Dienstag, 30. Mai 2006

Philosophie im Alltag: Sinnfragen selber beantworten

Meine Mutter legte jeweils ein frisches Tischtuch auf unseren Esstisch, wenn sie unsere Küche am Freitagnachmittag gründlich geputzt hatte. Zwar gehörten Tischtücher nicht in unsere Alltagskultur. Sie waren den Festtagen vorbehalten. Doch Mutter gönnte sich für 2 oder 3 Stunden einen frischen Anblick, für sich ganz allein. Noch vor dem Nachtessen zog sie das Tuch dann wieder ein, denn eines ihrer lebhaften 5 Kinder hätte es sicher während des Nachtessens schon wieder verschmutzt. Waschen war damals eine aufwändige und mühselige Arbeit. Ich verstehe sie und bewundere auch heute noch ihre Fähigkeit, den immer gleichen und immer wiederkehrenden Arbeiten eine Freude abzugewinnen.

Der Sinn dieser Aufgaben war ihr klar. Sie sorgte für uns, weil sie für ein sauberes und gemütliches Haus, für Hygiene und Gesundheit sorgte. Diese Aufgabe wurde unbewusst bejaht und nie in Frage gestellt. Sie hatte den Sinn in sich.

Wenn ich heute meinen Küchenboden fege, denke ich oft an sie und an das Vorbild, das sie mir gab. Auch ich störe mich nicht an den einfachen Arbeiten, denn ich erlebe immer wieder, dass sie nicht nur unverzichtbar sind, sondern auch mir gut tun. Kleinere Rückenprobleme z. B. lösen sich auf, wenn ich den Boden auf den Knien schrubbe. Die Wirbelsäule kann sich entspannen und locker hin- und her schwingen. Auch im Kopf findet dann eine Reinigung statt. Gedanken ordnen sich und oft erreichen mich Antworten auf offene Fragen. Oder ich finde den Inhalt eines Texts für das Blog-Atelier.

Von den Strassenwischern, die einst ohne mechanische Putzmaschinen für Ordnung auf den Strassen sorgten, wurde früher mit Achtung und Respekt gesprochen. Es hiess, sie seien Philosophen. Ihre Arbeit ging ihnen leicht von der Hand und weil es immer die gleichen oder ähnliche Bewegungen waren, die sie vollführen mussten, waren diese eingeschliffen und sie selbst offen und frei für Gedanken, für Zusammenhänge und Sinnfragen. Auch Schreiner von einst, als sie noch Handwerker waren, wurden in diese Kategorie eingereiht. Wenn sie stundenlang Holzflächen schliffen, waren auch sie zum Philosophieren frei. Ihre Arbeit für andere beschenkte sie selbst.

Jede Arbeit, auch wenn sie eine Sisyphusarbeit ist, also immer wieder zerstört wird und von neuem erbracht werden muss, ist wertvoll. (Wert voll.) Sinn und Wert müssen wir aber unseren Aufgaben immer selber geben. Das können andere nicht für uns tun.

Montag, 22. Mai 2006

Ein Beitrag zur Lesekultur: 10 Jahre KrimiTHEK in Zürich

Am 19. Mai 1996 legten Renate Bösch Hess und Verena Jacot ihre eigenen Krimis zusammen und gründeten mit ihren 830 Büchern die KrimiTHEK, eine Bibliothek für Kriminalromane. Das geeignete Lokal fanden sie im Gemeinschaftszentrum Schindlergut an der Kronenstrasse in Zürich. 240 Mitglieder, mehrheitlich Frauen, sind heute eingeschriebene Mitglieder. Davon zählen gut 100 zu den aktiven Benützerinnen, die sich durchschnittlich ein- bis zweimal im Monat mit Neuerscheinungen oder Krimis ihrer Lieblingsautoren eindecken. Heute engagieren sich neben den Gründerinnen weitere vier Frauen und ein Mann in dieser Bibliothek.

Wie aus ihrer Homepage ersichtlich, ist die Begeisterung aller Beteiligten ungebrochen. Die Mitarbeit ist Bedürfnis und Ehrensache. Das erklärt, dass diese völlig unabhängige Klein-Bibliothek gross dasteht und sich feiern lassen kann.

Wie an vorangegangenen Veranstaltungen mit Lesungen prominenter Krimi-Autoren, empfingen die Feiernden alle Gäste wieder mit einem fürstlichen Apéro unter Linden, bevor die Lesung auf dem Heuboden im ehemaligen Gesindehaus, das zum Gut der Familie Schindler-Escher gehörte, anfing. Villa und dazugehörige Gebäude entstanden 1871 und sind umgeben von einer idyllischen Parklandschaft. Im Sommer können hier Liegestühle gemietet und Bücher aus der KrimiTHEK gleich vor Ort verschlungen werden.

Am Abend der Jubiläumsfeier las Petra Ivanov aus ihrem Roman „Tote Träume“. Diese Autorin thematisiert aktuelle Tagespolitik, unter anderem die Verschärfung im Asylbereich in der Schweiz. Sie arbeitet als Redaktorin bei HEKS, dem Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz. In Zürich sind ihre Bücher vermutlich beliebt, weil die Schauplätze bekannt sind und Leserinnen und Leser ganz nahe an der Geschichte mitfiebern können.

Auf die Frage: „Was fasziniert am Kriminalroman?“, sagte eine Mitarbeiterin spontan: Die Spannung. Renate Bösch schätzt diese auch, betont aber, dass sie die Auseinandersetzung von Gut und Böse und dem Graubereich dazwischen fasziniert.

Umrahmt war die Feier von Klängen der Frauen, die das Ensemble „Vocaholics“ ausmachen. „Mörderischer Klangteppich“ nannten sie an diesem Abend ihren Beitrag. Versteckt hinter Mafia-Brillen sangen sie unheimliche Lieder und Töne und bereiteten so das Ambiente für die Lesung vor.

Als etwas Einmaliges erlebe ich jeweils die Atmosphäre auf diesem Heuboden. Der ganze Komplex des Gesindehauses ist eine architektonische Perle. Aus Brettern und mit ornamentalen Öffnungen gestaltet, dürfen Wände und Front nicht nur nützlich, sondern auch ausgesprochen schön sein. Der Anblick erinnert an Scherenschnitte oder an Loch-Strickmuster. Luft und Licht können die Räume durchfluten. Das war wichtig für das Heu, damit es trocken blieb. Jalousien und Lukarnen spielen hier oben zusätzlich mit den Farben der Bäume aus dem Hof. Die Ausschnitte im Holz werden mit ihrem Grün hinterlegt.

Nach den letzten Klängen der Vocaholics-Frauen kehrten wir alle wieder in unsere Alltagswelt zurück, vorbei am runden Mittelpunkt mit den Linden in diesem Hof zwischen Villa und Gesindehaus. Hier lachte und scherzte die Gesellschaft, ass und trank und feierte die 10-jährige KrimiTHEK.

Lindenbäume sind Symbole des Friedens. Unter Linden wurden auch in alter Zeit Feste gefeiert, Versammlungen gehalten und Gerichtsverhandlungen geführt. Von Paul Guggenbühl, dem Baum- und Holzforscher, weiss ich zudem, dass zu Zeiten der Germanen „weithin sichtbare Linden auf Hügelkuppen als Freibäume galten und wer ihr schützendes Laubdach erreichte, durfte nicht gefasst und gerichtet werden.“

Ganz im Sinne von Renate Böschs Einsichten aus ihrer immensen Kriminalgeschichten-Erfahrung.

Dienstag, 16. Mai 2006

Sommerzeit: In den Höfen von Zürich wird gesungen

Eine bezaubernde Idee. Höfe zum Erklingen bringen. Der grosse Hof, der zu den Gebäuden des Zürcher Bezirksgebäudes gehört, kann normalerweise nicht betreten werden. Schwere Eisentore sorgen dafür. An diesem Freitagabend (12. Mai 2006) aber sind sie weit offen. Offen auch für feine Töne und Schwingungen, auf dass sie durch die Mauern auch zu jenen dringen können, die straffällig geworden sind. Hier befindet sich das Bezirksgefängnis. Hinter der vergitterten Fassade sind einige offene Oblichter auszumachen.

An der Eröffnungsveranstaltung „zürcher HOF gesang“ treten verschiedene Chöre auf: La Chanson Romande de Zürich, Jugendliche mit ihrem Rägebogechor aus Spreitenbach, Salti Musicali, die Stadtzürcher Jodler-Vereinigung und die Alphornbläservereinigung Zürich-Stadt.

Auf diesem weiten Platz, der heute Abend wie ein Dorfplatz erscheint, können sich Sänger und Alphornbläser an verschiedenen Orten aufstellen und einander ablösen. Ist eine Darbietung beendet, erklingt anderswo bereits die nächste. Es wehen Töne wie Wellen über den Platz hinweg. Ich bemerke, dass auch junge, urbane Menschen fasziniert sind und ihre Körper leicht mitschwingen. Der Hof ist zur Oase geworden. Von alten Melodien getragen, finden wir uns zusammen. Da sind zwar die Sängerinnen und Sänger in ihrer traditionellen Tracht und die Alphornbläser in ihren blauen Kutten. Aber darunter sind alles Menschen, die in Zürich leben und arbeiten oder gearbeitet haben. Was uns an diesem Abend verbindet, das sind die Klänge unserer Urmusik, Töne von weit her, die uns mit unseren Vorfahren verbinden. Und die jungen Sängerinnen und Sänger weisen bereits einen Weg in die Zukunft.

Der Anfang ist gemacht. Bis Ende Mai werden noch viele Höfe ihre Resonanz erleben dürfen und zu Treffpunkten der Anwohner werden. 60 Chöre singen in dieser Zeit in 160 Hinter- und Innenhöfen von Zürich. Es wird gehofft, dass dadurch manchem jetzt noch trostlosen Ort ein neues, schöneres Leben geschenkt wird und dass er zu einem Treffpunkt unter Nachbarn werden darf.

Das ist Kultur. Dem Initianten, Andreas Diethelm, sei Dank.

Dienstag, 9. Mai 2006

Zweitklässler fragten nach Schule und Leben von einst

Ort: Primarschule Limmatschulhaus im Zürcher Industriequartier.

Zweitklässler sitzen dem für sie alten, bärtigen Mann gegenüber. Primo, mein Ehemann, wurde eingeladen, über die Schule von einst zu berichten.

Kinder und Lehrerinnen halten sich die Ohren zu, als er zu Beginn auf einer Schiefertafel kritzelt. So tönte es früher in den Schulstuben. Schreiben lernte man zuerst mit dem Griffel. Je verkrampfter die Versuche gemacht wurden, desto grösser der Lärm. Erst später kam das Heft aus Papier dazu. Und die Tinte, diese Dokumenten sichere Flüssigkeit, die wir wohl alle einmal verflucht haben. Die Kinder staunen. Unsere Probleme kennen sie nicht mehr. Die Füllfeder hat sie alle gelöst. Primo zeigt den Federhalter mit der spitzen Feder und ebenso das Gefäss mit der Tinte. Er erzählt, wie die Schüler von damals auf Schuljahresende hin die Pultflächen mit Schleifpapier von Tintenspritzern befreien und sie neu einwachsen mussten. Er erzählt auch, dass den Kindern zu Hause das Tintengefäss umfallen und nicht mehr weg zu bringende Flecken verursachen konnte. In vielen Familien gab es Schelte wegen Tintenflecken in Tischtüchern und Teppichen. Das waren damals kleinere Katastrophen.

Und er hat Fotos auf Folien von den eigenen Klassenfotos mitgebracht, damit die Kinder sehen können, dass er am gleichen Ort zur Schule ging. Die Gruppe, damals 36 Schülerinnen und Schüler, stehen vor dem mit Steinhauer-Kunst gestalteten Brunnen. Ihn und seine Symbolfiguren erkennen sie sofort. Aber sie staunen über die Grösse der Klasse von einst. Die ihre umfasst nur noch 16 Personen, Kinder aus verschiedensten Kulturen.

Ein Zufall: Auch unsere Zweitgeborene kam seinerzeit in eine Wegmüller-Klasse. Primo wurde im ersten Klassenzug dieser Lehrerin und Letizia im letzten unterrichtet. Da waren es noch 27 Schülerinnen und Schüler und bereits 22 aus ausländischen Familien und nur noch 5 Schweizer Kinder.

Die Foto von 1947 zeigt Buben und Mädchen, die heute als „Kids“ bezeichnet würden, wenn die Jahreszahl zur Foto fehlte. Offene, witzige, selbstbewusste Persönlichkeiten schauen einen an. Ein Bub könnte ohne weiteres als Harry Potter durchgehen. 2 Knaben tragen einen Veston (den „Tschope“), weil die Lehrerin informiert hatte, dass der Fotograf kommen werde. Wer es nicht vergass, das bevorstehende Ereignis zu Hause zu melden, kam in den so genannten Sonntagskleidern daher.

Sonntagskleider, äääh, was ist das?

Dann jaulen sie auf, als Primo auf den lustigen Bub hinweist, den er selber war. Und sofort stellen sich Fragen: Warum tragen diese Kinder Bergschuhe? Die Foto entstand im Winter. Fast alle Kinder tragen hier schwere Bergschuhe, das war üblich.

Was sind das für komische Hosen? Knickerbocker. Und die Knaben, die keine Knickerbocker anhaben, was tragen sie? Kurze Hosen durchs ganze Jahr und im Winter darunter wollene Strümpfe. Gab es denn noch keine Jeans? Nein, noch lange nicht.

Warum tragen einige Mädchen eine Schürze? Die Kleider mussten geschont werden. Eine Schürze aus Baumwolle war einfacher zu waschen als ein Kleid aus Wollstoff.

Warum tragen 2 Knaben ein Veston? Früher gab es keine eigentliche Kinderbekleidung. (Diese wurde erst in den 70er-Jahren entworfen und eingeführt.)

Eine 2. Foto von 1946 zeigt die Klasse im Frühjahr. Einige Knaben tragen keine Socken, stecken barfuss in den Schuhen. Das wird auch rasch bemerkt. Warum strickte die Mutter keine Socken? Diese Frage tönt sehr fordernd.

Eine weitere Foto vom einstigen Schulhof verwirrt zuerst. Heute sind dort Sandkasten und Spielgeräte installiert. Früher fanden hier Ballspiele statt. Der Raum sieht jetzt viel kleiner aus und hat doch seine Masse behalten. Eine weitere Aufnahme kann sofort eingeordnet werden. Lautstark kommt jeweils die Zustimmung.

Es entwickeln sich noch andere Fragen. Hatten Sie Schwimmunterricht? Ja, aber nicht im Hallenbad. Nur im See. Wouw! Und zu Hause hatten nicht alle Familien eine Badewanne. Darum ging man am Samstag ins öffentliche Bad im Limmathaus und badete dort in einer Badewanne. (Dieses öffentliche Bad gibt es immer noch.)

Wo schliefen Sie? In der Stube. Die beiden Betten für meinen Bruder und mich waren tagsüber Sofas. Am Abend bedeckte Mutter diese mit Leintuch und Bettzeug. Wenn Besuch da war, mussten wir warten, bis dieser weg ging, damit wir schlafen konnten.

Ein solches Bett haben wir auch, aber im eigenen Zimmer, tönt es aus mehreren Ecken.

Schliefen Sie auch im Pyjama? Nein. Wir kannten nur das Nachthemd. Ein Hemd, das viel länger war, als das gewöhnliche Männerhemd.

Hatten Sie Fernsehen? Es war noch nicht erfunden.

Hatten Sie Elektrizität? Ja. Dafür mussten wir Münzen in einen Apparat werfen. Und dann ging manchmal plötzlich das Licht aus, weil wir vergessen hatten, wieder Geldstücke einzuwerfen.

Ein Mädchen aus dem Balkan sagt dazu, sie kenne das. In ihrem Dorf würde das Licht oft ausgehen. Sie macht dazu eine abfallende Bewegung. Da müsse man warten. Auf einmal komme es zurück.

Was mich erstaunt: Es werden keine Fragen nach Strafen gestellt. Z. B.: Mussten Sie auch Strafaufgaben machen?

Das Interesse an der Kleidung ist sehr gross.

Primo hatte sich noch vorbereitet, den Kindern vom weiteren Umfeld dieses Schulhauses zu erzählen, doch da war die Zeit schon um.

Er wollte ihnen beschreiben, wo die Eisenbahnwagen mit den Südfrüchten aus Italien ankamen. Wenn beim Ausladen angefaulte Früchte entdeckt wurden, schnitten freundliche Arbeiter den schimmligen Teil weg und verschenkten die andere Hälfte einem Kind. Orangen waren damals exotische Früchte und Luxus. Kein Wunder, dass die Schüler gerne an diesem Ort herumschlichen.

Zu Primos Erinnerungen gehört auch die Ankunft eines Walfisches auf offenen Güterwaggons der SBB im Bereich Sihlquai. Gegen ein Eintrittsgeld durfte er besichtigt werden. Er stank fürchterlich.

Und zu den Zeiten des 2. Weltkrieges musste auch Primo mit seiner Mutter im Limmathaus jeden Monat die Karte mit den Bons abholen, die die Familie berechtigte, Brot und andere Lebensmittel einzukaufen.

Und unauslöschlich präsent sind ihm die Kirchenglocken geblieben, die in der ganzen Stadt läuteten, als der Krieg zu Ende war. Es wurde ihnen dazu gesagt, dass jetzt überall auf der ganzen Welt – und damit meinte man wohl in ganz Europa – die Friedensglocken läuten würden.

Mittwoch, 3. Mai 2006

Mit Robert Walser und Emil Nolde im Berner Oberland

Robert Walser hat geschrieben: „Wie müde macht dich das Leben, wenn du keinen tragenden, emporhebenden Gedanken, keine Anschauung, Betrachtung kennst, die dich mit den Enttäuschungen, die im Leben liegen, freundlich aussöhnen.“

An dieses Wort denke ich öfters, wenn ich ausfliegen und in der Höhe Übersicht gewinnen kann. Wohl verstehe ich Walsers Worte auch als philosophische Aufforderung, sich den Sinnfragen zu stellen, aber ebenso sind sie mir nahe, wenn ich meinen Alltag für eine Weile verlassen und in die Berge gehen kann. Dann verwirklichen sich beide Seiten seiner Gedanken. Die innere und äussere Sicht weitet sich.

Diesmal geschah das im Berner Oberland in der wohltuend ruhigen Zwischensaison und während des erwachenden Bergfrühlings. Ohne Tourismus-Rummel. Ohne Sensationen, die von Menschen gemacht werden. Zu sehen gab es genug: Seen, Berge und Alpen in vielen Variationen und das Lichtspiel auf sie. Und in Mürren die prominenten schneebedeckten Viertausender Eiger, Mönch und Jungfrau. Aber auch die Matten, denen eben erst die Schneedecke weggezogen worden ist. Die Schmelze, die Bächlein, die sich ihre Wege suchen, kaum sind sie der Starre entronnen. Und die durchsichtig weissen und violetten Krokusse, die zu tausenden erblüht sind. Da dachte ich an Emil Nolde, an sein Gemälde „Der grosse Gärtner“, in dem er jene Kraft darstellte, die alles Wachstum lenkt und aufrichtet.

Beim Anblick der Jungfrau nochmals Bezüge zu Nolde, zu seinen Bergpostkarten von 1894 mit den Silhouetten der Massive. Unter diese gestaltete er Gesichter, mit denen er die Berge personifizierte. Die Jungfrau mit Hut und Schleier, der Mönch als dreister Typ, Eiger als Fabelfigur. Und von der Jungfrau her, vermutlich im Stechschritt marschierend, 3 kleine, selbstbewusste Bergsteiger mit Rucksack und Pickel.

Auch das „Hardermannli“ sei einst ein Mönch gewesen, erfuhr ich aus einer Publikation von „Interlaken Tourismus“. Meine Gastgeberin machte mich schon am ersten Tag auf diese Figur aufmerksam. Fündig wurde ich am Harder, dem Hausberg von Interlaken. Es ist ein wildes Männerantlitz im Felsgestein, von der Natur erschaffen. Von Wald umgeben. Es sind auch weitere Gestalten zu erkennen. Eine Frau? Kinder? Es ranken sich Geschichten und ein Brauchtum um diese Erscheinung. Todesfälle beim Wandern oder Bergsteigen in seinem Hoheitsgebiet würden oft dieser Sagengestalt angelastet, wurde mir erzählt.

Die Legende dazu: Vor langer Zeit verfolgte einmal ein Mönch hoch am Harder ein Unterseener Mädchen, das Holz sammelte. Das Mädchen floh, stürzte aber über eine Felswand hinaus und kam ums Leben. Als Strafe wurde der Mönch zu Stein und blickt seither als „Hardermannli“ auf das Bödeli hinunter. Diese Figur ist nicht zu übersehen. Auch in der Bäckerei in Matten ist sie vertreten. Dort wirbt ein feines, dunkles Harderbrot mit spitzen Ohren für den Aussichtsberg.

Auf den Fahrten der Lütschine entlang wurden mir die Wunden der Überflutungs-Katastrophe vom letzten Sommer gezeigt. Keine Foto konnte mir bis anhin das Ausmass dieser Sintflut zeigen. Unglaublich der Platzanspruch der verheerenden Wasser und beeindruckend nun die Aufräumarbeiten, die neue Brücke, die Verbesserungen an den Flussbetten, die gefällten Bäume und Sträucher. Und die Lütschine fliesst heute scheinheilig brav, wie wenn nichts geschehen wäre.

Im Umfeld von Wilderswil beobachtete ich einen Bauer, wie er den Humus liebevoll auf seinem Land verteilte, vielleicht neu auftrug. Sein Feld erschien mir geschunden und blank. Das grosse Wasser hatte offensichtlich die oberste Schutzschicht weggetragen. Und wieder musste ich an Walser denken, an den eingangs erwähnten Text und an den „grossen Gärtner“, der unsere Mitarbeit braucht, um das, was geknickt wurde, wieder aufzurichten. Das gilt auch für Menschen, nicht nur für Pflanzen.

Montag, 17. April 2006

Stadthaus Zürich: Treffpunkt von Verwaltung und Kunst

Wenn ich ins Stadthaus von Zürich gehe, erinnere ich mich manchmal an meine Lehrzeit. Hier musste ich jeden Monat mit einer Namensliste in der Einwohnerkontrolle vorsprechen und Adressänderungen verschwundener oder säumiger Kunden erfragen. Der Verlag, in dem ich die kaufmännische Lehre absolvierte, belieferte nicht nur Buchhandlungen. Er beschäftigte auch Hausierer, damals Vertreter genannt, die das Verlagssortiment mit wertvollen und für damalige Verhältnisse teuren Büchern an den Haustüren anboten.

Unter diesen Männern waren auch Schlaumeier und Betrüger. Wie sich später herausstellte, trafen sich diese dubiosen Gestalten mit Hausierern aus anderen Branchen jeweils im Bahnhofbuffet und unterschrieben sich gegenseitig fiktive Bestellungen. Die Adressen entnahmen sie dem „Tagblatt“ aus der Rubrik „Bestattungen“. Sie wählten ein Datum vor dem Todestag und fühlten sich sicher, dass ihnen in dieser Situation die Provision zustünde. Als dann auffällig viele der ausgeführten Bestellungen mit dem Vermerk „gestorben“ zurückkamen, flog der Schwindel auf.

Heute komme ich aber wegen Mike van Audenhove hieher, denn das Stadthaus ist nicht nur ein Haus der Verwaltung, sondern auch ein Ort für spannende Ausstellungen. Es wird hier gerade das Schaffen des belgisch-amerikanischen Comic-Zeichners gezeigt und das zehnjährige Schaffen in und für Zürich gefeiert. Die Zeichnungen sind hier vielfach vergrössert vorzufinden. Es ist sogar möglich, den Figuren gegenüber zu treten.

Mike zeichnete bis anhin jede Woche für das Ausgehmagazin des „Tages-Anzeigers“, den „züritipp“, eine Episode, die er in unserer Stadt vorgefunden hat. Ich stelle mir vor, dass er die oben beschriebene Betrüger-Geschichte auch dargestellt hätte, wäre sie in der Gegenwart vorgekommen. Wie hätte er die Pointe wohl gestaltet? Alles wird grundsätzlich wohlwollend dargestellt und nicht verurteilt. Er beschreibt uns und unsere Macken, die Bewertung überlässt er den Betrachtenden.

Auf der Rückseite seines dritten Buchs lese ich: „Jede Stadt hat den Chronisten, den sie verdient, aber Zürich ist mit Mike über Gebühr beschenkt.“ Ja, so habe ich sein Wohlwollen auch immer eingestuft. Sein Humor wirkt im besten Sinne des Wortes erheiternd. Er lehrt uns, über Unzulänglichkeiten zu lächeln. Der Häme gibt er keinen Raum. Zürich mit Mike ist eine Spur fröhlicher. Seine Arbeiten hätten Kultstatus, wird gesagt.

In einer Vitrine sind van Audenhoves Malkasten und seine Skizzenbücher zu sehen. Eine leise Ahnung ergreift uns, wie aufwändig die Arbeit für jede Geschichte war. Letizia, die mich durch die Ausstellung begleitet, sieht sofort die beschrifteten Farbtabletten im Malkasten. Wir lesen da: Häuser, Velo, Nebel, Pulli, Jacke, Treppe, Tram usw. Jede Szene und deren Umgebung muss authentisch und erkennbar sein und war es auch.

Unten in der Schalterhalle, wo sich Einwohner an- oder abmelden, stosse ich noch auf die beinahe lebensgrossen Figuren meines Lieblings-Comics. Thema: Am SBB-Schalter. Die Geschichte einer alten Frau, die in aller Seelenruhe ihre Fragen stellt, derweil sich hinter ihrem Rücken eine grosse Schlange von Wartenden bildet. Ihr Reiseziel ist über verschiedene Strecken erreichbar. Sie ist unschlüssig und lässt sich informieren. Nein, umsteigen könne sie auf keinen Fall. „Wüssed Sie, wäge de Chnüü.“ (Wegen ihrer schwachen Knie.) Und sie sinniert weiter: „Fröge choscht nüt, säg ich mir immer.“ (Fragen koste nichts, sage sie sich immer.) So geht es weiter. Dann erscheinen ihr die Preise zu hoch. Sie sagt „Jesses Gott, wänn ich dänke, wie viels früener koschtet hät. Und s Billett isch erscht no us Karton gsi.“ (Sie erschrickt und denkt an früher, wie viel billiger die Fahrt damals gewesen und das Billett sogar noch aus Karton hergestellt worden sei.)

Hier unten in der Eingangshalle, die eigentlich ein überdeckter Hof ist, öffnet sich die Tür von alleine, wenn jemand in ihr Umfeld tritt. Und sie hat viel zu tun. Zu öffnen und zu schliessen. Es kommen ganze Schulklassen, die „Zürich by Mike“ anschauen müssen oder wollen. Es treffen Brautleute in rauschenden Kleidern für die Ziviltrauung ein. Es werden Blumen hineingetragen. Am runden Tisch mit seinen Nischen und den Tintenfässli für allfällige Dokumenten-Unterzeichnungen sehen wir vergessene Kartonteller mit restlichem Apéro-Gebäck. Hier wurde also auch gefeiert. In der Mitte dieses Raums der Informationsschalter. Eine Dame gibt Auskunft und Wegweisung. Auf einer Seitenbank sitzen junge Frauen, die auf das Eintreffen einer Hochzeitsgesellschaft warten. Es wird gequatscht und gelacht. Oben im 1. Stock vor dem Büro des Zivilstandsbeamten stehen 2 Männer mit Rosen am Revers. Wollen sie ihre Partnerschaft registrieren lassen? Oder sind es Bräutigam und Brautführer, die die Frauen erwarten? Das weiss man heute nicht mehr so genau.

Aber das wissen wir: Hier im Stadthaus ist Mike van Audenhoves Werk bestens aufgehoben.

Ausstellungsdauer
Diese Ausstellung dauert noch bis 16. Juni 2006 (Montag bis Freitag, 9 bis 18 Uhr).

Sonntag, 16. April 2006

Vom Osterfest und der „Pas-cha“ aus dem alten Russland

Ostern hat für mich viele Gesichter. Da ist das Osternest aus der Kindheit mit den im Zwiebelschalen-Sud gekochten Eiern. Dann der Schokolade-Osterhase und das Ei aus Blech mit seinem zuckersüssen Inhalt und der Abbildung der Familie Hase auf dem Deckel. Zu Ostern gehörten auch Moos, erste Blumen, Waldspaziergänge und das heitere Licht durch den noch unbelaubten Wald. Dann auch das Osterlicht aus der Kirche und später, viele Jahre lang, Ostergeschichten aus dem alten Russland. Solange sein Volk durch den eisernen Vorhang von uns getrennt war, empfand ich es spannend, wenigstens die Geschichten seiner Dichter lesen zu können.

Vor nicht langer Zeit hat mich dieses österliche Russland wieder eingeholt. Eine Kundin brachte ihre hölzerne Form für den traditionellen Topfen-Kuchen, eine dem Osterfest vorbehaltene Quarkspeise mit dem Namen „Pas-cha“, zur Renovation in unsere Werkstatt. Eine Form aus ausgewaschenem Holz, geschmückt mit einem eingekerbten Blattmotiv, die als Grundmasse 2 kg Topfen fassen kann. Wenn die „Pas-cha“ hergestellt ist, trägt sie das Dekorationselement auf der Oberfläche, genau so wie unsere Butter-Mödeli die ihren präsentieren. Und die Geschichte dazu durften wir auch noch erfahren.

Ihr Grossvater, ein Vertreter der Textilindustrie aus Wald im Zürcher Oberland, wanderte nach Russland aus, fand dort seine Frau, heiratete, wurde Vater, konnte eine gute Existenz aufbauen. Die russische Revolution aber machte alles zunichte. Er musste heimkehren. Das Bürger-Asyl in Wald ZH nahm die Familie auf. Auf die Flucht nahm Grossmutter ihren Samovar und die hölzerne Topfen-Form und ihre Tischwäsche mit. Diese für sie wichtigen Gegenstände überlebten bis heute und werden von der Enkelin sorgsam gehütet. Die „Pas-cha“-Form ist jetzt mehr als 100-jährig.

Seitdem wir das Osterfest im Haus dieser Frau und mit ihrem Freundeskreis feiern durften, gehört ein Hauch altes Russland weiterhin zu unseren Osterfesten, denn alle Erfahrung sammelt sich zu einem Ganzen, dem Gefühl oder Wissen, was dieses Fest ist. Wir durften damals im Haus versteckte Ostereier suchen und die köstliche „Pas-cha“ kosten. Dazu wurde Tee aus dem Samovar der Grossmutter ausgeschenkt und wir benutzten ihre Servietten. Da fühlte ich dann Bezüge zu meinen Vorfahren. Haben sie diese Flüchtlinge aus Russland gekannt? Auch meine Familie stammt aus dem Dorf Wald, wie ich im Blog vom 25. Februar 2006 erzählt habe.

Ostern hat viele Ebenen. Dieses Fest gehört zum Frühling und zur Auseinandersetzung mit dem Winter. Frühling ist aber manchmal noch gar kein Frühling. Es überfallen uns Nässe, Kälte und Schnee, wenn wir schon glaubten, die wärmere Jahreszeit sei angekommen. Da bewundere ich dann die Widerstandskraft der schon gekeimten Samen. Sie trotzen dem Frost und setzen sich durch. Kein Wunder, dass auf der Ebene der Transzendenz die Auferstehung das zentrale Thema dieses Festtages ist. An Ostern feiern wir das Leben und die Freude am Leben.

Zu einem Festtag gehören Speisen, die nicht alltäglich sind. An Ostern ist das Lamm oft Mittelpunkt. In meinem Elternhaus gab es nur den selbst gemachten Hackbraten und in ihm versteckt gekochte Eier. Auch eine Art von Osternest. Seitdem ich verheiratet und von der italienischen Mentalität beeinflusst bin, gehört die Colomba, das Hefegebäck in Taubenform, auf unseren Tisch. Wir trinken dazu den Vinsanto, nachdem wir in der Osternacht das Haus mit Weihrauch ausgeräuchert haben. Zur Colomba lese ich in einer Publikation von „Globus Delicatessa“, sie sei die feinste Art, Frieden zu geniessen. Verschiedene Legenden würden sich um die Entstehung des traditionellen Osterkuchens ranken und alle handelten vom Frieden.

Der Inhalt unserer Feste bleibt sich immer gleich. Wir, die wir sie feiern, bekränzen sie aber mit dem persönlichen Verständnis und der eigenen Fantasie und gestalten damit die Familien-Kultur. Niemand lebt alle Facetten aus, darum sieht Ostern für alle etwas anders aus. Ich bin zum Beispiel noch nie im Stau auf der Autobahn Richtung Tessin stecken geblieben, weil ich kein Auto besitze. Ich stelle mir vor, dass die Geduld für das Nadelöhr in den Süden für viele Reisende Bestandteil der Osterferien ist und möglicherweise als wohltuend empfunden wird. Da gehören dann alle zusammen, können nicht weglaufen, sich nicht anders beschäftigen. Sie haben Zeit füreinander.

Montag, 10. April 2006

Der Warenmarkt Zürich-Oerlikon, eine Entdeckung für mich

Das wusste ich nicht, dass in Zürich-Oerlikon nach einer Winterpause immer am letzten Donnerstag im Monat ein Warenmarkt stattfindet. Celeste schickte mich dorthin. Sie brauchte Roman-Nachschub.

Es ist ein nasskalter Morgen, als ich hier eintreffe. Ich fühle mich wie in Ponte Tresa, weil ich letztes Jahr zur selben Zeit und mit gleichen Wetterbedingungen durch die Angebote schlenderte.

Diesmal habe ich einen Auftrag und ein festes Ziel: Ich muss an einem bestimmten Stand nach den billigen Roman-Heften mit Geschichten von Fürstenhäusern fragen. Affären, Intrigen, Glanz und Gloria sind Eckpfeiler von Celestes Interesse.

Der Andrang ist riesig. Hier werden einerseits mehrfach gelesene Roman-Hefte angeboten, anderseits solche von der Kundschaft wieder zurückgenommen. Eine Art marktfahrende Bibliothek. Offensichtlich eine erfolgreiche Sache. Frau an Frau steht da, sucht, sammelt, hebt in der einen Hand die Beute hoch und gibt mit der andern die eben gelesenen Titel wieder zurück. Die Preise scheinen moderat. So etwas kann man sich leisten.

Hier ist alles neu für mich. Ich stehe da, schaue zu und weiss nicht, wie ich meinen Auftrag ausführen soll. Offensichtlich befinde ich mich an einer Futterkrippe. Ausser mir wissen alle, wo sie ihre Hefte herauszupfen können. Da eine Geschichte von der ersten Beige, dort 2 weitere aus einer anderen Rubrik usw. Die Marktfrau ist sehr konzentriert, schaut kaum auf, zählt, rechnet, verrechnet und lässt die Hefte in einen Plastiksack gleiten. Dann nimmt sie die Zahlung entgegen und ordnet das zurückgenommene Gut sofort wieder in die entsprechenden Rubriken ihrer Auslage ein. Und dort werden sie von den Wartenden auch gleich wieder weggenommen. Die Sache hat Stil und lebt von Ordnung. Neben der Frau amtet auch der Partner mit gleich nüchterner Genauigkeit. Für Sprüche gibt es weder Bedarf noch Zeit.

Da ich Rat brauche und somit noch keine vollen Hände zur Marktfahrerin ausstrecken kann, werde ich auch nicht bedient. Das wird von einer Kundin neben mir bemerkt. Sie ermuntert mich, einfach zu rufen, was ich brauche. Ja, es ist wahr. Ich stehe da wie ein scheues Kind, das Rot-Kreuz-Abzeichen verkaufen sollte und sich nicht getraut, die Menschen anzusprechen. Ausser mir wissen hier alle, wie der Laden läuft. Das Warten aber ist spannend. Eine Art Theater. Andere zahlen dafür ein Eintrittsbillett. Ich lerne etwas bisher Unbekanntes kennen.

Ich frage mich, ob diese betagten, wirklich alten Frauen, die hier einkaufen, der Lebenslust nachtrauern und noch Geschichten erleben wollen, die ihnen das Leben vorenthalten hat. Oder ob sie einfach aufblühen, wenn sie sich mit einer Romanheldin identifizieren können. Der Hunger nach Geschichten, nach Liebe und Happy-End ist spürbar. Alle sind auf der Jagd nach gutem Stoff. Spannung muss sein, so ist das Leben noch schön. Im Vergleich zu den TV-Glotzern sind diese Herz-Schmerz-Leserinnen von hochgradiger geistiger Potenz.

Eine Kundin erschrickt, findet ihr Portemonnaie nicht gleich. Die Marktfahrerin tadelt: „Ich sage es euch immer wieder: Wenn ihr das Portemonnaie in der Aussentasche versorgt, dann wird es euch auch gestohlen.“ Die Betroffene findet aber gerade in diesem Augenblick den gesuchten Geldbeutel. Die Falten in der Innentasche hielten ihn versteckt. Sie ist so froh darüber, dass sie sich nicht einmal über die abkanzelnden Worte ärgert. Sie bedankt sich und geht weg. Sie hat gefunden, was sie sich gewünscht hat.

Freitag, 31. März 2006

Jugendliche, modische Klamotten und Selbstwertgefühl

Unsere Tochter Letizia erinnert sich, dass Ende der 80er-Jahre die Labels an Kleidern plötzlich wichtig geworden sind. Sie leitete damals eine Jugendgruppe und beobachtete, wie innerhalb der Geografie-Spiele, die sich bis anhin nur mit Bergen, Seen, Flüssen, Städten und Ländern befasst hatten, plötzlich die Sparte „Marke“ dazu kam.

Im gleichen Zeitraum kam sie mit einer neuen Jeans-Hose aus Kanada zurück. Da wurde sie von einem Mädchen aus ihrer Gruppe aufgeklärt, diese sei wertlos. Das Label sei am falschen Ort aufgenäht. Dieser Fehler entlarve die Fälschung. Grosse Verblüffung. Der Tadel kam nicht aus einem noblen Kreis, sondern aus unserem Kreis 5, dem Arbeiter- und Ausländerquartier.

Der Druck, nur teure Markenkleider und Markenschuhe anzuschaffen, muss in den letzten Jahren zu einem beängstigenden Zwang ausgeartet sein. Sonst würde Basel wohl keinen Pilotversuch machen und ab Herbst für 2 Klassen des 9. Schuljahres eine einheitliche, moderne Bekleidung (keine Uniform) zu günstigem Preis anbieten. Die Kollektion ist pfiffig, praktisch und schön.

Wenn sie das Selbstwertgefühl stärken und Unterschiede ausgleichen kann, wäre das eine sinnvolle Einrichtung. Sie würde auch das Portemonnaie der Eltern entlasten. Zudem soll es in Schulen mit Einheitskleidern weniger Neid und mehr Teamgeist geben, berichtete der Tages-Anzeiger am 24. März 2006. Da bin ich gespannt und hoffe, dass über diesen Versuch ausgiebig berichtet wird.

Ich weiss, jeder Mensch wünscht sich mehr oder weniger, was der Rivale oder die Rivalin schon besitzt. Uns drängt eine Art Wettbewerb, andere beeindrucken oder überflügeln zu wollen. Dieser Antrieb zur Darstellung muss aber mit den angeborenen Talenten und den inneren Werten übereinstimmen. Kleider sollten keine Verkleidungen sein, sondern die eigene Persönlichkeit unterstützen.

Wenn Eltern meinen, ihre Kinder nähmen Schaden, wenn diese nicht immer nach der neuesten Designer-Mode und mit der gerade neu auf den Markt gekommenen Technik ausgerüstet seien, dann unterstützen sie die Kehrseite dieser Medaille. Sie machen das Selbstwertgefühl von materiellen Dingen abhängig. Nach meiner Sicht und Erfahrung stärken wir aber gerade unsere Kinder, wenn wir ihnen nicht alles selbstverständlich zur Verfügung stellen. Sie sollen ihren Beitrag daran leisten müssen. Voraussetzung ist aber, dass wir als Erziehende selbst eine gewisse Unabhängigkeit und innere Freiheit erlangt haben und somit glaubhaft wirken.

Mittwoch, 22. März 2006

Stehlen ist keine Tugend, die Schamlosigkeit aber schon

Diebstähle häufen sich, obwohl immer wieder darauf hingewiesen und zur Vorsicht gemahnt wird. Manchmal betreffen sie einen selbst oder Menschen, die einem nahe stehen.

In Rom wurde ich einmal in einem Bus bestohlen. Beim Aussteigen bemerkte ich es und fühlte, wie ich, wie aus einer unsichtbaren Halterung heraus, in die Tiefe fallen gelassen wurde. Noch heute kann ich daran denken und es wieder erleben, dieses Aussteigen und nicht auf dem Boden ankommen, obwohl ich dann doch auf der Strasse stand. Bin ich damals vielleicht hypnotisiert worden?

Gestern nun war meine über 80-jährige Nachbarin ein solches Opfer. Die Methode aber eine andere. N. war am Einkaufen im Lebensmittel-Geschäft und wurde in ein verwirrendes Gespräch mit einer ausländischen und schlecht deutsch sprechenden Frau verwickelt. Sie wurde um eine Erläuterung eines Textes auf einer Waschmittel-Packung gebeten und so geschickt abgelenkt, dass ihr ein Begleiter problemlos das Portemonnaie aus der Tasche ziehen konnte. An der Kasse, als das Malheur dann publik wurde, konnte eine andere Kundin bestätigen, dass auch sie um Hilfe angegangen worden sei. Sie habe diese Frau aber einfach ignoriert.

Ein anderer Fall betrifft meinen Mann. Nachdem er das Portemonnaie an seinem Arbeitsplatz in einer Messehalle hatte liegen lassen, meldete sich einen Monat später die Polizei. Es sei in ihrem Briefkasten gelandet. Die Banknoten entwendet, Kleingeld und Ausweiskarten noch da. Wenigstens das. Ich konnte das Portemonnaie dann abholen und kam mit der diensttuenden Polizistin ins Gespräch. Natürlich waren Diebstähle unser Thema. Sie bestätigte mir, dass diese zugenommen hätten.

Ich wolle mich ausdrücklich weder als brav noch als edel darstellen, müsse aber doch sagen, dass ich kein Verständnis für Diebstähle habe. Da müsste ich dann schon in sehr, sehr auswegloser Situation stecken, bis ich einen Fundgegenstand einfach an mich nähme. Die spontane Antwort dieser Polizistin lautete: „Es geht eben vielen Leuten heute sehr schlecht.“

Und weiter erfuhr ich, dass sie kürzlich im Kreis von Freunden die Frage aufgeworfen habe, was sie machen würden, wenn sie auf einem Spaziergang im Wald eine Tausendernote fänden. Mehr als die Hälfte der Befragten gaben unumwunden zu, sie würden sie behalten.

Heute ist Schamlosigkeit eine Tugend. Ich frage mich, was dieselben Menschen, die stehlen und abzocken empfinden, wenn die Rollen vertauscht und sie diejenigen sind, die betrogen werden? Da gibt es dann sicher ein grosses Hallo.

Wo steuern wir hin, wenn Diebstähle und Kriminalität ständig zunehmen? Es ist wirklich Zeit, dass sich neue Standards, die das Zusammenleben regeln, einbürgern. Es könnten auch alte Regeln entstaubt und mit neuem Leben gefüllt werden.

Dank Hans Küng, der den Dialog mit den Kulturen belebt, steht die „Goldene Regel“, die vielen Kulturen eigen ist, wieder öfters im Blickpunkt. „Was du nicht willst, was man dir antut, das füge auch keinem anderen zu.“

Mich stört es enorm, dass wir z. B. an touristischen Orten immer auch noch auf uns selbst aufpassen müssen und nicht mehr nur dastehen und staunen dürfen. Tue ich das, besteht die Gefahr, dass ich als ein mögliches Opfer wahrgenommen werde, bei dem es etwas zu holen gibt. Da bleibe ich dann, ehrlich gesagt, lieber zu Hause.