Aber was war denn das Schönste an diesem Tag? Das fragte ich unsere Kinder immer dann, wenn sie aus irgendeinem Grund traurig oder bekümmert waren und ich ihnen ermöglichen wollte, unbeschwert einzuschlafen. Zusammen haben wir immer etwas Schönes gefunden, wenn wir den Tag nochmals anschauten.
Letzte Woche hat mich die jüngere der beiden Töchter wieder einmal darauf angesprochen. Sie befand sich zu Fuss auf dem Heimweg und rief mich übers Natel an. Sie hatte einen struben Arbeitstag hinter sich. Vieles muss schief gelaufen sein. Sie konnte sich über ihn nicht freuen. Deshalb rufe sie an, sagte sie. Sie brauche noch etwas Positives, bevor der Tag zu Ende sei. Ich musste schmunzeln und freute mich. Ja klar, diese Methode helfe ihr bisweilen auch heute noch, das Gleichgewicht zu finden. Also tratschten wir etwas miteinander. Vor allem aber hörte ich zu. Sich selbst reden zu hören, wenn das Herz voll ist, ist immer hilfreich. Es klärt das Problem und gibt einem Übersicht. Das kenne ich und schätze es, wenn auch mir zugehört wird.
Kaum hatten wir uns verabschiedet, rief sie erneut an. Jetzt war sie zu Hause. Mit ihrem angeborenen Schalk korrigierte sie die vorherige Aussage. Leider müsse der Wert des Telefongesprächs mit mir um 0,0001 % zurückgestuft werden. Die Zeitschrift für Inneneinrichtungen aus Skandinavien, ihr ausgesprochener Liebling, habe im Briefkasten auf sie gewartet. Das sei nun die eigentliche Freude des Tages!
Ich habe mich schon oft gefragt, warum wir Menschen als Gesamtheit ob all der Unzulänglichkeiten im Leben nicht verzweifeln. Wie können wir all die Schreckensnachrichten, die täglich in unseren Häusern eintreffen, ertragen? Nur deshalb, weil es auch Lichtblicke gibt. Weil wir auf einmal wieder Gedanken und Worte von Mitmenschen vernehmen, die einen tief innen erreichen und wir sofort wissen, dass sie wahrhaftig sind. Weil sie Ehrfurcht vor dem Leben und Hilfsbereitschaft allen Wesen gegenüber ansprechen. Die Hilfsbereitschaft jenem Wal gegenüber, der sich in der Themse verirrte, ist ein Beispiel dafür.
Manchmal ist auch ein Buch eine moralische Kraft, die einem Licht ins Leben bringt. Da fühle ich mich dann mit meinen eigenen Fragen nach der Sinnfindung und den persönlichen Antworten, die ich schon gefunden habe, nicht allein und gleichzeitig gestärkt.
Ein solches Buch habe ich kürzlich gefunden. Es hat mich aus einer Ladenauslage einfach angelächelt. Sein Name „Die Zeit der Sternschnuppen“. Autor: Sergio Bambaren, Peru.
Eine der Geschichten aus diesem Buch handelt von einem Knaben, der trotz widriger Umstände unbeirrt versucht, einen Drachen zu bauen, mit dem er ins Himmelsgewölbe fliegen könne. In Wahrheit war er ein Stern, der auf die Erde gefallen war und wieder zurückkehren wollte. Absurd? Bambaren nimmt einenm so behutsam mit, dass die Geschichte erlebbar wird. Da leuchten dann die Sternschnuppen im eigenen Innern auf.
Wenn wir noch wissen, dass Bambaren sich für „Dolphin Aid“ engagiert und Vizepräsident der Umweltschutzorganisation „Mundo Azul“ ist, bekommen seine Geschichten ein noch stärkeres Gewicht.
Geschichten von Rita Lorenzetti-Hess aus Zürich-Altstetten und
Archiv sämtlicher Blog-Beiträge aus der Zeit beim Textatelier Hess von Biberstein
Dienstag, 24. Januar 2006
Montag, 9. Januar 2006
Nach dem Hexenschuss: Das Warten in der Arztstation
Mit scheinbar letzter Kraft hatte ich mich in die PERMANENCE im Zürcher Hauptbahnhof geschleppt. Die Tramfahrt war mir nicht mehr zuträglich. Aber Beine und Füsse wollten mich noch tragen. So erreichte ich dann zu Fuss die in Zürich beliebte Arztstation für dringende Konsultationen. Ein Hexenschuss hatte mich getroffen.
Da stand ich also schon kurz nach 7 h morgens, war aber nicht die erste, die Hilfe brauchte. Andere Leidende waren schon vor mir angekommen. Sie lasen die Zeitungen, schauten kaum auf. Ich konnte nicht sitzen. Die vorhandenen Stühle erwiesen sich für mich als viel zu tief. Darum wartete ich stehend, hielt ich mich an einer Säule fest und bewegte mich sachte, in der Meinung, ich sei ein vom Wind berührter Baum.
Mein Stehplatz beim Eingang bot mir viel Abwechslung und Einblicke in die Arbeit einer solch lebhaften, viel benützten Station. Alle Ankommenden schienen dankbar, dass sie freundlich angesprochen wurden. Nach etwa einer halben Stunde fiel mir eine Frau auf, die scheu an die Anmeldungs-Theke trat, sich erfassen liess, nur mühsam und sehr leise sprach. Auch sie setzte sich nicht. Sie stellte sich neben mich hin. „Wir leiden offenbar an Gleichem. Können Sie auch nicht sitzen?“, fragte ich. Sie hob die Hand, deutete auf die Brust und hechelte. Dann sagte sie leise. „Ich kann nicht mehr atmen.“
Zuerst dachte ich, ich sei weniger leidend als sie. Man sollte sie schnell behandeln können, doch wurde mir sofort auch klar, dass ich mit einem solchen Wunsch Unordnung ins Getriebe gebracht hätte. Es kommen ja hier nicht nur die so genannten Notfälle, sondern auch Patienten, die mehrmals erscheinen müssen und auf einen bestimmten Zeitpunkt bestellt sind. Es läuft hier auch nicht alles linear, denn die Unangemeldeten werden vielleicht geröntgt oder es werden Blutuntersuchungen nötig, und für die Resultate müssen die vorher Untersuchten und wieder Wartenden nochmals aufgerufen werden. Da stand ich also und fühlte die Beklemmung dieser mir unbekannten Frau. Diese Situation kenne ich, dachte ich dazu, auch wenn sie Jahrzehnte zurückliegt.
Und im gleichen Augenblick erinnerte ich mich an eine Reisebeschreibung einer Gruppe Europäer, die mit ortskundiger Führung in die Wüste gingen. Dort wurde eine Person krank. Als Erstes habe der arabische Reiseleiter die Hand der erkrankten Frau in die seine genommen und sie damit beruhigt. Soll ich das auch machen?, überlegte ich mir.
„Geben sie mir Ihre Hand!“ sagte ich, über mich selbst erstaunt. Die Frau hatte sofort Vertrauen. Meine Hand gab ihr Wärme und die für uns beide überraschende Geste lenkte sie ab. Der Atem floss plötzlich ausgeglichener, und meine eigenen Probleme verschwanden. Es floss etwas zwischen uns hin und her. Bald konnte sie ohne Angst sprechen. Ich hörte von grossen Problemen am Arbeitsplatz. Sie fühle sich wie eine Sklavin, arbeite in einem Hotel. Es würden ihr immer mehr Aufgaben wie etwas Selbstverständliches aufgebürdet. Sie wisse nicht mehr ein und aus. Das konnte ich verstehen. Ich erfuhr von ihr, dass sie schon 12 Jahre in der Schweiz lebe, aus dem Kosovo stamme.
Als ich dann nach einer weiteren halben Stunde aufgerufen wurde, bemerkte die Ärztin unsere Verbindung und stutzte einen Augenblick. Sie sprach mich aber nicht darauf an. Zu meiner grossen Überraschung meldeten sich in diesem Augenblick die eigenen Schmerzen und Blockaden mit voller Wucht zurück. Vorher warteten sie und verhielten sich geduldig. Nun war meine Zeit gekommen, und ich durfte über mein Leiden sprechen.
Da stand ich also schon kurz nach 7 h morgens, war aber nicht die erste, die Hilfe brauchte. Andere Leidende waren schon vor mir angekommen. Sie lasen die Zeitungen, schauten kaum auf. Ich konnte nicht sitzen. Die vorhandenen Stühle erwiesen sich für mich als viel zu tief. Darum wartete ich stehend, hielt ich mich an einer Säule fest und bewegte mich sachte, in der Meinung, ich sei ein vom Wind berührter Baum.
Mein Stehplatz beim Eingang bot mir viel Abwechslung und Einblicke in die Arbeit einer solch lebhaften, viel benützten Station. Alle Ankommenden schienen dankbar, dass sie freundlich angesprochen wurden. Nach etwa einer halben Stunde fiel mir eine Frau auf, die scheu an die Anmeldungs-Theke trat, sich erfassen liess, nur mühsam und sehr leise sprach. Auch sie setzte sich nicht. Sie stellte sich neben mich hin. „Wir leiden offenbar an Gleichem. Können Sie auch nicht sitzen?“, fragte ich. Sie hob die Hand, deutete auf die Brust und hechelte. Dann sagte sie leise. „Ich kann nicht mehr atmen.“
Zuerst dachte ich, ich sei weniger leidend als sie. Man sollte sie schnell behandeln können, doch wurde mir sofort auch klar, dass ich mit einem solchen Wunsch Unordnung ins Getriebe gebracht hätte. Es kommen ja hier nicht nur die so genannten Notfälle, sondern auch Patienten, die mehrmals erscheinen müssen und auf einen bestimmten Zeitpunkt bestellt sind. Es läuft hier auch nicht alles linear, denn die Unangemeldeten werden vielleicht geröntgt oder es werden Blutuntersuchungen nötig, und für die Resultate müssen die vorher Untersuchten und wieder Wartenden nochmals aufgerufen werden. Da stand ich also und fühlte die Beklemmung dieser mir unbekannten Frau. Diese Situation kenne ich, dachte ich dazu, auch wenn sie Jahrzehnte zurückliegt.
Und im gleichen Augenblick erinnerte ich mich an eine Reisebeschreibung einer Gruppe Europäer, die mit ortskundiger Führung in die Wüste gingen. Dort wurde eine Person krank. Als Erstes habe der arabische Reiseleiter die Hand der erkrankten Frau in die seine genommen und sie damit beruhigt. Soll ich das auch machen?, überlegte ich mir.
„Geben sie mir Ihre Hand!“ sagte ich, über mich selbst erstaunt. Die Frau hatte sofort Vertrauen. Meine Hand gab ihr Wärme und die für uns beide überraschende Geste lenkte sie ab. Der Atem floss plötzlich ausgeglichener, und meine eigenen Probleme verschwanden. Es floss etwas zwischen uns hin und her. Bald konnte sie ohne Angst sprechen. Ich hörte von grossen Problemen am Arbeitsplatz. Sie fühle sich wie eine Sklavin, arbeite in einem Hotel. Es würden ihr immer mehr Aufgaben wie etwas Selbstverständliches aufgebürdet. Sie wisse nicht mehr ein und aus. Das konnte ich verstehen. Ich erfuhr von ihr, dass sie schon 12 Jahre in der Schweiz lebe, aus dem Kosovo stamme.
Als ich dann nach einer weiteren halben Stunde aufgerufen wurde, bemerkte die Ärztin unsere Verbindung und stutzte einen Augenblick. Sie sprach mich aber nicht darauf an. Zu meiner grossen Überraschung meldeten sich in diesem Augenblick die eigenen Schmerzen und Blockaden mit voller Wucht zurück. Vorher warteten sie und verhielten sich geduldig. Nun war meine Zeit gekommen, und ich durfte über mein Leiden sprechen.
Montag, 26. Dezember 2005
Spannend, berührend: Wilma aus Senigallia im Textatelier
Auch mich hat Wilma angesprochen. Ihre Lebensgeschichte, die seit kurzem in der Rubrik Literatur im Textatelier.com abrufbar ist, ist spannend und berührend. Schon die Einführung von Thomas Jancke, der ihre Aufzeichnungen vom Italienischen ins Deutsche übersetzte, führte mich sofort auf lichte Wellen.
Wilma muss eine hochsensible, feinfühlige Frau sein. Als 2-Jährige fühlte sie ein Erdbeben voraus, das eine halbe Stunde später eintraf. Sie sei scheinbar grundlos um und unter dem Küchentisch hindurch gelaufen und habe mit durchdringenden Uh-Uh-Uh-Rufen auf etwas aufmerksam gemacht, das die Erwachsenen vorerst nicht deuten konnten.
Gerade weil diese Aufzeichnungen (laut Vorwort) von einer Fachperson als „belanglos“ abgetan wurden – es sei keine Literatur –, las ich sie besonders aufmerksam. Ich wollte dieser Abqualifizierung auf den Grund kommen. Ich erkläre mir das Urteil so, dass diese Lebensbeschreibung ohne künstliche oder künstlerische Ausformung auskommt. Es ist so ehrlich geschrieben, dass es auf diese verzichten und einem gerade deshalb packen kann. Hier spricht das Leben, das in keine Schule passt. Und das ist spannend. Wir fühlen das Echte. Es ist die Lebensquelle, die von Wilma nachgezeichnet wird. Und es berichtet von einem Leben, das es heute nicht mehr gibt.
Die Stadt Senigallia möchte ich jetzt gerne einmal besuchen, die Meerluft von dort atmen, die Wege gehen, die Wilma vertraut sind. Die Menschen, die hier ansässig sind, reden hören und ihr Temperament fühlen.
„Die Männer unseres Hafenbezirks, besonders die Alten, waren zumeist Anarchisten, die Frauen dagegen folgsame Katholiken, und wir Kinder wuchsen auf in einer Mischung aus Religion und Aberglaube.“ So stellt sie in ihrem Buch die grundlegenden Einflüsse aus der Kindheit vor.
Die Weihnachtszeit klingt mit dem Dreikönigsfest auch in unserer Zeit am 6. Januar aus. In Senigallia war das der Tag, an dem man die Hexe Befana erwartete. Die Worte Epifania und Befana scheinen eng verwandt zu sein. Dieses Fest schliesst die so genannten Rauhnächte ab. „Diese Periode zwischen den Jahren galt in ganz Europa bis in unsere Tage als Spukzeit, in der die Wilde Jagd umgeht, die alten Winterdämoninnen nochmals kräftig rütteln und schütteln, die Luft reinfegen für das Neue“, schreibt Ursula Walser-Biffiger in ihrem Buch „Wild und weise“ – Weibsbilder aus dem Land der Berge. Auch in ihren Forschungen kommt die Hexe Befana vor, die im Tessin und in Italien die Kinder an diesem Epifania-Fest durch den Kamin beschenkte. Nach der Legende dieser gutmütigen Hexe, lese ich in einem Internet-Beitrag, habe sie wie die Hirten die Botschaft von der Geburt Christi gehört, sei aber zu spät nach Bethlehem aufgebrochen, habe den Weg verfehlt und sei deshalb immer noch auf der Suche nach dem Jesuskind. Deshalb bringe sie heute noch allen Kindern Geschenke, weil sie hoffe, es irgendwann und irgendwo doch noch zu treffen.
Braven Kindern bringt Befana Geschenke, böse Kinder werden mit Asche und Kohle bedacht. Wilma erzählt, dass sie und die Geschwister Geschenke und „das unvermeidliche Stückchen“ Kohle bekommen hätten.
Wir hören: Die Hexe auf dem Dach sei vom verkleideten Onkel, der mit einer Kartonröhre als Megaphon durch den Kamin redete, verkörpert worden. Seine Stimme habe die Kinder glauben lassen, Befana befinde sich auf dem Dach. „Seid ihr auch brav gewesen?“ „Jaa!!“ „In der Schule und im Kindergarten?“ „Jaa!!“ Nach einem auferlegten, gesprochenen Gebet schwebten dann die Gaben durch den Kamin hinab.
Geheimnisvolle Zeit mit Bräuchen, die dem modernen und nüchternen Denken fern sind. Für die Kinder aber sind solche von unverzichtbarem Wert für ihr Gemüt und für die Erwachsenen eine Art Reichtum, der sie an ihre Ursprungsorte anbindet. Befana, Sankt Nikolaus und wie ich jetzt aus Paris höre auch Père Noël sind offensichtlich auch heute noch wichtige Figuren, die mithelfen, dass sich in den Kindern ein feinmaschiges Gewissen entwickeln kann.
Mich, die ich Befana bisher nicht kannte, hat sie vielleicht dieser Tage auch besucht. Wollte sie mir beweisen, dass es sie noch gibt und hat sie mir darum einen gnadenlosen Hexenschuss verpasst?
Der Link zum Buch „Wilma, das Hafenkind aus Senigallia“
Wilma muss eine hochsensible, feinfühlige Frau sein. Als 2-Jährige fühlte sie ein Erdbeben voraus, das eine halbe Stunde später eintraf. Sie sei scheinbar grundlos um und unter dem Küchentisch hindurch gelaufen und habe mit durchdringenden Uh-Uh-Uh-Rufen auf etwas aufmerksam gemacht, das die Erwachsenen vorerst nicht deuten konnten.
Gerade weil diese Aufzeichnungen (laut Vorwort) von einer Fachperson als „belanglos“ abgetan wurden – es sei keine Literatur –, las ich sie besonders aufmerksam. Ich wollte dieser Abqualifizierung auf den Grund kommen. Ich erkläre mir das Urteil so, dass diese Lebensbeschreibung ohne künstliche oder künstlerische Ausformung auskommt. Es ist so ehrlich geschrieben, dass es auf diese verzichten und einem gerade deshalb packen kann. Hier spricht das Leben, das in keine Schule passt. Und das ist spannend. Wir fühlen das Echte. Es ist die Lebensquelle, die von Wilma nachgezeichnet wird. Und es berichtet von einem Leben, das es heute nicht mehr gibt.
Die Stadt Senigallia möchte ich jetzt gerne einmal besuchen, die Meerluft von dort atmen, die Wege gehen, die Wilma vertraut sind. Die Menschen, die hier ansässig sind, reden hören und ihr Temperament fühlen.
„Die Männer unseres Hafenbezirks, besonders die Alten, waren zumeist Anarchisten, die Frauen dagegen folgsame Katholiken, und wir Kinder wuchsen auf in einer Mischung aus Religion und Aberglaube.“ So stellt sie in ihrem Buch die grundlegenden Einflüsse aus der Kindheit vor.
Die Weihnachtszeit klingt mit dem Dreikönigsfest auch in unserer Zeit am 6. Januar aus. In Senigallia war das der Tag, an dem man die Hexe Befana erwartete. Die Worte Epifania und Befana scheinen eng verwandt zu sein. Dieses Fest schliesst die so genannten Rauhnächte ab. „Diese Periode zwischen den Jahren galt in ganz Europa bis in unsere Tage als Spukzeit, in der die Wilde Jagd umgeht, die alten Winterdämoninnen nochmals kräftig rütteln und schütteln, die Luft reinfegen für das Neue“, schreibt Ursula Walser-Biffiger in ihrem Buch „Wild und weise“ – Weibsbilder aus dem Land der Berge. Auch in ihren Forschungen kommt die Hexe Befana vor, die im Tessin und in Italien die Kinder an diesem Epifania-Fest durch den Kamin beschenkte. Nach der Legende dieser gutmütigen Hexe, lese ich in einem Internet-Beitrag, habe sie wie die Hirten die Botschaft von der Geburt Christi gehört, sei aber zu spät nach Bethlehem aufgebrochen, habe den Weg verfehlt und sei deshalb immer noch auf der Suche nach dem Jesuskind. Deshalb bringe sie heute noch allen Kindern Geschenke, weil sie hoffe, es irgendwann und irgendwo doch noch zu treffen.
Braven Kindern bringt Befana Geschenke, böse Kinder werden mit Asche und Kohle bedacht. Wilma erzählt, dass sie und die Geschwister Geschenke und „das unvermeidliche Stückchen“ Kohle bekommen hätten.
Wir hören: Die Hexe auf dem Dach sei vom verkleideten Onkel, der mit einer Kartonröhre als Megaphon durch den Kamin redete, verkörpert worden. Seine Stimme habe die Kinder glauben lassen, Befana befinde sich auf dem Dach. „Seid ihr auch brav gewesen?“ „Jaa!!“ „In der Schule und im Kindergarten?“ „Jaa!!“ Nach einem auferlegten, gesprochenen Gebet schwebten dann die Gaben durch den Kamin hinab.
Geheimnisvolle Zeit mit Bräuchen, die dem modernen und nüchternen Denken fern sind. Für die Kinder aber sind solche von unverzichtbarem Wert für ihr Gemüt und für die Erwachsenen eine Art Reichtum, der sie an ihre Ursprungsorte anbindet. Befana, Sankt Nikolaus und wie ich jetzt aus Paris höre auch Père Noël sind offensichtlich auch heute noch wichtige Figuren, die mithelfen, dass sich in den Kindern ein feinmaschiges Gewissen entwickeln kann.
Mich, die ich Befana bisher nicht kannte, hat sie vielleicht dieser Tage auch besucht. Wollte sie mir beweisen, dass es sie noch gibt und hat sie mir darum einen gnadenlosen Hexenschuss verpasst?
Der Link zum Buch „Wilma, das Hafenkind aus Senigallia“
Donnerstag, 15. Dezember 2005
Der Zürcher Hauptbahnhof – pulsierender Ort für Emotionen
Meine Wege führen oft durch unseren Hauptbahnhof Zürich. Am liebsten durchschreite ich die Halle, wenn sie leer ist. Der Raum ist wunderschön und schenkt einem ein gewisses Freiheitsgefühl.
Jetzt, zur Vorweihnachtszeit, aber ist er prall gefüllt und wieder Magnet für alle, die den Zauber der Weihnachtszeit auskosten wollen. Der Christkindlimarkt entwickelt sich auch hier mehr und mehr zur unverzichtbaren Tradition. Da sind ein Gedränge und ein Stimmengewirr. Die Angebote vielfältig. Jedes Häuschen mit eigenem Angebot, eine Welt für sich. Düfte regen die Sinne an. Gold und Silber glitzern. Käsespezialitäten und Fleischwaren lassen die Säfte im Mund zusammenfliessen. Und die Swarowski-Kristalle geben der grossen Tanne auch heuer wieder die vornehme Ausstrahlung. Wichtig sind auch der Auftritt von Helvetas, der Organisation für internationale Zusammenarbeit, und die Angebote aus therapeutischen Arbeitszentren. Im Magazin, das zu diesem Markt gehört, erzählen die Stadtpräsidenten von Luzern und Zürich, was ihnen Weihnachten bedeutet. Es sind die liebevoll gehüteten Erfahrungen aus der Kindheit, die auch für sie mit dem Geheimnis dieses Festes verbunden sind. Für mich sind gefühlsmässigen Erfahrungen wichtig, und wenn ich höre, dass Mitmenschen ähnliche ebenfalls als Schätze hüten, fühle ich mich ihnen verbunden.
Hier im Bahnhof, wo die Menschenströme zusammenkommen, frage ich mich manchmal: Woher kommt ihr, wohin geht ihr? Oder wenn ich Menschen aus fernen Kontinenten sehe: Wo hast du laufen gelernt? Und: Was sind die Motive, dass du hier durchkommst? Was oder wen suchst du hier? Was ist denn bei uns besonders interessant?
Und ich verstehe plötzlich, was Mütter früher meinten, wenn sie auf die quengelnden Forderungen ihrer Kinder nicht eingehen wollten und dann sagten: „Ich höre nur Bahnhof.“ Dies ist wirklich ein pulsierender Ort mit dauernd wechselnden Bildern, Informationen und verführender Reklame. Niemand kann auf alle im Detail eingehen, wie Eltern auch nicht auf alle Wünsche der Kinder.
Am letzten Freitag ging ich, von der Bahnhofstrasse herkommend, auf den Bahnhof zu und bemerkte 3 Personen, die eben angekommen sein mussten. 2 Frauen gesetzten Alters und ein Mann an ihrer Seite. Dieser ist mir besonders aufgefallen. Er stand da, staunte über die Menschen, wie sie in Strömen daherkamen, über die vielen Lichter, die Hektik. Offensichtlich unvertraut mit dem Stadtleben, stand er nur da und muss sich gefragt haben: Wo bin ich? Was geht hier vor? Eine Scheu und eine Art Verlorenheit in seinem Blick berührten mich. Und ich dachte dabei: So habe ich auch schon dagestanden. An einem anderen Ort, aber ebenfalls aus meiner gewohnten Alltagswelt herausgetreten ins Unbekannte und Unfassbare. Noch kenne ich diese schüchternen Gefühle und gleichzeitig die Faszination, die selbstvergessen machen. Es sind unvergessliche Momente, die einem in eine andere Ebene katapultieren.
Jetzt, zur Vorweihnachtszeit, aber ist er prall gefüllt und wieder Magnet für alle, die den Zauber der Weihnachtszeit auskosten wollen. Der Christkindlimarkt entwickelt sich auch hier mehr und mehr zur unverzichtbaren Tradition. Da sind ein Gedränge und ein Stimmengewirr. Die Angebote vielfältig. Jedes Häuschen mit eigenem Angebot, eine Welt für sich. Düfte regen die Sinne an. Gold und Silber glitzern. Käsespezialitäten und Fleischwaren lassen die Säfte im Mund zusammenfliessen. Und die Swarowski-Kristalle geben der grossen Tanne auch heuer wieder die vornehme Ausstrahlung. Wichtig sind auch der Auftritt von Helvetas, der Organisation für internationale Zusammenarbeit, und die Angebote aus therapeutischen Arbeitszentren. Im Magazin, das zu diesem Markt gehört, erzählen die Stadtpräsidenten von Luzern und Zürich, was ihnen Weihnachten bedeutet. Es sind die liebevoll gehüteten Erfahrungen aus der Kindheit, die auch für sie mit dem Geheimnis dieses Festes verbunden sind. Für mich sind gefühlsmässigen Erfahrungen wichtig, und wenn ich höre, dass Mitmenschen ähnliche ebenfalls als Schätze hüten, fühle ich mich ihnen verbunden.
Hier im Bahnhof, wo die Menschenströme zusammenkommen, frage ich mich manchmal: Woher kommt ihr, wohin geht ihr? Oder wenn ich Menschen aus fernen Kontinenten sehe: Wo hast du laufen gelernt? Und: Was sind die Motive, dass du hier durchkommst? Was oder wen suchst du hier? Was ist denn bei uns besonders interessant?
Und ich verstehe plötzlich, was Mütter früher meinten, wenn sie auf die quengelnden Forderungen ihrer Kinder nicht eingehen wollten und dann sagten: „Ich höre nur Bahnhof.“ Dies ist wirklich ein pulsierender Ort mit dauernd wechselnden Bildern, Informationen und verführender Reklame. Niemand kann auf alle im Detail eingehen, wie Eltern auch nicht auf alle Wünsche der Kinder.
Am letzten Freitag ging ich, von der Bahnhofstrasse herkommend, auf den Bahnhof zu und bemerkte 3 Personen, die eben angekommen sein mussten. 2 Frauen gesetzten Alters und ein Mann an ihrer Seite. Dieser ist mir besonders aufgefallen. Er stand da, staunte über die Menschen, wie sie in Strömen daherkamen, über die vielen Lichter, die Hektik. Offensichtlich unvertraut mit dem Stadtleben, stand er nur da und muss sich gefragt haben: Wo bin ich? Was geht hier vor? Eine Scheu und eine Art Verlorenheit in seinem Blick berührten mich. Und ich dachte dabei: So habe ich auch schon dagestanden. An einem anderen Ort, aber ebenfalls aus meiner gewohnten Alltagswelt herausgetreten ins Unbekannte und Unfassbare. Noch kenne ich diese schüchternen Gefühle und gleichzeitig die Faszination, die selbstvergessen machen. Es sind unvergessliche Momente, die einem in eine andere Ebene katapultieren.
Dienstag, 6. Dezember 2005
Der unbekannte Samichlaus an der M-Kasse im Kreis 5
Letztes Jahr, am 6. Dezember 2004, traf ich vor der Migros-Kasse mit einer mir nicht bekannten Frau zusammen, die sich nach unserem „Samichlaus“ (Sankt Nikolaus) erkundigte. Sie sehe hier viele Zeichen von ihm und interessiere sich für die dahinter liegende Geschichte. Sie komme aus Berlin, kenne eigentlich nur die Figur des Knechts Rupprecht. Weiter erzählte sie, dass sie heute Geburtstag feiere. Sie heisse Nicole. Das ist die französische und weibliche Form von Nikolaus. Als ich daraufhin wies, staunte sie. Sie kannte diese Zusammenhänge noch nicht.
Ich konnte ihr dann in groben Zügen erzählen, dass unserem Samichlaus die Figur des Heiligen Nikolaus von Myra zugrunde liege und dass diese die Mildtätigkeit verkörpere. Der Samichlaus, wie wir ihn heute feiern, komme aus dem tiefen Wald, vor allem zu den Kindern und prüfe, ob sie artig seien. Er beschenke sie mit Nüssen, Äpfeln, Mandarinen, Lebkuchen und „Gritibänzen“ (aus Hefeteig gebackene Mannli) und anderen Leckereien. Die Kinder würden für ihn Verse aufsagen und Lieder singen.
Wenn ich die Berlinerin heute wieder träfe, würde ich noch auf die diesjährigen Sonder-Briefmarken aus der Schweiz hinweisen und ihr jene zu 85 Rappen zeigen, auf der die Insignien des christlichen Ur-Nikolaus zu sehen sind. Die Mitra (Bischofshut) und der Bischofsstab. Die zur gleichen Serie gehörende Briefmarke zu 100 Rappen stellt übrigens einen Gritibänz dar. Die grafische Darstellung dieser beiden Werte fängt den Zauber ein, den ich als Kind in mich aufgenommen habe und der mir immer noch Massstab ist. Sankt Nikolaus ist für mich eine Figur aus der Anderswelt. Eine mythische Figur, die sich der jeweiligen Gegenwart und der Wellenlänge der einzelnen Menschen und Familien anpasst, und doch unverkennbar sich selbst bleibt.
Aus einem Internetbeitrag des Historikers Martin Leuenberger erfahre ich jetzt, dass auch die Indianer aus dem Südwesten Amerikas eine solche Figur gekannt haben. Eine maskierte und kostümierte Person, die jährlich wiederkehrte, die Kinder belohnte oder bestrafte. Wie bei uns. Der oben genannte christliche Ur-Samichlaus ist also nicht der älteste.
Zurück zur Berlinerin: Denkt sie heuer an unser damaliges, zufälliges Zusammentreffen zurück? Hat sie die Legende, die ich ihr beim anschliessenden Tee bei mir zu Hause übergab, gelesen und verinnerlicht? Und die Kassiererin, ist sie vielleicht auch noch auf die Antwort gestossen, die sie selbst nicht geben konnte? Nicole richtete die Frage zuerst an sie. Beantworten konnte diese Frau sie nicht, obwohl sie aus unserem Kulturkreis stammte und nicht mehr jung war. Sie blieb still, einfach still und sass auf ihrem Stuhl wie ein Kind, das am Examen nicht zu antworten weiss. Was die Kunden doch immer alles wissen wollen! So kam es, dass ich mich einmischte.
Nicoles Begleiterin hatte schon nach der peinlichen Stille beim Einpacken ihrer Einkäufe mitfühlend gesagt: „Gälled Sie, mer machts eifach, wie mers immer gmacht hät!“ („Nicht wahr, man macht es einfach, wie es schon immer gemacht worden ist.“)
Eine solche Haltung ist dem Samichlaus vielleicht lieber als wir meinen. Sein Auftreten und seine Anliegen können sowieso nur mit dem Herzen verstanden werden.
Hinweise auf Links
Die Legende, wie sie die St.-Nikolaus-Gesellschaft von Zürich weitergibt:
St. Nikolaus als Kirchenpatron von heute
Nikolaus und Bezüge auf alte Winterbräuche
Nikolaus, der Türke, aus heutiger Sicht
Ich konnte ihr dann in groben Zügen erzählen, dass unserem Samichlaus die Figur des Heiligen Nikolaus von Myra zugrunde liege und dass diese die Mildtätigkeit verkörpere. Der Samichlaus, wie wir ihn heute feiern, komme aus dem tiefen Wald, vor allem zu den Kindern und prüfe, ob sie artig seien. Er beschenke sie mit Nüssen, Äpfeln, Mandarinen, Lebkuchen und „Gritibänzen“ (aus Hefeteig gebackene Mannli) und anderen Leckereien. Die Kinder würden für ihn Verse aufsagen und Lieder singen.
Wenn ich die Berlinerin heute wieder träfe, würde ich noch auf die diesjährigen Sonder-Briefmarken aus der Schweiz hinweisen und ihr jene zu 85 Rappen zeigen, auf der die Insignien des christlichen Ur-Nikolaus zu sehen sind. Die Mitra (Bischofshut) und der Bischofsstab. Die zur gleichen Serie gehörende Briefmarke zu 100 Rappen stellt übrigens einen Gritibänz dar. Die grafische Darstellung dieser beiden Werte fängt den Zauber ein, den ich als Kind in mich aufgenommen habe und der mir immer noch Massstab ist. Sankt Nikolaus ist für mich eine Figur aus der Anderswelt. Eine mythische Figur, die sich der jeweiligen Gegenwart und der Wellenlänge der einzelnen Menschen und Familien anpasst, und doch unverkennbar sich selbst bleibt.
Aus einem Internetbeitrag des Historikers Martin Leuenberger erfahre ich jetzt, dass auch die Indianer aus dem Südwesten Amerikas eine solche Figur gekannt haben. Eine maskierte und kostümierte Person, die jährlich wiederkehrte, die Kinder belohnte oder bestrafte. Wie bei uns. Der oben genannte christliche Ur-Samichlaus ist also nicht der älteste.
Zurück zur Berlinerin: Denkt sie heuer an unser damaliges, zufälliges Zusammentreffen zurück? Hat sie die Legende, die ich ihr beim anschliessenden Tee bei mir zu Hause übergab, gelesen und verinnerlicht? Und die Kassiererin, ist sie vielleicht auch noch auf die Antwort gestossen, die sie selbst nicht geben konnte? Nicole richtete die Frage zuerst an sie. Beantworten konnte diese Frau sie nicht, obwohl sie aus unserem Kulturkreis stammte und nicht mehr jung war. Sie blieb still, einfach still und sass auf ihrem Stuhl wie ein Kind, das am Examen nicht zu antworten weiss. Was die Kunden doch immer alles wissen wollen! So kam es, dass ich mich einmischte.
Nicoles Begleiterin hatte schon nach der peinlichen Stille beim Einpacken ihrer Einkäufe mitfühlend gesagt: „Gälled Sie, mer machts eifach, wie mers immer gmacht hät!“ („Nicht wahr, man macht es einfach, wie es schon immer gemacht worden ist.“)
Eine solche Haltung ist dem Samichlaus vielleicht lieber als wir meinen. Sein Auftreten und seine Anliegen können sowieso nur mit dem Herzen verstanden werden.
Hinweise auf Links
Die Legende, wie sie die St.-Nikolaus-Gesellschaft von Zürich weitergibt:
St. Nikolaus als Kirchenpatron von heute
Nikolaus und Bezüge auf alte Winterbräuche
Nikolaus, der Türke, aus heutiger Sicht
Dienstag, 29. November 2005
Zürichs neue Weihnachtsbeleuchtung gibt zu reden
Immer, wenn wir uns von etwas verabschieden müssen, werden wir unsicher und unzufrieden. Und was vordem eine Selbstverständlichkeit war, bekommt einen überdimensionierten Stellenwert. So erfahren wir das jetzt in Zürich, seitdem die neue Lichtinstallation für die Vorweihnachtszeit eingeschaltet ist. Ich zitiere Titel und Leserbriefe aus Zeitungen von Zürich:
Nordlicht über Bahnhofstrasse (TA = Tages-Anzeiger), Polarlichter statt Glühwein–Romantik (TA), Kalt, lieblos – aber ehrlich (Leserbrief TA), Badezimmer-Atmosphäre, die nichts Weihnachtliches verspüren lässt (Leserbrief TA).
Jedenfalls ist sie eine starke Intervention, die mit Erwartungen an romantischen Weihnachtszauber wie auch dem Fussgängerzonenkitsch radikal bricht. (Barbara Basting im TA). „Wir mussten radikal neu starten“ (Matthias Kohler, einer der Väter der neuen Installation).
Es handelt sich bei dieser neuen Beleuchtung um ein Lichtband aus 7 m hohen Stäben, das sich vom Bahnhof bis zum See erstreckt und dort am schönsten zu betrachten ist, wo sich die Strasse schlängelt. Dort können wir das Spiel am besten beobachten und den Verlauf der ganzen Anlage überblicken. Licht und Schatten huschen einander nach. Von Zeit zu Zeit gestalten Licht und Schatten fleckige Bilder, die sich auf grösseren Abschnitten zeigen und dann wieder erlöschen.
Mir gefällt diese neue Auffassung von Advents-Licht. Sie ist ruhig und dezent und sie erinnert mich an Ada aus der Expo 02, die mit den Besuchern kommunizieren wollte. „Ada“ wurde uns damals als „der intelligente Raum“ vorgestellt, und wir wurden eingeladen, mit ihren Funktionen, die einem Gehirn nachempfunden sind, in Kontakt zu treten. Ada reagierte auf uns, weil sie uns wahrnehmen konnte (sehen, hören, tasten). Sie spielte mit allen, die sich auf sie einliessen (www.ada-ausstellung.ch).
Offensichtlich von Erkenntnissen dieser Forschung beeinflusst, haben die Gestalter dieser neuen Bahnhofstrassen-Beleuchtung (Fabio Gramazio und Matthias Kohler) ein Computerprogramm geschaffen, das auf das Leben in der Bahnhofstrasse reagiert. Es wird uns erklärt, dass auch die Besucherströme einen Einfluss auf die Lichtbewegungen hätten. Dort, wo viel los ist, lösen Sensoren Bewegungsimpulse aus. Wir Stadtgänger sind also Mitgestalter, ohne zu wissen, wie das geschieht. Darüber dürfen wir uns doch freuen. Das Innenleben dieser Leuchtstäbe ist zudem so konzipiert, dass die Lichtmuster auf die Festtage hin feingliedriger werden und einen Höhepunkt erreichen werden. Wir sollen also immer wieder kommen und uns begeistern lassen.
Noch wird beklagt, dass die 34-jährige Weihnachtsbeleuchtung (u. a. auch altershalber) aufgegeben worden ist. Ja, sie war schön, und als sie neu war, war sie auch revolutionär. Sie verabschiedete die gegenständliche Dekoration und verwies nur noch auf den Sternenhimmel. Doch mit den Jahren genügte dieser wirklich berührende Lichterhimmel vielen Geschäften nicht mehr. Sie fügten ihre Version von Weihnachtslichtern bei und in den letzten Jahren steigerte sich diese Konkurrenz zu einem Sammelsurium und zu einer Überhelligkeit, die ganz und gar nicht mehr zum Geheimnis von Weihnachten passte.
So freue ich mich am neuen Anblick. Er zeigt einen neuen Weg. Er verweist ganz speziell weg vom Blick nur auf die Erde, nur auf das Geschäft. Um die sich verändernden Lichter anzuschauen, müssen wir nämlich nach oben blicken.
Link zur Weihnachtsbeleuchtung
Nordlicht über Bahnhofstrasse (TA = Tages-Anzeiger), Polarlichter statt Glühwein–Romantik (TA), Kalt, lieblos – aber ehrlich (Leserbrief TA), Badezimmer-Atmosphäre, die nichts Weihnachtliches verspüren lässt (Leserbrief TA).
Jedenfalls ist sie eine starke Intervention, die mit Erwartungen an romantischen Weihnachtszauber wie auch dem Fussgängerzonenkitsch radikal bricht. (Barbara Basting im TA). „Wir mussten radikal neu starten“ (Matthias Kohler, einer der Väter der neuen Installation).
Es handelt sich bei dieser neuen Beleuchtung um ein Lichtband aus 7 m hohen Stäben, das sich vom Bahnhof bis zum See erstreckt und dort am schönsten zu betrachten ist, wo sich die Strasse schlängelt. Dort können wir das Spiel am besten beobachten und den Verlauf der ganzen Anlage überblicken. Licht und Schatten huschen einander nach. Von Zeit zu Zeit gestalten Licht und Schatten fleckige Bilder, die sich auf grösseren Abschnitten zeigen und dann wieder erlöschen.
Mir gefällt diese neue Auffassung von Advents-Licht. Sie ist ruhig und dezent und sie erinnert mich an Ada aus der Expo 02, die mit den Besuchern kommunizieren wollte. „Ada“ wurde uns damals als „der intelligente Raum“ vorgestellt, und wir wurden eingeladen, mit ihren Funktionen, die einem Gehirn nachempfunden sind, in Kontakt zu treten. Ada reagierte auf uns, weil sie uns wahrnehmen konnte (sehen, hören, tasten). Sie spielte mit allen, die sich auf sie einliessen (www.ada-ausstellung.ch).
Offensichtlich von Erkenntnissen dieser Forschung beeinflusst, haben die Gestalter dieser neuen Bahnhofstrassen-Beleuchtung (Fabio Gramazio und Matthias Kohler) ein Computerprogramm geschaffen, das auf das Leben in der Bahnhofstrasse reagiert. Es wird uns erklärt, dass auch die Besucherströme einen Einfluss auf die Lichtbewegungen hätten. Dort, wo viel los ist, lösen Sensoren Bewegungsimpulse aus. Wir Stadtgänger sind also Mitgestalter, ohne zu wissen, wie das geschieht. Darüber dürfen wir uns doch freuen. Das Innenleben dieser Leuchtstäbe ist zudem so konzipiert, dass die Lichtmuster auf die Festtage hin feingliedriger werden und einen Höhepunkt erreichen werden. Wir sollen also immer wieder kommen und uns begeistern lassen.
Noch wird beklagt, dass die 34-jährige Weihnachtsbeleuchtung (u. a. auch altershalber) aufgegeben worden ist. Ja, sie war schön, und als sie neu war, war sie auch revolutionär. Sie verabschiedete die gegenständliche Dekoration und verwies nur noch auf den Sternenhimmel. Doch mit den Jahren genügte dieser wirklich berührende Lichterhimmel vielen Geschäften nicht mehr. Sie fügten ihre Version von Weihnachtslichtern bei und in den letzten Jahren steigerte sich diese Konkurrenz zu einem Sammelsurium und zu einer Überhelligkeit, die ganz und gar nicht mehr zum Geheimnis von Weihnachten passte.
So freue ich mich am neuen Anblick. Er zeigt einen neuen Weg. Er verweist ganz speziell weg vom Blick nur auf die Erde, nur auf das Geschäft. Um die sich verändernden Lichter anzuschauen, müssen wir nämlich nach oben blicken.
Link zur Weihnachtsbeleuchtung
Montag, 21. November 2005
Ist eine muslimische Frau eine Muslima oder Muslimin?
In der Schweiz hat sich der Ausdruck „Muslima“ für eine Frau aus der muslimischen Kultur eingebürgert. Auch im Internet ist sie an vielen Stellen zu finden. Ich habe diese Bezeichnung auch schon aus dem Mund einer Muslima persönlich gehört. Darauf baute ich, als ich im Blog über den multikulturellen Flohmarkt auf dem Kanzleiareal in Zürich 4 berichtete. Weil ich von drei Frauen sprach, fügte ich der Muslima, offenbar etwas naiv, nur ein „s“ an. Der Blogatelier-Betreuer sah aber sofort, dass diese Mehrzahl nicht stimmen konnte.
Für eine kompetente Antwort wandte ich mich an Nima Mina von der „School of Oriental and African Studies“ in London. Ich fragte: „Nach meinem Wissensstand ist eine muslimische Frau eine Muslima. Ist das richtig? Und wenn es mehrere muslimische Frauen sind, nennt man sie Muslimas?“
Seine Antwort: „Ich würde einfach ’Moslemin’ oder ’Muslimin’ sagen, d. h. das Wort Moslem/Muslim + die deutsche feminine Endung ’in’. Bei ’a’ wie in ’Muslim+a’ handelt es sich auch nur um die arabische feminine Endung. Warum? Es gibt 1,2 Milliarden Angehörige der islamischen Religionsgemeinschaft auf der Welt, und nur ein Bruchteil von ihnen ist arabischsprachig.
In Indien, Pakistan und Bangladesch allein gibt es fast 700 Millionen Moslems, und sie sprechen in erster Linie Bengali, Urdu und Hindi, aber sie sind keine arabischen Muttersprachler/innen.
Daher glaube ich, dass es nichts zur sprachlichen Korrektheit beiträgt, plötzlich im Deutschen eine arabische Wortendung zu verwenden. Ich habe den Verdacht, dass dieser Sprachgebrauch auf den Wunsch nach politischer Korrektheit, Toleranz und Anerkennung der ’Andersheit’ usw. zurückgeht. Aber es scheint dabei mehr guter Wille im Spiel zu sein als Sachverstand.“
Also konnten wir den Fehler in meinem Aufsatz korrigieren. Aus den Muslimas sind nun korrekterweise die Musliminnen geworden.
Nun stelle ich diese Antwort unseren Leserinnen und Lesern gerne zur Verfügung, damit unser aller guter Wille vom Sachverstand unterstützt werden kann.
Für eine kompetente Antwort wandte ich mich an Nima Mina von der „School of Oriental and African Studies“ in London. Ich fragte: „Nach meinem Wissensstand ist eine muslimische Frau eine Muslima. Ist das richtig? Und wenn es mehrere muslimische Frauen sind, nennt man sie Muslimas?“
Seine Antwort: „Ich würde einfach ’Moslemin’ oder ’Muslimin’ sagen, d. h. das Wort Moslem/Muslim + die deutsche feminine Endung ’in’. Bei ’a’ wie in ’Muslim+a’ handelt es sich auch nur um die arabische feminine Endung. Warum? Es gibt 1,2 Milliarden Angehörige der islamischen Religionsgemeinschaft auf der Welt, und nur ein Bruchteil von ihnen ist arabischsprachig.
In Indien, Pakistan und Bangladesch allein gibt es fast 700 Millionen Moslems, und sie sprechen in erster Linie Bengali, Urdu und Hindi, aber sie sind keine arabischen Muttersprachler/innen.
Daher glaube ich, dass es nichts zur sprachlichen Korrektheit beiträgt, plötzlich im Deutschen eine arabische Wortendung zu verwenden. Ich habe den Verdacht, dass dieser Sprachgebrauch auf den Wunsch nach politischer Korrektheit, Toleranz und Anerkennung der ’Andersheit’ usw. zurückgeht. Aber es scheint dabei mehr guter Wille im Spiel zu sein als Sachverstand.“
Also konnten wir den Fehler in meinem Aufsatz korrigieren. Aus den Muslimas sind nun korrekterweise die Musliminnen geworden.
Nun stelle ich diese Antwort unseren Leserinnen und Lesern gerne zur Verfügung, damit unser aller guter Wille vom Sachverstand unterstützt werden kann.
Samstag, 12. November 2005
Multikulturelles Brocken-„Haus“ unter freiem Himmel
Neuerdings führen meine Wege vermehrt in den Kreis 4 und endlich besuche ich einmal den Flohmarkt auf dem Kanzleiareal in Zürich.
Samstagmorgen. Es regnet. Der Himmel ist grau, aber auf dem gesamten Umfeld des Kanzleischulhauses sind Sonnenschirme aufgespannt. Es ist Flohmarktzeit. Die Brocken liegen auf Plastikplanen, Schachteln oder einfachen Tischen. Multikulturell das Publikum und auch die Händler. Auch einige Schweizer sind dabei. Wir befinden uns hier in jenem Stadtkreis mit dem grössten Ausländeranteil. Der Ort hat Charme, auch wenn der Regen die Auslagen angreift und vieles unter Plastik versorgt werden muss. Was da alles feilgeboten wird!
Ich entdecke 2 Unterkieferknochen inklusive Zähne von einem Hirsch. Fein säuberlich gereinigt. Der gleiche Anbieter hat auch blitzblanke Nagetier-Schädelknochen im Angebot. Kurios! Neben Baumaschinen, Kettenfräsen und einem Schiffsmotor liegen auch viele Musik-Instrumente da. Ein verbeultes Saxophon, sehr alte Geigen, Gitarren. Sie alle haben offenbar ein wildes Leben hinter sich. Dann das Übliche wie im Brockenhaus: Bücher, Taschen, Geschirr, Lampen, Stühle, Kochgeschirr, Bilderrahmen, ein Fleischwolf, auch Kleider und sehr viele Schuhe.
Primo, der mich begleitet und schon oft hier war, zeigt mir alles, wie wenn er zu einer Führung angestellt wäre. Wir schauen den Stand mit dem Uhrenservice an. Hier können die Batterie ausgewechselt oder das Uhrenarmband erneuert werden. Ein Afrikaner zeigt auf den defekten Zeiger an seiner Uhr. Ihm kann aber nicht geholfen werden. Die Dienste sind beschränkt. Grosser Andrang am Stand „Natel-Service“, wo offensichtlich Probleme gelöst werden. Er wirkt vertrauenerweckend. (Primo sagt, er habe auch schon Polizeikontrollen beobachtet.) 3 nigelnagelneue (brandneue) in Plastikfolie eingeschweisste Fernsehgeräte stehen auf einem Tisch und Händler wie Wächter hinter ihnen. Nebenan allerlei Kabelstränge und Leitsysteme. Und viel Schnickschnack, angefangen von Masken über eine Buddha-Figur bis zu Wilhelm Tell. Von Snowboards und Rollbrettern ganz zu schweigen. Im Bereich Textilien feilschen 3 Musliminnen um einen guten Preis.
Ein Warenhaus unter offenem Himmel, alles für das kleine Portemonnaie und für die Schnäppchenjäger. Und auch für jene, die wie ich einfach gern durch einen offenen Markt gehen.
Obwohl karg in der Präsentation, ist ein besonderes Fluidum auszumachen. Die Angebote führen uns rund ums Schulhaus. Ich staune über die Vielfalt. Und niemand scheint sich am Regenwetter zu stören. Schon möglich, dass sich unter einem strahlenden Himmel ein regerer Austausch entfalten würde. Aber gerade weil es hier ruhig ist und niemand zu einem Kauf drängt, schaue ich die Angebote gerne an. Primo spasst mit einem jungen Mann über seine Angebote hinweg, und derweil entdecke ich Ersatzstücke für mein Langenthaler-Kaffee-Service.
Schnell entschlossen kaufe ich sie und wundere mich, wie billig sie mir überlassen werden. Zu nur 5 Franken. Primo sagt: Du hättest sicher auch 10 dafür bezahlt. Ja, so ist es. Ich habe einen triftigen Grund: Jetzt habe ich endlich wieder alle Tassen im Schrank. So ein Glück!
Dieser Floh- und Kuriositätenmarkt, findet jeden Samstag von 8 bis 16 Uhr im Kanzlei-Areal beim Helvetiaplatz in CH-8004 Zürich statt.
Samstagmorgen. Es regnet. Der Himmel ist grau, aber auf dem gesamten Umfeld des Kanzleischulhauses sind Sonnenschirme aufgespannt. Es ist Flohmarktzeit. Die Brocken liegen auf Plastikplanen, Schachteln oder einfachen Tischen. Multikulturell das Publikum und auch die Händler. Auch einige Schweizer sind dabei. Wir befinden uns hier in jenem Stadtkreis mit dem grössten Ausländeranteil. Der Ort hat Charme, auch wenn der Regen die Auslagen angreift und vieles unter Plastik versorgt werden muss. Was da alles feilgeboten wird!
Ich entdecke 2 Unterkieferknochen inklusive Zähne von einem Hirsch. Fein säuberlich gereinigt. Der gleiche Anbieter hat auch blitzblanke Nagetier-Schädelknochen im Angebot. Kurios! Neben Baumaschinen, Kettenfräsen und einem Schiffsmotor liegen auch viele Musik-Instrumente da. Ein verbeultes Saxophon, sehr alte Geigen, Gitarren. Sie alle haben offenbar ein wildes Leben hinter sich. Dann das Übliche wie im Brockenhaus: Bücher, Taschen, Geschirr, Lampen, Stühle, Kochgeschirr, Bilderrahmen, ein Fleischwolf, auch Kleider und sehr viele Schuhe.
Primo, der mich begleitet und schon oft hier war, zeigt mir alles, wie wenn er zu einer Führung angestellt wäre. Wir schauen den Stand mit dem Uhrenservice an. Hier können die Batterie ausgewechselt oder das Uhrenarmband erneuert werden. Ein Afrikaner zeigt auf den defekten Zeiger an seiner Uhr. Ihm kann aber nicht geholfen werden. Die Dienste sind beschränkt. Grosser Andrang am Stand „Natel-Service“, wo offensichtlich Probleme gelöst werden. Er wirkt vertrauenerweckend. (Primo sagt, er habe auch schon Polizeikontrollen beobachtet.) 3 nigelnagelneue (brandneue) in Plastikfolie eingeschweisste Fernsehgeräte stehen auf einem Tisch und Händler wie Wächter hinter ihnen. Nebenan allerlei Kabelstränge und Leitsysteme. Und viel Schnickschnack, angefangen von Masken über eine Buddha-Figur bis zu Wilhelm Tell. Von Snowboards und Rollbrettern ganz zu schweigen. Im Bereich Textilien feilschen 3 Musliminnen um einen guten Preis.
Ein Warenhaus unter offenem Himmel, alles für das kleine Portemonnaie und für die Schnäppchenjäger. Und auch für jene, die wie ich einfach gern durch einen offenen Markt gehen.
Obwohl karg in der Präsentation, ist ein besonderes Fluidum auszumachen. Die Angebote führen uns rund ums Schulhaus. Ich staune über die Vielfalt. Und niemand scheint sich am Regenwetter zu stören. Schon möglich, dass sich unter einem strahlenden Himmel ein regerer Austausch entfalten würde. Aber gerade weil es hier ruhig ist und niemand zu einem Kauf drängt, schaue ich die Angebote gerne an. Primo spasst mit einem jungen Mann über seine Angebote hinweg, und derweil entdecke ich Ersatzstücke für mein Langenthaler-Kaffee-Service.
Schnell entschlossen kaufe ich sie und wundere mich, wie billig sie mir überlassen werden. Zu nur 5 Franken. Primo sagt: Du hättest sicher auch 10 dafür bezahlt. Ja, so ist es. Ich habe einen triftigen Grund: Jetzt habe ich endlich wieder alle Tassen im Schrank. So ein Glück!
Dieser Floh- und Kuriositätenmarkt, findet jeden Samstag von 8 bis 16 Uhr im Kanzlei-Areal beim Helvetiaplatz in CH-8004 Zürich statt.
Samstag, 5. November 2005
Ein weiter Horizont ist an vielen Orten zu finden
„Wir alle haben den gleichen Himmel, aber unseren eigenen, persönlichen Horizont.“ Diesen vieldeutigen Satz sprach Ingrid aus Köln aus, als wir uns über die Eindrücke der weiten Landschaft äusserten. Während ich den tiefen Horizont so erlebte, als könnte ich den Himmel betreten, wenn ich nur genügend lange in gleicher Richtung führe, sprachen unsere deutschen Freunde mit Begeisterung von den Horizonten in den Schweizer Bergen.
Gerne hätte ich sie am letzten Sonntag auf eine Wanderung zur Farneralp ins Zürcher Oberland mitgenommen und ihnen das Panorama vom Toggenburg bis zu den Berner Alpen gezeigt. Für Primo und mich war es ein goldener Tag, ausgeleuchtet von einer milden Herbstsonne, einem blauen Himmel und mit Farbtupfern noch belaubter Bäume. Kontraste zu den stotzigen, grünen Hängen.
Das Zürcher Oberland ist eine faltenreiche, abwechslungsreiche Gegend, voralpin, mit vielen Wandermöglichkeiten für alle, die gerne aufwärts gehen.
Am Abend, anstatt sofort wieder mit dem Postauto ins Tal zu fahren, setzten wir uns in Faltigberg auf eine Bank vor die Höhenklinik und schauten zu, wie sich der Tag verabschiedete. Wie die Sonne unterging. Wir blieben so lange, bis sich das fahle Gelb über die Silhouetten senkte und bald einmal die Venus als Abendstern aufging. Da sassen wir ganz alleine an einem Ort, wo noch vor Stunden viel Bewegung war. Das Panorama von den Glarner bis zu den Berner Alpen ist hier beeindruckend und hat sicher alle, die heute auch hierher kamen, so fasziniert wie uns.
Dann bei einbrechender Dunkelheit waren alle Menschen plötzlich verschwunden. Unser modernes Leben will es so. Nachtet es ein, gehen wir in die Häuser, zünden das Licht an und alle Schönheit von draussen ist ausgesperrt und ausgelöscht. Für diesmal fügten wir uns diesem Automatismus nicht. Wir blieben sitzen, länger als eine Stunde, offen für die kleinsten Veränderungen am Himmel. Bis die Nacht dann endgültig angekommen war. Wie gut, dass uns das Postauto danach sicher und bequem nach Wald ZH führen konnte. Ein Rückweg zu Fuss hätte mir etwas Angst gemacht. In Rüti ZH, als wir den Zug nach Zürich erwarteten, tanzten goldene Fetzen vor meinen Augen. Es war offenbar etwas viel, was ich ihnen heute zugemutet hatte.
Ferdinand Hodler malte in seinen Bildern Farbstimmungen aus dem Gebiet Genfersee, wie wir sie geschaut hatten. Und der Fotograf Otto Eggmann fotografierte für seinen Fotoband „Zürcher Oberland“ die erlebte Szene am ähnlichen Standort. Kunst und Natur brauchen einander. Kunst will die schönen Momente bewahren und Natur regt zum Malen und Fotografieren an.
Die Farben des letzten Sonntags will ich nun in die dunkle Jahreszeit mitnehmen. Nicht nur wie eine Konserve im Fotobuch oder auf einem Gemälde. Als etwas Lebendiges, als bewegtes Licht.
Gerne hätte ich sie am letzten Sonntag auf eine Wanderung zur Farneralp ins Zürcher Oberland mitgenommen und ihnen das Panorama vom Toggenburg bis zu den Berner Alpen gezeigt. Für Primo und mich war es ein goldener Tag, ausgeleuchtet von einer milden Herbstsonne, einem blauen Himmel und mit Farbtupfern noch belaubter Bäume. Kontraste zu den stotzigen, grünen Hängen.
Das Zürcher Oberland ist eine faltenreiche, abwechslungsreiche Gegend, voralpin, mit vielen Wandermöglichkeiten für alle, die gerne aufwärts gehen.
Am Abend, anstatt sofort wieder mit dem Postauto ins Tal zu fahren, setzten wir uns in Faltigberg auf eine Bank vor die Höhenklinik und schauten zu, wie sich der Tag verabschiedete. Wie die Sonne unterging. Wir blieben so lange, bis sich das fahle Gelb über die Silhouetten senkte und bald einmal die Venus als Abendstern aufging. Da sassen wir ganz alleine an einem Ort, wo noch vor Stunden viel Bewegung war. Das Panorama von den Glarner bis zu den Berner Alpen ist hier beeindruckend und hat sicher alle, die heute auch hierher kamen, so fasziniert wie uns.
Dann bei einbrechender Dunkelheit waren alle Menschen plötzlich verschwunden. Unser modernes Leben will es so. Nachtet es ein, gehen wir in die Häuser, zünden das Licht an und alle Schönheit von draussen ist ausgesperrt und ausgelöscht. Für diesmal fügten wir uns diesem Automatismus nicht. Wir blieben sitzen, länger als eine Stunde, offen für die kleinsten Veränderungen am Himmel. Bis die Nacht dann endgültig angekommen war. Wie gut, dass uns das Postauto danach sicher und bequem nach Wald ZH führen konnte. Ein Rückweg zu Fuss hätte mir etwas Angst gemacht. In Rüti ZH, als wir den Zug nach Zürich erwarteten, tanzten goldene Fetzen vor meinen Augen. Es war offenbar etwas viel, was ich ihnen heute zugemutet hatte.
Ferdinand Hodler malte in seinen Bildern Farbstimmungen aus dem Gebiet Genfersee, wie wir sie geschaut hatten. Und der Fotograf Otto Eggmann fotografierte für seinen Fotoband „Zürcher Oberland“ die erlebte Szene am ähnlichen Standort. Kunst und Natur brauchen einander. Kunst will die schönen Momente bewahren und Natur regt zum Malen und Fotografieren an.
Die Farben des letzten Sonntags will ich nun in die dunkle Jahreszeit mitnehmen. Nicht nur wie eine Konserve im Fotobuch oder auf einem Gemälde. Als etwas Lebendiges, als bewegtes Licht.
Freitag, 21. Oktober 2005
Schweizer Post: Doppelgesichtige Sondermarke Matterhorn
Stephan Eicher, der bekannte Musiker, gestaltete eine Sondermarke für die Schweizer Post. Sie ist schon seit März 2005 im Umlauf. Eine ganz eigenwillige Erscheinung. Gar nicht so leicht zu beschreiben. Sie weist den Wert von 85 Rappen auf und ist doppelgesichtig.
Sie zeigt uns das Matterhorn. Der Aufdruck HELVETIA, den jede Schweizer Briefmarke auf sich trägt, ist hier aber absichtlich verkehrt aufgedruckt. Nur die Zahl 85 ist normal zu lesen. Wende ich dann die Marke, kann ich HELVETIA lesen. Nun stehen aber die Zahlen auf dem Kopf. Und aus dem Matterhorn ist der Kontinent Afrika geworden.
Wie man heute weiss, stammen die letzten rund 1000 Höhenmeter des Matterhorns ursprünglich aus Afrika. Es sind Teile der afrikanischen Kontinentalplatte, die sich in vielen Jahrmillionen zu uns hin verschoben und aufgetürmt haben. Eicher bedankt sich deshalb beim afrikanischen Kontinent dafür und nennt seine Briefmarke „Merci“.
Ich habe jetzt gleich nochmals einen Vorrat solcher Sondermarken angelegt. Ich möchte sie noch oft benützen und mich weiterhin verunsichern lassen. Denn jedesmal, wenn ich sie aufgeklebt habe, ist mein Ordnungssinn irritiert. Entweder ist die Zahl 85 nicht normal zu lesen oder dann schauen die HELVETIA-Buchstaben aus, als seien sie aus einer russischen Schrift gestaltet.
Es ist hier unmöglich, alles in herkömmlicher, braver Norm zu sehen. Und das tut gut. Die eigene Sicht der Dinge ist sowieso nicht allumfassend. Ebenso verhält es sich mit den Gedanken. Nur wenn wir sie drehen und wenden, können wir zu neuen Anschauungen und kreativen Lösungen gelangen.
Ich hoffe, dass ich eines Tages auch eine so geniale Entdeckung mache wie der Künstler, der im Matterhorn den afrikanischen Kontinent gesehen hat.
Hinweise
Link zur Abbildung der Briefmarke
Sie zeigt uns das Matterhorn. Der Aufdruck HELVETIA, den jede Schweizer Briefmarke auf sich trägt, ist hier aber absichtlich verkehrt aufgedruckt. Nur die Zahl 85 ist normal zu lesen. Wende ich dann die Marke, kann ich HELVETIA lesen. Nun stehen aber die Zahlen auf dem Kopf. Und aus dem Matterhorn ist der Kontinent Afrika geworden.
Wie man heute weiss, stammen die letzten rund 1000 Höhenmeter des Matterhorns ursprünglich aus Afrika. Es sind Teile der afrikanischen Kontinentalplatte, die sich in vielen Jahrmillionen zu uns hin verschoben und aufgetürmt haben. Eicher bedankt sich deshalb beim afrikanischen Kontinent dafür und nennt seine Briefmarke „Merci“.
Ich habe jetzt gleich nochmals einen Vorrat solcher Sondermarken angelegt. Ich möchte sie noch oft benützen und mich weiterhin verunsichern lassen. Denn jedesmal, wenn ich sie aufgeklebt habe, ist mein Ordnungssinn irritiert. Entweder ist die Zahl 85 nicht normal zu lesen oder dann schauen die HELVETIA-Buchstaben aus, als seien sie aus einer russischen Schrift gestaltet.
Es ist hier unmöglich, alles in herkömmlicher, braver Norm zu sehen. Und das tut gut. Die eigene Sicht der Dinge ist sowieso nicht allumfassend. Ebenso verhält es sich mit den Gedanken. Nur wenn wir sie drehen und wenden, können wir zu neuen Anschauungen und kreativen Lösungen gelangen.
Ich hoffe, dass ich eines Tages auch eine so geniale Entdeckung mache wie der Künstler, der im Matterhorn den afrikanischen Kontinent gesehen hat.
Hinweise
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