Montag, 29. November 2010

Heute Alltägliches war einmal unbekannt, sogar luxuriös

Die Banane kann heute überall gekauft werden. Man könnte meinen, sie stamme aus hiesigen Gärten, und sie kommt doch von weit her. Meine Mutter, als sie noch ein Kind war, soll den Namen dieser Frucht nicht gekannt haben. Sie nannte sie „die Gelbe“ und habe gebettelt, dass man ihr einmal eine kaufe.
 
Nach wenigen Jahrzehnten konnte offensichtlich niemand mehr auf sie verzichten. Sie wurde schon den Säuglingen verabreicht. Mir wurde sie von der Mütterberatung empfohlen. Sie eignete sich gut für den Übergang vom Stillen oder von der Flaschenmilch zum Brei.
 
Auch die Orange gehörte zu den nicht alltäglichen Früchten. In meinem Elternhaus gab es Äpfel und Birnen sowie eingemachte Früchte wie Zwetschgen, Aprikosen und Mirabellen. Als aber meine Schwester Renate einmal schwer krank war, kaufte Mutter Orangen und verabreichte sie ihr als ergänzende Medizin.
 
Am Sihlquai in der Stadt Zürich, hinter dem Schulhaus „Kornhausbrücke“, wo ich zur Schule ging, kamen die Orangen aus dem Süden in den Güterzügen in Zürich an. Hier wurden sie von den Südfrüchtehändlern für den Engrosmarkt erwartet. Arbeiter, die mit dem Verladen der Früchte beschäftigt waren, schenkten uns augenzwinkernd die noch guten Teile von Orangen, nachdem sie die angefaulten Teile abgeschnitten hatten. Manchmal fielen auch gesunde Orangen aus den Bahnwagen zu Boden. Welch ein Glück, wenn wir sie fanden!
 
Den Krautstiel kannte ich auch lange nicht. Erst 1964, 2 Tage nach der Geburt von unserer Tochter Felicitas, wurde mir dieses Gemüse in der Klinik serviert. Ich fand schon damals, das sei eine Köstlichkeit. Der Krautstiel ist es noch immer, hat seinen Platz in meiner Küche behalten. Ich dämpfe ihn leicht, gebe ihm einige Butterflöckli dazu, würze mit Streusalz und parfümiere ihn mit geriebenem Parmesan.
 
Vom Fenchel kannte ich nur die Samen, die zu einem beruhigenden Tee aufgebrüht werden können und den Säuglingen ebenfalls zuträglich sind. Primo machte mich dann mit dem Fenchelknollen bekannt. In seiner zur Hälfte italienischen Familie wurde der rohe Fenchel als Vorspeise serviert. Die gewaschene Knolle wird gewaschen, abgetrocknet und in etwa 1 cm dicke Scheiben geschnitten. Diese werden beidseitig mit Olivenöl eingerieben und mit wenig Salz bestreut. Die grünen Haare des Knollens werden fein geschnitten und über die Scheiben gestreut. Dazu passen Salami oder Trockenfleisch. Mit diesem rohen Fenchel als Apéro habe ich immer Erfolg.
 
Und Rina, meine Lehrmeisterin, vermittelte mir nicht nur die Praxis der doppelten Buchhaltung. Als sie nach Florenz auswanderte und ich sie dort später besuchte, lehrte sie mich, den Sugo aus frischen Tomaten herzustellen. Ich war begeistert. Nun, nach bald 50 Jahren, habe ich hin und wieder Lust, die Spaghetti nach alter Manier aufzutischen. So, wie es meine Mutter machte. Sie benützte das Parma Doro-Tomatenpüree aus Italien, verdünnte es mit wenig heissem Wasser, presste mindestens 2 Knoblauchzehen dazu, verfeinerte diese Sauce mit Olivenöl und schwenkte die frisch gekochten Teigwaren darin.
 
Neu habe ich einen emotionalen Zugang zum Carnaroli-Reis. Ich habe im Herbst in der südlichen Toskana die grossen Reisfelder bewundert und in der Autobahnraststätte Carnaroli-Reis aus der Region kaufen können. Und wie immer, wenn ich aus den Ferien etwas heim- und dann auf den Tisch bringe, wird meine Liebe zu einer Region oder zu einem Volk gefestigt. Und die schönen Erlebnisse bleiben auf diese Weise lange erhalten.
 
Ich lasse mich immer noch gern von der Güte der italienischen Esskultur beeinflussen. Die Gastarbeiter brachten sie zu uns. Wir wurden aufmerksam auf sie. Es war gerade die Zeit, als ich ziemlich unvorbereitet für meine Familie zu kochen begann.
 
Wer jetzt erwachsen wird und jetzt zu kochen anfängt, wird noch vielfältigere Einflüsse spüren. Produkte aus fernen Ländern sind hier erhältlich und die Grossverteiler sorgen dafür, dass auch entsprechende Rezepte vorhanden sind. Und wer diese nach eigenem Gutdünken an unsere Verhältnisse anpasst, ist kreativ und bringt Welten zusammen.
 
Am meisten staune ich aber über die Fülle von ausgesuchten, hochwertigen Lebensmitteln, die wir in unserem Land kaufen können. Jetzt gerade speziell im Hinblick auf die Feiertage am Jahresende. Es ist eine Art Schlaraffenland entstanden. Für junge Leute etwas ganz Selbstverständliches. Was werden sie in 50 Jahren rückblickend erzählen können?

Freitag, 19. November 2010

Spiegelmeisen im Anflug: Suche nach dem Winterquartier

In der Wiese vor unserem Küchenfenster steht ein zierlicher Baum, eine Schönheit. Sein Name ist Cornus Kousa: Japanischer Blüten-Hartriegel.

Im Frühling bezaubert er uns mit seinen weissen Blüten, im Herbst mit den leuchtend roten Blättern. Jetzt ist er entlaubt und strahlt immer noch Schönheit aus. Er ist gesund, Stamm und Äste lassen an einen Tänzer denken.

Neuerdings tummelt eine Sippe Spiegelmeisen auf ihm herum. Die Vögel scheinen vergnügt zu sein. Als wir hier einzogen, waren die Rabenkrähen und Elstern die Platzhirsche. Die Amsel hörten wir singen. Andere Vögel nahmen wir nicht wahr.

Als ein Maschenzaun die Landbesitzverhältnisse zwischen den Wohnhäusern sichtbar machen musste, verschwanden die Vögel. Vordem stand ihnen ein weiter Landeplatz zur Verfügung. Vielleicht wurde es diesen grossen Vögeln hier dann zu eng. Nun sind also die kleinen da. Und sie suchen Nistplätze.

Seit 2 Wochen pocht der Anführer dieses Clans täglich an mein Küchenfenster. Er will den Zugang zum Rollladenkasten-Innenraum erobern. Und wir stellen uns quer. Hier hätten sie kein ruhiges Zuhause; denn die Fenster einer Küche werden immer wieder gekippt oder geöffnet und je nach Wetter die Rollladen heruntergelassen oder hochgezogen. Wir hatten diesen Vogel Tage vorher schon auf dem Balkon beobachtet. Hier forschte er nach einem Schlupfloch im Bereich des Sonnenstorens. Sofort erinnerte ich mich an den Blog vom 9.9.2010 „Von tachistisch veranlagten Spatzen und vom Bauschaum“ von Walter Hess, der diesbezügliche Folgen beschrieben hat.

Wir deckten dann alle für ihn möglichen Stolleneingänge mit Klebeband ab. Er aber blieb beharrlich, suchte einfach weiter. Wie ich jetzt gehört habe, werden alle Bewohner in unserem Haus von der Ostseite her attackiert. Überall hämmert dieser freche Wicht auf den Beton ein, und wenn sich nichts bewegt, klopft er an die Fensterscheiben. Obwohl ich ihm schon oft sagte, hier sei er am falschen Ort, die Bedingungen ungeeignet, kommt er doch täglich wieder. Es gibt Menschen, von denen gesagt wird, sie könnten mit den Vögeln sprechen. Ich gehöre definitiv nicht dazu, werde nicht verstanden.

Anfänglich hatte er bereits Federn für ein Nest mitgebracht und diese auf dem Fenstersims deponiert. Es beeindruckt mich, wie kämpferisch und mutig dieses Wesen ist.

Eine weitere Erfahrung: Vor ein paar Tagen machte ich nach dem Frühstück das Fenster erneut dicht. Den Sonnenaufgang zu beobachten, hatte ich mir noch gegönnt. Dann nahm ich die Düsternis in Kauf und zog den Rollladen herunter. Zwangsläufig brauchte ich dann elektrisches Licht. Als ich den Stecker kippte, leuchtete die Lampe kurz auf, und mit leisem Zischen gab sie sogleich den Geist auf. Die reinste Kabarett-Nummer!

Jetzt lasse ich einfach allem den Lauf, warte darauf, dass meine konsequente Haltung hier einen Nestbau verhindern kann. Die Rollladen-Einstiegstellen sind zugeklebt. Wer gewinnt? Bringt es der Vogel fertig, das klebrige Band wegzuzerren und sich dahinter einzurichten? Dann lasse ich ihn vielleicht gewähren. Oder bewirken unsere Barrieren, dass die Vögel merken, dass dieser Ort für sie ungünstig ist? Zu nahe bei den Menschen, die ihnen aber grundsätzlich gut gesinnt sind.

Im Augenblick ist noch nichts entschieden.

Donnerstag, 11. November 2010

Blätter an den Bäumen, am Boden und aus der Druckerei

Es regnet. Letzte Blätter fallen von den Bäumen. Gestern noch raschelte es, als wir durch den Wald liefen. Wie bald wird sich das Laub am Boden in Matsch verwandeln und nach und nach zu neuer Erde werden.
 
Vorbei ist die Lust meiner 4- bis 6-jährigen Nachbarskinder, die sich in der vergangenen Woche in den Laubhaufen zweier Bäume fallen liessen, dazu jauchzten und sangen. Einen Tag später dann sassen sie, bis zum Oberkörper bedeckt, in ihm. Erstaunlich still. Das Wort „daheim“ könnte nicht schöner dargestellt werden. Auch darum, weil die Blätter nicht weggeführt, sondern den beiden Stämmen als Schutz und Nahrung zu Füssen gelassen werden. In meinen Augen sind diese Bäume ein Liebes- oder Elternpaar. Ein weit ausholender Ast der grösser gewachsenen Esche beschützt die gedrungene Hagebuche gut sichtbar. Und sie wiederum neigt sich ihm zu.
Ganzjährig raschelt es im Papierblätterwald. Aber auch da fallen täglich Blätter ab: Die Zeitungen und Zeitschriften, sogenannte Leibblätter, Wochen- und Monatsblätter inklusive Reklameblätter, liegen in der Stube oder im Büro auf oder herum. Sie zu durchforsten ist der Lust, in die Laubhaufen zu springen, sehr ähnlich. Ohne Papiere, ohne Buchstaben, Worte und Geschichten zu leben, kann ich mir gar nicht vorstellen. Der Computer ist nur die Ergänzung dazu. Das raschelnde Papier und vor allem Texte, die in Händen gehalten werden können, das ist für mich die wirkliche Lektüre. Erfassen, begreifen, diese Worte gehören dazu.
 
Die Tageszeitung kommt uns da entgegen. Ihre Mitteilungen sind in Bünde gefasst. Primo und ich können sie individuell lesen. Er beginnt meist hinten und ich vorn. In der Mitte angelangt, werden sie mit allerlei Hinweisen ausgetauscht. Lustiges und Kurioses wird aber sofort vorgelesen. So beginnt unser Frühstück, unser Tag.
 
Oft nehme ich mir vor, Berichte, die wertvolle Informationen enthalten oder in einer wohlklingenden Sprache geschrieben sind, aufzubewahren. Da ich sie meinem Ehemann nicht vorenthalten will, nehme ich solche Blätter nicht sofort an mich. Und vergesse sie. Und wenn ich mich an sie erinnere, ist es oft zu spät. Sie wurden schon weggetragen. Denn einmal in der Woche werden auch sie zu einem grossen Haufen zusammengeschichtet und alle 2 Wochen der Wiederverwertung abgeliefert.
 
Und die Buchstaben, was geschieht mit ihnen? Zu Zeiten des Handsatzes wurden sie wiederverwendet. Jede einzelne Letter an ihren angestammten Ort in den Setzkasten zurückgelegt. Und später, zu Zeiten des Bleisatzes, wurden die Zeilen zur Wiederverwendung eingeschmolzen.
 
Wie ist das eigentlich mit den Buchstaben und Texten aus dem Computer? Wo werden sie wiederverwertet? Die Delete-Taste wird kaum alles löschen können, was dem Stromgehirn schon anvertraut worden ist. Ergeht es ihnen wie unseren Gedanken, von denen wir ebenfalls nicht wissen können, wo sie aufgefangen, verwendet und ob vielleicht Teile von ihnen vor dem totalen Zerfall gerettet werden.

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Briefe nach Norwegen, als es noch keine E-Mails gab

Brit brachte Frakfisk (Gärfisch), braunen Käse und Moltebeeren mit. Sie besuchte uns wieder einmal. Seitdem sie innert 5 ½ Jahren 6 Mal Grossmutter geworden ist, reist sie weniger. Als pensionierte Primarlehrerin kümmert sie sich heute gerne um ihre Enkel.
 
Wir haben uns kennengelernt, weil ich vor 35 Jahren in einem norwegischen Hausfrauenblatt meinen Wunsch platzieren konnte, mit einer Norwegerin Briefe zu tauschen. Brit meldete sich. Die Frau vom Nachbarshof hatte sie darauf aufmerksam gemacht, brachte ihr die Annonce, war überzeugt, dass sie einen solchen Wunsch erfüllen könne.
Wir liessen einander am eigenen Leben teilhaben, berichteten über unser Land, seine Menschen, seine Geografie und Kultur. Es waren immer besondere Momente, wenn Post aus Norwegen eintraf. Viele aussagekräftige Postkarten und lange Briefe sind hin- und hergeflogen.
 
Vor Monaten schrieb sie: „Ich habe Heimweh nach der Schweiz." Und als sie wieder einmal da war, sagte sie unvermittelt, es könnte sein, dass sie zum letzten Mal gekommen sei. Unsere Lebenszeit sei vielleicht bald abgelaufen. Jetzt wollte sie nochmals über alles reden, was sie bewegte. In ihrem Dorf habe sie wohl eine Freundin, aber mit ihr könne sie nur über die Handarbeit sprechen. Die beiden stricken miteinander, tauschen Modelle und Muster aus. Sie stellte mir wieder viele, ganz persönliche Fragen. Sinnfragen, Fragen zur Ehe und Familie, Fragen zur Gesundheit usw. Sie erzählte von ihren Töchtern, dem Sohn und den Enkelkindern. Und sie sinnierte darüber, warum zwischen uns beiden nichts störe. Die Antwort gab sie sich gleich selber, nachdem sie die Frage ausgesprochen hatte: Weil wir den Alltag nicht miteinander teilen müssen.
 
Solche Freundschaften, die eben nicht anecken, sind ein besonderes Geschenk. Auch für mich. In Briefen konnte ich, ähnlich wie in den Blogs, etwas beschreiben, was ich so nicht hätte erzählen können. Zu detailreich für ein Gespräch und da, wo ich lebe, weiss man über mein Land Bescheid. Gedanken in einem Brief zusammenfassen, erzählen, wie mein Leben gerade jetzt aussieht, das mache ich immer noch gern. Und wenn sich jemand darüber freut, ist es sinnvoll.
 
Wenn ich morgen den Gärfisch auftische, werden starke Fischgerüche um uns sein. Dieser Fisch ist dominant. Dank ihm können wir uns für eine Weile in Norwegen fühlen. Erinnerungen werden aufsteigen, Reiseerlebnisse erwachen. Dann stehen wir vielleicht in Oslo am Strand und essen Crevetten aus der Tüte.
 
Im Internet habe ich soeben ein Rezept für die norwegischen „Lefsen" entdeckt. Eine Art Omelette, die uns Brits Schwiegermutter seinerzeit auf ihrem Hof zum „Höchsttagskaffee" auftischte. So wurde damals die Zwischenmahlzeit um 12 h mittags genannt. Ein schöner Begriff, vielleicht nicht ganz korrekt ins Deutsche übersetzt. Für mich gut verständlich. Wir konnten uns zum Zeitpunkt, als die Sonne am höchsten stand, mit Lefsen stärken.
 
Vom braunen Käse, ebenfalls aus Norwegen, haben wir schon genascht. Sein Caramelaroma ist hier unbekannt. Und aufs Butterbrot gibt es – solange Vorrat – wieder Konfitüre aus Moltebeeren. Damals durften wir in einem heideartigen Gebiet nach diesen gelb-orangen Beeren suchen und sie pflücken. In der Form ähneln sie unseren Brombeeren. Sie wachsen nur wenige Zentimeter über dem Boden. Als wir diese köstlichen Beeren kennenlernten, stand sogar in Brits Tageszeitung , dass diese jetzt reif seien. Ein Aufruf zum Pflücken.
 
Auch in der Schweiz gibt es Erinnerungen. Brit bereiste mit uns einmal das Wallis und anschliessend den Gotthard. Ein prägendes Erlebnis, aus dem viel Verständnis für unsere Verkehrsprobleme erwachsen ist. Und besonders der „Kafi fertig" (Kaffee mit Schnaps) blieb in Erinnerung. Mit ihm feierten wir die Ankunft im Gotthard-Hospiz. Brit, die bis dahin keinen Alkohol trank, entschuldigte sich bei sich selber mit dem Humor ihres Schwiegervaters, der dieses Getränk „Doktor-Kaffee" nennt. Sie rief sogar einen Gast an unseren Tisch, damit er sie in der Gesellschaft mit Primo und mir und dem Entspannungstrunk fotografierte.
 
Nun ist sie wieder heimgereist. Mir fehlt ihr Singen. Manchmal hörte ich aus dem Gästezimmer ein paar Takte eines Volksliedes, nur so hingeworfen, wie Blätter fallen. Auch in der Bahn, als sie den Rhein sah, stimmte sie unerwartet ein ihm gewidmetes deutsches Volkslied an. Sie hatte es als Kind in der Schule im Deutschunterricht gelernt.
 
Auch wenn ich nicht weiss, ob sie nochmals hieher kommen wird oder wir zu ihr nach Norwegen reisen werden, unser Briefkontakt wird fortfahrend bestehen. Dieses Wort „fortfahrend" ist eines, das mir Brit beigebracht hat.

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Stätten der Etrusker und der Tarot-Garten in Capalbio

Ferien. Hinter dieses Wort setzte Walter Hess kürzlich die französischen, sehr ähnlich klingenden Worte „fait rien“. Sinngemäss übersetzt : „mach nichts“. Ein origineller Sprachwitz. Ob die Aussage aber stimmt? Machen wir in den Ferien nichts?
 
Nach meiner Erfahrung ruhen jeweils nur die alltäglichen Pflichten, und diese tauschen wir gegen andere Anstrengungen und manchmal sogar Strapazen ein. Wirklich nichts tun ist ebenfalls anstrengend, vielleicht sogar unmöglich.
Ich bin von einer Italienreise zurückgekehrt und noch immer am Verdauen des Geschauten und Gehörten. Ich erlebte sie frei von persönlichen Verpflichtungen, aber mit grossem Anspruch an die eigene Aufnahmefähigkeit. Meine/unsere Reise führte als Gruppe mit 27 Personen in die Maremma (südliche Toscana) zu den Etruskern. Ich masse mir jetzt nicht an, kunsthistorisch oder geschichtlich darüber zu berichten. Aber erzählen möchte ich, wie die Zeugen der etruskischen Kultur auf mich gewirkt haben.
 
Sie haben meinen Blick auf die Römer verändert. Jetzt weiss ich, dass sie die etruskische Kultur aufgesogen und nur weitergeführt haben. Vieles von dem, was ich in jungen Jahren als römische Kunst bezeichnet vermittelt bekam, schufen die Etrusker. Dieses Volk, von dem die Römer schon vor ihrer Eingemeindung Jahrhunderte lang profitiert hatten, wurde ab dem Jahr 40 vor unserer Zeitrechnung endgültig romanisiert.
 
Gegenwärtig wird das kulturelle Erbe in jenen Menschen weiterleben, die dem Volk der Etrusker entstammen. Ihre Handwerker waren virtuose Künstler. Die Darstellung von Schönheit und Anmut drückten sie lebensfreudig aus. Sie waren Ästheten zu einer Zeit, als in der Schweiz Pfahlbauer noch in grobem Leinen oder in Pelzbekleidung daherkamen. Ihre Adeligen stellten die Etrusker auf Fresken oder als Statuen aus Marmor dar. Bewundernswert die Fähigkeit, die leicht fallende, edle Bekleidung im Marmor darzustellen.
 
In Beschreibungen werden die Etrusker manchmal als zügelloses Volk beschrieben. Aus welcher Perspektive wurde das gedacht? Kann ein Volk so vollendete Schönheit darstellen, Mann und Frau einander ebenbürtig behandeln und intensiven Kontakt zu seinen Göttern pflegen, wenn es sittenlos ist? Das glaube ich nicht. Die Etrusker bebauten das Land, sorgten für die Ernährung, hielten Tiere und kannten die normale Fruchtbarkeitsfolge allen Lebens. In diesem Sinn mögen sie auch die Sexualität verstanden und Lebensfreude gelebt haben. Moral und Ethik, Leben nach dem Tod, also auch Verantwortung, müssen meines Erachtens zu ihren Lebensthemen gehört haben.
 
In Vulci fand ich die Darstellung eines Engels, vermutlich einer weiblichen Gottheit, die mich in dieser Ansicht bestätigt. Auf einer simplen Holzplatte war eines der verwitterten Fresken aus der „Tomba François“ reproduziert und ergänzt dargestellt. Das Bild packte mich. Da steht neben einem Krieger, dem offenbar im nächsten Augenblick der Kopf abgeschlagen werden soll, diese Schutzgottheit. Ihr Antlitz ist unglaublich mild und ebenso unglaublich stark und sicher für die Entscheidung, die sie sogleich fällen wird. Ihre Macht ist Hilfe. Sie ist befähigt, gewissen Situationen im Leben oder im Kampf eine neue Richtung zu geben. Sie tritt hinter dem Peiniger hervor. Sie verhilft dem Mitgefühl und der Menschenliebe zum Durchbruch. Da wo sie hintritt, wird alles anders. Der vordem Mächtige wird machtlos.
 
Ebenfalls in Vulci trafen wir im Archäologischen Museum im ehemaligen Zisterzienserkloster auf verschiedene Sarkophage, auf deren Deckeln der oder die Verstorbene in Stein gehauen verewigt sind.
 
In dieser Ausstellung stehen diese Steinsärge ungeschützt im Raum, und die dargestellten Menschen sind den Besuchern nahe. Da stand ich und wartete, dass sich die Nasenflügel eines Mannes bewegen würden und dass er mit uns ins Gespräch käme. So lebendig sind hier die Persönlichkeiten dargestellt. In diesem Museum wurde auch ein Lichtbild einer Gruppe Sarkophage gezeigt, wie sie in einer Nekropole aufgefunden worden sind. Eine grosse Familie, alle in der gewohnt vornehm liegenden Haltung. Sie schauten aufeinander, schienen zu feiern und sich über die neue Heimat in der jenseitigen Welt zu freuen. Ein ergreifendes Bild.
 
Von den Etruskern ist ihr gutes Verhältnis zu zahlreichen Göttern bekannt. Die Priester pflegten die Lehre von der Interpretation göttlicher Signale wie die Formen von Blitzen, der Leberschau und des Vogelflugs. Diese Priester standen in hohem Ansehen, auch bei den Römern, die ihre Dienste für die eigenen wichtigen Entscheidungen gerne in Anspruch nahmen.
 
Nach etruskischer Lehre stand jeder Kultur eine eigene, ähnliche Lebenszeit zu, wie es zu uns Menschen gehört (Geburt, Wachstum, Entfaltung, Tod). Nach einer alten Weissagung wussten sie, dass die ihre ungefähr 800 Jahre alt würde. Ihre Herrschaftszeit von zirka 800 bis 100 Jahre v. u.Z. kommt der Voraussage nahe.
 
Noch schlafen viele Schätze in Gräbern unter der Erde. Bis heute seien die Ausgrabungen erst zu einem Drittel ausgeführt, erfuhren wir.
 
Unsere täglichen Ausflüge führten uns durch das dünn besiedelte Land der südlichen Toscana. Lange Fahrten zu Ausgrabungsstätten wurden nie langweilig. Die spannend aufgefaltete Landschaft mit ihren berühmten Erdfarben Umbra und Ocker, den locker verstreuten Bäumen, den Olivenhainen und den auf den Kreten platzierten Zypressen sog ich in mich auf. Ihre Lieblichkeit muss man einfach gern haben. Manchmal, auf dem Heimweg auf der Via Aurelia, sahen wir einen Streifen Meer golden aufscheinen. Begeistert hat uns auch der langgezogene Pinienwald, der den Strand begleitet und uns bei jeder Heimkehr unter sein pelziges Dach nahm.
Immer kehrten wir nach Grosseto-Maritima zurück. Im Hotel Ariston waren wir bestens aufgehoben und wurden ebenso bewirtet.
 
Unsere Ausflugsziele
Nekropole Roselle und Museo Archeologico e d 'Arte Grosseto:
In Roselle gingen wir auf einer Etruskerstrasse, die gut wahrnehmbar in eine römische Strasse überführte.
In Grosseto habe ich erstmals einen Granatapfelbaum mit reifenden Früchten gesehen.
 
Vulci:
Ruinenstadt. Grossräumiges Ausgrabungsgebiet, wo man sich verlaufen könnte.
Sowohl in Roselle wie hier in Vulci zeigten uns die noch erhaltenen Mosaikböden, dass die Römer diese Kunst von den Etruskern übernommen haben.
Kellergrab François.
Berühmt ist die imposante Bogenbrücke, die den Fluss Fiona überquert. Beliebtes Fotosujet.
Pittigliano:
Die allerschönste Stadt der Maremma. Auf einem mächtigen Felsen aus Tuffstein erbaut.
Ein Bild menschlicher Zusammengehörigkeit. Alle Häuser lehnen aneinander an. Mit jüdischer Synagoge. Ihre Gemeinde nennt den Ort „La Piccola Gerusalemme“.
 
Sovana:
Dies ein Bilderbuchort. Seine Piazza oder Strasse aus gebrannten Ziegelsteinen gestaltet.
Hochkant eingesetzt, zu Fischgrätenmuster gestaltet. Sehr speziell.
Grab l'Ildebranda, monumentale Tempelruine aus Tuffstein.
 
Tuscana:
Alter, lebhafter Ort mit Burgtürmen gegen Saraszenen.
In Tuscana besuchten wir 2 wunderschöne Kirchenräume San Pietro und Santa Maria Maggiore.
Räume voller Geistigkeit. Es finden in beiden Kirchen subtile Renovationen auf der Basis von Freiwilligenarbeit statt. Hier finden sich etruskische Symbole, die in die Christliche Kirche übernommen worden sind.
 
Castiglione della Pescaia:
Ort am Hügel und Meer. Mit altem Yachthafen. Sympathischer Ort, vermittelt Ferienstimmung.
 
Vetulonia:
Grosseto gegenüberliegend. Der Talgrund war zur Zeit der Etrusker ein See mit Zugang zum Meer. Prachtvolle Aussicht und Übersicht.
Niki Saint Phalles Giardino dei Tarocchi in Capalbio:
Die Werke dieser Künstlerin strahlen weltweit aus. In Zürich kennen wir sie wegen ihres grossen Schutzengels, der in der Bahnhofhalle über die Reisenden wacht.
Angaben zu ihrer Biografie und auch zum Thema Tarot finden sich im Internet.
 
Dass sie einen Garten zum Thema der Tarot-Karten erschaffen hat, wusste ich aus Filmen. Die Grösse aber überraschte mich enorm. Die Figuren ragen aus dem Blätterwald heraus und sind von weither sichtbar. Die Farben der Figuren sind stark. Einige schillern. An ihnen ist nicht so einfach vorbeizukommen. Sie dominieren den Ort und verlangen, dass wir nach ihrer Botschaft suchen.
 
Ich fragte mich, warum sie diesen Garten in Italien gebaut hat. Nachdem ich mich nun etwas mit der Religion der Etrusker befasst habe, vermute ich eine Seelenverwandtschaft. Niki de Saint Phalle kämpfte ein Leben lang für die Anerkennung der weiblichen Kräfte und deren Spiritualität und in der Etruskischen Religion wurde als höchste Gottheit „die grosse Mutter“ verehrt.
 
Ausser dem Eremiten und dem Partner „der Liebenden“ und einem Fabeltier habe ich an diesem Ort Figuren weiblichen Zuschnitts getroffen. Die Frau und Mutter, Lebensspenderin, Gebärerin mit übergrossen Brüsten steht im Zentrum. Die 1930 geborene Künstlerin kämpfte ein Leben lang mit aller Kraft gegen männliche Überheblichkeit.
 
Als wir in ihrem Garten ankamen, begleitete uns ein Führer durch die von Mario Botta gestaltete Schranke, die die Aussen- von der Innenwelt markiert. Dann begann es zu regnen, zu strömen. Der Mann, der uns begleitete, konnte gerade noch sagen, dass es für die Besuchenden von grosser Bedeutung sei, welche der Figuren wir zuerst betreten. Das Tarot ist ja bekanntlich auch ein Orakel und antwortet auf unsere unbewussten Entscheidungen. Und schon stand ich, eben wegen des Regens, gerade zuerst im Körper der „Kaiserin“. Es war Niki de Saint Phalles Lieblingsort. Hier sassen die Handwerker mit ihr zusammen, hier sei gegessen und um Lösungen vieler Arbeitsprobleme gerungen worden.
 
Da ich Niki de Saint Phalles Anliegen, ihre Arbeitsperioden und Arbeiten schon einigermassen gut kannte, schaute ich nicht nach ihrer Botschaft aus. Ich liess die Figuren fürs erste einmal einfach vom handwerklichen Standpunkt aus wirken. Und dieser ist grandios.
 
Das Zusammenfügen von farbigem Glas, von reiner Keramik, Spiegeln, verspiegeltem blauem und grünem Glas. Ich kann mich erinnern, dass es rosafarbene Spiegel gab und vielleicht noch gibt, damit die Haut pfirsichhaft erscheint. Blaues, grünes, gelbes Spiegelglas habe ich noch nie gesehen und bin doch im Haus einer Spiegelmanufaktur aufgewachsen. Das Material wurde offensichtlich von ihr noch erfunden. Das ist das Geheimnis der Figuren, dass ihre Flächen verschiedenartig ausstrahlen, schillern, aber auch Farben und Abbildungen von Pflanzen, Bäumen und Menschen brillant reflektieren.
 
Ich blieb lange im Haus dieser Kaiserin, wo die Spiegel mehrheitlich das sind, was wir Spiegel nennen. Aber zerstückelte und wieder zusammengefügte, um zu einem Körper zu werden, weg von der Fläche. Wie ich so stand, die Arbeit bewunderte und mich wunderte über die Ausdauer, die für solch gigantische Werke erforderlich sind, sah ich in den Spiegelspickeln Teile meiner roten Windjacke. Auf einer gewissen Bandbreite erschien mehrfach die gleiche Jackenpartie, oben und unten jedoch abgeschnitten und von anderen Spiegelungen verdrängt. Mein Gesicht sah ich nicht, weil die Wölbung des Raumes in eine Richtung gebogen wurde, die mich nicht mehr auffangen konnte.
 
Schön fand ich ein kreisrundes Fenster aus normalem Fensterglas, das dem total verspiegelten Innenraum einen Blick nach dem Garten gestattet. Das Grün eines Baumes kann durch diese Lukarne wahrgenommen werden.
 
Noch immer faszinierten mich die einzelnen Spiegelspickel, weil sie scheinbar ganz eigenwillig abbildeten, was ihnen so passte. Mir fiel ein, wie gut geeignet diese Schau sei, um einander zu erklären, dass wir uns nur als Teile eines Ganzen wahrnehmen können. Hier drinnen liegt es an den Spiegeln und an den Formen, an denen sie befestigt wurden, dass wir uns nicht als ganze Persönlichkeit sehen und darstellen können. Draussen aber ist es nicht anders. Da sind wir auch nur Spickel zum Beispiel von universellem Wissen, von Talenten, die nicht nur einem Menschen allein gehören. Wir sind verschieden gross, sehen die Umwelt von unserem persönlichen Standpunkt aus. Wir verkörpern nur eine Spiegelart oder nur eine nicht reflektierende Glasart mit einer satten Farbe. Zusammen aber sind wir das Ganze. Jedermann kann meine Erfahrung im Tarotgarten auch selber machen.
 
In der Nacht vor unserer Rückreise in die Schweiz befanden wir uns noch direkt im Auge eines ungewöhnlichen Gewitters. Blitz und Donner folgten sich Schlag auf Schlag. Ich fragte mich, ob vielleicht mein Leben in wenigen Sekunden beendet sei. Was kommt jetzt? fragte ich. Es wurde ruhiger und stiller.
 
Nach der Heimkehr schrieb ich als letzten Text ins Ferientagebuch:
 
Voll Vertrauen, aber ohne zu wissen, dass ich mich dem Vertrauen hingab, muss ich ins Meer gestiegen sein. Es hat mich aufgefangen, gepackt und herumgetrieben, mich in seinen Wellen sachte, aber auch wild herumgeschleudert, mich in die Tiefe mitgenommen, um mich nach Tagen lachend dem Land wieder zurückzugeben. Da lag ich dann am Boden im Sand, unversehrt rieb ich mir die Augen und sah, dass sich das Wasser längst zurückgezogen hatte. Ohne Gruss, ohne Abschied.
 
Das ist ein Bild, nicht die verbürgte Wahrheit, und doch habe ich die Tage in der Maremma so erlebt.

Mittwoch, 22. September 2010

Entscheidungen zwischen Schränken und dem Rollkoffer

Morgen früh fahren wir! Der Druck ist da. Wie üblich seufze ich beim Packen über die anstehenden Entscheidungen.
 
Gepackt wird bei uns immer erst kurz vor der Abreise. Die Erfahrung lehrte uns, dass dies die beste Version ist. Beginnen wir früh damit, besteht die Gefahr, dass wir Dinge, die schon im Koffer liegen, wieder hervorholen und dann vergessen, sie zurückzulegen.
 
So kommt es, dass ich alle Gedanken auf die Vorbereitung lange Zeit an mir vorbeiziehen lasse und trödle. Erst der Zeitdruck macht mich entscheidungsfähig.
 
Hilfreich sind mir dann die Wetterprognosen, die wir im Internet für 14 Tage abrufen können. Und doch: Immer diese Entscheidungen! Sie sind anspruchsvoll. Ich möchte für jedes Klima bestens vorgesorgt haben.
 
Sobald wir dann das Haus verlassen, sind es nullkommaplötzlich keine Probleme mehr. Ist die Wohnung abgeschlossen, arrangieren wir uns mit der getroffenen Wahl.
 
Dann wissen wir, dass die Ferien beginnen. Dass der Alltag hinter der Wohnungstür zurückbleibt. Dass keine geschäftlichen Termine anstehen. Dass wir es geniessen werden, etwas fremdbestimmt zu sein.
 
Wir reisen mit einer Gruppe. Das angebotene Programm „Auf den Spuren der Etrusker“ interessiert uns. Das Fremdbestimmtsein ist grundsätzlich kein Lieblingszustand in unserem Leben. Aber in den Ferien darf und soll er dazugehören. Anders wohnen, anders essen, anders schlafen. Und dem Meer ganz nahe sein.
 
Vieles sehen wir voraus. Davon sprechen auch die Intarsien, mit denen Primo die Einbände unserer Reisetagebücher gestaltet hat. Ich sehe da in seinen ganz und gar nicht gegenständlichen Dekorationen sich überlagernde Schichten, weite Horizonte, gewachsene Gebilde und vor allem auch südliche Farben. Mein Tagebuchdeckel ist für mich eine geöffnete Blume mit vielen Fächern, in denen Entdeckungen und Geheimnisse eingelagert sind.
 
Das kann ja schön werden!
 
So stellt sich für mich die Vorfreude ein.
 
Und jetzt: Pause beendet. Ich muss weitermachen. Wenn dann die Tagebücher in der Reisetasche obenauf liegen, dann sind alle Entscheidungen getroffen, und der Reissverschluss kann zugezogen werden.

Mittwoch, 15. September 2010

Ortsauskünfte – und schon sind Fremde an ihrem Ziel

Ein Mann meines Alters, ebenfalls an der Ampel auf Grün wartend, fragte mich nach der Tramlinie Nummer 3. Er sprach Englisch. Antworten konnte ich ihm nicht in seiner vertrauten Sprache, aber ich zeigte ihm den Weg zur Station und signalisierte, dass ich ihn bis dorthin begleiten könne. Er war erfreut. Ich erfuhr, dass er aus Australien komme und einen Freund an der Klosbachstrasse, hier in Zürich, besuchen möchte. Er zeigte mir einen Zettel mit der genauen Adresse und dem Hinweis auf die Tramlinie Nummer 3. Ebenso waren die Kosten für die Tramfahrt mit Fr. 2.– angegeben. Dann zeigte er mir eine kleine Übersetzungshilfe und schmunzelte dazu. Es war notiert, wie er sich auf deutsch bedanken könne. Kurz und bündig, sehr effizient.
 
Mich irritierte nur der notierte Fahrpreis. Ich löse selten einzelne Fahrkarten, trage immer ein Abonnement auf mir und bin ohnehin mehrheitlich mit dem Velo unterwegs. Für 2 Franken können wir heute doch nicht mehr Tram fahren, ging mir durch den Kopf. Was der Mann brauchte, war ein Einwegbillett für mehr als 5 Stationen. Und dieses koste 4 Franken, antwortete der Apparat. Diesen Preis hätte ich mir gern von einer hier anwesenden Person bestätigen lassen. Auf dieser wichtigen Umsteigstation standen viele Wartende, und einige von ihnen sprach ich auch an. Niemand konnte mir aber Auskunft geben. Die eine Frau war gerade aus Stuttgart angekommen, kenne sich hier nicht aus. Eine andere sagte, sie reise immer nur mit Tageskarten, löse keine Einzelbillette und der nächstfolgende Mann sprach kein Deutsch ...
 
Dann kam eine Dame, die uns beobachtet hatte, auf uns zu und konnte den Gast aus Australien auf Englisch ansprechen und ihm die Fragen beantworten. Er war sehr zufrieden, dass er von ihr deckungsgleiche Antworten erhielt. Dass der Billettautomat ebenfalls den gleichen Fahrpreis von 4 Franken errechnete. Dass die von mir angegebene Fahrtrichtung mit ihrer Auskunft übereinstimmte. Das stimmte ihn zuversichtlich. Die Reise sei anstrengend, hatte er schon vorher zu mir gesagt. Er führte auch ansehnliches Gepäck mit sich.
 
Er dankte herzlich und hatte gerade noch Zeit, zu sagen, er werde sich an den Wagenführer wenden, um sicher ans Ziel zu gelangen. Dann fuhr das Tram Nummer 3 ein und nahm ihn mit.
Ein Leben ohne Wegweiser, auch menschliche, ist undenkbar.
 
Als junge, noch nicht volljährige Frau kam ich nach Paris und musste viele Wege suchen und nach ihnen fragen. Als ich nach 1 ½ Jahren in die Schweiz zurück kam, nahm ich mir vor, jeder wegsuchenden Person zu helfen, als Dank für alle Hilfe, die ich damals erfahren hatte. Und daran habe ich mich bis heute gehalten. Und bis heute bin ich immer wieder darauf angewiesen, dass man auch mir hilft.

Sonntag, 5. September 2010

Spannende Suche nach Mats Staubs Erinnerungsbüro

Am 30. August 2010 hatte ich einen Hinweis auf die Arbeit des Künstlers Mats Staub erhalten. Er sammle seit Jahren Erinnerungen an Grosseltern und zeige vom 3. September bis 10. Oktober 2010 Teile davon im Museum für Kommunikation, Helvetiastrasse 16 in Bern. Und im September werde auch sein Buch „Meine Grosseltern“ (Edition Patrik Frey) erscheinen. Es hiess dazu, diese Ausstellung dürfte mich interessieren. Und das sei der Link: „erinnerungsbuero.net“.
 
Was ich da sehen und lesen konnte, packte mich. Ich fing auch einen Hinweis auf, der Künstler zeige sein Erinnerungsbüro am Zürcher Theater Spektakel und lade ein, von den eigenen Grosseltern zu erzählen. Einer der gesammelten Pressestimmen entnahm ich den Hinweis, das Erinnerungsbüro könne noch bis zum 31. August auf der Landiwiese besucht werden. Also noch heute und morgen, stellte ich fest. Das traf sich gut. Ich konnte diese Ausstellung im letzten Moment besuchen. Der Ort war mir bestens bekannt, und ich wusste, dass das Theater Spektakel noch gastierte. Ich liess alles liegen und fuhr an den See.
 
Als ich auf der Landiwiese ankam, fand ich nicht, was ich suchte. Kein hölzerner Turm, wie er auf einer Filmsequenz im Internet zu sehen war. Weder der diensttuende Wächter an einem der Eingangstore noch die beiden Männer am Billettschalter wussten etwas von Erinnerungen an Grossmütter oder von Mats Staub. Sie durchsuchten erfolglos das umfangreiche Programmheft. Einer der beiden riet mir dann, im Container der Organisatoren vorzusprechen. Dort vorne links neben der alte Weide befinde sich ihr Büro. Und dort erfuhr ich dann, dass die von mir gesuchte Ton- und Fotoinstallation im Vorjahr auf diesem Kulturplatz eingerichtet worden sei. Richtig, sogar vor 2 Jahren, wie ich später feststellte. Innerhalb jenes Pressetexts, der für mich wegweisend war, wurde nur der 31. August, nicht aber die dazugehörige Jahreszahl genannt. Das sprach für die Gegenwart. Darum befand ich mich zur falschen Zeit an diesem Ort.
 
Ich war aber nicht vergebens gekommen. In diesem schlichten Büro mit den unkomplizierten Menschen erhielt ich den Hinweis, die Zeitung reformiert (Kirchenbote Kanton Zürich) habe sich in der neuesten Ausgabe Nr. 9 vom 27. August 2020 ebenfalls dem Thema der Grosseltern angenommen und über Mats Staub berichtet.
 
Auf dem Rückweg suchte ich den grössten Zeitungs- und Zeitschriftenkiosk von Zürich auf und fragte nach der Zeitung reformiert. Als Antwort erhielt ich, unabhängig voneinander, zweimal nur ein müdes Lächeln. Was nicht zum Mainstream gehört und noch auf Religion hinweist, wird belächelt, auch wenn es Format hat.
 
Ich habe weiter gesucht und bin in der evangelisch-reformierten Predigerkirche in der Zürcher Altstadt fündig geworden. Dort lag die Zeitung auf. Ich konnte ein Exemplar mitnehmen. Das erwähnte Thema Grosseltern wurde auf 7 Redaktorinnen und Redaktoren aufgeteilt. Sie erzählen in ihren Beiträgen die persönlichen Grosseltern-Geschichten und illustrieren sie mit alten Fotos einfühlsam und spannend. Zu lesen auch auf www.reformiert.info.
 
Von solchen Geschichten lasse ich mich gern ansprechen. Sie werten sogar die eigenen auf und machen bewusst, wie einmalig sie sind und dass wir ein Glied in einer unvorstellbar langen Kette sind. „Leben heisst Ahnen haben“ steht über dem Dossier „Die Grosseltern“ in der erwähnten Zeitung.
 
Und vom 3. September bis 10. Oktober 2010 zeigt nun das Museum für Kommunikation in Bern die von mir gesuchte und wohl erweiterte Ausstellung „Meine Grosseltern – Alte Geschichten in Bild und Ton“. Da sie vor 2 Jahren ausserordentlich viele Menschen anzog, dürfte sie auch jetzt wieder ein Magnet sein.
 
Das Thema Grosseltern wird gegenwärtig so positiv behandelt, weil die „Alten“ heute viel Betreuungsarbeit leisten. Es wird von jährlich 100 Millionen Betreuungsstunden gesprochen. Ohne Grosseltern könnten heute viele jungen Mütter ihre Berufsarbeit nicht ausüben.
 
Auch meine Mutter war auf ihre Mutter angewiesen, damit sie Geld verdienen konnte. Wenige Wochen alt, kam ich zu ihr, als der 2. Weltkrieg ausgebrochen war. Von einem Tag auf den anderen hatten meine Eltern ihre Existenz verloren. Die Mobilmachung zog den Vater aus der Familie fort. Er musste Aktivdienst leisten. 9 Monate dauerte sein erster Einsatz. Eine Lohnentschädigung stand ihm nicht zu, weil er Selbständigerwerbender war.
 
Bis zu Grosis Tod fühlte ich immer eine grosse Geborgenheit, wenn ich sie besuchte. Die positive Kraft, die sie für mich ausströmte, blieb ihr Leben lang erhalten. Ich führe es darauf zurück, dass erste Lebenserfahrungen in ihrem Umfeld stattfanden. Sie kümmerte sich um mich. Sie half mir auf die Beine. In ihrem Haus lernte ich laufen. Im Winter zog sie mich auf dem Schlitten ins Dorf. Sie war für mich der ruhige Pol, eine ausgeglichene und geduldige Frau und in diesem Sinn eine starke Persönlichkeit. Sie brachte 9 Kinder lebend zur Welt. Zwillinge starben vermutlich noch im Mutterleib. An ihrem Arbeitsplatz in der Weberei liefen die Webstühle noch an einer Transmission und waren mit Lederriemen verbunden. Ein mit einer kleinen Reparatur beschäftigter Webermeister kam einem Transportriemen zu nahe, dieser riss ihn in die Höhe und verklemmte ihn in der Transmission. Dieses Unglück erlebte mein Grosi als schwangere Frau hautnah mit. Wahrscheinlich tötete der Schock die im Mutterleib heranwachsenden Kinder. Es stellten sich Blutungen ein. Tage später dann Wehen. Unter schlimmsten Schmerzen kamen 2 Knaben tot zur Welt.
 
Grosis älteste Tochter hat diese Geschichte für die Familie aufgeschrieben. Es heisst da: Heute würde eine so verunglückte Frau sofort ins Spital gebracht. Damals gab ihr der Hausarzt ein blutstillendes Mittel und überliess sie dem Schicksal. In diesem Bericht wird auch noch davon erzählt, wie der Arzt dann nach der Geburt auf sie gekniet sei, um die Nachgeburt auszukratzen. Eine fürchterliche Prozedur, natürlich ohne Narkose.
 
Was haben die Frauen von damals alles aushalten müssen!

Samstag, 21. August 2010

Kunstschaffende beleben das Zeughaus Gelterkinden BL

Radio DRS 2 informierte über die Ausstellung. Das Gespräch mit der Projektleiterin Ursula Pfister weckte sofort mein Interesse. Sie erzählte von ihren Eindrücken, als sie das Zeughaus erstmals besuchen durfte und dass sofort der Wunsch entstand, dieses Gebäude mit seiner Geschichte auf neue Art zu beleben.
 
Sie erzählte vom fettigen Raumgeruch, der ihr da entgegenkam, und da war ich diesem Ort sofort nahe, obwohl ich bis dahin nie einen militärischen Raum betreten habe.
 
Die Militärwelt war für mich in den 60er- und 70er-Jahren, als mein Ehemann die befohlenen WKs (Wiederholungskurse) absolvierte, eine Parallelwelt. Hatte ich mich von ihm verabschiedet, verschwand er in mir unbekannte Gefilde. Noch heute sehe ich eine Art Nebel vor mir, wenn ich zurückdenke. Bekam ich Post von ihm, trugen die Umschläge immer nur denselben Stempel seiner Kompanie. Die Militärpost nannte sich Feldpost. Und da gab es keine Hinweise auf Ortschaften, die ich auf einer Karte hätte ausfindig machen können. Selbst wenn im Brief dann die Region genannt wurde, wo er sich befand, fehlte mir der offizielle Ortsstempel.
 
Und jetzt durfte ich ein zweckentfremdetes Militärgebäude betreten.
 
Ich fand nicht die leiseste Geruchsspur von Gewehrfett, die ich sofort erkannt hätte. Sie war jeweils Hauptbestandteil der Aura, die Primo um sich trug, wenn er heimkehrte. Sie war gemischt mit Schweiss und der unverkennbaren Note der Wundsalbe Unguentolan, die auch heute noch mit naturbelassenem Lebertran hergestellt wird.
 
Primo war anfänglich nicht begeistert, jetzt einer Einladung zum Besuch eines Militärtempels zu folgen; aber er kam mit, und es lohnte sich. Die Vergangenheit ist das Eine, das heutige Leben und Schaffen das Andere. Ursula Pfister sagte schon im Radio-Interview, dass sie den ursprünglich miefigen Geruch jetzt nicht mehr wahrnehme. Ja, er hat sich davongemacht. Die Räume wurden seit dem Frühjahr 2010 begangen, belebt, mit neuer Energie aufgeladen und sie wurden belüftet. Hier arbeiteten in den letzten Monaten jene Künstlerinnen und Künstler, die ihre Arbeiten jetzt zeigen.
 
23 Kunstschaffende haben sich mit diesem Haus auseinandergesetzt und Werke geschaffen, die mit seiner ursprünglichen Bestimmung etwas zu tun haben. Und die Bevölkerung wurde eingeladen, ihnen beim Arbeiten über die Schulter zu schauen und mitzuerleben, wie sich das Zeughaus zum offenen Atelier wandelte.
 
Und die Militärmusik der Rekrutenschule 16-1 aus Aarau beehrte Gelterkinden im Juni 2010 mit einem Konzert.

Die aus Holzlatten geschaffenen Räume und Abteilungen, einst für die Lagerung von Waffen, Ausrüstung und Werkzeugen bestimmt, ergaben geeignete Ateliers und Ausstellungsbezirke. Begrenzte Abteile mit Durchsicht zum Nachbarn, wie wir sie als Winde (im Estrich) in den Mehrfamilienhäusern auch kennen.
 
Um all die Zeughaus-Gegenstände zu lagern, verfügte dieses Haus über viele Lattenroste, die jetzt mit anderer Bestimmung wieder eingesetzt worden sind. Sie befinden sich zuoberst im Dachraum z. B., schräg angeordnet an die Wand platziert, zu einem begehbaren Korridor gestaltet, der die Ausstellungsbesucher zu einer Art Heiligtum hinführt. Zu einem Tor mit innerem Licht. Verherrlichung von wem oder was?
 
Ebenfalls auf der obersten Etage zogen mich farbige Oberlichter an. Glasfenster mit Gedanken zum Thema Krieg. Da las ich:
 
Man hofft, solange man atmet.
 
Fast jeder Überlebende hat einen Zufall gehabt, der ihn überleben liess.
 
Man sieht immer nur, was man sehen will.
 
Es war geistig eine tote Zeit.
 
Die Zeit dehnt sich in Unendlichkeit.
 
In der mittleren Etage konnten Räume, die allein mit durchsichtigen Klebebändern umgestaltet worden sind, durchschritten werden. Auch da war der Weg diktiert, jedoch mit der Möglichkeit, ihn zu verlassen. Und in der Ansicht von vorn vermittelte diese Installation das Dahinterliegende in vielfältigen Schichten.
 
Ganz unten, im Erdgeschoss nochmals viel Holz, knorriges Holz, aufgepflanzte Äste und Stöcke, denen der Wildwuchs gelassen, ihnen aber auch schöne Motive eingeschnitzt worden sind. Es gab da auch die gängigen Gehstöcke des Bergsteigers von einst.
 
Sinnbild all der knorrigen Soldaten und Originale und jenen, die es zu besonderem Ansehen und begehrten Dekorationen schafften?
 
Auch die Soldatensprache wurde thematisiert. 71 Begriffe werden in der Ausstellung genannt, von denen ich einige kannte.
 
Beispiele, die gut verständlich sind:
 
bürsten = schikanieren, z. B. die Rekruten bürsten.
 
Bundesziegel = Biskuits. Solche brachte mir Primo jeweils nach Hause.
                              
Fahnentürgg = Prozedere rund um die Fahnenübernahme und –abgabe; Vorbeimarsch, Aufmarsch, Ansprache, Abspielen der Nationalhymne.
 
Grabstein = Erkennungsmarke, die der Soldat auf sich trug.
 
Mami = Feldweibel.
 
Seeletürgg = Feldgottesdienst.
 
Wolf = Hautreizung im Beinbereich (Oberschenkel) aufgrund langer Märsche.
 
Und das uns ansprechendste Wort fanden wir auf einem Stempel, der als Kunstobjekt angeboten wird. Verstanden lautet seine Botschaft. (Den Befehl verstanden.) Humorvoll. Die Idee hat uns gefallen. Ja, wir haben verstanden.
 
Zuerst dachte ich, die Rauminstallationen hätten mich am meisten beeindruckt. Jetzt aber, 2 Tage später, erscheint mir der ca. 2 x 3 m grosse Papier-Scherenschnitt vor den inneren Augen, und ich weiss, dass es für mich und nach Rückfrage auch für Primo das wertvollste Stück der ganzen Ausstellung ist.
 
Eine unglaublich subtile Arbeit, ein Blättergebilde eines Laubbaums, gigantisch in seiner Grösse. In einem mit textilem Schrägband eingefassten Rahmen und daran aufgehängt. Leicht fallend. Und atmend. Es wird auf die Luftfeuchtigkeit reagieren. Es ist lebendig. Es wird wohl das Leben darstellen. Das verletzliche Leben, das geschützt werden muss. Mit oder ohne Militär. Ein Werk ohne Worte, aber mit grosser Wirkung.
 
Primos Interpretation dazu: Anstoss für diesen Scherenschnitt könnte das militärische Tarnnetz gewesen sein. Auch andere Übersetzungen von eingelagerten Materialien sind ihm aufgefallen. „Kraftvolle Übersetzungen“ nannte er sie.
*
 
Hinweis
Die Ausstellung, die mehr darstellt als von mir beschrieben, dauert bis 17. September 2010. 
Alle Information dazu unter www.mobilmachen.ch

Sonntag, 8. August 2010

Postkarten, Briefe aus den Ferien. Umgang mit der Post

Jetzt trifft wieder Ferienpost ein. Heute aus der Bretagne, gestern aus Stralsund und etwas weiter zurück aus Sidney, Prag und aus Appenzell.
 
Ich freue mich immer über sichtbar gewordene Gedanken. Es heisst da manchmal, dieser Ort würde mir gefallen oder es wäre schön, wenn ich auch mitgereist wäre. Was immer auch das Motiv ist, dass Karten verschickt werden: Diese Tradition gefällt mir.
 
Die eingegangenen Karten sind farbig. Der Himmel meist blau, und wo er bewölkt ist, sind imposante Wolkenformationen dargestellt. Aus Prag erreichten mich letzte Sonnenstrahlen vor dem Sonnenuntergang. Da ist die Stadt in ein goldenes Licht getaucht.
 
Das Blau, von dem ich sprach, muss auch anderen gefallen. Sonst würde es nicht so oft dargestellt. In den meisten Fällen wird es nicht exakt den Augenblick eines Himmelbildes darstellen, sondern den Farbentscheid eines Druckers, der den Wunsch einer Tourismusbehörde umsetzt.
 
Der Himmel über Sydney entspricht exakt meiner Wahrnehmung in Norwegen. Ich nenne es Trondheim-Blau. Dort sprach es mich an und nahm mich in seinen Bann. Ich kann es nicht mehr vergessen. Hier gibt es dieses Blau selten, am ehesten nach dem ersten Herbsteinbruch, wenn die Sonne nicht mehr so hoch am Himmel steht. Dieses Blau wirkt kühl, aber nicht kalt. Es strahlt Frische aus, die zur Klarheit gehört.
 
Ich freue mich, dass es diese Post noch gibt, die auch handschriftlich angeschriebene Briefe und Karten zustellt. Aus der eigenen Erfahrung als Aushilfspöstlerin weiss ich, dass gerade diese Post ein emotionales Gewicht hat, die eine Verträgerin spürt. Auch wenn die Grüsse und Texte nicht gelesen wurden, konnte ich ahnen, dass sie Freude bereiten. Und ich trug sie vor allem gern aus.
 
In letzter Zeit hat meine Liebe zur Post gelitten. Die Tarifanpassung für die Auslandbriefe Europa per 01.04.2010 (bis dahin Fr. 1.30, neu Fr. 1.40) ging an mir vorbei, ebenso letztes Jahr die Reduktion für A4-Briefe in der Schweiz. Es ärgerte mich, dass ich mangels Informationen Fehler machen musste. Es sah so aus, dass nur noch die Grosskunden interessant seien. Nun ist das Rätsel aber gelöst. Der Kleber „Stopp! Bitte keine Reklame“, der in unserem Haus an allen Briefkästen angebracht ist, verhinderte die Zustellung eines neuen Tarifblattes. Da ich ihn nicht selbst platzierte – er war schon da, als wir hier einzogen ­– habe ich mich mit diesem Thema gar nicht befasst. Trotzdem, von der Post hätte ich nicht erwartet, dass sie ihre Tarifmitteilungen als simple Reklame einstuft. Gut. Ich bin jetzt informiert und richte mich danach. Ich habe meine Haltung geändert. Ich warte nicht mehr, dass man mich informiere. Ich will mich von Zeit zu Zeit selber erkundigen, ob sich etwas geändert hat. Und da habe ich gleich eine interessante Beobachtung gemacht. Schon beim nächsten Besuch in der Post fiel mir der Ständer im Eingangsbereich mit vielen Informationen zu allen Dienstleistungen auf. Diese habe ich bisher übergangen, habe alle Schriften als Reklame betrachtet und dort keine Tarifinformation erwartet. Sie wäre aber bereitgelegen.
 
Die ganze Geschichte hat sicher auch mit meinem Alter zu tun. Ich habe ungefähr 55 Jahre lang erfahren, dass mich die Post immer informierte, wenn sie an ihren Tarifen etwas änderte.
 
Wer über 60 Jahre alt ist, muss sich mehr und mehr nicht nur von Menschen, sondern immer auch von Institutionen, Organisationsformen, Gewohnheiten, Sicherheiten usw. verabschieden. Ob es uns passt oder nicht.