Samstag, 21. August 2010

Kunstschaffende beleben das Zeughaus Gelterkinden BL

Radio DRS 2 informierte über die Ausstellung. Das Gespräch mit der Projektleiterin Ursula Pfister weckte sofort mein Interesse. Sie erzählte von ihren Eindrücken, als sie das Zeughaus erstmals besuchen durfte und dass sofort der Wunsch entstand, dieses Gebäude mit seiner Geschichte auf neue Art zu beleben.
 
Sie erzählte vom fettigen Raumgeruch, der ihr da entgegenkam, und da war ich diesem Ort sofort nahe, obwohl ich bis dahin nie einen militärischen Raum betreten habe.
 
Die Militärwelt war für mich in den 60er- und 70er-Jahren, als mein Ehemann die befohlenen WKs (Wiederholungskurse) absolvierte, eine Parallelwelt. Hatte ich mich von ihm verabschiedet, verschwand er in mir unbekannte Gefilde. Noch heute sehe ich eine Art Nebel vor mir, wenn ich zurückdenke. Bekam ich Post von ihm, trugen die Umschläge immer nur denselben Stempel seiner Kompanie. Die Militärpost nannte sich Feldpost. Und da gab es keine Hinweise auf Ortschaften, die ich auf einer Karte hätte ausfindig machen können. Selbst wenn im Brief dann die Region genannt wurde, wo er sich befand, fehlte mir der offizielle Ortsstempel.
 
Und jetzt durfte ich ein zweckentfremdetes Militärgebäude betreten.
 
Ich fand nicht die leiseste Geruchsspur von Gewehrfett, die ich sofort erkannt hätte. Sie war jeweils Hauptbestandteil der Aura, die Primo um sich trug, wenn er heimkehrte. Sie war gemischt mit Schweiss und der unverkennbaren Note der Wundsalbe Unguentolan, die auch heute noch mit naturbelassenem Lebertran hergestellt wird.
 
Primo war anfänglich nicht begeistert, jetzt einer Einladung zum Besuch eines Militärtempels zu folgen; aber er kam mit, und es lohnte sich. Die Vergangenheit ist das Eine, das heutige Leben und Schaffen das Andere. Ursula Pfister sagte schon im Radio-Interview, dass sie den ursprünglich miefigen Geruch jetzt nicht mehr wahrnehme. Ja, er hat sich davongemacht. Die Räume wurden seit dem Frühjahr 2010 begangen, belebt, mit neuer Energie aufgeladen und sie wurden belüftet. Hier arbeiteten in den letzten Monaten jene Künstlerinnen und Künstler, die ihre Arbeiten jetzt zeigen.
 
23 Kunstschaffende haben sich mit diesem Haus auseinandergesetzt und Werke geschaffen, die mit seiner ursprünglichen Bestimmung etwas zu tun haben. Und die Bevölkerung wurde eingeladen, ihnen beim Arbeiten über die Schulter zu schauen und mitzuerleben, wie sich das Zeughaus zum offenen Atelier wandelte.
 
Und die Militärmusik der Rekrutenschule 16-1 aus Aarau beehrte Gelterkinden im Juni 2010 mit einem Konzert.

Die aus Holzlatten geschaffenen Räume und Abteilungen, einst für die Lagerung von Waffen, Ausrüstung und Werkzeugen bestimmt, ergaben geeignete Ateliers und Ausstellungsbezirke. Begrenzte Abteile mit Durchsicht zum Nachbarn, wie wir sie als Winde (im Estrich) in den Mehrfamilienhäusern auch kennen.
 
Um all die Zeughaus-Gegenstände zu lagern, verfügte dieses Haus über viele Lattenroste, die jetzt mit anderer Bestimmung wieder eingesetzt worden sind. Sie befinden sich zuoberst im Dachraum z. B., schräg angeordnet an die Wand platziert, zu einem begehbaren Korridor gestaltet, der die Ausstellungsbesucher zu einer Art Heiligtum hinführt. Zu einem Tor mit innerem Licht. Verherrlichung von wem oder was?
 
Ebenfalls auf der obersten Etage zogen mich farbige Oberlichter an. Glasfenster mit Gedanken zum Thema Krieg. Da las ich:
 
Man hofft, solange man atmet.
 
Fast jeder Überlebende hat einen Zufall gehabt, der ihn überleben liess.
 
Man sieht immer nur, was man sehen will.
 
Es war geistig eine tote Zeit.
 
Die Zeit dehnt sich in Unendlichkeit.
 
In der mittleren Etage konnten Räume, die allein mit durchsichtigen Klebebändern umgestaltet worden sind, durchschritten werden. Auch da war der Weg diktiert, jedoch mit der Möglichkeit, ihn zu verlassen. Und in der Ansicht von vorn vermittelte diese Installation das Dahinterliegende in vielfältigen Schichten.
 
Ganz unten, im Erdgeschoss nochmals viel Holz, knorriges Holz, aufgepflanzte Äste und Stöcke, denen der Wildwuchs gelassen, ihnen aber auch schöne Motive eingeschnitzt worden sind. Es gab da auch die gängigen Gehstöcke des Bergsteigers von einst.
 
Sinnbild all der knorrigen Soldaten und Originale und jenen, die es zu besonderem Ansehen und begehrten Dekorationen schafften?
 
Auch die Soldatensprache wurde thematisiert. 71 Begriffe werden in der Ausstellung genannt, von denen ich einige kannte.
 
Beispiele, die gut verständlich sind:
 
bürsten = schikanieren, z. B. die Rekruten bürsten.
 
Bundesziegel = Biskuits. Solche brachte mir Primo jeweils nach Hause.
                              
Fahnentürgg = Prozedere rund um die Fahnenübernahme und –abgabe; Vorbeimarsch, Aufmarsch, Ansprache, Abspielen der Nationalhymne.
 
Grabstein = Erkennungsmarke, die der Soldat auf sich trug.
 
Mami = Feldweibel.
 
Seeletürgg = Feldgottesdienst.
 
Wolf = Hautreizung im Beinbereich (Oberschenkel) aufgrund langer Märsche.
 
Und das uns ansprechendste Wort fanden wir auf einem Stempel, der als Kunstobjekt angeboten wird. Verstanden lautet seine Botschaft. (Den Befehl verstanden.) Humorvoll. Die Idee hat uns gefallen. Ja, wir haben verstanden.
 
Zuerst dachte ich, die Rauminstallationen hätten mich am meisten beeindruckt. Jetzt aber, 2 Tage später, erscheint mir der ca. 2 x 3 m grosse Papier-Scherenschnitt vor den inneren Augen, und ich weiss, dass es für mich und nach Rückfrage auch für Primo das wertvollste Stück der ganzen Ausstellung ist.
 
Eine unglaublich subtile Arbeit, ein Blättergebilde eines Laubbaums, gigantisch in seiner Grösse. In einem mit textilem Schrägband eingefassten Rahmen und daran aufgehängt. Leicht fallend. Und atmend. Es wird auf die Luftfeuchtigkeit reagieren. Es ist lebendig. Es wird wohl das Leben darstellen. Das verletzliche Leben, das geschützt werden muss. Mit oder ohne Militär. Ein Werk ohne Worte, aber mit grosser Wirkung.
 
Primos Interpretation dazu: Anstoss für diesen Scherenschnitt könnte das militärische Tarnnetz gewesen sein. Auch andere Übersetzungen von eingelagerten Materialien sind ihm aufgefallen. „Kraftvolle Übersetzungen“ nannte er sie.
*
 
Hinweis
Die Ausstellung, die mehr darstellt als von mir beschrieben, dauert bis 17. September 2010. 
Alle Information dazu unter www.mobilmachen.ch

Sonntag, 8. August 2010

Postkarten, Briefe aus den Ferien. Umgang mit der Post

Jetzt trifft wieder Ferienpost ein. Heute aus der Bretagne, gestern aus Stralsund und etwas weiter zurück aus Sidney, Prag und aus Appenzell.
 
Ich freue mich immer über sichtbar gewordene Gedanken. Es heisst da manchmal, dieser Ort würde mir gefallen oder es wäre schön, wenn ich auch mitgereist wäre. Was immer auch das Motiv ist, dass Karten verschickt werden: Diese Tradition gefällt mir.
 
Die eingegangenen Karten sind farbig. Der Himmel meist blau, und wo er bewölkt ist, sind imposante Wolkenformationen dargestellt. Aus Prag erreichten mich letzte Sonnenstrahlen vor dem Sonnenuntergang. Da ist die Stadt in ein goldenes Licht getaucht.
 
Das Blau, von dem ich sprach, muss auch anderen gefallen. Sonst würde es nicht so oft dargestellt. In den meisten Fällen wird es nicht exakt den Augenblick eines Himmelbildes darstellen, sondern den Farbentscheid eines Druckers, der den Wunsch einer Tourismusbehörde umsetzt.
 
Der Himmel über Sydney entspricht exakt meiner Wahrnehmung in Norwegen. Ich nenne es Trondheim-Blau. Dort sprach es mich an und nahm mich in seinen Bann. Ich kann es nicht mehr vergessen. Hier gibt es dieses Blau selten, am ehesten nach dem ersten Herbsteinbruch, wenn die Sonne nicht mehr so hoch am Himmel steht. Dieses Blau wirkt kühl, aber nicht kalt. Es strahlt Frische aus, die zur Klarheit gehört.
 
Ich freue mich, dass es diese Post noch gibt, die auch handschriftlich angeschriebene Briefe und Karten zustellt. Aus der eigenen Erfahrung als Aushilfspöstlerin weiss ich, dass gerade diese Post ein emotionales Gewicht hat, die eine Verträgerin spürt. Auch wenn die Grüsse und Texte nicht gelesen wurden, konnte ich ahnen, dass sie Freude bereiten. Und ich trug sie vor allem gern aus.
 
In letzter Zeit hat meine Liebe zur Post gelitten. Die Tarifanpassung für die Auslandbriefe Europa per 01.04.2010 (bis dahin Fr. 1.30, neu Fr. 1.40) ging an mir vorbei, ebenso letztes Jahr die Reduktion für A4-Briefe in der Schweiz. Es ärgerte mich, dass ich mangels Informationen Fehler machen musste. Es sah so aus, dass nur noch die Grosskunden interessant seien. Nun ist das Rätsel aber gelöst. Der Kleber „Stopp! Bitte keine Reklame“, der in unserem Haus an allen Briefkästen angebracht ist, verhinderte die Zustellung eines neuen Tarifblattes. Da ich ihn nicht selbst platzierte – er war schon da, als wir hier einzogen ­– habe ich mich mit diesem Thema gar nicht befasst. Trotzdem, von der Post hätte ich nicht erwartet, dass sie ihre Tarifmitteilungen als simple Reklame einstuft. Gut. Ich bin jetzt informiert und richte mich danach. Ich habe meine Haltung geändert. Ich warte nicht mehr, dass man mich informiere. Ich will mich von Zeit zu Zeit selber erkundigen, ob sich etwas geändert hat. Und da habe ich gleich eine interessante Beobachtung gemacht. Schon beim nächsten Besuch in der Post fiel mir der Ständer im Eingangsbereich mit vielen Informationen zu allen Dienstleistungen auf. Diese habe ich bisher übergangen, habe alle Schriften als Reklame betrachtet und dort keine Tarifinformation erwartet. Sie wäre aber bereitgelegen.
 
Die ganze Geschichte hat sicher auch mit meinem Alter zu tun. Ich habe ungefähr 55 Jahre lang erfahren, dass mich die Post immer informierte, wenn sie an ihren Tarifen etwas änderte.
 
Wer über 60 Jahre alt ist, muss sich mehr und mehr nicht nur von Menschen, sondern immer auch von Institutionen, Organisationsformen, Gewohnheiten, Sicherheiten usw. verabschieden. Ob es uns passt oder nicht.

Montag, 26. Juli 2010

„Poisson rouge“: Der rote Fisch ist Liebling vieler Kinder

Die handschriftliche doppelte RUF-Buchhaltung, wie ich sie vor mehr als 50 Jahren in der Handelsschule des Kaufmännischen Vereins Zürich erlernte, führe ich immer noch im gleichen Stil für unseren Handwerksbetrieb. Der Computer konnte sie offensichtlich auch andernorts noch nicht vollkommen verdrängen. Bis jetzt habe ich jedenfalls die dafür erforderlichen Formulare immer noch kaufen können. Und die Art der Buchhaltung entspricht mir sehr.
 
Als die 4-jährige Nora bei uns in den Sommerferien weilte, zeigte ich ihr die Grundplatte dieser Einrichtung und den Mechanismus dazu. Und wie mir ihre Mama (Felicitas), als sie selbst noch ein kleines Kind war, beim Buchen half. Ich spannte das Journal ein, legte das Pauspapier darüber und fixierte dieses gemeinsam mit der dafür vorhandenen Klemmvorrichtung. Die darüber eingerichtete bewegliche Leiste wird für die Konti gebraucht. Sie hält dieses für die einzelnen Buchungen fest. Nach jeder gebuchten Zeile wird der Zeiger, der auf die nächste freie Zeile verweisen muss, um 1 Schaltung verschoben. Das war damals Felicitas Aufgabe. So arbeiteten wir. Ich erfasste Eingänge und Ausgänge unseres Geschäftes handschriftlich, und Felicitas sorgte dafür, dass ich immer auf der nächstfreien Linie weiterarbeiten konnte. Sie stand neben mir. Wenn der Zeiger geschoben wurde, ertönte leise ein mechanisches Geräusch. Dieses wollte Felicitas jetzt gerne wieder einmal hören. Ich sah es ihr an, dass es sie berührte und dass wir zusammen in eine längst vergangene Zeit zurückschauten. Wir beide konnten uns an dieses stille und konzentrierte Arbeiten erinnern. Wir fanden unsere Zusammenarbeit immer noch schön.
 
Nora war aber besonders darüber erstaunt, dass das, was wir soeben auf dem oben aufliegenden Kontoblatt geschrieben und gezeichnet hatten, unten auf dem Journal exakt abgebildet wieder zum Vorschein kam. Das Pauspapier ist eben aus der Mode gekommen und Kindern von heute gar nicht bekannt.
 
Noch am selben Tag schaltete mir Felicitas die Webseite www.poissonrouge.com auf, damit mir Nora eines ihrer Lieblingsspiele am Computer zeigen konnte. Was für ein Unterschied zur stillen Handhabung der RUF-Buchhaltung mit seinen bescheidenen Manövrierungsmöglichkeiten!
 
Die Kinder von heute sind in ganz anderer Position am Drücker. Sie sausen durch die vielen Schichten der Angebote, tauschen Farben aus, komponieren kleine Sequenzen von Musik, fangen herumschwirrende Käfer und Bienen, klicken an einem Apfel, der gegessen und immer kleiner wird und hören, wie der Magen mit einem Rülpser reagiert. Sie schauen in ein Liederheft, wo sich Bilder bewegen und rechts davon die Texte zu lesen sind. Und sie hören, wie Kinder, die offenbar im Computer wohnen, diese singen.
 
Fantastisch!
 
In einem anderen Bereich können Gegenstände angetippt werden. Ihre Namen erscheinen dann auf einer schwarzen Wandtafel. Vögel singen und die Kinder am Drücker können diese nach eigenem Willen anders einfärben. Dann gibt es da einen Bereich jener Illusionsbilder, die das Auge kippen kann. Oder geometrische Körper, die sich bewegen. Und vieles, vieles mehr.
 
Ich sah, wie Nora ein Bild bearbeitete, auf dem ein papierener Kreis zerrissen dalag. 3 Teile. Sie konnte diese wieder zu einem Ganzen zusammenfügen. Und sie ist doch erst 4-jährig.
 
Es scheint alles möglich. Die Kinder gestalten die Welt. Vieles, was ich hier gefunden habe, hat mir gefallen. Es fehlt mir aber die Darstellung der Ehrfurcht vor dem Leben. Was ist da zu erwarten, wenn die Kinder, einmal erwachsen geworden, ganz selbstverständlich daraufhin arbeiten, den Wald blau einzufärben, singenden Kindern die Hautfarbe zu ändern und alles was kreucht und fleucht wegzusperren?
 
Trotzdem: Diese Webseite hat etwas Faszinierendes.

Donnerstag, 22. Juli 2010

Sommerschwüle, Gewitter, Überraschung im Gästebett

Unsere Gäste aus Paris sind heimgereist. Die Wohnung ist wieder in ihren Urzustand zurückgeführt. Die Bettwäsche ist gewaschen. Der Bettüberwurf aus Manchesterstoff liegt da wie immer. Es ist ihm nicht mehr anzusehen, dass er in jenes Gewitter hineingezogen worden ist, das viele Orte überschwemmt hat.
 
Vorausgegangen war ein Tag voller Sommerschwüle. Am Abend entschlossen wir uns, noch einen Spaziergang zu machen. Unsere Tochter Felicitas, die Enkelin Nora, Primo und ich. Wie üblich nach Schlierenberg. Dort oben treffen wir mehrheitlich auf angenehmere Temperaturen und erfrischenden Wind. So auch diesmal.
 
Aber vorher hatten wir noch eine überraschende Begegnung. Seit ein paar Monaten beobachten wir im Umfeld des Dunkelhölzlis ein ungefähr 30 Aren grosses neu eingerichtetes Gartenareal. Es ist die Gemüse-Anbaugemeinschaft „Pflanzplatz Dunkelhölzli", die hier gemeinschaftlich unter fachkundiger Anleitung und nach biologischen Richtlinien gärtnert.
 
An dieser Stelle beginnt die letzte Steigung für Schlierenberg. Hier tritt man aus den Wohnbaugebieten heraus. Für mich immer ein befreiender Moment, wenn sich nur noch Felder und Waldrand präsentieren und noch weiter oben dann die Sicht aufs Limmattal frei wird.
 
Diesmal blieb mein Blick an einer wunderschönen Frauenfigur hängen. Als Vogelscheuche wachte sie über den neu angelegten Pflanzplatz. Allgemein sind Vogelscheuchen simple Holzgestelle, bekleidet mit alten Hemden oder Blusen und Hüten. Ihr Kleid aber war ein mit orientalischen Ornamenten bestickter Mantel. Ihr langes, rotes Haar flatterte. Sie gab den Eindruck einer lebenden Person.
 
Ich stellte mich neben sie, streckte die Arme auch seitlich aus. Als Vogelscheuche Modell Nummer 2. Meine Familie konnte sich aber nicht für mich begeistern. Die geheimnisvolle Schönheit neben mir war einmalig. Wir bedauerten, dass wir keinen Fotoapparat bei uns hatten.
 
Wir gingen weiter. Keine 10 Minuten später überraschte uns ein giftiger Wind. Hier oben ist es immer kälter als im Tal, aber an diesem Abend war der Unterschied markant. Wir entschlossen uns, die Wanderung sofort abzubrechen und schnurstracks heimzugehen. In kurzer Zeit hatte der Himmel seine Farbe gewechselt. Er grollte und das schwere Grau erschreckte uns. Dass es hier nichts mehr zu spassen gab, zeigte uns auf dem Rückweg ein schwarzes, wirr zusammengedrücktes Stoffbündel am Querbalken des Vogelscheuche-Skeletts. Der Wind hatte die Schönheit umgebracht. Das, was von ihr übrig blieb, erinnerte vage an den Kadaver eines grossen, schwarzen Vogels. Jetzt wirbelte der Wind viel Staub aus den durchsonnten Kornfeldern über unseren Weg und auch in unsere Augen.
 
Dann eilte ich voraus, hatte Bedenken, die offenen Fenster unserer Wohnung seien vielleicht zu wenig gesichert. Das traf dann nicht zu. Tochter, Enkelin und Ehemann kamen hinterher, aber auch noch rechtzeitig, ohne nass zu werden.
 
Den Durchzug hob ich auf, öffnete aber in jedem Zimmer das Hauptfenster, um die frische Luft einzulassen und schloss jede Tür.
 
Dann setzte der Regen ein. In der Ferne zuckten Blitze. Und es donnerte. In unserem behaglichen Zuhause fühlten wir uns geschützt. Den Wetterverlauf verfolgten wir nicht weiter. Wir waren rechtzeitig heimgekehrt. Bald wurde es Zeit für Nora, schlafen zu gehen. Sie wünschte sich aber noch eine Geschichte. In aller Seelenruhe setzten wir uns in der Stube aufs Sofa und schauten zusammen ein altes Album an.
 
Und dann die Überraschung: Auf dem Gästebett lag ein See. Auf der Wetterseite schoss der Regen horizontal durchs offene Fenster ins Zimmer hinein. Das Bett in seiner Nähe bot sich als Auffangbecken an. Da Nora hier gerne herumturnte, war die Bettdecke in der Mitte eingedrückt. Auf sie liess sich das Wasser fallen. „Das ist ja der Seealpsee!“ rief ich, um meiner Unachtsamkeit etwas Humor hinterher zu schicken. Das Wasser durchdrang den festen Manchesterstoff und auch die Federdecke. Es dauerte 3 Tage – und diese waren sehr sonnig –, bis sich ihr Inhalt erholt hatte und der üble, modernde Geruch verschwand.
 
Während dieser Zeit wunderte ich mich öfters, wie es die Natur immer wieder versteht, uns ein Schnippchen zu schlagen und aufzuzeigen, dass wir unfähig sind, für totale Ordnung und Sicherheit zu sorgen.
 
Die schöne Vogelscheuche wurde vom unvermittelten Sturm gebodigt. Bis heute ist sie nicht auferstanden.
 
Aber ich habe sie, sehr ähnlich, sehr verwandt, in einem Bekleidungskatalog wieder gefunden. Die Ornamente des samtenen Mantels sind hier schlichter, aber die Erscheinung der ganzen Persönlichkeit erinnert stark an die Figur, die wir auf dem freien Feld bewundert haben.
 
Zu finden im Katalog "hessnatur" auf Seite 133. Diese angesehene Firma, die Produkte aus natürlichen Materialien anbietet und dazu versichert: „Was wir tun, tun wir vor dem Hintergrund höchster ökologischer und sozialer Standards oder gar nicht. Darauf können Sie sich verlassen."
 
hessnatur kleidet selbstverständlich keine Vogelscheuchen ein. Das ist das eine, was ich aus meinem Erlebnis herausfiltere. Das andere ist das Gemeinsame mit den Gemüsebauern. Beide wollen Erzeugnisse aus der Natur anbieten. Die gewachsene Schönheit und die Unversehrtheit ihrer Produkte stehen im Mittelpunkt.
 
Hinweis
Das Textatelier.com hat weder verwandtschaftliche Verbindungen noch irgendewelche geschäftliche Beziehungen zur Firma hessnatur. Grundsätzlich erfolgen alle Produkte- oder Firmennennungen nach freiem Ermessen der Autoren, wenn sie im Interesse der Nutzer und der Detailgenauigkeit sind.

Samstag, 3. Juli 2010

Gestohlene Velotaschen, lustige Kinder, Kurzweil im Bus

Heute liess ich mein Velo zu Hause, im Abstellraum gut geschützt. Es wurde bestohlen. Diebe halfterten in den Abendstunden im Velostand Bahnhof Altstetten die praktischen Seitentaschen ab. Ich erkannte mein Rad kaum mehr. Die Seitentaschen gaben ihm eine gewisse Behäbigkeit. Ohne diese steht es nun mager und nackt da. Immerhin, es ist noch da. Das ist das Wichtigste.
 
Die Reise ohne Velo, am Tag danach, wurde dann zu einer Art kleiner Entschädigung, obwohl nicht von den Dieben organisiert. Auf dem Velo bin ich immer allein. Im Tram und Bus aber unter Mitmenschen und ihren Geschichten.
 
Auf der Busstation traf ich mit einer jungen Frau und 2 Kindern zusammen. Der ältere Bub begann plötzlich herzzerbrechend zu weinen, und obwohl der jüngere nicht wissen konnte, warum, wollte er auch losheulen. Es gelang mir, ihn abzulenken. Ich trommelte ein bisschen an die Plakatwand, wechselte die Stellen, damit sich die Töne veränderten. Das gefiel dem Kleinen im Kinderwagen, und er zeigte mir, ohne zu sprechen, da, dort, oben, unten, auf dem blauen Feld, auf dem grünen usw. solle ich auch noch klopfen. Und er lachte dazu, weil ich ihn verstand. Inzwischen hatte die Mutter erfahren, warum geweint wird. Der grössere Bub hatte sein Spielzeugauto, das er gestern bekommen hatte (Kosten: Fr. 45.–), in den Hort mitnehmen wollen und dieses nun auf der Ablage am Kiosk liegen gelassen, als sie dort noch Proviant einkauften. Und jetzt konnte die Mutter nicht zurückgehen und nach ihm suchen, denn der Bus traf ein. Es blieb ihr nichts anderes übrig. Die Kinder müssen pünktlich im Hort sein.
 
Noch immer traurig, aber doch schon etwas gefasst, verliessen sie wenig später den Bus, und an ihrer Stelle stieg eine Schulklasse ein. Diese 2. Primarklasse ging auf die Schulreise in den Sihlwald. Eine lustige Schar, Kinder aus aller Welt mit erwartungsvollen Blicken, gut gekleidet und mit dem Proviant am Rücken. Sie ergatterten die letzten freien Sitzplätze. Kurz war die gemeinsame Fahrt mit ihnen. Nach 2 Stationen mussten sie schon umsteigen. Das galt auch für mich. Aber unsere Ziele waren verschieden.


Inzwischen war es 9 Uhr geworden. Die Berufstätigen waren an ihren Arbeitsplätzen. Die Autos in den Garagen und die meisten Sitzplätze im Tram und Bus verwaist. Wenn ich mit dem Velo in die Stadt fahre, richte ich es meist so ein, dass ich diese ruhige Phase nützen kann. Kurze Zeit waren im Bus meiner 2. Wahl nur gerade 3 Plätze besetzt, dann aber stürmte eine Kindergartenschar herein. Als wir über die Hardbrücke fuhren, hörte ich hinter mir eine Bubenstimme, wie diese auf den "Prime Tower" verwies. Das sei das höchste Haus von Zürich und der Schweiz, wusste der 6-Jährige. Stimmt. Die vorgesehene, alles überragende Höhe ist schon erreicht. Der Bau aber noch nicht vollendet. Ein Kollege widersprach, das sei kein Haus. Doch es sei ein Haus. Nein, es sei kein Haus. So ging das hin und her. Ich erwartete immer eine interessante Übersetzung des englischen Namens. Ich habe noch nie eine solche gehört. Einig wurden die beiden nicht. Der eine bestand darauf, dass dies ein Haus sei und der andere verneinte es hartnäckig. Endlich kam es aus ihm heraus. Das sei ein Geschäft!
 
Stimmt. Aus Zeitungen war schon zu erfahren, wie hoch die Mietkosten für Räume in diesem prestigeträchtigen Turmbau angesetzt sind. Es war auch schon die Rede vom Kaufpreis einer ganzen sogenannten Eigentumsetage. Schwindel erregende Zahlen. Obwohl ich mir solche Preise nicht merke – Angebote dieser Art sind jenseits meiner Bedürfnisse – mag es 100-prozentig zutreffen, was der Bub aus dem Kindergarten sagte: Das sei ein Geschäft.
 
Mir gegenüber sassen 2 Mädchen. Sarah und Alessia. Sie zeigten mir ihre Namen auf den orangefarbigen Schutzwesten. Freimütig erzählten sie, ihr Ausflug sei keine Schulreise, sondern eine Chindsgi-Reise (Chindsgi=Kindergarten). Sie würden den Zoo besuchen.
 
Dann widmeten sie sich wieder ihren eigenen Geschichten. Ich hörte die Frage: Wie viele Grossväter hast Du? Ich habe zwei. Ich auch. Eigentlich habe ich nur noch einen Grossvater. Der andere ist gestorben. Ich wollte ihn am Morgen wecken, stupfte ihn. Da war er schon gestorben. Sterben ist nicht schön. Die andere: Mein Grossvater stirbt jetzt dann auch gerade. Er ist im Spital. Er ist ganz weiss im Gesicht.
 
Wie schön ist es, wenn Kinder gleichen Alters alles aussprechen können, was sie gerade beschäftigt. Kürzlich wurde am Radio einer Person die Frage gestellt: Was war das Schönste in ihrer Jugend? Die Antwort, die der Mann gab, ist mir entfallen, aber sofort wusste ich, was für mich das Schönste war: Dass ich eine Schulfreundin hatte und ihr auf dem langen Schulweg alles erzählen konnte, was mich bewegte.
 
Ich konnte mir vorstellen, wo die Klasse aussteigen werde und hoffte, dass keines der Kinder ein anderes von der Traminsel schupfe. Aber alles war gut eingeübt. Die Kindergärtnerin rief die Kinder im Bus zusammen, erinnerte daran, dass jedes das bestimmte Gspäänli (Mitschüler, Mitschülerin) an der Hand halte und alle zusammen warten müssten, bis der Bus weggefahren sei.
 
Ich fühle grossen Respekt den Lehrpersonen gegenüber. In der Stadt einen Haufen Kinder so zu führen, dass sie den Weisungen folgen, ist nicht Nichts. Die Hektik des Strassenverkehrs und die vielen Ablenkungen ganz allgemeiner Art sind beträchtlich. Zusätzlich gibt es immer Kinder, die gerne spassen, andere necken und selbstvergessen reagieren. Die Verantwortung ist riesengross.
 
Lehrer sollten es erleben können, dass ihnen die dann erwachsenen Schüler erzählen, wie spannend die Schulreisen waren und welche Erlebnisse und Erfahrungen ihnen immer noch wichtig sind.

Donnerstag, 24. Juni 2010

Jahreshöhepunkte: Mittsommer, längster Tag, Johannifest

Da lag ein Blatt auf dem Trottoir und verkörperte genau das Thema meines für heute vorgesehenen Blogs. Ich bückte mich, hob es auf und fühlte seine pelzige Rückseite. Es war aber die Oberfläche, die mich angesprochen und beinahe elektrisiert hatte. Linke Seite grün, rechts der Hauptrispe gelb und braun. Den Namen seines Baumes kenne ich nicht. Ich stellte nur fest, dass mehrere dieser Art unsere Strasse säumen. Es wird Zeit, sie noch richtig kennen zu lernen.

Nach unserem Kalender markiert der 21. Juni die Sonnenwende, den Übergang vom Grünen, Blühen und Aufwachsen hin zur Vergänglichkeit. Eindrücklicher könnte mich die Natur heute nicht informieren. Das aufgehobene Blatt zeigt mir nicht nur Grün auf der einen, Gelb und Braun auf der anderen Rispenseite, sondern beidseitig auch schon viele braune Tupfer, die bereits das spätere Absterben ankündigen. Dass dieses Blatt schon abgefallen ist? Extra für mich? Zu meiner Belehrung? Ich freue mich über diesen Fund.

Am 24. Juni wird das Johannifest gefeiert. (Nach kirchlichem Kalender Festtag Geburt Johannes des Täufers). Auch dieses Datum weist auf den Höhepunkt des Sommers hin. Die Johannisbeeren werden reif, das Johanniskraut blüht, und die Glühwürmchen, die an vielen Orten Johanniskäfer heissen, schwirren umher. Von den Silberlinden weiss man, dass sie um diese Zeit ihre Blätter wenden. Die dunkelgrünen Blätter zeigen dann ihre helle Rückseite. Auf dem Hintergrund der dunklen Blätter nehmen wir sie als Silber wahr. Dieser Prozess vollzieht sich geruhsam, eben natürlich. Nicht alle Blätter wenden sich auf einen Knopfdruck am 24. Juni. Die langsamen bilden den dunklen Hintergrund, auf dem die gewendeten silbern zur Geltung kommen.

In Skandinavien überlebte der Brauch des Sonnwendfests. Mit seinen Tänzen um das Feuer fasziniert es neuerdings auch Menschen in unseren Breitengraden. In Norwegen habe ich zu diesem Thema verschiedene Gemälde gesehen, die mein Interesse weckten. Da ich selbst zur Sonnwende geboren wurde, möchte ich noch manches Wissen zu dieser Zeit entdecken.


2008 lud die Ökumenische Tisch-Gemeinschaft Symbolon meines Wissens erstmals zu einem ökumenischen Johannifest nach Gfenn ein. Man traf sich im Umfeld der Lazariterkirche und wanderte dann in dieser schönen Landschaft zu 4 Stationen und hörte dort etwas über die 4 Elemente: Erde, Wasser, Luft und Feuer. Eine moderne Prozession, vielleicht 80 Leute, nahm teil. Ein Fernsehmoderator war dabei und stellte an den Stationen Fragen. Bei der Erde konnten alle einen Stein aufheben und mitnehmen. Die Veranstalter hatten einen Haufen hierher gekarrt. Es gab eine grosse Auswahl. Mir gefiel ein schweres Exemplar wegen seiner vielen Adern ganz besonders. Er hatte ein grösseres Mass als alle andern. Niemand berührte ihn, und mich sprach er an. Ich sah ihn bereits als Türstopper bei uns zu Hause. Er gefiel mir wegen seiner Wege und regt mich noch heute zu allerlei Gedanken an.

Am Weiher stehend, schöpfte eine Afrikanerin Wasser in einen Eimer und ihr Mann (ein Arzt und Entwicklungshelfer) nannte diese Portion den Tagesbedarf um zu überleben. (Trinkwasser und Wasser, um sich zu waschen). Er sprach über die Problematik unseres enormen Wasserverbrauchs in Europa und Amerika und von der Wasserarmut in Afrika. Und dass es ein Menschenrecht sei, zu Wasser zu kommen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Diese Diskrepanz zu unseren europäischen Wasseransprüchen ist mir damals eingefahren.


Wir standen im Umfeld eines kleinen, natürlichen Biotops und hörten, dass man bei der Gemeindeverwaltung eine Bewilligung erbeten habe, hier einen Eimer Wasser schöpfen zu dürfen. Sie wurde mit der Verpflichtung erteilt, das Wasser dem Sumpf wieder zurückzugeben, weil es Lebewesen enthalte. Das wurde dann getreu gemacht, wieder von der afrikanischen Frau. Sie benützte eine Schöpfkelle, die aus einer Kalebasse hergestellt worden war. Sie gab dem Weiher das geliehene Wasser respektvoll zurück. Solche Erlebnisse graben sich tief ein und beeinflussen das Gewissen.

Es war ein feinsinniges Fest und das sonnige Wetter unterstützte es. Nach einem feierlichen Gottesdienst in der Lazariterkirche Gfenn (einem Wahrzeichen nationaler Bedeutung) setzte man sich an Tische im Freien, ass die mitgebrachten Brote und labte sich an verschiedenen Getränken. Musikalisch umrahmt von jüdischer Musik und der Folk-Gruppe Amix.

Menschen aus verschiedensten religiösen Ausrichtungen wirkten mit. Mich beeindruckten Frauen mit ihren Klangschalen, die die religiöse Feier umrahmten. Es gehörte auch ihr Singen dazu. Ganz unbekannter Art. Vielleicht Keltisch? Orthodoxe Priester trugen eine Johannes-Ikone vor sich her.

In Erinnerung ist mir ein junger, fröhlicher evangelischer Pfarrer geblieben, ebenso eine Pfarrerin und ein Pfarrer aus Schweden. Primo und ich kamen mit einem Vertreter der Herrnhuter-Brüdergemeinschaft ins Gespräch, und wir trafen Dominikanerpatres aus unserem Bekanntenkreis. Solche Feste nähren die Lebensfreude und fördern das Verständnis unter den Kulturen.

Nun liegt eine neue Einladung auf dem Tisch:

Es heisst da:

GFENN BEI DÜBENDORF

Samstag, 26. Juni 2010

17.00 bis 22 Uhr

Interreligiöses Mittsommerfest

zu Johannis in der

romanischen Lazariterkirche

Mystik in Islam und Christentum

17:00: Drehtanz mit Sufi-Scheich Peter H. Cunz
18:00: Mystischer Stationenweg
19.00: Ökumenische Liturgie-Feier
20–22 Uhr: Fest am Johannisfeuer mit Picknick
Veranstalter: Ökumenische-Tisch-Gemeinschaft Symbolon

Dienstag, 15. Juni 2010

Putzaktion für einen Gast wurde zum Geschenk für mich

Die Balkontür blieb offen, als ich das Haus verliess. Nur kurz. Nur um die Briefe in den gelben Postkasten zu werfen. Als ich zurückkam, traf ich auf einen Windstoss, der nur darauf gewartet hatte, als Durchzug durch Korridor, Stube und Balkon wieder ins Freie zu sausen. Hätte ich die Tür nicht richtig im Griff gehabt, sie wäre schletzend ins Schloss gefallen. Und genau das soll vermieden werden. Betonhäuser schlucken den Lärm nicht. Sie lassen ihn den Wänden entlang hochgehen und stören dann jene Leute, die in oberen Regionen zu Hause sind. In unserem Wohnhaus wird explizit daraufhin gewiesen.
 
Ich schätze den Durchzug als Lufterfrischer und organisiere ihn immer von Zeit zu Zeit. Da ich an diesem Tag Stunden zuvor zusätzlich die Wohnung gründlich ordnete und reinigte, fühlte ich mich jetzt beim Eintreten wie am Meer. Diese Frische, wie eine Meeresbrise!
 
Wie gut, dass ich von Zeit zu Zeit das Haus verlassen muss, um dann festzustellen, wie angenehm mein Raumklima nach einer solchen Putzaktion ist.
 
In der Stube hatten die orangefarbenen Sonnenstoren mit der Sonne zusammen noch ein südliches Licht entwickelt. Und der Föhnwind wiegte die Gräser in den Balkonkisten hin und her. Die reinste Seligkeit. Ich freute mich über diese Ferienstimmung. Ich erwartete Besuch und war mit meinen Vorbereitungen zufrieden.
 
Aber Ursula kam nicht, verunfallte an diesem Tag. Ein Hund sprang aus einem toten Winkel heraus auf die Strasse, direkt ins Vorderrad ihres Velos. Sie stürzte. Glücklicherweise wurde nur das Rad verletzt. Aber von einem Ausflug nach Zürich-Altstetten wollte sie nichts mehr wissen. Der Schock sass ihr im Nacken.
 
Allein trank ich den vorbereiteten kühlen Tee, ass eine Schnitte Kuchen und sinnierte dann über meine Putzaktion. Ich konnte sie geniessen, auch wenn sie ursprünglich nicht für mich, sondern als Geschenk gedacht war.
 
In jungen Jahren meinte ich einmal, ich hätte jetzt genügend geschrubbt, gewischt, gewichst, abgestaubt usw. Es gäbe doch wahrhaftig im Leben Schöneres als für Ordnung und Reinlichkeit zu sorgen. Als Familienfrau weiss ich aber längst, dass sie die Basis für die Gesundheit bilden.
 
Meine Eltern hatten zusätzlich zur Arbeit des Vaters noch die Hauswartung in einem Fabrikgebäude übernommen. Dort wohnten wir auch. Und das hiess, dass wir Kinder – 5 an der Zahl – alle mitarbeiten mussten. Heute würde man vielleicht von Kinderarbeit reden. Doch war unsere Chefin die Mutter, nicht ein fremder ausbeuterischer Fabrikbesitzer. Sie brauchte unsere Unterstützung, und uns schadete die Mitarbeit nicht. Unsere Aufgaben: Papierkörbe leeren, Büroböden wischen, Pulte abstauben, Fenster und Treppen reinigen, den Steinboden auf den Knien schrubben, den grossen Hof wischen, Holz zum Feuern in die Winde tragen. Diese Arbeiten führten zu einem sauberen Raumklima, das uns allen zur Norm geworden ist. Sie bewirkten das Sonntagsgefühl. Denn die Hauptarbeit wurde am Samstagnachmittag verrichtet.
 
Das heutige Alltagsklima darf bei mir hin und wieder auch bedürftig sein. Nur so komme ich dazu, Blogs zu schreiben. Aber für einen lieben Besuch strebe ich immer noch diese gewisse festtägliche Ordnung und Frische an. Und manchmal denke ich, ich würde gerne nochmals mit Mutter Büros putzen. Sie verteilte die Arbeit so, dass wir das Ende absehen konnten. Mir gefiel es, die Wasserhahnen an den Lavabos zu polieren oder Fenster zu putzen, bis die Scheiben auch an den Übergängen zum Fensterkitt klar waren. Wir arbeiten ruhig und ohne Zeitdruck. Das kann ich nicht mehr. Heute sehe ich schon während einer Putzarbeit die nächste vor mir.

Samstag, 29. Mai 2010

Urgrossmutter-Spuren gesucht: Das Hörensagen ergänzt

Felicitas, unsere Erstgeborene, zeigte schon als Kind lebhaftes Interesse an den Familiennamen und den dazugehörigen Geschichten. Eine Zeit lang beschriftete sie als Primarschülerin ihre Hefte mit dem eigenen und den Familiennamen ihrer weiblichen Vorfahren mütterlicherseits. Das sah dann so aus: Felicitas Lorenzetti-Hess-Fässler-Speichinger-Sprenger.
 
Die Oma Anna Hess-Fässler, also meine Mutter, kannte sie gut. Sie lebte in unserem Umfeld. Von „Grosi“ Josefine Fässler-Speichinger, meiner Grossmutter, hörte sie durch mich von meinen Erfahrungen mit ihr. Deren Mutter, Josefine Speichinger-Sprenger, kannte auch ich nur vom Hörensagen, von Fotos und Erlebnissen, die meine Mutter immer wieder erzählte. Und die Ur-Urgrossmutter Sprenger ist für meine Töchter, meinen Mann und mich nur noch ein Name.
 
Fassbare Familiengeschichte ist in erster Linie mit lebenden Zeugen verbunden. Dann kommen Geschichten hinzu, die weiter erzählt werden. Und ohne genealogische Forschung finden wir im besten Fall noch den Ort, woher das eigene Geschlecht stammt.
 
Wir können ihn aufsuchen, durch alte Strassen gehen, Gebäude und Kirchen betreten, die auch unsere Vorfahren gekannt haben. Manchmal trifft man dort noch auf alte Menschen, die sich an jemanden aus der angesprochenen Familie erinnern . Oder wir treffen, wie eben erlebt, in der Kirche auf Fotos und Namen jener vermutlich Verwandten, die im Krieg ihr Leben verloren haben.
 
Aus Emmingen ab Egg stammt mein und Walter Hess’ Urgrossvater Karl Speichinger*, geboren am 31.10.1854. Maurer und Kaminbauer sei er gewesen, wurde in der Familie mündlich weitergegeben. Er wanderte in die Schweiz aus, liess sich in Wald im Kanton Zürich nieder. Dort heiratete er am 8.5.1881 die ebenfalls aus Emmingen stammende Josefine Sprenger.
 
Er war also ungefähr 27 Jahre alt, als er seinen Heimatort verliess und sich im Zürcher Oberland eine Existenz aufzubauen begann, um Frau und Kinder zu ernähren. Er wurde Vater von 10 Kindern. Dem Stamm von seiner Tochter Josefine Fässler-Speichinger (unsere Grossmutter trug den gleichen Vornamen wie ihre Mutter geb. Sprenger) entstammen Walter Hess und ich (Rita Hess).
 
Reisen nach Emmingen
Emmingen ab Egg (Baden-Württemberg), die Heimat von Karl, besuchte ich schon einmal. 1989 nützte meine Familie die Pfingsttage für eine Velotour dorthin. Wir übernachteten in Tuttlingen im Stadthotel, einem feinen Haus, wie ich in meinem Tagebuch festhielt. Der Eindruck der Stadt von damals entspricht nicht jenem von heute, wie er von Walter Hess beschrieben wurde, aber nur darum, weil wir uns in einem anderen Stadtteil aufhielten. Ich schrieb seinerzeit „Die Stadt ist sehr menschlich, keine Hochhäuser, im innersten Bereich viele Bäume, noch jung, aber schön. Streng angeordnete Strassen, auf den Plätzen Kunst. Ein Brunnen unter einer angedeuteten Pyramide. Unser Hotel vornehm. Die jungen Frauen (unsere Tochter Letizia und ihre Freundin Cristina) waren kribbelig und freuten sich am Komfort. Wir hatten ein Haus mit künstlerischem Gesamtkonzept gefunden.“ Es gefiel auch meinem Mann.
Nun ein zweiter Besuch, diesmal mit Walter Hess, der noch nicht lange weiss, dass wir auch einen deutschen Wurzelstrang haben. Als Journalist geht er anders vor als ich, wenn er einen unbekannten Ort kennen lernen will. Er spricht zuerst im Rathaus vor. Ich erfühle einen Ort am liebsten draussen, gehe hin und her, lasse die Landschaft und ein Ortsbild auf mich wirken. Erste Kontakte und Informationen erhoffe ich mir dann in einem Gasthaus. Damals, mit L. und C., gingen wir auf Kundschaft, wie die Pfadfinder sagen, wenn sie Orte kennen lernen wollen. Primo verteilte die Themen: Mir fiel das Thema Kirche zu, L. und C. die Pestkreuze, das Wahrzeichen von Emmingen-Liptingen und Primo das Museum. Zu einem bestimmten Zeitpunkt trafen wir an einem vorgegebenen Ort wieder zusammen und tauschten die Eindrücke, Notizen und Skizzen aus.
An jenem Pfingstsonntag 1989 war Muttertag, die Plätze in den Gasthäusern ausgebucht. Trotzdem wurde uns an einem Ort für einen Kaffee Platz angeboten. Es setzen sich bald 2 Männer zu uns. Sie kamen vom Kirchgang und sprachen uns an. Ein Bauer, der zusätzlich auch auf dem Bau arbeite und ein Angestellter einer Brauerei, der für die Vermarktung des Gebräus zuständig sei, fragten uns „Woher? Wohin?“ Dass wir die Heimat meines Urgrossvaters aufsuchten, freute sie. Wie der Name sei: „Speichinger!“ „Ah.“ Es tönte fast ehrwürdig. „Wirklich, solche Familien gab und gibt es da.“ Sie nannten uns einen Hof auf der Anhöhe und erzählten, dass der Müller ebenfalls Speichinger geheissen habe. Von diesem Mühlebesitzer Georg Speichinger las ich später im Emminger Heimatbuch, dass er 1845 im Engersteig tödlich verunglückte, als er Sägholz in die Talmühle führte und unter die Räder kam.
 
Und an anderer Stelle las ich: „Es ist eine für die Familien- und Sippenforschung wichtige Tatsache, dass weithin zerstreute Familien gleichen Namens häufig von einem gemeinsamen Ursprungsort stammen, an dem die Sippe seit Jahrhunderten sesshaft ist. Die Urheimat ist gleichsam der unversiegbare Quell gewesen, aus dem immer neues Leben sich in die Fremde ergoss."
Als es Zeit wurde fürs Mittagessen, zog es Walter Hess förmlich in den „Adler“. Er wusste selbst nicht warum. Später habe ich im Heimatbuch erfahren, dass der Rösslewirt seit 1810 Franz Xaver Speichinger hiess. Der reichste Grundbesitzer im Dorf. „Als ihm 1822 das Amt des herrschaftlichen Vogtes übertragen wurde, hätte er nach den geltenden Bestimmungen sein Wirtsgewerbe aufgeben oder auf sein Vogtamt verzichten müssen. Er betrieb seine Wirtschaft weiter, verlegte sie aber 1827 in ein neues Haus, das er ,Adler’ nannte, während sein Sohn im ,Rössle weiter wirtete."

Im Museum erwartet
Der Besuch im Dorfmuseum erschloss uns nicht nur einen weiteren Blick in die Vergangenheit. Räume und Gegenstände füllten hier unsere Familiengeschichte zusätzlich mit Bildern.
 
1989 konnten wir das Museum nicht besuchen. Diesmal wurden wir aber von den Herren Josef Renner und Horst Lörch erwartet.
 
Der freundliche Empfang wird mir in bester Erinnerung bleiben. Und vor allem die Frage, ob wir unsere eigene Alltagssprache verstünden oder auf Hochdeutsch wechseln sollen. Diese Abstimmung aufeinander berührte mich. Es war der Ausdruck, einander wirklich verstehen zu wollen.
 
Horst Lörch begrüsste uns im Namen des Museums, und seine Worte gaben unserem Besuch eine liebenswürdige, leicht formelle Note.
 
Und von Josef Renner erfuhren wir rasch, dass ein Leobold Spaichinger* 1800 seinen Hof auf einer Ausmerkerhöhe erbaut habe. Das Heimatbuch berichtet von ihm und seiner Körperkraft unter dem Titel „Von Emminger Originalen“, dass er ein Salzfass von 7 Zentnern lupfte. Das Museum beherbergt sein Ehebett. Die Bettfront ist mit der dekorativen Schrift „Leobold Spaichinger – Maria Rosa Sterckin* – 1798“ prachtvoll gestaltet. Dieses gut erhaltene Möbelstück mit seiner frischen Laubsackmatratze wurde offensichtlich pietätvoll behandelt. Waren dieser Leobold und seine Maria-Rosa vielleicht die Urahnen von Karl, der in die Schweiz ausgewandert ist?
 
Wir wunderten uns über das für heutige Begriffe schmale und vor allem kurze Bett. Walter erinnerte uns daran, dass man früher mit angezogenen Beinen schlief. Nur ein toter Mensch liege ausgestreckt da. Und Primo wusste, dass man in weit zurückliegenden Jahrhunderten sitzend geschlafen habe.
 
In diesem Zimmer bestaunten wir auch den schönen Wäscheschrank, auf dessen Tablaren allerlei Textilien lagen. Naturfarbene Nachthemden und rot-weisses Leinen mit Webmustern verschiedenster Art. An 2 Tablarfronten hält der gestickte Text fest: „Und Alles wohlverwahrt ist deutscher Hausfrau'n Art.“
 
Walter Hess hat schon über das „rüschene“ Leinen berichtet. Auch mir hat der Hinweis gefallen, dass dieser rohe, gleichzeitig aber doch auch weiche Nachthemdenstoff während dem Schlaf die Körperhaut massiere und damit Hautkrankheiten vorbeuge. Ganz besonders darum, weil meine Grossmutter Josefine Fässler-Speichinger mir in jungen Jahren den Rat gab, bei Hautunreinheiten die Stelle mit einem Stück Leinen öfters abzureiben. Dieser Rat: Direktimport aus Emmingen! Josefines Mutter brachte diese Erfahrung aus ihrer Heimat nach Wald ins schweizerische Zürcher Oberland. Das rüschene Leinen erscheint mir als Vorläufer vom „Peeling“, das die moderne Kosmetik heute anbietet.
 
In diesem Museum kann man lange verweilen. Während 2 Stunden fühlten wir uns in das vergangene Leben ein, schauten in Vitrinen, an Wände, fanden Rechnungsbücher und auch Fotos, die von der Dorfgemeinschaft Emmingen ab Eck erzählen. Auch Bilder aus jüngerer Zeit. Ihre Feste sind dokumentiert, ihre Tracht kann bewundert werden. Sie feierten den Jahreslauf mit Feiertagen, wie es die Kirche vorgab. Ein Brauch sei auch die „Sichelhenke“ gewesen, wenn am Schluss der Ernte die Sichel aufgehängt wurde und alle, die mitgeholfen haben, zum Festschmaus zusammen kamen. Früher ohne Musik, höchstens zu den Klängen einer Mundharmonika.
 
In jedem Stall standen Kühe, und mit ihnen wurde gearbeitet. Ihre langsame Gangart bestimmte das Arbeitstempo. Man ackerte mit der Kuh, die am Abend auch noch Milch geben musste. Die Arbeit ging langwierig vor sich. Es fehlte das Pferd und seine Agilität. Es gab nur vereinzelt Pferde und diese wurden jeweils für hohe Feiertage geschmückt.
 
Im Museumsstall kann ein Stück originale Katzenkopfsteinpflästerung betreten werden. Urtümliche Fussmassage inbegriffen.
 
Die Museumsräume waren sehr kalt, als wir das Haus besuchten. Wir bekamen einen Eindruck, wie wohl es den Menschen in ihrer Küche gewesen sein muss. Rund um den Herd, wo es im Wasserschiff immer warmes Wasser gab, da strömte die Wärme aus. Von den vielen Gerätschaften waren uns manche noch gut bekannt. Die verschiedenen Beschriftungen weisen aber daraufhin, dass die jungen Familien von heute weit weg sind von diesem urtümlichen Leben und Wirtschaften und Informationen brauchen.
 
Wärme für den Schlafraum der Eltern liess man durch einen Schieber über dem Kachelofen aus der Stube nach oben entweichen. Getrennte Schlafräume für Mädchen und Knaben richtete man oberhalb dem Stall ein. Für sie wirkte die Wärme der Tiere durch die Stalldecke wie eine Bodenheizung im heutigen Schlafzimmer.
 
In den oberen Museumsräumen ist das Handwerk nachgestellt. Die Schuhmacherwerkstatt, das Besenbinden, die Ziegelherstellung, und es werden die verschiedenen Werkzeuge und Geräte aus dem bäuerischen Alltag gezeigt. Für die Arbeit mit den Tieren, für den Getreidanbau und die Verarbeitung des Korns.
 
Aus Grund und Boden
Der Grund und Boden dieses Ortes bescherte den Bewohnern einen guten Magerlehm, der sich für die Ziegelherstellung eignete. Hochwertiges Material, das nicht ausgewaschen wird und beim Trocknungsprozess nicht springt. Gemischt mit Gerstenstroh wurde dieser Lehm auch im Fachwerkbau eingesetzt. Das Lehmgemisch wurde mit den in die Räume zwischen die Riegelbalken ausgelegten Ästen verrieben. Die Zweige garantierten Stabilität und wirkten wie die Betongitter von heute.
 
Mit einem gewissen Schalk berichtete Herr Renner von den Zusatzverdiensten der Bauern, die in ihrem Umfeld Bohnerz (Eisenkorn) fanden, dieses schürften und ins Schmelzwerk im Nachbarsdistrikt schmuggelten. 3 zusammengebundene Leitern tief konnten sie den Boden ausbeuten. Das sogenannte Zusatzbrot wurde anschliessend verflüssigt. Sie tranken es im Gasthaus Hühnerhof, nachdem sie die Grenze wieder überschritten hatten. Ob sich die Frauen darüber gefreut haben?
 
Zurück in Zürich, in Gedanken noch in Emmingen
Am Tag nach der Rückkehr an unsere angestammten Plätze in der Schweiz fühlte ich mich zerstreut. Meine Gedanken lagen wie Fetzen in der Landschaft rund um Emmingen. Die Reise dorthin hat mich erneut beeindruckt und dass sich diesmal auch Kontakte mit Einwohnern ergeben haben, freute mich besonders. Wenn ich wieder einmal zurückkomme, komme ich mit dem Gefühl, über meine Vorfahren hier auch ein bisschen beheimatet zu sein.
 
Solange ich an diesem Aufsatz schrieb, „hörte“ ich noch die Stimmen der beiden Männer Josef Renner und Horst Lörch, die sich um das liebevolle Museum in Emmingen ab Eck verdient gemacht haben. Sie haben uns viele Details vermittelt und in unserer Familiengeschichte ein paar leere Felder ausgefüllt. Ich freute mich auch an allen Kontakten, die Walter Hess bereits aufgezählt hat.
 
Und in Gedanken stehe ich immer noch auf jener Anhöhe, die totale Rundsicht verschenkt. Diese Weite, Offenheit und Anmut! Sie muss auf die Emminger abfärben. Eine Landschaft prägt ihre Menschen. Auch dieser Aspekt gehört zu meiner persönlichen Familiengeschichte. Hat diese weite Sicht unseren Urgrossvater dazu verführt, auszuwandern? Hier oben fanden wir auf einer Aussichtstafel auch Hinweise auf Schweizer Alpen. Als Abschlussgeschenk zeigten sich uns dort noch die Pestkreuze, an denen wir an diesem Tag schon einmal vorbeigefahren waren. Da standen wir, ergriffen von ihrer Geschichte und ihrem Alter.
 
Da ich im Heimatbuch gelesen habe, die Pestkreuze würden jeweils erneuert und wieder geweiht, wenn sie morsch geworden seien, kann ich damit rechnen, dass wir sie auch später wieder finden werden. Die Treue zu einem frommen Gelübde ist beeindruckend. 1629 wurde die Pest in Emmingen eingeschleppt. Seither stehen Pestkreuze an allen 4 Ortsausgängen (nach Engen, Hattingen, Tuttlingen und Liptingen) und werden von der Gemeinde pietätvoll betreut. Sie sind zu ihrem Wahrzeichen geworden.
*
*Anmerkung zu den Schreibweisen:
Anhand des Namens der Familie Sterckh erläutert der Autor im Heimatbuch die Veränderung der Schreibweise von Sterckh über Stärckh, Störckh und Stärk über die Jahre 1700‒1845.
 
Den Familiennamen von Leobold Spaichingers Ehefrau kann ich nicht mit Sicherheit angeben. An ihrem Namen auf der Bettfront waren Retouchen auszumachen. Das, was ich als „Sterckin“ las, sollte möglicherweise „Sterckh“ heissen.
 
Ich nehme an, dass sich die Schreibweise Spaichinger im Laufe der Zeit ebenfalls verändert hat. Meine Speichinger-Verwandten schreiben ihren Namen jedenfalls alle mit „ei“.
 
Angaben zum Heimatbuch:
„Emmingen ab Egg" Geschichte eines Hegaudorfes“
von Professor Erich Stärk, Freiburg i.Br.
1. Auflage 1955
2. Auflage mit Ergänzungsteil 1971.

Freitag, 21. Mai 2010

Busskirch immer noch ein Ort, der die Menschen anzieht

In Busskirch am Obersee (Gemeinde Jona SG) kam und kommt für mich manches zusammen. Auch diesmal wieder. Der Ort mit seiner Kirche St Martin ist geschichtsträchtig und gleichzeitig lebendig.
 
Zu erreichen ist er über den Seeuferweg, dem Naturschutzgebiet entlang. Er ist gut markiert. Von Rapperswil-Bahnhof bis zur Kirche Busskirch beansprucht er ½ Std. Wegzeit. Er ist eine Einstimmung in den wohltuenden Raum des Obersees (Zürichsee).
 
Obwohl der Natur hier viel Freiheit gelassen wird, habe ich doch mitbekommen, wie etliche Bäume verschwanden. Ich vermisse heute jene Mistelkugeln tragenden Birken oder Weiden, die den breiten Uferraum mitgestalteten.
 
Was es mit dem Namen Busskirch auf sich hat, weiss ich nicht. In römischer Zeit war der Ort Umschlagplatz am Verkehrsweg Zürich/Winterthur–Chur/Italien.
 
Die Kirche St Martin ist eines der ältesten christlichen Gotteshäuser dieser Gegend. Ihre Geschichte ist rund 1400 Jahre alt. Auf Grundmauern eines römischen Landhauses gebaut. In dieser Kirche werden immer noch regelmässig Gottesdienste gefeiert. Sie ist auch ein beliebter Ort für Hochzeiten geworden. Der idyllische Ort am See und auch der Kirchenraum strahlen Ruhe und Frieden aus.
 
Hierhin luden letzte Woche die beiden Musikerinnen Cornelia Dürr (Klarinette) und Anne-Lise Meier (Akkordeon) zu einer Abendmusik mit Klezmer-, Barock- und Schweizer-Volksmusik ein. Dargeboten auch mit eigenen Kompositionen und Improvisationen.
 
Schon nach ein, zwei Takten wusste ich, dass mir das Konzert zuträglich sein werde. Meine Ohren sind anspruchsvoll geworden. Nicht immer werden musikalische Darbietungen zum Genuss. Laute Musik soll ich meiden. Hier aber entsprach der Raum exakt den Darbietungen der beiden Frauen, ihrem Ausdruck und ihrer Kraft.
 
Cornelia Dürr trat aus der Sakristei heraus, eröffnete das Konzert mit wenigen Schritten und Takten. Dann stand sie still. Wir sahen nur den vorderen Drittel ihrer Klarinette. So erreichte sie Stille im Raum. Und gleich verhielt sich eine Weile später die Akkordeonistin Anne-Lise Meier. Dann „sah“ ich diese ersten Töne aufsteigen und auf mich zukommen und ich begriff, dass der Ort, wo sie emporkommen, Empore heisst.
 
Da oben war mir ein Platz zugewiesen. Mit Blick auf die Musikerinnen. Das zahlreiche Publikum, das die Kirche füllte, sah ich nicht. Mit Primo und einigen anderen Gästen zusammen erlebten wir das Konzert, wie wenn es nur für uns aufgeführt worden wäre.
 
In der Begrüssung übergab Cornelia Dürr ihre nicht ausgesprochenen Worte der Musik, auf dass sie spreche und erkläre und uns mitnehme.
 
Gesprochen haben für mich auch die Körper der beiden Frauen. Cornelias Part verlangte für die Klezmermusik Bewegung, Schwünge und sichtbare Hingabe, um die Modulation dieser jüdischen Festmusik aus Osteuropa hervorzubringen. Von Anne-Lise Meiers Seite gingen die verhaltenen, wehmütigen Töne aus, und es schien mir, diese könne nur ein schwergewichtiges Instrument und eine in sich ruhende Persönlichkeit hervorbringen. Aber beide Musikerinnen konnten in anderen Stücken sehr wohl auch gegenteilig aufspielen, und das war das Schöne an diesem Konzert, diese Vielfalt: heiter – glückselig – sprühend vor Lebensfreude – aber auch nachdenklich und von Heimweh nach unserer Urheimat erfüllt.
 
Beeindruckt hat mich auch die Fähigkeit der beiden Frauen, aufeinander zu hören, sich auf einander einzustimmen. Ich sah das Verschmelzen zweier Talente.
 
Eine Stunde war ohne Zeitgefühl vergangen. Die Musik hatte uns an verschiedene Orte mitgenommen. Aufmüpfiges löste Besinnliches ab. Eindrücklich auch eine Komposition für die Kirchenorgel verfasst und von Anne-Lise Maier auf ihrem Akkordeon intoniert.
 
Da ich überraschend noch angefragt wurde, ob ich nach dem Konzert beim Einsammeln der Kollekte mithelfe, sah ich am Ausgang dann in viele Gesichter, die offensichtlich von weit her wieder ins alltägliche Leben zurückfanden.
 
In jenen Augenblicken klang die Musik in uns allen nach.
 
Anhang
Angaben zu Cornelia Dürr 
In Jona aufgewachsen. Studierte bei Elmar Schmid am Konservatorium Zürich. Lehrdiplom mit Auszeichnung. Orchesterdiplom und Konzertreifediplom.
Preisträgerin des Kiwanis-Wettebewerbs für Klarinette. Förderpreis "Orpheus-Konzerte Zürich".
Regelmässige Konzerte mit verschiedenen Kammermusikensembles im Duo oder als Solistin.
Besonderes Interesse an Improvisation, Klezmermusik und andere Stilrichtungen.
Cornelia Dürr unterrichtet an der Jugendmusikschule Rapperswil-Jona Klarinette.
Zusammenarbeit im Bereich Entspannungsmusik mit dem Musiker Reto Feuerstein.
CD-Projekte „Positive Gefühle“ und „Endless Flow“ sind im Handel erhältlich. www.flintimusic.com.

Sonntag, 16. Mai 2010

Hand- und Gläsertücher spielen diesmal die Hauptrollen

Als ich heute die wöchentliche Wäsche vorbereitete, sprach mich der Text auf einem Handtuch wieder einmal an. Es ist schon 48 Jahre alt und dient uns immer noch. Es wäre übertrieben, wenn ich behauptete, dass wir beim Gebrauch jedes Mal an Ruth und Werner denken, die es uns zur Verlobung schenkten. Von Zeit zu Zeit aber erinnert es uns an gemeinsame Erlebnisse in der Jugend.
 
Das halbleinene Tuch mit seitlich roten Streifen trägt einen für uns aufgedruckten Text, ein Glückwunsch zur Verlobung. Zusätzlich eine Art Garantie für „saubere Hände, ein Leben lang“, sofern wir uns darum bemühten.
 
Stoff und aufgedruckte Worte blieben intakt. Das Handtuch ist nicht fadenscheinig geworden. Worte und Wünsche und das tragende Gewebe waren von guter Qualität.
 
Ein weiteres Tuch, das ich seit einem Jahr jedem 90-Grad-Wäschesud beigebe, ist das Gläsertuch aus dem bekannten „Hotel Central Zürich“. Ein Fund aus dem Holzlager der Schreinerei an der Müllerstrasse. Beim Räumen für den Hausabbruch kam es hinter einer Abtrennwand zum Vorschein. Verschmutzt, verklebt, mehr grau-braun als weiss. Keine Ahnung, wie es in diesen etwa 100-jährigen Raum gekommen ist. Primo liebt solche Reliquien, warf sie nicht zum Abfall. Ich solle das Tuch waschen, könne es vielleicht noch gebrauchen.
 
Den weissen, textilen Grundton haben die vielen Waschgänge wieder hervorholen können, nicht aber die Beschädigungen durch Leim, Beize und Farbe. Auch die Rostflecken bleiben hartnäckig im Tuch. Es wurde wahrscheinlich nicht lange als Gläsertuch verwendet, denn der Stoff war beim Auffinden noch zähe und die Appretur nicht voll ausgewaschen. Heute ist er weicher. Das Blau der eingewobenen Bordüre mit dem Schriftzug des Hotels und der Bestimmung „Gläser“, ebenso die quadratischen Grundmusterlinien, wirken jetzt frisch. Aber als Küchentuch setze ich es nicht mehr ein. Obwohl ich weiss, dass es mit vielen Wassern gewaschen ist, bleibt es doch fleckig und unappetitlich. Der Anblick, wie er sich heute zeigt, wird kaum noch zu verändern sein. Es gibt eine Grenze. Der Stoff lässt sich nicht alles gefallen. Wenn ich zu lange scheuere, verschwinden nicht nur die Flecken, sondern auch die dazugehörigen Gewebepartien.
 
Also akzeptiere ich den Stand der Renovation. Das Tuch und ich, wir haben jetzt eine gemeinsame Geschichte. Ich werde es irgendwo wieder einsetzen. Ich habe auch schon daran gedacht, es in einem Rahmen als Bild aufzuhängen.
 
Dort könnte es von den Verschmutzungen reden, die unser modernes Leben produziert und aufzeigen, wie Verletzungen und Vernachlässigungen Spuren hinterlassen, die weder ausgelöscht noch vertuscht werden können.