Mittwoch, 25. September 2013

Der Suteracher – immer noch mein beliebter Einkaufsort

Der Ort, wo sich die Coop-Filiale am Suteracher befindet, war mir vom ersten Moment an sympathisch. Noch immer trägt er etwas Ländliches an sich. Der Name weist auf einen Acker hin, der einer Familie oder einem Mann namens Suter gehört haben muss.
Als ich erstmals hier angekommen war, zeigte sich mir ein prägendes Bild. Es standen da im Umfeld des Coop-Ladens ein Mann und eine Frau gesetzten Alters in lebhaftem Gespräch. Die Frau trug einen Korb mit ihren Einkäufen am Arm. Ich fühlte mich in die Kindheit zurückversetzt und sofort zu Hause.
 
Begeistert erzählte ich meiner Familie von dieser Entdeckung und verglich den Ort mit einem Dorf im Bündnerland, denn am Suteracher befinden wir uns auch auf einer Anhöhe. Wir sehen zum Hönggerberg hinüber und wissen, dass unten im Tal die Limmat Richtung Aare fliesst.
 
Dieser Coop-Laden musste nun modernisiert werden. „Für Sie modernisisieren wir“, hiess es in der Mitteilung. Gleichwohl wurde ich sofort heimatlos. Immerhin: Der Einkaufsort wurde erhalten. Und in der Umbauzeit konnte ich auf andere Filialen ausweichen. Doch keine bot mir eine vergleichbare velotaugliche Zufahrt. Und Parkierungsmöglichkeiten sind auch nicht überall ideal. Dann wurden mir schon wieder meine wertvollen über den Packträger gestülpten Taschen gestohlen. Nicht aber vor einer Coop-Filiale.
 
Während der Umbauzeit fühlte ich ein gewisses Heimweh, und die Wartezeit schien mir unsäglich lang. Als sie vorüber war, änderte sich dieses Zeitgefühl. Ich begann, von dieser Warte aus über Heimat nachzudenken. Was ist Heimat, wo sind wir heimisch? Dort, wo wir die Ordnungen kennen, wo wir nicht mehr über sie nachdenken müssen. Wo uns Menschen bekannt sind, wo die eigene Sprache verstanden wird. Wo wir als Bekannte gegrüsst werden, wo wir dazu gehören.
Der Umbau ist nun abgeschlossen. Der Laden, der sich nun Coop-Center nennt, ist geöffnet und bietet eine viel grössere Produkte-Palette an. Als ich erstmals hier zum Einkaufen ankam, empfand ich die ganze Atmosphäre, wie wenn hier eine militärische Parade stattfände. Jede Packung, jede Flasche, jede Büchse usw. standen Spalier. Kein Produkt trat aus der Reihe, keine Lücke war auszumachen. Perfektion auf einen Blick. Einladend im Eingangsbereich die Farben von Gemüsen und Früchten.
 
Enorm die Erweiterung des Raums und der Angebote. Mit Wein kann man offenbar Geld verdienen. Ihm steht viel Raum zur Verfügung. Aber für unsere Müesliflocken, die wir im alten Laden immer einkaufen konnten, gibt es keinen Platz mehr. Käse wurde in einer Kühltruhe locker zu einem Haufen eingefüllt, wie wenn der Begriff „Auf den Markt werfen“ dargestellt werden wollte.
 
Es wird eine geraume Zeit vergehen, bis ich hier wieder heimsich werde. Das Personal, das ich zum grossen Teil schon kenne, wird uns helfen, dass wir das finden, was wir suchen.
 
Jetzt, bei der Rückkehr, stelle ich fest, dass sich bei jenen Lebensmittelverteilern, die ich als Überbrückung benützt habe, auch ein gewisses Heimatgefühl eingestellt hat. Ich habe Orte besucht, die ich bis anhin ignoriert habe. Und ich habe Neues entdeckt. So kann Konkurrenz entstehen.
 
Doch für mich ist der Suteracher immer noch der Liebling. Einerseits wegen der problemlosen Zufahrt mit dem Velo, aber auch ganz sicher wegen des freundlichen und hilfsbereiten Personals, das ich grösstenteils seit 5 ½ Jahren kenne.

Sonntag, 8. September 2013

Wenn Mäuse im Traum erscheinen, verheissen sie Glück

Diese Prognose hat sich für mich noch nicht erfüllt. An sie glaubte man vor 100 Jahren im Zürcher Oberland. Als Kind hörte ich die Erwachsenen darüber sprechen. Mäuse lernte ich viele kennen, aber nie solche, die mir das grosse Glück im Traum gezeigt und dann in der Realität auch gebracht hätten.
 
Mäuse empfingen uns aber schon bei der Ankunft in Zürich. Wir hatten gerade unsere Wohnung betreten und die Zimmer angeschaut. Mutter wollte dann die mitgebrachten Lebensmittel im Küchenschrank versorgen. Sie öffnete die Tür und erschreckte ein Rudel Mäuse. Diese sprangen ihr entgegen, fielen zu Boden und rannten so schnell davon, dass wir sie unmöglich hätten fangen können.
Unsere Wohnung befand sich im Gebäude einer Glasmanufaktur. Das Haus war alt und von Mäusen bewohnt. Zusätzlich wurden diese Nagetiere noch importiert. Man entdeckte sie, wenn Glaslieferungen aus dem Ausland angekommen waren. Sie reisten im Güterzug im Verpackungsstroh mit. Es gäbe eine spannende Kindergeschichte, wenn man sich ihre Abenteuer ausmalen würde.
 
Für meine Mutter war es eine Art Tiefschlag, als sie von den Mäusen begrüsst wurde. Sie war eine Frau, die Ordnung und Sauberkeit schätzte und sie auch pflegte. Der Vater füllte dann alle erdenklichen Schlupflöcher und Ritzen mit Stahlwatte aus. Nach ruhigen Phasen wurden wir aber immer wieder neu überfallen.
 
Einmal jüngelte eine Mausmutter unter meinem Kopfkissen. Ich konnte nicht einschlafen. Unbekannte Töne ängstigten mich. Ich dachte eher an böse Geister als an Mäuse, stand auf, weckte den Vater. In diesem Zimmer würde ich nie mehr schlafen. Es sei unheimlich. Er stand sofort auf, kam in mein Zimmer, hörte die unbekannten Töne auch. Er zog die Bettdecke und dann das Kopfkissen von der Matratze weg. Und dann staunten wir. Wir sahen ein idyllisches Bild. Eine Mausmutter hatte unter meinem Kissen ihre Jungen geboren. 5 Mäuschen kuschelten sich an sie. Kein Wunder, haben sie gestöhnt, als das Gewicht meines Kopfes auf sie drückte.
 
Im Gespräch mit einem Bekannten, erwähnte ich dieses Erlebnis. Er sagte sofort: Mit dä Müüs machsch immer zweite. (Im Wettstreit mit den Mäusen verlierst du immer.) Und dieser Mann erzählte mir, dass er oft versucht habe, dieses Gesindel in einen ausweglosen Bezirk zu manövrieren, wo er sie dann fangen und ins Freie befördern könnte. Einmal sei es gelungen. Er freute sich enorm. Aber nicht lange. Als er dann zur Post ging und am Schalter seine Mappe auf der Ablegefläche öffnete, sprang noch die letzte Maus aus ihrem originellen Versteck heraus.
 
Florian, ein fröhlicher Bub im Vorschulalter, beobachtete im Riegelhaus seiner Eltern manchmal auch Mäuse, und er verstand, dass man sie dort nicht gern sah. Er wünschte, dass die gefangenen nicht sterben müssen. Die Eltern schlugen vor, Mäuse in Fallen zu fangen und sie dann im Wald wieder frei zu lassen. Der Bub freute sich, wie sich nur ein Kind freuen kann. Ich durfte ihn und seine Mutter in den Wald begleiten. Freudig schritt er aus, uns voran. Er schwenkte die Falle hin und her. Doch, noch bevor wir dort eintrafen, war die Maus eingeklemmt und tot.
 
Ohne Todesfall geht aber die nächste Geschichte aus:
 
Da wohnten wir schon im Bernoullihaus in Zürich. Eines der Nachbarhäuser wurde umgebaut und die Kellerräume vergrössert. Plötzlich beklagten sich verschiedene Anwohner über Mäuse, die offenbar ihr Zuhause verloren hatten. Als solche in unserer Stube entdeckt wurden, war ich nicht zu Hause. Der Vater betreute die Kinder. Sie erzählten mir anderntags, er habe es ihnen verboten, mir davon zu berichten, aber sie möchten es mir doch sagen, was passiert sei. Im Schrankfuss in der Stube, wo die Kirschensteinsäcke aufbewahrt wurden, hätten sie eine Maus-Familie entdeckt. Dieses Kirschensteingelände muss für ihre Wohnung ideal gewesen sein. Es liess sich leicht formen und ein gemütliches Zuhause zurechtdrücken.
 
Vater und Kinder suchten Kartons und richteten einen zur Haustür führenden Gang ein. Der Mausfamilie wurde geraten, ein neues Zuhause zu suchen. Dieses hier sei ungeeignet, nicht das richtige für sie. Die Steinsäcke wurden gekippt. Die Mäuse sausten davon, hatten keine andere Wahl, als das Haus zu verlassen. Und die Kinder hofften, dass sie bald einen Ort fänden, wo sie keine Angst vor Menschen haben müssen.
 
Danach suchten wir nach Mauslöchern, die wir dann mit Zement ausfüllten. Mein Vater brachte uns aus seinem Garten noch Pflanzen, die Mäuse nicht leiden können. Wir legten sie im Keller aus, wo wir früher Mäuse herumspringen sahen. Dann herrschte Ruhe. Eine Zeitlang fühlten wir uns dieser Eindringlinge wegen gar nicht mehr so richtig zu Hause. Letizia sagte einmal: Ich bi gar nüma eso heimelig da.
 
Im Umfeld der Glasmanufaktur gab es seinerzeit auch Ratten. Diese führten aber ihr Leben, ohne dass sie uns störten.
 
Meine Mutter erlebte einmal einen berührenden Besuch von einer Ratte. Sie stand am Schüttstein, das Fenster über ihm war geöffnet. Sie hörte eindringliche Klagelaute eines Wesens, das sie nicht zu kennen schien. Sie öffnete das grössere Fenster nebenan und sah auf dem Sheddach der Glasmanufaktur eine Ratte daherkommen. In der Schnauze hielt sie den Kopf ihres Kindes, dem ein grösseres Tier den Körper geraubt hatte. Die Mutterratte legte das, was von ihrem Kind noch übrig geblieben war, auf den Fenstersims unserer Küche und klagte über diesen Tod. Meine Mutter verstand den Schmerz sofort, hat gewiss ein paar mitfühlende Worte gesprochen, obwohl sie nicht wusste, wer das Ratten-Kind getötet hat. Wenn sie darüber sprach, verstand ich, dass Mütter, die ein Kind verlieren, denselben Schmerz verspüren, ob es ein Mensch ist oder ein Tier.
 
Ich weiss nicht, ob Katzen Ratten angreifen. Wenn dem so ist, könnte unsere Katze die neugeborene Ratte damals getötet haben. Dann wäre der Besuch als Klage an sie und unsere Familie aufzufassen. Dass ich nach mehr als 50 Jahren noch daran denke, ist ein eindrückliches Zeichen, wie stark diese Geschichte auf mich gewirkt hat.

Samstag, 10. August 2013

Zürich wird manchmal als Sündenbabel wahrgenommen

Eine Verkäuferin in einer Bäckerei hatte mich gefragt, wo ich heute lebe. Ich hatte ihr erzählt, dass ich hier in Wald ZH geboren worden und wieder einmal zurückgekommen sei. Ich sei in Zürich zu Hause. „Ui!“ rief sie und wollte wissen: „Und dort können Sie leben?“ Ich erzählte ihr vom Wohnen an der Limmat und jetzt am Stadtrand und beinahe am Waldrand. Sie staunte.
Als ich den Artikel im Tagblatt der Stadt Zürich vom 07.08.2013 zum Thema Aidsgefahr an der Technoparty gelesen hatte, konnte ich ihre Frage plötzlich besser verstehen. Wenn die Medien mehrheitlich die Sensationen und die Kriminalität in der Stadt abbilden, muss ein Zerrbild entstehen. Zum erwähnten Artikel gehört auch eine Foto, ein Ausschnitt aus der Menschenmasse einer früheren Parade. Ein Bild ohne Übersicht, wie man sich diesem Gerangel entziehen könnte. Die Menschen stehen so dicht an dicht, dass sie eingepfercht sind.
 
Aber man soll auch wissen: Für die Street-Parade kommen jeweils viele Menschen aus anderen Kantonen und ebenso aus dem Ausland in unsere Stadt. Nicht die Zürcher Bevölkerung repräsentiert die Parade. Es flüchten übrigens manche Zürcher Familien und hier wohnhafte Menschen aus anderen Ländern am Street-Parade-Wochenende aufs Land oder in die Berge.
 
Und ja: Zürich lässt diesen Anlass der narzisstischen Menschen zu. In einer solchen Veranstaltung geht aber das Individuum in der Masse unter. Man verliert sich. Die Exzesse sind bekannt (Alkohol, Drogen, Sex-Abenteuer).
 
Ich kann aber auch von einem gegenteiligen Erlebnis erzählen. Street-Parade 2004. Von jungen Leuten, die sich selber treu blieben. Ich versah den Präsenzdienst in der Predigerkirche in der Altstadt. Die Tür stand offen, den ganzen Nachmittag lang. Es kamen Menschen, die sich hier ausruhen und vom Lärm absetzen wollten. Auch junge Leute, die anfänglich nur auf den Treppenstufen sassen und das Dröhnen aus dem Umzug etwas abseits noch erträglich empfanden.
 
Eine gute Viertelstunde bevor ich die Kirche schliessen musste, begann ich meine Kontrollgänge und löschte vorn im Chor die Kerze aus. Als ich aus dem Untergeschoss zurückkam, sah ich, dass diese immer noch – oder vielleicht schon wieder? – brannte. Ich stutzte und erinnerte mich, dass das auch schon vorgekommen ist, dass sich ein scheinbar gelöschter Docht nochmals entflammte. Ich ging erneut nach vorn und löschte das Kerzenlicht.
 
Auf der vordersten Kirchenbank sassen 4 junge Männer. Einer, der seinen entblössten Oberkörper mit einem gelben Frottiertuch abdeckte, kam auf mich zu und informierte, dass sie die Kerze nochmals angezündet hätten. Es habe ihnen hier bei diesem Licht so gut gefallen.
 
Ich musste sie aber darüber ins Bild setzen, dass ich auf dem Kontrollgang sei und dass die Kirche in etwa 10 Minuten geschlossen werde. Sie verstanden das und gingen bald lautlos weg.
 
Als auch ich die Kirche verlassen hatte und die Tür abschloss, traf ich sie wieder. Jetzt sassen sie auf der Treppe, hatten Getränke bei sich. Und wieder signalisierten sie, dass es ihnen hier gefalle. Ich wünschte ihnen einen schönen Abend, ohne Gehörschaden, und wies noch auf den jetzt grösser gewordenen Platz hin, weil niemand mehr die Kirche betreten konnte. Sie riefen mir zu, sie gäben sich Mühe, und ich solle unbesorgt sein. Sie würden alles wegräumen, was von ihnen jetzt noch herumliege.
 
Ich denke immer wieder einmal an diese jungen Leute, die sich vielleicht zum ersten Mal der Stadt und ihren Attraktionen näherten, etwas scheu und doch hellwach. Und vor allem hatten sie es nicht nötig, ihren Anstand abzulegen.

Donnerstag, 1. August 2013

Erinnerungen an leise Töne in den Feiern zum 1. August

Die Schweiz feiert ihren Bundesstaat – die Schweizerische Eidgenossenschaft – jeweils am 1. August.
 
Als ich Kind war, fiel das Fest bescheiden aus. Man feierte nur am Abend. Und gemütvoll wurde es erst, als es dunkel geworden war.
Meine ersten Eindrücke von diesem Festtag sind stille Berührungen. Höhenfeuer, flatternde Schweizerfahnen, Dorfmusik und vor allem Licht in der Dunkelheit. Wir Kinder trugen unsere Lampions mit dem Schweizerkreuz in die Nacht hinaus. Sie erhellten unsere Wege.
 
Am 01.08. im Jahr 1947 wanderte die Grossfamilie noch vor dem Eindunkeln auf den Bachtel (von 617 auf 1115 m ü. M.), wenn ich mich richtig erinnere. Mein Vater liebte es, seinen Lebensraum aus der Höhe zu überblicken und erklärte uns Kindern von oben herab das Dorf, seine Strassen und Wege und wo wir zu Hause seien. Mich begeisterte vor allem die Sicht auf den Zürichsee.
 
Ich nehme an, dass wir Kinder, Geschwister und Cousins, oben im Restaurant auf dem Bachtelkulm einen Süssmost bekommen haben. Aber mehr faszinierte uns Kinder der brennende Holzstoss und die Hinweise auf andere, weit entlegene Höhenfeuer, die dann im Nachtdunkel gut sichtbar wurden. Dann der Heimweg durch den gespenstischen Wald. Die Vorsicht beim Gehen. Noch sehe ich Baumwurzeln auf dem geschlängelten, schmalen Pfad. Da galt es aufzupassen. Die Kerzen in den Lampions waren schon längst abgebrannt. Wir fanden unseren Weg trotzdem, weil sich die Augen auf die Dunkelheit einstellen können. Diese Erfahrung kann man heute nicht mehr überall machen. Für mich war sie prägend. Zu diesen inneren Bildern gehört auch eine fröhliche Stimmung, für uns Kinder, dass wir so lange aufbleiben und miteinander durch die Nacht gehen konnten. Und dass wir die Angst vor der Nacht ablegen konnten, weil wir gemeinsam unterwegs waren.
 
Gewiss haben uns die Eltern erklärt, was wir feierten. Aber erst später verstand ich ihre stille Freude an diesem 1. August, denn der kurz vorher beendete 2. Weltkrieg lastete noch auf ihnen, und die bessere Zukunft zeigte sich vorerst noch nicht.
 
Seitdem dann die Hochkonjunktur die ganze Bevölkerung erfasste, gehören Raketen und dominante Feuerwerke und in den letzten Jahren die teuren Fleischstücke auf dem Grill zum 1. August. Seither ist dieses schweizerische Fest laut geworden und hat Besinnliches verdrängt.
 
Mit Primo feierte ich den 1. August einmal auf der Halbinsel Au (Zürichsee). Dabei sahen wir viele kleine, auf dem Wasser torkelnde Lichter. Es war eine Aktion von Swissaid und kam diesem Hilfswerk zugute. Auch wir konnten Kerzenbecher kaufen und sie in ein bereitgestelltes Gitter stellen. Wenn es gefüllt war, trug es ein Froschmann weg. Er setzte sie im See aus, indem er ihnen im Wasser das Drahtgitter von unten her entzog. Da waren sie dann frei für ihre persönliche Reise. Sie schwankten je nach Strömung, manchmal leicht und dann wieder stark. Wir konnten zuschauen, wohin das Wasser sie trieb. Eine Weile lang Richtung Zürich. Dann kamen sie zurück. Später zogen sie Richtung Meilen ein Stück über den See. Und trafen zu unserer Überraschung gegen 23 Uhr im Hafen der Halbinsel wieder ein. Seltsam schön. Von niemandem gesteuert.
 
Zu Beginn ihrer Reise konnte ich unsere beiden Becher im Auge behalten. Aber auf einmal waren sie im grossen Ganzen unterwegs. Dieses „Eigene im Ganzen“ hat mich an diesem Abend bewegt. Es passt zu mir und zu meiner Heimat.

Letztes Jahr, am 1. August 2012, besuchten wir das Bundeshaus in Bern, den Sitz von Regierung und Parlament der Schweizerischen Eidgenossenschaft.
 
Wie sich herausstellte, steht jeweils am Bundesfeiertag das Bundeshaus für Besucher offen. Diese „Offene Tür“ benützten wir erstmals, können sie empfehlen.
 
Wir durften uns frei bewegen und in den Sälen und Gängen aufhalten.
 
Wir waren zu einem guten Zeitpunkt angekommen. Die Warteschlange draussen vor dem Eingang war nicht erschreckend lang. Es fühlte sich gut an, langsam unter den schweizerischen Kantonsflaggen vorwärts zu kommen. Diese waren wie Wäsche hintereinander aufgereiht.
 
Vor uns ging eine Gruppe Compatriotes, also Miteidgenossen aus der welschen Schweiz, und hinter uns einige Gäste aus Japan. Der Eintritt vollzog sich wie beim Einchecken im Flughafen. Man wurde durchleuchtet und auf metallene Gegenstände überprüft. Bei Primo strahlten verschiedene Lampen auf. Seinen Hosentaschen entnahm er Druckbleistift, Brille im Blechetui und den kleinen Schreinermeter, der ebenfalls Metallteile an sich trägt. Ich erzeugte kein Licht, konnte sofort eintreten.
 
Im Nationalratssaal richtete sich um 9:40 h gerade die „Hackbrettformation Andersch“ ein. Wir fanden rechtzeitig einen Sitzplatz und konnten das Konzert geniessen, welches eine ¾-Stunde dauerte. Es stimmte uns heiter und aufmerksam für die dann folgende Fragestunde mit dem Ständerats- und dem Nationalratspräsidenten.
 
Die positive Haltung der beiden Politiker konnte wohl niemand übersehen. Ihre Liebe zur Schweiz war spürbar, auch ihr Wille, dem Land und Volk zu dienen.
 
Ein Kind wollte wissen, wie alt die Schweiz sei. Da stellte es sich heraus, dass es kein ewig gültiges Geburtstagsdatum gibt. Die letzte Anpassung sei mit dem Eintritt des Kantons Jura 1979 nötig geworden.
 
Eine junge Frau sprach die von ihr empfundene Steuerungerechtigkeit an. Es stimme, wurde ihr geantwortet, dass Paare mit Kindern Steuerabzüge machen können. Man solle bedenken, dass solche Eltern auch mehr finanzielle Verpflichtungen hätten und darum etwas Ausgleich erhielten.
 
Auch ausländische Gäste stellten Fragen von ihren Standpunkten aus. Alle wurden klar und freundlich beantwortet.
Abschliessend besuchten wir den Ständeratssaal, die Wandelhalle und im 3. Stock auch den neu eingerichtete Ratssaal mit den heute erforderlichen technischen Installationen. Ein schlichter, zweckdienlicher Raum. Ohne Dekoration. Auf seine nüchterne Art auch schön.
 
Ansprechende Bilder sah ich im Ständeratssaal. Speziell die dargestellte Landsgemeinde, ein 5-teiliges Gemälde von Albert Welti, begann Geschichten zu erzählen. Auch vom Leben, vom Handeln und Verhandeln, von Lösungen, die errungen werden müssen. Ebenso erzählte die Darstellung von Pflichten, Idealen und Hingabe.
Auf der Haupttreppe oben vor dem 1. Stock präsentierte die Schweizerische Schokolade-Vereinigung eine Auslage aller Schweizer Schokolademarken. Gegen den Coupon, der am Eingang verteilt worden war, konnte die Lieblingsschokolade bezogen werden. Ich staunte über Namen und Produkte, die ich nicht kannte.
 
Die gewählte Schokolade nahm ich gern entgegen. Danke schön!

Samstag, 20. Juli 2013

Die Ehe als Lebensgemeinschaft wird lächerlich gemacht

Die NZZ am Sonntag präsentierte im Juni 2013 im Bund Wissen den Beitrag Mythos Ehe und behandelte diesen im Zusammenhang mit der umstrittenen Homo-Ehe.
 
Ergänzt wurde der Text mit einer mehr als 100-jährigen Hochzeitsfoto, auf der 3 Paare abgebildet sind. Ein packendes Bild, das mich nicht so schnell wieder losliess. Der Kleidung nach müssen es gut situierte Paare gewesen sein. Alle sind festlich gekleidet. Die Frauen in Weiss mit dem noch heute traditionellen Blumenbouquet. Eine der Bräute trug einen mit Kräutern oder Wiesenblumen geschmückten Schleier. Die beiden andern hatten eine kunstvolle Frisur. Die Männer trugen Handschuhe. Auch ihre Kleidung tadellos, einem wichtigen Fest und dem persönlichen Stand entsprechend. Alle Personen schauen ernst und auf eine Art leblos zum Fotografen hin.
 
Unter der Foto las ich die hämische Beschriftung: „Männlicher Beschützer und Ernährer heiratet Heimchen am Herd: Die vermeintlich traditionelle Ehe um 1900.“
 
Ich begann, den Artikel zu lesen. Er widerte mich aber an. Ich legte ihn weg. Und dachte dazu: Hier will man am Fundament der Institution Ehe rütteln. Wer will das?
 
Eine Woche später, wieder in derselben Zeitung, treffe ich die erwähnte Foto nochmals an. Jetzt von Leserbriefen begleitet. Mit neuem Titel, einem Zitat der Patriarchatskritikerin Olympe de Gouges: Die Ehe ist das Grab der Liebe, mit dem aber nicht alle Reaktionen einig waren.

Ich kann Herrn M.G. aus Riehen nur zustimmen, dass dieser Beitrag den Eindruck erwecke, wer sich traditionell verheirate, sei ein Trottel oder Dummchen. Wer aber eine Home-Ehe eingehe, erfreue sich des grossen, erfüllenden Glücks.
 
Als ich meinem Mann die erwähnte Foto zeigte, sagte er, es habe mit der damaligen Fototechnik zu tun, dass die abgebildeten Personen etwas freudlos wirken. Um 1900 gab es noch keine Fotoapparate, wie wir sie heute benützen. Auch Schnappschüsse waren unbekannt.
 
Als noch mit Magnesiumblitz gearbeitet wurde, erklärte er mir, hätten die Personen einige Sekunden bewegungslos dastehen müssen. Sie durften sich erst wieder entspannen, nachdem der Fotograf das Zeichen dafür gegeben hatte. Darum spreche man von solchen Aufnahmen von Marmorfiguren, weil die Abzubildenden den Atem anhielten und in einer Art Starre verharrten.
 
Wissen das Fotografen von heute nicht? Oder wurde bewusst eine solche Foto publiziert, um die Ehe lächerlich zu machen? Und wenn sie das Grab der Liebe ist, wie es Olympe de Gouges gesagt haben soll, dann vielleicht darum, weil sie Liebe mit Sexualität verwechselt.
 
Exakt in der Woche zwischen den beiden Veröffentlichungen traf ich auf ein betagtes Paar, das ich als Modell einer erfüllten Ehe wahrgenommen habe. Ich kannte die beiden bis dahin nicht.
 
Sie gingen vor mir her. 2 Personen, gleich gross gewachsen. Im Gleichschritt. Besonnen. Ruhig und freundlich und offensichtlich zusammengehörend. Als ich sie überholte, grüssten wir einander. Es war mir, als verbinde diese Menschen eine gemeinsame Aura.
 
Oben auf der Krete des Friedhofs Eichbühl angekommen, sah ich von weitem den Hügelzug Lägern. Ich setzte mich auf eine Bank und schaute in seine Landschaft hinein.
 
Dann kam auch das erwähnte Paar hier oben an. Wir wechselten ein paar Worte, und es stellte sich heraus, dass der Mann erblindet war. Er könne mich nur als eine Art Wolke wahrnehmen. Allein dass seine Frau neben ihm ging, gab ihm Sicherheit. Er benützte keinen Stock. Er sagte, diesen Weg kenne er gut. Sie kämen oft hierher.
 
Er erzählte mir auch, dass er viele Jahre als Masseur gearbeitet und ihm der Arzt geraten habe, diese Tätigkeit weiterhin auszuüben. Die Kraft dafür sei immer noch da. Täglich profitiere sie davon, erzählte die Frau. Er ist über 90 Jahre alt. Die Frau nur wenig Jahre jünger. Beide strahlen ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und einen beeindruckenden Frieden aus.
 
Es ist meine Überzeugung, dass die Ehe eine Lebensschule sein kann, in der 2 Persönlichkeiten so viel Bewusstsein entwickeln, dass es für beide möglich wird, sich zu entfalten und gleichzeitig einander zu unterstützen. Dazu gehört, dass Reibungen entstehen, sich beide aneinander schleifen. Und das weiss ich aus der Werkstatt meines Mannes, dass erst dann, wenn das Holz geschliffen und auch noch mit einem Lack geschützt ist, sich in der Struktur die Schönheit zeigen kann.
 
Das Paar, von dem ich erzählte, es strahlte sie aus.

Dienstag, 9. Juli 2013

In der Rheinschlucht und in Obersaxen. Das Tüpfli aufs i

Wir reisten über Chur nach Ilanz und von dort mit dem Postauto nach Obersaxen. Später hielten wir uns in der Rheinschlucht auf, diesem imposanten Naturdenkmal, dessen Geschichte vor etwa 10 000 Jahren mit dem gewaltigen Flimser Bergsturz begann. Im Lauf der Jahrtausende bahnte sich dort der Vorderrhein seinen Weg durch die Bergsturzmassen und formte so die 20 km lange Rheinschlucht – die Ruinaulta.

Als wir in Versam eingetroffen waren und den Weg zum Rheinufer gefunden hatten, markierte ein lichtes Wäldchen den Eingang in die Schlucht. Und seine Atmosphäre bewirkte augenblicklich, dass wir still standen. Etwas in uns wollte sich noch auf das Naturschauspiel vorbereiten und dafür sorgen, dass wir ihm respektvoll begegnen. In der Art wie man einen sakralen Raum betritt.
Der erste Eindruck also: die hellgrünen Bäume. Der zweite von einem Vorhang, den ein Nadel- und ein Laubbaum miteinander aufgehängt hatten. Ihre ausladenden Äste berührten sich nur leicht, und ihr gemeinsamer und durchlässiger Vorhang wirkte wie ein durchbrochener Spitzenstoff. Ganz oben auf der Felswand am andern Rheinufer nahm ich einige Tännchen wahr. Wie Figuren in einem Ehren- und Ruhmespalast . Die aufgefaltete Felswand mit ihren bizarren Formen spielte in diesem Moment noch etwas Verstecken. Erst als wir ein paar weitere Schritte gemacht und unter dem Baumvorhang hindurch gegangen waren, befanden wir uns in der offenen Schlucht. Eine Wucht. Nicht zum ersten Mal waren wir da angekommen. Aber jedes Mal ist eine Begegnung mit ihr überwältigend. Sie mächtig, uralt, erhaben. Wir nur kleine, im Verhältnis zu ihr sehr junge und unerfahrene Menschen.


Es waren nur noch 3 Frauen an diesem Ort. Sie sassen auf einer Kiesbank, also am Boden, viele Meter von uns entfernt. Wir störten einander nicht. In solchen Momenten reden Primo und ich nicht. Er widmet sich den Flusssteinen, ihren Farben, Formen und Adern. Und ich lasse mich von den Gesichtern und Figuren an den Felswänden ansprechen. Dabei bin ich dann zeitlos, lasse mir alle Strömungen zukommen. Und weil es der Rhein ist, der vorbei fliesst, strecke ich selbstverständlich meine Hände in sein milchiges Wasser. Die Geschichte von der Forelle, die ich im Blog vom 25.3.2007 – Der Rheinfall bei Schaffhausen beschrieben habe, begründete unsere Freundschaft.

Später trafen dann 4 Funyaks (aufblasbare Kajaks) ein. Geführt von einem Kanulehrer, der den Weg wies, selber aber durch wilde Wasserbereiche fuhr. Ruhig kamen sie alle an Land, trugen ihre Boote weg, brachten sie in die hier ansässige Kanuschule zurück.
Die Rheinschlucht sei ein einzigartiges Paddelgebiet in Europa, las ich in einem Prospektblatt. Der Fluss verläuft in Schlangenlinien den verschiedenen Felswänden entlang und führt die Kanuten durch seine Räume. Auch Reisende in der Rhätischen Bahn ab Chur Richtung Disentis können dieses Naturwunder geniessen. Die Bahnlinie ist so geführt, dass sie viele Einsichten in die Flusswindungen vermitteln kann. Im ersten Drittel der Fahrt ist ein Sitzplatz links im Waggon vorteilhaft, später dann wird es auf der rechten Seite spannend. Die Felsenlandschaft ist aus meiner Sicht unvorstellbar phantasievoll. Und ihr helles Gestein strahlt aus, wie wenn die Oberflächen erst kürzlich geschliffen worden wären.
Oben in Obersaxen suchten wir die Nähe des Piz Mundaun (2064 m). Primo war als 10-Jähriger hieher gekommen und durfte zusammen mit 30 Pfadfindern diesen hohen Berg besteigen. Für einen aus der Stadt Zürich, der nahe dem Hauptbahnhof ohne Grünfläche aufgewachsen ist, war das eine Offenbarung, die noch immer nachhallt. Die Höhe und weite Sicht sind prägend. Dieser Berg erschien mir nicht so hoch wie es die Zahl ausdrückt. Wir befanden uns aber bereits auf 1281 m, als ich ihn von nahem sah.
Dann gingen wir auf der Hauptstrasse und bewunderten das Gras, das zum Heu geworden war und sich vom Wind wiegen liess. Was für eine Augenweide: die Grösse der Felder und ihr Reichtum an Blumen und Gräsern. Wir entdeckten das Zittergras, das wir in Zürich und Umgebung nicht finden können. Und wir kamen an Wegkapellen vorbei und fühlten uns an diesem Tag auch als Pilger. Von den bekannten Orten und Wegen hatten wir uns verabschiedet, waren offen für neue Sichten und Welten und fühlten uns dem Himmel auch noch etwas näher als sonst.
Ich schätze jeweils Gespräche mit dem Postauto-Chauffeur und die Informationen, die nur ein Einheimischer geben kann. Diesmal wusste er, wo wir uns verköstigen könnten. Er nannte das Steinhauser Zentrum in Meierhof, Obersaxen. Und wir vereinbarten, wo und wann wir ihn an der entsprechenden Station wieder erwarten durften.
Das Sonntagsmenu verdiente seinen Namen, und die Atmosphäre behagte uns. Wir waren in einem modern gestalteten Altersheim gelandet, in dessen Caféteria auch sogenannt gewöhnliche Gäste bedient werden.
Bevor wir weiterzogen, war auch für die Bewohner dieses Hauses das Mahl beendet. Wir wissen nicht, ob es die Hausverwalterin war, die dann zum Spass durch die Finger pfiff. Heimbewohner pfiffen zurück, auch Primo machte da sofort mit. Eine ganz ungewöhnliche Form von Kommunikation, die mir unter die Haut ging. Ich hörte dann noch eine alte Frau rufen, sie sei das gewohnt, habe als Kind Ziegen gehütet und wisse, wie man sie herbeirufe. Diese Zugabe setzte gleich das „Tüpfli aufs i“, wie wir im Dialekt sagen, wenn alles stimmt.

Sonntag, 30. Juni 2013

Sommergeschichten mit Blumen, Schnecken, Labyrinth

Neuerdings dürfen kleinere Flächen Gräser und Wiesenblumen stehen bleiben, wenn die Hausverwalter der Wohnsiedlungen das Gras mähen müssen. Je nach Umfeld sind es kleine oder grössere Vierecke, die uns ansprechen. Eine feine Art der Grünflächengestaltung. Sie lockern die Ordnungsstrenge auf. Mich erinnern diese Flächen an die Kindheit auf dem Land, wenn ganze Felder so dastanden und sich vom Wind bewegen liessen. Bei uns vor dem Haus wurde einer Gruppe von 7 Margeriten das Leben verlängert. Anfänglich standen sie da, wie man es von diesen Blumen gewohnt ist. Aufrecht und locker neben- oder hintereinander. Ich beobachte sie nun seit Ende Mai und erlebe, dass sie sich vermehren. Es sind 6 Kinder dazugekommen. Diese Kleinen sind der Erde noch näher. Und die Grossen wurden von Wind und Unwetter und vielleicht von mir nicht erkennbaren Strömungen etwas heruntergedrückt, so dass jetzt alle zusammen einen Kreis bilden. Wenn ein leiser Wind weht, tanzen sie einen Reigen. Vorhin gerade zum nachmittäglichen Glockengeläute aus dem Tal. Sie haben ihre Form oder Aufgabe gefunden, scheinen zufrieden, dass sie noch nicht geschnitten worden sind.

Da denke ich gleich an einen grossen Freund von ihnen. An den Blumenmärchen-Maler Ernst Kreidolf (1863‒1956). Seine Geschichten entstammen dieser Welt. Ich freue mich, dass die Schweizer Post 2 Briefmarken à je 1 CHF zu seinem 150. Geburtstag herausgegeben hat. Seit März 2013 sind diese im Umlauf. Die eine trägt den Titel Bei den Stiefmütterchen, die andere Herbstzug.
 
Eine weitere Geschichte liefern die Schnecken. Diese hatten die spät blühenden Pfingstrosen beim Hauseingang überfallen.
 
Die junge Frau, die sich erstmals um unsere Blumenrabatten kümmert, erschrak und wollte sofort eingreifen. Ich sah, wie sie mit einer Flasche Bier hantierte. Eine Methode, die Schnecken anzieht und ertrinken lässt. Als wir selbst noch einen Garten pflegten, wurde auch uns diese Methode empfohlen. Sie missfiel mir aber bald. So setzte ich nur noch Pflanzen, die von den Schnecken gemieden werden. Es wuchsen bei uns gleichwohl Blumen, aber nur solche der robusten Art. Keine, die wir mit Chemie hätten schützen müssen. Darum kannte Letizia, damals Primarschülerin, die Schneckenplage nicht. Im Nachbarsgarten aber wurden Körner ausgelegt. Da wurde sie aufmerksam und sehr traurig, dass ein Massenmord bevorstand. Sie sagte zu mir, sie möchte kein solches Leben haben, das andere Leben angreifen müsse. Sie sah, wie Pflanzen starben, weil sie von ihnen angefressen worden sind. Aber es gefiel ihr auch nicht, wie man jemand in eine Falle lockt und dann umbringt.
 
Einen ganz anderen Gedanke zu diesem Thema fing ich an einem Vortrag über Gärten auf. Da war auch eine der Frauen anwesend, die das Labyrinth im Zeughaushof/Kasernenareall in Zürich einmal im Monat betreut. Sie wurde gefragt, wie sie gegen Schnecken vorgehe. Ihre Antwort beeindruckte uns alle. Sie sagte, beim Gärtnern solle man nicht alles für sich beanspruchen. Man müsse teilen. Teilen, auch mit den Schnecken, die sich an gewissen Pflanzen verköstigen. Wir müssten auch die Ernte teilen, mit Freude andern davon etwas weitergeben.
 
Nun habe ich diesen Labyrinthplatz endlich einmal besucht. Er existiert schon 22 Jahre, wurde von Frauen erfunden und zum Leben erweckt. Das Labyrinth als Sinnbild unserer Lebenswege. Mit Umgängen, die nach und nach ins Zentrum führen. Es ist ein Ort von Frauen für Frauen geschaffen.



Hier sollen und dürfen sie öffentlich ihre Ideen und Meinungen, ihre Kreativität und ihre Aktivitäten leben. Sie zeigen und in die Welt bringen.
 
Für das Jahr 2013 sind über 50 verschiedene Veranstaltungen aufgelistet. Diese sind auch im Internet zu finden.
 
Im Logo für den Labyrinthplatz Zürich erkennen wir die weibliche Kraft als Tor zum Leben. Sie weist den Weg, der von ihr ausgeht und in diesem Irrgarten in 7 Umgängen zur Mitte führt. An üppig blühenden und auch an bereits verblühten Pflanzen vorbei. Hier leben unterschiedliche Gewächse friedlich nebeneinander. Hoch gewachsene, kleine mit Bodenhaftung, sperrige grossflächige, bescheidene und solche mit Darstellungsbedürfnis. Es scheint, dass da keine Platzstreitigkeiten aufkommen. Es müssen erfahrene Gärtnerinnen mitgewirkt haben, die sie verhindern konnten.
 
Der Weg zur Mitte wird links und rechts von diesen Gewächsen begleitet. Ich ging langsam, blieb wieder stehen, schaute auf die Farben einzelner Blumen, schaute vorwärts, rückwärts und durchs dichte Gebüsch. Die Sicht nach innen und nach aussen änderte ständig. Es mussten auch Entscheidungen gefällt werden. Oft zeigten sich kleine Steinplatten als symbolische Brücken, um in die nebenan verlaufene Wegschleife zu wechseln. Eine gewisse persönliche Freiheit ist damit gegeben. Doch liegt diesem Garten ein harmonisches Muster zugrunde. Wer ihm folgt, ist im Einklang mit ihm, muss nicht herumirren, kann die Schönheiten am Weg erkennen.
In der Mitte angekommen, erwartet einen das Steinlabyrinth. Ohne Blumen, ohne Grün. Es ist leicht zu gehen, leicht zu überschauen.
 
Beide haben ihren Charme. Beide können uns tiefsinnige Gedanken vermitteln.

Sonntag, 23. Juni 2013

Führte Zöliakie zum Lesen und zur Stubenbuchhandlung?

Wir begegneten uns im Zürcher Maag-Areal an der lifeair 2009, eine Messe rund um Natur, Umwelt und Nachhaltigkeit. Als Ganzheitliche Ernährungsberaterin beantwortete sie anfallende Fragen am Stand eines Aargauer Ölproduzenten. Wir kamen ins Gespräch. Von ihr hörte ich erstmals den Begriff Zöliakie. Sie erklärte mir, dass es sich bei dieser Erkrankung um eine Unverträglichkeit handle, welche durch die Einhaltung einer strikten glutenfreien Ernährung geheilt werden könne. Und wie auch das Leinöl wunderbare Wirkung zeige.
 
Inzwischen weiss ich, dass sie selbst davon betroffen ist. In ihrer Kindheit war das Geheimnis dieser Erkrankung noch nicht gelüftet. Sie erzählte mir, dass sich ihr Leben im Kleinkindalter meist im Bett abgespielt habe. Diese chronische Entzündung des Dünndarms schwächte sie dermassen, dass sie sich zeitweise nicht aufrichten und stehen konnte.
 
Die lange Geschichte, wie sich das alles vollzog, dass sie heute als gesunde Persönlichkeit leben kann, die kenne ich nicht weiter. Aber es verwundert nicht, dass Beatrix Baumgartner Ernährungsberaterin geworden ist. Mit grosser Erfahrung und ganzheitlichem Wissen. Sie bietet Beratungen an, hält Vorträge und hilft Betroffenen dabei, die passende, heilende Ernährung zu finden. www.xundundguet.ch
 
Und sie versichert eindringlich, der Erfolg liege in den eigenen Händen jeder betroffenen Person. Sie wähle die glutenfreie Nahrung, sie bestimme, was sie sich zuführe.


Mir wollte sie dieser Tage ihr neu eingerichtetes Buchantiquariat an der Seminarstrasse 60 in CH-5430 Wettingen zeigen. Es ist in diesem Frühjahr 2013 entstanden. Sie nennt es Allegra Allerhand & Allerlei. Die Freude am Wort und an Büchern entwickelte sich ebenfalls aus der Isolation, die die Zöliakie von ihr als Kind forderte. Ihre Mutter half ihr, die Buchstaben zu verstehen. Einer nach dem andern. Wie man sie schreibt und liest, wie sie tönen. Und dann gelang es ihr, sich das Lesen selber beizubringen. Da wurde ihr Leben plötzlich spannend. Sie empfindet ihre Kindheit darum interessant und fühlt kein Manko. Und wird darum so gerne von Büchern umgeben sein.
 
So ist ihre neu eingerichtete Buchhandlung gestaltet. Ich nenne sie „Stubenbuchhandlung“. Man fühlt sich gut aufgehoben in diesem Raum, in dem 2 grosse Büchergestelle mit viertelkreisähnlicher Front einander gegenüberstehen und 2 Zimmerecken verstecken. Es entstand für mich der Eindruck: Hier bist du von Büchern umarmt. In der Mitte des Raums lädt ein Tisch zum Verweilen ein. Aus den Gestellen winken Buchrücken mit Titeln und Namen von Autoren. Schnell ist auszumachen, dass hier Werke sowohl aus vergangener als auch aus heutiget Zeit als Zweithandbücher angeboten werden.
 
Beatrix Baumgartner verkauft keine neuen Bücher. Was in ihrer Stubenbuchhandlung aufliegt, hat sie an Märkten gefunden. Bücher, die alle schon gelesen und gebraucht wurden, also durch fremde Hände gegangen sind. Es sind auserlesene Stücke, die ihrer persönlichen Wellenlänge entsprechen. Ich entdeckte alte Werke, aber auch aktuelle Literatur. Bei ihr entsorgt man aber keine Bücher. Sie selbst sucht diese aus, lässt sich von ihnen ansprechen. So ist denn jedes ein auserwähltes. Es ist zudem ihr Wunsch, dass jedes Exemplar, das sie anbietet, erschwinglich sein soll.
 
Das Angebot umfasst viele Bereiche. Ernährung, Kochbücher, Gesundheit, Naturheilkunde, Heilkunst, Zöliakie, Familienratgeber, Frauen, Pädagogik, Brauchtum, Helvetica, Handarbeit, Belletristik, und etwas Esoterik mit Bodenhaftung, sagte sie noch schmunzelnd dazu. Bei ihr kauften sogar Sennen, Schreiner und Holzbearbeiter Bücher ein, erzählte sie.
 
In einem anderen Raum im Eingangsbereich sind viele Kinderbücher ausgestellt. In beiden Räumen gestalten Dekorationselemente mit. Diese sind mit dem Titel Allerhand & Allerlei gemeint. Wertvolles Kinderspielzeug bei den Kinderbüchern und ebenso wertvolle Gegenstände aus Holz in der „Stube“ sprechen von der Schönheit geliebter Dinge. www.allegra-ch.ch
 
Ursprünglich baute sie ihren Zweithandbücher-Shop www.buchfix.ch auf. Ihn betreut sie weiterhin. Es macht ihr Spass, die bestellten Bücher liebe- und fantasievoll zu verpacken. Sie benützt auch da Material, das schon einmal gebraucht worden ist, denn Nachhaltigkeit ist auch ein wichtiges Anliegen von ihr.

Donnerstag, 30. Mai 2013

Kopftuch: Rotes Tuch, auch wenn der Stoff nicht rot ist

Heute, auf meinem Spaziergang auf Schlierenberg, zog ich mein Foulard vom Hals weg und band es um den Kopf. Es wehte ein giftiger Wind.
 
Ich war allein unterwegs. Gedanken kamen und gingen und liessen ein Kopftucherlebnis aufsteigen. Ich „hörte“ Mena, damals 6-jährig, vorwurfsvoll rufen: Groosiii! (Grossmutter) Warum trägst Du ein Kopftuch? Obwohl noch nicht lange auf der Welt, hatte sie schon mitbekommen, dass es Streit auslösen kann. Eine Frau in der Schulküche trug ein solches und wurde deswegen kritisiert. Ich trug es damals, weil wir uns in den Bergen und zudem noch in einer Nebelwolke befanden. Ich konnte ihr dann erklären, dass mich das Kopftuch beschütze, Erkältungen vermeide. Sie schaute mich gross an und registrierte meine Antwort.
 
Es sind ein paar Jahre vergangen, und noch immer werden sogenannte „Kopftuchdebatten“ geführt. In letzter Zeit fragte ich mich auch schon: Kommt es noch soweit, dass auch farbige Seidentücher kritisiert werden? Also, ich werde es immer dann tragen, wenn es meine Gesundheit und mein Wohlbefinden unterstützt.

Wenn Frauen von Männern und ihrer Kultur gezwungen werden, ihre Haare unter einem Stoff zu verbergen, ist das auch in meinen Augen verwerflich. Ich sehe aber auch ein, dass es Gründe gibt, das Kopftuch gern zu tragen.
 
Für Frauen, die ihre Heimat aus politischen Gründen verlassen mussten, ist es gewiss eine Zeitlang noch die greifbare Verbindung zur Herkunft. Eine Gewohnheit, die selbstverständlich ist. Und diese sollte ihnen nicht einfach wegbefohlen werden. Gut Ding will Weile haben, lautet ein altes Sprichwort. Ein neues Selbstverständnis kann nicht auf Knopfdruck erreicht werden. Wachstum geschieht langsam und behutsam. Das gilt auch fürs Heimischwerden in der Fremde.
 
Ich kann mir vorstellen, dass eingewanderte Frauen die hiesigen bewundern, vielleicht sogar beneiden, weil diese die Schönheit ihres Haars offen zeigen dürfen. Und dass daraus der Wunsch entsteht, es ihnen gleich zu tun. Dass dann eines Tages das Kopftuch abgelegt wird, ist der Schlusspunkt einer Entwicklung. Es durfte ein neues Selbstbewusstsein entstehen.
 
Wir alle, die über die Winterwochen eine wollene Mütze tragen, erleben im Frühling einen ähnlichen Übergang. Es ist nicht immer einfach, einen Schutz von einem auf den andern Tag abzulegen. Wie oft schon lösten giftige Winde Kopfschmerzen aus. In diesem Zusammenhang berührte es mich auch, dass sogar die Männer (Strahler) vom Planggenstock damals dafür sorgten, dass die gefundenen Kristalle nicht erschreckten, als sie diese aus dem Berg hinaus ins Freie führten (siehe Blog Flüelen UR: Begegnung mit kräftigenden Riesenkristallen).
Wir müssen uns nicht wundern, dass die Bekleidungsvorschriften und vor allem das Kopftuch in vielen muslimischen Familien immer noch als moralischer Schutz herhalten müssen. Die freizügigen Sitten in Europa haben die Zugewanderten erschreckt.

Sonntag, 12. Mai 2013

Die Sicht vom Herrenbergli zum Briefzentrum Mülligen ZH

Das Herrenbergli sei ein Geheimtipp, las ich in einem Prospektblatt von „Grün Stadt Zürich“, in dem die Grünflächen von Albisrieden und Altstetten vorgestellt sind. Gemeint waren Friedhöfe, Parkanlagen, Verkehrsgrün, Schulgrün, Sportanlagen und extensive Grünflächen. Diese grüne Dienstabteilung der Stadt Zürich pflegt 4440 Hektaren öffentlichen Grünraum und weiss Bescheid, wo es schön ist.
Dahin luden wir unsere beiden Töchter und Mena, unsere Enkelin, zu einem Spaziergang ein. Einen Berg zu besteigen, ist immer spannend. Er muss nicht hoch sein. Aber wenn er uns Übersicht schenkt, dann ist es ein richtiger Berg. Beim Herrenbergli handelt es sich um einen Moränenhügel. Sein Name endet mit der Verkleinerungsform –li. Es muss sich also um einen kleinen Berg handeln. Was es mit den Herren zu tun hat, ist unbeantwortet. Ich denke an Arbeitgeber von einst. Die Herren waren Besitzer, ihnen untertan die Arbeiter und Vorarbeiter. Vielleicht gehörte der Hügel einmal einem Fabrikanten.
 
Das Herrenbergli ist heute allen zugänglich. Es sind mir 3 Wege bekannt. Einer mit einer direkten Treppe am Ende des Blinddarms der Dachslernstrasse. Wir benützten den Pfad durch die Wiese, der vom Alters- und Pflegezentrum Herrenbergli nach oben führt.
 
Oben auf der Krete laden 2 Sitzbänke zum Verweilen ein. Mit Blick über die Stadt, zum Hönggerberg und unten ins Tal, zum Briefzentrum Mülligen. Eine Gelegenheit, der 11-jährigen Enkelin diese Drehscheibe unserer Korrespondenz zu zeigen. Mena hat mir schon manche Karten und Briefe geschrieben, die dieses wichtige Zentrum passieren mussten. Es ist das einzige, das in der Schweiz die internationale Briefpost verarbeitet. Auf einer Grundfläche von ungefähr 70 000 m2 arbeiten etwa 1200 Postangestellte.
 
Die Distanz zu unserem Zuhause ist gering. Ich stelle mir immer vor, dass am Abend, wenn der gelbe Briefkasten an unserer Strasse geleert wird, die eingeworfene Post ohne viele Umwege nach Mülligen komme und anschliessend z. B. nach Paris weitergeleitet werde. Ob es stimmt, dass sich meine Briefe dann im obersten Sack befinden und darum zuerst verarbeitet werden, ist wahrscheinlich eine Illusion. Und doch: Meine Briefe werden zuverlässig eingesammelt und rasch auf die Reise geschickt.
Dann erinnerten sich die Töchter daran, dass ich mir schon gewünscht habe, selber als kleines Paket oder Brief zu reisen, damit ich erfahren könnte, wie sich eine Reise von A nach B anfühlt. Und sie sprachen aus, wie das wäre, wenn ich als Sendung auf dem Fliessband daher käme.

Du willst sicher sofort wissen, wer neben dir liegt. Und dich fragen: Wer hat mich geschrieben? Bin ich eine Rechnung oder ein Liebesbrief? Wohin reise ich? Und schnell bemerken, dass mich ein schöner Briefumschlag umgibt. Feines Papier und Briefmarken aus der Philatelie. Nebenan ein voluminöser A-Postbrief, von dem ich erwarte, dass er von Hand sortiert werden muss, weil er die Schleuse der 2 cm Dicke vielleicht nicht passieren kann. Gewiss wirst du auch neben dir reisende Sendungen ansprechen. Nach dem Woher und Wohin fragen und über die Namen der Orte staunen. Und falls du als kleines Paket unterwegs bist, fällst du vielleicht irgendwo hinunter, verursachst Lärm. So Primos Vorstellung. Und er spielte uns entsprechende Geräusche vor.
 
Es wurde auch darüber gesprochen, dass ich die einzelnen Postsäcke, in denen ich spediert worden war, beschreiben würde. Vielleicht so: Es müffelte, war modrig, ein kleines Loch spendete etwas Licht. Schlafen konnten wir nicht. Einige Sendungen stöhnten. Über uns allen lag eine schwere Last. Und die Bahnwagen schepperten, machten Lärm. Nach langer Fahrt dann die Ankunft in Paris. Heiteres, weisses Licht. Fremde Stimmen, eine fremde Sprache. Und ähnliche Manöver wie in Mülligen, jetzt in umgekehrter Reihenfolge. Wurde in Zürich Post aus den gelben Kästen eingesammelt, müssen sie hier in die Briefkästen der Wohnhäuser verteilt werden. Darum ist die korrekte Anschrift so wichtig.
 
Und ich stellte mir dann ganz still und ohne es auszusprechen vor, wie ich in Zürich-Altstetten ankomme. Ich bin da noch ein von Mena geschriebener Brief. Aber sobald sich der Briefkasten im Hauseingang öffnet, auch wieder die normale Grossmutter, die ihm Post aus Paris entnimmt. Da wurde es dann hell für den Brief, und auch für mich.