Dienstag, 28. April 2009

Die Fahrt nach Fluntern – Mit dabei: Alltagskollege Stress

Ich fahre mit der S-Bahn weg. Heute steige ich schon auf der Station „Hardbrücke“ aus und will den Bus nach Fluntern benützen. Es ist 7 Uhr morgens, ungewöhnlich früh für mich. Für alltägliche Kommissionen zu früh. Es ist ein Arztbesuch fällig. Meine Ohren müssen schon wieder von Schmalzpfropfen befreit werden.
 
Darum bin ich heute mitten unter den Menschen, die zur Arbeit gehen und sich dem täglichen Stress unterziehen.
 
Dieser Lärm! Dieses Quitschen der Eisenbahnschienen und das Vibrieren der Fahrbahn, die über das aus Zürich hinausführende Schienennetz gespannt ist. Meine Ohren möchten aufschreien. Sie stechen mich. Und die Luft ist dreckig.
 
In solch einer Stimmung bedaure ich alle, die tagtäglich hier durchkommen und sich erschüttern lassen müssen. An der Busstation „Hardbrücke“ treffen sich zu viele Lärmquellen und stürmen auf uns ein. Täglich brausen 70 000 Autos über diese Fahrbahn. Unter ihr verkehren, ebenfalls täglich, 550 Züge der S-Bahnlinien.
 
Die Buslinie 33 zum Zürichberg führt oberhalb von Wipkingen an prächtigen Bauten aus der Jugendstilzeit, an noblen Familiensitzen und Villen vorbei. Bestandene Bäume scheinen diese etwas zu schützen, denn da, wo der Bus fährt, ist auch allgemeiner Verkehr. Und mit ihm Verschmutzung, Hektik und Abnützung. Da nützt die Adresse vom Zürichberg nicht mehr so viel. Von der einstigen Schönheit dieser Wohnlage ist einiges an Lack abgefallen.
 
Und erst dort, wo das Gasthaus „Vorderberg“ und ihm gegenüber die alte Kirche Fluntern stehen, fühle ich den Schmerz des Ortes beinahe körperlich. Störenfried ist eindeutig das Auto und die damit verbundenen Zwänge. In alter Zeit mögen Wege und Strassen, vermutlich 7 an der Zahl, von einem bedeutenden Mittelpunkt ausgegangen sein. Dieser ist aber nicht mehr zu finden. „Vorderberg“ und Kirche sind grundsätzlich Schmuckstücke, aber ihren Plätzen ist die Seele geraubt worden. Musste vielleicht schon dafür gekämpft werden, dass diese historischen Bauten überhaupt noch dastehen dürfen? Das weiss ich nicht.
 
Unter der Linde neben der alten Kirche stehend, überblicke ich den Ort. Am meisten beeindruckt mich die einfühlsame Schleife der Tramlinienführung. Als einzige vermag sie es, eine Insel zu schaffen und Fahrgäste zu beschützen. Wehmütig aufbegehrend, denke ich wieder einmal: Was doch dem Auto alles geopfert worden ist! Kein Wunder, dass man darüber nachdenkt, ob eine Seilbahn vom Bahnhof Stettbach zum nahe gelegenen Zoo gewisse Verkehrsprobleme lösen könnte.
 
Dann verabschiede ich mich von der Linde und mache mich auf den Weg zum Arzt. Eine halbe Stunde später sind meine Ohren gereinigt und ein anschliessender Hörtest gemacht. Mit einem Medikament, das mein Hörproblem heilen soll, bin ich wieder entlassen. Ich freue mich über den guten Bescheid und kehre sehr gern nach Altstetten, an den stillen Waldrand, zurück.
 
Am Abend dann, vor dem Einschlafen, wiederholt sich vieles. Kaum habe ich die Augen geschlossen, sehe ich Menschen auf mich zukommen, weitergehen und andere auftauchen. Wir schauen uns flüchtig in die Augen, erkennen uns aber nicht. Es bedroht mich niemand, aber ich befinde mich mit ihnen im Stress. Wir alle hasten vorbei. Glücklicherweise kann ich die Augen öffnen. Dann ist der Spuk vorbei. Schliesse ich sie wieder, bin ich gleich wieder unter Druck. Während die Menschen, denen ich am Morgen begegnet bin, vielleicht unter Zeitdruck litten, wurde mein Druck (vor allem auf der Brust) durch die verordnete Pille ausgelöst. Statt dass sie damit begann, mich zu heilen, löste sie bedrohliche Nebenwirkungen aus und zeigte mir diese in den am Morgen geschauten Bildern.
 
Um meiner grossen Unruhe auszuweichen, lasse ich dann ab Computer eine Tonsequenz meiner 2½-jährigen Enkelin Nora in der Endlosschlaufe ertönen. Der Sprache noch nicht ganz mächtig, versucht sie in dieser Aufnahme, ein französisches Kinderlied zu singen. Berührend sind ihre Ansätze, Wörter zu formen. Indem ich mich ganz auf sie konzentriere, kann ich meine Angst fahren lassen. Und später getraue ich mich sogar noch, den Blutdruck zu messen. Erschreckend hoch. Und ich war der Meinung, ich hätte mich beruhigt. Ich schon, doch der Körper muss mit Chemie fertig werden und kann weder auf mich noch auf die kleine Nora hören.
 
Das Schöne an der ganzen Sache: Ich habe wieder einmal erfahren, wie Bilder mein Denken und Fühlen unterstützen können. Interessant finde ich, dass die frisch eingespeisten Bilder von jenem Morgen gleich zur Belehrung eingesetzt worden sind.
 
Und das Medikament habe ich abgesetzt. Die beschriebenen Nebenwirkungen waren nicht die einzigen.

Freitag, 10. April 2009

Die Schüler von heute und das Klassenfoto von einst

Es wird wieder geschrien. Die Kinder spüren den Frühling. Sie rennen, spielen und kämpfen. Jedes ringt um einen eigenen guten Platz, will jemand sein, will im Spiel gewinnen.
 
Schüler gehen jetzt oft an meinem Bürofenster vorbei. Die wandelnden Farben lenken mich jeweils von der Arbeit ab. Seitdem die Sträucher radikal geschnitten worden sind, ist ein Durchschlupf zwischen 2 Zäunen sichtbar geworden. Jetzt sind Wege über die grosse Wiese beliebt. Die Kinder schätzen die Abkürzung zum Schulhaus. Ein schöner Weg, weich und grün. Völlig neu ist diese Situation auch für uns Anwohner, weil jetzt vermehrt Papierfötzel herumfliegen und herumliegen.
 
Auch heute Morgen war ich gar nicht begeistert, als ich, schwer beladen, auf dem Heimweg am Pausenplatz des Schulhauses Chriesiweg vorbei kam und aufgerufen wurde, einen Ball, der über den hohen Maschenzaun geflogen war, zurückzuwerfen. Nein! Dazu war ich gar nicht in der Lage. Der Rücken jaulte schon seit Minuten wegen meiner Lasten. Ich hatte Mühe, die Taschen und Säcke auszubalancieren und heimzutragen. Mit Buhrufen übergossen, ging ich weiter. Aber ein schlechtes Gewissen konnten mir die Primarschüler nicht anhängen. Darf man der Jugend nicht mehr zutrauen, einem verlorenen Ball selber nachzurennen? Eine Strecke von 20 Metern ist meiner Meinung nach zumutbar. Oder dürfen die Schüler den Pausenplatz vielleicht nicht verlassen? Noch als ich darüber nachdachte, kam ein junger Mann daher und erfüllte den Wunsch.
 
Vor ein paar Tagen wieder eine ganz andere Situation: Wieder Pause. Wieder Fussball spielende Buben. Und ganz vorne am Zaun, ein Schüler der betete. Mit gefalteten Händen stand er da. Der Blick ins Leere gerichtet. Ganz still, ganz versunken. Erfüllte er eine Pflicht? Oder brauchte er Hilfe? An wen wandte er sich? Mit dem Rücken zu seinen Kollegen, war er von ihnen getrennt. Aber nichts deutete darauf hin, dass er ausgegrenzt worden wäre. Er muss sich diese stille Ecke ausgesucht haben. Als sich unsere Blicke trafen, kam er in die Welt und zu seinen Kollegen zurück.
 
Und ich verreise seit einigen Tagen öfters in meine eigene, weit zurückliegende Kinderwelt. Ich hatte unserer Tochter davon erzählt, dass im Internet unter www.klassenfotoarchiv.ch eine Sammlung von rund 50 000 Schulklassen-Fotografien aus der Zeit von 1927‒1995 aufgerufen werden könne. Sie setzte sich sofort an den Computer und durchforstete die Schulhäuser aus dem Zürcher Industriequartier. Wir fanden 4 von 5 Geschwistern meiner Herkunftsfamilie.
 
Eine Foto von 1948 mit mir als Drittklässlerin bewegte mich ganz besonders. Ich wusste, dass es diese gab. Meine Eltern konnten sie sich aber nicht leisten, weil der damalige Umzug vom Zürcher Oberland in die Stadt Zürich zu viel Geld verschluckt hatte. Mutter erklärte mir, dass es noch mehrere Gelegenheiten für eine Klassenfoto geben werde. Wenn ich mich auf diesem Bild anschaue, erinnere ich mich augenblicklich an die finanziellen Sorgen, die mir als Kind nicht verborgen blieben. Wie wohl hätte ich mich gefühlt, wenn ich den Eltern unter diesen Umständen überhaupt keine Auslagen verursacht hätte.
 
Aber ich sehe auch anderes. Frau Anna Huber, die Lehrerin, die mich als Zuzügerin im Schulhaus Kornhaus in ihrer Klasse liebenswürdig willkommen hiess. Diese Foto habe ich bestellt. Sie liegt jetzt auf meinem Schreibtisch und zieht mich immer wieder in ihren Bann. In dieser Klasse habe ich als 39. Schülerin die Stadtkinder und das Leben in Zürich kennen gelernt. Mein Platz ist am Rande dieser Foto. Der besorgte, ins Leere gerichtete Blick ähnelt dem betenden Buben aus dem Schulhof Chriesiweg. Nach und nach erinnere ich mich an viele Namen. Geschichten steigen auf.
 
Diese Fotosammlung verdankt der Lehrmittelverlag des Kantons Zürich dem Fotografen Walter Haagmans und seinem Vater Hubert Haagmans. Die Aufnahmen stammen aus der Zeit von 1927‒1995. Die Originale befinden sich heute im Staatsarchiv. Das im Internet abrufbare Klassenfoto-Archiv wurde zum Jubiläum von 175 Jahre Volksschule Kanton Zürich aufgebaut. Ein Rundgang durch diese Zeiträume ist spannend. Allein das Aussehen der Kinder, ihre Kleider, Frisuren, ihre Schuhe lassen den Wandel verfolgen. Die grossen Klassen wurden zunehmend kleiner und die Gesichter der Lehrer und Lehrerinnen verloren die Strenge.
 
Ich frage mich jetzt: Was ist aus allen geworden? Nur von wenigen weiss ich es.

Sonntag, 29. März 2009

Dank den Töchtern immer noch an der Zukunft interessiert

In letzter Zeit spielt in meiner Familie die Vergangenheit eine grosse Rolle. Alte Freunde aus der Jugend wollen uns wieder treffen, auch Familienangehörige melden sich. Sind einmal die Jahre nach 70 überschritten, setzt das abschiedliche Denken ein. Da heisst es dann beim Adiösagen: „Kommt bald wieder, nicht erst zur Beerdigung!“
 
Eine ganz eindrückliche Schau zurück bot letzte Woche eine Veranstaltung der Zürcher Altstadtkirchen Grossmünster, Fraumünster, St. Peter und Liebfrauen. Im Pfarreizentrum an der Weinbergstrasse 36 wurde der Film „Das war die Landi (CH-Landesausstellung) 1939“ gezeigt. Mein Jahrgang. Doch bei der Ausstellungseröffnung war ich noch nicht auf der Welt. Es dauerte noch 6 Wochen, bis ich hier ankam. Die Eltern haben viel erzählt von dieser bewegenden Schau, einzigartig damals mit dem Schifflibach, der roten Schwebebahn, dem Landi-Dörfli und seinem gemütvollen Charme. Auch die Lieder jener Zeit hörten wir im Elternhaus immer mit einem Hinweis auf das damalige bewegende Ereignis.
 
Während des Films sog ich die Ausstrahlung der Menschen von damals in mich auf. Ich sah gesunde, bodenständige, aufrechte und lebensfrohe Menschen. Originale. Und es begeisterten mich ihre schönen, nach Mass geschneiderten Sonntagskleider und Trachten. Vermutlich gab es damals noch nicht viel Konfektion. Und Primo liess sich vor allem von der Architektur begeistern.
 
Diese Veranstaltung wurde ergänzt durch einen Zeitzeugen (Felix Landolt), der als Bub und „Landikoch“ die Ausstellung erlebte. Er zeigte Schulhefte mit Rezepten für seine Auftritte, aber auch Zeichnungen im Zusammenhang mit der Schweiz, die sich da feierte. Abschliessend berichtete Urs Baur, Leiter Fachbereich für praktische Denkmalpflege, Amt Städtebau Zürich, über die damaligen Architekten, die der Landi oder Zürich als Stadt ihr Gesicht gegeben haben. Und ich weiss jetzt besser, was mich geprägt hat. Die Erstlingseindrücke vermittelten eine Art Norm, an der sich mein Unbewusstes orientiert.
 
Über Google sind verschiedene Beiträge zur Landesausstellung 1939 abrufbar. Der 70. Jahrestag der Landi-Eröffnung steht für den 6. Mai 2009 bevor. Die Medien werden an diesem Tag mit Sicherheit ausführlich darüber berichten.
Und ich kann jetzt überleiten zur Gegenwart und Zukunft.
 
Wenn ich auf mein eigenes Leben zurückschaue, sehe ich wohl die Etappen und erinnere mich an wichtige Entscheidungen. Aber niemals kann ich alle Einzelheiten, wie die Welt auf mich einwirkte, an mir schliff, meine Talente ansprach und mich herausforderte, zurückrufen.
 
Nun kann ich über Letizias persönlichen Blog www.machetwas.blogspot.com verfolgen, wie die täglichen Eindrücke Spuren hinterlassen, wie sie in ihrem Fall verarbeitet werden, wie Ideen aufgefangen und zu etwas Eigenem gestaltet werden. Das Internet ist ihre Plattform, der Ort, wo Neugierde gestillt und Gefundenes für andere aufbereitet weitergegeben wird. Sie will und wird dranbleiben, auch wenn sie wieder eine feste Anstellung angenommen hat. Kommunikation und Austausch entsprechen ihren Anlagen. Im Moment hält sie sich mit Freelance-Aufträgen über Wasser. Und schwimmt einem noch unbekannten Ziel zu.
 
Ja, es ist meine Tochter, deren Blog ich täglich lese. Ich kenne sie und schaue sie und ihre sprudelnde Quelle doch immer auch so an, als ob ich nicht wüsste, wer sie sei. Ich lasse mich überraschen, erkenne Einflüsse aus ihrem Elternhaus, aber mehr noch ihre eigene, unverwechselbare Originalität.
 
Ihre Quelle sprudelt. Ihre mit Fotos gestalteten Blogs erfrischen mich. Blicke zurück sind plötzlich nicht mehr so wichtig.

Mittwoch, 18. März 2009

Sichtbarer Frühling: Grosse Freude über die Wiederkehr

Vor bald 3 Wochen, als ich durch den nahen Wald ging, waren noch keine Frühlingszeichen zu sehen. Auf der Anhöhe lag Schnee. Die Schneegrenze war deutlich sichtbar. Da nahm ich mir vor, von jetzt an auf kleinste Zeichen des Frühlings zu achten. Schon nach einer Woche überraschten sie mich. Es tauchten die Spitzen der Bärlauchpflanzen auf, da und dort auch solche vom Aronstab. Ich sah den Huflattich leuchten. Auch die Brennnessel fand ihren Weg ans Licht. Auf der grossen Wiese vor unserem Haus öffneten wild wachsende Primeln ihre Köpfe, und am Waldrand läuteten die Schneeglöggli.
 
Explosionsartig wurde die Lebenskraft wieder sichtbar. Gestern war ich, etwas mit Problemen beladen, unterwegs, zurückgezogen auf mich selbst, als mich am Wegrand plötzlich eine einzelne violett leuchtende Krokusblume ansprach. Hei! Da konnte ich die Sorgen gleich Sorgen sein lassen. Solange uns die Erde solche Schätze hervorbringt, sind wir noch nicht verloren.
 
Die Freude, den Frühling wieder zu erleben, fühle ich stark und als Ausgleich zu den gegenwärtigen Problemen in Wirtschaft und Politik. Die vielen Berichte über Zustände und Verantwortlichkeiten machen mich still. Ich erlebe sie wie eine Starkstromleitung, die mich abdrängt.
 
Meine Frühlingsgefühle fussen nicht auf Romantik. Aber sie öffnen mir die Augen, dass auch wir Menschen von dieser wieder sichtbar gewordenen Lebensenergie erfüllt sind. Mit ihr werden wir es schaffen, die anstehenden Flurbereinigungen zuzulassen und veralteten Ordnungen loszulassen. Und kleine Fische, wie ich einer bin, müssen sich in erster Linie darin üben, viel Unsicherheit auszuhalten. Neues steht nicht von einem auf den anderen Tag geschaffen vor uns. Im Stillen wächst es heran.
 
Ein Zitat von Hans Christian Andersen, auf das ich dieser Tage gestossen bin, unterstützt meine Gedanken:
 
„Die Folianten vergilben, der Städte gelehrter Glanz erbleicht, aber das Buch der Natur erhält jedes Jahr eine neue Auflage."

Sonntag, 8. März 2009

Beobachtungen im Haus: Flausen am Boden und im Kopf

Jedesmal, wenn ich den Raum wische, in dem die Wäsche getrocknet wird, wundere ich mich über die vielen Flausen. Die Fenster sind meist einen Spalt weit offen, und durch diese schmale Schleuse wirbelt der Wind allerlei feinstes Material herein, das ich nicht einmal benennen kann. Heute aber einmal ganz kleine, leicht gewölbte Vogelfedern.
 
Woher kommen die Flausen? Im Frühjahr und Sommer von Bäumen und Blüten. Aber jetzt im Winter?
 
Von der Wäsche. Wenn ich sie aufhänge, flattert kein Staub davon. Die Stücke sind nass. Feuchtigkeit bindet Gewebepartikel. Sind sie dann trocken, fallen Flausen ab. Abnützungserscheinungen von der Automatenwäsche. Und Durchzug wirbelt sie umher. Sie treffen sich, verbinden sich, werden gross und als flaumige Gebilde sichtbar. Darum benötigen wir im Haushalt einen Flaumer, mit dem wir diesen flauschigen Abfall einfangen können.
 
Und die Flausen im Kopf? Die wurden uns schon im Kindesalter ausgetrieben. Träumer waren nicht gefragt, flaumweiche Gedanken minderwertig taxiert und vertrieben. Sie gelten als Blödsinn, Widersinn und Unsinn. Gedanken müssen geordnet sein und ihre Stränge sauber und frisch.
 
Anders die Wollflausen im Winterpullover. Sie lassen nicht los, rücken zusammen, verfilzen sich. Und geben warm, wie es kein Mischgewebe kann.
 
Heute habe ich einen Flausenbausch aufgehoben. Er hatte sich an ein Haar gehängt. Ein schönes Gebilde, wie ein verästelter Zweig.

Freitag, 20. Februar 2009

Irren heisst, ohne Kenntnis der Richtung umherzulaufen

2 Tage verfolgte uns dieses Thema. Aus der Rückschau: Wir waren sorglos und nachlässig. Im Augenblick grosser Orientierungslosigkeit fühlten wir uns beinahe wie verhext.
 
Wir wollten Freunde besuchen, die nach Zürich-Höngg umgezogen sind, vergassen aber den Zettel mit der genauen Adresse mitzunehmen. Diese besteht aus einem Eigennamen und der Endung -steig. Mit gleichem Namen sind eine -Strasse, ein -Weg und eine -Halde bezeichnet. Es half uns die Erinnerung, dass es sich um den Steig handle, aber die Hausnummer fehlte. Ebenfalls aus der Erinnerung meinte ich, das Haus finden zu können. Ich hatte es auf dem Kartenausschnitt im Internet gesehen. Da aber die Gastgeber ihren Briefkasten noch nicht ordnungsgemäss angeschrieben hatten, fanden wir sie lange nicht.
 
Wir irrten eine Stunde lang umher, bis wir dort eintrafen, wo wir erwartet wurden. S., ein Psychologe, musterte uns kritisch. Primo und ich lösten die Spannung aber mit Lachen auf. Als wir erzählten, wie sich unsere Suche gestaltete und wie wir uns beide noch eine lange Zeitspanne aus den Augen verloren hatten, sagte er streng: „Man trennt sich nicht.“ Und später, als wir alle Details unserer Irrwege aufzeigten, diagnostizierte er eine „kognitive Dissonanz.“
 
Stimmt. Primos und meine Vorstellungen sind selten deckungsgleich. Und zusätzlich hatten wir unsere Abmachungen nach eigenem Gutdünken noch etwas ausgedehnt.
 
Am andern Morgen dann, beim sonntäglichen Auslaufen im Wald unserer Umgebung, beschäftigten wir uns nochmals mit dem Durcheinander vom Vortag. Ich wollte den Fehlern und Nachlässigkeiten nachspüren. Im Gehen lassen sich Probleme besonders gut besprechen. Es gab an diesem Sonntagmorgen viel zu bereden. Nicht nur zu den Irritationen von gestern. Besonders die Sorgen um einen Ersatz für Primos Werkstatt nahmen uns ganz gefangen. Vor 2 Tagen wurde nun das Baugespann für den Neubau aufgestellt. Der Auszug ist unausweichlich, und wir haben noch keine Lösung. Obwohl wir gingen, waren wir in Fahrt.
 
Mehr als 1½ Stunden wanderten wir durch den Wald. Wir können uns nur an eine Weggabelung erinnern, die wir bewusst wählten. Alle anderen Abzweigungen hinterfragten wir nicht mehr. Und so kam es, dass wir immer höher stiegen und dass sich der Regen in Schnee verwandelte und den Wald verzauberte, ohne dass wir das bemerkten. Irgendwann blieben wir dann doch stehen und bewunderten diese Pracht. Und wir waren uns einig: Da sind wir noch nie gewesen. Jetzt wollte ich wissen, in welcher Richtung der Heimweg anzutreten sei. Primo zeichnete mir im frisch gefallenen Schnee unsere angeblich gegangenen Wege und die Richtung heimwärts. Ich war nicht einverstanden. Mein innerer Kompass meldete mir etwas anderes. S. hätte in diesem Augenblick wohl wieder diagnostiziert: „Kognitive Dissonanz!“
 
Irritiert gingen wir nach Primos Vorgabe weiter und erreichten bald einen schönen Platz mit Tischen und Bänken, alle mit gemütlichen Schneepolstern bedeckt. Daneben das angeschriebene Forsthaus Frauenmatt. Ihm gegenüber verlässliche gelbe Wanderwegtafeln, in 3 Richtungen weisend. Primo war sprachlos. Es dauerte eine Weile, bis er seine Vorstellungen fahren liess. Dem Wanderweg nach Schlieren hätten wir folgen können, doch das wollte er nicht. Und er fand denn auch bald eine Holztafel, die den Weg nach Altstetten wies. Schon von weitem erspähte ich eine Abzweigung, die uns erneut verunsicherte. Erst als ich den Schnee mit meinem Handschuh von einem versteckten Wegweiser aus Holz abklopfte und das Wort Salzweg erschien, wussten wir, dass wir den besten Heimweg gefunden hatten. Der Salzweg führt beinahe vor unsere Haustür. Die Übersicht war wieder hergestellt. Gleichwohl rieben wir uns die Augen. Wo waren wir gewesen? Nach Primo in einem verwunschenen Wald. Er nennt es ein „Hänsel-und-Gretel"-Erlebnis.

Sonntag, 8. Februar 2009

Was Autoreisende nicht kennen: Erlebnisse in der Bahn

Basel Bahnhof SBB, kurz vor 23 Uhr. Unsere Zeit war knapp bemessen. Wir entwerteten unsere Bahnkarten und stiegen in den erstbesten Wagen ein, obwohl dies ein Erstklasswagen war. Also begann die Fahrt mit einer kleinen Wanderung Richtung Zürich. Rasch landeten wir im Speisewagen, dessen Lichter gelöscht, der Betrieb eingestellt, die Sitzmöglichkeiten an kleinen Tischen aber einladend war. Hier richteten wir uns ein. Auch anderen Reisenden gefiel die ungewöhnliche Atmosphäre. Solange wir uns noch im Einflussbereich städtischer Reklamen befanden, erhellten diese unseren Raum, bald aber waren wir vom Dunkel umfangen und nahmen einander nur noch schemenhaft wahr.
 
Das habe ich mir schon manchmal gewünscht, dass ich ohne Beleuchtung reisen könne. Immer dann, wenn sich die Sonne langsam verabschiedet und die Lichtspiele am schönsten zu erleben wären, muss elektrisches Licht den Tag verlängern. Und das heisst dann, dass die Farben am Himmel verschwinden und die später erscheinenden Sterne gar nicht sichtbar werden.
 
In dieser Nacht nahm ich die Dörfer anders wahr. Leuchtend wie Sterne. Und einmal sagte ich zu Primo: "Ich fühle mich im Orient-Express." Und war dann selbst erstaunt, was ich da sagte. So muss es sein, wenn die nächtliche Reise durch unbewohnte Gebiete führt und plötzlich Orte erscheinen, wo vorher grenzenlose Einsamkeit war.
 
Wir gewöhnten uns rasch an die Dunkelheit im Raum und nahmen Mitreisende wahr. Mir schräg gegenüber ein junges Paar. Der Mann war eingeschlafen. Er hatte den Kopf auf die überkreuzten Arme auf den Tisch gelegt und seine Liebste hielt ihre Hand auf seinen Rücken.
 
Da kam ein Mann durch den Mittelgang geschlurft, blieb hie und da stehen. Er schaute um sich, schaute auch uns prüfend an. Ging weiter. Ein Afrikaner, vermutete ich.
 
Plötzlich ging der Zugsbegleiter raschen Schrittes an uns vorbei. Das Natel am Ohr. Wir wunderten uns, dass unsere Fahrkarten nicht überprüft wurden, wussten auch nicht, ob wir die Sitzplätze hier im fahrenden Gasthaus überhaupt benützen durften.
 
Im Umfeld von Lenzburg wurde das Licht angezündet. „Oh wie schade!“ hiess es unisono. Ich war also nicht die einzige, der es hier im Dunkeln gefiel. 2 gutgelaunte, freundliche Zugsbegleiterinnen kontrollierten unsere Billette. Der beschauliche Teil der Reise war abgeschlossen. Das Licht wurde nicht mehr gelöscht.
 
In Lenzburg wurde der Afrikaner von Polizisten erwartet. Primo konnte die Männer von seinem Sitzplatz aus sehen. Ohne die Umstände näher zu kennen, berührte uns dieser Empfang. Es umgab ihn eine grosse Ruhe. Die Fragen, die gestellt wurden, konnten wir nicht hören. Der offensichtlich total Erschöpfte wurde begleitet. Wohin? Und mit welchen Konsequenzen? Welches Schicksal war da aufgeblitzt? Noch sehe ich ihn, sich mühsam vorwärts schleppen, links und rechts von einem Polizisten und von uns in Gedanken begleitet.
 
Dass die Eisenbahn nicht nur der Beförderung von Personen und ihrem Gepäck dient, erfahre ich immer wieder neu. Hier treffen die Lebensreisen und Schicksale aufeinander. Kontakte, auch wenn sie kurz sind und nur einem Flügelschlag gleichen, gehen mir meist noch lange nach. Und sie erweitern meinen Horizont.

Dienstag, 20. Januar 2009

Skypen: Ein neues Programm mit Nähe zu den Enkelinnen

Plötzlich erinnere ich mich wieder an die kybernetische Grossmutter, die ich im Blog vom 22.05.2005 beschrieb. Ich komme ihr immer näher, auch wenn sie ein Kunstgebilde ist. Als künstliche Grossmutter, über der Erde schwebend, überwacht sie die Enkel und hilft ihnen, wenn es nötig ist.

Noch vor Weihnachten, im Blog vom 23.12.2008, dachte ich darüber nach, wie technische Errungenschaften Zwänge auslösen. Kaum ausgesprochen, klopfte ein weiterer an meine Computer-Tür. Er kam aus Paris. Mena wünsche sich, dass bei mir das Skype-Programm installiert werde. Sie möchte nicht nur mit mir telefonieren. Sie möchte mit mir reden und mich sehen.

Schön, wenn Enkelkinder solche Kontaktwünsche aussprechen. Und doch war ich im ersten Moment gar nicht begeistert. Wieder etwas Neues installieren, wieder etwas lernen, wieder Fehler machen und wieder auf die Töchter abstellen müssen, wenn ich nicht mehr weiter weiss. Und wenn etwas gratis zur Verfügung gestellt wird, bin ich zusätzlich skeptisch. Menas Mama konnte mir alle Fragen beantworten und Zweifel auflösen. Und schon ist das Skype-Programm installiert und die neuartigen Kontakte sind angelaufen.

Wie leicht man zueinander findet. Ein Klick nur – und es läutet im Computer der Ansprechperson. Der Name erscheint. Ist der Skype-Besuch willkommen, öffnet wieder ein Klick die Tür. Und schon ist die Verbindung hergestellt. Das Gespräch kann beginnen. Die anrufende und die angesprochene Person können sich sehen. Mena begrüsste mich. Zuerst etwas verlegen, doch schnell auch wieder mit mir vertraut.

Unser erster Austausch im Skype-Programm ist für mich sofort zur Französisch-Lektion geworden. Mena ist Schülerin der 1. Primarklasse und wollte mir zeigen, was sie schon alles gelernt hat. Sie las mir Geschichten aus ihrem Lesebuch vor. Um die Texte besser zu verstehen, hielt sie von Zeit zu Zeit das Buch so vor sich hin, dass ich die farbigen Illustrationen sehen konnte. Ich lernte die grüne Ratte kennen und um sie herum verschiedenfarbige Katzen und einen Hund. Ich notierte ihre Namen: Mina, Marou, Belo und Victor. Ratus offenbar der Chef.

Ob ich diese Geschichten auch richtig verstanden habe, werde ich nach weiteren Lesungen überprüfen. Es mangeln meinem Französisch viele Worte aus der Kinderwelt. Mena wird mich dahin führen. Sie dürfe meine Lehrerin sein, anerbot ich ihr.

Was ich aber schon gespürt habe: Diese Geschichten sind kindergerecht, voll von einfallsreichem, also kreativem Blödsinn und seinen Folgen. Ich bin begeistert.

Ratus nahm z. B. täglich Vitamine zu sich und folgerte, wenn ihn diese stark machten, würden sie gewiss auch seinem Motorrad helfen. Zum Benzin oder an deren Stelle wurden die Vitamine in den Tank geschüttet. Sie wirkten. Der «Töff» (Motorrad) sprang an, galoppierte wie ein junges Pferd.

Ich könnte mir vorstellen, dass die verschiedenen Farben der Katzen verschiedene Temperamente verkörpern. Das möchte ich noch ergründen. Dass der Hund sehr stark sei und etwas mit «fortune» (Glück) zu tun habe, ist mir nicht entgangen. Schon freue ich mich auf die Fortsetzung.

Die nächste Skype-Stunde wird aber vorher noch Nora gehören. Sie ist 2½-jährig und ihre Sprache erst ein lebhafter Klang. Einzelne Worte sind erkennbar. Sätze noch unverständlich. Ich freue mich, die Sprachentwicklung über das neue Medium ganz nahe mitzuerleben. Nora ist auch schon mit dem Skype-Programm vertraut. Während der Schulferien durfte sie bereits mit ihrer Freundin im Ausland skypen und auf ihre für uns unverständliche Art Geschichten erzählen. Die kleinen Mädchen sahen sich im Computer und waren sich nahe.

So erging es mir auch. Ich bin erstaunt, wohin ich vorgestossen bin. Genau gesagt, gestossen wurde. Menas Wunsch war ausschlaggebend. Sie hat mir die Zukunft ein Stück weiter geöffnet. Und dort habe ich, wie eingangs erwähnt, sogar noch die kybernetische Grossmutter getroffen.

Hinweis
Informationen zu Skype: www.skype.com
... und bei Wikipedia: www.wikipedia.org

Mittwoch, 7. Januar 2009

Meine Bäume: Der Schnee deckt zu und deckt auch auf

Zum Jahresende 2008 wurde uns noch eine weisse Decke geschenkt. Schnee bis in die Niederungen. Dicke, weiche Flocken fielen vom Himmel. Ein seltener Moment wahrer Ruhe. Er dauerte über eine Stunde. Und ich sass nur da und schaute diesem Treiben zu.
 
Die beiden Bäume, eine Aspe und eine Hagenbuche, am Rand von Nachbars Wiese, müssen mich schon gut kennen. Ich schaue immer nach ihnen aus. Ich bewundere sie. Sie sind meine Freunde. Nun hat mir der Schnee zum Neujahr ein Geschenk gemacht. Er setzte sich auf gebogene Äste und markierte ein grosses Herz. Ich habe es fotografiert. Es ist keine Illusion. „Meine“ Bäume zeigen mir ihr Herz. Der Schnee macht es möglich.

Auch auf der Westseite unseres Hauses ist die verschneite Welt nun eine andere, eine weichere. Hier milderte die weisse Pracht den radikalen Schnitt der üppig gewachsenen Sträucher, rund um die Einfahrt in die Höhle des Zivilschutzes. Bis anhin wusste ich nur, dass sich hinter „meinem“ grünen Hain, den ich vom Büro aus sehen konnte, eine Einfahrt in den kleinen Berg befinde. Jetzt sehe ich sie. Ich konnte zuschauen, wie sich die Landschaftsgärtner, vermutlich von „Grün Zürich“ an die Arbeit machten und den ganzen Wall zwar professionell, aber doch schonungslos zurückschnitten.
 
Während dieses Abholzens dachte ich manchmal: So jetzt reicht es. Und wusste doch, dass ich da nichts zu bestimmen habe.
 
Der neue Anblick war anfänglich brutal. Doch entdeckte ich bald, dass ich jetzt auf den Waldboden sehen kann. Jenseits der Zivilschutz-Einfahrt sind ein Dutzend stramme Hagenbuchen herangewachsen und bilden ein Wäldchen als Abschluss des Schulhausareals uns gegenüber. Wenn die Sonne langsam untergeht, berührt sie diesen Waldboden und bringt mir Lichtstrahlen auf den Schreibtisch. So kann ich den Schmerz loslassen und die Sträucher ermuntern, wieder neu aufzublühen. Der Schnee unterstützt mich. Er mildert alles. Und ich glaube, dass sich das Grün eines Tages auch wieder zeigen wird.
 
Der Schnee plaudert auch Geheimnisse aus. Wir bemerkten schon beim ersten Schnee Angang Dezember 2008, dass der Fuchs vom neuen Zaun quer durch die grosse Wiese überrascht worden ist. Seine Spuren deckten auf, wie er die Grenze spürte, sich irritiert abwandte, im Kreis herum ging, bis er einen neuen Weg in gewohnter Richtung gefunden hatte.
 
Spuren von Kindern, die unserem Haus entlang schleichen, um den Schulweg abzuschneiden sind auch sichtbar, ebenso jene einer dicken grauen Katze, die so gar nichts Liebenswertes an sich hat.
 
Komme ich nach dem Kern von Altstetten, fallen mir an den Tramstationen die vielen Zigarettenstummel auf, die jetzt gefroren sind und erst nach dem Abtauen weggewischt werden können.
 
Da, wo wir wohnen, wird der Schnee nicht sofort weggeräumt. Einerseits wird das Weiss lange erhalten, andererseits kann ich jetzt nicht mehr unbeschwert ausschreiten. Wenn ich einkaufen gehe, laufe ich auf der nicht stark befahrenen Strasse, vorsichtig bis ängstlich. Und warte, bis der Schnee schmilzt und bekomme eine Ahnung, wie Menschen, die in den Bergregionen leben, sich frühzeitig auf den Winter einstellen müssen.

Freitag, 2. Januar 2009

Jahresbeginn: Einkehr während der grossen Feiertage

Die zur Adventszeit montierten farbigen Lichter zucken immer noch an der Haustür einer portugiesischen Familie uns gegenüber und signalisieren, dass für sie das Fest noch nicht verklungen sei.
 
Auch für mich ist der Zwischenbereich Weihnachten/Neujahr immer etwas Besonderes, nicht alltäglich. Wie ein Nachhall nach einem schönen Konzert. Langsam kehrt Ruhe ein. Die Gäste sind weggegangen, die Wohnung ist aufgeräumt, aber der Christbaum ist noch da. Da sitze ich dann manchmal eine Weile zu ihm und sinniere über mein Leben, über die vielen Festvarianten und auch über die vielen Christbäume, die in unseren Stuben dekoriert worden sind. Und manchmal sehe ich ein inneres Licht, und dann weiss ich, dass ich auch diesmal Weihnachten wieder erlebt habe.
 
Diese Tage sind auch zum Aufräumen aller administrativen Arbeiten da. Rechnungen zahlen, um das neue Jahr ohne Schulden anzutreten. Nicht immer gelingt es, wenn Abrechnungen zu spät eintreffen. Die Post arbeitet nicht mehr so dienstfertig wie einst. Selber schuld, wird sie mir sagen. Ich könne mich ja mit dem E-Banking einlassen.
 
Schon als Jugendliche durfte ich für Mutter die Einzahlungsscheine ausfüllen. Ebenso war es meine Aufgabe, in den Tagen vor Neujahr die Adressliste unserer grossen Verwandtschaft neu zu schreiben und alle Änderungen, die sich im abgelaufenen Jahr durch Umzug oder Tod ergeben haben, zu berücksichtigen. Diese Arbeiten entsprachen mir schon damals und prägten sich zu einer Art Ritual aus.
 
Auch die Kalender gehören dazu. Sie abzunehmen und neue aufzuhängen, ist auch immer mit Blicken zurück und ein Stück vorwärts verbunden. Und der neue Tagebuchordner bekommt einen farbigen Rücken. Seit Jahrzehnten dekoriere ich die nüchternen A5-Ordner mit einem dekorativen Druckerzeugnis. Diese farbigen Bildausschnitte aus Zeitschriften, Glückwunschkarten oder Einpackpapier werden manchmal zum Programm. Letztes Jahr z. B., als wir noch nicht wussten, wann und wo wir eine neue Wohnung finden werden, wählte ich eine Foto aus einem Winterwald. Der Fotograf hatte exakt jenen Augenblick festhalten können, als die verschneiten Tannen ihre schweren Lasten abwarfen. Dieses Foto wird mich daran erinnern, dass die Hoffnung nicht vergebens war.
 
Spätestens am Neujahr kommt mir jeweils in den Sinn, dass ich als 6-Jährige am Neujahrsmorgen zum Milchmann geschickt wurde. Von ihm bekam ich unerwartet ein „Mödeli“ Butter geschenkt. Unfassbares Glück. Butterbrote waren und sind für mich die grössten Delikatessen. Mutter hatte einige Tage zuvor im Milchladen ausgesprochen, es sei traurig für sie, dass sie mir nicht jeden Tag ein Butterbrot geben könne. Die Lebensmittel waren damals wegen des 2. Weltkriegs rationiert. Der Milchmann erbarmte sich meiner. So etwas vergisst man nie.
 
Für mich brauchte es nun keine weiteren und gar noch grossartigen Veranstaltungen, um bereit zu werden für einen neuen Jahreslauf. Wie schon oft, haben wir am Silvester um 24 Uhr nur die Fenster geöffnet und das neue Jahr unter Glockenklängen einziehen lassen.
 
2009 hat begonnen. Es möge für alle Textatelier-Leserinnen und Leser ein gutes Jahr werden. Herzlichen Glückwunsch Ihnen allen.