rot, wie natürlich rote Menschenhaare. Jetzt sind sie bereits dunkelrot. Ob die grünlichen auch rot werden, weiss ich noch nicht.
 
Als ich die ersten Haarbüschel entdeckte, waren sie alle noch jung und zart und zwischen Stengel und Blatt geborgen. Wie junge Liebe, empfand ich dieses Stadium.
 
Die Pflanzen halten sich mit starken Krallen, Fingern oder Zehen ähnlich. Nicht wie die üblichen Wurzeln, bleiben sie oberhalb der Erde und sorgen für das Gleichgewicht. Ungewöhnlich schön ist ihr Auftritt. Ganz nahe am Stengel weisen diese Halterungen einen oder zwei dunkelrote Farbkränze auf.
 
Wenn ich in die Räume dieses Pflanzenwaldes schaue und dort die Haarbüschel finde, wirken sie auf mich wie Figuren eines Puppentheaters. Könnte ich doch ihre Sprache verstehen!
 
Gerne wüsste ich dann von ihnen oder noch besser von der Maismutter selbst, wie sie den gentechnisch veränderten Mais erlebt. Wurde sie durch deren Eingriffe amputiert? Kann sie überhaupt noch zu uns sprechen? Besitzen Menschen, die den Pflanzen solche Eingriffe verpassen, keine Ehrfurcht vor dem Leben? Ich befürchte es.

Montag, 21. Juli 2008

Nacht am Stadtrand: Seltsame Schreie, die mich verwirrten

Es war etwas nach 3 Uhr in der Morgenfrühe, als ich erwachte. Schrille Laute hatten mich geweckt. Schreie eines Tieres? Sofort dachte ich an den Fuchs, den ich vor wenigen Wochen, ebenfalls in der Nacht, erspäht hatte.
 
Wenn ich auf der Bettkante sitze, sehe ich auf die Grünfläche hinaus, von der ich in einem früheren Beitrag einmal vom Flugplatz für die Rabenkrähen und Elstern berichtet habe. Hier kam er durch, schritt lautlos am gegenüberliegenden Haus vorbei, seinem Instinkt folgend.
 
Wie alle Häuser der Umgebung, wird auch das unsere vom Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang beleuchtet, ist also beschützt. Bekanntlich haben sich die Füchse daran gewöhnt und betrachten die Wohngebiete an den Stadträndern ganz selbstverständlich auch als ihr Revier. Und vor dem Licht scheinen sie sich nicht zu fürchten.
 
Ich schaue hier gern ins leicht beleuchtete Dunkel hinaus, auch wegen der Bäume und des Winds. In der besagten Nacht aber bewegte sich nichts. Weder die Blätter der alten Hagebuche noch die portugiesische Flagge am gegenüberliegenden Balkon. Alles schien zu schlafen.
 
Und doch schrie eine mir unbekannte Kreatur. War sie in Not? Der Fuchs vielleicht? Wie hören sich überhaupt seine Schreie an? Keine Ahnung. Ich stand auf, schaute in der Küche und am Essplatz durch die Fenster. Nichts, gar nichts bewegte sich. Auch in der Stube und im Balkonbereich wurde ich nicht fündig. Im Korridor, nahe meinem Büro, dröhnten die Schreie extrem schrill. Ich war ratlos.
 
Dann ging ich ins offene Schlafzimmer zurück und fand des Rätsels Lösung. Es war Primo, der auf seltsame Art schnarchte. Noch nie gehört. Seine Atemzüge waren gekraust. Und die neue Wohnung, immer noch ein Hohlkörper mit viel zu grosser Resonanz, vervielfachte seine Atemgeräusche und verwandelte sie in Schreie. Ich schaute eine Weile zu. Dann bewegte er sich, ohne zu erwachen. Und sofort war das verwirrende Spiel aus.
 
Eine eindrückliche Lektion. Wir müssen uns um Materialien kümmern, die den Schall schlucken. Grundsätzlich mögen wir schlichte Räume, Fenster ohne Vorhänge, Böden ohne Teppiche. Jetzt wurden wir eines Besseren belehrt. Die Kreativität ist gefordert. Wie sie uns führt, weiss ich im Augenblick noch nicht. Aber wohin sie uns führen soll, das steht fest. Wir wollen uns nicht weiter von vermeintlichen Tieren narren lassen.