Das Dach eines unserer Reihenhäuser an der Hardturmstrasse in Zürich
wird renoviert. Die Ziegel werden abgetragen und eine neue Isolation
eingesetzt. Von meinem Arbeitsplatz im 1. Stock kann ich den Männern bei
der Arbeit zuschauen. Ich bewundere die Leichtigkeit und Sicherheit,
mit der sie sich bewegen und einander die Ziegel zuwerfen.
Dann wende ich mich wieder meiner Arbeit zu. Und doch nimmt meine
linke Gesichtshälfte alle Bewegungen dieser Arbeiter wahr, obwohl ich
mich doch auf den Bildschirm konzentriere. Männer auf dem Dach vis-à-vis
und Bewegungen dort oben sind eben ungewohnt. Auf einmal „sehe“ ich rot
und schaue auf. Da kann ich beobachten, wie einer der Dachdecker
sorgsam eine Schweizer Fahne aus der Seitenwand der Lukarne herauszieht.
Jetzt rollt er sie auf und bewegt sie leicht, schaut den Stoffwellen
nach. Wie feinfühlig er das macht! Dann nimmt er den Hammer in die Hand,
holt aus der Hosentasche einen Nagel und befestigt die Fahne am
obersten Punkt des Giebelfensters. Dann strahlt er. Er weiss gar nicht,
dass er beobachtet wird.
Nun öffne ich mein Fenster und rufe herüber: „Super!“ Er lacht. Er
hoffe noch auf ein kleines Aufrichtefest. Diese Fahne diene nun als
Aufrichtebaum. Der Mann spricht gebrochen deutsch. Dass er die Fahne
beinahe liebkost hat, heisst vielleicht, dass er das Schweizer
Bürgerrecht bekommen hat oder dass er froh ist, hier arbeiten zu können.
Geschichten von Rita Lorenzetti-Hess aus Zürich-Altstetten und
Archiv sämtlicher Blog-Beiträge aus der Zeit beim Textatelier Hess von Biberstein
Dienstag, 30. August 2005
Donnerstag, 25. August 2005
Platzspitz Zürich: Wo sich auch Limmat und Sihl treffen
Durch den Platzspitz spazieren heisst, dem hektischen Zürich den Rücken kehren. Das Gebiet hinter dem Landesmuseum wurde von den beiden Flüssen Limmat und Sihl in jahrhundertelanger Arbeit zu einem Dreieck geformt. Der Platz, heute ein Park, mündet in einen Spitz. Dort treffen die beiden Flüsse aufeinander und vereinigen sich.
Hier wurde 1883 die erste schweizerische Landesausstellung abgehalten. Den Park erlebte ich als Kind als einen Ort zum Flanieren. Die Rasenflächen gehörten dem Auge, die Wege den Füssen. „Rasen betreten verboten“ war damals eine respektierte Weisung. Niemand lag auf öffentlichen Wiesen herum. Das schickte sich nicht. Manchmal erklang romantische Musik oder Belcanto-Gesang vom Pavillon herab. Für die Kinder aus dem angrenzenden Industriequartier war der Park etwas Sonntägliches und das Grün der Flächen und alten Bäume ein Kontrast zum Schulweg und Alltag in der Umgebung von Fabriken.
Dieser Ort erlangte mit der offenen Drogenszene als „Needlepark“ dann traurige Berühmtheit. Seit 1993 steht der Park aber wieder allen offen. Er ist gereinigt, saniert. Die alten Bäume formen sich gegen den Spitz hin zu einem beeindruckend weiten Raum. Draussen, vor dem Gitter, plätschert kühles Wasser. Die Brunnenfiguren – eine Seejungfrau und ihr männlicher Partner – tanzen zur Vereinigung der beiden Flüsse. Seit Jahrzehnten steht der schöne Brunnen an diesem Ort. Hier gehen viele Menschen vorüber. Es sind Wege, die der Alltag bestimmt. Touristen kommen seltener bis hierher.
Nun ist das Drogenelend im Park erneut sichtbar, in Form einer Fotoausstellung im Freien. 30 Panoramafotografien von Michael von Graffenried säumen den Hauptweg und führen uns das von Drogen bestimmte, elende Leben vor Augen. Ein Gegenstück zu den hier lebenden Bäumen. Was sagt wohl der Ginkgo dazu, wenn er das erneut ansehen muss? Er, der Lebensfreude und Lebenskraft verkörpert und von uns als Lebensbaum verehrt wird.
Und im Landesmuseum selber wurden Heiligenfiguren aus dem Schlaf geweckt. In der Mittelalterabteilung stehen jetzt Fotos von Michael von Graffenried mit ihnen „im Gespräch“. Und eine der Rahmenveranstaltungen weist auf die Sehn-Süchte beider Gruppen hin. Das Thema des Vortrags von Prof. Jakob Tanner: „Von religiöser Ekstase zu Ecstasy.“
Jetzt nochmals zurück zum Brunnen am Spitz: Gehen wir über die Limmatbrücke, treffen wir am andern Ufer auf die 1928 erbauten Rotach-Häuser, die neuerdings auf der Pro-Patria-Briefmarke (85 Rp.) abgebildet sind. Hinter ihrem Grün-Versteck auf der schmalen Insel, die einen Kanal abtrennt, musste auch ich sie suchen, als ich von ihrer Auszeichnung las.
Zum Sihlquai zurückgekehrt, finden wir einen grossen Fliegenpilz, der aus dem Strunk eines abgeholzten Baumes geschnitten und farbig angemalt worden ist. Nochmals eine Markierung der einstigen offenen Drogenhölle. Das Sihlquai, früher sicher ein Ort zum Promenieren, gehört heute nur noch dem Autoverkehr. Hier fahre ich trotzdem gern mit dem Velo heimwärts. Die Luft ist durch den Wasserraum frischer. Ich mag auch die Rosskastanienbäume, die das Trottoir überdachen.
Im Juli entdeckte ich im Flussbett, das wenig Wasser führte, aus Steinen gestaltete Figuren, vermutlich Werke von Ueli Grass. Seit Jahren überrascht er uns mit seinen Steinsetzungen am See. Nun erstmals in der Limmat? Ich weiss es nicht. Fest standen sie da, wie Wächter eines Reviers und mir schien, in freundlichem Austausch untereinander. Wie kommt es, dass sich aufgeschichtete Steine aneinander festhalten, dem Wind trotzen, ohne dass ein Hilfsmittel verwendet worden ist?
Alles was es dazu brauche, seien schwere Steine, ruhige Hände und Zeit, lese ich auf Grass‘ Homepage.
3 Tage waren die Steinsetzungen für mich sichtbar. Dann kam der grosse Regen, und die Wassermassen zerstörten sie.
Ein Spiel, ohne traurig zu werden, wenn es aus ist.
Hinweise
Infos zur 1. Landesausstellung 1883
Platzspitz
Hier wurde 1883 die erste schweizerische Landesausstellung abgehalten. Den Park erlebte ich als Kind als einen Ort zum Flanieren. Die Rasenflächen gehörten dem Auge, die Wege den Füssen. „Rasen betreten verboten“ war damals eine respektierte Weisung. Niemand lag auf öffentlichen Wiesen herum. Das schickte sich nicht. Manchmal erklang romantische Musik oder Belcanto-Gesang vom Pavillon herab. Für die Kinder aus dem angrenzenden Industriequartier war der Park etwas Sonntägliches und das Grün der Flächen und alten Bäume ein Kontrast zum Schulweg und Alltag in der Umgebung von Fabriken.
Dieser Ort erlangte mit der offenen Drogenszene als „Needlepark“ dann traurige Berühmtheit. Seit 1993 steht der Park aber wieder allen offen. Er ist gereinigt, saniert. Die alten Bäume formen sich gegen den Spitz hin zu einem beeindruckend weiten Raum. Draussen, vor dem Gitter, plätschert kühles Wasser. Die Brunnenfiguren – eine Seejungfrau und ihr männlicher Partner – tanzen zur Vereinigung der beiden Flüsse. Seit Jahrzehnten steht der schöne Brunnen an diesem Ort. Hier gehen viele Menschen vorüber. Es sind Wege, die der Alltag bestimmt. Touristen kommen seltener bis hierher.
Nun ist das Drogenelend im Park erneut sichtbar, in Form einer Fotoausstellung im Freien. 30 Panoramafotografien von Michael von Graffenried säumen den Hauptweg und führen uns das von Drogen bestimmte, elende Leben vor Augen. Ein Gegenstück zu den hier lebenden Bäumen. Was sagt wohl der Ginkgo dazu, wenn er das erneut ansehen muss? Er, der Lebensfreude und Lebenskraft verkörpert und von uns als Lebensbaum verehrt wird.
Und im Landesmuseum selber wurden Heiligenfiguren aus dem Schlaf geweckt. In der Mittelalterabteilung stehen jetzt Fotos von Michael von Graffenried mit ihnen „im Gespräch“. Und eine der Rahmenveranstaltungen weist auf die Sehn-Süchte beider Gruppen hin. Das Thema des Vortrags von Prof. Jakob Tanner: „Von religiöser Ekstase zu Ecstasy.“
Jetzt nochmals zurück zum Brunnen am Spitz: Gehen wir über die Limmatbrücke, treffen wir am andern Ufer auf die 1928 erbauten Rotach-Häuser, die neuerdings auf der Pro-Patria-Briefmarke (85 Rp.) abgebildet sind. Hinter ihrem Grün-Versteck auf der schmalen Insel, die einen Kanal abtrennt, musste auch ich sie suchen, als ich von ihrer Auszeichnung las.
Zum Sihlquai zurückgekehrt, finden wir einen grossen Fliegenpilz, der aus dem Strunk eines abgeholzten Baumes geschnitten und farbig angemalt worden ist. Nochmals eine Markierung der einstigen offenen Drogenhölle. Das Sihlquai, früher sicher ein Ort zum Promenieren, gehört heute nur noch dem Autoverkehr. Hier fahre ich trotzdem gern mit dem Velo heimwärts. Die Luft ist durch den Wasserraum frischer. Ich mag auch die Rosskastanienbäume, die das Trottoir überdachen.
Im Juli entdeckte ich im Flussbett, das wenig Wasser führte, aus Steinen gestaltete Figuren, vermutlich Werke von Ueli Grass. Seit Jahren überrascht er uns mit seinen Steinsetzungen am See. Nun erstmals in der Limmat? Ich weiss es nicht. Fest standen sie da, wie Wächter eines Reviers und mir schien, in freundlichem Austausch untereinander. Wie kommt es, dass sich aufgeschichtete Steine aneinander festhalten, dem Wind trotzen, ohne dass ein Hilfsmittel verwendet worden ist?
Alles was es dazu brauche, seien schwere Steine, ruhige Hände und Zeit, lese ich auf Grass‘ Homepage.
3 Tage waren die Steinsetzungen für mich sichtbar. Dann kam der grosse Regen, und die Wassermassen zerstörten sie.
Ein Spiel, ohne traurig zu werden, wenn es aus ist.
Hinweise
Infos zur 1. Landesausstellung 1883
Platzspitz
Mittwoch, 17. August 2005
Im Zug-Fahrpreis inbegriffen: Kontakte und Geschichten
Der Zug fährt los. Die alte Maria winkt. Sie hat mich auf den Bahnhof
begleitet. Sie freute sich, dass ich sie besuchte und ihr zuhörte, wie
ihr Leben war und ist. Sie zeigte mir Orte, wo Primos Vorfahren lebten
und erzählte spannende Geschichten.
Nun bin ich wieder allein, freue mich auf die Heimfahrt. Eisenbahnfahrten sind für mich Erholung und eine Form von Meditation. Nur auf die Landschaft schauen, wie sie vorbeizieht, und wissen, dass sie doch stillsteht, tut mir gut. Ihren Formen und Linien folgen, einzelne Bäume bewundern, die Farben und Lichteinfälle aufnehmen, das ist Glück für mich.
Im Nu sind wir in Sargans. Es steigen etliche Leute zu. Zu mir setzt sich ein klein gewachsener, älterer Mann und grüsst freundlich. Seine wachen Augen signalisieren Kontaktfreude und Offenheit. Ich spüre, dass er mit mir plaudern will. „Oh nein!“, denke ich. Ich möchte auch den Rest der Heimfahrt mit der Landschaft und ihren Bergen allein geniessen, meine Ruhe haben.
Der Mann achtet nicht auf meine zurückgezogene Haltung, gibt nicht auf, auch wenn ich seine Fragen äusserst knapp beantworte. Aber bald einmal bewundern wir zusammen das, was die Fahrt uns bietet. Wir freuen uns an Gleichem. Der Mann, der von einer Wanderung heimkehrt, erzählt dann, wie es ihm heute ergangen ist, wie das Wetter war, wie sich die Wege präsentierten und wie er Kraft bekomme, wenn er wandere. Als der heutige Tag beschrieben war, blätterte er in seinen Erinnerungen weiter zurück und berichtete von einer lange zurückliegenden, gefährlichen Passüberquerung, wo er den Weg verloren hatte und auf einer Geröllhalde abstürzte. Unten sei er überraschend von einem unbekannten Mann aufgefangen worden. Dieser habe ihm auf die Beine geholfen und den weiteren Weg gezeigt. Glücklicherweise blieb er unverletzt. Ehe er recht zu sich gekommen sei, war der Retter verschwunden.
Jetzt wird es still in unserem Abteil. Der Gesichtsausdruck des Erzählers erscheint plötzlich seltsam verklärt. Die Erinnerungen berühren ihn offensichtlich stark. Er frage sich immer noch, wer ihm geholfen habe. Dann sagte er: „Da gehst du 50 Jahre deiner Wege, meinst alles aus dir selbst heraus zu können und die Ziele allein zu finden – und dann das! Das macht bescheiden.“
Nun ist der Redefluss versickert. Erst kurz vor Zürich höre ich noch, dass er mit seinem behinderten Sohn im gleichen Haushalt lebe. Eine grosse Aufgabe für ihn, die ihn immer wieder an Grenzen führe. Darum schätze er Ausflüge und Wanderungen und die sich ergebenden Kontakte. Daraus schöpfe er die nötige Zuversicht.
Als wir uns verabschieden, weiss ich, dass ich nun jedes Mal, wenn ich mit dem Zug zwischen Sargans und Zürich unterwegs bin, an ihn denke.
Nun bin ich wieder allein, freue mich auf die Heimfahrt. Eisenbahnfahrten sind für mich Erholung und eine Form von Meditation. Nur auf die Landschaft schauen, wie sie vorbeizieht, und wissen, dass sie doch stillsteht, tut mir gut. Ihren Formen und Linien folgen, einzelne Bäume bewundern, die Farben und Lichteinfälle aufnehmen, das ist Glück für mich.
Im Nu sind wir in Sargans. Es steigen etliche Leute zu. Zu mir setzt sich ein klein gewachsener, älterer Mann und grüsst freundlich. Seine wachen Augen signalisieren Kontaktfreude und Offenheit. Ich spüre, dass er mit mir plaudern will. „Oh nein!“, denke ich. Ich möchte auch den Rest der Heimfahrt mit der Landschaft und ihren Bergen allein geniessen, meine Ruhe haben.
Der Mann achtet nicht auf meine zurückgezogene Haltung, gibt nicht auf, auch wenn ich seine Fragen äusserst knapp beantworte. Aber bald einmal bewundern wir zusammen das, was die Fahrt uns bietet. Wir freuen uns an Gleichem. Der Mann, der von einer Wanderung heimkehrt, erzählt dann, wie es ihm heute ergangen ist, wie das Wetter war, wie sich die Wege präsentierten und wie er Kraft bekomme, wenn er wandere. Als der heutige Tag beschrieben war, blätterte er in seinen Erinnerungen weiter zurück und berichtete von einer lange zurückliegenden, gefährlichen Passüberquerung, wo er den Weg verloren hatte und auf einer Geröllhalde abstürzte. Unten sei er überraschend von einem unbekannten Mann aufgefangen worden. Dieser habe ihm auf die Beine geholfen und den weiteren Weg gezeigt. Glücklicherweise blieb er unverletzt. Ehe er recht zu sich gekommen sei, war der Retter verschwunden.
Jetzt wird es still in unserem Abteil. Der Gesichtsausdruck des Erzählers erscheint plötzlich seltsam verklärt. Die Erinnerungen berühren ihn offensichtlich stark. Er frage sich immer noch, wer ihm geholfen habe. Dann sagte er: „Da gehst du 50 Jahre deiner Wege, meinst alles aus dir selbst heraus zu können und die Ziele allein zu finden – und dann das! Das macht bescheiden.“
Nun ist der Redefluss versickert. Erst kurz vor Zürich höre ich noch, dass er mit seinem behinderten Sohn im gleichen Haushalt lebe. Eine grosse Aufgabe für ihn, die ihn immer wieder an Grenzen führe. Darum schätze er Ausflüge und Wanderungen und die sich ergebenden Kontakte. Daraus schöpfe er die nötige Zuversicht.
Als wir uns verabschieden, weiss ich, dass ich nun jedes Mal, wenn ich mit dem Zug zwischen Sargans und Zürich unterwegs bin, an ihn denke.
Montag, 15. August 2005
Die Zürcher Street-Parade-Strassen sind jetzt wieder sauber
Die Strassen der Stadt Zürich sind nun wieder sauber, harmlos,
der Urin-Geruch dank des Regens aufgelöst, die Ruhe eingekehrt. Meine
Tochter Letizia, die am Sonntag sehr früh durch die Bahnhofhalle kam, erzählte, dass die Schuhe im Schmutz kleben geblieben seien.
Ich war am Samstag auf dem Weg in meinen Dienst innerhalb der Menschenströme, die an die Street Parade gekommen waren, unterwegs. Da konnte ich gerade froh sein, dass ich das Limmatquai noch überqueren konnte. Trotz des kühlen Wetters sah man viele entblösste Leiber. Viele Frauen im Bikini mit Netzstrümpfen. Da war einfach jeder gute Geschmack unbekannt.
Am schlimmsten für mich: Jede kleine Bar und beinahe jeder Kiosk in meinem Umfeld war mit einer Verstärkeranlage ausgerüstet. Wo ich auch hinkam, dröhnte es. Da werden sicher Gehörschäden davongetragen.
Das grosse Problem: Die Drogen! Der „Tages-Anzeiger“ titelt heute (15. 8. 2005): „Positive Partybilanz trotz Drogenrekord“ und schreibt: „... die Zahlen der Polizei überschatten die Bilanz: 182 Personen mussten wegen Drogen- oder Alkoholmissbrauchs betreut werden, 70 % mehr als an der letztjährigen Parade. 40 Personen wurden wegen Dealer-Tätigkeit verhaftet.“
Wenn ich heute die Bilder in der Zeitung anschaue, dann weiss ich wieder einmal: Ich bin von einem anderen Planeten. Ich kann dieses Ausflippen auf „Teufel komm raus!“ nicht nachvollziehen. Dabei freute ich mich am Samstag, als ich die 15 Tips („Tun und Lassen“) las. Z. B. „NO DRUGS, NO DEALING, GOOD FEELING!“
„Werdet nicht selber Opfer des Klischees, dass man nur mit Drogen feiern könne. Niemals Drogen mixen! Alkohol und Partydrogen zusammen können lebensgefährlich sein. Glaubt den Dealern nichts; denen ist euer Leben egal. Lügt euch nicht selbst an. Drogenfrei abtanzen ist geil genug.“
Das diesjährige Motto hiess TODAY IST TOMORROW − Heute ist Morgen! – auf Schäden hinweisend, die in der Zukunft auftreten können. Mir imponierte der Blick auf die Vernunft.
Ich bezweifle aber, dass solche Aufrufe im Massentaumel überhaupt noch gehört werden können.
Keine Freude habe ich verspürt, als ich vor einer Stunde den Organisator am Radio verkünden hörte: Auch nächstes Jahr (2006) findet die Street Parade statt.
Ich war am Samstag auf dem Weg in meinen Dienst innerhalb der Menschenströme, die an die Street Parade gekommen waren, unterwegs. Da konnte ich gerade froh sein, dass ich das Limmatquai noch überqueren konnte. Trotz des kühlen Wetters sah man viele entblösste Leiber. Viele Frauen im Bikini mit Netzstrümpfen. Da war einfach jeder gute Geschmack unbekannt.
Am schlimmsten für mich: Jede kleine Bar und beinahe jeder Kiosk in meinem Umfeld war mit einer Verstärkeranlage ausgerüstet. Wo ich auch hinkam, dröhnte es. Da werden sicher Gehörschäden davongetragen.
Das grosse Problem: Die Drogen! Der „Tages-Anzeiger“ titelt heute (15. 8. 2005): „Positive Partybilanz trotz Drogenrekord“ und schreibt: „... die Zahlen der Polizei überschatten die Bilanz: 182 Personen mussten wegen Drogen- oder Alkoholmissbrauchs betreut werden, 70 % mehr als an der letztjährigen Parade. 40 Personen wurden wegen Dealer-Tätigkeit verhaftet.“
Wenn ich heute die Bilder in der Zeitung anschaue, dann weiss ich wieder einmal: Ich bin von einem anderen Planeten. Ich kann dieses Ausflippen auf „Teufel komm raus!“ nicht nachvollziehen. Dabei freute ich mich am Samstag, als ich die 15 Tips („Tun und Lassen“) las. Z. B. „NO DRUGS, NO DEALING, GOOD FEELING!“
„Werdet nicht selber Opfer des Klischees, dass man nur mit Drogen feiern könne. Niemals Drogen mixen! Alkohol und Partydrogen zusammen können lebensgefährlich sein. Glaubt den Dealern nichts; denen ist euer Leben egal. Lügt euch nicht selbst an. Drogenfrei abtanzen ist geil genug.“
Das diesjährige Motto hiess TODAY IST TOMORROW − Heute ist Morgen! – auf Schäden hinweisend, die in der Zukunft auftreten können. Mir imponierte der Blick auf die Vernunft.
Ich bezweifle aber, dass solche Aufrufe im Massentaumel überhaupt noch gehört werden können.
Keine Freude habe ich verspürt, als ich vor einer Stunde den Organisator am Radio verkünden hörte: Auch nächstes Jahr (2006) findet die Street Parade statt.
Sonntag, 7. August 2005
Friedhöfe: Orte der Trauer, Geschichte und Sinnfindung
In diesen Tagen beschäftige ich mich mehr als sonst mit dem Friedhof,
dem Tod, den Sinnfragen, ohne dass ich einen Mitmenschen zu beklagen
hätte. Ich bin auf einen von Historikerinnen geführten Rundgang durch
den Friedhof Sihlfeld in Zürich mitgegangen. Als Kind betrat ich
diesen Ort eher ängstlich. Heute aber ist er für mich ein Fried-Hof, wo
die Alltagshektik ausgeblendet ist. Die Grünflächen tun das ihre, so
dass wir uns da wohl fühlen können, an einem Ort, wo hauptsächlich die
Trauer dominiert. Friedhöfe sind Oasen für die Lebenden. Seltsam. Da, wo
Menschen in die Erde gebettet werden, weil sie den Atem aushauchten,
atmen die Lungen der Stadt besonders kräftig.
Der Friedhof ist heute ein Park und nicht mehr ein Gottesacker wie zu Ulrich Zwinglis Zeiten. Nach einer Abbildung, die uns die Historikerinnen zeigten, war derjenige, der zu St. Peter gehörte, zur Zeit des Reformators, nur ein umgegrabenes Ackerfeld, ohne Schmuck, ohne verewigte Namen. Alle Menschen sollten nach seiner Auffassung im Sterben gleich sein. Die Toten im Erdreich waren dem Vergessen übergeben. Heute pflegen wir die Gräber und mit ihnen die Erinnerung an Verstorbene mit persönlichen Grabmalen. Sie bleiben zirka 25 Jahre unberührt. Erst dann wird das jeweilige Feld umgegraben. Die Stadt Zürich verfüge über 24 Friedhöfe und 60 000 Gräber, hörte ich auf diesem spannenden „Frauenstadtrundgang“ zum Thema „Die Frauen und der Tod“.
Die Historikerinnen hatten vor allem die Stellung der Frau in der früheren Gesellschaft im Fokus. Sie wiesen auf Bräuche früherer Jahrhunderte hin. Sie zeigten uns Gräber mit symbolischen Darstellungen als Zeugen sich wandelnder Anschauungen. Sie berichteten auch über frühen Kindstod und Kindbettfieber und dass für diese Mütter und Kinder damals am Rande des Friedhofs ein speziell abgestecktes Feld zur Verfügung stand. Man wusste noch wenig über die Ursachen dieser grossen Sterblichkeit und grenzte die so verstorbenen Frauen und Kinder als Vorsichtsmassnahme aus.
Die jungen Historikerinnen stellten fest, dass es keine Gräber mit Familiennamen der Frau gäbe, auch keine Frauengrabmale mit Hinweisen auf ihren Beruf. In solchen Momenten berührt es mich eigenartig, dass ich von jungen Frauen darüber belehrt werde, was in meinem Leben Normalität war. Noch nicht lange können Frauen ihren angestammten Familiennamen auch in der Ehe weiter benützen und die berufliche Förderung der Frau ist ebenfalls noch nicht sehr alt.
Ganz anders das Thema im Friedhof Enzenbühl. Beim Teich mit der Figur der trauernden Frau konnten wir uns auf einfache Bänke setzen und beim Einnachten ein vom „Theater Elch“ inszeniertes „Streit- und Trostgespräch vom Tode“ – ich würde es „mit dem Tode“ nennen – mitverfolgen. Faszinierend. Der Ort, die Stimmung, die alten Bäume, die uns grossräumig umschlossen, die feine, durch das ganze Stück tragende und uns entführende Musik, sie öffneten uns für die letzten Fragen unseres Menschseins.
Der „Ackermann aus Boehmen“, so der Titel des Stücks, streitet mit dem Tod, der ihm seine gute und treue Frau genommen hat.
Trauer kennen wir alle, nicht aber die Argumente des Todes. Und diese lieferte der Autor (Johannes von Tepl, 1428) in nachvollziehbarer Weise. Wie viele er davon vortrug! Und die an Bildern reiche Sprache! Udo Thies, der den Tod verkörperte, trat nicht als Sensemann auf. Seine Kleidung liess ihn nicht als Tod erkennen. Die schöne Jacke, die er trug, wüsste ich gern mein eigen! Er kam näher, ganz nahe. Vom andern Ufer kommend, überschritt er auch das Wasser. Aber die Kontrahenten konnten sich nicht einigen. Erst auf anderer Ebene und im Gespräch mit dem Ewigen wandelte sich die Trauer.
Nun liegt das Reclam-Taschenbuch mit dieser Geschichte auf meinem Arbeitstisch. Es ist mir auch innerlich nahe. Wo ich es auch öffne und hineinschaue, bin ich gepackt. Solche Kost habe ich jahrzehntelang nicht mehr bekommen. Ein Kontrapunkt zum Leben, das gegenwärtig in der Stadt fast ausschliesslich nur auf Spass und Unverfrorenheit ausgerichtet ist.
Dieses Spiel mit seinen grossartigen schauspielerischen Leistungen wird im August in Basel auf dem Friedhof Hörnli und in Bern im Bremgartenfried ebenfalls mehrmals aufgeführt. Am liebsten würde ich nochmals dabei sein.
Der Friedhof ist heute ein Park und nicht mehr ein Gottesacker wie zu Ulrich Zwinglis Zeiten. Nach einer Abbildung, die uns die Historikerinnen zeigten, war derjenige, der zu St. Peter gehörte, zur Zeit des Reformators, nur ein umgegrabenes Ackerfeld, ohne Schmuck, ohne verewigte Namen. Alle Menschen sollten nach seiner Auffassung im Sterben gleich sein. Die Toten im Erdreich waren dem Vergessen übergeben. Heute pflegen wir die Gräber und mit ihnen die Erinnerung an Verstorbene mit persönlichen Grabmalen. Sie bleiben zirka 25 Jahre unberührt. Erst dann wird das jeweilige Feld umgegraben. Die Stadt Zürich verfüge über 24 Friedhöfe und 60 000 Gräber, hörte ich auf diesem spannenden „Frauenstadtrundgang“ zum Thema „Die Frauen und der Tod“.
Die Historikerinnen hatten vor allem die Stellung der Frau in der früheren Gesellschaft im Fokus. Sie wiesen auf Bräuche früherer Jahrhunderte hin. Sie zeigten uns Gräber mit symbolischen Darstellungen als Zeugen sich wandelnder Anschauungen. Sie berichteten auch über frühen Kindstod und Kindbettfieber und dass für diese Mütter und Kinder damals am Rande des Friedhofs ein speziell abgestecktes Feld zur Verfügung stand. Man wusste noch wenig über die Ursachen dieser grossen Sterblichkeit und grenzte die so verstorbenen Frauen und Kinder als Vorsichtsmassnahme aus.
Die jungen Historikerinnen stellten fest, dass es keine Gräber mit Familiennamen der Frau gäbe, auch keine Frauengrabmale mit Hinweisen auf ihren Beruf. In solchen Momenten berührt es mich eigenartig, dass ich von jungen Frauen darüber belehrt werde, was in meinem Leben Normalität war. Noch nicht lange können Frauen ihren angestammten Familiennamen auch in der Ehe weiter benützen und die berufliche Förderung der Frau ist ebenfalls noch nicht sehr alt.
Ganz anders das Thema im Friedhof Enzenbühl. Beim Teich mit der Figur der trauernden Frau konnten wir uns auf einfache Bänke setzen und beim Einnachten ein vom „Theater Elch“ inszeniertes „Streit- und Trostgespräch vom Tode“ – ich würde es „mit dem Tode“ nennen – mitverfolgen. Faszinierend. Der Ort, die Stimmung, die alten Bäume, die uns grossräumig umschlossen, die feine, durch das ganze Stück tragende und uns entführende Musik, sie öffneten uns für die letzten Fragen unseres Menschseins.
Der „Ackermann aus Boehmen“, so der Titel des Stücks, streitet mit dem Tod, der ihm seine gute und treue Frau genommen hat.
Trauer kennen wir alle, nicht aber die Argumente des Todes. Und diese lieferte der Autor (Johannes von Tepl, 1428) in nachvollziehbarer Weise. Wie viele er davon vortrug! Und die an Bildern reiche Sprache! Udo Thies, der den Tod verkörperte, trat nicht als Sensemann auf. Seine Kleidung liess ihn nicht als Tod erkennen. Die schöne Jacke, die er trug, wüsste ich gern mein eigen! Er kam näher, ganz nahe. Vom andern Ufer kommend, überschritt er auch das Wasser. Aber die Kontrahenten konnten sich nicht einigen. Erst auf anderer Ebene und im Gespräch mit dem Ewigen wandelte sich die Trauer.
Nun liegt das Reclam-Taschenbuch mit dieser Geschichte auf meinem Arbeitstisch. Es ist mir auch innerlich nahe. Wo ich es auch öffne und hineinschaue, bin ich gepackt. Solche Kost habe ich jahrzehntelang nicht mehr bekommen. Ein Kontrapunkt zum Leben, das gegenwärtig in der Stadt fast ausschliesslich nur auf Spass und Unverfrorenheit ausgerichtet ist.
Dieses Spiel mit seinen grossartigen schauspielerischen Leistungen wird im August in Basel auf dem Friedhof Hörnli und in Bern im Bremgartenfried ebenfalls mehrmals aufgeführt. Am liebsten würde ich nochmals dabei sein.
Freitag, 29. Juli 2005
Oft stört mich das Wort „verkaufen“
Oft stört mich das Wort „verkaufen“. Ich kann mich einfach nicht
damit abfinden, dass wir jetzt alles verkaufen müssen. Unser Land, die
Berge, Landschaften, Orte, unsere Kultur, Gefühlswelten und vermutlich
noch die Sonnenuntergänge. Verpackt als „Produkt Schweiz“ wird das alles auf den Tourismus-Markt geworfen.
Was heisst verkaufen? Etwas abgeben gegen Bezahlung. Konsequent verstanden, ist die Schweiz dann nicht mehr da, wenn sie verkauft worden ist. Dann hat sie jemand mitgenommen, weggetragen, anderswo integriert. Das Bedeutungswörterbuch umschreibt das Wort verkaufen in gleichem Sinn: „(Als Händler) Ware zu einem bestimmten Preis gegen Bezahlung an jemanden abgeben.“
Auch Menschen werden häufig angetrieben, sich selbst oder sich selbst sogar noch besser als bisher zu verkaufen. In einem Vorstellungsgespräch heisst es jetzt häufig: „Verkaufen Sie sich!“, wenn Talente und Erfahrungen beschrieben werden müssen.
Auch Interessengruppen, politische Parteien usw., die sich und ihre Qualitäten ins Rampenlicht stellen wollen, befehlen sich: „Wir müssen uns besser verkaufen!“
Sich selber verkaufen? Eine neue Form von Sklavenhandel? Absurd.
Ich frage mich, wie sich diese ausbeuterische Bedeutung von „verkauft“ weiterentwickeln wird. Steht dieses Wort nach einigen Jahrzehnten vielleicht einmal für „futsch“ (unwiederbringlich verloren)?
Was heisst verkaufen? Etwas abgeben gegen Bezahlung. Konsequent verstanden, ist die Schweiz dann nicht mehr da, wenn sie verkauft worden ist. Dann hat sie jemand mitgenommen, weggetragen, anderswo integriert. Das Bedeutungswörterbuch umschreibt das Wort verkaufen in gleichem Sinn: „(Als Händler) Ware zu einem bestimmten Preis gegen Bezahlung an jemanden abgeben.“
Auch Menschen werden häufig angetrieben, sich selbst oder sich selbst sogar noch besser als bisher zu verkaufen. In einem Vorstellungsgespräch heisst es jetzt häufig: „Verkaufen Sie sich!“, wenn Talente und Erfahrungen beschrieben werden müssen.
Auch Interessengruppen, politische Parteien usw., die sich und ihre Qualitäten ins Rampenlicht stellen wollen, befehlen sich: „Wir müssen uns besser verkaufen!“
Sich selber verkaufen? Eine neue Form von Sklavenhandel? Absurd.
Ich frage mich, wie sich diese ausbeuterische Bedeutung von „verkauft“ weiterentwickeln wird. Steht dieses Wort nach einigen Jahrzehnten vielleicht einmal für „futsch“ (unwiederbringlich verloren)?
Samstag, 23. Juli 2005
Ins Samstagabend-Läuten in Zürich eingetaucht
Es war wie immer. Einfach schön. Bewegend. Etwas für die Seele.
Ulli und Norbert, die Gäste aus Deutschland, kamen mit. Wir wollten
miteinander ins Samstagabendläuten eintauchen.
Nach einem Rundgang durch Altstadtgassen sind wir auf dem Lindenhof angekommen. Kurz vor 19 Uhr. Hier erwarten wir den abendlichen Siebenuhr-Stundenschlag. Dann wird der Sonntag eingeläutet. Ein schwacher Wind spielt heute mit und trägt die Klänge stärker und schwächer zu uns.
Jetzt, beim Schreiben, erinnere ich mich ans Liebfrauen-Geläute aus der Ferne, dann ans Grossmünster, das einstimmt, an die Klänge der Glocken der Kirche zu Predigern, ein Geläute, das stark auftritt, weil uns direkt gegenüber. Fraumünster und St. Peter sind selbstverständlich auch dabei, aber von unserem Standort aus in der ersten Sequenz nicht speziell wahrnehmbar. Wir gehen langsam weg, bewegen uns auf die andere Seite dieses Hofs und werden dort von den Glocken der Augustinerkirche begrüsst. Hell und mit unbekümmertem Selbstbewusstsein empfinde ich ihren Klang. Dann verlassen wir den Lindenhof, gehen über die Treppe zum Rennweg und weiter nach St. Peter. Dort empfängt uns ein Geläut mit warmer Tiefe, das dem dicken Turm entspricht. Die Wände der Stützmauern vibrieren. In mir schwingt es, wie wenn ich russischen Chören lauschte. Hier möchte ich bleiben und weiss doch, dass wir zum Münsterhof weitergehen müssen, wenn wir innerhalb dieser wichtigen Viertelstunde auch das Grossmünster noch erreichen wollen.
So nehmen uns sehr rasch die leichter schwingenden Glocken von Fraumünster in ihren Bann, wenig später stehen wir auf der Münsterbrücke und finden das gemeinsame Schwingen und Klingen aller Glocken, dominiert von St. Peter. Das Ausklingen geniessen wir endlich vor dem Grossmünster. Unter der Linde sitzen wenige Menschen, still und beschaulich. Eine kleine, hell klingende Glocke setzt den Schlusspunkt. Da fliegen die Mauersegler nochmals um die Türme. Ich hatte schon vom Lindenhof aus bemerkt, dass sie beim Stundenschlag aufflogen.
Dann fährt ein Tram vorbei. Der Lärmpegel des Verkehrs übernimmt wieder das Szepter.
Unsere Gäste zeigen sich bewegt. Norbert hat bemerkt, dass wenige Schritte oder eine Drehung um sich selbst ein ganz anderes Hörerlebnis hervorrufen kann. Es ist auch immer spannend zu erleben, wie Mauern und Gassen Glocken ausschliessen oder zulassen. Und wir im Gehen ermöglichen, dass alle irgendwann Mittelpunkt sein können.
Nach einem Rundgang durch Altstadtgassen sind wir auf dem Lindenhof angekommen. Kurz vor 19 Uhr. Hier erwarten wir den abendlichen Siebenuhr-Stundenschlag. Dann wird der Sonntag eingeläutet. Ein schwacher Wind spielt heute mit und trägt die Klänge stärker und schwächer zu uns.
Jetzt, beim Schreiben, erinnere ich mich ans Liebfrauen-Geläute aus der Ferne, dann ans Grossmünster, das einstimmt, an die Klänge der Glocken der Kirche zu Predigern, ein Geläute, das stark auftritt, weil uns direkt gegenüber. Fraumünster und St. Peter sind selbstverständlich auch dabei, aber von unserem Standort aus in der ersten Sequenz nicht speziell wahrnehmbar. Wir gehen langsam weg, bewegen uns auf die andere Seite dieses Hofs und werden dort von den Glocken der Augustinerkirche begrüsst. Hell und mit unbekümmertem Selbstbewusstsein empfinde ich ihren Klang. Dann verlassen wir den Lindenhof, gehen über die Treppe zum Rennweg und weiter nach St. Peter. Dort empfängt uns ein Geläut mit warmer Tiefe, das dem dicken Turm entspricht. Die Wände der Stützmauern vibrieren. In mir schwingt es, wie wenn ich russischen Chören lauschte. Hier möchte ich bleiben und weiss doch, dass wir zum Münsterhof weitergehen müssen, wenn wir innerhalb dieser wichtigen Viertelstunde auch das Grossmünster noch erreichen wollen.
So nehmen uns sehr rasch die leichter schwingenden Glocken von Fraumünster in ihren Bann, wenig später stehen wir auf der Münsterbrücke und finden das gemeinsame Schwingen und Klingen aller Glocken, dominiert von St. Peter. Das Ausklingen geniessen wir endlich vor dem Grossmünster. Unter der Linde sitzen wenige Menschen, still und beschaulich. Eine kleine, hell klingende Glocke setzt den Schlusspunkt. Da fliegen die Mauersegler nochmals um die Türme. Ich hatte schon vom Lindenhof aus bemerkt, dass sie beim Stundenschlag aufflogen.
Dann fährt ein Tram vorbei. Der Lärmpegel des Verkehrs übernimmt wieder das Szepter.
Unsere Gäste zeigen sich bewegt. Norbert hat bemerkt, dass wenige Schritte oder eine Drehung um sich selbst ein ganz anderes Hörerlebnis hervorrufen kann. Es ist auch immer spannend zu erleben, wie Mauern und Gassen Glocken ausschliessen oder zulassen. Und wir im Gehen ermöglichen, dass alle irgendwann Mittelpunkt sein können.
Donnerstag, 14. Juli 2005
Der Ampèresteg in Zürich: Vorurteil und Auswirkung
Letzte Woche haben wir eine neue Brücke bekommen. Den Ampèresteg für Fussgänger und Velofahrende über die Limmat. Er verbindet Zürich-West mit Wipkingen.
Als die Betonpfeiler geschaffen und im Fluss verankert waren, wurden die beiden Brückenelemente angeliefert. Das Regionaljournal berichtete über das Schauspiel, als der grösste in der Schweiz verfügbare Baukran die eine Brückenhälfte durch die Lüfte hievte. Es musste dann leider vorzeitig abgebrochen werden. Die Bohrungen im Pfeiler entsprachen nicht den Verankerungsteilen am 2. Element. Dieses konnte erst später eingesetzt werden.
Vorerst also nur eine halbe Sache. Der Radio-Berichterstatter befragte dann einzelne Zuschauer, wie ihnen das Werk gefalle. Da hörte ich einen Mann voller Abscheu sprechen: Es handle sich bei dieser Brückenkonstruktion um ein U aus Beton. Die Seitenwände seien extrem hoch, aber mit Löchern versehen, damit wir Ausblick aufs Wasser fänden.
Eine Betonbrücke! Ich war enttäuscht und rechnete mir aus, dass mich dieser neue Schandfleck überleben werde. Solche Arbeiten können nicht sofort entsorgt werden, wenn sie den Anwohnern nicht gefallen. Als ich am Mittagstisch davon berichtete, stand ich auf und stellte mich in den Türrahmen meiner Küche und zeigte meinem Mann, wo ich die Ausgucklöcher vermute. Auf Augenhöhe – natürlich auf der meinen!
Am Nachmittag schaute ich mich einmal auf dem Bauplatz um. Die eine, schon gesetzte Hälfte wirkte nicht plump. Der andere Teil jedoch, auf der Ampèrestrasse liegend, wies viel höhere Seitenwände auf als ich sie mir vorgestellt hatte. Doch war die Brücke nicht aus Beton, sondern aus Stahl geschaffen. Trotz der grossen Ausmasse wirkte sie leicht. Und ich fand viele Löcher in den Seitenwänden, für viele Augenhöhen, nicht nur für die meine.
Jetzt ist der Steg eingeweiht. Dass er mir gefällt, verdanke ich jenem Mann, der sich übers Radio sehr abwertend äusserte. Das Vorurteil mit allen bösen Befürchtungen traf nicht zu. Darum freue ich mich. Die schwungvolle Konstruktion, die auf der Wipkingerseite schmal beginnt und sich nicht nur nach Zürich-West, sondern auch in die Höhe schwingt, gefällt mir jetzt. Sie deckt sogar noch die Brücke der Westtangente vorteilhaft ab. Noch meckern etliche Anwohner. Sie mussten keine Vorurteile ablegen wie ich, sehen die Sache unbeeinflusst an. Unter einem Steg verstehen sie etwas Bescheideneres. Aber er dient uns allen, erleichtert uns den Flussübergang. Ich würde mich nicht wundern, wenn er nach Jahren zu den schützenswerten Bauten gehören sollte.
Nur eines missfällt mir: 3 Tage nach der Einweihung finde ich schon schwarze Sprayer-Motive auf der roten Innenwand. Nichts wird von diesen Schmierern verschont. Ein Spatz versöhnt mich dann. Aus dem Flussraum angeflogen, pfeilt er durch eines der Gucklöcher, schwingt sich über den Steg und setzt sich in ein gegenüberliegendes Loch ab. Da sitzt er. Interessiert schaut er zu, wie Menschen vorübergehen. Es gefalle ihm ausnehmend gut hier, vernehme ich. Prima Plattform, der Sitz im Rund wie für ihn geschaffen.
Als die Betonpfeiler geschaffen und im Fluss verankert waren, wurden die beiden Brückenelemente angeliefert. Das Regionaljournal berichtete über das Schauspiel, als der grösste in der Schweiz verfügbare Baukran die eine Brückenhälfte durch die Lüfte hievte. Es musste dann leider vorzeitig abgebrochen werden. Die Bohrungen im Pfeiler entsprachen nicht den Verankerungsteilen am 2. Element. Dieses konnte erst später eingesetzt werden.
Vorerst also nur eine halbe Sache. Der Radio-Berichterstatter befragte dann einzelne Zuschauer, wie ihnen das Werk gefalle. Da hörte ich einen Mann voller Abscheu sprechen: Es handle sich bei dieser Brückenkonstruktion um ein U aus Beton. Die Seitenwände seien extrem hoch, aber mit Löchern versehen, damit wir Ausblick aufs Wasser fänden.
Eine Betonbrücke! Ich war enttäuscht und rechnete mir aus, dass mich dieser neue Schandfleck überleben werde. Solche Arbeiten können nicht sofort entsorgt werden, wenn sie den Anwohnern nicht gefallen. Als ich am Mittagstisch davon berichtete, stand ich auf und stellte mich in den Türrahmen meiner Küche und zeigte meinem Mann, wo ich die Ausgucklöcher vermute. Auf Augenhöhe – natürlich auf der meinen!
Am Nachmittag schaute ich mich einmal auf dem Bauplatz um. Die eine, schon gesetzte Hälfte wirkte nicht plump. Der andere Teil jedoch, auf der Ampèrestrasse liegend, wies viel höhere Seitenwände auf als ich sie mir vorgestellt hatte. Doch war die Brücke nicht aus Beton, sondern aus Stahl geschaffen. Trotz der grossen Ausmasse wirkte sie leicht. Und ich fand viele Löcher in den Seitenwänden, für viele Augenhöhen, nicht nur für die meine.
Jetzt ist der Steg eingeweiht. Dass er mir gefällt, verdanke ich jenem Mann, der sich übers Radio sehr abwertend äusserte. Das Vorurteil mit allen bösen Befürchtungen traf nicht zu. Darum freue ich mich. Die schwungvolle Konstruktion, die auf der Wipkingerseite schmal beginnt und sich nicht nur nach Zürich-West, sondern auch in die Höhe schwingt, gefällt mir jetzt. Sie deckt sogar noch die Brücke der Westtangente vorteilhaft ab. Noch meckern etliche Anwohner. Sie mussten keine Vorurteile ablegen wie ich, sehen die Sache unbeeinflusst an. Unter einem Steg verstehen sie etwas Bescheideneres. Aber er dient uns allen, erleichtert uns den Flussübergang. Ich würde mich nicht wundern, wenn er nach Jahren zu den schützenswerten Bauten gehören sollte.
Nur eines missfällt mir: 3 Tage nach der Einweihung finde ich schon schwarze Sprayer-Motive auf der roten Innenwand. Nichts wird von diesen Schmierern verschont. Ein Spatz versöhnt mich dann. Aus dem Flussraum angeflogen, pfeilt er durch eines der Gucklöcher, schwingt sich über den Steg und setzt sich in ein gegenüberliegendes Loch ab. Da sitzt er. Interessiert schaut er zu, wie Menschen vorübergehen. Es gefalle ihm ausnehmend gut hier, vernehme ich. Prima Plattform, der Sitz im Rund wie für ihn geschaffen.
Freitag, 8. Juli 2005
Mitgefühl bei Eiltempo, Quelle des schnellen Glücks
Jedesmal wenn ich den Laden betrete, lese ich im Bereich der Einkaufskörbe „Fühlst du dich auch manchmal alleine, verlassen, im Stich gelassen?“ Diesen Worten kann ich einfach nicht widerstehen.
Unter diesem schwebenden Traktat stehen die Einkaufskörbe mit den dunkelroten Herzen. Wer sie benützt, signalisiert die persönliche Einsamkeit sowie den Wunsch nach Kontakt und Beziehung. Ich habe aus Versehen auch schon mit einem solchen Herz-Korb eingekauft, bin aber nicht angesprochen worden. Verständlich! Grossmütter werden keine gesucht. Hier verkehren junge Menschen, auch viele Schüler. Sortiment und Personal sind auf sie ausgerichtet. Das Durchschnittsalter dürfte 35 Jahre nicht überschreiten. Hier pulsiert die Zukunft. Wir befinden uns im Trendquartier Zürich-West, im Haus „Puls 5“ neben der alten umfunktionierten Giessereihalle, wo das hipe Leben stattfinden kann.
Als ich zum Zahlen anstehe, fällt mir eine Frau auf, die deutlich älter ist als jede Mitarbeiterin in diesem Laden. Sie trägt schon die schwarze Bluse, die hier Uniform ist, jedoch noch ohne aufgesticktes Firmenlogo. Offenbar wird sie in die Arbeit einer Kassiererin eingeführt. Sie sieht überfordert aus. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie sich fühlt. Alles, was sie aufnehmen muss, zieht viel zu schnell an ihr vorbei. Die junge Vorgesetzte ist ein Profi, arbeitet flink und effizient, aber nicht einsichtig für uns, die wir zuschauen. Ich zwinkere der Neuen zu und signalisiere, dass ich sie verstehe. Sie lächelt. Ich sage auch: „Es geht schnell, nicht wahr?“ Sie scheint erleichtert, dass das jemand bemerkt. Jetzt weist mich aber die Verantwortliche zurecht. Sie hätten später Zeit, Details langsam anzugehen. Und ich rechtfertige mich: „Es war kein Vorwurf, nur Mitgefühl.“
Auf dem Heimweg treffe ich auf ein Plakat mit der Foto des Dalai Lama und dem Hinweis auf die bald stattfindenden Unterweisungen, die er in Zürich halten wird. Das Thema: „Mitgefühl, Quelle des Glücks“.
Mein Thema von vorhin. Aber nicht alle waren glücklich dabei. Ja, ich hätte auch Mitgefühl für die erfahrene Kassiererin entwickeln müssen, denn es war Pausenzeit und viele Schüler mussten im Eiltempo bedient werden.
Unter diesem schwebenden Traktat stehen die Einkaufskörbe mit den dunkelroten Herzen. Wer sie benützt, signalisiert die persönliche Einsamkeit sowie den Wunsch nach Kontakt und Beziehung. Ich habe aus Versehen auch schon mit einem solchen Herz-Korb eingekauft, bin aber nicht angesprochen worden. Verständlich! Grossmütter werden keine gesucht. Hier verkehren junge Menschen, auch viele Schüler. Sortiment und Personal sind auf sie ausgerichtet. Das Durchschnittsalter dürfte 35 Jahre nicht überschreiten. Hier pulsiert die Zukunft. Wir befinden uns im Trendquartier Zürich-West, im Haus „Puls 5“ neben der alten umfunktionierten Giessereihalle, wo das hipe Leben stattfinden kann.
Als ich zum Zahlen anstehe, fällt mir eine Frau auf, die deutlich älter ist als jede Mitarbeiterin in diesem Laden. Sie trägt schon die schwarze Bluse, die hier Uniform ist, jedoch noch ohne aufgesticktes Firmenlogo. Offenbar wird sie in die Arbeit einer Kassiererin eingeführt. Sie sieht überfordert aus. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie sich fühlt. Alles, was sie aufnehmen muss, zieht viel zu schnell an ihr vorbei. Die junge Vorgesetzte ist ein Profi, arbeitet flink und effizient, aber nicht einsichtig für uns, die wir zuschauen. Ich zwinkere der Neuen zu und signalisiere, dass ich sie verstehe. Sie lächelt. Ich sage auch: „Es geht schnell, nicht wahr?“ Sie scheint erleichtert, dass das jemand bemerkt. Jetzt weist mich aber die Verantwortliche zurecht. Sie hätten später Zeit, Details langsam anzugehen. Und ich rechtfertige mich: „Es war kein Vorwurf, nur Mitgefühl.“
Auf dem Heimweg treffe ich auf ein Plakat mit der Foto des Dalai Lama und dem Hinweis auf die bald stattfindenden Unterweisungen, die er in Zürich halten wird. Das Thema: „Mitgefühl, Quelle des Glücks“.
Mein Thema von vorhin. Aber nicht alle waren glücklich dabei. Ja, ich hätte auch Mitgefühl für die erfahrene Kassiererin entwickeln müssen, denn es war Pausenzeit und viele Schüler mussten im Eiltempo bedient werden.
Freitag, 1. Juli 2005
Zahlungsmoral: Die „30 Tage“ werden immer länger
Eine Kundin bestellte bei uns Grundlagenmaterial für ihre
Malerei. Sie sagte schon im Voraus, sie würde die Rechnung aber erst
anfangs des nächsten Monats begleichen können. Ich lieferte die Teile
ab, wurde von ihr zum Kaffee eingeladen, und danach wollte sie vor
meinen Augen den Einzahlungsschein ausfüllen und die Zahlung sofort ins
gelbe Quittungsbuch der Post eintragen. Damit ich es auch glaube, dass
sie die Zahlung nach Eintreffen ihrer AHV-Rente sofort ausführen werde.
Von uns wurde sie aber in keiner Weise gedrängt, die Lieferung sofort
oder sogar noch bar zu begleichen.
Das ist aussergewöhnlich. Diese Künstlerin ist älter als ich und verkörpert noch jene seriöse Schweizer Mentalität, die einmal das Markenzeichen unseres Volkes war.
Als ich noch Briefpost austrug, hörte ich immer wieder einmal den Ausruf: „Hoffentlich bringen sie uns keine Rechnung!“ Meist ging ich nicht näher darauf ein. Für mich ist eine Rechnung immer eine Antwort auf eine vorher erbrachte Leistung. Darum habe ich Freude, wenn sie eintrifft. So kann ich meine Schuld bezahlen und mich danach wieder frei fühlen. Zudem gehört dann die Leistung, auf die sie sich bezieht, ganz mir. Eine prompte Zahlung kann auch Ausdruck von Dank für eine gute Arbeit oder für die prompte Lieferung eines gewünschten Produkts sein.
Früher wurde die Zahlungsfrist so angegeben: „Zahlung innerhalb von 30 Tagen.“ Dann fiel unversehens das Wort „innerhalb“ weg und das Ziel lautete nur noch „30 Tage“. Wie ich in Gesprächen, aber auch von meiner Mitarbeit in Buchhaltungen weiss, wird heute ab dem 30. Tag begonnen, an die offene Rechnung zu denken. Wie kürzlich veröffentlichte Statistiken zeigen, zahlen Schweizer heute die „30-Tage-netto-Rechnungen“ erst nach 60 Tagen und glauben noch, das sei normal.
Viele Mitmenschen setzen Lieferanten ohne deren Einverständnis als ihre Bank ein. Sie überbrücken Engpässe, indem sie jene warten lassen, die ihnen das geliefert haben, was sie brauchten. Oder sie spielen Macht aus, lassen Lieferanten zappeln. Ich habe auch schon das Argument gehört, Rechnungen sofort zu begleichen, sei übertrieben.
In wirtschaftlich schwierigen Zeiten sollten wir einander helfen. Dazu braucht es zuerst die Einstellung, dass wir alle voneinander abhängig und auch auf einander angewiesen sind. Wenn wir uns kulant verhalten, unsere Verpflichtungen rasch und unkompliziert erfüllen, dient das allen. Wir können mithelfen, Engpässe zu vermeiden und Löhne sicherzustellen. Solche Rücksichtnahme kann auch bewirken, dass Arbeitsplätze erhalten bleiben.
Würde ich nur die Erfahrung aus meiner Mitarbeit in der Schreinerei meines Mannes kennen, ich müsste diesen Aufsatz nicht schreiben. Es gibt diese Kunden, denen der Inhalt des Worts „Zahlungsmoral“ noch geläufig ist. Sie ermöglichten, dass unser Kleinbetrieb seit 45 Jahren bestehen darf.
Das ist aussergewöhnlich. Diese Künstlerin ist älter als ich und verkörpert noch jene seriöse Schweizer Mentalität, die einmal das Markenzeichen unseres Volkes war.
Als ich noch Briefpost austrug, hörte ich immer wieder einmal den Ausruf: „Hoffentlich bringen sie uns keine Rechnung!“ Meist ging ich nicht näher darauf ein. Für mich ist eine Rechnung immer eine Antwort auf eine vorher erbrachte Leistung. Darum habe ich Freude, wenn sie eintrifft. So kann ich meine Schuld bezahlen und mich danach wieder frei fühlen. Zudem gehört dann die Leistung, auf die sie sich bezieht, ganz mir. Eine prompte Zahlung kann auch Ausdruck von Dank für eine gute Arbeit oder für die prompte Lieferung eines gewünschten Produkts sein.
Früher wurde die Zahlungsfrist so angegeben: „Zahlung innerhalb von 30 Tagen.“ Dann fiel unversehens das Wort „innerhalb“ weg und das Ziel lautete nur noch „30 Tage“. Wie ich in Gesprächen, aber auch von meiner Mitarbeit in Buchhaltungen weiss, wird heute ab dem 30. Tag begonnen, an die offene Rechnung zu denken. Wie kürzlich veröffentlichte Statistiken zeigen, zahlen Schweizer heute die „30-Tage-netto-Rechnungen“ erst nach 60 Tagen und glauben noch, das sei normal.
Viele Mitmenschen setzen Lieferanten ohne deren Einverständnis als ihre Bank ein. Sie überbrücken Engpässe, indem sie jene warten lassen, die ihnen das geliefert haben, was sie brauchten. Oder sie spielen Macht aus, lassen Lieferanten zappeln. Ich habe auch schon das Argument gehört, Rechnungen sofort zu begleichen, sei übertrieben.
In wirtschaftlich schwierigen Zeiten sollten wir einander helfen. Dazu braucht es zuerst die Einstellung, dass wir alle voneinander abhängig und auch auf einander angewiesen sind. Wenn wir uns kulant verhalten, unsere Verpflichtungen rasch und unkompliziert erfüllen, dient das allen. Wir können mithelfen, Engpässe zu vermeiden und Löhne sicherzustellen. Solche Rücksichtnahme kann auch bewirken, dass Arbeitsplätze erhalten bleiben.
Würde ich nur die Erfahrung aus meiner Mitarbeit in der Schreinerei meines Mannes kennen, ich müsste diesen Aufsatz nicht schreiben. Es gibt diese Kunden, denen der Inhalt des Worts „Zahlungsmoral“ noch geläufig ist. Sie ermöglichten, dass unser Kleinbetrieb seit 45 Jahren bestehen darf.
Abonnieren
Posts (Atom)


