Von Ursula hatte ich vom Fliegerstein gehört. Sie wohnt in Zürich-Affoltern und kommt auf ihren Spaziergängen oft an ihm vorbei. Auf meinen Wunsch begleitete sie mich zu ihm hin. Ich hatte den Einstieg in den Wald schon einmal alleine gesucht, aber nicht gefunden.
Die Hinweistafel, die gleichzeitig den Eingang in den Wald markiert, steht im Bereich, wo Einfangstrasse und Fronwaldstrasse aufeinander treffen. Wir kamen auf der Einfangstrasse daher, der Rosengärtnerei entlang. An deren Ende bogen wir Richtung Zürich-Oerlikon ab. Nach nur 10 Schritten standen wir schon vor dem Wegweiser „Fliegerstein“ und konnten in den Wald eintreten.
Nicht weit von hier erspähten wir dann rechter Hand den Gedenkstein, lasen seine Inschrift.
In Verteidigung der Schweiz. Neutralität stürzte am 5.9.1944
Flieger Oblt PAUL TREU
im Luftkampf tödlich verwundet ab.
Neben diesem Gedenkstein wird in einer Plexiglashülle die dazugehörige Geschichte aufbewahrt. Ebenso Abbildungen aller Flugzeuge, die beteiligt waren.
Es wird da einerseits die ganze Tragödie geschildert und andererseits erzählt ein Augenzeuge, wie er den Absturz beobachtet hat. Es heisst da:
In Gedenken an Oberleutnant Paul Treu, der am 5. September 1944 im Dienste der Eidgenossenschaft in seiner J-378 abgeschossen wurde und den Tod fand.
Am 5. September 1944 um 11 Uhr gibt die Einsatzzentrale Zürich Startalarm für die in Dübendorf stationierten Jagdstaffeln.
Nach einem Luftangriff auf Stuttgart haben soeben über 20 amerikanische Bomberflugzeuge der 8. USAAF die Schweizer Nordgrenze überflogen.
Eine Doppel-Patrouille von je zwei schweizerischen Me-109 E-3 wird auf eine in Richtung Zürich fliegende B-17 angesetzt. Der Amerikaner quittiert die Aufforderung zur Landung mit einer Leuchtkugel und wird nach Dübendorf geleitet.
Nun taucht ein B-24 Bomber auf. Zwei eidgenössische Me-109 kurven in seine Richtung, um auch ihn zur Landung aufzufordern. Plötzlich stürzen sich die Begleitjäger der B-24 mit ihren Mustangs auf die beiden eidgenössischen Maschinen und schiessen sie augenblicklich ab.
Oberleutnant P.Treu (J-378) findet dabei den Tod. Seinem Kameraden, Oberleutnant R. Heiniger (J-324), gelingt mit seinem stark beschädigten Flugzeug noch die Notlandung.
Die US-Piloten haben offensichtlich die eidgenössische Me-109 als deutsche Jäger angesehen.
Und so schilderte ein Augenzeuge den Vorfall:
Ich beobachtete den Luftkampf und sah, wie ein Jagdflugzeug, eine Rauchfahne hinter sich herziehend, brennend in Richtung Affoltern abstürzte. Sofort fuhr ich mit dem Velo in diese Richtung und traf an der Absturzstelle am Waldrand neben der Fronwaldstrasse ein. Zwischen den Stämmen der Bäume brannte ein fast unscheinbarer Haufen zerbrochener Flugzeugteile. Vermutlich hatte sich der Vorderteil der Maschine mit dem schweren Motor tief in den Boden eingerammt. Fetzen von rot und weiss bemalter Bespannung zeigten deutlich, dass es sich um ein Schweizer Flugzeug handelt. Ein dabei liegendes Stück Blech wies eine ganze Reihe von Einschlägen auf, die wahrscheinlich von MG-Munition herrührte. Innert kürzester Zeit erschienen die Feuerwehr, die Kantonspolizei, Leute vom Luftschutz und ein Sanitätsautomobil.
Ursula sagte, ihre Enkelkinder zöge es auf jedem Spaziergang zu dieser Gedenkstätte hin, wo sie deren Geschichte immer wieder erzählen müsse.
Wer weiss noch davon? Es müssen noch Menschen da sein, die Paul Treu kannten und dafür sorgen, dass sein Andenken nicht verblasst. Obwohl mit einfachen Mitteln gestaltet, berührte diese Gedenkstätte auch mich.
Geschichten von Rita Lorenzetti-Hess aus Zürich-Altstetten und
Archiv sämtlicher Blog-Beiträge aus der Zeit beim Textatelier Hess von Biberstein
Donnerstag, 31. Mai 2007
Mittwoch, 23. Mai 2007
Reisen mit Kindern: Wache und verblasste Erinnerungen
„Alles für die Katz!“ sagt Primo jedesmal, wenn wir die Töchter auf weit zurückliegende gemeinsame Ferien oder Reisen ansprechen und sie sich nicht mehr daran erinnern können.
Er reagiert gern humoristisch und fängt so ein vermeintliches Fiasko auf. Klar, er weiss selbst, dass nicht alle Erfahrungen im Bewusstsein bleiben. Manche siedeln sich auf der andern Hirnhälfte an und bereichern das Unbewusste, aus dem sich dann unsere schöpferischen Kräfte entwickeln.
Was uns immer wichtig war: dass Ferien auf spielerische Weise etwas fürs Leben vermitteln. Dass die Kinder von früh auf lernen, sich auch in veränderten Verhältnissen wohl zu fühlen. Dann die praktischen Aspekte, z. B. das Packen der Dinge, auf die man nicht verzichten kann. Den Rucksack selber tragen. Eine Reiseroute überblicken, den Fahrplan studieren lernen. Und sich dann in einer Ferienwohnung einrichten.
An solchen Orten fängt eine Familie bei Null an. Es ist vieles offen. Räume können erobert werden. Man tastet sich gemeinsam vor. Eine vorhandene Leere muss mit eigenem Leben und mit Fantasie gefüllt werden. Damals konnte nicht aufs Fernsehen ausgewichen werden, wenn das Regenwetter Ausflüge unmöglich machte. Für alle Unterhaltung waren die Feriengäste selber zuständig. Diese Situation hat viel Kreativität freigesetzt. Und wir hatten Zeit, auf die Kinder einzugehen. Das eigentliche Ziel der Ferien ist ja, Zeit füreinander zu haben.
Meine Mutter, die Ferien erst kennen lernte, als ich schon verheiratet war, staunte immer wieder, wie junge Familien verreisten und fragte sich, ob das kleinen Kindern und vor allem Säuglingen gut tue. Das frage ich mich grundsätzlich auch, andererseits sind Reiseerfahrungen für Schulkinder sicher sehr wichtig. Reisen muss auch gelernt sein.
Felicitas, unsere Erstgeborene, wollte von klein auf so viel wie möglich reisen. Sobald sie begriff, dass es eine Landesgrenze gibt, wollte sie diese immer wieder überqueren. Wie oft war sie enttäuscht, wenn der Zöllner nicht verlangte, dass sie den Koffer ihrer Puppe öffne und den Inhalt zeige. Sie wollte mit allen Fasern erleben, dass sie in ein anderes Land reise.
Und Letizia fürchtete sich vor dem Zoll. Menschen in Uniform ängstigen sie enorm.
Einmal, an einem Sonntag, als wir die Kinder fragten, was wir unternehmen könnten, wollte Felicitas unbedingt nach Deutschland. Gut. Das war möglich. Reise ab Zürich mit der Bahn nach Stein-Säckingen. Zu Fuss über die prächtige, 220 Meter lange Holzbrücke über den Rhein. Rundgang in der Stadt Säckingen.
Kurz vor der Zollstation merkten wir aber, dass wir wegen unserer überstürzten Abreise keine Identitätskarten mitgenommen hatten. Jetzt wurde es spannend. Wir meldeten uns beim Schweizer Zoll auf der linken Rheinseite. Hier wurde uns geraten, beim deutschen Zoll, also am anderen Ufer, zu fragen, ob Deutschland uns für einen Spaziergang in Säckingen eintreten lasse.
Auf dem Weg dorthin trafen wir in der Mitte auf den Brückenheiligen St. Nepomuk. Wir grüssten und baten ihn, er möge dort drüben ein gutes Wort für uns einlegen.
Auf der anderen Rheinseite angekommen, schickte uns der deutsche Zöllner sofort in die Schweiz zurück und liess ausrichten, wenn man uns dort einen Ausflugsschein ausstelle, sei die Sache in Ordnung. Obwohl wir kein einziges Papier bei uns hatten, das uns als Familie Lorenzetti hätte ausweisen können, schrieb uns der Schweizer Zöllner 2 Ausflugsscheine. Einen für den Vater und die beiden Kinder, einen zweiten für die Mutter.
Nun freuten wir uns riesig, marschierten wieder los. Die überglücklichen Kinder schwenkten die Ausweispapiere und zwinkerten St. Nepomuk zu. Drüben in Deutschland war dann das Zollbüro leer und niemand kontrollierte uns bei der Einreise. Freude und Enttäuschung in einem. Wir hätten unsere Papiere so gerne gezeigt.
Dieses Erlebnis war stark und ist darum in den Erinnerungen gut verankert. Wir können es jederzeit abrufen. Die Ausflugsscheine besitzen wir übrigens noch. Ausgestellt wurden sie am 23. Mai 1974. Einen für den Vater mit den beiden Kindern, einen für die Mutter zu je SFR. 3.–. Sie tragen die Nummern 134 916 und 134 917.
Er reagiert gern humoristisch und fängt so ein vermeintliches Fiasko auf. Klar, er weiss selbst, dass nicht alle Erfahrungen im Bewusstsein bleiben. Manche siedeln sich auf der andern Hirnhälfte an und bereichern das Unbewusste, aus dem sich dann unsere schöpferischen Kräfte entwickeln.
Was uns immer wichtig war: dass Ferien auf spielerische Weise etwas fürs Leben vermitteln. Dass die Kinder von früh auf lernen, sich auch in veränderten Verhältnissen wohl zu fühlen. Dann die praktischen Aspekte, z. B. das Packen der Dinge, auf die man nicht verzichten kann. Den Rucksack selber tragen. Eine Reiseroute überblicken, den Fahrplan studieren lernen. Und sich dann in einer Ferienwohnung einrichten.
An solchen Orten fängt eine Familie bei Null an. Es ist vieles offen. Räume können erobert werden. Man tastet sich gemeinsam vor. Eine vorhandene Leere muss mit eigenem Leben und mit Fantasie gefüllt werden. Damals konnte nicht aufs Fernsehen ausgewichen werden, wenn das Regenwetter Ausflüge unmöglich machte. Für alle Unterhaltung waren die Feriengäste selber zuständig. Diese Situation hat viel Kreativität freigesetzt. Und wir hatten Zeit, auf die Kinder einzugehen. Das eigentliche Ziel der Ferien ist ja, Zeit füreinander zu haben.
Meine Mutter, die Ferien erst kennen lernte, als ich schon verheiratet war, staunte immer wieder, wie junge Familien verreisten und fragte sich, ob das kleinen Kindern und vor allem Säuglingen gut tue. Das frage ich mich grundsätzlich auch, andererseits sind Reiseerfahrungen für Schulkinder sicher sehr wichtig. Reisen muss auch gelernt sein.
Felicitas, unsere Erstgeborene, wollte von klein auf so viel wie möglich reisen. Sobald sie begriff, dass es eine Landesgrenze gibt, wollte sie diese immer wieder überqueren. Wie oft war sie enttäuscht, wenn der Zöllner nicht verlangte, dass sie den Koffer ihrer Puppe öffne und den Inhalt zeige. Sie wollte mit allen Fasern erleben, dass sie in ein anderes Land reise.
Und Letizia fürchtete sich vor dem Zoll. Menschen in Uniform ängstigen sie enorm.
Einmal, an einem Sonntag, als wir die Kinder fragten, was wir unternehmen könnten, wollte Felicitas unbedingt nach Deutschland. Gut. Das war möglich. Reise ab Zürich mit der Bahn nach Stein-Säckingen. Zu Fuss über die prächtige, 220 Meter lange Holzbrücke über den Rhein. Rundgang in der Stadt Säckingen.
Kurz vor der Zollstation merkten wir aber, dass wir wegen unserer überstürzten Abreise keine Identitätskarten mitgenommen hatten. Jetzt wurde es spannend. Wir meldeten uns beim Schweizer Zoll auf der linken Rheinseite. Hier wurde uns geraten, beim deutschen Zoll, also am anderen Ufer, zu fragen, ob Deutschland uns für einen Spaziergang in Säckingen eintreten lasse.
Auf dem Weg dorthin trafen wir in der Mitte auf den Brückenheiligen St. Nepomuk. Wir grüssten und baten ihn, er möge dort drüben ein gutes Wort für uns einlegen.
Auf der anderen Rheinseite angekommen, schickte uns der deutsche Zöllner sofort in die Schweiz zurück und liess ausrichten, wenn man uns dort einen Ausflugsschein ausstelle, sei die Sache in Ordnung. Obwohl wir kein einziges Papier bei uns hatten, das uns als Familie Lorenzetti hätte ausweisen können, schrieb uns der Schweizer Zöllner 2 Ausflugsscheine. Einen für den Vater und die beiden Kinder, einen zweiten für die Mutter.
Nun freuten wir uns riesig, marschierten wieder los. Die überglücklichen Kinder schwenkten die Ausweispapiere und zwinkerten St. Nepomuk zu. Drüben in Deutschland war dann das Zollbüro leer und niemand kontrollierte uns bei der Einreise. Freude und Enttäuschung in einem. Wir hätten unsere Papiere so gerne gezeigt.
Dieses Erlebnis war stark und ist darum in den Erinnerungen gut verankert. Wir können es jederzeit abrufen. Die Ausflugsscheine besitzen wir übrigens noch. Ausgestellt wurden sie am 23. Mai 1974. Einen für den Vater mit den beiden Kindern, einen für die Mutter zu je SFR. 3.–. Sie tragen die Nummern 134 916 und 134 917.
Mittwoch, 16. Mai 2007
Hardhof Zürich: Grundwasserfeld und Naherholungsgebiet
Meine kurzen Ausläufe, weg vom Schreibtisch, führen mich oft in den Hardhof. Dieser befindet sich zwischen der Tramstation Sportplatz Hardturm und der Europabrücke.
In 4–6 Metern Tiefe fliesst da ein 20–30 Meter breiter Grundwasserstrom durch das Limmattal. Zusammen mit dem Regenwasser können ihm 15 % des Zürcher Trinkwassers entnommen werden. Dieses Grundwasser fliesst mit einer Geschwindigkeit von 1–10 Millimetern pro Sekunde, also langsamer als die Flüsse Limmat und Sihl, die es speisen.
Das Areal darüber ist begrünt, mit Bäumen, Sträuchern und geschwungenen Spazierwegen gestaltet und mit verschiedenen Sportanlagen ausgerüstet. Mein Lieblingsweg ist jener, der nach dem Vorbild der Finnenbahnen angelegt ist. Eine Art Orientteppich. Die Wirbelsäule geniesst hier den weichen Auftritt und die sanften Bewegungen, die sich daraus ergeben. Am Rand dieser Oase sind Bäume gegen die Autobahn hin so ideal gesetzt, dass sie viel vom Lärm schlucken.
Die gesamte Anlage ist 25 Hektaren gross und wurde in den 1970er-Jahren geschaffen. Da waren unsere Töchter noch Kinder. Ich sagte ihnen voraus, dass hier ein kleiner Wald heranwachse, in dem sie später einmal mit ihren Kindern spazieren würden. Und schon sind wir in dieser Epoche angelangt. Bereits im Sommer werden wir uns hier einfinden und mit den im Frühjahr neu installierten Wasserspielen vergnügen. Hier kann die 1-jährige Enkelin dann auch laufen lernen.
Das Areal darf in der Mitte auf einem gut signalisierten Veloweg durchfahren werden. Für das gesamte Spazierwegnetz gilt aber ein striktes Fahrverbot. Diesem verdanken wir die geordnete und beschauliche Atmosphäre.
Das Hardhofgebiet ist weit. Grundwasserstrom und Limmat halten uns diesen Raum offen. An Sommerabenden schauen wir uns hier die Sonnenuntergänge an. Der Hardhof ist wirklich ein Erholungsgebiet, eine Oase. Dieser Ort ist geschützt.
Die Wasserversorgung formuliert es so: „Die hohe Qualität des Grundwassers kann garantiert werden, weil das Grundwasserfeld und seine Umgebung durch eine Schutzzone mit strengen Bestimmungen vor Gefahren geschützt wird.“ Und auf einer der Informationstafeln ist zu lesen: „Trotz aller Aktivität, die hier stattfinden kann, gilt: Der Vorrang gehört der Grundwasserförderung. Nur was diese nicht gefährdet, ist hier erlaubt.“
In früheren Sommernächten kamen wir mit den Kindern auch hierher, damit sie das Himmelsgewölbe wahrnehmen und die Sterne beobachten konnten. Auf Wolldecken auf einer der Wiesen liegend, warteten wir auf Sternschnuppen. Als diese dann aufleuchteten, waren wir so überrascht, dass wir vergassen, rechtzeitig unsere Wünsche auszusprechen.
In der Stadt wird es nie mehr richtig dunkel. Auch damals schon hellte eine zwar mindere Beleuchtung den Nachthimmel über Zürich auf. Trotzdem war es möglich, mehr vom Glanz der Sterne zu erfassen als es heute möglich ist.
In 4–6 Metern Tiefe fliesst da ein 20–30 Meter breiter Grundwasserstrom durch das Limmattal. Zusammen mit dem Regenwasser können ihm 15 % des Zürcher Trinkwassers entnommen werden. Dieses Grundwasser fliesst mit einer Geschwindigkeit von 1–10 Millimetern pro Sekunde, also langsamer als die Flüsse Limmat und Sihl, die es speisen.
Das Areal darüber ist begrünt, mit Bäumen, Sträuchern und geschwungenen Spazierwegen gestaltet und mit verschiedenen Sportanlagen ausgerüstet. Mein Lieblingsweg ist jener, der nach dem Vorbild der Finnenbahnen angelegt ist. Eine Art Orientteppich. Die Wirbelsäule geniesst hier den weichen Auftritt und die sanften Bewegungen, die sich daraus ergeben. Am Rand dieser Oase sind Bäume gegen die Autobahn hin so ideal gesetzt, dass sie viel vom Lärm schlucken.
Die gesamte Anlage ist 25 Hektaren gross und wurde in den 1970er-Jahren geschaffen. Da waren unsere Töchter noch Kinder. Ich sagte ihnen voraus, dass hier ein kleiner Wald heranwachse, in dem sie später einmal mit ihren Kindern spazieren würden. Und schon sind wir in dieser Epoche angelangt. Bereits im Sommer werden wir uns hier einfinden und mit den im Frühjahr neu installierten Wasserspielen vergnügen. Hier kann die 1-jährige Enkelin dann auch laufen lernen.
Das Areal darf in der Mitte auf einem gut signalisierten Veloweg durchfahren werden. Für das gesamte Spazierwegnetz gilt aber ein striktes Fahrverbot. Diesem verdanken wir die geordnete und beschauliche Atmosphäre.
Das Hardhofgebiet ist weit. Grundwasserstrom und Limmat halten uns diesen Raum offen. An Sommerabenden schauen wir uns hier die Sonnenuntergänge an. Der Hardhof ist wirklich ein Erholungsgebiet, eine Oase. Dieser Ort ist geschützt.
Die Wasserversorgung formuliert es so: „Die hohe Qualität des Grundwassers kann garantiert werden, weil das Grundwasserfeld und seine Umgebung durch eine Schutzzone mit strengen Bestimmungen vor Gefahren geschützt wird.“ Und auf einer der Informationstafeln ist zu lesen: „Trotz aller Aktivität, die hier stattfinden kann, gilt: Der Vorrang gehört der Grundwasserförderung. Nur was diese nicht gefährdet, ist hier erlaubt.“
In früheren Sommernächten kamen wir mit den Kindern auch hierher, damit sie das Himmelsgewölbe wahrnehmen und die Sterne beobachten konnten. Auf Wolldecken auf einer der Wiesen liegend, warteten wir auf Sternschnuppen. Als diese dann aufleuchteten, waren wir so überrascht, dass wir vergassen, rechtzeitig unsere Wünsche auszusprechen.
In der Stadt wird es nie mehr richtig dunkel. Auch damals schon hellte eine zwar mindere Beleuchtung den Nachthimmel über Zürich auf. Trotzdem war es möglich, mehr vom Glanz der Sterne zu erfassen als es heute möglich ist.
Mittwoch, 9. Mai 2007
Als der Regen auf die Dächer trommelte, wichen die Sorgen
Auch in Zürich hat es nun geregnet. Am ersten Tag nach der Trockenperiode als feiner Sprühregen, später dann stärker. So, wie wir es gewohnt sind. Wir schmeckten den Regen. Die Erde gab sofort eine Duft-Resonanz. Den feuchten Erdgeruch, frisch und moderig zugleich. Und von den Wetterprognosen wussten wir, dass es nun in der ganzen Schweiz regnete. Erleichterung. Aufatmen. Am liebsten hätte ich in diesem Augenblick mit andern zusammen gesungen.
Da machte es gar nichts mehr aus, dass jetzt die schönsten Blüten nass wurden und auch die Rosen am Torbogen viele ihrer Blätter verloren haben. Wir waren einfach zufrieden, dass der Erde wieder Wasser geschenkt worden ist. Und dass wir wieder freier atmen konnten.
Tage und Wochen zuvor konnten wir ja den Frühling feiern, die Bäume im Blust bewundern, ihre Aromen einatmen und verstehen, warum ein klassisches Brautkleid weiss und mit Spitzen versehen sein muss. Wie der Frühling. Unberührt, rein und schön.
Es wurde uns bewusst, wie machtlos wir wären, wenn das Wasser nicht mehr über unsere Dächer und Felder rieselte. Da könnten wir gar nichts ausrichten. Wir nahmen wieder einmal wahr, dass wir nur Teil der Natur und nicht ihre Gebieter sind.
Erstaunlich: Ich hörte bis jetzt niemanden, der sich beklagt hätte, dass die Temperaturen gesunken und das Klima feucht und der Himmel grau geworden sind. Hoffentlich hält die Zufriedenheit lange an.
Da machte es gar nichts mehr aus, dass jetzt die schönsten Blüten nass wurden und auch die Rosen am Torbogen viele ihrer Blätter verloren haben. Wir waren einfach zufrieden, dass der Erde wieder Wasser geschenkt worden ist. Und dass wir wieder freier atmen konnten.
Tage und Wochen zuvor konnten wir ja den Frühling feiern, die Bäume im Blust bewundern, ihre Aromen einatmen und verstehen, warum ein klassisches Brautkleid weiss und mit Spitzen versehen sein muss. Wie der Frühling. Unberührt, rein und schön.
Es wurde uns bewusst, wie machtlos wir wären, wenn das Wasser nicht mehr über unsere Dächer und Felder rieselte. Da könnten wir gar nichts ausrichten. Wir nahmen wieder einmal wahr, dass wir nur Teil der Natur und nicht ihre Gebieter sind.
Erstaunlich: Ich hörte bis jetzt niemanden, der sich beklagt hätte, dass die Temperaturen gesunken und das Klima feucht und der Himmel grau geworden sind. Hoffentlich hält die Zufriedenheit lange an.
Samstag, 28. April 2007
Lüpfiges: Traumhafter Sprachklang der Schweizer Dialekte
Ich muss mit einer offenen Frage eingeschlafen sein. Die Antwort zeigte sich dann im Traum. Genau gesagt, hörte ich sie. Ich erlebte, wie ein Text fürs Blogatelier entstand. Ich hörte die Sätze in gutem Schriftdeutsch. Das Schönste daran: Es war ein Dialektwort dabei, das meinen gegenwärtigen Gesundheitszustand auf milde Art ausdrückte. Mitgefühl inbegriffen. Ich gehöre momentan zu den Ozongeschädigten. Die Atemwege sind überreizt.
Gleichzeitig mit dem Aufwachen wurde der Trauminhalt gelöscht. Am meisten beklage ich den Verlust des Dialektworts. Im Blog vom 21.04.2007 erwähnte ich, dass ich meiner Muttersprache aus dem Zürcher Oberland nachtrauere. Nun hatte sich im Traum ein schönes Eigenschaftswort zurückgemeldet. Mit „d“ als Anfangsbuchstabe. Daran kann ich mich noch erinnern. Nun gut, es sitzt also noch in mir drin und wird sich eines Tages gewiss auch im Wachleben melden.
Schon am Morgen holte ich dann das Taschenbuch von Mimi Steffen hervor, in dem sie französische Wörter in den Schweizer Dialekt und Dialektwörter ins Französische übersetzte. Dieser Dictionnaire ist eine Fundgrube und eine Lieblingslektüre von mir. Ich hoffte, dort fündig zu werden. Doch ist mein Wort vermutlich zu alt, als dass es in ein aktuelles Wörterbuch aufgenommen würde.
Gleichwohl will ich dieses wertvolle Taschenbuch noch näher vorstellen. Es ist als Hilfsmittel für die Kommunikation zwischen der welschen Schweiz und der Deutschschweiz geschaffen worden.
Westschweizer haben es bekanntlich schwer, wenn sie in die Deutschschweiz kommen und mit einem oder sogar gleich mit mehreren Dialekten konfrontiert werden. Auch wenn wir uns in der Deutschschweiz bemühen, Schriftdeutsch zu sprechen, verwenden wir immer auch noch Dialektausdrücke mit. Und diese werden dann meist nicht verstanden und können zu Missverständnissen führen.
Mimi Steffen, heisst es im Vorwort, besitze als Autorin ausgezeichnete Voraussetzungen. Sie spreche beide Sprachen, französisch und deutsch, perfekt. Sie unterrichte in der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung und an einem Gymnasium und sei daher mit den Gewohnheiten und Veränderungen der Mundart täglich konfrontiert.
Meine Freude am Sprachklang unserer Dialekte war ausschlaggebend, dass ich dieses Wörterbuch als Geschenk erhielt. Es liegt immer in meiner Nähe. Und wenn ich mich entspannen will, schlage ich es auf und schaue, womit mich der Zufall gerade beschenken will.
Hier ein Beispiel: SOULEVER – aufheben, emporheben
Dialektübersetzung – lüpfe, glüpft,uuflüpfe, uufglüpft
se surmener – sich überlüüpfe, überlüpft, überlupfe, überlupft
soulève ton pied! Lüpf (oder) lupf de Fuess!
Quelle: ISBN-Nummer 978-3-033-01014-7
Mimi Steffen: „Dictionnaire français-suisse allemand /schwiizertüütsch französisch.“
Schade, dass ich jetzt nicht überprüfen kann, welcher Text wertvoller ist, jener aus dem Traum oder dieser, der nun ins Blogatelier aufgenommen worden ist.
Hinweis auf weitere Blogs zur Sprache
21.04.2007: Nach luftiger Schmetterlingsart Geschichten erzählen
Gleichzeitig mit dem Aufwachen wurde der Trauminhalt gelöscht. Am meisten beklage ich den Verlust des Dialektworts. Im Blog vom 21.04.2007 erwähnte ich, dass ich meiner Muttersprache aus dem Zürcher Oberland nachtrauere. Nun hatte sich im Traum ein schönes Eigenschaftswort zurückgemeldet. Mit „d“ als Anfangsbuchstabe. Daran kann ich mich noch erinnern. Nun gut, es sitzt also noch in mir drin und wird sich eines Tages gewiss auch im Wachleben melden.
Schon am Morgen holte ich dann das Taschenbuch von Mimi Steffen hervor, in dem sie französische Wörter in den Schweizer Dialekt und Dialektwörter ins Französische übersetzte. Dieser Dictionnaire ist eine Fundgrube und eine Lieblingslektüre von mir. Ich hoffte, dort fündig zu werden. Doch ist mein Wort vermutlich zu alt, als dass es in ein aktuelles Wörterbuch aufgenommen würde.
Gleichwohl will ich dieses wertvolle Taschenbuch noch näher vorstellen. Es ist als Hilfsmittel für die Kommunikation zwischen der welschen Schweiz und der Deutschschweiz geschaffen worden.
Westschweizer haben es bekanntlich schwer, wenn sie in die Deutschschweiz kommen und mit einem oder sogar gleich mit mehreren Dialekten konfrontiert werden. Auch wenn wir uns in der Deutschschweiz bemühen, Schriftdeutsch zu sprechen, verwenden wir immer auch noch Dialektausdrücke mit. Und diese werden dann meist nicht verstanden und können zu Missverständnissen führen.
Mimi Steffen, heisst es im Vorwort, besitze als Autorin ausgezeichnete Voraussetzungen. Sie spreche beide Sprachen, französisch und deutsch, perfekt. Sie unterrichte in der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung und an einem Gymnasium und sei daher mit den Gewohnheiten und Veränderungen der Mundart täglich konfrontiert.
Meine Freude am Sprachklang unserer Dialekte war ausschlaggebend, dass ich dieses Wörterbuch als Geschenk erhielt. Es liegt immer in meiner Nähe. Und wenn ich mich entspannen will, schlage ich es auf und schaue, womit mich der Zufall gerade beschenken will.
Hier ein Beispiel: SOULEVER – aufheben, emporheben
Dialektübersetzung – lüpfe, glüpft,uuflüpfe, uufglüpft
se surmener – sich überlüüpfe, überlüpft, überlupfe, überlupft
soulève ton pied! Lüpf (oder) lupf de Fuess!
Quelle: ISBN-Nummer 978-3-033-01014-7
Mimi Steffen: „Dictionnaire français-suisse allemand /schwiizertüütsch französisch.“
Schade, dass ich jetzt nicht überprüfen kann, welcher Text wertvoller ist, jener aus dem Traum oder dieser, der nun ins Blogatelier aufgenommen worden ist.
Hinweis auf weitere Blogs zur Sprache
21.04.2007: Nach luftiger Schmetterlingsart Geschichten erzählen
Samstag, 21. April 2007
Nach luftiger Schmetterlingsart Geschichten erzählen
Während ich im Garten das rote Manchesterhemd an die Wäscheleine hänge,
schwirren meine Gefühle und Gedanken schon in der Banlieu von Paris
herum, denn dort wurde es seinerzeit gekauft. Sofort befinde ich mich in
Ferienstimmung, erinnere mich an viele Einzelheiten unseres 10 Jahre
zurückliegenden Besuches in Saint Denis.
Ich fühle mich immer wieder beschenkt, wenn Gegenstände oder Gerüche urplötzlich Erinnerungen ins Bewusstsein bringen. Solche Augenblicke sind echte Rückführungen, und diese geniesse ich. Meist sind es schöne Erlebnisse, die ich nachempfinden darf. Obwohl ich weiterhin Wäsche aufhängte, war ich abwesend. Der Körper da, Empfindungen und Gedanken auf Reisen. Über 600 Kilometer weit weg.
Zurückgekommen sind sie, als alle Wäschestücke aufgehängt und der Korb leer geworden war. Da entdeckte ich auf dem weissen Leintuch einen Zitronenfalter. Er musste soeben hier gelandet sein. Seine Flügel bewegten sich noch. Ich schaute ihm zu und dachte: Wir zwei sind Wesensverwandte. Auch ich flattere ja, wie vorhin, in der Weltgeschichte herum. Auch ich lasse mich von Reizen verlocken. Verweilen ist nicht immer unsere Sache. Immer drängt es uns weiter. Selbstverständlich kommen auch wir wieder an unsere Ausgangsorte zurück. Aber wir verfolgen nicht nur ein lineares Ziel. Wir besuchen viele Orte, aus unterschiedlichen Gründen zwar, aber mit derselben Unruhe. Und wir lassen uns ablenken.
Der Falter flog dann weg. Ich habe ihn rasch aus den Augen verloren. Aber das Leintuch war noch da und flatterte im Wind. Und schon malte ich mir aus, wie es sich anfühlen wird, wenn ich mich am Abend darin einhülle. Es ist eines aus jener alten Qualität, die sich rauh anfühlt. Es raschelt, wenn ich mich zudecke. Würde ich es bügeln, verlöre es diesen Effekt. So unbehandelt, spüre ich dann in der Nacht noch die Sonne und den Wind, die es trockneten. Wie in meiner Kindheit, als die Betten noch jeden Frühling gesonnt wurden.
Man trug sie ins Freie. Decken wurden geschüttelt und der Sonne ausgesetzt, Gestelle gereinigt und poliert. Die Matratzen mit dem Teppichklopfer geklopft. Zimmer und Fenster wurden ebenfalls einer Generalreinigung unterzogen. Das Resultat: Die absolute Frische. Das vorher beschriebene Leintuch ist nur ein kleiner Aspekt davon.
Dora, eine Verwandte, hielt bis zu ihrem Tod vor 2 Jahren an dieser Ordnung fest. Auch über ihren 80. Geburtstag hinaus musste der traditionelle Frühjahrsputz in immer gleicher Manier vollzogen werden. Solange ich sie gekannt habe, machte sie alles so, wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte. Wollten wir ihr diese schwere Arbeit ausreden oder ihr helfen, verwies sie uns auf die Pflicht. Die Mutter hätte es immer so verlangt. Im gleichen Sinne blieb sie ihrer wunderschönen Sprache treu. Da gab es keine Anpassungen an unsere Zeit, keine Modeworte, keine Einsprengsel aus anderen Sprachen. Der von ihr gesprochene Zürcher-Oberland-Dialekt blieb zeitlebens unverfälscht, reich an Bildern, eine Geschichte für sich. Manchmal fühlte ich Heimweh, wenn ich sie sprechen hörte. Sie machte mir bewusst, was ich zurückgelassen habe, als ich mit den Eltern in die Stadt umzog.
Dora gehörte zu den Bedächtigen und Getreuen. Sie wurde oft als schwerfällig empfunden, hat uns aber immer wieder gezeigt, wie wichtig auch ihre Gattung ist. Wer anders würde uns denn noch von den Vorfahren, ihren Erfahrungen und ihrem Weltbild erzählen?
Ich fühle mich immer wieder beschenkt, wenn Gegenstände oder Gerüche urplötzlich Erinnerungen ins Bewusstsein bringen. Solche Augenblicke sind echte Rückführungen, und diese geniesse ich. Meist sind es schöne Erlebnisse, die ich nachempfinden darf. Obwohl ich weiterhin Wäsche aufhängte, war ich abwesend. Der Körper da, Empfindungen und Gedanken auf Reisen. Über 600 Kilometer weit weg.
Zurückgekommen sind sie, als alle Wäschestücke aufgehängt und der Korb leer geworden war. Da entdeckte ich auf dem weissen Leintuch einen Zitronenfalter. Er musste soeben hier gelandet sein. Seine Flügel bewegten sich noch. Ich schaute ihm zu und dachte: Wir zwei sind Wesensverwandte. Auch ich flattere ja, wie vorhin, in der Weltgeschichte herum. Auch ich lasse mich von Reizen verlocken. Verweilen ist nicht immer unsere Sache. Immer drängt es uns weiter. Selbstverständlich kommen auch wir wieder an unsere Ausgangsorte zurück. Aber wir verfolgen nicht nur ein lineares Ziel. Wir besuchen viele Orte, aus unterschiedlichen Gründen zwar, aber mit derselben Unruhe. Und wir lassen uns ablenken.
Der Falter flog dann weg. Ich habe ihn rasch aus den Augen verloren. Aber das Leintuch war noch da und flatterte im Wind. Und schon malte ich mir aus, wie es sich anfühlen wird, wenn ich mich am Abend darin einhülle. Es ist eines aus jener alten Qualität, die sich rauh anfühlt. Es raschelt, wenn ich mich zudecke. Würde ich es bügeln, verlöre es diesen Effekt. So unbehandelt, spüre ich dann in der Nacht noch die Sonne und den Wind, die es trockneten. Wie in meiner Kindheit, als die Betten noch jeden Frühling gesonnt wurden.
Man trug sie ins Freie. Decken wurden geschüttelt und der Sonne ausgesetzt, Gestelle gereinigt und poliert. Die Matratzen mit dem Teppichklopfer geklopft. Zimmer und Fenster wurden ebenfalls einer Generalreinigung unterzogen. Das Resultat: Die absolute Frische. Das vorher beschriebene Leintuch ist nur ein kleiner Aspekt davon.
Dora, eine Verwandte, hielt bis zu ihrem Tod vor 2 Jahren an dieser Ordnung fest. Auch über ihren 80. Geburtstag hinaus musste der traditionelle Frühjahrsputz in immer gleicher Manier vollzogen werden. Solange ich sie gekannt habe, machte sie alles so, wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte. Wollten wir ihr diese schwere Arbeit ausreden oder ihr helfen, verwies sie uns auf die Pflicht. Die Mutter hätte es immer so verlangt. Im gleichen Sinne blieb sie ihrer wunderschönen Sprache treu. Da gab es keine Anpassungen an unsere Zeit, keine Modeworte, keine Einsprengsel aus anderen Sprachen. Der von ihr gesprochene Zürcher-Oberland-Dialekt blieb zeitlebens unverfälscht, reich an Bildern, eine Geschichte für sich. Manchmal fühlte ich Heimweh, wenn ich sie sprechen hörte. Sie machte mir bewusst, was ich zurückgelassen habe, als ich mit den Eltern in die Stadt umzog.
Dora gehörte zu den Bedächtigen und Getreuen. Sie wurde oft als schwerfällig empfunden, hat uns aber immer wieder gezeigt, wie wichtig auch ihre Gattung ist. Wer anders würde uns denn noch von den Vorfahren, ihren Erfahrungen und ihrem Weltbild erzählen?
Sonntag, 15. April 2007
Vorsicht, wenn sich unbekannte Person von links nähert
Wir standen vor einem Gasthaus an der Hauptstrasse und studierten den Menu-Aushang. Sobald wir weitergingen, schloss sich uns eine Frau an. Sie stellte sich an meine linke Seite. Unanständig nahe. Sie redete in gutem Deutsch und erzählte, sie stamme aus Bosnien, befände sich in grosser materieller Not. Morgen sei die Miete fällig. Sie wisse nicht, wie sie diese bezahle.
Ich befand mich nicht in Zürich, konnte ihr keine Adresse angeben, wo sich Notleidende melden können. Dennoch gab ich ihr Hinweise. Aber sie wischte alle weg. Diese Stellen kenne sie schon. Sie jammerte in immer schnellerem Reden und bettelte um Geld. Sie fuchtelte herum und wollte mir vorschreiben, ihr ein Almosen zu geben. Um Gottes Willen solle ich es tun. Da wir uns in Einsiedeln befanden, wo sich das berühmte Benediktiner-Kloster befindet, wählte sie geschickt ein religiöses Motiv und meinte, mich erweichen zu können. Sie selbst war in feine Materialien gekleidet, gab nicht den Eindruck von Armut. Als sie immer dreister wurde und sogar einen festen Betrag nannte, den ich ihr übergeben solle, sagte ich sehr bestimmt: „So geht das nicht!“ und schritt zügig aus. Die Bettlerin war konsterniert und rief mir nach: „Was machen Sie da!“ Offensichtlich wurde ich vordem als naiv eingestuft. Nun war sie erstaunt, dass ich mich ihr entziehen konnte. Sie rief mir nochmals etwas nach, doch verstand ich glücklicherweise nicht, ob sie mich auch noch verwünscht hatte.
Primo war ein Stück weiter gegangen und beobachtete uns mit Abstand. Er hätte es sicher bemerkt, wenn sie sich an meiner Tasche vergriffen hätte. Er sagte nachher nur, ich hätte mich zu lange ins Gespräch eingelassen. Am Abend dann, vor dem Einschlafen, meldete sich dieses Erlebnis nochmals und beunruhigte mich. Erst als ich mir überlegt hatte, dass ich im Laufe des Nachmittags wiederholt Geld ausgeben konnte und auch das Bahnbillett für die Heimreise vorhanden war, wusste ich, dass ich mein Portemonnaie noch besitze.
Einige Tage danach, als ich in einem Zürcher Einkaufszentrum ein Geschäft verliess, wurde ich wieder von links her angegangen. Wieder tauchte eine Person unvermittelt auf und stand ganz nahe neben mich. Sie fragte, ob ich ihr ein paar Fragen beantworten würde. Worum es gehe? Sie müsse lernen, ein Interview zu führen. Also gut. Sie hielt einen Schreibblock in Händen. Dort hatte sie Fragen notiert. Sie las etliche ab. An vier kann ich mich noch erinnern.
1. „Was ist Ihnen an mir aufgefallen?“
2. „Wann haben Sie die Haare letztes Mal geschnitten?“
3. „Müssen die Menschen heute mehr arbeiten als früher?“
4. „Bedeutet den jungen Menschen von heute die Treue noch etwas?“
Die Frau notierte sich keine meiner Antworten. Etwas entfernt von uns stand eine weitere, etwas ältere Person und überwachte uns. Zum Schutz der Fragenden? Ich vermute es.
In der Rückschau denke ich, das ähnliche Muster der Annäherung hätte wieder auf eine Bettlerin schliessen lassen. Doch erfuhr ich am Ende der Befragung, in welche Sekte diese Frau eingebunden sei. Da bedauerte ich sie und sprach es auch aus. Doch sie strahlte, denn Zeugnis ablegen können für die Zugehörigkeit zu einer Ideologie, die zwar von vielen Mitmenschen abgelehnt wird, das war für sie offensichtlich ein Erfolgserlebnis.
Ich befand mich nicht in Zürich, konnte ihr keine Adresse angeben, wo sich Notleidende melden können. Dennoch gab ich ihr Hinweise. Aber sie wischte alle weg. Diese Stellen kenne sie schon. Sie jammerte in immer schnellerem Reden und bettelte um Geld. Sie fuchtelte herum und wollte mir vorschreiben, ihr ein Almosen zu geben. Um Gottes Willen solle ich es tun. Da wir uns in Einsiedeln befanden, wo sich das berühmte Benediktiner-Kloster befindet, wählte sie geschickt ein religiöses Motiv und meinte, mich erweichen zu können. Sie selbst war in feine Materialien gekleidet, gab nicht den Eindruck von Armut. Als sie immer dreister wurde und sogar einen festen Betrag nannte, den ich ihr übergeben solle, sagte ich sehr bestimmt: „So geht das nicht!“ und schritt zügig aus. Die Bettlerin war konsterniert und rief mir nach: „Was machen Sie da!“ Offensichtlich wurde ich vordem als naiv eingestuft. Nun war sie erstaunt, dass ich mich ihr entziehen konnte. Sie rief mir nochmals etwas nach, doch verstand ich glücklicherweise nicht, ob sie mich auch noch verwünscht hatte.
Primo war ein Stück weiter gegangen und beobachtete uns mit Abstand. Er hätte es sicher bemerkt, wenn sie sich an meiner Tasche vergriffen hätte. Er sagte nachher nur, ich hätte mich zu lange ins Gespräch eingelassen. Am Abend dann, vor dem Einschlafen, meldete sich dieses Erlebnis nochmals und beunruhigte mich. Erst als ich mir überlegt hatte, dass ich im Laufe des Nachmittags wiederholt Geld ausgeben konnte und auch das Bahnbillett für die Heimreise vorhanden war, wusste ich, dass ich mein Portemonnaie noch besitze.
Einige Tage danach, als ich in einem Zürcher Einkaufszentrum ein Geschäft verliess, wurde ich wieder von links her angegangen. Wieder tauchte eine Person unvermittelt auf und stand ganz nahe neben mich. Sie fragte, ob ich ihr ein paar Fragen beantworten würde. Worum es gehe? Sie müsse lernen, ein Interview zu führen. Also gut. Sie hielt einen Schreibblock in Händen. Dort hatte sie Fragen notiert. Sie las etliche ab. An vier kann ich mich noch erinnern.
1. „Was ist Ihnen an mir aufgefallen?“
2. „Wann haben Sie die Haare letztes Mal geschnitten?“
3. „Müssen die Menschen heute mehr arbeiten als früher?“
4. „Bedeutet den jungen Menschen von heute die Treue noch etwas?“
Die Frau notierte sich keine meiner Antworten. Etwas entfernt von uns stand eine weitere, etwas ältere Person und überwachte uns. Zum Schutz der Fragenden? Ich vermute es.
In der Rückschau denke ich, das ähnliche Muster der Annäherung hätte wieder auf eine Bettlerin schliessen lassen. Doch erfuhr ich am Ende der Befragung, in welche Sekte diese Frau eingebunden sei. Da bedauerte ich sie und sprach es auch aus. Doch sie strahlte, denn Zeugnis ablegen können für die Zugehörigkeit zu einer Ideologie, die zwar von vielen Mitmenschen abgelehnt wird, das war für sie offensichtlich ein Erfolgserlebnis.
Montag, 9. April 2007
Kreative Kritik aus dem Familienkreis hält mich auf Trab
Als der Bericht über unsere Befreiung in Aarburg im Blogatelier (Aarburg AG: Wiedersehen und Erinnerung an eine Befreiung) aufgeschaltet war, habe ich ihn ausgedruckt und der Familie am Mittagstisch vorgelesen.
Jetzt, nachdem ich nachgeschaut habe, welches Datum er trägt, möchte ich noch daraufhin weisen, dass es sich nicht um einen Scherz handelte, auch wenn der Beitrag am 1. April 2007 erschienen ist.
Nun aber zurück zu meiner Familie. Primo und Letizia hörten aufmerksam zu, prüften, ob ich weder übertrieben noch gemogelt habe. An gewissen Stellen waren die beiden zurückgeführt, nickten zustimmend und kicherten. Das Dialektwort „pfnuchsen“ würde ihre Reaktion noch besser beschreiben. Und das bedeutete: Ja, so war es!
Letizia wies dann aber daraufhin, dass ich den Sohn des Sigristen unerwähnt liess. Auch er wollte uns doch befreien, kam wie vom Wind getrieben noch vor seinem Vater auf Rollerblades bei uns an. Dann musste ich hören, dass beschriebene Emotionen fehlten. Wir befürchteten eben im ersten Augenblick, dass wir im Käfig übernachten müssten. Und davon hätte ich ebenfalls nichts geschrieben.
Primo seinerseits riet mir, ein Buch zu schreiben. Das Erlebnis berge so viele Einzelheiten, die umfangreich und spannend beschrieben werden könnten. Und er begann aufzuzählen. Ein Ideenstrom, nicht zu bremsen. Das reinste Kabarett. Es waren wunderschöne und farbig schimmernde Luftblasen, die seinen Gedanken entsprangen. Hätte ich sie gefangen, wären sie sofort geplatzt. Ich liess sie aber aufsteigen und schaute ihnen nach.
Ich dachte dazu: Alles, was wir tun, kann kritisiert werden. Alles, was wir machen, ist Stückwerk. Alles im Leben ist an die Entwicklung gebunden, also nie fertig. Alles, was wir darstellen, ist unvollkommen und vom eigenen Standpunkt geprägt.
Ich weiss aber auch, dass meine Familie gerade darum immer etwas Weiterführendes beitragen will. Es ist gut gemeint, es soll Spass machen und unsere Gedanken verbinden. Es ist bereichernd. Und es verhindert, dass ich auf möglichen Lorbeeren sitzen bliebe. Aber manchmal wäre es einfach schön, wenn es nur heissen würde: Gut gemacht. Super!
Und jetzt werde ich noch verlegen. Wenn ich diesen letzten Satz überdenke, muss ich gestehen: Er ist ungerecht. Zustimmung von der Familie kommt doch auch vor.
So sind die Gefühle. Sie schwanken und manchmal sind sie anmassend.
Jetzt, nachdem ich nachgeschaut habe, welches Datum er trägt, möchte ich noch daraufhin weisen, dass es sich nicht um einen Scherz handelte, auch wenn der Beitrag am 1. April 2007 erschienen ist.
Nun aber zurück zu meiner Familie. Primo und Letizia hörten aufmerksam zu, prüften, ob ich weder übertrieben noch gemogelt habe. An gewissen Stellen waren die beiden zurückgeführt, nickten zustimmend und kicherten. Das Dialektwort „pfnuchsen“ würde ihre Reaktion noch besser beschreiben. Und das bedeutete: Ja, so war es!
Letizia wies dann aber daraufhin, dass ich den Sohn des Sigristen unerwähnt liess. Auch er wollte uns doch befreien, kam wie vom Wind getrieben noch vor seinem Vater auf Rollerblades bei uns an. Dann musste ich hören, dass beschriebene Emotionen fehlten. Wir befürchteten eben im ersten Augenblick, dass wir im Käfig übernachten müssten. Und davon hätte ich ebenfalls nichts geschrieben.
Primo seinerseits riet mir, ein Buch zu schreiben. Das Erlebnis berge so viele Einzelheiten, die umfangreich und spannend beschrieben werden könnten. Und er begann aufzuzählen. Ein Ideenstrom, nicht zu bremsen. Das reinste Kabarett. Es waren wunderschöne und farbig schimmernde Luftblasen, die seinen Gedanken entsprangen. Hätte ich sie gefangen, wären sie sofort geplatzt. Ich liess sie aber aufsteigen und schaute ihnen nach.
Ich dachte dazu: Alles, was wir tun, kann kritisiert werden. Alles, was wir machen, ist Stückwerk. Alles im Leben ist an die Entwicklung gebunden, also nie fertig. Alles, was wir darstellen, ist unvollkommen und vom eigenen Standpunkt geprägt.
Ich weiss aber auch, dass meine Familie gerade darum immer etwas Weiterführendes beitragen will. Es ist gut gemeint, es soll Spass machen und unsere Gedanken verbinden. Es ist bereichernd. Und es verhindert, dass ich auf möglichen Lorbeeren sitzen bliebe. Aber manchmal wäre es einfach schön, wenn es nur heissen würde: Gut gemacht. Super!
Und jetzt werde ich noch verlegen. Wenn ich diesen letzten Satz überdenke, muss ich gestehen: Er ist ungerecht. Zustimmung von der Familie kommt doch auch vor.
So sind die Gefühle. Sie schwanken und manchmal sind sie anmassend.
Sonntag, 1. April 2007
Aarburg AG: Wiedersehen und Erinnerung an eine Befreiung
Das Erlebnis, von dem ich erzählen will, liegt einige Jahre zurück. Es meldete sich wie ein Blitz, als wir im Bus zur Ostereier-Ausstellung nach Wolfwil SO fuhren. (Blog vom 30.03.07) Kaum hatten wir die Festungsanlage Aarburg AG (Bezirk Zofingen) wieder erkannt, sausten wir in Gedanken schon an jenem Gitter vorbei, das uns damals zum Verhängnis wurde.
Wir waren auf einer Velotour, fuhren von Olten her auf diesen Ort zu. Die Burganlage zog uns an. Wir machten Halt, schlenderten durch die Kleinstadt und versuchten auch, auf den Hügel zu kommen. Das ist nicht möglich. Denn dort oben ist das geschlossene Jugendheim untergebracht. Wir konnten nur mit einem Lift zur Kirche hinauf fahren. Ein Wirt wies uns den Weg, nachdem wir bei ihm Kaffee getrunken hatten. Oben angekommen, schauten wir auf die Aare und auf Weidlinge, die gerade ankamen und anlegten. Die Sonne schien kurz aus den Wolken heraus und ihre Strahlen spielten mit dem Wasser. Es gefiel uns da ganz gut. Wir hatten keine Eile.
Für eine Besichtigung der Kirche war es zu spät. Der Sigrist hatte sie gerade geschlossen. Wir folgerten, dass diese nur zu Zeiten der Gottesdienste offen sei. Es waren auch einige Touristen hier oben und prägten sich ebenfalls die schöne Aussicht ein.
Als wir dann auch mit dem Lift nach unten gefahren und ausgestiegen waren, standen wir vor dem verschlossenen Eisengitter, das im Felsen verankert ist und waren gefangen. Ja: gefangen. Der Lift war sofort wieder nach oben zurückgekehrt und konnte nicht mehr aktiviert werden. Da standen wir hinter dem Gitter, mit Sicht auf die Hauptstrasse, wie Affen im Zoo. Es gibt noch eine Foto davon.

Der Raum zwischen Lift und diesem Tor ist geräumig und mit einem Tierkäfig vergleichbar. Also, was machen? In der Zwischenzeit hatten die Wolken die Lücken zum Blau hin geschlossen. Es fühlte sich nasskalt und ungemütlich an. Ein Glück, dass ich den Rucksack und somit auch meine Jacke bei mir hatte. Wir schauten das Gefängnistor genauer an. Auf der rechten Seite schloss es sehr nahe an den Felsen. Auf der linken verhinderte die Naturform des Gesteins aber einen präzisen Anschluss. Da gab es eine minimale Hoffnung, zu entkommen. Für mich aber aussichtslos. Ebenso für Letizia. Ich konnte es mir nicht vorstellen, dass das möglich sei. Primo probierte es. Während ich meine Jacke aus dem Rucksack hervorholte, war es schon geschehen. Ich sah noch, wie er sich drehte und wendete. „Jesses Gott!“ rief ich – und schon war er frei. Selbst verwundert, stand er eine Weile still und versprach, Hilfe zu holen.

Und wir Frauen beschlossen, jede Person, die auf dem Trottoir daher komme, anzusprechen. Die erste war Ausländerin, der deutschen Sprache nicht mächtig. Dann kamen die Touristen, die auch die Aussicht bewundert hatten und lachten. Sie seien vom Sigristen informiert worden, dass das Tor in den nächsten Minuten geschlossen werde. Offensichtlich nahm er an, dass auch wir zur Reisegruppe gehörten. Dann kamen junge Italiener vorbei und schäkerten mit Letizia. Helfen konnte uns niemand. Später fuhr ein Auto vorbei, wendete, kam zurück. Es war eine Frau aus der Kirchenpflege, die uns bemerkt hatte. Sie wollte uns befreien, musste aber zuerst nach Hause, um den Schlüssel zu holen. Zur selben Zeit fand Primo Hilfe bei einem Wirt, der mit der Familie des Sigristen Kontakt aufnahm.
Dann ging alles schnell. Die Frau aus dem Auto war zuerst zurück. Sie öffnete das Tor. Dann traf Primo ein und konnte von seinen Kontakten berichten und dass die Hilfe gesichert gewesen wäre. Er erzählte von einem Wirt, der uns, falls nötig, gerne eine warme Suppe durchs Käfiggitter gereicht hätte. Und schon war auch der Sigrist da und wollte uns befreien. Mit schnellen Schritten ging er an uns vorbei, wusste noch nicht, dass die, die hier herumstanden, die Befreiten waren.
Ist es verständlich, dass wir elektrisiert waren, diesen Ort unerwartet wieder zu sehen? Ich konnte es wieder nicht glauben, dass sich Primo zwischen Fels und Gitter ohne Kopfverletzung durchzwängen konnte.
Die hilfsbereiten Menschen von Aarburg behalten wir in bester Erinnerung.
Wir waren auf einer Velotour, fuhren von Olten her auf diesen Ort zu. Die Burganlage zog uns an. Wir machten Halt, schlenderten durch die Kleinstadt und versuchten auch, auf den Hügel zu kommen. Das ist nicht möglich. Denn dort oben ist das geschlossene Jugendheim untergebracht. Wir konnten nur mit einem Lift zur Kirche hinauf fahren. Ein Wirt wies uns den Weg, nachdem wir bei ihm Kaffee getrunken hatten. Oben angekommen, schauten wir auf die Aare und auf Weidlinge, die gerade ankamen und anlegten. Die Sonne schien kurz aus den Wolken heraus und ihre Strahlen spielten mit dem Wasser. Es gefiel uns da ganz gut. Wir hatten keine Eile.
Für eine Besichtigung der Kirche war es zu spät. Der Sigrist hatte sie gerade geschlossen. Wir folgerten, dass diese nur zu Zeiten der Gottesdienste offen sei. Es waren auch einige Touristen hier oben und prägten sich ebenfalls die schöne Aussicht ein.
Als wir dann auch mit dem Lift nach unten gefahren und ausgestiegen waren, standen wir vor dem verschlossenen Eisengitter, das im Felsen verankert ist und waren gefangen. Ja: gefangen. Der Lift war sofort wieder nach oben zurückgekehrt und konnte nicht mehr aktiviert werden. Da standen wir hinter dem Gitter, mit Sicht auf die Hauptstrasse, wie Affen im Zoo. Es gibt noch eine Foto davon.

Der Raum zwischen Lift und diesem Tor ist geräumig und mit einem Tierkäfig vergleichbar. Also, was machen? In der Zwischenzeit hatten die Wolken die Lücken zum Blau hin geschlossen. Es fühlte sich nasskalt und ungemütlich an. Ein Glück, dass ich den Rucksack und somit auch meine Jacke bei mir hatte. Wir schauten das Gefängnistor genauer an. Auf der rechten Seite schloss es sehr nahe an den Felsen. Auf der linken verhinderte die Naturform des Gesteins aber einen präzisen Anschluss. Da gab es eine minimale Hoffnung, zu entkommen. Für mich aber aussichtslos. Ebenso für Letizia. Ich konnte es mir nicht vorstellen, dass das möglich sei. Primo probierte es. Während ich meine Jacke aus dem Rucksack hervorholte, war es schon geschehen. Ich sah noch, wie er sich drehte und wendete. „Jesses Gott!“ rief ich – und schon war er frei. Selbst verwundert, stand er eine Weile still und versprach, Hilfe zu holen.

Und wir Frauen beschlossen, jede Person, die auf dem Trottoir daher komme, anzusprechen. Die erste war Ausländerin, der deutschen Sprache nicht mächtig. Dann kamen die Touristen, die auch die Aussicht bewundert hatten und lachten. Sie seien vom Sigristen informiert worden, dass das Tor in den nächsten Minuten geschlossen werde. Offensichtlich nahm er an, dass auch wir zur Reisegruppe gehörten. Dann kamen junge Italiener vorbei und schäkerten mit Letizia. Helfen konnte uns niemand. Später fuhr ein Auto vorbei, wendete, kam zurück. Es war eine Frau aus der Kirchenpflege, die uns bemerkt hatte. Sie wollte uns befreien, musste aber zuerst nach Hause, um den Schlüssel zu holen. Zur selben Zeit fand Primo Hilfe bei einem Wirt, der mit der Familie des Sigristen Kontakt aufnahm.
Dann ging alles schnell. Die Frau aus dem Auto war zuerst zurück. Sie öffnete das Tor. Dann traf Primo ein und konnte von seinen Kontakten berichten und dass die Hilfe gesichert gewesen wäre. Er erzählte von einem Wirt, der uns, falls nötig, gerne eine warme Suppe durchs Käfiggitter gereicht hätte. Und schon war auch der Sigrist da und wollte uns befreien. Mit schnellen Schritten ging er an uns vorbei, wusste noch nicht, dass die, die hier herumstanden, die Befreiten waren.
Ist es verständlich, dass wir elektrisiert waren, diesen Ort unerwartet wieder zu sehen? Ich konnte es wieder nicht glauben, dass sich Primo zwischen Fels und Gitter ohne Kopfverletzung durchzwängen konnte.
Die hilfsbereiten Menschen von Aarburg behalten wir in bester Erinnerung.
Hinweis auf weitere Blogs zu Wolfwil
Freitag, 30. März 2007
Wolfwil SO: Kunstvolle Ostereier verbreiten Feststimmung
In Wolfwil nennt man den Markt „Märet“. Wir befinden uns da im Kanton Solothurn. Während des vergangenen Wochenendes fand hier der 18. Ostereier-Märet statt. Ausstellerinnen und Aussteller aus der Schweiz, Deutschland, Ungarn, Rumänien und sogar aus Russland zeigten ihre kunstvoll verzierten Ostereier. Und auch das Grundlagenmaterial für dieses schöne Kunsthandwerk wurde angeboten. Fein angebohrte und sauber ausgeblasene Eier. Solche von ganz gewöhnlichen Hühnern, von Spatzen, Wachteln, Steinhuhn, Rebhuhn, Ente, Kiebitz, von der Graugans, dem Schwan, der Schildkröte und sogar vom Krokodil.
In der lichtdurchfluteten Mehrzweckhalle sassen alle Künstlerlinnen und Künstler an langen Tischen, vor sich ausgebreitet ihre subtilen, von unendlicher Geduld gezeichneten Arbeiten. Einigen konnte beim Malen zugeschaut werden. Hier sah ich erstmals durchbrochene Spitzenmuster über das ganze Ei verteilt. Ausgefräst werden die filigranen Ornamente mit einem Zahnbohrer-Werkzeug.
Sensationell auch die Eier in ihren gestrickten und mit Glasperlen eingearbeiteten Hüllen. Direkt auf die Schale gearbeitet. Eine Art Mäntel, die aber nicht ausgezogen werden können.
38 Ausstellende waren vermerkt. Es ist unmöglich, alle zu erwähnen. Techniken für die Dekoration: Aquarell, Bleistift, Scherenschnitt, Strohapplikationen, Ritztechnik, Ölmalerei, Tusche. Eine Bäuerin liess sich von den Federn aus dem Stall ihrer Tiere inspirieren, und aus St. Petersburg zeigte eine Dame Eierdekorationen mit Stoffbrandmalerei.
Als Materialien waren auch das Holz und die Keramik vertreten. Staunen liessen einen auch die so genannten Klosterarbeiten: Grosse Eier als Gehäuse mit Innenleben. Mit handgefertigten Goldfadenbordüren. Die Türli mit Scharnieren versehen. Jedes ein Kleinod. Erwähnt seien auch die aus Keramik gestalteten Hühner. Eine Augenweide.
Die Eier lagen, ausser in den bekannten Eierkartons, auch in Schalen oder Gefässen, die mit Gewürzkörnern, Linsen, Moos, Sand, Granulat gefüllt waren. Auch Kaffeebohnen dienten als stützendes Material.
Nicht in der Ausstellung, aber im eigenen Erinnerungsschatz sah ich noch die kleinen Vasen für Frühlingsblumen, die wir Kinder aus Eierschalen herstellten. Wir verwendeten die am Spitz sorgfältig aufgebrochenen und ausgelöffelten Schalen des weichen Eis. Auf ein Viereck aus Karton verleimt, wurde es standfest. Wir bemalten es mit Wasserfarben. Und wir sassen damals ganz ähnlich zufrieden und selbstbewusst am Ostertisch vor unseren Werken wie die Künstlerinnen und Künstler hier in Wolfwil vor den ihren.
In der lichtdurchfluteten Mehrzweckhalle sassen alle Künstlerlinnen und Künstler an langen Tischen, vor sich ausgebreitet ihre subtilen, von unendlicher Geduld gezeichneten Arbeiten. Einigen konnte beim Malen zugeschaut werden. Hier sah ich erstmals durchbrochene Spitzenmuster über das ganze Ei verteilt. Ausgefräst werden die filigranen Ornamente mit einem Zahnbohrer-Werkzeug.
Sensationell auch die Eier in ihren gestrickten und mit Glasperlen eingearbeiteten Hüllen. Direkt auf die Schale gearbeitet. Eine Art Mäntel, die aber nicht ausgezogen werden können.
38 Ausstellende waren vermerkt. Es ist unmöglich, alle zu erwähnen. Techniken für die Dekoration: Aquarell, Bleistift, Scherenschnitt, Strohapplikationen, Ritztechnik, Ölmalerei, Tusche. Eine Bäuerin liess sich von den Federn aus dem Stall ihrer Tiere inspirieren, und aus St. Petersburg zeigte eine Dame Eierdekorationen mit Stoffbrandmalerei.
Als Materialien waren auch das Holz und die Keramik vertreten. Staunen liessen einen auch die so genannten Klosterarbeiten: Grosse Eier als Gehäuse mit Innenleben. Mit handgefertigten Goldfadenbordüren. Die Türli mit Scharnieren versehen. Jedes ein Kleinod. Erwähnt seien auch die aus Keramik gestalteten Hühner. Eine Augenweide.
Die Eier lagen, ausser in den bekannten Eierkartons, auch in Schalen oder Gefässen, die mit Gewürzkörnern, Linsen, Moos, Sand, Granulat gefüllt waren. Auch Kaffeebohnen dienten als stützendes Material.
Nicht in der Ausstellung, aber im eigenen Erinnerungsschatz sah ich noch die kleinen Vasen für Frühlingsblumen, die wir Kinder aus Eierschalen herstellten. Wir verwendeten die am Spitz sorgfältig aufgebrochenen und ausgelöffelten Schalen des weichen Eis. Auf ein Viereck aus Karton verleimt, wurde es standfest. Wir bemalten es mit Wasserfarben. Und wir sassen damals ganz ähnlich zufrieden und selbstbewusst am Ostertisch vor unseren Werken wie die Künstlerinnen und Künstler hier in Wolfwil vor den ihren.
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