Mittwoch, 25. Mai 2011

Erstaunlich, wie das Mittelalterfest in Zürich auch diesmal wieder wie ein Magnet wirkte. Wir verdanken es den Frauen, genau gesagt der Gesellschaft Fraumünster*, die mit diesem Spectaculum der Stadt Zürich alle 3 Jahre ein Stück kultureller Vergangenheit vorführt.
 
Als ich Primo am Tag danach fragte, was ihm an diesem Fest wieder besonders gefallen habe, nannte er gleich alle Handwerker, vorab den Schmied, dessen Mitarbeiter Kinder anleiteten, Nägel zu schmieden. Ausgestattet mit Schutzbrille und Lederschürze, wurde gehämmert „wie die Grossen“.
 
Pong-pong! Pong-pong! Gli-gli-gli-gling! So tönte es, als der Meister schmiedete. Dumpf, wenn auf glühendes Eisenstück geschlagen wurde, hell dazwischen die Leerschläge auf den Ambos. Eine Art Tanz mit dem Hammer: Sehr konzentriert, gespannt, auch gehetzt, um den glühenden Zustand des Eisens auszunützen. Kein Schlag zu wenig, keiner zu viel. Wir verfolgten auch, wie ein Hufeisen geformt wurde. Gearbeitet wurde an diesem Tag in einem offenen Zelt im Freien. Hier entwichen Rauch und Hitze, anders als in der Schmiede, wo sie als Werkstattatmosphäre festsitzen. An einem Stand nebenan wurde uns noch gezeigt, wie Blech mit einem Schaleneisen zu einem Helm getrieben wird.
 
Das bunte Programm historischer Marktfahrer umfasste verschiedene Berufe und Produkte: Ledergerber/Lederverarbeiter, Buchdrucker/Buchbinder, Drechsler, Pfeilbogenhersteller, Kalligraph, Strohflechterinnen mit Hutangebot, Kräuter und Salben nach Rezepten aus der Fraumünsterabtei. Ich kaufte Ringelblumensalbe und wie letztes Mal „Fraumünster-Wundertee“. Die Kräutermischung behagt mir. Ich verwende sie aber nicht als Tee. In offenen Schalen aufgestellt, bestimmt sie unser Raumklima mit.
 
An den Stand der Seifensiederin Irene Lienemann haben mich die starken Lavendeldüfte hingezogen. Hier gefiel mir das ganze Angebot. Ich kaufte handgefertigte Seifen, Lavendelblüten und Lavendelhydrolat, das Nebenprodukt aus der Wasserdampf-Destillation. Davon bin ich jetzt ganz angetan. Als beruhigender Badezusatz, als Gesichtswasser und zum Ausreiben der Küchenkästen geeignet, weil der Lavendelduft Insekten abwehre, erklärte sie mir. Ihre Homepage ist vermutlich nicht nur für mich sehr lehrreich** .
 
Wir erfreuten uns an mittelalterlichen Tänzen, an Musik, an den schlichten Kleidern aus natürlichen Materialien, an den Spielen, den Gauklern und an den vielen Besuchenden dieses Markts, die sich ebenfalls begeistern liessen. Wir schauten Kindern zu, die Stahlkugeln warfen, um Eier zu treffen. Ein Vorläufer des Riesenrads von heute faszinierte auch. In der Art des hölzernen Brückenbaus geschaffen. Für Kinder. Von Hand angetrieben. Allerliebst.
 
Als wir den Münsterhof verlassen hatten, bemerkten wir, dass im Kreuzgang des Fraumünsters mittelalterlich gekleidete Menschen herumstanden. Hier verstärkte sich noch der Eindruck von vorher, dass wir in eine sehr weit zurückliegende Zeit eingetaucht waren. Nicht in Form eines Theaterbesuches, sondern genau so, wie wenn wir zu dem, was hier gezeigt werden wollte, dazu gehörten. Als Einwohner von Zürich, die sich ebenfalls in die Stadt begeben hatten und auf diese Leute stiessen. Sie trugen vornehme Kleider aus alter Zeit, bewegten sich aber nicht als Figuren. Sie hielten keine Monologe, zeigten kein Theater. Einzelne unterhielten sich locker. Wie ich später feststellte, war aber doch ein Spiel gerade beendet worden. Ein Schachspiel, in dem Menschen als Figuren eingesetzt worden sind. Am Rücken waren sie bezeichnet, welche Schachfigur sie darstellten. Primo zeigte sofort auf den Boden mit den Einteilungen des Schachbretts. Wir bemerkten auch den Hochsitz, von dem aus befohlen werden kann, wohin sich eine Figur begeben muss. Aber jetzt wurde nicht gespielt. Wir störten nicht, betraten auch das Schachfeld nicht.
 
Wir gingen seitlich vorwärts. Wohl hatte ich vorher ein paar vorwurfsvolle Blicke einer leitenden Person aufgefangen. Sie schickte uns aber nicht zurück, liess uns gnädig passieren.
 
Wir wurden zu einer abgemachten Zeit in der Altstadt auf der anderen Limmatseite erwartet. Darum benützten wir diesen üblicherweise zweiseitig zugänglichen Kreuzgang als kürzesten Weg. Doch am Gittertor wurden wir noch angehalten. Dort stand ein mittelalterlicher Bettler. Er hielt seinen Filzhut hin und jammerte erbarmungswürdig. Primo stülpte sofort seine beiden Hosentaschen um und hielt sie je mit einer Hand fest, damit er sehen könne, dass auch er sehr arm sei, nichts auf sich trage. Es folgte ein gegenseitig humorvolles Lamento, so lange, bis ich mein Portemonnaie ausgegraben und dem armen Mann einen Batzen in den Hut geworfen hatte. Er bedankte sich artig, und wir konnten weitergehen.
 
Dann bemerkte ich, dass wir einen Augenblick zum Spiel gehört hatten. Ich schaute in schmunzelnde Gesichter. Man schaute uns nach. Unsere Rollen, die sich am Tor ergeben haben, stimmen mit uns überein. Primo ist derjenige, der die Mitmenschen mit seinem Wesen und seiner künstlerischen Leistungen unterhält, und ich sorge dafür, dass alle, die für uns arbeiten, ihren Lohn bekommen.
 
Das Spiel mit dem Bettler hat Spass gemacht. Und wirkt noch nach, wie ein Blick in den Spiegel.
 
Hinweise
* Fraumünstergesellschaft Zürich. www.fraumuenstergesellschaft.ch
** Seifensieden. www.kraeuterseife.ch

Sonntag, 22. Mai 2011

Ohne Garten: Pflanzen aus den Balkonblumen-Kisten

Schon im März dieses Jahres richtete ich die Blumenkisten auf dem Balkon neu ein. Obwohl ich zuvor gelesen hatte, dass die Erde in solchen Behältern jedes Jahr ausgetauscht werden müssse, brachte ich es nicht übers Herz. Ich hatte den Inhalt auf den Boden gestürzt und sah die Verflechtungen der vielen Wurzeln. Die Erde sah aus, als ob sie zu einem grossen Keks gebacken worden wäre. In diesem überwinterten zähe Ableger verblühter Blumen und Gräser. Eindrücklich, wie sie sich in offensichtlich guter Zusammenarbeit arrangiert hatten.
Ich trennte etwa die Hälfte des kompakten Erdreiches weg, lockerte den Rest und füllte mit der speziellen Erde für Balkonkisten auf. Vergissmeinnicht, Akelei und Nachtkerzen, die 2 Frühlinge beanspruchen, um ihre Blüten zu entfalten, hatte ich sorgfältig herausgelöst und setzte sie in neuer Erde wieder ein. Den dicken Farnstamm griff ich nicht an, liess ihm seinen angestammten Platz. Er dankte es mir und schickte bald danach seine kleinen Kinder ebenfalls in die Welt.
 
Wenn ich jetzt auf dem Balkon sitze, sehe ich sowohl auf die Erde als auch auf jedes Pflänzchen, das sie hervorbringt. Sofort. Kaum hat es den Durchbruch ans Licht geschafft, kann ich es sehen. Diesen Blick habe ich nicht, wenn ich von oben herab auf meine „Wiese“ blicke. Es werden hier alle Gräser geduldet. Sie müssen keine Blüten hervorbringen. Wir freuen uns schon, dass sie die strenge Gerade der Balkonarchitektur auflockern.
 
Jetzt gerade beschäftigen sich mehrere Akelei-Stämme mit der Samenproduktion. Auch im nächsten Jahr wollen ihre Nachkommen hier aufwachsen. Diese Pflanze brachten wir vor etwa 20 Jahren aus dem Jura nach Zürich. Wir hatten sie auf dem „Schni“ in Rocourt (Kanton Jura) gefunden. Auf einem offenen Kehrichtberg, wie solche damals auf dem Land noch zulässig waren. „Schni“ steht für das französische Wort „chenil“, das aber „ch'ni“ ausgesprochen wird. Es bedeute „Hundezwinger“, erklärte mir ein Romanist, und daraus sei der Sinn von einem dreckigen, schmutzigen Raum oder eben von einem Abfallberg entstanden.
 
Es blühten gerade mehrere Nachkommen dieser Akelei, als uns Alex und Marianne hier besuchten. Es berührte sie sehr, dass dies Nachkommen der Akelei aus Rocourt seien, denn sie waren dabei gewesen, als wir sie ausgegraben hatten. Die beiden haben uns damals den Jura und seine Schönheit erschlossen. Nur weil wir diese Blume auf einem Abfallberg entdeckten, nahmen wir sie mit. Damals war sie nach unserem Wissen geschützt. Heute findet sie sich in manchen Gärten.
 
Und bald werden die Nachtkerzen, die sich in unseren Blumenkisten ebenfalls wohlfühlen, wieder jeden Abend aufgehen. Dies ist für uns die einzige Pflanze, der wir zuschauen können, wie sie sich öffnet. Immer zur Zeit des Sonnenuntergangs. Dann verströmt sie noch einen feinen Vanille ähnlichen Duft und dieser lockt dann sofort Nachtschwärmer herbei.
 
Die Nachtkerzen zeigen uns viel Kraft, wenn sie ihre Blätter wie ein Regenschirm öffnen. Normalerweise ist Wachstum ein sehr langsamer und für unsere Augen nicht sichtbarer Prozess. Die Nachtkerzen gehören zu den Ausnahmen. Sie dürfen uns diesen in beschleunigter Form aufzeigen. Und ihre Blumen, die aufspringen, sind für mich Zeichen von etwas Reifgewordenem. Etwas das Form bekommen hat und lebensfähig geworden ist. Vergleichbar auch mit der Geburt eines Kindes.
 
Wenn die Sonne am Untergehen ist, trägt sie die Erfahrungen des Tages in sich und somit in die Vergangenheit. Das Licht strahlt nochmals alle und alles an. Es ist eine Art Verklärung, die da stattfindet. Nie leuchten die Farben der Blumen so intensiv wie in diesen letzten lichtvollen Augenblicken. Alle Stunden des Tages sind jetzt gelebt. Es beginnt der Rückzug und das Zurechtkommen in der Nacht, im Übergang zu einem neuen Tag. Im übertragenen Sinne ist es der Augenblick des Alters, wo wir uns der Lebenserfahrungen bewusst werden.
 
In Norwegen habe ich ein Bild von Edvard Munch gesehen, das diese Erfahrung festhält. Munch hat sie zeitlich etwas später angesetzt. Von seinem Himmel leuchten schon die Sterne. Er nennt das Bild auch „Stjernenatt“ (Sternennacht).
 
2 Personen überblicken aus einer Anhöhe diesen Abschied. Das Sonnenuntergangsrot leuchtet noch. Es verliert sich in lindem Grün, bevor es von der blauen Stunde aufgesogen wird. In den Häusern der Stadt ist das Licht angezündet, und dieses trägt zur Stimmung des Augenblicks bei. Aber: Wer sich dort drinnen aufhält, wird die Sterne nicht sehen. Munchs Blick ist ergreifend. Licht, Farben und Dunkel setzte er so zusammen, dass wir in diese Abenddämmerung hineingezogen werden. So sah ich vielmals den Abend erlöschen, als wir noch im Bernoulli-Haus lebten und die Sommerarbende im Garten verbrachten.
 
Ich freue mich schon auf die Nachtkerzen, die erfahrungsgemäss ungefähr auf den längsten Tag hin erblühen. Ihnen dann wieder zuzuschauen, wird gut tun. Es sind jeweils Augenblicke, die uns abheben, uns mitnehmen in den zeitlosen Raum unserer geheimnisvollen Welt.

Sonntag, 8. Mai 2011

Ein schwarzer Abfallsack und Briefpost geben Rätsel auf

Ein schwarzer Plastiksack störte mich. Wie tot lag er am Abhang vor meinem Bürofenster. Er flog nicht fort, bewegte sich nicht. Den wollte ich hereinholen. Auf dem Weg hinter das Haus fand ich dann zusätzlich noch Papiertaschentücher, Fetzen einer Schokoladeverpackung und 2 Stimmrechts-Couverts für die nächste Abstimmung. Es sah so aus, als ob ein Papierkorb über einen Balkon herunter entleert worden sei. Die angeschriebenen Personen mit ausländischen Namen wohnen aber nicht hier.
 
Zuerst wollte ich die noch verschlossenen Couverts wieder der Post übergeben, entschloss mich dann, die Sendungen den Adressaten gleich selber wieder zuzustellen. Als ehemalige Postbotin konnte ich gar nicht anders reagieren.
 
Und wir hatten es schon als Kinder gelernt, keine Fetzen herumliegen zu lassen. In der Primarschule wachte der Abwart in der Pause auf seine Ordnung. Liessen wir Abfälle einfach fallen, pfiff er und das hiess: „Fötzeln“. Anstatt die Pause zu geniessen, mussten wir den Schulhof säubern. Interessant, wie sich die Erinnerung daran sofort meldete.
 
Für mich ist die Aufgabe nun erfüllt. Und für die Personen, die an jenem Abend ihre Stimmrechts-Umschläge erneut vorfanden?
 
Welche Geschichte könnte dahinter stecken? War da jemand überfordert oder einfach uninteressiert, an der Abstimmung teilzunehmen und warf die Couverts deshalb fort? In den schwarzen Sack, dem auch noch andere Abfälle anvertraut wurden? Und dann an die Strasse gestellt? Dem Stadtfuchs vor die Nase? Konnte er noch ein paar Delikatessen finden? Trug er die Beute an einen stillen Ort hinter unser Haus? Der leere Sack gab keine Geheimnisse preis, war etwas zerknittert, aber ohne Spuren von Esswaren.
 
Der Fuchs ist hier bekannt. Ich hatte ihn nachts auch schon beobachtet, und kürzlich lief er sogar zur Mittagszeit auf der leicht erhöhten Wiese, unserem Balkon gegenüber, sehr selbstbewusst vorbei. Nicht als Flüchtender, sondern seiner Majestät bewusst. Er schaute sogar zu uns hinüber.
 
Verhält es sich so, wie es die Fantasie zu dieser Geschichte hier vorgibt, dann muss die erneut zugestellte Abstimmungs-Post grosse Fragezeichen, vielleicht sogar Wut, ausgelöst haben. Aber auch dann, wenn Kinder mit den Abfällen spielten und diese nur achtlos liegen liessen.
 
Wir sollten den Fuchs nach des Rätsels Lösung fragen können.

Sonntag, 24. April 2011

Die wieder erwachte Natur begleitet uns zum Osterfest

Die Tage zwischen Palmsonntag und Ostern sind für mich immer spezielle Tage. Einerseits sind es nicht gewöhnliche Arbeitstage. Die Woche ist verkürzt. Andererseits haben sie eine religiöse Bedeutung. In diesen Tagen kreisen die Themen auf verschiedenen Ebenen um Passion, Tod und Auferstehung.
 
Das wiedergekehrte Licht leuchtet jetzt ungeniert durch die schmutzigen Fensterscheiben und spornt zum Putzen an. Zu einem Fest gehören Räume, die sich frisch anfühlen und das Osterlicht und den Weihrauch gerne aufnehmen.
Und die Natur zeigt uns, was gemeint ist. Pflanzen und Bäume zeigen wieder Leben. Äste dürfen wieder Blätter und Blüten tragen. In diesem Jahr 2011 kommt der Frühling bilderbuchmässig daher. Die Tage sind voller Licht. Die Stimmung überträgt sich auf unsere Gefühle und beflügelt viele von uns. Es drängt uns auch wieder ins Freie.
 
Den Palmsonntag feierten wir im Kloster Fahr und besuchten anschliessend im nahen Umfeld die „Russenlinde“. Seit dem Jahr 2004 steht sie da, zusammen mit einem Gedenkstein, als Stätte der Erinnerung an die hier gefallenen Soldaten. Es war die Zeit der zweiten Schlacht bei Zürich. Franzosen und Russen stiessen im September 1799 hier zusammen. Wie ich erfahren habe, findet an dieser Stätte immer am 25. September eine öffentliche Gedenkfeier statt, an der neben dem Gemeinderat Würenlos AG auch offizielle Vertreter Russlands sowie eine Kosakendelegation teilnehmen.
 
Die Linde trägt jetzt ihre frischen Blätter wie ein Festkleid. Auf dem kleinen Fussweg, der zu ihr führt, hatten wir sie immer vor Augen. Rundum gab es umgebrochene Erde, aber auch Brachland mit verdorrten Pflanzen. Hier sahen wir schlafende, ruhende Erde und einen jungen Baum, der die Auferstehung seines Blattwerks feierte.
 
Später brachte ich meinen Eltern den Palmzweig aus der Kirche aufs Grab. Und wie jedesmal gehört ein Rundgang in diesem grossen und geschichtsträchtigen Friedhof Sihlfeld dazu. Neben Grabzeichen und Skulpturen beherbergt er viele, auch seltene Parkbäume und Sträucher. Grossflächig angepflanzte Stiefmütterchen bringen Farbe ins Bild. Jedes in sich geschlossene Erdgräberfeld trägt eine eigene Farbe. Französisch heissen die Stiefmütterchen „pensées“, also Gedanken. Und im Dialekt, hier in Zürich, nennen wir sie „Dänkeli“. Kleine Gedanken?
 
Auf diesem Spaziergang dachte ich ans Erwachen im Garten Eden, wie es die Märchen schildern. Den Frühling so zu schauen, wenn er erst wenige Tage alt ist, verzaubert. Im Hinterkopf sassen immer noch Bilder von laublosen Bäumen.
 
Ich wunderte mich über die vielen umgegrabenen Gräberfelder, die jetzt zu Rasenflächen geworden sind. Primo kannte den Grund. Der Trend gehe neuerdings Richtung Kremation, und die Asche beanspruche weniger Platz als die Erdbestattung.
 
Mehr noch wunderte ich mich über die jungen Menschen, die diese Wiesen jetzt benützen, auf ihnen „plegeren“ (herumliegen). Diese Eroberung sehe ich nicht gern. Wohl kann ich verstehen, dass Menschen aus Hochhäusern einen Flecken Grün suchen. Doch, bleiben sie so ruhig, wie es hier verlangt wird? Auf einer Hinweistafel wird die Ruhe vorgeschrieben, ebenso darauf hingewiesen, dass der Aufenthalt im Badekleid verboten sei. An diesem Sonntag erlebten wir wohltuende Stille. Eindruck machte mir ein junger Vater, der sich unter den schweren Ästen eines Parkbaumes wie in einer kleinen Wohnung eingerichtet hatte. Angelehnt an den Kinderwagen, hielt er sein neugeborenes, noch tief schlafendes Kind im Arm.
 
Ob diese Idylle auch in kommenden Monaten noch besteht? Ich zweifle. Jede Ordnung und jede Regelung werden doch heute durchbrochen und ausgereizt.
 
Und doch hoffe ich, dass dem Friedhof Ruhe und Frieden erhalten bleiben. Nicht nur für die Toten. Auch Zürich sollte sich einen ganz und gar ruhigen Ort bewahren.

Sonntag, 17. April 2011

Kultur-Werbebanner auf der schweizerischen Briefpost

Werbebanner gab es schon früher, als wir noch nicht mit dem Computer arbeiteten. Sie ergänzten den Datum- und Aufgabeortsstempel, der die Briefmarken maschinell entwertete. Als Werbungsträger für besondere Orte und Städte gaben sie den Briefen ein sehr persönliches Gepräge. Sie gefielen mir. Ich nahm viele ihrer Anregungen wahr und besuchte solche Orte. Enttäuscht wurde ich nie. Es handelte sich immer um Hinweise auf schweizerische Kultur.
 
Alle Beispiele wurden auch bebildert, nicht nur mit Worten dargestellt. 
AARAU: Die Stadt der schönen Giebel
KLOTEN: Das Flughafendorf
SCHAFFHAUSEN: Schatzkammer zu Allerheiligen
ADELBODEN: Unerschöpfliches Wandergebiet
WALD (ZH): Wander- und Skigebiet
ZÜRICH: Die Stadt der schönen Geschäfte 
Auf dem Stempel von Zürich warb das Grossmünster für unsere Stadt. Um ihre Türme kreisten Möwen. Briefe, die solche Motive auf sich trugen, erzählten etwas vom Absenderort.
 
Diese Bilder, von denen ich hier nur wenige Beispiele aufzählte, sind uns verloren gegangen. Wenn ich meine Briefe an meinem Wohnort in den gelben Briefkasten werfe, werden diese im gigantischen Briefzentrum Mülligen verarbeitet und mit dem immer gleichbleibenden Stempel versehen: Eine maschinelle Kalligraphie, die das Schweizerkreuz fasst, ergänzt von Ort, Datum und Verarbeitungszeit im gefassten Kreis. Korrekt, sauber, klar, nüchtern, aber langweilig. Ein Glück, dass es noch variantenreiche Sonderbriefmarken gibt.
Letzte Woche blitzte ein solches Werbebanner vor meinen inneren Augen auf, als ich von einer Freundin hörte, sie stelle gegenwärtig Batikarbeiten im Schloss Pratteln BL aus. Ich entschloss mich augenblicklich, ihre Ausstellung zu besuchen, weil ich diesen Ort doch schon seit Jahren einmal aufsuchen wollte. Ja, die Werbung auf einem Brief aus Pratteln befand sich seit mindestens 40 Jahren immer noch in der Warteschlaufe. Es hat sich vorher nicht ergeben, dahin zu reisen und wenn ich schon mit der Bahn über Pratteln nach Basel fuhr, konnte ich mir nicht vorstellen, dass ein Schloss in einem von der Industrie dominierten Gebiet standesgemäss überleben kann.
 
Es war dann Liebe auf den ersten Blick, und wenn das Schloss reden könnte, hätte es vielleicht gesagt: Endlich bist du gekommen!
 
Es hat menschliche Masse. Seine Räume und auch sein Innenhof nehmen die Besuchenden beinahe familiär auf. Und die aktuelle, farbenfreudige Ausstellung strahlte auch aus.
 
Unter „Kultur Pratteln“ finden sich im Internet Hinweise auf weitere Ausstellungen. Die erwähnte dauert nur noch bis und mit Palmsonntag, 17.04.2011.
 
Interessant auch die Geschichte des Schlosses, die ich einem Prospekt des Hauses entnehme: Das Adelsgeschlecht der Herren von Eptingen erstellten das Weiherschloss sowie die Burg Madlen um das Jahr 1275.
 
Am 18. Oktober 1356 zerstörte das Basler Erdbeben dann beide erwähnte Bauten. Das Weiherschloss wurde wieder aufgebaut und ziert heute den alten Dorfkern von Pratteln. Beide mögen sich, ergänzen sich. Das Schloss ist während der Ausstellungen jeweils am Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Eintritt frei.

Montag, 28. März 2011

Den Frühling von aussen und mit inneren Augen betrachtet

Jeder Frühling zeigt sich anders. Letztes Jahr (2010) erkannte ich ihn an einer einzigen Krokusblüte in einem noch tief schlafenden Garten. Diesmal muss er gelacht haben, als ich eines Morgens die mit unzähligen Primeln übersäte Wiese rund um unser Zuhause endlich entdeckte. Es war ein freudiges Erschrecken.
 
Über Mittag können wir bereits auf dem Balkon etwas Sonne tanken. Seitdem die Bise abflaute, ist es angenehm mild. Und das Béret benütze ich nur noch am frühen Morgen für die Ausfahrt auf dem Velo.
 
Als ich am Freitag, 25.03.2011, in die Innenstadt fuhr, begegnete mir am Hauptbahnhof eine japanische Frau. Sie zog einen Rollkoffer hinter sich her, war vermutlich gerade vom Flughafen ins Zentrum gereist. Sie trug eine weisse Atemschutzmaske und ging zielstrebig ihren Weg. Eine Vorsorge, falls auch hier die Atmosphäre schon radioaktiv verseucht sei? Ihr Anblick stimmte traurig. Später erfuhr ich aus dem Tagebucheintrag von Thomas Peter aus Yokohama, dass zu dieser Zeit Tausende von Japanern von Heuschnupfen geplagt seien, ausgelöst durch Zedernpollen. Er berichtet jeweils im Tages-Anzeiger aus dem gegenwärtigen Alltag in Japan. Die erwähnte Frau wollte sich vielleicht „nur“ vor den europäischen Pollen schützen. Wer weiss? Ja, die Pollenallergie gehört auch zum Frühling und lässt viele Mitmenschen leiden.
 
Vom Kinderarzt, der seinerzeit unsere Töchter betreute, weiss ich, dass die Märzsonne für Patienten schädlich sein kann. Das Frühlingslicht beschwingt den gesunden Menschen, den kranken kann es angreifen. Wir sollen uns diesem wieder erwachten Licht behutsam aussetzen, riet er uns vor vielen Jahren.
Mich macht das Frühlingslicht jeweils quirlig. Und es blendet mich. Und diesmal brachte es zum Thema passende Erinnerungen wieder an die Oberfläche. Vor meinen inneren Augen lief kürzlich jene Filmsequenz aus der Ausstellung in Erstfeld ab, als die beiden Strahler ihre im Planggenstock gefundenen Riesenkristalle ins Freie führten. Sehr behutsam, sehr besorgt, dass sie vom Sonnenlicht nicht erschreckt wurden. Sie waren Jahrmillionen im Dunkeln, vom Gestein gehalten. Sie ohne Risse ins Tageslicht zu führen, gelang nur, weil die Männer vorsichtig und der Energie im Stein gegenüber respektvoll vorgingen. (Siehe auch Blog vom 4.10.2007: Flüelen UR: Begegnung mit kräftigenden Riesenkristallen).
 
Für mich ist diese Kristallgeschichte eine Metapher für das Leben von uns allen. Aus dem Dunkel der Gebärmutter finden wir den Weg ins Licht. Manche schaffen es mit der Mutter allein, andere werden ins Leben geholt. Die Augen aber bleiben in beiden Fällen vorerst geschlossen. Das ist ihr natürlicher Schutz. Auf das Neugeborene soll kein grelles Licht fallen.
 
Dass wir den Frühling jedes Jahr erleben, gehört zu den lehrreichen Lebenserfahrungen. Wir sprechen ja allgemein gern über das Wetter und seine Stimmungen. Und daraus höre ich immer auch die Freude anderer Menschen an der wieder erwachten Natur. Es ist, als ob sie uns von einer unausgesprochene Angst befreite, eines Tages einfach zu streiken. Wir wissen wohl, was wir ihr alles zumuten. Was sie ob unserer Eingriffe alles ertragen muss.
 
Heute Morgen im Wald, als die spröde Sonne den Raum ausleuchtete, die Brauntöne der noch unbelaubten Bäume anschien und ich den Waldboden mit seiner Fülle an Buschwindröschen und Schlüsselblumen bewunderte, musste ich einfach gut hörbar aussprechen: Danke, dass ihr immer noch mitmacht, eure Bestimmung immer noch lebt.

Sonntag, 20. März 2011

Fülle und Leere – 102 Schalen von Nina Borghese Bloch

ch hatte den Raum betreten und den Text an der Säule gelesen, und schon war ich gepackt. Die Schalen hatte ich noch nicht gesehen, aber gelesen, was die aus Sizilien stammende Künstlerin zu ihrer Arbeit schrieb:
 
„Die Kunst gibt einem das Recht, einen Blick auf alle Dinge zu werfen, ohne zu ihrer Beurteilung verpflichtet zu sein." Oder: „Meine Arbeiten entstehen durch Experimente. Das führt unweigerlich zu Zufallsmomenten, die ich bewusst in meiner gestalterischen Arbeit integriere."
 
Mit ihren Worten hatte sie mir aus dem Herzen gesprochen, und ich dachte, dieses Recht sollte nicht nur der Kunst vorbehalten sein.
 
Dann schaute ich ihre Arbeiten an. Jede der 102 aus Gips gearbeiteten Schalen war auf einen eigenen Sitz platziert. Ich ging von einer zur anderen. Jede begann, mir sofort eine Geschichte zu erzählen. Ich musste nicht fragen. Es waren für mich Lebensgeschichten, Leidensgeschichten, gelebte Talente, Illusionen, Träume, Sehnsüchte, Schönheit des Lebens, Liebe, aber auch leibliche oder seelische Kerker. Es gab da auch Schalen mit einer einzelnen Münze. Das wenige Geld? Der Glücksbatzen? Geld an sich? Die Bettelschale? Verbliebener Rest nach dem Verkauf der Seele? Je weiter ich ging, desto differenzierter reagierte ich, ohne etwas endgültig taxieren zu wollen.
 
Nach meinem Rundgang sah ich in diesen formal gleichen, in ihrem Inneren aber einmalig ausstaffierten Schalen Bilder von Menschenleben. Einzigartig. Obwohl „nur“ 102 Versionen, wirkte die Darstellung sehr vielfältig. Je weiter ich voranschritt, desto erstaunter war ich: Wieder etwas ganz Anderes! Und im besten Fall immer nur der Titel eines verarbeiteten Themas. Oft bargen die Schalen auch Worte und wiesen den Gedanken ein Stück weit den Weg.
 
Heute hörte ich einen Radiosprecher sagen, als er besinnliche Musik ankündigte: In allem Denken schwingt Japan (das wegen des schweren Erdbebens und des Tsunamis leidgeprüfte Land) jetzt immer mit. Das empfinde ich auch so und ganz speziell in der Ausstellung, als es um die verletzten Schalen ging. Um Schalen mit Ausbrüchen, Flicken und Gittern.
 
Diese Ausstellung nennt sich Passionsausstellung und kann in der „Offenen Heiliggeistkirche“ an der Spitalgasse 44 in Bern vom 8. März bis 4. Mai 2011 besucht werden. Dienstag, Mittwoch 11.00‒18.30 Uhr, Donnerstag 11.00‒20.30 Uhr, Freitag 11.00‒16.30 Uhr.
 
Was uns anrühre, sei oft das Verletzliche und Verletzte, heisst es im Vorwort der Ausstellungsbroschüre. Diese Kirche wollte seit ihren Anfängen im 13. Jahrhundert jenen eine vorübergehende Heimat bieten, die da auf schlechten Landstrassen unterwegs waren, den Bettlern und Siechen, den Armen und Heimatlosen und Pilgern. Und heute ist sie als „offene kirche“ eine Insel im hektischen Alltag unserer Zeit. Wer es wünscht, darf sich hier ausruhen, sich aussprechen. Als ich hier war, wurde gerade einem Mann aus einem fernen Land eine Tasse Kaffee gereicht. Er wunderte und freute sich.
 
Die unmittelbare Nähe zum Bahnhof Bern ermöglichte mir diesen beschriebenen Zwischenhalt „zwischen zwei Zügen“ und das oben beschriebene Erlebnis mit den Schalen des Lebens.

Dienstag, 8. März 2011

Das Albisriederdörfli ist mehr als nur eine VBZ-Busstation

Es dauerte 3 Jahre, bis wir den Dorfkern von Albisrieden entdeckten. Die Buslinie 67, die wir öfters benützen, führt von der Schmiede Wiedikon nach dem Dunkelhölzli. Eine ihrer Stationen heisst Albisriederdörfli und erinnert daran, dass dieses Quartier einst ein eigenständiges Dorf war. Seit 1934 gehört es zur Stadt Zürich. Im Internet sind Fotos und entsprechende Informationen zu Zürich-Albisrieden abrufbar.
Am frühen Sonntagabend unterbrachen wir endlich einmal unsere Heimfahrt. Primo, der Tage zuvor hier durchgekommen war, wollte mir dieses Dörfli mit seinen prächtigen Riegelhäusern zeigen. Zum idealen Zeitpunkt, wie sich herausstellte. Die Sonne war schon untergegangen. In den Häusern brannte Licht. Vorhänge waren noch nicht zugezogen. Wir gingen durch diesen Ort und gleichzeitig durch eine Bilderbuchwelt. Anders gesagt: durch eine längst vergangene Zeit. Obwohl wir uns draussen aufhielten, konnten wir die Gemütlichkeit in den Räumen erahnen. Das milde Licht strahlte aus, ohne alles auszuleuchten. Und die kleinen Fenster sind so hoch angeordnet, dass der Blick von uns Fussgängern die private Sphäre nicht erreichen kann. Dieses Eintauchen in den bis dahin unbekannten Ort werde ich nicht so schnell vergessen.
 
Auch darum, weil zu Hause noch eine Überraschung auf uns wartete. Wir fanden unsere Wohnung erleuchtet vor. Das Licht brannte im Korridor und verteilte sich auch in die angrenzenden Räume. Es wirkte genau so gemütlich wie das in Albisrieden geschaute. Ich erkannte von weitem Menas Scherenschnitt an einem der Fenster. Er bestätigte, dass es wirklich unsere Wohnung sei. Ich hatte beim Weggehen vergessen, das Licht zu löschen.
 
An diesem Abend wurde mir wieder einmal bewusst, was die sogenannten 4 Wände für uns Menschen sind. Unser uhause, unsere Kultur. Der Ort, wo wir Lichter anzünden und die Dunkelheit draussen lassen. Wo wir geborgen sind. Also geschützt, obwohl verletzbar, uns sicher fühlend. Der Ort, wo wir uns hinlegen, uns vergessen, um schlafen zu können.
 
Etwas später spazierte ich bei Tag nochmals durch dieses alte Albisrieden. Da waren dann auch Bausünden rund um den historischen Kern zu erkennen. Und Zwänge der Verkehrsführung, die mitbeteiligt sind.
 
Und wieder sprachen mich die alten Häuser und die sich in Renovation befindende Kirche von 1818 an. Diesmal nüchterner, doch immer noch von Reichtum und Schönheit erzählend. Auch davon, wie früher Heimat verstanden worden ist.

Mittwoch, 16. Februar 2011

Fahrt auf neuer Strassenstrecke in Richtung Vergangenheit

Ich war gwundrig (neugierig). Jedesmal, wenn ich aus der Bahnhofunterführung Zürich-Altstetten herauskam und in die rechtwinklig wegführende Aargauerstrasse hineinschaute, hoffte ich, dass hier eines Tages ein Veloweg wegführe und ich dann schnurgerade zur Pfingstweid in unsere Werkstatt fahren könne. Aber gerade da, wo mein Traum seinen Ursprung hatte, war die Strasse leicht gebogen und verwehrte mir die freie Sicht. Ich nahm lediglich die Baustelle und die dazugehörigen Abschrankungen wahr. Bis hieher werde die Tramlinie 4 verlängert. Hier entstehe die Endstationschlaufe – das wusste ich aus Publikationen. Und Teile der neuen Strassen- und Streckenführung hatte ich bereits im animierten Film „Virtuelle Fahrt Zürich West" gesehen.
Primo begleitete mich hinaus in die Realität, machte mich auf vieles aufmerksam. Alle paar Minuten stellte ich mein Rad wieder ab und fotografierte. Und wir liessen die neuen, noch unbekannten Silhouetten auf uns wirken. Spannend und aufregend zugleich. Es beschwingte mich, die Orte, die zu meiner Jugend gehören, aus neuer Warte und zum Teil umgestaltet zu sehen. Wir befanden uns auf einer Parallelstrasse zum bisher benützten Veloweg neben der Autobahn. Jetzt zeigte sich die Sicht auf die Rückseiten jener Häuserzeilen und Geschäftsbauten, die uns bis dahin nur von vorne her bekannt waren. Obwohl noch nicht alles, was geplant wurde, auch schon gebaut ist, wirkt das Neue ganz ähnlich wie in der Darstellung im animierten Film der VBZ (Verkehrsbetriebe Stadt Zürich). Strasse, Tramführung, Stationen und Veloweg sind bald vollendet. Sie wirken klar und übersichtlich, führen in 2 Etappen schnurgerade zum Knotenpunkt beim verlassenen GC-Fussballstadion und danach in neuer Richtung zur Hardbrücke.
Weisse Bauwände riegeln grosse Bauplätze ab. Dahinter, weit entfernt, wie auf einem Balkon, ist die Kirche Höngg zu sehen. Näher bei uns winkten Birken und Pappeln. Sie liessen den Eindruck aufkommen, hinter dieser langen Wand befinde sich ein Paradiesgarten. In ihrem Umfeld die südlich anmutende Container-Siedung für Emigranten. Die fröhlichen Fassadenfarben Gelb, Orange und Sand strahlen aus. Eindrücklich signalisieren 13 Satellitenschüsseln das Bedürfnis nach Kontakt mit der Heimat.
 
Und auf dieser Fahrt bin ich endlich einmal zum Engros-Markt für Früchte und Gemüse gelangt. Er lag immer jenseits meiner Wege. Er befindet sich an der Aargauerstrasse 1 beim Knotenpunkt, wo sich Aargauer- und Pfingstweidstrasse treffen, wo sich auch das Hardturm-Parkhaus und die Ruine Grasshopperstadion befinden. Hier wird täglich, ausgenommen sonntags, ab 04.45 Uhr auf 6300 m2 Verkaufsfläche in 3 Hallen gehandelt. Die Atmosphäre dieses Markts möchte ich bald einmal erleben und im dazugehörigen Restaurant essen.
 
Lustig empfanden wir die an der gerundeten Rückwand des verlassenen Fussballstadions ausgeschnittenen Fenster, die Aussicht bis zu den Bernoullihaus-Dächern und den Wohnbauten am Limmatufer zulassen.
 
Bei der Migros Herdern angekommen, hatte sich die Wissenslücke geschlossen. Nun kenne ich die Verbindung Altstetten‒Pfingstweid.
 
Von hier aus liessen sich noch die Bauten im letzten Abschnitt Hardturm- und Förrlibuckstrasse überblicken. Mit freier Sicht über die verlassenen Fussball-Trainingsplätze hinweg. Es zeigte sich ein Ort, an dem verdichtetes Bauen bereits vollzogen ist. Wohnbauten und Geschäftshäuser stehen dicht an dicht. „Der rote Block", eine hufeisenförmige Wohnsiedlung, die für sich beanspruchen kann, vor allen anderen Häusern hier als erste erbaut worden zu sein, tut mir gerade leid. Vor Jahrzehnten erbaut und mit ziegelrotem Verputz versehen, wurde sie als roter Block wahrgenommen und bei diesem Namen ist es bis heute geblieben. Jetzt aber steht nebenan ein knallrotes Haus und drängt sie optisch zur Seite.
 
Weiter stadteinwärts Richtung Hardbrücke wird es vornehm. Von hier aus gestaltete sich die Umwandlung vom Industriequartier zum modernen Zürich West. Hier gibt es Raum zwischen den neuen Geschäftshäusern. Hier wurde ein Quartierteil ganz neu und grosszügig gestaltet.
 
Und was war früher?
Als ich 1947 mit meinen Eltern und Geschwistern nach Zürich übersiedelte, gab es an unserem Wohnort an der Hardturmstrasse viele Fabriken. Südlich von ihr aber auch viele Wiesen, Viehweiden, Obst- und unzählige Familiengärten, den Bauernhof der Familie Johann Buob, eine Schafweide und das erste Fussballstadion „Förrlibuck". Auf einer Foto aus der Pionierzeit der Flugfotografie (1925) ist dieser Fussballplatz verewigt. Hier fand die Sportprüfung zum Schulabschluss statt. Primo, Schüler aus dem Limmatschulhaus, erinnert sich an die Limite, die gesetzt war: 1 km rennen in maximal 5 Minuten.
 
Dieses Fussballfeld grenzte an die Herdern, heute Terrain von Migros Herdern. Zu jener Zeit ein grosses Familiengarten-Areal. Es reichte bis zu den Bahnlinien hin. Ein Fussweg führte sogar über die Geleisestränge hinweg zur Hohlstrasse hin. Es brauchte nur etwas Geduld, bis die Barriere jeweils für eine Weile hochgezogen wurde. Für Primo und mich ist der damalige Zugang zu dieser Geleiseüberquerung von der Hohlstrasse her noch gut sichtbar. In solchen Augenblicken wundern wir uns, wie sich der Bahnverkehr zu einem Geleisegerangel entwickelt hat.
Am Rande dieser Herdern haben nur wenige Familiengärten überlebt. Unter anderen auch der Schrebergarten und das Gartenhaus meines Vaters. Wir kennen seinen Nachfolger nicht, sehen immer nur, dass hier so liebevoll gegärtnert wird, wie einst. Es ist eine kleine Gruppe Hobbygärtner, die sich gewehrt hat, das Land zu verlassen, bevor die Bagger auffahren. Geplant sind hier Wohnhäuser, ein Schulhaus und ein Erholungspark. Ansätze dafür sind schon sichtbar. Die Auflösung der Gärten steht bevor.
 
Zum Umfeld dieses Orts gehören die Hochhäuser Prime Tower und Mobimo Tower, mit denen sich Zürich neuerdings brüstet. Andere werden folgen. Auf dem Heimweg schaute ich vom Sportweg her nochmals zurück. Da präsentierten sich die beiden Türme zusammen mit dem Migros-Hochhaus Herdern zu einer direkt liebenswürdigen Dreiergruppe. Wie wenn sie mit einander im Gespräch wären. Ich meinte, sie fragen zu hören: Wer von uns ist der grösste?
 
Das Gebiet Sportweg sei auch noch erwähnt. Auch es grundsätzlich ein Schrebergärtenareal. Mit vielen Wegen, schmalen Strassen, grösseren und kleineren Hütten. Abbruch-Firmen lagerten hier noch verwendbares Baumaterial. Hier suchte man z. B. nach einem Lavabo, gut erhaltenen Fenstern, Elektromaterial, usw. Es war ein schummeriger Ort, verkommen, ungepflegt, bei Regen verschlammt, bei Trockenheit voller Staub. Primo erinnert sich gut an den erdigen Geruch, der sich hier verströmte. Und an die interessanten Menschen, die dieses Ghetto belebten. Gärtner, Handwerker, Tüftler und Clochards. Diese Siedlung ist im Gelände des Engros-Marktes untergegangen.
 
Bald untergehen wird wohl auch das Gebäude der Seifensiederei Kolb an der Förrlibuckstrasse. Schon lange ist hier die Produktion eingestellt. Der Raum wird jetzt für Partys benützt.
 
Alle kleinen Nischengewerbe sind ausgestorben. Man braucht sie nicht mehr. Hütten und Häuser wurden abgebrochen, die Erde umgegraben, die Spuren verwischt. Es leben nur noch die Bilder in jenen Menschen, die hier alt geworden sind. Und bald können nicht einmal mehr Fotos das Leben von einst fühlbar oder zumindest verständlich machen.

Sonntag, 6. Februar 2011

Unter der Nebeldecke fanden wir Eisblumen und Masken

Eisblumen sind mir von Kindsbeinen an vertraut. Nicht alle Fenster unserer Wohnung waren mit Vorfenstern ausgerüstet. Dort, wo die warme Zimmerluft auf die einfache, kalte Fensterscheibe auftrat, entstanden Eiskristalle, die sich zu bizarren Pflanzenmustern ausformten. Wir Kinder wollten da mitgestalten und kratzten mit den Fingernägeln eigene Bilder ins Eis. Ich kann mich auch an Bahnfahrten mit Eisblumenfenstern in den alten, militärgrünen SBB-Wagen erinnern. Seitdem es Doppelverglasungsfenster gibt, sind diese mimosengefiederten Eisbilder aber aus meinem Blickfeld verschwunden.
 
Ihren Abbildern in Fotos und im Film wieder einmal zu begegnen, bot uns die die Ausstellung „Eisblumen, verborgene Wunderwelt im winterlichen Mikorkosmos“ an (Museum Gletschergarten, Luzern. Ursprünglich bis 8. Mai 2011 konzipiert, wurde sie bis auf weiteres verlängert).
 
In dieser Ausstellung verblüffte als erstes die „Eismaschine“, ein Eiskristallisator. Damit konnte das Wachstum eines Eiskristalls mit blossem Auge beobachtet werden.
 
Eindrücklich auch das textlose, lexikonartige Buch mit dem unendlichen Formenreichtum der Schneekristalle. Seitenweise aneinandergereihte Formen. Jede ein unverwechselbares Original. Das 6-eckige Muster, das allen Schneesternen zugrunde liegt, wurde 1611 schon von Johannes Kepler beschrieben.
 
Primo und ich waren alleine im Ausstellungsraum, hatten alle Zeit, den Darstellungen dieser Bilderausstellung zum Phänomen Eisblumen zu folgen. Wir lernten unterscheiden: die Schneekristalle, der Raureif, die Eisblumen an Fenstern. Erstmals in einer Ausstellung dokumentiert, lernten wir das Haareis auf Waldböden und Stängeln kennen.
 
Ein bezaubernder Film führte diese Arten vor.
 
Raureif bildete sich an feuchtkalten Tagen auch auf Primos Bart auf der halbstündigen Velofahrt von der Werkstatt nach Hause.
Auch an diesem Tag fühlte es sich feuchtkalt an. Die Stadt war ohne Weitsicht, vom Nebel eingehüllt. Das Licht auf grau geschaltet. Freundlich und heiter dann die Stimmung im Hotel „Hofgarten“. Fein die Speisen, freundlich die Bedienung. Wir fühlten uns in den Ferien, liessen uns treiben und landeten schliesslich im Museum Bellpark in Kriens. Ausstellung Krienser Masken 19201970.
 
Ich sah die Freude über Primos Stirn huschen, als er die hohe Kunst der Maskenschnitzer sah. Und überall, wo eine Hobelbank steht, da sind wir zu Hause. Hier in Kriens wurde eine kleine Werkstatt nachgestellt. Mit Werkzeugen und einem Lindenholzblock, halbseitig bereits als Maske roh geschnitzt. Eindrücklich, diese beiden Seiten am gleichen Stück. Der ungeschlachte Klotz und das feinfühlig bearbeitete halbe Gesicht. In der Mitte die noch nicht ausgeformte Nase. Besser könnte die Herstellung dieses Kunsthandwerks gar nicht dargestellt werden. Ohne Worte, ohne Erklärungen rief sie Bewunderung hervor.
 
Wir haben jede Maske betrachtet. Es wird von Charakter- und Schreckmasken gesprochen. Primo verneigte sich schliesslich vor diesen Werken und vor den Künstlern auf der Fotowand.
 
Fasnacht spielt in unserem Leben keine Rolle. Von den Masken in dieser Ausstellung aber liessen wir uns gerne einnehmen. Auch die Geschichten eines alten Krienser Fasnächtlers, die ab Band zu hören waren, trugen dazu bei. Das lebhafte Erzählen und der klangvolle Dialekt berührten uns. Was wir sahen und hörten, ist ein Gesamtkunstwerk.
 
Auf dem Heimweg dann, wieder in Luzern, meinten wir in manchen Gesichtern eine Charaktermaske zu erkennen.
 
Die Ausstellung im Museum Bellpark Kriens ist noch lange zu bewundern: 14.11.2010 bis 26.02.2012.