Freitag, 18. April 2014

Busreise an den Gardasee über Arlberg und Reschenpass

Wenn ich auf die Ferientage zurückschaue, sehe ich vor den inneren Augen vorbeihuschende und sich überlagernde Bilder, wie sie sich jeweils am Abend vor dem Einschlafen präsentierten. Wir waren im Bus unterwegs. Sassen still, liessen die Landschaft auf uns zukommen.
 
Ab Bludenz (Vorarlberg) sah und erlebte ich Unbekanntes. Das Klostertal. Die Reise über den Arlberg. Der Kaffeehalt auf der Passhöhe. Einzelne Skifahrer auf eisigem Gelände. Weiterfahrt nach Landeck. Erinnerungen an eine Velofahrt ab St. Moritz nach Innsbruck stiegen auf. Ich war aber erst richtig angesprochen, als ich die Kirche mit dem orangeroten Zwiebelturm von Pfunds sah. Da fühlte ich mich damals in sehr alter Zeit, meinte, in einer Sust angekommen zu sein. Aus Primo sprudelten viele Erinnerungen heraus. An diesem Ort lernten wir das Wort Pfanderl kennen. Eine Speise in einer kleinen Bratpfanne serviert. Das Wort ist in unserem Haushalt gut integriert. Heut gibt's ä Pfanderl! heisst es öfters.
Neu nun die weitere Strecke: Reschenpass. Reschensee. Der vom Stausee umspülte Kirchturm, der mir schon jahrelang auf Reiseprospekten begegnet ist. An diesem Tag auch von Eis umgeben. Wahrzeichen des Vinschgaus. Mit hohem Alter. Er stammt aus dem 4. Jahrhundert und sei mit Beton gefüllt. Hier gehörte ein Fotohalt dazu. Das Gefährt eine Weile zu verlassen und frische Bergluft zu tanken, ein Genuss. Wundervolle Fahrt durch das Südtirol. Herbe, liebliche Landschaft mit Obst- und Weinkulturen. Aprikosen und Äpfel werden hier in Niederkulturen angebaut.
 
Das abfallende Gelände ist Teil der Schönheit dieser Landschaft. Immer wieder schaute ich nach unten aus und wunderte mich, dass der Talboden noch nicht erreicht war. Die Farben der Landschaft waren in dieser Woche vom Frühling geprägt. Böden trugen aber auch noch hellbraune Winterpatina. Menschen, die hier leben, müssen eine grosse Geborgenheit fühlen und mit einem Schönheitssinn zur Welt kommen.
 
Ich weiss nicht, wie die Menschen aus dem Vinschgau ihre Landschaft benennen. Ich nahm sie wie eine übergrosse Tüte wahr, die ihren Schatz nach unten rieseln lässt. Ich sah eine Ortschaft mit vielen Türmen, alten Wehrtürmen, Kirchtürmen, die im offenen Raum zwischen 2 auseinander liegenden Gebirgszügen angesiedelt sind. Ich kann sie in keinem Reiseführer finden, frage mich, ob sie eine Komposition meiner Emotionen ist. Wahr ist, dass wir auf dieser Reise etliche Kirchen, Türme und auch die mächtige Benediktinerabtei Marienberg sahen, die alle besondere, herbe Schönheit ausstrahlen.
 
Im Bildband Südtirol von Adolf Sickert (1986) schreibt Hans Humer über Land und Volk der Heimat Südtirol: Wer über Südtirol nachdenkt, gelangt an kein Ende. Er mag hinabtauchen oder sich aufschwingen, den letzten Grund und die letzte Höhe erreicht er nicht, denn hier lebt noch immer eine Welt des Geistes und der Seele, des Herzens und des Gemütes, die nicht auszuwandern ist.
 
So wirkten das Land, seine Topographie und die Menschen auf mich. Auch das Mittagsmahl im Hotel Maria Theresia in Schlanders bestätigte solche Aussage. Der Hotelprospekt spricht von herzlicher, familiärer Gemütlichkeit. Diese haben wir erlebt. Und das Essen, von uns allen individuell gewählt, liess die Rast zum Festessen werden.
 
Weiterfahrt. Nächster Halt: Kalterersee. (Lago di Caldaro). Ein südlicher Ort. Palmen und blühende Bäume begrüssten uns. Schwimmbad-Stimmung, obwohl es noch zu kühl war, um zu baden. Für Gelati stand man in der Warteschlange an. Der See ist für Wassersport beliebt. Es wurde gerade ein Wettkampf vorbereitet. Im Umfeld wird Wein angebaut. Kalterersee war der Wein, den mein Vater an Festtagen getrunken hatte. Schön, solche Orte zu finden. Es gibt also diesen See. In Salurns wurden wir auf die Sprachgrenze aufmerksam gemacht. Ab diesem Ort zieht sich die deutsche Sprache zurück. Von da an wird Italienisch gesprochen.
 
Bozen und Trento wurden nicht berührt. Zügige Fahrt dem Gardasee entgegen. Die Berge hatten wir verlassen. Den Charme des Vinschgaus ebenfalls. Erstaunt schaute ich den Vergleich der Höhenmeter an. Vom Reschenpass bis ins Umfeld von Trento sind wir 1310 m abwärts gefahren.
 
Der weiteren Reise fehlte das Besondere. Wir reisten auf einer typischen Autobahn. Hie und da zwinkerte mir das Wasser aus der Etsch zu. Dann verschwand es wieder, um später erneut zu grüssen. Italienisch heisst dieser Fluss Fiume Adige. Seine Quelle entspringt nahe dem Reschenpass. Seine Reise endet im adriatischen Meer. Er ist der längste Fluss Italiens.
 
Kurz bevor wir an Trento vorbeifuhren, stupfte ich Primo, der etwas gedöst hatte. Ich wollte daran erinnern, dass wir jetzt ins Umfeld seiner Urgrosseltern gekommen seien. Sie entstammten der Provinz Trentino.
 
Vor mir im Bus schlief eine Frau, einige Reihen hinter uns erzählten sich 2 Männer pausenlos Geschichten. Es gelang mir, nicht zuzuhören. So blieb ich wach und erwartete den ersten Blick auf den Gardasee. Und entdeckte unerwartet die Hinweistafel auf den Ort Peschiera. Mit grosser Freude. Wir fuhren aber nicht ins Zentrum. Ich erschauerte, was ich hier antraf. Geschäft an Geschäft, Zweigstellen internationaler Markenfirmen. Dominante Namen an Hausfassaden. Viel Verkehr, Hektik. Was würde auch Johanna Spyri sagen, wenn sie das Umfeld von Peschiera heute sähe? In ihrem Buch Heimatlos ist dieser Ort bedeutungsvoll. Ich bewunderte den Chauffeur, wie sorgfältig er unsern Bus durch das Gewusel von Mensch und Autos steuerte.

Angekommen in Felice del Benaco im Hotel Casimir. Zimmerbezug, eines von den 199 zur Verfügung stehenden Zimmern. Vor unserer Balkontür, die direkt auf eine Wiese und zum Seeufer führt, wartete ein Entenpaar um uns zu grüssen und zu betteln.

Der vom Hotel offerierte Apéro und das Nachtessen nach eigener Zusammenstellung verbreiteten gute Stimmung. Es standen Vor-, Haupt- und Nachspeisen zur Selbstbedienung bereit. Welche Fülle. War ich im Schlaraffenland angekommen? Auch Genuss für die Augen. Italienische Kochkunst, Grosszügigkeit und Lebensfreude.
 
Im Speisesaal waren die Tische für 4 Personen immer übers Eck und mit Abstand zum nächsten hin platziert. Es sah aus, als wollten diese Vierbeiner tanzen. Verschiedene Kellner im Livrée überwachten das Geschehen, halfen, wenn wir Informationen brauchten. Grundsätzlich bedienten sie nicht, damit der Gast sein Essen selbstbestimmend zusammenstellen und an seinen Tisch tragen konnte. Mir hat diese Ordnung gefallen. Ebenso die Persönlichkeiten der Mitarbeitenden. Die Atmosphäre in diesem grossen Raum liessen mich an die Commedia dell' arte und an Goldoni-Figuren denken. Und dass auch wir, die angereist sind, in diesem Theater auftreten.

Montag, 14. April 2014

Hotel geschlossen, gebuchte Übernachtung ignoriert

Zwei Tage vor der Abreise träumte ich einen Traum, den ich erst später verstanden habe. Da befand ich mich in einem öffentlichen Raum. Vielleicht war es im Untergeschoss eines Bahnhofs oder einer grossen Tiefgarage. Menschen eilten hin und her, alle ihren persönlichen Zielen entgegen. In der Mitte dieses Orts lag ein entspannt schlafender Mann. Seine Beine hatte er locker angezogen. Niemand beachtete ihn. Nur ich schien ihn wahrzunehmen.
 
Da unsere Reise an den Gardasee bevorstand, wurde ich etwas unruhig. Ich fragte mich, ob uns auf der Reise etwas Ungewöhnliches bevorstehe. Ein Unfall? Hoffentlich nicht. Da sich das Traumbild markant gezeigt hatte, beruhigte es mich. Der Mann sah nicht aus wie ein Toter.
 
Primo und ich hatten uns für die Frühlingsfahrt eines Reiseanbieters aus dem Kanton St. Gallen entschieden. Um für die frühe Abreise um 7 Uhr morgens ausserhalb der Stadt St. Gallen bereit zu sein, entschlossen wir uns, einen Tag vorher anzureisen. Das Reisebüro buchte für uns eine geeignete Übernachtung.

Als wir dort eintrafen, war das Hotel geschlossen. Auf einer schwarzen Restaurant-Tafel wurde auf Wirteferien aufmerksam gemacht und eine Natel-Nummer angegeben. Es antwortete jedoch nur die Combox. Ohne eigenes Natel unterwegs, waren wir auf hilfsbereite Mitmenschen angewiesen. In der Bäckerei im Nachbarhaus durften wir telefonieren und das Reisebüro informieren. Und im dazu gehörigen kleinen Café auf jenen Mann aus der Hotelierfamilie warten, der uns das Haus öffnete, das Geld für die Übernachtung einzog und uns den Hausschlüssel für eine Nacht übergab. Wir hörten von ihm, dass man spontan entschieden habe, vor der Ostersaison noch etwas auszuspannen. Der Vater oder Patron war also in den Ferien und schlief wohl genau zum Zeitpunkt, als wir anrufen wollten. Rechnete er damit, dass wir anderswo ein Bett bekämen? Am Schlüsselbrett im Hotel hing aber eine Notiz mit unserem Namen und der vorgesehenen Zimmernummer.
 
Die Situation entsprach dem schlafenden Mann im Traum, der weder beachtet noch gestört wurde. Diese Geschichte ­– so dachte ich schon, als sie noch nicht zu Ende war – sei unangenehm, gebe aber immerhin Stoff für einen Beitrag ins Blogatelier her. Und sie zeigt auf, dass wir gewissen Erfahrungen nicht ausweichen können, dass sie vorgegeben sind.
 
Am nächsten Morgen sorgte die Filialleiterin in der Bäckerei nochmals für uns. Wir konnten schon nach 6 Uhr in ihrem Geschäft frühstücken. Sie erzählte, dass sie am gestrigen Abend noch oft an uns gedacht habe. Sie war sehr besorgt, dass es uns an nichts fehle und schenkte uns beim Abschied noch eine Packung Champagner-Truffes. Diese bringen Glück! sagte sie dazu. Erstaunlich, denn Hotel und Bäckerei sind eigenständige Betriebe. Sie handelte nicht, um sich im Namen eines Vorgesetzten zu entschuldigen. Sie half uns aus Mitgefühl. Und ihre Wünsche brachten uns wirklich Glück.
 
Sobald wir unseren Platz im Reisebus eingenommen hatten, lief alles wie am Schnürchen. Der Chauffeur nannte die Route unserer gemeinsamen Fahrt: St. Gallen – Rorschach – Bludenz – Arlberg – Landeck – Mals – Vinschgau – Meran – Kalterersee – Trento – Etschtal – Rovereto – Gardasee und das Ziel: San Felice del Benaco. Er nannte die Ankunftszeit, sofern uns kein Stau an einer flüssigen Fahrt hindere. Sogar mit 2 Minuten Vorsprung waren wir dann abends am Ziel.

Montag, 31. März 2014

Lang Holz aa! Bäume und Holz: nicht nur Werkstoffe

Gerade als ich auf die Werkstatt zuging, fuhr ein Lastwagen hinter mir her. Er überholte mich. Die Fahrbahn zwischen Häuserzeilen und einer Hochhausbaustelle verlangt hier von jedem Chauffeur volle Konzentration. Er hielt sein Gefährt an. Ich erwartete schon etwas Ungeduld, weil vor dem Werkstatteingang ein fertig gestellter Esstisch stand. Primo wollte ihn noch fotografieren, bevor er abgeholt wurde. Der Chauffeur stieg aus seinem Gefährt, gab sich als „ursprünglich auch Schreiner“ zu erkennen. Er wollte den Tisch bewundern, rief schon, als er aus dem Auto stieg: „Eine solche Arbeit möchte ich auch einmal gemacht haben!“

Wir erlebten in diesem Augenblick sein Heimweh nach dem handwerklichen Beruf. Er strich über die Oberfläche, als wollte er das Material liebkosen. Diese Berührungen – Primo nennt sie gern haptisch – erlebten wir früher oft, als noch in der grossen Werkstatt gearbeitet wurde. Die Kunden fühlten sich angezogen einerseits von der Schönheit des Holzes, aber auch vom Duft im Umfeld der Hobelmaschine. Sie schauten, berührten das Holz, manchmal fast traumwandlerisch. Und wühlten in den Hobelspänen.
 
Von einer mit uns befreundeten Schreiner-Familie im Engadin (Kanton Graubünden) erhielten wir zu Weihnachten einen Stern und eine Packung Hobelspäne – beide aus Arvenholz. Diese Späne bestimmen auch nach 3 Monaten immer noch das Raumklima unserer Stube mit. In einer offenen Schale liegend, verströmen sie ihr unvergleichlich starkes Aroma. Manchmal halte ich die Schale vors Gesicht und atme den Duft genüsslich ein.
 
Dem Holz wird auch eine Schutzfunktion nachgesagt. Ich beobachte schon lange, dass im Holz eine geheime, ausgleichende Kraft leben muss. Es ist fähig, die Menschen friedlich zu stimmen und die Gesundheit zu unterstützen. Und es fängt, besonders wenn der Innenausbau oder Möbel aus Nadelholz geschaffen worden sind, Lärm auf. Es schluckt ihn. Es schwingt. Und andererseits ist ein Glaube mit dem Holz verbunden, dass es vor Unglück schützen könne. Einige mögen diese Aussage als Aberglaube schlecht machen. Wahr ist aber, dass immer noch viele Menschen in unserer Gegenwart rufen Lang Holz aa! (Berühre Holz!), wenn sie sich vor Unbill schützen wollen. Immer dann, wenn sie eine sehr gute Nachricht ausgesprochen haben und verhindern wollen, dass diese ins Gegenteil kippt.
 
Es freute mich darum, als ich in der Sonntagszeitung vom 23.03.2014 las, dass der CEO der Edelweiss Air (Schweizerische Fluggesellschaft) diesen Ausspruch verwendete, als er in einem Interview davon sprach, dass sie seit der Gründung 1995 keinen Unfall habe beklagen müssen. Auch er wollte offensichtlich das Schicksal nicht herausfordern und fügte an: Holz aalange! Solche Menschen sind mir sympathisch.
 
Gefreut habe ich mich dieser Tage auch, als ich eine Kolumne von Glennyce Eckersley las, einer Autorin, die spirituelle Geschichten verfasst. Dabei fand ich eine Erklärung zum obigen Thema. Sie berichtete, im Mittelalter sei es üblich gewesen, sich an die Naturgeister zu wenden, um Unglück abzuwehren. Dreimal auf den Stamm eines Baumes klopfen, bedeutete um Hilfe rufen. Wurde die Bitte erfüllt, kam man später zum Baum zurück und klopfte noch einmal auf den Stamm, um zu danken.
 
Holz wird von Primo täglich berührt, ohne dass er um Hilfe ruft. Vielleicht spüren Bäume und Holz seine Faszination ihnen gegenüber. Manchmal denke ich, es sei eine echte Liebesbeziehung mit viel Verständnis für einander. Er bewundert sie, spielt mit ihren Farben und Formen, und sie machen mit, weil er ihre Schönheit ans Licht bringt.

Mittwoch, 19. März 2014

Regie führte die Natur: Spässchen in der Blumenkiste

Irgendwann im Herbst 2012 stellte jemand eine mit Erde gefüllte Eternitblumenkiste auf die Holzbeige neben dem Werkstatteingang. Wahrscheinlich wurde sie lange nicht beachtet, denn rund um diesen Ort wird gebaut. Und oft werden ausgediente Dinge einfach irgendwo entsorgt.
 
Im Mai 2013 entdeckte Primo darin eine heranwachsende Pflanze. Er hatte sie weder gesät noch gesetzt. Er wusste nicht, wer sie war. Sofort freundete er sich mit ihr an und sorgte dafür, dass sie genügend Wasser bekam. Der Ort war günstig für sie. Sie profitierte von der Mittagssonne und von der abstrahlenden Wärme der Hausfront.
 
Dann berichtete er eines Tages, dass ein kleines, weiss-gelbes Stiefmütterchen erblüht sei. Er freute sich enorm. Und bemühte sich wahrscheinlich, noch zuverlässiger für ein feuchtes Erdreich zu sorgen. Und bald danach berichtete er wieder überrascht, dass nun insgesamt 12 Stiefmütterchen zu bewundern seien. Zuerst dachte ich, die Zahl sei wohl übertrieben. Ich müsse in die Werkstatt kommen, um diese Pracht zu sehen. Da war ich dann auch ergriffen.
Unsere Freude hiess sie willkommen. Sie müssen diese gespürt haben. Sie entfalteten sich grossartig und wurden dementsprechend auch von Passanten und Kunden wahrgenommen. Es fehlte ihnen nichts. Waren die Sonntage sommerlich heiss, besuchten wir unsere Blumengäste am Abend und wässerten sie. Was sie an Kraftnahrung brauchten, holten sie sich selber aus dem Erdreich in der Kiste. Erstaunlich ihre Leistung!
 
Anfangs Oktober fotografierte ich sie für eine Abschiedsbild. Viel zu früh. Andere Grünpflanzen, die sich ebenfalls in dieser Kiste eingenistet hatten, waren schon verdorrt. Und beeinflussten das Bild unserer Freunde. Auch ihr Absterben schien nahe.

Und wieder sorgten sie für eine Überraschung. Ein paar Wochen später meldete Primo, jetzt sei ihr Ende gekommen. „Sie sind vertröchnet“, meldete er. Und anderntags musste er diese Nachricht widerrufen. Die Blumen hatten ihre Blätter nur eingerollt, waren noch am Leben. Anderntags begrüssten sie Primo, der bei Tagesanbruch an ihnen vorbeikam. Sie schienen zu lachen. Sie hatten sich erneut geöffnet. Und Mitte Dezember blinzelte uns nochmals ein einzelnes Stiefmütterchen zu. Wir sind eben stark, schien es zu sagen. Auch winterhart, nennt man uns. Ihr werdet noch von uns hören. Einstweilen nur so viel: Wir sind nicht identisch mit den bösen Stiefmüttern in den Märchen.
 
Dann verdorrte auch dieses, schloss die Augen und ihre Ferienwohnung in der Blumenkiste wurde zum Friedhof.
 
Nun März 2014: Sie sind wieder da!

Mittwoch, 5. März 2014

Reisefüdli wird genannt, wer gern und oft unterwegs ist

Das Dialektwort Füdli steht für das schriftdeutsche Gesäss. In meiner Jugend wurde es vielfältig gebraucht. Trödelten wir bei einer Arbeit, hiess es manchmal: Lupf emal s Füdli!
Steh auf, mach vorwärts! Das Füdli wurde aber auch als eine Art Gefäss verstanden, in dem die Schulden versenkt oder unübersehbar viel Arbeit auf Erledigung wartete. Da hiess es dann: S Füdli voll Schulde oder s Füdli voll Arbet.
 
Ich beschränke mich in diesem Beitrag nun auf das Thema Reisefüdli. Dieses Wort ist gut verständlich, sitzen wir doch auf Reisen manche Stunde in der Eisenbahn, im Auto oder im Bus. Uf em Füdli.
 
Ich stecke gerade in einer neuen Vorfreude. Die Reise ins Gebiet der oberitalienischen Seen steht bevor. Immer wieder träumte ich davon, einmal dorthin zu kommen. Erster Anlass zu diesem Traum war Johanna Spyris Buch Heimatlos. Als wir 1971 ins Bernoullihaus in Zürich übersiedelten, fanden wir es auf dem sauberen Estrichboden. Die Hausbesitzer hatten es als Willkommgruss zurückgelassen und so signalisiert, dass hier unsere neue Heimat sei.
Es ist eine sehr alte Geschichte, 1878 im Verlag A. Weichert in Berlin erschienen. Der Text wurde noch in Frakturschrift gedruckt. Unsere Mädchen konnten ihn damals noch nicht selber lesen.
 
Er liess und lässt sich gut erzählen. Ricos Geschichte bewegte uns und bewegt mich immer noch. Wir litten mit dem Buben, der die Mutter und später auch den Vater verloren hat. Wir fühlten sein Heimweh, und wir fieberten mit, als er den weiten Weg von Sils Maria im Kanton Graubünden nach Peschiera am Gardasee in Italien antrat.
 
Seit 43 Jahren sitzt dieser Wunsch in mir fest, ebenfalls nach Peschiera zu kommen und das südliche Licht aufzunehmen. Blumen und Bäume zu bewundern, die nur im Süden gedeihen. Ich bin alt geworden, aber der Traum von dieser Reise lebt noch in mir, regt sich und signalisiert, er möchte endlich erfüllt werden.
 
In Ricos Leben spielte eine Geige eine grosse Rolle. Auf seiner Reise nach Hause, konnte er Mitreisende in der Postkutsche unterhalten und etwas Geld gewinnen. Nach der Schriftstellerei war ihm das fotografische, eidetische Gedächtnis angeboren. Wenn er zuschauen konnte, wie jemand geigte, konnte er das Stück gleich nachspielen. So will es die Geschichte, und so hörte ich es auch schon von zeitgenössischen Musikern. Das sind die wahren Talente.
 
Und gestern kam mir unerwartet ein altes Gesangbuch in die Hände. Ein Erbstück einer verstorbenen Tante, die viel mit uns gesungen hat. Ich blätterte darin und staunte. Da war mir, als würde mir Rico sein Lied singen. Ich kannte es nicht. Es wurde vermerkt, dass es gefühlvoll gesungen werden müsse. Und so empfand ich es, auch wenn ich nur den Text las.
 
Das arme Geigerlein, Komponist J. Gungl
 
Ich bin ein armer Musikant, wie ihrer viele sind, ich hab kein Haus, kein Heimatland, ich hab nicht Weib und Kind.
Ich sing und spiel vor mancher Tür wohl um mein täglich Brot, und reicht man eine Gabe mir, dann sag ich: Lohn es Gott!
 
Die einz'ge Freundin, die ich hab, ist hier die Geige mein, die zieht mit mir Welt auf, Welt ab in Sturm und Sonnenschein.
Und was mich quält und was mich freut, all' das vertrau ich ihr, und sie versteht mich jederzeit, sie lacht, sie weint mit mir!
 
Und wenn einst vor der letzten Tür' mein letztes Lied erklang, und wenn an meiner Geige mir die letzte Saite sprang:
Ach nur ein Plätzchen gönnt mir dann an stiller Friedhofswand, wo von der Wand'rung ruhen kann der arme Musikant!
 
Was kann ich da dazu noch sagen?
Dass ich mich darüber freue und es als gutes Omen für unsere Reise nach Peschiera verstehe. Aber ganz besonders auch darüber, was ich aus der Geschichte weiss, dass Rico die Schulfreundin und Nachbarin aus Sils Maria heiratete und sie nach Peschiera mitnahm.

Sonntag, 19. Januar 2014

Aus der Lebenserfahrung entstanden seine Metaphern

Ich wischte den Boden im Wäschetrocknungsraum und dachte an Fritz. Ich fragte mich wieder einmal, ob er mit mir zufrieden wäre, mich in seinem Gestaltungsbüro einstellen würde. Er erzählte mir vor etwa 30 Jahren einmal, dass er den modernen Bewertungskriterien bei der Auswahl von Angestellten misstraue. Es reiche doch, einer Person den Auftrag zu geben, einen Raum zu wischen und ihm zuzuschauen, wie er vorgehe. Da komme die persönliche Übersicht zur Geltung. Und man sehe sofort, ob jemand eine Aufgabe systematisch angehen könne.
 
Ein andermal sprach er vom Spiegelei. Auch dieses sei geeignet, um einen Kandidaten oder eine Kandidatin auszuwählen. Dabei ging es dann um Feingefühl und Geduld. Auch um die Qualität der Sinne und die Beobachtung. Wie ein Ei in die Hand genommen und aufgeschlagen werde. Und ob die Butter massvoll erhitzt worden sei. Sicher hatte er noch viele solch vergleichende Bilder auf Lager. Die beiden erwähnten sind in mir in lebhafter Erinnerung geblieben.
 
Wäre Fritz noch am Leben, würde er demnächst 100 Jahre alt. Er war Gestalter, Innenarchitekt, ein schöpferischer Mensch. Die Qualität seiner Ideen und Entwürfe entsprach den Qualitäten der Schweiz von einst. Er setzte seine Talente gerne für sie ein und hatte Erfolg. Seine mit Partnern geführte Firma war denn auch eine Talentschmiede.
Aus der Zeitung «Die Vorstadt» vom 16.3.1977,
Kunstvitrine, Keller und Bachmann, Herstellung Primo Lorenzetti, Idee und Realisierung Fritz Keller

Aus dem Lebenslauf, der bei seiner Beerdigung vorgelesen wurde, tauchte nochmals ein typisches Muster seiner Beobachtungen auf. Es wurde berichtet, wie er sich im Spital beklagt habe. Er soll gesagt haben: Von einem Arzt erwarte ich, dass er mir in die Augen schaut, nicht ständig in den Computer. Der Mensch hatte für ihn umfassenderen Stellenwert als die Technik.
 
Mir gefallen solche Überlegungen, weil ich selbst auch nicht mehr jung bin. Bevor der Computer in alle Berufsbereiche einzog, betrachtete man das Leben als etwas Ganzheitliches. Die Freude am Detail und an rechnerischen Analysen waren noch nicht abgespaltet.
 
Fritz suchte immer nach dem Augenmass, nach der Verhältnissmässigkeit einer Sache, einer Sorge, einer übertragenen Arbeit. Ihnen in die Augen zu schauen, bedeutete, das Lebendige zu ergründen. Er wollte dem Innersten gerecht werden und es auch berühren.
 
Wenn er in unsere Werkstatt kam, dann suchte er nach geeignetem Holz für einen Auftrag. Er nannte keine Namen, auch keine bestimmte Farbe, die ihm vorschwebte. Er umschrieb sie, erklärte beispielsweise, er wolle den Eindruck einer von den Jahreszeiten gegerbten Scheunenwand darstellen.
 
Heute kommen Designer mit einer Farbkarte, nennen Namen und Nummer. Ihre Gestaltungen sind in unseren Augen dementsprechend kühl. Und doch werden auch sie dem Leben in die Augen schauen, einfach aus einem anderen Blickwinkel heraus.

Sonntag, 12. Januar 2014

In der Eisenbahn: Der Sturm auf die reservierten Plätze

Unbekannt war uns, wie reservierte und bezahlte Sitzplätze in der Bahn ganz selbstverständlich okkupiert werden. Als wir in Köln die unsrigen schon besetzt vorfanden, mussten wir aber nicht um unser Sitzplatzrecht kämpfen. Die beiden Personen erhoben sich sogleich und verschwanden. Als wir dann fürs Mittagessen in den Speisewagen wechselten, informierten wir unsere Sitznachbarn, dass wir nichts dagegen hätten, wenn unsere Plätze zwischenzeitlich benützt würden. Aber wenn wir zurück kämen, möchten wir sie wieder einnehmen.
 
Ganz anders das Erlebnis unserer Tochter Letizia. Auf einer Reise nach München fand sie ihren reservierten Sitzplatz ebenfalls besetzt vor. Es sass da eine Frau, und die war nicht bereit, wegzugehen. Sie sagte, sie habe sich hier bereits zum Arbeiten eingerichtet. Es gebe ihn diesem Wagen gewiss noch freie Plätze.
 
Einer ähnlich sturen Person sind wir dann in Düren begegnet, konnten zuschauen, wie sich 3 Autos so verfahren hatten, dass 2 hintereinander angefahrene Fahrzeuge gefangen waren, weil eine entgegenkommende Autofahrerin um ein parkiertes Auto herum kurven wollte und mehr als die halbe Strassenseite beanspruchte. Diese Frau war mit freundlichen Worten nicht zu bewegen, zurückzufahren. Der nur geringe Verkehr stand still. Man wartete. Es wurde nicht gehupt. Es dauerte sehr lange, bis sie einsah, dass sie der Bitte nachkommen musste. Sogar im eigenen Interesse, denn auch ihr Auto war gefangen. Nur sie allein konnte die Blockade auflösen. Der hohe Trottoirrand in der Gegenrichtung verhinderte, dass die Entgegenkommenden hätten ausweichen können.
 
Es war ein Beispiel, wie Kriege entstehen oder abgewendet werden können.
 
Wieder zurück in der Bahn: Datönte eine Durchsage aus dem Lautsprecher. Ich sagte zur mir gegenüber sitzenden Frau, ich hätte diese nicht verstanden. Sie auch nicht. Aber sie wisse, was mitgeteilt werden wollte. Es seien immer dieselben Nachrichten. Verspätung. Keinen Anschluss an den fahrplanmässigen Zug.
 
Da dämmerte es mir. Darum wollen junge Leute, die auf diesen Strecken reisen, keine Sitzplatzreservation bezahlen. Wenn der Zug abgefahren ist, ist auch der bestellte Sitzplatz fort, also verloren. Anfänglich störte es mich, dass man um einen bestellten und bezahlten Platz bitten musste. Jetzt wussten wir Bescheid.

Wir dachten auch noch über die Frau im Auto nach. An jenem Ort befindet sich ein Krankenhaus. Vielleicht kehrte diese in unseren Augen sture Frau von einer Behandlung zurück, hatte möglicherweise ein beruhigendes Medikament erhalten, das rasches Handeln verunmöglichte. Wenn wir immer alles schon wüssten, hätten wir mehr Verständnis für scheinbar egoistisches Verhalten.

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Kommissionen in der Innenstadt inspirieren mich immer

Es kommt darauf an, warum ich in die Stadt gefahren bin. Suche ich etwas Bestimmtes, schaue ich nur darauf aus. Habe ich Zeit zum Schlendern, interessieren mich die Menschen. Ich gehe aber nur in die Stadt, wenn Kommissionen zu erledigen sind. Alles, was ich dann erlebe, ist Beigabe, also Geschenk.

Es gibt immer etwas zu sehen, was neu ist. Ich treffe immer auf Menschen, die ich gar nicht kenne. Ich schaue in Schaufensterauslagen und stelle oft fest, dass sie an meinen Bedürfnissen vorbeizielen. Aber Gestaltungen von Schaufenstern sind immer interessant.


Dieser Tage ging ich den Zürcher Rennweg hinauf und sah einem jungen Mann zu, der verschweisste Pakete aus ihren Hüllen befreite. Es muss sich um eine komplette Lastwagenladung Spielzeugbausteine gehandelt haben. Er schlitzte die Plastikhüllen auf und verteilte die verschieden hohen Schachteln auf Paletten. Ich schaute zu und sagte nach einer Weile: Faszinierend, Ihnen zuzuschauen. Ihre Bewegungen wie im Ballett. Er stutzte, ohne seine Arbeit auch nur einen Augenblick zurückzuschrauben. Dann huschte ein leises Lächeln über sein Gesicht, und er sagte: Danke! Und schon war er wieder bei seiner Arbeit und tief in ihre Abläufe versunken. Er gab den Eindruck, als sei er ein Teil einer computergesteuerten Verteilungsmaschine. Sofort wurde mir klar: Er durfte seinen Rhythmus nicht verlieren, sonst fiele seine Aufgabe in sich zusammen.
 
Es sind seither ein paar Tage vergangen. Und noch immer sehe ich diesen Mann vor mir. Das Aufblitzen seines Blicks und eine gewisse Traurigkeit in seinen Augen. Obwohl ich seine artistische Arbeit bewunderte, wussten wir beide, dass dies eigentlich nicht menschengemäss ist, was er hier machen musste. Der Mensch als Teil einer Maschine sein, eingespannt in vorgegebenes Tempo.
 
Traurig auch, weil solche Arbeit der Weihnacht dienen muss. Das Spielzeughaus, dem er die Ladung lieferte, kann vermutlich alle Kinderwünsche erfüllen, wenn das nötige Geld vorhanden ist.
 
Ist das der Sinn von Weihnachten? Grosseltern, die 70 oder 80 Jahre alt sind, wundern sich schon lange, wie Materielles den Sinn dieses Festes erdrückt. Und wie die ausgepackten Geschenke in den Kinderstuben zur Spielzeughalde werden. Angeschaut und hingeworfen. Plastikwelt, nenne ich sie.
 
Gerne wüsste ich jetzt, wie man in 50 Jahren das Weihnachtsfest erklärt. Heute gibt es nur noch eine dünne Schicht der Bevölkerung, die den Sinn dieses Festes kennt und ihn in Geschichten auch nacherzählen kann. Aber in 50 Jahren, wenn die Kinder von heute selbst Eltern geworden sind, was werden sie diesem Fest hinterlegen? Vielleicht ist dann der materielle Reichtum schon längst Geschichte und taugt zu nichts mehr.
 
Es fällt mir auch auf, dass die Adventsstimmung immer weniger mit Christi Geburt in Zusammenhang gebracht wird. Krippen sind schon seit Jahren nur noch selten in Schaufenstern anzutreffen, und dass da ein Kind geboren wurde, das später als erwachsener Mensch einen friedlicheren Lebensentwurf verkündete und lehrte, scheint weitgehend ausgeblendet. Es gibt je nach Region keine oder nur noch wenige Bilder, die in der Gegenwart das Weihnachtsgeheimnis andeuten wollen.
 
Das Weihnachtsfest müsste eigentlich als Dankesfest gestaltet werden. Aber es ist ein Konsum orientiertes Fest geworden, das vielen Familien Stress und Unfrieden beschert. Schenken ist zu einem Zwang und Wettbewerb geworden. Zu einem Geschäft.
 
Gerade im rechten Augenblick, bevor ich etwas trübsinnig geworden wäre, entdecke ich einen Ausstellungshinweis des Landesmuseums Zürich. Dort kann bis zum 5. Januar 2014 eine Krippenausstellung besucht werden. Weihnachten und Krippen ihr Name. Und es heisst dazu, das Landesmuseum Zürich lasse zur Winterzeit die Kinderherzen höher schlagen. Mit speziellem Programm für die Kleinen, ohne dass die Grossen zu kurz kämen. Schöne Aussichten, auch für mich. www.landesmuseum.ch

Dann suchte ich die Apotheke St. Peter in der St. Peterstrasse 16 auf. Es ist meine Lieblingsapotheke, weil sie sich um die Komplementärmedizin kümmert. Das ist ihre Stärke. Dort imponiert mir die wunderschöne, noch an alte Zeiten erinnernde, aber gepflegte Einrichtung. Und immer gibt es dort einen der Jahreszeit entsprechenden Blumenstrauss. Dieser Ort strahlt aus, auch darum, weil die Kombination natürlicher Aromen der hier gelagerten Medikamente das Raumklima mitbestimmt. Da fühlt man sich einfach wohl, als Mensch.
 
Hier holte ich den WELEDA-Wandkalender für 2014 ab. Seit Jahren schenke ich mir diesen. Immer sind es künstlerische und dem anthroposophischen Welt- und Menschenbild entsprechende Bilder, die einen durchs Jahr begleiten. Diesmal wurden 12 WELEDA-Leitpflanzen dargestellt. Es sind dies Birke, Aloe, Brennnessel, Eurphrasia, Iris, Lavendel, Arnika, Calendula, Sanddorn, Granatapfel, Ratanhia und Wildrose. Das Kalenderblatt jedes Monats ist 2-lagig. Obenauf, auf Transparentpapier, die mit Tusch gezeichnete Pflanze. Unter ihr die farbige, gemalte Ausstrahlung. Es ging darum, in die Wesenhaftigkeit der Pflanze vorzudringen, sie mit allen Sinnen wahrzunehmen, nicht nur mit dem Sehsinn zu agieren, sondern auch auf den Tastsinn und Geruchsinn, also im Erleben der jeweiligen Pflanze zu reagieren. Diese Farbgestaltung wurde in der Technik der Aquarelltunkpapiere ausgeführt. Die Bilder bewegen, rühren an ihre Geheimnisse.
 
Auf dem Heimweg kaufte ich jenem SURPRISE-Verkäufer, der regelmässig vor dem Kramhof steht, wieder einmal eine Zeitschrift ab. Es ist dies ein Strassenmagazin, das von Arbeitslosen verkauft wird. Ich zahlte den Preis und wollte das Heft dem Mann zurückgeben, damit er es 2 x verkaufen könne. Da sagte er zu mir: Das wäre ein Verlust für Sie. Wir haben gerade diesmal einen ganz speziellen Beitrag über Partnerschaft und Geld drin. Und schon viele Komplimente bekommen. Er sagte es so, wie wenn er der verantwortliche Redaktor wäre. Also packte ich das Heft ein.
 
Dank dieser Zeitschrift wurde ich dann auf eine Ausstellung in der Pädagogischen Hochschule Zürich aufmerksam. Sie befasst sich mit dem Schleier und Kopftuch und wirbt für mehr Gelassenheit ihnen gegenüber. Ohne die erwähnte Zeitschrift hätte ich diese interessante Darstellung der Kulturgeschichte des Schleiers verpasst. Dem Zeitschriftenverkäufer sei Dank. Er hat mich gut beraten.
 
Die Ausstellung dauert nur noch bis zum 14. Dezember 2013.Es steht noch ein Referat aus dem Begleitprogramm bevor: 11.12.2013. Wie Kleider Leute machen. Anschliessend Podiumsdiskussion mit Menschen, die mit ihrer Kleidung ,auffallen’.
 
Hoffentlich schaffe ich es, auch noch dabei zu sein.

Sonntag, 17. November 2013

Nicht nur Geschäfte, auch Sternschnuppen erwartet

Aus der goldenen Pracht der Bäume, die uns bis vor kurzem umgaben, sind Skelette geworden. Die Blätter sind abgefallen. Der Herbst hat seine Zeichen wieder gesetzt. Die Sonne durchdringt jetzt nur noch selten die Wolkendecke. Da ist es zu Hause wieder am schönsten. Ich fühle mich in einem Zwischenreich. Die Farben sind am Verblassen. Grau dominiert.
 
Auch die Räbenlichter-Umzüge haben wieder stattgefunden. Einmal fuhr ich im Bus nach Hause, als an einer Station viele Kinder einstiegen, auch Eltern und Mütter mit Kinderwagen. Eine bunte Schar. Sie trugen Räbenlichter bei sich. Als diese an der Station eines Schulhauses alle ausstiegen, sprach mich eine Frau an, die ihrer Sprache nach keine Schweizerin war. Sie sagte, das sei ein christliches Fest, und diese Kinder da seien doch alle Muslime. Das passte in ihrem Denken nicht zusammen. Ich beschwichtigte sie, es sei ein Lichterfest. Es gehe hier um Dunkelheit und Licht und dass die Kinder die Nacht erfahren dürfen und ebenso, was Licht sei. Da bekam ich dann ein versöhnliches Lächeln geschenkt.
 
Auch diesmal standen Primo und ich mit Letizia auf ihrem Balkon und schauten auf den Umzug. Die Strasse dort ist abfallend und wenn hier Kinder mit ihren wackligen Lichtern vorbeiziehen, sieht es aus, wie wenn diese auf einem Bach daherkämen.
 
In der Zeit zwischen Herbst und Advent entdecken wir manchmal schon ersten Anzeichen der bevorstehenden Weihnachtszeit. Aber erst, wenn die Beleuchtung der Bahnhofstrasse ausstrahlt, erfahren wir den Zauber des Advents. In diesem Dezember 2013 wird die Beleuchtung Lucy erstmals am 21. Dezember um 18 Uhr eingeschaltet. Wer dann dort unterwegs ist, wird augenblicklich auf Weihnachten eingestimmt oder sogar programmiert. Es gibt immer Leute, die für diesen Augenblick extra in die Innenstadt kommen.
 
Materielle Dinge werden immer wichtiger und bestimmen das Weihnachtsgeschäft. Auch wenn sie golden verpackt sind, beantworten sie den Sinn dieses Festes nicht. Darüber werden vermutlich die Referenten der Sternschnuppen über Mittag sprechen.

Als ich dieser Tage in die Innenstadt kam, zog es mich wieder einmal in die Christkatholische Kirche, die wir Augustinerkirche nennen. Es ist nicht meine Kirche, aber ich gehe gern dorthin. Mir gefällt der Raum und die Atmosphäre. Auf einem Lettner, der den Altarraum vom Kirchenschiff trennt, stehen 3 Skulpturen. Christus in der Mitte, Maria links und vermutlich Johannes rechts von ihm. Die Beleuchtung dieser 3 Gestalten ist so geschickt eingerichtet, dass die Figuren ihre Schatten auf die gebogene Wand im Altarraums werfen und den Schein erwecken, die erwähnten Personen seien anwesend, mitten unter uns.
 
Im Advent bietet diese Kirche Sternschnuppen über Mittag an. Eine Veranstaltungsreihe mit Gastreferenten zur Weihnachtszeit. Sie ist beliebt und diesmal wir im Einladungsprospekt sogar von der 100. Sternschnuppe gesprochen.
 
Ab 21. November 2013, immer am Donnerstag, von 12.15 Uhr bis 12.45 Uhr, findet eine von 5 Sternschnuppen über Mittag statt. Es sprechen bekannte Persönlichkeiten zur Weihnachtszeit. Diesmal eröffnet Hildegard Schwaninger den Sternschnuppenreigen. Sie ist in Zürich als bestinformierte Gesellschaftsjournalistin bekannt. Es folgen weitere zu Zürich gehörende Menschen, die etwas zu sagen haben. Und alle Sternschnuppen-Zwischenhatle werden auf feinsinnige Art musikalisch untermalt.
 
Erwartet werden auch
Lorenz Marti, Journalist und Schriftsteller, bis vor kurzem Radiojournalist, Bereich Religion
Tony Styger, Seelsorger, Leiter der "Dargebotenen Hand"
Catriona Bühler, Sopran, Severine Schmid, Harfe
Franz Hohler, Kabarettist und Schriftsteller.
 
Es sind Angebote für Menschen, die sich über Mittag dem Beruf entziehen und in andere Sphären abgeholt werden möchten.
 
Am 1. Adventssonntag wird übrigens der Gottesdienst aus dieser Kirche um 10 Uhr bis 10 45 auf SRF 1 (im Schweizer Fernsehen) übertragen.
 
Weiter auf meinem Rundgang durch die Altstadt habe ich im Grossmünster Hinweise auf das offene Singen am ersten Advent (1. Dezember 2013) gefunden. Dieses gemeinsame, offene Singen traditioneller sowie neuer Advents- und Weihnachtslieder sei auch für Familien mit Kindern geeignet. Es findet um 17 Uhr im Zürcher Grossmünster statt.
 
Zürich ist nicht nur Bank- und Geschäftswelt. Es gibt hier auch ein religiöses Leben und Sinnfragen werden hier auch gestellt. Auch wenn darüber nur wenig Schlagzeilen zu lesen sind.

Montag, 4. November 2013

Gedanken zu Schrei, Schrei der Natur und zum Geschrei

In der Ausstellung mit Lithografien und Holzschnitten des Norwegers Edvard Munch (1863‒1944), hat mich das Thema Der Schrei besonders angesprochen. Es ist weltbekannt. Primo entdeckte gleich, dass Munch der Lithografie aber den Titel Der Schrei der Natur gegeben hat. Handschriftlich, gut lesbar. Allgemein wird immer nur vom Schrei (Der Schrei) gesprochen.

Das Bild dazu kann ich hier nicht zeigen. Aber aus einer kleinen Schrift, die das Kunsthaus zur Verfügung stellt, Munchs eigene Worte zum Bildinhalt wiedergeben:
Ich ging die Strasse entlang mit zwei Freunden – Die Sonne ging unter. Der Himmel wurde blutig rot – Und ich fühlte einen Hauch von Wehmut – Ich stand still erschöpft bis zum Tod – über dem blau-schwarzen Fjord und der Stadt lagen Blut und Feuerzungen. Meine Freunde gingen weiter – ich blieb zurück – zitternd vor Angst – Ich fühlte den grossen Schrei der Natur.
 
Hier wird vom Schrei der Natur gesprochen. Mir erschien diese Bezeichnung sofort umfassender. Wir alle sind Natur, eingebettet in Natur. Wir erfahren sie innerhalb und ausserhalb von uns.
 
Ein 3. Titel, den ich etwas später entdeckte, liess mich das Bild dann noch besser verstehen. Dem erwähnten Text gegenüber ist die dazugehörige Lithografie abgebildet. Und sie trägt den Titel Das Geschrei.
 
Das Bild zeigt Munch oder den personifizierten Schrei, an ein Geländer angelehnt. Die Freunde sind weggegangen, schauen nicht mehr zurück. Das Wasser im Fjord ist ruhig. Der Himmel bewegt, ängstigt aber nicht. Munch schrieb von Blut und Feuerzungen. Das reproduzierte Bild, das ich vor mir habe, zeigt nur eine schwarz-weisse Version.
 
Da steht einer und schreit. Mit weit aufgerissenen Augen. Mit den Händen die Ohren verschliessend und gleichzeitig den Kopf stützend. Schreit er nach innen, um das Geschrei in seiner Seele zu übertönen, es zu ängstigen, dass es verstumme?
 
Die Freunde, die weitergegangen sind, können ihn nicht hören. Und die ruhige Natur um ihn nicht trösten. Es wird verständlich, dass alle Bilder von Munch, die als Der Schrei bekannt geworden sind, auch Der Schrei der Natur und Das Geschrei darstellen. Wir begegnen ihnen öfters auch als Illustration, wenn Ausweglosigkeit dargestellt werden soll.
 
Obwohl die Bilder dieser Ausstellung Abgründe aufzeichnen und davon erzählen, wie einsam und verlassen sich dieser Mann immer wieder gefühlt haben muss, drückten uns die Werke nicht nieder. Der künstlerische Ausdruck und die grossartige handwerkliche Technik stellen das Gegengewicht dar.
 
Und sie wecken Mitgefühl und lösen Gespräche aus. Munch wird vermehrt verstanden. Man beschäftigt sich mit ihm. Für manch leidende Persönlichkeiten mögen seine Bilder Trost sein. Jetzt hat er Freunde, die bei ihm bleiben und ihn verstehen.
 
In dieser Ausstellung werden 150 grafische Meisterwerke gezeigt, die in solcher Gesamtheit noch nie ausgestellt worden sind.
 
Die Ausstellung im Kunsthaus Zürich dauert noch bis 12. Januar 2014.
 
Im Internet sind Abbildungen von Munchs Schrei zu finden. Es existieren verschiedene Repliken und auch Gemälde zu diesem Thema. Auch farblich gibt es Variationen.
 
Die Ausstellung zeigt noch weitere Aspekte aus den Grunderfahrungen unserer menschlichen Existenz: Liebe, Leidenschaft, Einsamkeit und Trauer. Der Schrei ragt nur für mich so dominant heraus.
 
Gepackt hat mich aber auch die Darstellung einer Frau, die sich vom Mann abgewendet hat. Sie schaut aufs Meer. Der Wind lässt ihre langen Haare waagrecht flattern. Und weil sie sehr lang gewachsen sind, können sie den hinter sich stehen gelassenen Mann berühren. Wenn ich mich recht erinnere, setzten sich die Haarspitzen auf seiner Schulter ab. Ist er berührt und hofft er, dass er noch nicht ganz verlassen worden ist?