Samstag, 31. Mai 2008

Vor 100 Jahren gab es noch keine Zahnpflege-Anleitungen

Besuch beim Zahnarzt, ganz genau gesagt bei seiner Dentalhygienikerin. Wie üblich, gehe ich mit gemischten Gefühlen an diesen Ort und bin dann jeweils erleichtert, wenn ich ohne zahnärztliche Zusatzbehandlung wieder entlassen werde.
 
Diese Reinigungs-Prozedur, die jeweils gute ¾-Stunden dauert, bringt mir jetzt sogar eine gewisse Entspannung. Das war nicht immer so. Weil mich aber immer die gleiche Angestellte behandeln kann, gewöhnten wir uns aneinander. Es entwickelte sich Vertrauen.
 
So lag ich vorgestern einigermassen entspannt auf dem Behandlungsbett, und während Frau V. nach Anzeichen von Zahnzerfall forschte, erinnerte ich mich plötzlich an meine Mutter. Sie wuchs mit 8 Geschwistern im Zürcher Oberland auf. Die Verhältnisse waren bescheiden. Zahnpflege war da kein Thema. So konnte sich die Karies unbeobachtet ausbreiten, und als Mutter 20-jährig war, wurde ein Gebiss fällig. Damals nichts Aussergewöhnliches. Man schrieb das Jahr 1932. Es soll sich in jenen Jahren sogar die Gewohnheit entwickelt haben, den jungen Frauen vor der Hochzeit die Zähne zu ziehen, damit der Ehemann keine Kosten für zukünftig anfallende Zahnbehandlungen befürchten musste. Im Elternhaus meiner Mutter dachte man aber nicht so. Die Zähne waren einfach schon alle angegriffen. Und das leidige Zahnweh sollte unterbunden werden.
 
Mit einigen anderen jungen Frauen fuhr Mutter dann von Wald ZH über Rüti ZH und Rapperswil SG ins glarnerische Mollis, wo ihr alle oberen Zähne, einer nach dem andern und ohne die geringste Betäubung, gezogen wurden. Mutter fiel in Ohnmacht, wie andere auch. Im Laufe des Tages, nachdem alle behandelt worden waren, kehrten sie dann in ihr Dorf zurück.
 
Immer wenn uns Mutter diese Ohnmachtsgeschichte erzählte, fühlte ich ihre Ängste mit und hoffte, dass ich so etwas nie erleben müsse. Heute hätte ich dazu noch einige Fragen, die mir damals nicht in den Sinn gekommen sind: Wer organisierte solche Reisen nach Mollis? Wie stärkten sich die jungen Frauen unterwegs? Was konnten sie nach der „Rosskur“ noch essen? Wer bezahlte die Kosten der Bahn und die Rechnungen des Zahnarzts? Was hatte das überhaupt gekostet? Das müssen Riesenauslagen gewesen sein. Konnten sie einen Kredit aufnehmen? Aber, wer lieh solch Minderbemittelten überhaupt Geld ohne Garantie, dass dieses je zurückbezahlt werde?
 
Mutter arbeitete damals als Weberin in einer Fabrik. Ich vermute, dass sie sich diese grosse Auslage selber erspart hatte. Sie konnte gut mit Geld umgehen, auch sparen, ohne geizig zu sein. Aber kurz vor der Heirat, als sie das Geld für eine Wäsche-Aussteuer, es waren 600 Schweizer Franken, beisammen hatte, ging ihre Bank in Konkurs. Alles war verloren.
 
Auch das Gebiss hatte noch seine Geschichte. Es war von tadelloser Qualität, hielt viele Jahre, doch eines Tages brach es entzwei. Mutter kaufte sich den Alleskleber „Cementit“ und flickte es. Lange hielt ihr Werk aber nicht. Erneut brach es auseinander. Ich beobachtete, wie bekümmert sie war. Ich weiss nicht, wie sie es dann anstellte, um doch noch ein neues Gebiss zu bekommen.
 
Bevor mich Frau V. aus der Zahnpflege entliess, erzählte ich ihr noch die hier eben beschriebenen Gedanken. Sie ist jünger als ich, konnte den Beruf als Dentalhygienikerin erlernen, als er neu geschaffen wurde. Sie dachte sofort an die vielen Präzisions-Werkzeuge und Hilfsmittel, die ihr heute zur Verfügung stehen und die es damals noch nicht gegeben hat. Unvorstellbar für sie, wie grob die Menschen damals behandelt worden sein müssen. Und ohne Betäubung, dünkt mich, muss eine solche eine Art Vergewaltigung gewesen sein. Sie mussten viel mehr aushalten als wir heute, war unsere abschliessende Meinung zu diesem Thema. Und waren darum auch stärker als wir es heute sind.
 
Aber Mutters Ohnmacht drückt noch etwas anderes aus. Sie war „ohn Macht“, musste einfach alles geschehen lassen.

Samstag, 24. Mai 2008

Schon spüre ich, wie am neuen Ort die Wurzeln wachsen

Eine Bekannte bemerkte, ich hätte mich offensichtlich schon gut umgestellt und eingelebt. Diese beiden Worte gefallen mir. Besonders das Wort „umgestellt“ bezeichnet meine Situation sehr präzis. Es beinhaltet sowohl den Umzug als auch die Gestaltung eines neuen Zuhauses, und dazu noch innere Umstellungen, die mein neues Umfeld bedingen.
 
Dazu gehören auch neue Geräusche und Klänge, die mir anfänglich ganz stark aufgefallen sind. Da war zum Beispiel das Morgenläuten der kleinen evangelischen Kirche am Suteracher ein Novum für mich. Punkt 7 Uhr läutet die kleine Glocke und manchmal Sekunden genau ertönen Hammerschläge, die den Arbeitstag auf ihre Weise einläuten. Es wird ein grosses Nachbarhaus renoviert. Noch ist es ausgehöhlt. Alle Geräusche, die Stimmen und der Lärm von Hammer, Bohrer und Säge klingen wie aus einem Instrument heraus und sind auf ihre Art Melodie. Ich weiss es schon jetzt: Dieses Zusammenklingen von Befehlen und Arbeitslärm wird mir fehlen, wenn das Haus umgebaut ist. Es sind keine Maschinengeräusche, die ich wohlwollend wahrnehme. Hier sind starke Männer am Werk. Ihren Stimmen und Namen nach Menschen aus dem Süden.
 
Manchmal zwinge ich mich jetzt richtig, den 7-Uhr-Augenblick bewusst zu erleben, um ihn nicht zu verpassen. Ich bin schon daran gewöhnt.
 
Eine andere Umstellung betrifft den Garten, der nun auf Souvenirs reduziert worden ist.
 
Nachdem uns die neue Wohnung zugesprochen worden war, bemühten wir uns als erstes um Blumenkisten für den langen Balkon. Dann gruben wir aus dem bisherigen Garten Pflanzen aus, ebenso etwas Erde und führten diese an unseren neuen Wohnort. Ich erinnerte mich dabei an Königstöchter aus früherer Zeit. Wenn sie in ein fremdes Land verheiratet wurden, sollen sie unter dem Brautkleid ein Säcklein Heimaterde mitgebracht haben.
 
In diesem Sinne pflanzten wir allerlei, unter anderem 2 Nachtkerzen, Farn, Akelei, roter Mohn, Maierisli (Maiglöckchen), Löwenmaul, auch Schöllkraut. Dominant präsentiert sich heute die Hexenblume, so der Name, den wir ihr vor langer Zeit verpasst haben. Sie wanderte aus dem uns gegenüber liegenden Bernoulli-Garten ein und breitete sich selbstbewusst aus. Wir kennen ihren Namen nicht, haben es verpasst, danach zu fragen, als Herr Senn noch lebte. Oft habe ich bemerkt, dass sich Blumen an ihrem selbst gefundenen Platz besser entwickeln als an Orten, die wir Menschen ihnen zuweisen. Diese erwähnte Hexenblume verbreitete sich rasch, aber nicht rücksichtslos. In freundschaftlicher Art durfte das Schöllkraut die Abgrenzung zur Wiese hin gestalten. Es entstand ein liebliches, natürliches Feld, zu dem auch drei Büsche gehören. Blumenfeen habe ich noch nie gesehen, aber hier konnte ich sie spüren. Ich habe meine Nachbewohnerin darauf aufmerksam gemacht. Ich glaube, sie hat mich verstanden. Sie wird diesem Platz Sorge tragen. Der Ort strahlt etwas Liebenswürdiges aus und strotzt vor Lebensenergie.
 
Es schlummerten auch andere Samen in der mitgebrachten Erde, wie es sich jetzt zeigt. Es blühen z. B. schon Monatserdbeeren, ein paar Grashalme haben sich entwickelt und heute habe ich Weideröschen entdeckt.
 
Alle diese Gewächse haben eine lebhafte Silhouette geschaffen, die wir beim Eintritt in die Stube sofort wahrnehmen. Sie nehmen sich ihren Platz und Raum und zeigen uns, dass sich das Lebendige nie um die gerade Linie kümmert. Im Augenblick verzaubert uns die Akelei-Gruppe mit einem 85 cm hohen Anführer. Im Grunde sind unsere Blumenkisten eine ganz bescheidene Anlage und doch auch eine sich ständig verändernde Pracht.
 
Innerhalb des Hauses habe ich mich in meinen Vorstellungen eine Zeit lang ganz anders verhalten und mich von Publikationen verführen lassen. In meinen Gedanken gestaltete ich Bad und Toilette farblich wie nach einem gerade aktuellen Einrichtungskatalog. Ich meinte, jetzt wäre es günstig, diesen Räumen eine einheitliche Farbe zu verpassen. Wie langweilig! denke ich heute. Ich dachte schon daran, alle vorhandenen Textilien zu ignorieren und neu eine bestimmte Farbe einzuführen. Da hätte ich allerlei fortwerfen müssen. Und das wollte ich dann doch nicht. Glücklicherweise, sage ich jetzt. Jedes Stück hat doch seine Geschichte, ist im Laufe des Lebens zu uns gekommen und immer noch nützlich. Und es hat Farbe in unser Leben gebracht. Farbe, die auch immer wieder wechselt. Oft, wenn ich ein Hand- oder Badetuch benütze, kommt mir die Geschichte dazu in den Sinn.
 
Daran freue ich mich noch. Aber mit Mass. Ich kenne jetzt die Leichtigkeit nach dem Umzug. Diese möchte ich mir bewahren und nichts mehr anhäufen.

Samstag, 17. Mai 2008

Der Wohnungswechsel schenkt auch neue Perspektiven

Der Altstetter Fröschenbrunnen an der Eugen-Huber-Strasse bei der Abzweigung Friedhofstrasse imponiert mir. Es steht da zu lesen: „Fröschen-Brunnen, Geschenk des letzten Altstetter Gemeinderats im Jahr 1933“. (Altstetten wurde damals in die Stadt Zürich eingemeindet.)
 
Weiter ist aus der Tafel beim Brunnen zu erfahren: „Die Altstetter nannte man früher „Frösche“, die zwischen Limmat und Ried lebten. Dieses Ried, heute Albisrieden, ist seit 1934 ebenfalls in die Stadt Zürich eingemeindet und unser Nachbarquartier.
 
Und hieher gehöre ich nun seit Anfang Mai 2008. Ich bin auf dem Weg, eine Altstetterin zu werden. Als ich unserer Tochter Letizia den schönen Brunnen mit der grossen Froschfigur schilderte, lachte sie und fragte: „Muss ich dich jetzt wach küssen? Dann würdest du vielleicht eine Prinzessin.“ Noch im selben Atemzug gab sie sich die Antwort selbst. Nein, dazu würde ich nicht taugen. So ist es.
 
Ich freue mich, Altstetten zu entdecken, will seine Geschichte erfahren. Das Ortsmuseum wird mir bald einmal Fragen beantworten. Es ist aber nur am 1. Sonntag im Monat geöffnet. Auf dem Personenmeldeamt waren die Broschüren dazu leider vergriffen. „Fragen Sie im Herbst wieder danach“, wurde ich vertröstet.
 
Zum Abschied vom Bernoulli schenkte mir die Nachbarin Erika das Buch „Chronik der Heilig-Kreuz-Kirche Zürich-Altstetten“, Verfasser: Alfred Boll. Schon auf den ersten Seiten stiess ich da auf die Abbildung der berühmten Goldschale, einer Opferschale aus einem zerstörten Grab, aus der Hallstatt- oder älteren Eisenzeit. Diese wurde 1906 an der Hohlstrasse bei den SBB-Werkstätten gefunden. Sie kann im Schweizerischen Landesmuseum beim Hauptbahnhof in Zürich bewundert werden. Ihre vollendete Schönheit brachte ihr viel Publizität. Sie prangte auch einmal auf einer schweizerischen Briefmarke.
 
Weiter habe ich erfahren, dass die einstige Römerstrasse in der Gegend meiner neuen Adresse, der Eugen-Huber-Strasse, vermutet wird, denn diese hiess bis 1933 Römerstrasse. Wegen des Sumpfs im Talgrund, von dem auch der Froschbrunnentext berichtet, musste sie über die Anhöhe führen.
 
Aus Erikas Buch habe ich auch erfahren, dass Altstetten ein Marienwallfahrtsort gewesen sei. Man pilgerte im Mittelalter von Zürich aus zu „Unserer Lieben Frau zu Altstetten“. Es sei das am weitesten erntfernte Ziel einer Prozession gewesen, die von Zürich ausgegangen sei. Ein Tavernenbrief von 1423 wird erwähnt. Der Vogt von Altstetten habe das Recht, eine Taverne betreiben zu lassen damit begründet, „es sei notwendig, weil sich viele Leute zum Besuch Unserer Lieben Frau in Altstetten aufhalten müssen, vor allem die Kranken.“ Pilger sollen nicht nur aus den nahen Gebieten, sondern auch aus dem süddeutschen Raum und aus Voralberg angereist sein. Ich spüre: Hier ist der Ort von alters her belebt.
 
Auch andere Gäste landen hier. Grosse Vögel. Dieser Tage haben wir von unserem Balkon aus sogar einen Buntspecht auf Augenhöhe beobachten können. Er pickte Delikatessen aus der Rinde eines Nachbarbaums, der neben einer Kinderschaukel steht. Noch nie gesehen, nur gehört. Und Raben und Elstern landen wie Flugzeuge auf dem Wiesenboden vor meinem Küchenfenster. Im Umfeld der Bernoulli-Siedlung sahen wir diese grossen Vögel meist nur auf den hohen Bäumen und auf Flachdächern grosser Geschäftshäuser. Hier hat eine Rabenfamilie ihr etwas grobschlächtiges Nest auf einer Hagenbuche neben unserem Hauseingang installiert. Und dann weist die Hätzlergasse noch auf die Eichelhäher hin. Hätzler sind Eichelhäher. Ihnen bin ich aber noch nicht begegnet. Kleine Vögel sind hier selten. Aber die Amsel singt uns auch hier ihre Lieder. Und Schwalben haben wir auch gesehen.
 
Viele Strassennamen deuten auf die hier einst bäuerliche Landschaft und auch auf die sichtbaren Alpen hin. Beispiele: Saumackerstrasse, Bachmattstrasse, Feldblumenstrasse, Zwischenbächen, Stampfenbrunnen und andere mehr. Pässe und Orte in den Alpen sind ebenfalls vertreten: Grimselstrasse, Calandastrasse, Bristenstrasse, Furkastrasse, Rautihalde usw. Den nahen Waldrand markiert das Dunkelhölzli.
 
Am Abend spazieren wir gern über die Grenze nach Schlieren. In wenigen Minuten sind wir bei den Bauernhöfen im offenen Land, wo wir Rohmilch und verschiedene landwirtschaftliche Produkte bekommen können. Die Stadt ist nur noch von fern zu sehen. Die Weite des Himmels mit ihrem Wolkengeschiebe, den Farben und Lichtspielen, aber auch mit den Kondensstreifen-Kalligraphien der Flugzeuge vermittelt jedesmal das Gefühl, wir seien in den Ferien. Die Luft ist reiner, die Aussicht prächtig. Wir sehen die Alpen, können Säntis, Vrenelis Gärtli, Rauti und andere Grössen grüssen.
 
Wir haben einen neuen Standort, neue Blickpunkte und Sichten, die uns beflügeln und bereichern. Meine Freundin Lisbeth sagte kürzlich, als sie unsere Wohnung und unser neues Umfeld gesehen hatte: Du musst dich im Paradies fühlen.

Freitag, 9. Mai 2008

Leben, sammeln, anhäufen und eines Tages aufräumen

Es ist gar nicht so einfach, von einem Umzug zu berichten, wenn er vorbei ist. Sich erinnern, wie alles gelaufen ist, ist im ersten Augenblick nicht möglich. Ja, wir atmeten auf, fühlten aber noch keine Last von uns abfallen. Während der vergangenen Wochen konnten wir oft die Sätze nicht vollenden, wenn wir einander etwas erzählten. Es drang immer etwas Neues das eben gerade Gedachte zur Seite. Oft lachten wir nur noch, wenn wir die Worte nicht mehr fanden.
 
Wir pendelten vom alten Ort an den neuen, verabschiedeten uns beim Räumen und bauten auf beim Einräumen der Dinge, die wir in verschiedenen kleinen Etappen in die neue Wohnung trugen.
 
Wir gingen nach Primos Vorschlag so vor: Alle Ideen sollen ausgesprochen werden, ohne diese aber sofort zu bewerten, anzunehmen oder abzulehnen. Sie standen einfach auf Abruf in unseren Gedankenräumen. Auf einmal wussten wir, welche von ihnen die tauglichste sei.

Räumen aber wurde zum Marathon. Manchmal kam ich mir vor wie jemand, der einen ganzen Wald abgeholzt hatte, um Zeitschriften, Bücher, Briefe und Kartenpapiere herzustellen. Und dann all die Papiere aus der Administration der Werkstatt, die 10 Jahre aufbewahrt werden müssen. Ein Riesengewicht. Ich begriff plötzlich die Wohltat im Wort „entsorgen“, als ich meine Schätze abtransportieren lassen konnte. Einige rare Druckerzeugnisse übernahmen Freunde, andere gingen in Brockenhäuser und vieles auch in die Müllcontainer. Bücher sind gar nicht an vielen Orten willkommen. Aber unsere alte Schreibmaschine, etwa 100 Jahre alt, wurde als echter Schatz bewertet und gerne mitgenommen. Primo trennte sich auch von einer Plakat-grossen Intarsie, eine seiner verrücktesten Arbeiten. Mit verschiedensten farbigen Hölzern komponierte er ein Gesicht zwischen Zeichen und Dekorationen ungewöhnlicher und sehr farbiger Art. Auch diese war dem Chauffeur eines Brockenhauses hoch willkommen. Ich hoffe, dass ich ihr irgendwo wieder begegne. Es würde mich nicht verwundern, wenn sie plötzlich in einem öffentlichen Raum oder als Dekoration innerhalb einer Reklame stünde. Das wäre ein Spass für uns, mit ihr wieder zusammenzutreffen. Wir haben vieles losgelassen, aber natürlich nicht alles. Als ich jeweils die Umzugs-Kartons öffnete, staunte ich, was ich da vorfand. Ich dachte mehrmals: Ja, habe ich dies denn nicht alles fortgeworfen?
 
Wegen der Labilität meines Rückens entwickelte sich ein hochsensibles Gefühl für Gewicht. Alle Umzugs-Kartons wurden nicht nur rational gefüllt. Immer mit Gefühl. Bücher oder Geschirr ergänzte ich mit leichten Kleidungsstücken, um die Lastenträger nicht zu überfordern.
Waren 6‒8 Kartons gefüllt, wurden sie an den neuen Ort gefahren. Dort konnte der Inhalt in bereits vorhandene Schränke abgefüllt werden. So entstand nach und nach das Fundament am neuen Ort. Waren die Kartons leer, falteten wir sie zusammen. Primo band sie an den Rücken, und mit den Velos fuhren wir zurück, um sie neu zu füllen. Wenn ich hinter ihm her fuhr, konnte ich die Reklame auf dem Wellkarton lesen. „Möbeltransporte“ war da vermerkt. Primo als Möbelschreiner mit Möbelkartons auf dem Rücken. Bei Wind und Wetter fanden diese Fahrten statt. Der Weg beanspruchte 20 Minuten. Wir mussten 2 × eine Unterführung benützen, eine unter der Autobahn, die andere unter den Bahngeleisen. Diese Fahrten und die dazugehörige Anstrengung wirkten auf mich als gutes Rückentraining. Fast nicht zu glauben: Ich habe mich in den letzten Wochen dank grosser Anstrengungen im Rücken erholt.
 
Ich habe früher auch schon von meiner Kartensammlung gesprochen. Seit 45 Jahren sammelte ich alle Glückwunschkarten, die uns für Weihnachten oder Neujahr zugekommen waren. Ursprünglich diente eine alte Wäschetruhe für die Aufbewahrung, eines Tages kam eine zweite dazu, und auch sie genügte bald nicht mehr. So standen auch einzelne Schachteln auf der Winde. Als Primo diese in den 1. Stock heruntertrug und sie an einer Wand aufschichtete, wurde mir beinahe übel. So viel Material! Wie soll ich dies alles nochmals sichten? Ich hatte vordem Informationen eingeholt, an welches Museum ich damit gelangen könnte. Das Mass war übervoll. Ich sah die Lasten, die Transportkosten und vielleicht die Absage, damit könne man nichts anfangen. Und darum beschloss ich, innerlich unerschütterlich sicher, diesem vor allem für mich emotionalen Wert adieu zu sagen. 3 Jahrgänge flogen sofort in einen 60 Liter-Abfallsack, obwohl ich sofort wieder sah, wie viele Kunstwerke da vorhanden waren. Da kamen dann doch noch Zweifel auf und ich beschloss, aus jeder Schachtel eines Jahrgangs, die 10 schönsten (die meiner Ansicht nach schönsten) Karten zu retten. Aber das war Unsinn, unmöglich.
 
Mit dieser Sammlung hoffte ich, eines Tages aufzeigen zu können, wie Kultur ganz unten in den Familien und jenseits von akademischem Kunstverständnis über Jahrzehnte gepflegt worden ist. Schon als Kind im ersten Primarschulalter war ich fasziniert von diesen Kunstwerken und den Ideen, wie Glück gewünscht worden ist.
 
Nun war also der Abschied gekommen. Anders, als ich es je dachte. Damit ich die Karten in die Papiersammlung geben konnte, schob ich jeden Jahrgang in halboffene Zeitungen und verschloss diese mit ebensolchen zu Paketen. Ein würdiger Abschied, dünkte es mich. Nochmals konnte ich mich an vielen Bildern und Sujets oder auch an guten Worten, wenn auch nur flüchtig, freuen.
 
Und dann wollte meine Schwester Renate plötzlich wissen, was ich mit der Kartensammlung mache. Fortwerfen. Entsorgen. Ihr Interesse erwachte. Am Schluss des Gesprächs entschloss sie sich, die Sammlung an sich zu nehmen. Sie möchte sie kennen lernen. Sie bestellte ein Taxi, fuhr zu uns, packte alle Pakete in mitgebrachte, grosse Taschen und fuhr sie zu sich heim. Sie sind gerettet. Renate arbeitet in einem Gemeinschaftszentrum und hat Kontakte zu Museums-Leuten. Sie nimmt sich jetzt der Sache an.
 
Das waren sehr emotionale Momente. Es schien mir, die Karten, die ich immer in Ehren gehalten hatte, hätten sich gegen die Kremation gewehrt, den Aufstand geplant und jemanden mobilisiert, der sie retten konnte. Ihre Geschichte ist also noch lebendig und nicht fertig geschrieben.

Samstag, 22. März 2008

Meine Liebesgeschichte, Bäumen und dem Holz gewidmet

Wenn ich durch den Wald gehe, wird mir bewusst, wie mir die Bäume halfen, das Leben zu verstehen. Mein Aufsatz dazu  ist im Juni 2007 in der Zeitschrift „Frauen-Forum“ erschienen; doch hat er seine Aktualität behalten.
 
Mein Elternhaus stand neben einer Sägerei. Von Kindsbeinen an bin ich mit dem Duft von Sägemehl und austretendem Harz vertraut. Vielleicht begründete gerade diese Nachbarschaft später dann die Ehe mit einem passionierten Möbelschreiner und Holzkünstler, weil auch er diese Holzaura ständig um sich trug.
 
Zuerst war also das Holz. Die Bäume mit ihren Lebensgeschichten kamen später dazu. Am Anfang bewunderte ich einfach, wie abgeholzte Stämme in die Werkstatt kamen, aufgeschnitten wurden, betörende Düfte verbreiteten und zu wertvollen Gegenständen verarbeitet wurden. Je länger ich aber miterleben durfte, wie schön und vielfältig Holz ist, desto mehr fühlte ich mich in dieses über Jahrzehnte gewachsene Material ein. Ich widmete mich den Stämmen mit ihren Jahrringen und entdeckte auch die Blume im Herzen der Eiche. Ich fing an, mehr zu sehen als den Stamm, mehr zu hören als den Holznamen.
 
Die Arbeit mit Holz ist anspruchsvoll, denn dieses Material ist keine dichte Masse. Es hat einen zelligen Bau und ist von unzähligen Hohlräumen durchzogen, die Feuchtigkeit aufnehmen und abgeben können. Darum reagiert es empfindlich auf die jeweils herrschende Luftfeuchtigkeit. Wenn ihm Widerstand entgegengebracht wird, reisst es. Der Schreiner muss mit diesen Gesetzmässigkeiten so umgehen, dass das Holz mitmacht, in einer ihm zugedachten Form zu verbleiben. Gleichzeitig muss ihm eine gewisse Bewegungsfreiheit garantiert werden.
 
Unser Handwerksbetrieb, bald 50-jährig, ist ein Auslaufmodell. Die Technik hat auch den Schreinerberuf revolutioniert. Sie nimmt dem Menschen viele Arbeitsschritte ab. Das Produkt ist schneller hergestellt und kostet weniger. Doch fehlt ihm nach meiner Sicht die Seele. Eine Maschine bringt etwas anderes hervor als der Mensch, der seine persönliche Energie einsetzt, das Material berührt und formt. Nun ist der Schreiner aber ein Techniker geworden. Er kann programmieren, dass es fräst und bohrt und schneidet. Berührungen finden nur noch wenige statt. Der Sägestaub wird in der modernen Schreinerei automatisch abgesaugt. Wir liebten den Rausch von Aromen, die beim Hobeln aus den Hölzern aufstiegen. Vorbei. Nüchtern, steril, gesund soll die Werkstatt sein.
 
Heute richtet sich alles nach der Wirtschaftlichkeit. Zeit ist Geld. Einst wurden Bäume nur im Winter gefällt, wenn sich die Säfte im Holz zurückgezogen hatten. Jetzt wird ganzjährig Holz geschlagen und in den Handel gebracht. Auch die natürlichen Trocknungszeiten werden vielerorts umgangen. Dampfgruben und Trocknungsanlagen überwältigen das Leben im Holz und wollen lange dauernde Lagerung im Freien ersetzen. Und Waldbesitzer klagen. Ein Baum beansprucht während 50‒100 Jahren einen Quadratmeter Boden, der keinen Handelswert abwirft. Wird der Baum dann gefällt, summieren sich die Kosten für das Fällen, den Transport, den Sägelohn und Lagerplatz und können kaum mehr mit dem Erlös des Holzes gedeckt werden. Die Schreiner wiederum sind unter Druck, weil der Kunde von heute preisbewusst ist und sich an den über verschiedene Erdteile hingeworfenen Billigmöbeln orientiert. Die Einzelanfertigung eines Möbels aus einheimischem Holz kann nur noch eine begüterte Schicht bezahlen.
 
Diese Entwicklung stimmt mich nachdenklich. Ich habe in der langen Zeit meiner Mitarbeit in unserer Schreinerei eine enge Beziehung zum Holz und zu den Bäumen entwickelt. Die Art, wie der Baum aufwächst, gross und stark wird, blüht, fruchtet und später auch altert und stirbt, entspricht für mich unserem menschlichen Dasein. Auch der Baum muss um seine Existenz ringen, seine Nahrung finden. Er muss sich mit Nachbarn arrangieren und den eigenen Platz behaupten. Er erlebt Nähe und Enge wie wir. Er kennt Sturm und Wind, und mancher Baum fühlt sich an seinem Ort nicht einmal wohl. Da sehen wir dann Bäume, die wie Tänzer aussehen und all zu grosser Unruhe im Wurzelbereich ausweichen wollen. Und alle drängen zum Licht. Im Atemaustausch kommt unsere enge Verbindung aufs Schönste zum Tragen. Was wir ausatmen, wandeln sie in Sauerstoff um.
 
Ich betrachte Bäume auch gerne mit Abstand. Auf Reisen mit der Bahn folge ich ihren Silhouetten. Ich bewundere jene, die auf den Kreten stehen, die Wind und Wetter aushalten, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, beneide sie um ihre Aussicht und Übersicht. In der Nähe ist mir die Espe lieb, wenn sie zittert und sirrt. So reagiert meine Innenwelt, wenn sie berührt wird.

Donnerstag, 13. März 2008

Die Tücken der Technik: Der geheimnisvolle Telefonanruf

Wir sassen nach dem Mittagessen in der Stube, als das Telefon läutete. Ich meldete mich. Es antwortete mir niemand. Es raschelte. Dann hörte ich Frauenstimmen, einmal von nahe, dann wieder entfernt. Ich verstand einzelne Worte, zum Beispiel Reuss und Rhein, beides Namen von Flüssen, die in der Schweiz beheimatet sind.
 
Ich hörte längere Zeit zu, um herauszufinden, was sich hier abspiele. Ich stellte mir dann vor, dass ich in einer diskutierenden Frauenrunde angekommen war. Eine Stimme kam mir bekannt vor. Ich übergab Primo das Telefon und fragte ihn, ob das nicht Erikas Stimme sei. Könnte sein!
 
Am Abend rief ich sie dann an. Sie ist eine meiner Cousinen mütterlicherseits. Eine sozial engagierte Frau, die in ihrem Dorf viel bewirkt hat. Auf sie könnte also ein Gespräch, wie ich es von weit her mitverfolgt habe, zutreffen. Ich wollte wissen: „Hattest du heute ein Gespräch mit Frauen, in dem die Flüsse der Schweiz ein Thema waren?“  „Nein!“ sagte sie mit ihrer starken Stimme. „Ich habe meiner Enkelin bei den Schulaufgaben geholfen. Wir beschäftigten uns mit dem Quellgebiet der Flüsse.“ Der Zeitpunkt, als bei mir das Telefon geläutet hatte, passte exakt in den Zeitraum dieser Aufgabenhilfe hinein.
 
Weiter erfuhr ich, dass Erikas Natel in der Mitte des Tisches gelegen habe, an dem gearbeitet wurde. Ja, sie hätte vorher noch ein Telefongespräch mit ihrem Sohn geführt. Und vermutlich jene Taste nicht gedrückt, die das Gespräch definitiv abbricht.
 
Ja, auf dem Tisch hätten sich verschiedene Bücher und Hefte befunden, hörte ich weiter. Vielleicht wurde beim Umblättern eines schweren Buches unbemerkt die Anruftaste gedrückt. Alles Vermutungen, die wir erklären konnten. Was aber ein Geheimnis bleibt ist die Tatsache, dass Erika versichert, meine Telefon-Nummer noch nie gespeichert zu haben.
 
Und jetzt hoffe ich nur, dass ich meine eigenen Telefongespräche korrekt beende. Seit vorgestern besitze ich ein neues Telefongerät. Dieses befindet sich noch im Stadium des „Ersten Ladens und Entladens des Akkus“ und soll deshalb noch nicht in die Station zurückgelegt werden.
 
Mache ich etwas falsch, könnte sich jemand in meine Stube verirren. Vorsorglich deponiere ich es also in einem ruhigen Zimmer, wo keine Hausaufgaben erledigt werden.

Samstag, 8. März 2008

Milch-„Gebsi“: Der spezielle Behälter für unsere Briefpost

Heute morgen bin ich im Hof mit unserem Briefträger zusammengetroffen. Ich informierte ihn gleich über unseren baldigen Umzug nach Altstetten. Und er erklärte mir, dass ich am neuen Wohnort in den selben Zustellkreis gehöre. Dort seien alles gute Leute. Ich werde sicher weiterhin zuverlässig bedient.
 
Daran habe ich gar nicht gezweifelt. Schon am ersten Tag, als ich noch nicht wusste, dass wir als Mieter an der Eugen-Huber-Strasse akzeptiert werden, bemerkte ich, dass hier die Briefpost schon vor 9 Uhr ausgetragen wird. Das deutete ich als gutes Omen.
 
Die Fäden zur Post bleiben also intakt. Jetzt nimmt es mich nur noch wunder, wo ich die eingetroffenen Briefe in Zukunft hinlegen werde. Es fehlt im neuen Zuhause noch der dafür geeignete Platz.
Seit 40 Jahren dient uns an strategisch richtigem Ort ein hölzernes Becken, „Gebsi“ genannt. (Ein Schweizer Dialektwort für Becken, Waschbecken oder Zuber). Eine Weissküferarbeit aus dem Toggenburg. Wir fanden die etwas lädierte, weggeworfene Schale auf einer damals noch rudimentären Abfalldeponie. Primo erkannte sofort die Schönheit ihrer Form. Dass das Holz an 2 Orten ausgerissen und mit Drähten zusammengehalten wurde, störte ihn nicht. Wir nahmen sie mit, sprachen noch mit den Vermietern unserer Ferienwohnung darüber und erfuhren, dass dieses „Gebsi“ zur Milchentrahmung gebraucht worden sei. Es fasste die frische Milch, die tags darauf abgesahnt werden konnte.
 
In seinen Boden waren Initialen der Besitzer eingebrannt. Und zu Hause fügte Primo diesen auch die eigenen auf gleiche Weise an. Und damit war das „Gebsi“ sozusagen zu einem Mitglied unserer Familie geworden.
 
In Zürich fing es dann alle Post auf, die noch beantwortet werden musste. Es behütete Briefe, Prospekte, Einladungen, Pläne, Visitenkarten, Notizen, oder kleine Dinge, von denen wir nicht wussten, ob wir sie behalten sollen. Und hier, in dieser Schale drin, geschah dann etwas Ähnliches wie mit der Milch. Indem die Papiere ruhten, trennte sich im übertragenen Sinn der Rahm von der Milch. Manches erledigte sich von selbst. Wichtiges wurde plötzlich erkannt. „Gebsis“ Platz auf einer Kommode am Durchgang von der Küche zur Stube war ideal. Den gibt es so jetzt nicht mehr.
 
Ich weiss noch nicht, ob wir dieser treuen Dienerin wieder einen grossräumigen Platz zuweisen können, der ihrem 45-cm-Durchmesser entspricht. Das beschäftigt mich. Wenn ich darüber schreibe, mokiere ich mich über mich selbst. Es ist ja nur ein Detail unseres gesamten Umzuges, ich weiss. Und doch ein wichtiges.
 
Während der Wohnungssuche wurde ich manchmal gefragt: „Kannst du noch schlafen?“ Ja. Das war kein Problem. Aber jetzt schlafe ich manchmal lange nicht ein, weil ich an „Gebsi“ denke. Unsere Zusammenarbeit war so wertvoll, dass ich mir nicht vorstellen kann, sie einfach in Pension zu schicken.

Sonntag, 24. Februar 2008

Ein knapp sechsjähriges Mädchen denkt über Liebe nach

Bei uns klingt der „Valentinstag 2008“ noch nach. Er ist vergangen und doch lebendig geblieben. Er hat uns 2 interessante Bilder beschert. Mena hat die Grosseltern gezeichnet. Nackt.
 
Das ist Mena, dachte ich dazu. Sie gibt sich nicht mit dem Äusseren zufrieden. Sie will allem auf den Grund gehen. Mann und Frau sind sofort erkennbar. Die Brust des Grossvaters ist mit 2 Punkten markiert, die meine mit 2 Kreisen und Punkten. Es folgen das Herz, der Bauchnabel und die Geschlechtsteile, wie sie zu uns gehören. Die Gesichter sind fröhlich. Gropi ist eine Spur verschmitzter dargestellt als ich. So nimmt sie uns wahr und so ist es. Das grosse Herz des Grossvaters entspricht ebenfalls der Realität. Zu beiden Zeichnungen gehört auch noch das Wort LIEBE und ST-VALENTIN.
 
Der an uns beide adressierte Briefumschlag war mit 2 leuchtend roten Herzen versehen.
 
Als ich unsere Freude über diese Post nach Paris meldete, antwortete unsere Tochter Felicitas, dass „Saint Valentin“ für Mena ein grosses Thema geworden sei. Hinweise in Schaufenstern von Blumengeschäften und Konditoreien werden ihr aufgefallen sein. Ich vermute, dass auch in der Schule (Ecole maternelle) darüber gesprochen worden ist. Mena habe Mamas Aussage, Saint Valentin sei der Tag der Liebe, korrigiert: „C’est le jour des amoureux.“ (Es sei der Tag der Verliebten.)
 
Weiter wurde in diesem Antwort-Mail berichtet, sie hätten viel über die Liebe gesprochen und was es ausmache, dass wir einander gern haben. Mena kam dann zum Fazit, dass es nicht Kleider sind, die schön machen, sondern das Herz. Deshalb ihre Idee, uns nackt und mit grossem Herzen zu zeichnen.
 
Und nochmals wurde bestätigt, es sei Menas eigene Idee gewesen, uns mit diesen Zeichnungen eine Freude zu machen.
 
Und jetzt, bald 2 Wochen danach, als ich diese Abbildungen wieder hervornehme, finde ich auf der Rückseite einen Hinweis, der uns vorher entgangen war. Mena hatte neben dem gross geschriebenen Namen „Gropi“ eine zu ihm passende Fläche gezeichnet und diese schraffiert. Wir haben diese nicht besonders gewichtet. Nun erfahren wir, dass dies kein Gekritzel sei. Es sei das Sofa, auf dem Gropi jeweils schlief, weil er ihr anlässlich der Ferien bei uns das eigene Bett überlassen hatte.
 
So leicht nachvollziehbar kann nur ein Kind seine Erfahrungen, Gedanken und die daraus gezogenen Schlüsse verständlich machen.

Donnerstag, 21. Februar 2008

Eine Wohnung verlieren, eine neue suchen und finden

Wir haben eine neue, schöne Wohnung an einem uns sympathischen Ort gefunden!
 
Der Zufall hat wieder gespielt, wie ich es im Blog vom 31.01.2008 beschrieben und zum damaligen Zeitpunkt auch erhofft hatte. Bekannte von Bekannten suchten einen Nachmieter und wurden auf uns verwiesen. Und wir passten, zur grossen Überraschung, zu den Vorstellungen der Vermieter.
 
Es war, wie wenn uns ein stark brausender Wind an ein vorbereitetes Domizil getragen hätte. Alles vollzog sich sehr schnell. Nach und nach begreife ich unser Glück.
 
Da wir uns auf eine langfädige Suche eingestellt hatten, notierte ich mir alle Vorstösse, damit ich diese unserem bisherigen Vermieter hätte vorweisen können, wenn wir erfolglos geblieben wären. Nun bin ich erstaunt, dass das dicke Notizbuch noch sehr viele unbeschriebene Seiten hat.
 
Da ist ein erster Besuch bei Bekannten in der soeben bezogenen Alterswohnung in der Siedlung „Letten“ notiert. („Wohnen im Alter“, eine städtische Einrichtung). Diesen erlebte ich fortan als prägenden Erstlingseindruck und Mass für alle später angebotenen Räume, denn es war meine Traumwohnung. (Ich bin sehr erstaunt, dass wir diese nun an einem weit entlegenen Ort auf leicht abgeänderte Art gefunden haben.)
 
Wir meldeten uns dann selbst bei „Wohnen im Alter“ an, aber auch bei verschiedenen Genossenschaften. Dann durfte ich eine Wohnung in einem jener zitronen- und orangenfarbenen Häuser anschauen, die bei einer Ausfahrt aus dem Zürcher Hauptbahnhof markant sichtbar sind. Eine solche empfehle ich jedem Eisenbahn-Fan. Eine Nachbarin, in der Spitex tätig (ein Hausbetreuungsdienst für Alters- und Krankenpflege), anerbot sich, mir immer dann anzurufen, wenn sie auf demnächst leere Wohnungen stosse. Durch ihre Arbeit sah sie manchen Umzug voraus. Und ich eilte auf alle Hinweise – wie der Blitz – an die entsprechenden Orte. Mein Velo fuhr mich in entlegene, mir bis dahin unbekannte Stadkreise. Und immer fand ich auch Grünflächen und Bäume, die mir wichtig sind. Aber die richtige Wohnung war auf diesem Weg für uns nicht zu finden. Einmal war die Wohnung zu klein oder eine grössere zu teuer. Und bei den Genossenschaften wurden wir informiert, dass manchmal ein ganzes Jahr lang keine Auszüge stattfänden. Eine Liegenschaftsverwalterin sagte mir kurz und bündig: „Wenn sie pro Monat 2000 Franken bezahlen können, ist es kein Problem, eine Wohnung zu finden.“
 
Später animierte mich dann unsere Tochter Letizia zur konsequenten Suche im Internet. Sie setzte sich an den Computer und druckte Angebote aus. Unsere Tempi stimmten nicht überein. Ich kam kaum nach mit Lesen. Begeisterung und Ernüchterung folgten sich. Eine Achterbahn der Gefühle. In jenem Moment dachte ich, die Wohnungssuche würde mich überfordern. Da gönnten wir uns Ruhe und überlegten auch, ein Institut mit der Suche zu betrauen. Und taten es dann doch nicht.
 
Eine Freundin putzte diese Idee so konsequent ab, dass ich schockiert war. Sie kannte uns zu gut als eigenständige und wie sie betonte, für eine solche Aufgabe fähige Leute. Aha. Manchmal ist eine Belehrung von aussen, auch wenn sie im ersten Augenblick kaltschnäuzig ist, doch hilfreich.
 
Dann pendelte sich die Suche tropfenweise ein. Das Such-Abonnement im Internet brachte die neuesten Angebote und überforderte mich nicht mehr. Mittlerweile hatten sich für uns Kriterien herausgebildet, die mir halfen, die Spreu vom Weizen zu trennen. Primo überliess mir die Suche, liess sich aber zu Besichtigungen aufrufen. Das war spannend und schärfte nach und nach den Blick für das, was uns wichtig ist. Wir grenzten weit entfernte Angebote aus. Wir wünschten uns Orte, die Velo-tauglich, also nicht am Berg angesiedelt sind. Und einen solchen haben wir dann tatsächlich gefunden.
 
Im Buch habe ich auch Ratschläge und Reaktionen aus dem Freundeskreis notiert:
 
Nach der Kündigung: „Du musst jetzt sofort mit Räumen beginnen, alle Dinge fortwerfen, die du schon lange nicht mehr gebraucht hast.“ Dies sagte eine Frau, die über 80 ist und immer noch in jenem Haus lebt, in das sie als 4-jähriges Kind mit ihren Eltern eingezogen ist.
 
Es gab da eine Phase, in der ich mir überlegte, meinen Bücherschatz zu durchforsten und zu lichten. Als ich jedoch das erste Buch zur Hand nahm und seinen Wert erkannte, beschloss ich zu warten und erst zu handeln, wenn ich die neuen Platzverhältnisse kenne. Jetzt weiss ich, dass ich kein Buch fortwerfen muss.
 
Ein anderer Rat, der obige Einsicht bestätigt, lautete: „Auf keinen Fall übereilt handeln."
 
Dann begannen Gespräche oft mit der Frage: „Habt ihr eine Wohnung in Aussicht?“ „Kannst du noch schlafen?“ Oder „Ich beneide dich nicht.“ Dies sagten Leute, die selber sehr lange suchen mussten. Zudem wird in Zürich seit Monaten von einem ausgetrockneten Wohnungsmarkt gesprochen, obwohl sehr viel gebaut worden ist. Auf diesem Hintergrund wird auch die witzige Aussage meines Bruders Georg verständlich. Er hatte gerade erfahren, dass wir eine Wohnung an der Eugen-Huber-Strasse mieten können und schrieb uns: „Da denke ich gerade: Besser an die Strasse des ,Schöpfers des Zivilgesetzbuches’ zu ziehen, als im Zivilgesetzbuch nachschlagen zu müssen, wie eine Mietfristerstreckung erreicht werden kann ..." ;-)
 
Einmal habe ich auch einen Grossandrang für eine Wohnungsbesichtigung erlebt. Es war eine dichte Menschenschlange, die sich durch die Haustür in den 1. Stock gebildet hatte. Und oben auf dem kleinen Balkon erschien, gerade als ich dort ankam, der vorderste der Bewerber mit dem Formular in der Hand. Er schaute aus und schien nicht viel wahrzunehmen. Geduldig warteten alle. Und stetig kamen jene wieder auf die Strasse, die oben waren. Ich schaute da etwas zu, ohne mich anzuschliessen, denn für mich war sofort klar: Hier fühlen sich junge Leute wohl. Einer oder einem von ihnen gehört die Wohnung, nicht mir.
 
Als Verwandte aus dem Kanton Schaffhausen von der Kündigung hörten, empörten sie sich, ohne den Grund genau zu kennen. Sie nahmen an, die ganze Bernoulli-Siedlung würde zu Gunsten eines gigantischen Neubaus niedergewalzt. So denkt man aus der Ferne über Zürich!
 
Und jetzt, auch in der Zeit der Freude, werde ich gewarnt. „Nirgends ist nur eitel Sonnenschein.“
 
Von Mena, meiner bald 6-jährigen Enkelin, habe ich aber aus Paris ein anderes Signal erhalten. Ich sandte ihr Fotos vom neuen Zuhause, in das wir in ein paar Wochen einziehen werden. Erste Bilder der Umgebung. Es war da auch eine Foto einer alten Weide dabei, auf der 4 Raben hocken und in verschiedene Richtungen ausschauen. Als sie diese sah, soll sie spontan gesagt haben: „Die beschützen Grosy und Gropi (die Grosseltern).“

Sonntag, 10. Februar 2008

An der Schipfe in Zürich: Ein verhüllter Baum rüttelt uns auf

Gerne möchte ich dabei sein, wenn dem Baum an der Schipfe der luftige Überwurf abgenommen wird. Seit bald einem Monat trägt er ihn und mahnt uns, die anstehenden Probleme zu lösen. Am ersten Tag sah es aus, als würde hier Hochzeit gehalten und der Baum trüge ein Brautkleid. Das leichte Fischernetz-Gewebe bewegte sich anmutig im Wind. Seine Aufgabe ist aber eine andere. Sie muss die Luftverschmutzung auffangen und sichtbar machen.
 
Es sind der VCS (Verkehrsclub der Schweiz, ein Umweltverband) und die Krebsliga, die hinter dieser Aktion stehen und Massnahmen zur Verbesserung der Luftqualität fordern. Sie fordern zum Beispiel ein Filterobligatorium gegen den Dieselruss (Siehe auch www.pm10.ch).
 
„Ich bin auch eine Lunge“ heisst es auf einem textilen Plakat, das neben dem verhüllten Baum hängt. Bäume sind Lungen einer Stadt. Wir können sie nicht genug hegen und schützen. Und sie wiederum sorgen sich um die Lungen der Menschen.
 
Wenn ich richtig gerechnet habe, besuchte ich den Baum heute morgen am 29. Tag seiner Verhüllung. Ich wollte den Zustand seines Umhangs sehen. In der Erinnerung wirkte er am 1. Tag noch in natürlichem Weiss. Und heute? Etwas dumpf geworden, aber nicht wirklich grau. Es fehlte mir der Vergleich. Es fehlte mir ein Stück unberührten Stoffs aus der gleichen Fabrikation. Darum wäre es spannend, am Ende der Aktion den noch frischen und den gebrauchten Stoff nebeneinander liegen zu sehen. Diese Stoffe sollen dann nach Abbruch der Installation den Behörden übergeben werden.
 
Ich hatte eine markanter sichtbare Verschmutzung erwartet. Ja klar, der Standort des gewählten Baums ist auch eher komfortabel. Am Flussufer, im Fussgängerbereich, nicht an einer stark befahrenen Strasse. Hier ist es beschaulich. Wie sähe der Stoff wohl aus, wenn er an der Weststrasse, der Zufahrtsstrasse zur Autobahn, hinge? Dort bekommt man allein vom Anblick der verrussten Hausfassaden schon Hustenanfälle.
 
Die dichter gewobene Stofffahne mit dem Text „Ich bin auch eine Lunge“ empfand ich eher schmuddelig, wie wir hier in unserer Umgangssprache sagen. Etwas schmierig, unappetitlich. Ihr Gewebe ist nicht durchlässig.
 
Dieser Augenschein zeigt, wie sich Verschmutzung einnistet. Sie kommt schleichend, beinahe unsichtbar, aber stetig. Erst wenn sie Krankheiten auslöst, wird sie thematisiert und auch dann noch nicht immer von allen Verschmutzern für wahr gehalten.
 
Übrigens: Die Schipfe mit ihren Altstadthäusern in Zürich ist wegen der Kater-Jacob-Geschichten weltbekannt. Hier lebte Sven Hartmann, der die Abenteuer dieser quirligen Katze zeichnete und noch immer zeichnet. Immer wieder einmal sind an diesem Ort Touristen aus fernsten Ländern anzutreffen, wie sie das Revier von Jacob nach den Giebeln und Dächern absuchen. Auf www.kater-jacob.de ist manches darüber zu erfahren. Viel Vergnügen!