Was wären unsere Städte, wenn ihnen der innerste Wesenskern nicht erhalten bliebe. So dachte ich in Genf.
Auf dem Tagesausflug in der zweitletzten Juni-Woche 2012 liessen wir uns treiben. Die Augen offen für das Unbekannte und einem Zufall nicht abgeneigt. Finden, ohne zu suchen. So ungefähr sollte der freie Tag ablaufen. Sich von der Arbeit fernhalten, das nennen wir in der Schweiz „Blauen machen“.
Trüb und diffus war das Licht auf der Reise. Aber bald nach unserer Ankunft hellte sich der Himmel auf und strahlte blau aus, wie es der farbige Reiseführer vorgab.
Und blau zeigte sich entsprechend auch der Genfersee und weiss wie Schnee die weltberühmte Wasserfontäne, das Wahrzeichen von Genf. Dieser Jet d’eau ist weithin sichtbar, 140 Meter hoch und lässt sein Wasser mit 1360 PS Richtung Himmel schiessen. Diesem Wasserspiel schauten wir zu und beobachteten, wie Bussarde seine Nähe suchten, sein feuchtes Energieumfeld segelnd umkreisten. Wir vermuteten, dass sie sich darin erfrischten.
Bald einmal fühlten wir uns vom Genfer Fluidum eingenommen. Von der Offenheit der Stadt am See und dem entsprechenden Temperament der hier ansässigen Menschen. Wie sie ihre Wege gehen. Ihre Gesichter. Ihr Sprachklang. Selbstbewusst, selbstsicher mit einem gewissen Stolz. Ich dachte an meine ehemalige Nachbarin Françoise, eine Genferin. Sie wohnte auch eine Zeit lang in einem Bernoulli-Haus in Zürich, uns gegenüber. Sie vermittelte mit ihrer Art etwas von der geistigen Atmosphäre ihrer Heimatstadt, die ich jetzt wieder erkannte.
An einem Geschäftshaus baumelten 5 behelmte Männer. Sie putzten die Glasfront eines hohen Geschäftshauses. Lange fragte ich mich, ob das vielleicht eine künstlerische Installation sein könnte und die Männer nur Figuren seien. Ich konnte sie nicht fragen. Ehemann und Tochter überzeugten mich dann, dass das Männer an der Arbeit seien.
Wir überquerten jenen langgezogenen Teil der Innenstadt mit den renommierten Geschäften. Die hier spürbare Energie und Geschäftigkeit hält einen Vergleich mit dem Jet d’eau aus. Der Unterschied bestand für uns nur darin, dass wir nicht in ihn eintauchen konnten.
Viel Ruhe und Gelassenheit strömte dann die Altstadt aus. Von ihr heisst es in der Tourismusinformation, sie sei die grösste Altstadt der Schweiz, dominiert von der Kathedrale Saint Pierre, der Hochburg der Reformation. Nachbarin ist die Madeleine-Kirche und in ihrem Umfeld lockt eine Manège zu Karussellfahrten für Kinder.
Es war noch nicht Zeit für das Mittagessen, als wir die Taverne de la Madeleine entdeckten. Und sofort waren wir uns einig, hier würden wir dann essen. Dieser Ort zog uns magisch an. Alle 3. Noch wussten wir nichts über seine Geschichte.
Das Haus steht erhöht am Berg. Die Wirtschaft wird über eine Treppe erreicht. Oben kann im Freien auf der Terrasse oder im Inneren gespeist werden. Im Album, das verschiedene Menus anpreist, wurde ich gleich aufmerksam auf geschichtliche Hinweise zu diesem Ort. Es sei eines der ältesten Gasthäuser von Genf, befinde sich an der Stelle der seit dem 16. Jahrhundert bekannten Herberge mit dem Namen La Mul. Dieser Name verweist auf das Maultier. War dieser Ort vielleicht eine Karawanserei und eine Umladestation von Gütern, die mit Maultieren auf unwegsamen Gebieten hierher gebracht worden sind?
Die Taverne de la Madeleine, wie wir sie vorfanden, wurde 1920 als alkoholfreie Gaststätte gegründet. 1919, zur Zeit des 1. Weltkriegs, kochten hier „Frauen aus gutem Haus“ Suppe für Bedürftige. Es sollen auch wohlhabende Bürger einkehrt sein, weil hier kein Alkoholzwang bestand. Aus diesen Erfahrungen entstand hier ein Ort des Kampfes gegen den Alkoholismus. Bis heute wird in dieser Taverne kein Alkohol ausgeschenkt.
Kaum hatten wir auf der Terrasse Platz genommen und die Speisen bestellt, als unten auf der Strasse 2 Männer aus Osteuropa mit ihren Instrumenten eintrafen und zu spielen begannen. Entsprechend sehnsüchtig die Klänge von Akkordeon und Bass. Der Applaus dann eher dürftig. Die Männer kamen an den Tisch, bedankten sich bei uns für die Gabe, seufzten, hier sei es zu ruhig und gingen wieder fort. Nicht alle, die sich hier verköstigten, hatten heute Ferien wie wir. Die Musik war für sie überflüssig.
Wir stärkten uns hier mit einfachen, sehr guten Gerichten zu moderaten Preisen. Als ich dem Wirt sagte, er habe ein schönes Gasthaus, schaute er mich eine Weile fragend an, wie wenn er ergründen wollte, ob mir ernst sei. Dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht, und da muss er begriffen haben, was ich meine. Ein Ort mit Geschichte, die ausstrahlt. Eine Inneneinrichtung, die ich mit dem welschen Schönheitsbegriff gleichsetze. Ich empfand den Ort als echt.
Die Strassenbezeichnung an der Hausmauer der Taverne heisst Toutes Ames (alle Seelen). Unweit entfernt heisst eine andere Strasse Rue d’Enfer (Strasse der oder zur Hölle). Ich nehme an, dass wir uns auf einem einstigen Friedhofgelände befanden. Es freute mich, hier bei den Seelen zu sein. Sind sie es, die dem alten Kern noch Charme verleihen?
Dann eine nächste Station: Carouge, das idyllische, ganz andere Genf. Auf der Tramfahrt dorthin fuhren wir an einem gut 200 m langen Gebäude entlang, an dessen Fassade die Flaggen flatterten, unzählig viele, aber nur die Genfer- und die Schweizerfahne. Eine Darstellung schöner Ordnung und Gleichberechtigung. Genf – Schweiz – Genf – Schweiz usw.
Carouge wollten wir vor allem Letizia zeigen. Sie hätte diese Kleinstadt mit menschlichen Massen, ästhetischer Architektur und mit all den interessanten Boutiquen und Ladengeschäften am liebsten als Gesamtheit nach der Deutschschweiz mitgenommen und sie auf einer noch freien Wiese aufgestellt. Es ist ein unverdorbener Ort, grenzt aber an solche an. Und er wäre gewiss auch verdorben, wenn sich Letizias Wunsch erfüllen liesse. Denn ob die Seele, die zu diesem Ort gehört, sich verpflanzen liesse, das bezweifle ich. Letizia auch. Ihr Ausspruch war eine Form von Liebeserklärung.
Zurück in der Genfer Innenstadt, wollten wir in einer Confiserie Prussiens kaufen. Wir wurden nicht verstanden. Letizia zeigte auf das ausgestellte Gebäck. „Ah!“ lachte die Dame hinter der Glasvitrine. „In der Schweiz nennen wir es Coeur der France” (Herz aus Frankreich). Sie muss uns als Deutschschweizer erkannt haben. Nur so erklärt sich ihre humoristische Antwort. In unserer Schweiz, dort wo man deutsch spricht, heisst das Herz aus Frankreich eben Prussiens. Es trägt sogar einen französischen Namen. Und in Paris heissen sie Palmiers.
Solch humorvolle Momente prägen unsere Betrachtung von Menschen einer Stadt. Ein einziger kann seinen Ort erstrahlen lassen. Diese Dame wird uns in Erinnerung bleiben.
Nachdem ich für diesen Aufsatz den illustrierten Stadtplan für Touristen nochmals durchforstete, ist für einen weiteren Besuch klar, dass wir uns dann den Organisation zuwenden werden, die Genf zur Metropole des Friedens gemacht haben. Und vielleicht können wir uns eines Tages auf der Suche nach dem Ursprung aller Zeiten einer Führung im CERN anschliessen.
Wir werden also wieder einmal in Genf ankommen.
Als wir an jenem Abend wieder nach Zürich zurückgekommen waren, trafen wir beim Umsteigen vom einem ins andere Tram die erwähnte Genferin Françoise. Grosse Überraschung. Wir haben uns seit Jahren nicht mehr gesehen. Sie als Genferin setzte den Schlusspunkt unter unseren Ausflug.
Geschichten von Rita Lorenzetti-Hess aus Zürich-Altstetten und
Archiv sämtlicher Blog-Beiträge aus der Zeit beim Textatelier Hess von Biberstein
Donnerstag, 28. Juni 2012
Montag, 11. Juni 2012
Ein Abend mit Hofgesang und überraschenden Beigaben
Nun sind die Hofgesänge wieder abgeschlossen. Rechtzeitig machte uns die Quartierzeitung noch darauf aufmerksam, dass sie am Ausklingen seien. In diesem Jahr 2012 wurde vom 7. Mai bis 9. Juni in Zürichs Höfen an 108 Orten gesungen. Im Blog vom 16. Mai 2006 berichtete ich schon über dieses Projekt. Noch immer gilt der Grundgedanke „Die freundlichen Höfe werden gefeiert – die trostlosen wachgeküsst“.
Als wir an jenem Abend an der Röntgenstrasse 55 mit den Velos eintrafen, begann es gerade zu regnen und innert kurzer Zeit zu giessen, zu schütten. Ein beängstigendes Gewitter erreichte die Stadt. Dadurch musste der Singkreis der Engadiner Kantorei, der im schönen Hof dieser grossen Siedlung hätte auftreten wollen, ins Kindergartenlokal ausweichen.
Primo und ich waren zu früh eingetroffen. Die Quartierzeitung hatte den Zeitpunkt nicht richtig angegeben. Wir überbrückten die Wartezeit mit einem Besuch in der nahe gelegenen SENIOR DESIGN FACTORY. Eine gute Gelegenheit, das neu eingerichtete Café-Restaurant kennenzulernen. Hier arbeiten junge und alte Menschen mit Begeisterung zusammen. Es werden täglich alte Rezepte mit saisonalem Angebot aus der Region frisch gekocht. Mir haben die Brioches aus ihrer Küche gemundet. Für ein Menu reichte unsere Zwischenzeit nicht.
Unterdessen hatte sich der Singkreis im Kindergarten der grossen Siedlung einrichten können, und als wir dort wieder eintrafen, sangen sie schon ein erstes Lied. Platz für Zuhörende gab es in diesem Raum nicht viel. Wir Gäste standen, wo man Platz fand. Im Eingangsbereich, auf der Treppe, einfach dort, wo es nicht regnete. Wie ich später von einem Sänger erfahren habe, entstammten alle Lieder der Romantik. Kein Wunder liess ich mich von ihren Klängen und den naturseligen Texten aus meinem Alltag wegtragen.
Nach 3 Liedern wurde eine junge Frau, sommerlich gekleidet und darum etwas fröstelnd, ins Freie geschickt um auszuschauen, ob die andere Hälfte des Programms draussen dargeboten werden könne. Sie erinnerte an Noah und die ausgesandte Taube, die ausschauen musste, ob das Land trocken sei.
Trocken nicht, berichtete sie, aber es regne nicht mehr. Die 50 Sängerinnen und Sänger freuten sich, dass sie auch noch im Hof auftreten konnten. Der Singkreis stellte sich im Halbkreis auf. Und wir Zuhörende ergänzten diesen locker zu einem Ganzen.

Jetzt sah ich, dass auch Fenster geöffnet waren und einige wenige Anwohner von ihrem Zuhause aus zuhörten. Ohne Regen wäre der Abend gewiss anders verlaufen. Alle flüchteten dann rasch heim. Und Fenster wurden auch wieder geschlossen. Und doch war es schön gewesen, hier zu verweilen.
Wieder bei unseren Fahrrädern, zog ich den Regenschutz an. Da kam eine Frau auf mich zu und wollte wissen, ob mein Vorname Rita sei, vormals so und so. Ja! Sie sei eine Mitschülerin von mir, habe mich sofort erkannt. Antoinette ihr Name. Und ohne zu begreifen, wie das möglich war, befanden wir uns augenblicklich in der Sekundarschule, wussten Namen und Orte, die wir lange hätten suchen müssen, wenn jemand danach gefragt hätte. Primo stand still daneben und beobachtete uns. Als Antoinette erzählte, ich sei die einzige gewesen, die sich einmal getraut habe, nach einem bestimmten Gedicht zu fragen, lachte er zustimmend. Es muss sich um ein lyrisches Gedicht von einem wogenden Ährenfeld gehandelt haben, das ich gerne vorgetragen hätte. Ja, das passt zu mir. Und doch staunte ich. In jener 3. Klasse fühlte ich mich gerade in den Deutschstunden nicht wohl. Die Ansprüche waren elitär, die Lehrerin ehrgeizig. Sie arbeitete am liebsten mit Schülerinnen, die sie in höhere literarische Gefilde führen konnte.
Ich gehörte nicht zu diesen Auserwählten. Dass mir nun jemand sagt, ich sei damals mutig gewesen, erstaunt mich. Und beweist wieder einmal, dass das, was in der eigenen Innenwelt abläuft, nicht unbedingt unverändert von aussen her wahrgenommen wird. Und ich wundere mich, dass der Mut für Antoinette an diesem Abend sofort wieder im Mittelpunkt stand, auch wenn seither ein halbes Jahrhundert vergangen ist.
Ich konnte mich auch an eine Episode erinnern, die mir sofort präsent war. In der 1. Französisch-Lektion wollte die Lehrerin wissen, ob jemand schon französisch spreche oder vielleicht einen Auspruch kenne. Antoinette war die einzige. Sie sagte, von ihrer Mutter höre sie manchmal den Satz „Je ne peux pas répondre à cause de la petite“ (Ich kann nicht sprechen wegen der Kleinen).“ Damals sprach sie diesen perfekt aus, ohne ihn zu verstehen.
Es regnete immer noch, als wir heimfuhren. Aber es störte uns nicht. Wir freuten uns über diesen Abend und die lockeren Kontakte, die sich ergeben haben. Eine Frau schloss sich uns ganz unkompliziert an, als wir Richtung SENIOR DESIGN FACTORY steuerten. Sie hatte mitbekommen, wie uns ein Anwohner riet, dieses Gasthaus zu besuchen. „Es wird ihnen gefallen“, sagte er noch dazu. Primo berichtete dann dort von früher, denn in dieser Umgebung ist er aufgewachsen. Und die Frau erzählte, wo sie daheim sei. In Zürich-Altstetten, ganz nahe bei uns.
Also für uns vollzog sich an diesem Abend manches, das zum Thema Soziokultur passt. Und diese liegt ja dem Projekt Hofgesang zugrunde.
Als wir an jenem Abend an der Röntgenstrasse 55 mit den Velos eintrafen, begann es gerade zu regnen und innert kurzer Zeit zu giessen, zu schütten. Ein beängstigendes Gewitter erreichte die Stadt. Dadurch musste der Singkreis der Engadiner Kantorei, der im schönen Hof dieser grossen Siedlung hätte auftreten wollen, ins Kindergartenlokal ausweichen.
Primo und ich waren zu früh eingetroffen. Die Quartierzeitung hatte den Zeitpunkt nicht richtig angegeben. Wir überbrückten die Wartezeit mit einem Besuch in der nahe gelegenen SENIOR DESIGN FACTORY. Eine gute Gelegenheit, das neu eingerichtete Café-Restaurant kennenzulernen. Hier arbeiten junge und alte Menschen mit Begeisterung zusammen. Es werden täglich alte Rezepte mit saisonalem Angebot aus der Region frisch gekocht. Mir haben die Brioches aus ihrer Küche gemundet. Für ein Menu reichte unsere Zwischenzeit nicht.
Unterdessen hatte sich der Singkreis im Kindergarten der grossen Siedlung einrichten können, und als wir dort wieder eintrafen, sangen sie schon ein erstes Lied. Platz für Zuhörende gab es in diesem Raum nicht viel. Wir Gäste standen, wo man Platz fand. Im Eingangsbereich, auf der Treppe, einfach dort, wo es nicht regnete. Wie ich später von einem Sänger erfahren habe, entstammten alle Lieder der Romantik. Kein Wunder liess ich mich von ihren Klängen und den naturseligen Texten aus meinem Alltag wegtragen.
Nach 3 Liedern wurde eine junge Frau, sommerlich gekleidet und darum etwas fröstelnd, ins Freie geschickt um auszuschauen, ob die andere Hälfte des Programms draussen dargeboten werden könne. Sie erinnerte an Noah und die ausgesandte Taube, die ausschauen musste, ob das Land trocken sei.
Trocken nicht, berichtete sie, aber es regne nicht mehr. Die 50 Sängerinnen und Sänger freuten sich, dass sie auch noch im Hof auftreten konnten. Der Singkreis stellte sich im Halbkreis auf. Und wir Zuhörende ergänzten diesen locker zu einem Ganzen.

Jetzt sah ich, dass auch Fenster geöffnet waren und einige wenige Anwohner von ihrem Zuhause aus zuhörten. Ohne Regen wäre der Abend gewiss anders verlaufen. Alle flüchteten dann rasch heim. Und Fenster wurden auch wieder geschlossen. Und doch war es schön gewesen, hier zu verweilen.
Wieder bei unseren Fahrrädern, zog ich den Regenschutz an. Da kam eine Frau auf mich zu und wollte wissen, ob mein Vorname Rita sei, vormals so und so. Ja! Sie sei eine Mitschülerin von mir, habe mich sofort erkannt. Antoinette ihr Name. Und ohne zu begreifen, wie das möglich war, befanden wir uns augenblicklich in der Sekundarschule, wussten Namen und Orte, die wir lange hätten suchen müssen, wenn jemand danach gefragt hätte. Primo stand still daneben und beobachtete uns. Als Antoinette erzählte, ich sei die einzige gewesen, die sich einmal getraut habe, nach einem bestimmten Gedicht zu fragen, lachte er zustimmend. Es muss sich um ein lyrisches Gedicht von einem wogenden Ährenfeld gehandelt haben, das ich gerne vorgetragen hätte. Ja, das passt zu mir. Und doch staunte ich. In jener 3. Klasse fühlte ich mich gerade in den Deutschstunden nicht wohl. Die Ansprüche waren elitär, die Lehrerin ehrgeizig. Sie arbeitete am liebsten mit Schülerinnen, die sie in höhere literarische Gefilde führen konnte.
Ich gehörte nicht zu diesen Auserwählten. Dass mir nun jemand sagt, ich sei damals mutig gewesen, erstaunt mich. Und beweist wieder einmal, dass das, was in der eigenen Innenwelt abläuft, nicht unbedingt unverändert von aussen her wahrgenommen wird. Und ich wundere mich, dass der Mut für Antoinette an diesem Abend sofort wieder im Mittelpunkt stand, auch wenn seither ein halbes Jahrhundert vergangen ist.
Ich konnte mich auch an eine Episode erinnern, die mir sofort präsent war. In der 1. Französisch-Lektion wollte die Lehrerin wissen, ob jemand schon französisch spreche oder vielleicht einen Auspruch kenne. Antoinette war die einzige. Sie sagte, von ihrer Mutter höre sie manchmal den Satz „Je ne peux pas répondre à cause de la petite“ (Ich kann nicht sprechen wegen der Kleinen).“ Damals sprach sie diesen perfekt aus, ohne ihn zu verstehen.
Es regnete immer noch, als wir heimfuhren. Aber es störte uns nicht. Wir freuten uns über diesen Abend und die lockeren Kontakte, die sich ergeben haben. Eine Frau schloss sich uns ganz unkompliziert an, als wir Richtung SENIOR DESIGN FACTORY steuerten. Sie hatte mitbekommen, wie uns ein Anwohner riet, dieses Gasthaus zu besuchen. „Es wird ihnen gefallen“, sagte er noch dazu. Primo berichtete dann dort von früher, denn in dieser Umgebung ist er aufgewachsen. Und die Frau erzählte, wo sie daheim sei. In Zürich-Altstetten, ganz nahe bei uns.
Also für uns vollzog sich an diesem Abend manches, das zum Thema Soziokultur passt. Und diese liegt ja dem Projekt Hofgesang zugrunde.
Dienstag, 5. Juni 2012
Zürich-West: Abflug zu den Wolken im Prime Tower-Lift
Seit 2009 taucht der Prime Tower immer wieder einmal in einem meiner Blogs auf. Damals zügelten wir unsere Schreinerwerkstatt in eine der ausgedienten Pferdestallungen der Welti Furrer AG. Und wurden so zum Nachbarn vom gegenwärtig höchsten und ausstrahlendsten Hochhaus von Zürich und der Schweiz. Mit 36 Geschossen, 126 m Höhe und einem Volumen von ungefähr 228 000 m3.
Wir waren aber vor ihm da, haben noch verfolgen können, wie das alte, unbrauchbar gewordene Verwaltungsgebäude der Firma Zahnräder Maag abgebrochen wurde. Es existieren noch Fotos davon, wie wir in das aufgerissene Gebäude wie in eine Puppenstube hineinsehen konnten. Danach verfolgten wir den Aushub in die Tiefe, entdeckten das Grundwasser, sahen wie die Fundamente für den Neubau entstanden. Von Woche zu Woche wuchs der Bau heran wie eine Pflanze in einem Treibhaus. Später, als der Tower seine grüne Glasfassade erhalten hatte, nahmen wir ihn von vielen Orten her als eine Art Edelstein wahr. Er ist und wird wohl der „prime“ Tower bleiben, der Hauptturm, so sein Name, und dieser verweist auf solche hin, die noch nachkommen werden. Wenn ich ihn von Schlierenberg aus sehe, freue ich mich immer, dass er die Silhouette des Zürichbergs nicht überschneidet. Aus dieser Sicht fügt er sich anständig in den Hügelzug ein. Ob er diese vornehme Haltung von überall her einhalten kann, weiss ich nicht.
Am 1. April 2011 musste er für einen Scherz herhalten. Der „Tages-Anzeiger“ berichtete von einem Aufruf zur Rekrutierung von 750 Männern für einen Erdbeben-Sicherheitstest im Prime Tower. Ich erinnere mich, dass geschrieben wurde, die in Gruppen eingeteilten Personen müssten auf militärisches Kommando im erst halbfertigen Hochhaus in befohlene Himmelsrichtungen stürmen. So sollte der Bau auf Erdbeben und Sturm geprüft werden. Obwohl ich den Scherz erkannte, „sah“ ich doch die Männer spurten und den Turm schwanken.
Wenn wir vom Prime Tower reden, meinen wir immer das höchste Gebäude. Der Name Prime Tower gilt aber auch für den 4 Gebäude umfassenden Gesamtkomplex. Neben den Geschäftsräumen gehören Restaurants, Läden, ein Fitnesszentrum, Galerien und ein Kinderhort dazu.
Wenn wir vom Prime Tower als Nachbar reden, ist immer nur der Hauptturm gemeint. Ihn besuchen wir, um mit unseren Kunden und Freunden im 35. Stockwerk, im Bistro CLOUDS, Kaffee zu trinken und die grandiose Aussicht zu geniessen.
Wir erleben bei jedem Besuch, wie die Aussicht bezaubert und wie sich Geschichten melden, wenn ein Wohnort von oben herab betrachtet werden kann. Z. B. die stark abfallende Rosengartenstrasse. Der auf der Hardbrücke doppelspurig geführte Verkehr wird von ihr übernommen. Es donnern da täglich 50 000–60 000 Fahrzeuge über sie hinweg. H. wohnte an der Wibichstrasse und erinnerte sich an einen Winter mit viel Schnee. Da war die Rosengartenstrasse noch nicht Teil der Westtangente. Sie war eine Quartierstrasse, die man zu Fuss überqueren konnte. Im besagten Winter, vielleicht 1955, fiel so viel Schnee, dass die Kinder von Wipkingen auf der Rosengartenstrasse Ski fahren konnten. Noch mehr erstaunt: 1930 gab es in Zürich erst 8000 Autos.
Die Fahrt im Lift ist ein besonderes Erlebnis. Er ist wie ein Spiegelsaal gestaltet. Man begegnet sich von allen Seiten, auch verkehrt und ist mit diesem Spass beschäftigt, wenn der Lift fährt. Als ich beim ersten Mal auf die Anzeige der Stockwerkhöhe schaute, wechselte 14 gerade auf 15, und gleich danach waren wir oben. Und die Anzeige stand auf 35 still.
So angenehm Lift zu fahren, ist neu, nicht nur für uns. Keine Beschwerden, kein Druck auf der Brust. Und oben auch keine Höhenangst.
Die zeitgemässe Innenarchitektur nimmt die Kundschaft grosszügig auf, ohne sich hier verloren zu fühlen.
Schauen wir aus den grossen Fenstern, weitet sich der Blick zur grossen Übersicht. Ganz interessant ist die Sicht ins Limmattal zu den Geleisesträngen und zur Baustelle für die Durchmesserlinie. Noch ist nicht klar zu erkennen, wo dann die Züge, die Zürichs Sackbahnhof unterqueren, ihren Anschluss an bestehende Linien finden werden.
Der Ausblick aus verschiedenen Fenstern ergibt beinahe ein Rundblick. Da unten die Stadt mit ihren Geschäftshäusern, Lagerhäusern, Wohnbauten, Schulhäusern, Kirchen usw. wie ein Modell. Immer sind auch S-Bahnen bei ihrer Durchfahrt über den Viadukt zu beobachten. So klein wie eine Modelleisenbahn. Hier oben wird alles kleiner, die Übersicht aber grösser.
Je nach Wetterlage wird vom Bistro aus der Alpenkranz über dem Zürichsee bewundert.
Weitere Informationen über den Gastrobetrieb von CLOUDS.
Der schöne Platz, mit Bäumen und Unebenheiten gestaltet, trägt den Namen Maagplatz. Uns erinnert er an das alte, ausgediente Geschäftsgebäude, dessen Todesstösse wir beim Abbruch miterleben konnten. Hier stand es einmal.
An diesem Ort weht immer ein aussergewöhnlich starker Wind. Er durchlüftet die neuen Schluchten und macht dem Alten den Garaus. Hier hat die Zukunft begonnen.
Wir waren aber vor ihm da, haben noch verfolgen können, wie das alte, unbrauchbar gewordene Verwaltungsgebäude der Firma Zahnräder Maag abgebrochen wurde. Es existieren noch Fotos davon, wie wir in das aufgerissene Gebäude wie in eine Puppenstube hineinsehen konnten. Danach verfolgten wir den Aushub in die Tiefe, entdeckten das Grundwasser, sahen wie die Fundamente für den Neubau entstanden. Von Woche zu Woche wuchs der Bau heran wie eine Pflanze in einem Treibhaus. Später, als der Tower seine grüne Glasfassade erhalten hatte, nahmen wir ihn von vielen Orten her als eine Art Edelstein wahr. Er ist und wird wohl der „prime“ Tower bleiben, der Hauptturm, so sein Name, und dieser verweist auf solche hin, die noch nachkommen werden. Wenn ich ihn von Schlierenberg aus sehe, freue ich mich immer, dass er die Silhouette des Zürichbergs nicht überschneidet. Aus dieser Sicht fügt er sich anständig in den Hügelzug ein. Ob er diese vornehme Haltung von überall her einhalten kann, weiss ich nicht.
Am 1. April 2011 musste er für einen Scherz herhalten. Der „Tages-Anzeiger“ berichtete von einem Aufruf zur Rekrutierung von 750 Männern für einen Erdbeben-Sicherheitstest im Prime Tower. Ich erinnere mich, dass geschrieben wurde, die in Gruppen eingeteilten Personen müssten auf militärisches Kommando im erst halbfertigen Hochhaus in befohlene Himmelsrichtungen stürmen. So sollte der Bau auf Erdbeben und Sturm geprüft werden. Obwohl ich den Scherz erkannte, „sah“ ich doch die Männer spurten und den Turm schwanken.
Wenn wir vom Prime Tower reden, meinen wir immer das höchste Gebäude. Der Name Prime Tower gilt aber auch für den 4 Gebäude umfassenden Gesamtkomplex. Neben den Geschäftsräumen gehören Restaurants, Läden, ein Fitnesszentrum, Galerien und ein Kinderhort dazu.
Wenn wir vom Prime Tower als Nachbar reden, ist immer nur der Hauptturm gemeint. Ihn besuchen wir, um mit unseren Kunden und Freunden im 35. Stockwerk, im Bistro CLOUDS, Kaffee zu trinken und die grandiose Aussicht zu geniessen.
Wir erleben bei jedem Besuch, wie die Aussicht bezaubert und wie sich Geschichten melden, wenn ein Wohnort von oben herab betrachtet werden kann. Z. B. die stark abfallende Rosengartenstrasse. Der auf der Hardbrücke doppelspurig geführte Verkehr wird von ihr übernommen. Es donnern da täglich 50 000–60 000 Fahrzeuge über sie hinweg. H. wohnte an der Wibichstrasse und erinnerte sich an einen Winter mit viel Schnee. Da war die Rosengartenstrasse noch nicht Teil der Westtangente. Sie war eine Quartierstrasse, die man zu Fuss überqueren konnte. Im besagten Winter, vielleicht 1955, fiel so viel Schnee, dass die Kinder von Wipkingen auf der Rosengartenstrasse Ski fahren konnten. Noch mehr erstaunt: 1930 gab es in Zürich erst 8000 Autos.
Die Fahrt im Lift ist ein besonderes Erlebnis. Er ist wie ein Spiegelsaal gestaltet. Man begegnet sich von allen Seiten, auch verkehrt und ist mit diesem Spass beschäftigt, wenn der Lift fährt. Als ich beim ersten Mal auf die Anzeige der Stockwerkhöhe schaute, wechselte 14 gerade auf 15, und gleich danach waren wir oben. Und die Anzeige stand auf 35 still.
So angenehm Lift zu fahren, ist neu, nicht nur für uns. Keine Beschwerden, kein Druck auf der Brust. Und oben auch keine Höhenangst.
Die zeitgemässe Innenarchitektur nimmt die Kundschaft grosszügig auf, ohne sich hier verloren zu fühlen.
Schauen wir aus den grossen Fenstern, weitet sich der Blick zur grossen Übersicht. Ganz interessant ist die Sicht ins Limmattal zu den Geleisesträngen und zur Baustelle für die Durchmesserlinie. Noch ist nicht klar zu erkennen, wo dann die Züge, die Zürichs Sackbahnhof unterqueren, ihren Anschluss an bestehende Linien finden werden.
Der Ausblick aus verschiedenen Fenstern ergibt beinahe ein Rundblick. Da unten die Stadt mit ihren Geschäftshäusern, Lagerhäusern, Wohnbauten, Schulhäusern, Kirchen usw. wie ein Modell. Immer sind auch S-Bahnen bei ihrer Durchfahrt über den Viadukt zu beobachten. So klein wie eine Modelleisenbahn. Hier oben wird alles kleiner, die Übersicht aber grösser.
Je nach Wetterlage wird vom Bistro aus der Alpenkranz über dem Zürichsee bewundert.
Weitere Informationen über den Gastrobetrieb von CLOUDS.
Der schöne Platz, mit Bäumen und Unebenheiten gestaltet, trägt den Namen Maagplatz. Uns erinnert er an das alte, ausgediente Geschäftsgebäude, dessen Todesstösse wir beim Abbruch miterleben konnten. Hier stand es einmal.
An diesem Ort weht immer ein aussergewöhnlich starker Wind. Er durchlüftet die neuen Schluchten und macht dem Alten den Garaus. Hier hat die Zukunft begonnen.
Mittwoch, 23. Mai 2012
Horizont erweiternde Wanderung über den Altberg SZ
Alp heisst der Voralpenfluss, den ich von Reisen Richtung Einsiedeln kenne. Die Bahn folgt ihm durch seine Schlucht. Kurz nach Biberbrugg zeigt sich linksseitig auf dem Grat ein Haus, das mich seit Jahren zu grüssen scheint. Ein schöner Baum, vielleicht eine alte Linde, steht neben ihm. Beide machten mich neugierig, immer wieder. Wie sieht es dort oben jenseitig aus?
Meine Fragen sind nun beantwortet. Am vergangenen Sonntag wanderten Primo und ich ab Biberbrugg über einen stotzigen Wiesenpfad und anschliessend auf einem steilen, aber weichen Fussweg durch den Wald nach oben. Von Biberbrugg (838 m ü. M.) nach Altberg auf 950 m ü. M. benötigten wir ungefähr 20 Minuten.
Grosses Erstaunen, als wir an einer prächtigen Scheune vorbei in die Weite des Naturschutzgebiets und Hochmoors heraustraten. Eine Offenbarung. Dieser Rundblick. So weit das Auge reicht. Wunderschön die Farben auf den Feldern, gelb und grün einander durchdringend. Da von Löwenzahn dominiert, dort von den feingliedrigen Ankeblüemli (Scharfer Hahnenfuss).

Ich weiss nicht, wie oft ich an diesem frühen Nachmittag stille stand und dieser Landschaft sagte, sie sei schön. Wunderschön. Mitbeteiligt an diesem natürlichen Gesamtkunstwerk sind Bäume verschiedener Art. Da locker verstreut, dort zu einem Wäldchen gruppiert. Ihren Platz dürften sie selbst gefunden haben. Und die Ankeblüemli erinnerten an Spiele in der Kindheit auf dem Land. Wir hielten sie einander vor den Hals, und wenn das Gelb auf der Haut aufleuchtete, war es ein gutes Omen. Was dieses Orakel wirklich beantworten musste, weiss ich nicht mehr.
Auf unserem Weg kamen wir an einigen Häusern vorbei. Bauernhäuser oder Wohnhäuser der alten Art, wie ich eines vom Tal her wahrgenommen hatte. Hier oben aber konnte ich es nicht mit Sicherheit erkennen.
Wir folgten auch weiterhin dem gelb beschilderten Wanderweg über die Krete Richtung Galgenkappeli, immer den frisch verschneiten Alpenkranz vor Augen.
Weiter auf unserer Wanderung sah ich schon von weitem eine grosse, leicht abfallende Fläche mit sich bewegendem Weiss und vermutete, dass es sich um ein Wollgrasfeld handle. Da muss es Wasser haben, dachte ich, und entdeckte es sogleich. Ein so grosses Feld dieser Alpenblume hatten wir noch nie gesehen. Da standen wir denn auch bezaubert davor. Es wehte eine leichte, angenehme Bise, und ich bemerkte, wie diese Berührung ganz unterschiedliche Reaktion hervorrief. Auf jeden Fall liessen sich die Stengel dieses Wollgrases nicht nur in eine Richtung drängen. Wir standen lange vor ihnen und entdeckten eine grosse Individualität. Je nach Kraft und Grösse zitterten sie ob dem Wind, schwankten hin und her oder zogen leichte Kreise. Ihre Schwünge erinnerten mich an die Schnüerlischrift in der Primarschule (zusammenhängende Schrift, wie wenn ihr eine Schnur als Grundlage gedient hätte.)
So reagieren auch Menschen. Wir werden von Ereignissen, die alle betreffen, ganz unterschiedlich bewegt und reagieren mit individuellen Ausschlägen, wie es uns das Wollgras zeigte. Einige zitterten, wieder andere schienen gleichmütig oder unberührt dazustehen.
Zu Hause holte ich dann das 1946 erschienene SILVA-Buch* „Bergblumen der Heimat“ hervor und las dort: „Das vierjährige Wollgras gehört zu den arktisch-alpinen Pflanzen, die in den Moorgebieten rund um den Nordpol ausgedehnte Bestände bilden, aber auch bei uns von der Ebene bis in die Alpen häufig auftreten. Wie oft stösst man auf sommerlichen Wanderungen beim Erklimmen einer Hochfläche unvermutet auf kleine Moränenseen, die wie leuchtende Augen in der Landschaft liegen, oder auf unansehnliche verlandete Tümpel, die noch vom Schmelzwasser sprärlicher Lawinenreste zu zehren scheinen. In der Nähe besehen, lösen sich aber die vermeintlichen Schneereste in Tausende von weissschimmernden Haarschöpfchen auf. Es sind die Fruchtstände des vieljährigen Wollgrases. Am eindrücklichsten wirken sie, wenn ein frisches Morgenlüftchen die Bodennebel in Bewegung setzt. Dann flattern die Wollschöpfchen wie silberne Perücken im Winde, und ein Sonntagskind würde auch die Liliputanerhexen entdecken, deren Köpfe sie zieren. Nach einer längeren Regenperiode freilich sind die verwaschenen Haare zerzaust oder verklebt, wie etwa der Haarschopf eines gesunden Jungen, der im Wasser herumtollte.“
Wenn ich in Bücher wie das erwähnte SILVA-Buch eintauche, dann weiss ich jedesmal, dass meine Generation durch solche Beschreibungen die Ehrfurcht vor dem Leben eingeimpft bekam. Auch die zu jeder besprochenen Pflanzenart gehörenden Aquarelle strahlen entsprechend aus. Worte, Erklärungen und Bilder sind beseelt. Es sind nicht nur kühle und tabellenartige Informationen. Dank dieser Erziehung fällt es leicht, allem Gewachsenen als einem Lebewesen zu begegnen.
Freude empfanden wir an diesem Tag auch, als sich auf dem weiteren Weg die Landschaft plötzlich änderte und wieder öffnete. Wir landeten auf einer Art Balkon. Vor uns glitzerte das weite Wasser des Sihlsees. Und da waren wir auch beim Galgenchappeli angekommen. Ein Chappeli ist eine kleine Wegkapelle. Diese da, die wir vorfanden, entspricht vom Äusseren her eher einem Verschlag. Viereckig, vorne offen, also einem Unterstand und hat doch eine Aura, eine Ausstrahlung, dass ihr mit Respekt begegnet wird. (Im Internet ist unter Einsiedeln Tourismus Pilgerweg Galgenchappeli eine Foto zu finden. www.einsiedeln-tourismus.ch)
Wir setzten uns auf einen der Bänke, die den Wänden entlang angebracht sind und zum Verweilen einladen. Ich las von 2 Informationstafeln:
Dieses Galgenchappeli, genannte Gruobi und Schutzhütte, erinnert an das Einsiedler Hochgericht, das bis zum Jahre 1799 hier jenseits der Strasse lag und an das 1810 abgebrochene Kapellchen. Wanderer, gedenke der armen Sünder, die hier endeten. R.I.P. (Sie mögen ruhen in Frieden.)
Und:
Wanderer, gedenke auch der „drei Kälin“ Nicolaus Benedikt des Lochbauer, Josef Rupert und Johann Nico dem Cölestin, die am 15. bzw. am 16.Dezember 1766 auf der Waidhuob zu Schwyz für die Unabhängigkeit der Waldleute unter dem Schwerte des Henkers starben und deren Köpfe hier aufgenagelt wurden. R.I.P. (Sie mögen ruhen in Frieden.)
In der Mitte des Raums steht ein eindrücklicher Steinsäulenstumpf, ursprünglich floral gestaltet, mit Ranken und Blattwerk versehen. Jetzt verwittert und beschädigt. Vermutlich war diese Säule das Zentrum, an dem gerichtet wurde.
In der Zeit unserer Rast begegneten wir 4 Personen, die mit schweren Rucksäcken unterwegs waren. Wir fragten, ob sie noch einen weiten Weg vor sich hätten. Heute nur bis Einsiedeln. Sie kamen aus der Steiermark, seien auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela unterwegs. Sie wollen auch den Heimweg wieder zu Fuss gehen und rechnen damit, dass sie im nächsten Jahr dann zurück seien.
Solche Begegnungen, auch wenn sie nur kurz sind, bewegen. Die guten Wünsche, die man in solchen Momenten ausspricht, sind stark und kommen von Herzen. Gleich nach ihnen kamen weitere Pilger vorbei. Wieder grüssten wir einander. Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen: In diesem Augenblick beneidete ich sie. Ein solcher Weg verwandelt alle, die ihn gehen.
Wir zogen dann auch weiter, der alten Etzelstrasse entlang. Und ebenfalls zum Kloster. Nach einem Gruss bei der Madonna kehrten wir aber mit der S-Bahn wieder heim.
Buchhinweis
*Bergblumen der Heimat, Herausgeber SILVA-Bilderdienst Zürich
Text: Prof. Dr. Hans Meierhofer, Zürich
Aquarelle: H. und O. Baumberger, Zürich
Meine Fragen sind nun beantwortet. Am vergangenen Sonntag wanderten Primo und ich ab Biberbrugg über einen stotzigen Wiesenpfad und anschliessend auf einem steilen, aber weichen Fussweg durch den Wald nach oben. Von Biberbrugg (838 m ü. M.) nach Altberg auf 950 m ü. M. benötigten wir ungefähr 20 Minuten.
Grosses Erstaunen, als wir an einer prächtigen Scheune vorbei in die Weite des Naturschutzgebiets und Hochmoors heraustraten. Eine Offenbarung. Dieser Rundblick. So weit das Auge reicht. Wunderschön die Farben auf den Feldern, gelb und grün einander durchdringend. Da von Löwenzahn dominiert, dort von den feingliedrigen Ankeblüemli (Scharfer Hahnenfuss).
Ich weiss nicht, wie oft ich an diesem frühen Nachmittag stille stand und dieser Landschaft sagte, sie sei schön. Wunderschön. Mitbeteiligt an diesem natürlichen Gesamtkunstwerk sind Bäume verschiedener Art. Da locker verstreut, dort zu einem Wäldchen gruppiert. Ihren Platz dürften sie selbst gefunden haben. Und die Ankeblüemli erinnerten an Spiele in der Kindheit auf dem Land. Wir hielten sie einander vor den Hals, und wenn das Gelb auf der Haut aufleuchtete, war es ein gutes Omen. Was dieses Orakel wirklich beantworten musste, weiss ich nicht mehr.
Auf unserem Weg kamen wir an einigen Häusern vorbei. Bauernhäuser oder Wohnhäuser der alten Art, wie ich eines vom Tal her wahrgenommen hatte. Hier oben aber konnte ich es nicht mit Sicherheit erkennen.
Wir folgten auch weiterhin dem gelb beschilderten Wanderweg über die Krete Richtung Galgenkappeli, immer den frisch verschneiten Alpenkranz vor Augen.
Weiter auf unserer Wanderung sah ich schon von weitem eine grosse, leicht abfallende Fläche mit sich bewegendem Weiss und vermutete, dass es sich um ein Wollgrasfeld handle. Da muss es Wasser haben, dachte ich, und entdeckte es sogleich. Ein so grosses Feld dieser Alpenblume hatten wir noch nie gesehen. Da standen wir denn auch bezaubert davor. Es wehte eine leichte, angenehme Bise, und ich bemerkte, wie diese Berührung ganz unterschiedliche Reaktion hervorrief. Auf jeden Fall liessen sich die Stengel dieses Wollgrases nicht nur in eine Richtung drängen. Wir standen lange vor ihnen und entdeckten eine grosse Individualität. Je nach Kraft und Grösse zitterten sie ob dem Wind, schwankten hin und her oder zogen leichte Kreise. Ihre Schwünge erinnerten mich an die Schnüerlischrift in der Primarschule (zusammenhängende Schrift, wie wenn ihr eine Schnur als Grundlage gedient hätte.)
So reagieren auch Menschen. Wir werden von Ereignissen, die alle betreffen, ganz unterschiedlich bewegt und reagieren mit individuellen Ausschlägen, wie es uns das Wollgras zeigte. Einige zitterten, wieder andere schienen gleichmütig oder unberührt dazustehen.
Zu Hause holte ich dann das 1946 erschienene SILVA-Buch* „Bergblumen der Heimat“ hervor und las dort: „Das vierjährige Wollgras gehört zu den arktisch-alpinen Pflanzen, die in den Moorgebieten rund um den Nordpol ausgedehnte Bestände bilden, aber auch bei uns von der Ebene bis in die Alpen häufig auftreten. Wie oft stösst man auf sommerlichen Wanderungen beim Erklimmen einer Hochfläche unvermutet auf kleine Moränenseen, die wie leuchtende Augen in der Landschaft liegen, oder auf unansehnliche verlandete Tümpel, die noch vom Schmelzwasser sprärlicher Lawinenreste zu zehren scheinen. In der Nähe besehen, lösen sich aber die vermeintlichen Schneereste in Tausende von weissschimmernden Haarschöpfchen auf. Es sind die Fruchtstände des vieljährigen Wollgrases. Am eindrücklichsten wirken sie, wenn ein frisches Morgenlüftchen die Bodennebel in Bewegung setzt. Dann flattern die Wollschöpfchen wie silberne Perücken im Winde, und ein Sonntagskind würde auch die Liliputanerhexen entdecken, deren Köpfe sie zieren. Nach einer längeren Regenperiode freilich sind die verwaschenen Haare zerzaust oder verklebt, wie etwa der Haarschopf eines gesunden Jungen, der im Wasser herumtollte.“
Wenn ich in Bücher wie das erwähnte SILVA-Buch eintauche, dann weiss ich jedesmal, dass meine Generation durch solche Beschreibungen die Ehrfurcht vor dem Leben eingeimpft bekam. Auch die zu jeder besprochenen Pflanzenart gehörenden Aquarelle strahlen entsprechend aus. Worte, Erklärungen und Bilder sind beseelt. Es sind nicht nur kühle und tabellenartige Informationen. Dank dieser Erziehung fällt es leicht, allem Gewachsenen als einem Lebewesen zu begegnen.
Freude empfanden wir an diesem Tag auch, als sich auf dem weiteren Weg die Landschaft plötzlich änderte und wieder öffnete. Wir landeten auf einer Art Balkon. Vor uns glitzerte das weite Wasser des Sihlsees. Und da waren wir auch beim Galgenchappeli angekommen. Ein Chappeli ist eine kleine Wegkapelle. Diese da, die wir vorfanden, entspricht vom Äusseren her eher einem Verschlag. Viereckig, vorne offen, also einem Unterstand und hat doch eine Aura, eine Ausstrahlung, dass ihr mit Respekt begegnet wird. (Im Internet ist unter Einsiedeln Tourismus Pilgerweg Galgenchappeli eine Foto zu finden. www.einsiedeln-tourismus.ch)
Wir setzten uns auf einen der Bänke, die den Wänden entlang angebracht sind und zum Verweilen einladen. Ich las von 2 Informationstafeln:
Dieses Galgenchappeli, genannte Gruobi und Schutzhütte, erinnert an das Einsiedler Hochgericht, das bis zum Jahre 1799 hier jenseits der Strasse lag und an das 1810 abgebrochene Kapellchen. Wanderer, gedenke der armen Sünder, die hier endeten. R.I.P. (Sie mögen ruhen in Frieden.)
Und:
Wanderer, gedenke auch der „drei Kälin“ Nicolaus Benedikt des Lochbauer, Josef Rupert und Johann Nico dem Cölestin, die am 15. bzw. am 16.Dezember 1766 auf der Waidhuob zu Schwyz für die Unabhängigkeit der Waldleute unter dem Schwerte des Henkers starben und deren Köpfe hier aufgenagelt wurden. R.I.P. (Sie mögen ruhen in Frieden.)
In der Mitte des Raums steht ein eindrücklicher Steinsäulenstumpf, ursprünglich floral gestaltet, mit Ranken und Blattwerk versehen. Jetzt verwittert und beschädigt. Vermutlich war diese Säule das Zentrum, an dem gerichtet wurde.
In der Zeit unserer Rast begegneten wir 4 Personen, die mit schweren Rucksäcken unterwegs waren. Wir fragten, ob sie noch einen weiten Weg vor sich hätten. Heute nur bis Einsiedeln. Sie kamen aus der Steiermark, seien auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela unterwegs. Sie wollen auch den Heimweg wieder zu Fuss gehen und rechnen damit, dass sie im nächsten Jahr dann zurück seien.
Solche Begegnungen, auch wenn sie nur kurz sind, bewegen. Die guten Wünsche, die man in solchen Momenten ausspricht, sind stark und kommen von Herzen. Gleich nach ihnen kamen weitere Pilger vorbei. Wieder grüssten wir einander. Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen: In diesem Augenblick beneidete ich sie. Ein solcher Weg verwandelt alle, die ihn gehen.
Wir zogen dann auch weiter, der alten Etzelstrasse entlang. Und ebenfalls zum Kloster. Nach einem Gruss bei der Madonna kehrten wir aber mit der S-Bahn wieder heim.
Buchhinweis
*Bergblumen der Heimat, Herausgeber SILVA-Bilderdienst Zürich
Text: Prof. Dr. Hans Meierhofer, Zürich
Aquarelle: H. und O. Baumberger, Zürich
Sonntag, 13. Mai 2012
Kreuz und Fahnen, Kreuz und Palmwedel in Villmergen
Aus der Familiengeschichte meiner Mutter väterlicherseits weiss ich allerdings, dass es unter ihren Vorfahren Söldner gab. Wir kennen auch die Namen von den beiden Männern, die neben vielen anderen im Villmergerkrieg 1712 umgekommen sind.
Rückblickend bin ich erstaunt, wie sich Ende März plötzlich ein langgehegter Wunsch wieder meldete. Vor 20 Jahren hatten wir uns vorgenommen, einmal im Villmerger Wald zu wandern. Damals waren wir erstmals nach Villmergen gekommen, weil Primo zu einer Ausstellung eigener Werke in den Schaufenstern verschiedener Geschäfte eingeladen worden war.
Unsere Wiederkehr traf in diesem Jahr mit dem festlichen Palmsonntag zusammen. Unerwartet erlebten wir die Prozession und feierten den anschliessenden feierlichen Festgottesdienst mit.
Es gab viel zu bewundern. Palmwedel tragende Ministrantinnen und Ministranten. Eine lebhafte Jugend, die sich in der Tradition ihres Ortes heimisch fühlt. Dahinter das Volk aus Villmergen. Eltern und Kinder brachten in ihren eigenen Körben ebenfalls Stechpalmendekorationen und Äpfel mit.
Junge Männer trugen auf ihren Schultern einen grossen, schlanken und geschmückten Baumstamm in die Kirche, wo sie diesen dann im Chor aufstellten. Sie waren mit grossen Stechpalmenkränzen und Äpfeln geschmückt. Der Baum war in die Farben gelb und blau eingebunden. Zuoberst das Tännchen, die eigentliche Baumkrone, die beim Fällen stehen gelassen worden ist. Wegen der im Villmergerkrieg gefallenen Vorfahren Leonhard und Georg Fässler sog ich die Stimmung in diesem Ort und vor allem dann auch im Wald in mich auf. Auf unserer Wanderung kamen wir auf die Hohlwege von nationaler Bedeutung. So informierte uns eine Waldlehrpfad-Tafel.
„Die Hohlwege waren früher sehr wichtige Verkehrswege. Der Talboden war Sumpflandschaft mit enormer Mückenplage. Ein ganzes Nest dieser Hohlwege sorgte am Rieterberg für direkte Verbindungen über den Berg und zu ehemaligen Ackerzelgen, Köhlerplätzen und Kiesgruben. Diese Hohlwege entstanden aus der häufigen Benutzung für Viehbetrieb und aus der Holznutzung. Voraussetzung war aber entsprechend weicher Untergrund.
Eine grosse Zahl der Hohlwege ist in Villmergen erhalten geblieben. Dieser Hohlwegfächer gehört zu den grossflächigsten und markantesten im aargauischen Mittelland. Da die tiefen Gräben eine intensive Holznutzung heute erschweren, haben sie zur Ausbildung eines schützenswerten Waldstandortes beigetragen. Was ursprünglich durch die intensive Nutzung des Waldes entstanden ist, dient heute seinem Schutz.“
Auf diesen Wegen fühlte ich mich geführt und beschützt. Weil sie tief eingegraben sind, geht man zwischen 2 Wänden. Das Erdreich und der Sandsteinfels darunter sind angeschnitten und darum entblösst. Das Wurzelreich mit seinen Räumen und Höhlen wird sichtbar und unterstützt Vorstellungen aus dem Märchenreich.
Wieder zu Hause, schickten wir jenem Freund unserer Familie einen Gruss, der die damalige Ausstellung in Villmergen angeregt hatte, und erinnerten ihn daran. Er antwortete schnell, machte aufmerksam auf das im Sommer zu erwartende Theaterereignis, in dem der Villmergerkrieg thematisiert werde. Der Autor Paul Steinmann, ebenfalls aus Villmergen stammend, habe das Stück geschrieben. – Ich nahm mir vor, aufmerksam zu bleiben, vergass die Sache dann wieder.
Ein paar Wochen später sind wir im Säuliamt – hinter dem Uetliberg – bei einem Pfadfinderkollegen von Primo eingeladen. Und auch dort taucht das Thema Landsknechte unvermittelt auf. Seltsam. Ich erfahre, dass dieser Mann alte Landsknechtlieder kennt und sie seiner Tochter schon im frühen Kindesalter vorgesungen habe. Trotz des Widerstands von seiner Frau. Dem Kind haben sie gefallen. Als diese Tochter, heute eine junge Frau, dann am späteren Abend auch noch bei ihren Eltern eintrifft, wird sofort beschlossen, dass sie mit ihrem Vater zusammen ein bestimmtes Landsknechtlied singen. Ich wundere mich, dass sie sofort einverstanden ist. Es macht ihr sichtlich Spass. Die beiden singen hingebungsvoll, zur Freude von uns, aber auch zur eigenen. Eindrücklich.
Einen Tag später verfolge ich, nichts ahnend, ein Interview mit Christov Rolla auf Radio DRS/Musikwelle. Wieder unerwartet, werde ich auf das bevorstehende Theater-Ereignis aufmerksam. Ich erfahre, dass dieser Musiker die musikalische Leitung für das Freiämter Landschaftstheater zum Villmergerkrieg 1712 übernommen habe.
Und die weiteren Informationen kann ich dann aus dem Internet herausholen. Sie sind vielfältig und schüren meine Vorfreude.
Die Gemeinschaftsproduktion von 4 Theatergruppen im Freiamt läuft unter dem Titel Mit Chrüüz und Fahne (mit Kreuz und Fahne). Der Link dazu http://www.kreuz-und-fahne.ch
Soweit hat sich für mich persönlich das Thema verdichtet. Ich bin gespannt, ob noch weitere Zusammenhänge sichtbar werden. Spannend ist es immer, sich einem Thema nicht nur über den Verstand und allerlei Fakten, sondern auch mit dem Gemüt anzunehmen.
Dienstag, 1. Mai 2012
Die Hektik und der Friede im Zusammensein mit Kindern
Es widerstrebte mir, mit den Enkelinnen in der Stadt Zürich herumzukurven. Da würden sie ohnehin von der dort herrschenden Betriebsamkeit und der daraus resultierenden Hektik erfasst und mir nicht mehr folgen.
Wir erlebten es beispielsweise, wenn wir mit ihnen das Tram, den Bus oder die S-Bahn benützen mussten. Da wurde das Gehorchen ausgetrickst. Angetrieben von einer Art Wettstreit, eroberten sie sich Sitzplätze, um sie sogleich wieder zu verlassen, um noch bessere zu ergattern. Primo verglich die Kinder mit auf Waldästen turnenden Gibbonaffen. Rücksichtslos und vor allem wider die Vorgaben der Grosseltern.
Im Wald war das dann anders. Weder auf schmalen noch auf den breiten Wegen kam Hetze auf. Hier gab der natürliche Raum die Themen vor: Ruhe und Frieden und ein Hauch von Ehrfurcht. Und vor allem auch die Möglichkeit, die Kinder einfach loszulassen, ihnen Entdeckungen zu ermöglichen.
Wir strebten einem schönen Spielplatz zu. Ich ging mit ihnen auf ausholenden Wegen, damit die Wanderung lange dauerte. Es gab keine Langeweile. Der Wald liess uns immer wieder staunen. Vom Boden mit dem grünen Moos, den weissen Glöckchen im Klee über die Bäume zum Himmel hin gab es unendlich vieles zu entdecken.
Auf dem vorangegangenen Anmarschweg hatte ich den Kindern erzählt, wie ich als 7-Jährige von einem frechen Bub verfolgt wurde. Ich rannte vor ihm her so schnell ich konnte, stolperte aber auf der Naturstrasse meines Schulweges und fiel hin. Ein spitzer Stein verletzte mich oberhalb eines Knies. Das Blut aus der tiefen Wunde erschreckte sogar auch meine Eltern. Die 4 cm lange Narbe, jetzt 65-jährig, ist immer noch zu sehen. Und sie beeindruckte vor allem Nora. Auf unserer Wanderung wollte sie darum plötzlich einen Stein finden, der ihr erzählen könnte, wie ich verletzt worden bin. Ständig hob sie Steine auf, wollte wissen: War es ein solcher? Und immer fand sie nur abgeschliffene, aus einem Flussbett stammende Kiesel, die niemals Fleisch aufschneiden können. Mit der ihr angeborenen Hartnäckigkeit bückte sie sich erneut, stellte die gleiche Frage, warf den Stein weg und suchte weiter. Und dann fand sie einen, der das Unglück von damals hätte hervorgebracht haben können. Ein Stück Bruchstein mit einer markanten, scharfen Spitze. Lange behielt sie ihn in den Händen, trug ihn mit sich. Gegen Abend beklagte sie sich dann über ihren schweren Rucksack, und ich fand in ihm einige Steine, denen sie die Frage nach dem Unglück gestellt haben musste.
Weil ihre Blicke wegen dieser Steingeschichte hauptsächlich auf den Boden zielten, wurde sie noch auf Hufeisenabdrücke und vor allem auf Pferdeäpfel – wir nennen sie Rosspoppele – aufmerksam. Da begann ein Spiel. Mena schlug vor, alle Rosspoppele-Haufen zu zählen. Am Ende unseres Wanderwegs sollten dann die Resultate verglichen werden. Alte, also schon lange hier liegende, zertretene oder überfahrene Haufen konnten leicht übersehen werden. Aufmerksamkeit war auch da wieder gefragt. Und so verging die Zeit des Wanderns, und wir kamen auf dem Spielplatz an.
Am Sonntag zuvor war es hier noch ungemütlich gewesen. Der Regen hatte den Erdboden zu Matsch werden lassen, und die Rutschbahn war klebrig. Heute hatten wir Stofflappen bei uns. Auf ihnen rutschten die Mädchen einige Male hinunter, trockneten und polierten die Bahn, und bald einmal war sie von mehreren Kindern bevölkert. Ich sass eine Stunde lang in ihrer Nähe und freute mich über den Frieden, der auch von dieser Rutschbahn ausging. Mena war die Älteste, und obwohl sie nichts dirigierte, richteten sich kleinere Kinder nach ihr aus. Ihre Rutschvarianten wurden nachgeahmt oder noch ausgereizt. Ein Bub aus Äthiopien wurde zum fröhlichen Clown, und ein scheues Mädchen, das anfänglich nur quer in die Bahn sass und alle stoppte, getraute sich nach und nach die Lust zuzulassen, die bis dahin ausser ihr alle anwesenden Kinder angetrieben hatte. Hier erstaunte mich, wie meine Enkelinnen Mena und Nora ihre Unruhe und das gibbonartige Verhalten verloren hatten und die Freude am Spiel mit allen teilten. Hier war der Friede des Walds am Werk, folgerte ich.
Tage später, als unsere Enkelkinder schon wieder nach Paris zurückgekehrt waren, spazierten Primo und ich durch den Wald hinter dem Kloster Fahr AG zu den jetzt wieder zugedeckten Kiesgruben hin. Wir schauten ins Land und vor allem zu den Alpen hin. Dank Föhn zeigten sie sich uns sehr nahe. Auf dem Rückweg zeigte Primo auf eine grosse Richtstrahlantenne (um den Verkehr im Gubrist zu kontrollieren), und er sagte, es wundere ihn, dass generell nicht mehr über ihre Einflüsse gesprochen werde. Als diese neu gebaut wurden, gab es viele Bedenken wegen der elektromagnetischen Strahlungen, auch offensichtliche gesundheitliche Belastungen. In unserem Bekanntenkreis wurde eine sensible Musikerin sehr krank und konnte nur gesunden, weil sie ihr damaliges Heim verliess und sich an einem weniger belasteten Ort niederliess.
Und jetzt frage ich mich, gerade nach dem 2-wöchigen Zusammensein mit den Enkelinnen, ob das immer mehr verdichtete energetische Gewebe die grosse Unruhe in den Menschen hervorgebracht habe, die für mich nicht mehr normal ist. Meine Generation hat viel geleistet, viel gearbeitet, aber doch auch die entspannende Ruhe gekannt. Heute ist die Unruhe übergross. Man reizt alles aus, was nur möglich ist. Beschaulichkeit ist ein fremder Begriff geworden. Es wird gerannt, gehetzt, alle Möglichkeiten ausgereizt, auch der Mensch von heute. Darum gehen vielleicht auch manche Ehen in Brüche.
*
Auf unserem Heimweg, wir waren insgesamt über 3 Stunden unterwegs, sangen wir den französischsprachigen Kinderreim:
Un kilomètre à pied, ça use, ça use
un kilomètre à pied, ça use nos souliers.
Der sinngemässe Inhalt des Lieds: Ein Kilometer zu Fuss, verbraucht unsere Schuhe (nützt die Schuhe ab).
Da waren wir die müden Kumpels, denen ein Lied half, durchzuhalten, fröhlich zu bleiben und gut aufzupassen, dass sich die Zahl der Strophe übereinstimmend ändere. (Ein Kilometer zu Fuss, dann 2 Kilometer zu Fuss usw.)
Im Internet singt auf YouTube ein Frosch dieses Lied, und zu meiner Überraschung gehört es auch in die schweizerische Kinderliedsammlung www.falleri.ch.
Mena hat es mir beigebracht.
Wir erlebten es beispielsweise, wenn wir mit ihnen das Tram, den Bus oder die S-Bahn benützen mussten. Da wurde das Gehorchen ausgetrickst. Angetrieben von einer Art Wettstreit, eroberten sie sich Sitzplätze, um sie sogleich wieder zu verlassen, um noch bessere zu ergattern. Primo verglich die Kinder mit auf Waldästen turnenden Gibbonaffen. Rücksichtslos und vor allem wider die Vorgaben der Grosseltern.
Im Wald war das dann anders. Weder auf schmalen noch auf den breiten Wegen kam Hetze auf. Hier gab der natürliche Raum die Themen vor: Ruhe und Frieden und ein Hauch von Ehrfurcht. Und vor allem auch die Möglichkeit, die Kinder einfach loszulassen, ihnen Entdeckungen zu ermöglichen.
Wir strebten einem schönen Spielplatz zu. Ich ging mit ihnen auf ausholenden Wegen, damit die Wanderung lange dauerte. Es gab keine Langeweile. Der Wald liess uns immer wieder staunen. Vom Boden mit dem grünen Moos, den weissen Glöckchen im Klee über die Bäume zum Himmel hin gab es unendlich vieles zu entdecken.
Auf dem vorangegangenen Anmarschweg hatte ich den Kindern erzählt, wie ich als 7-Jährige von einem frechen Bub verfolgt wurde. Ich rannte vor ihm her so schnell ich konnte, stolperte aber auf der Naturstrasse meines Schulweges und fiel hin. Ein spitzer Stein verletzte mich oberhalb eines Knies. Das Blut aus der tiefen Wunde erschreckte sogar auch meine Eltern. Die 4 cm lange Narbe, jetzt 65-jährig, ist immer noch zu sehen. Und sie beeindruckte vor allem Nora. Auf unserer Wanderung wollte sie darum plötzlich einen Stein finden, der ihr erzählen könnte, wie ich verletzt worden bin. Ständig hob sie Steine auf, wollte wissen: War es ein solcher? Und immer fand sie nur abgeschliffene, aus einem Flussbett stammende Kiesel, die niemals Fleisch aufschneiden können. Mit der ihr angeborenen Hartnäckigkeit bückte sie sich erneut, stellte die gleiche Frage, warf den Stein weg und suchte weiter. Und dann fand sie einen, der das Unglück von damals hätte hervorgebracht haben können. Ein Stück Bruchstein mit einer markanten, scharfen Spitze. Lange behielt sie ihn in den Händen, trug ihn mit sich. Gegen Abend beklagte sie sich dann über ihren schweren Rucksack, und ich fand in ihm einige Steine, denen sie die Frage nach dem Unglück gestellt haben musste.
Weil ihre Blicke wegen dieser Steingeschichte hauptsächlich auf den Boden zielten, wurde sie noch auf Hufeisenabdrücke und vor allem auf Pferdeäpfel – wir nennen sie Rosspoppele – aufmerksam. Da begann ein Spiel. Mena schlug vor, alle Rosspoppele-Haufen zu zählen. Am Ende unseres Wanderwegs sollten dann die Resultate verglichen werden. Alte, also schon lange hier liegende, zertretene oder überfahrene Haufen konnten leicht übersehen werden. Aufmerksamkeit war auch da wieder gefragt. Und so verging die Zeit des Wanderns, und wir kamen auf dem Spielplatz an.
Am Sonntag zuvor war es hier noch ungemütlich gewesen. Der Regen hatte den Erdboden zu Matsch werden lassen, und die Rutschbahn war klebrig. Heute hatten wir Stofflappen bei uns. Auf ihnen rutschten die Mädchen einige Male hinunter, trockneten und polierten die Bahn, und bald einmal war sie von mehreren Kindern bevölkert. Ich sass eine Stunde lang in ihrer Nähe und freute mich über den Frieden, der auch von dieser Rutschbahn ausging. Mena war die Älteste, und obwohl sie nichts dirigierte, richteten sich kleinere Kinder nach ihr aus. Ihre Rutschvarianten wurden nachgeahmt oder noch ausgereizt. Ein Bub aus Äthiopien wurde zum fröhlichen Clown, und ein scheues Mädchen, das anfänglich nur quer in die Bahn sass und alle stoppte, getraute sich nach und nach die Lust zuzulassen, die bis dahin ausser ihr alle anwesenden Kinder angetrieben hatte. Hier erstaunte mich, wie meine Enkelinnen Mena und Nora ihre Unruhe und das gibbonartige Verhalten verloren hatten und die Freude am Spiel mit allen teilten. Hier war der Friede des Walds am Werk, folgerte ich.
Tage später, als unsere Enkelkinder schon wieder nach Paris zurückgekehrt waren, spazierten Primo und ich durch den Wald hinter dem Kloster Fahr AG zu den jetzt wieder zugedeckten Kiesgruben hin. Wir schauten ins Land und vor allem zu den Alpen hin. Dank Föhn zeigten sie sich uns sehr nahe. Auf dem Rückweg zeigte Primo auf eine grosse Richtstrahlantenne (um den Verkehr im Gubrist zu kontrollieren), und er sagte, es wundere ihn, dass generell nicht mehr über ihre Einflüsse gesprochen werde. Als diese neu gebaut wurden, gab es viele Bedenken wegen der elektromagnetischen Strahlungen, auch offensichtliche gesundheitliche Belastungen. In unserem Bekanntenkreis wurde eine sensible Musikerin sehr krank und konnte nur gesunden, weil sie ihr damaliges Heim verliess und sich an einem weniger belasteten Ort niederliess.
Und jetzt frage ich mich, gerade nach dem 2-wöchigen Zusammensein mit den Enkelinnen, ob das immer mehr verdichtete energetische Gewebe die grosse Unruhe in den Menschen hervorgebracht habe, die für mich nicht mehr normal ist. Meine Generation hat viel geleistet, viel gearbeitet, aber doch auch die entspannende Ruhe gekannt. Heute ist die Unruhe übergross. Man reizt alles aus, was nur möglich ist. Beschaulichkeit ist ein fremder Begriff geworden. Es wird gerannt, gehetzt, alle Möglichkeiten ausgereizt, auch der Mensch von heute. Darum gehen vielleicht auch manche Ehen in Brüche.
*
Auf unserem Heimweg, wir waren insgesamt über 3 Stunden unterwegs, sangen wir den französischsprachigen Kinderreim:
Un kilomètre à pied, ça use, ça use
un kilomètre à pied, ça use nos souliers.
Der sinngemässe Inhalt des Lieds: Ein Kilometer zu Fuss, verbraucht unsere Schuhe (nützt die Schuhe ab).
Da waren wir die müden Kumpels, denen ein Lied half, durchzuhalten, fröhlich zu bleiben und gut aufzupassen, dass sich die Zahl der Strophe übereinstimmend ändere. (Ein Kilometer zu Fuss, dann 2 Kilometer zu Fuss usw.)
Im Internet singt auf YouTube ein Frosch dieses Lied, und zu meiner Überraschung gehört es auch in die schweizerische Kinderliedsammlung www.falleri.ch.
Mena hat es mir beigebracht.
Sonntag, 15. April 2012
Frühling in Zürich: Sechseläuten, mit dem Böögg gefeiert
Der Böögg ist ein Schneemann aus Watte, der den Winter
symbolisiert. Er gehört zum Frühlingsfest der Zürcher. Das Fest selbst
trägt den Namen Sechseläuten. Und dieser weist auf eine Ordnung
aus dem Mittelalter hin. Damals wurde auch eine Sommerzeit bestimmt.
Läutete die Feierabendglocke bis dahin um 5 Uhr abends, wurde sie nach
der Tag- und Nachtgleiche auf 6 Uhr abends verschoben.
Zu dieser Zeit werden die Tage länger und heller. Es wurde damals
möglich und erlaubt, 1 Stunde länger zu arbeiten und Geschäfte zu
betreiben. Und die Stadttore werden wohl um diese eine Stunde länger
offen gewesen sein.
Die Freude am wiederkehrenden Licht und der wieder erwachten Natur
liegt unserem Fest auch heute noch zugrunde. Wir feiern es mit vielen
Blumen, wehenden Fahnen, Umzügen, Blasmusik und heiter gestimmtem
Publikum. Am Sonntag sind die Kinder unterwegs. In historische Gewänder
gekleidet, stellt ihr Umzug ein Stück Geschichte dar. Und gleichzeitig
ist er Begleitung für den Böögg, der in die Stadt geführt wird.
Früher waren die Zünfte Handwerker-Vereinigungen. Sie gehörten zur
Stadtregierung. Heute haben sie nur noch gesellschaftliche Funktionen.
Sie organisieren das Sechseläuten. Am Montag führen sie uns in
historischen Kostümen, vielfach hoch zu Ross, ebenfalls in die
Vergangenheit. Im Umzug gehen auch Gäste mit. Auf diesem Weg wird ihnen
applaudiert und es werden ihnen Blumen zugeworfen. Persönlichkeiten aus
Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und Militär und die Zünfter selber
geniessen diesen fröhlichen Beifall. Da wird dann sichtbar, wie beliebt
man ist.
Und schlussendlich begleiten alle – auch die Zuschauer – den Böögg aufs Schafott, wo er Punkt 6 Uhr, während dem Sechs-Uhr-Läuten der Kirchenglocken (Sechseläuten),
angezündet wird. In seinem Innern sind Petarden versteckt, die das
Feuer dann zum Krachen bringen. Das sind jeweils sehr emotionale
Momente, die Feststimmung auf dem Höhepunkt. Der Winter ist dann vorbei,
wenn der Kopf zerfetzt oder verbrannt ist.
Unsere Töchter konnten mehrmals am Kinderumzug teilnehmen. Und
heuer gehören unsere Enkelkinder zu den Gästen am Strassenrand. Wir
werden also, wie früher, mit all unseren Emotionen dabei sein.
Letizia, unsere in Zürich lebende Tochter, beschreibt anschliessend ihre Erinnerungen und ihre Einstellung zu diesem Fest:
Damals ... unvergesslich
„Das Sechseläuten-Wochenende ist mir heilig. Nie wieder möchte ich
das Zürcher Frühlingsfest fernab der Heimat verbringen. Vor bald 20
Jahren weilte ich an einem solchen Tag am Hafen von Québec City, traurig
und voller Heimweh, während meine Liebsten am Zürcher Bellevue dem grossen Knall entgegen fieberten. Nie mehr! schwor ich damals, schlotternd im Wind. Nie wieder!
Meine ältesten Erinnerungen ans Sechseläuten zeigen mich auf den Schultern meines Vaters. Um halb 6 Uhr bei Teppich Forster!
Noch immer gilt dieser Treff- und Zeitpunkt, auch wenn es dieses
Teppichgeschäft an der Seefeldstrasse nicht mehr gibt. Hier trifft sich
die Familie jedesmal, wenn wir aus verschiedenen Himmelsrichtungen
zusammen kommen. Als Kleinkind auf den Schultern von Papi schlängelten
wir dann zielstrebig durch die Menschenmenge. Wir hatten unseren
Stammplatz, wo die Zünfter ihre Pferde einstellten. Da gab es
Absperrgitter, und genau hinter diesen Gittern verfolgten wir über Jahre
das Krachen der Böller, bis der Böögg zerbarst. Ja, als kleines Mädchen
hatte ich Angst, denn nicht nur die Schallwelle des finalen Böllers
drückt jeweils auf die Brust und lässt diese erschüttern, nein, jeder
einzelne Knall geht durch Mark und Bein. Auf Papis Schultern war ich
sicher, hatte die beste Aussicht und genoss jede Sekunde in vollen
Zügen.
Die Reiter, die hoch zu Pferd um den lodernd brennenden Holzstoss
reiten, die bunten historischen Kostüme und, nicht zu vergessen, die
Musik haben für mich bis heute nichts an Faszination eingebüsst. Man
erzählt sich schmunzelnd, dass ich schon als kleines Kind wie ein
General im Schritt der Marschmusik durch die Strassen stolziert sei.
Wir sind keine Zünfter-Familie. So sind wir am Sächsilüüte-Mäntig
(Sechseläuten-Montag) „nur“ Zuschauer. Auch wenn viele meiner
Zeitgenossen die Nase rümpfen und abschätzig lästern, dass sie den
Reichen ganz sicher nicht zuklatschen würden, kann man mir die
einzigartige Atmosphäre an diesem Wochenende nicht madig machen.
Der Tag, an welchem meine Mutter beschloss, meine ältere Schwester
und ein paar Nachbarskinder für den Kinderumzug am
Sechseläuten-Sonntag anzumelden, müssten wir eigentlich zu einem
Feiertag erklären. „Danke Mami, es war eine grossartige Idee!“
In meinem Fotoalbum gibt es ein Bild, datiert mit 1975, welches meine Schwester als Chinesin zeigt. Sie durfte in der Gruppe Fremde Völker
am Umzug teilnehmen. Ich war damals noch zu klein, aber ich bewunderte
die grossen Kinder sehr. Die einzige bleibende Erinnerung von damals
ist, dass meine Schwester kaugummikauend an uns vorbeizog und meine
Eltern darüber verständnislos den Kopf schüttelten.
3 Jahre später war die Zeit endlich reif, und auch ich durfte am
Kinderumzug teilnehmen. Aus der Verwandtschaft väterlicherseits konnte
meine Mutter echte Hallauer Trachten ausleihen. Ich platzte fast vor
Stolz, denn als einzige durfte ich den silbernen Familienschmuck meiner
Verwandten tragen. Die Vorfreude war gross und die Angst, das Wetter
könnte uns einen Strich durch die Rechnung machen, riesig. Der Umzug
wurde nur bei schönem Wetter durchgeführt. Wenn der Turm von Sankt Peter
am Sonntagmorgen beflaggt war, hiess dieses Zeichen, der Umzug werde
durchgeführt. Es gab auch eine Telefonnummer, unter welcher man erfahren
konnte, ob der Anlass stattfinde. Wenn dann die Stimme ab Band
verkündete: Zürich, Sechseläuten Kinderumzug: Der Umzug wird durchgeführt,
wurde aus der kribbeligen Vorfreude eine unglaubliche Nervosität.
Wahrscheinlich sprang ich dann in jenem Moment jubelnd durchs
Wohnzimmer. Nur ein kleines Detail schmälerte damals meine Riesenfreude.
Mami verlangte, dass ich unter die puffärmlige Leinenbluse einen
wollenen Pullover anziehe. Auf der Waid (Aussichtspunkt oberhalb
Zürich-Wipkingen) lag Schnee. Ich war entsetzt. Das Betteln, Jammern und
Klönen nützten nichts. Mami war nicht weichzukochen. Es war erst April
und manchmal nur ein paar Grad über Null. Auch an der Strumpfhose kam
ich nicht vorbei.
Ein paar Jahre später waren wir zu sechst, als wir uns im
Kostümfundus des Zentralkomitees der Zürcher Zünfte einkleiden liessen.
Wir Mädchen waren uns im Vorfeld einig, es müssten Rokoko- oder
Biedermeierkleider sein. Mit diesem Wunsch waren wir nicht alleine.
Jedes Mädchen träumte von einem märchenhaften Kleid mit Reifrock. Man
zeigte uns die weniger glamourösen Kostüme der Herrliberger Marktfahrer und so verwandelten wir uns rasch in eine fröhliche Marktfahrer-Gruppe.
Beim Einstehen vor dem Umzug überreichten uns die Verantwortlichen
grosse Weidenkörbe gefüllt mit frischem Gemüse und Salaten und
instruierten uns: Bringt die Körbe leer zurück. Ihr dürft alles an die Zuschauer verschenken.
Zu zweit trugen wir die grossen Körbe durch die Zürcher Innenstadt. Und
gegen Ende der Umzugsroute verteilten wir Kopfsalate an
Verkehrspolizisten, Radieschen an Securitas-Beamte und Rüebli an
versteinert guckende ältere Herren. Das war vielleicht ein Spass.
Und so überfällt mich am Sächsilüüte-Sunntig noch heute
Gänsehaut, wenn ich ein Kind mit „meinem“ Kostüm an mir vorbeiziehen
sehe. Während des gesamten Umzuges ist mir flau und ich wünsche, er
würde nie enden. Doch wenn der Böögg von einem Pferdegespann gezogen an
mir vorbei fährt, dann vertröste ich mich einfach mit der Vorfreude auf
das nächste Sächsilüüte im kommenden Jahr."
Letizia Lorenzetti
Hinweise
Sechseläuten-Sonntag, 15. April 2012:
Kinderumzug ab Sechseläutenwiese
Start beim Bellevue um 14 30 Uhr.
Sechseläuten-Montag, 16. April 2012:
Zug der Zünfte zum Feuer
Start ab Bahnhofstrasse mit Kontermarsch um 15 Uhr.
www.sechselaeuten.ch
Sonntag, 8. April 2012
Kloster Schönthal: Rundgang durch den Skulpturenpark
Mein Blog von heute möchte Leserinnen und Leser zur Abwechslung einmal auf einen virtuellen Rundgang einladen. Ich stelle das Kloster Schönthal aus dem Kanton Basel-Landschaft mit seinem internationalen Skulpturenpark und der gegenwärtigen Ausstellung mit Bildern von Ferdinand Gehr vor.
Mit Primo zusammen reiste ich im vergangenen Herbst an diesen Ort, der 1145 erstmals urkundlich erwähnt ist.
Seit 1187 lebte dort die Schönthaler Mönchsgemeinschaft nach der Regel des heiligen Benedikts. Sie konnte bis zur Basler Reformation 1529 bestehen. Während fast 350 Jahren hatte die Klosterkirche als Andachtsstätte gedient. Es folgte dann aber eine wechselvolle Geschichte, in der die Kirche als Ökonomiegebäude und Ziegelhütte missbraucht worden ist. 1967 stellte der Kanton Basel-Landschaft die Klosterkirche unter kantonalen Denkmalschutz, und 2000 wurde im Kloster Schönthal die kulturelle Begegnungsstätte „Sculpture at Schoenthal“ eröffnet. 2001 wurde das Kloster noch in eine Stiftung überführt.
Seither sind Skulpturen in der Landschaft der Umgebung platziert und laden zu Spaziergängen ein.
Wir reisten mit der Bahn nach Balsthal und anschliessend mit dem Postauto nach Langenbruck, Station Post. Dort kehrten wir im Restaurant „Ross-Stall“ ein. Ein kurioser Ort: Gasthaus und zugleich privates Militärmuseum. Der Wirt, gesprächig, erzählte uns allerlei Geschichten. Schliesslich wies er uns den Weg nach Schönthal. Wir erreichten unser Ziel in ungefähr 20 Minuten zu Fuss.
Noch als eine Wegbiegung den Blick auf die Klosterkirche versperrte, sahen wir schon ein feines Räuchlein aus einem Kamin steigen. Dann erspähten wir zum Klosterareal gehörende Häuser, zum Teil mit Vorgärten, und gleich danach standen wir vor der romanischen Klosterkirche, die uns sofort in ihren Bann zog. Später las ich dazu, sie wirke wie „eine ungestaltete Urform romanischer Architektur“. Die beige-gelbliche Farbe des Jurakalksteins ist an der Schönheit der ganzen Anlage massgeblich beteiligt. Dann sorgen auch 2 Linden auf dem kleinen Vorplatz für einladende Stimmung.
In Nischen an der Kirchenfront überlebten Figuren von Maria mit dem Gottessohn und von Heiligen. Rückseitig kann das Gebäude betreten werden. Es steht für Ausstellungen zur Verfügung, ebenso das Konventgebäude. Jetzt gerade werden Werke des Schweizer Malers Ferdinand Gehr gezeigt.
Rückseitig, auf der Eingangsfront, sind im Giebelbereich Nistkästen angebracht. Aus etwas Abstand betrachtet, sind sie als freundliches Gebäudegesicht zu erkennen. Die umfassend und respektvoll renovierte Anlage strahlt Ruhe und Frieden aus.
Ganz anders präsentieren sich 2 hölzerne Tiere, die im Klosterhof anzutreffen sind. Der Wolf und das Schaf, wie sie in der Fabel von Jean de la Fontaine beschrieben sind. Hier geht es um das vermeintliche Recht des Stärkeren. Sie haben schon zum Sprung auf den Tisch angesetzt, wollen aufeinander losgehen. Doch sie sind Tiere aus Holz. Das eine kann das andere nicht fressen. Weil diese Geschichte noch nicht ausgetragen worden ist, kann sie uns zum Nachdenken anregen.
Die Umgebung dieser Klosteranlage ist eine stille, hügelige Landschaft. Ihre Wege sind abwechslungsreich und geheimnisvoll. Sie bringt die Skulpturen, die weit verstreut platziert sind, zur Geltung.
Hinweis
Der virtuelle Wegweiser zu diesem Ort:
www.schoenthal.ch
Skulpturenpark – Kunst – Künstler – Galerie
Mit Primo zusammen reiste ich im vergangenen Herbst an diesen Ort, der 1145 erstmals urkundlich erwähnt ist.
Seit 1187 lebte dort die Schönthaler Mönchsgemeinschaft nach der Regel des heiligen Benedikts. Sie konnte bis zur Basler Reformation 1529 bestehen. Während fast 350 Jahren hatte die Klosterkirche als Andachtsstätte gedient. Es folgte dann aber eine wechselvolle Geschichte, in der die Kirche als Ökonomiegebäude und Ziegelhütte missbraucht worden ist. 1967 stellte der Kanton Basel-Landschaft die Klosterkirche unter kantonalen Denkmalschutz, und 2000 wurde im Kloster Schönthal die kulturelle Begegnungsstätte „Sculpture at Schoenthal“ eröffnet. 2001 wurde das Kloster noch in eine Stiftung überführt.
Seither sind Skulpturen in der Landschaft der Umgebung platziert und laden zu Spaziergängen ein.
Wir reisten mit der Bahn nach Balsthal und anschliessend mit dem Postauto nach Langenbruck, Station Post. Dort kehrten wir im Restaurant „Ross-Stall“ ein. Ein kurioser Ort: Gasthaus und zugleich privates Militärmuseum. Der Wirt, gesprächig, erzählte uns allerlei Geschichten. Schliesslich wies er uns den Weg nach Schönthal. Wir erreichten unser Ziel in ungefähr 20 Minuten zu Fuss.
Noch als eine Wegbiegung den Blick auf die Klosterkirche versperrte, sahen wir schon ein feines Räuchlein aus einem Kamin steigen. Dann erspähten wir zum Klosterareal gehörende Häuser, zum Teil mit Vorgärten, und gleich danach standen wir vor der romanischen Klosterkirche, die uns sofort in ihren Bann zog. Später las ich dazu, sie wirke wie „eine ungestaltete Urform romanischer Architektur“. Die beige-gelbliche Farbe des Jurakalksteins ist an der Schönheit der ganzen Anlage massgeblich beteiligt. Dann sorgen auch 2 Linden auf dem kleinen Vorplatz für einladende Stimmung.
In Nischen an der Kirchenfront überlebten Figuren von Maria mit dem Gottessohn und von Heiligen. Rückseitig kann das Gebäude betreten werden. Es steht für Ausstellungen zur Verfügung, ebenso das Konventgebäude. Jetzt gerade werden Werke des Schweizer Malers Ferdinand Gehr gezeigt.
Rückseitig, auf der Eingangsfront, sind im Giebelbereich Nistkästen angebracht. Aus etwas Abstand betrachtet, sind sie als freundliches Gebäudegesicht zu erkennen. Die umfassend und respektvoll renovierte Anlage strahlt Ruhe und Frieden aus.
Ganz anders präsentieren sich 2 hölzerne Tiere, die im Klosterhof anzutreffen sind. Der Wolf und das Schaf, wie sie in der Fabel von Jean de la Fontaine beschrieben sind. Hier geht es um das vermeintliche Recht des Stärkeren. Sie haben schon zum Sprung auf den Tisch angesetzt, wollen aufeinander losgehen. Doch sie sind Tiere aus Holz. Das eine kann das andere nicht fressen. Weil diese Geschichte noch nicht ausgetragen worden ist, kann sie uns zum Nachdenken anregen.
Die Umgebung dieser Klosteranlage ist eine stille, hügelige Landschaft. Ihre Wege sind abwechslungsreich und geheimnisvoll. Sie bringt die Skulpturen, die weit verstreut platziert sind, zur Geltung.
Hinweis
Der virtuelle Wegweiser zu diesem Ort:
www.schoenthal.ch
Skulpturenpark – Kunst – Künstler – Galerie
Samstag, 31. März 2012
Schüleraustausch Voyage à Cologne – Reise nach Paris
Die Schule La Fayette, in der unsere Enkelin Mena unterrichtet wird, stellt in einem speziellen Blog täglich Informationen für Eltern und Grosseltern ins Netz.
So habe ich bald erfahren, dass die Gäste aus Paris schon am Tag nach der Ankunft den Kölner Dom besuchten. Sofort erinnerte ich mich an Margot Benary-Isberts kleinen Band Die Grossmutter und ihr erster Enkel.
Die Autorin stammt aus Deutschland, wanderte 1952 mit ihrem Mann nach den USA aus. Und dort wurde sie dann Grossmutter. Ihre Erfahrungen verarbeitete sie im erwähnten Band. Ausgehend von ihrer kleinen Kulturgeschichte des Grossmutterstands, lässt sie einen miterleben, wie sie ihn dann selbst erfuhr. Man hat allerhand zu lernen. Liebe auf den ersten Blick ... aber Schweigen ist Gold sind wichtige Themen, auch heute noch. Ich erinnerte mich aber hauptsächlich an den Ausklang ihres Grossmutterbuchs. Da sprach sie aus, es möge ihr noch beschieden sein, einmal ihren Enkeln ihre alte Heimat zu zeigen. Die Dome von Freiburg, Strassburg und Köln. Und eine deutsche Dorfstrasse am Abend mit dem Geruch von Holzrauch über rötlichen Dächern und dem Geläute von Kuhglocken. Und weiter sprach sie von der blauen Linie der Taunusberge am Rand der ehemaligen Reichs- und Krönungsstadt Frankfurt. Und sie dachte auch an das aus den Trümmern wieder erstandene Geburtshaus von Johann Wolfgang von Goethe. Mit wenigen Sätzen hat sie ihr Heimatgefühl wie ein Bild gemalt, das ich sofort wieder „sah“, als ich hörte, Mena hätte den Kölner Dom besichtigen dürfen.
Meine Familie hat einen ganz persönlichen Bezug zum Dom, denn diesen durften wir vor etlichen Jahren mit dem Glasmaler Heinrich Ziemons besuchen. Er arbeitete an wichtigen Glasfenster-Restaurationen mit, als bombardierte Kirchen und Dome nach dem Krieg aus den Trümmern wieder erstanden waren. Er konnte, nicht nur in Köln, sondern auch in Aachen, auf Glasfenster zeigen, die von ihm in alter Manier restauriert oder neu geschaffen wurden. Sein Kunsthandwerk war eines. Seine feinfühlige Art das andere, das einen Besuch gerade im Dom von Köln zum Erlebnis werden liess. Er rezitierte jeweils einen Text, der den Dom und seine Atmosphäre besang, seine Schönheit pries und von den Schwingungen aus Gebet, Gesang und Musik redete, die hier in höhere Sphären aufstiegen.
Wenn Mena nächstes Mal zu uns zu Besuch kommt, wird sie uns erzählen, welche Erlebnisse sie aus Köln heimgenommen hat. Vielleicht erzählt sie dann von der Kölnischwasser-Manufaktur, dem Eau de Cologne (dem Wasser aus Köln), das unter der Nummer 4711 weltweit bekannt ist. Wie ich schon hörte, werde diese Zahl gerne als Codenummer für Kreditkarten benützt, weil man sie kaum vergisst. Sie ist seit mehr als 200 Jahren das Markenzeichen für das echte Kölnisch Wasser.
Waren in Köln die Augen der Schüler zu allererst auf den Dom und den Rhein gerichtet, werden sie in Paris dann zum Eiffelturm und auf die Seine hin gelenkt. An beiden Orten gibt es alte Stadtkerne und geschichtliche Zeugen zu erkunden und Zusammenhänge zu erfahren. Es gilt auch, mit den erhaltenen Informationen zu arbeiten und Aufgaben zu erfüllen. Das scheint den Berichten nach gut zu gelingen. Und am heutigen Tag befinden sich die Gäste sogar noch in Bonn.
Wie ich von meiner Tochter hörte, sind die Werktage dann auch in Paris dem schulischen Alltag verpflichtet. Übers Wochenende soll dann jede Familie, die ein Kind beherbergt, etwas nach ihren Ideen und Verhältnissen unternehmen. Dieser Beschrieb gefällt mir extrem gut. Die Gastgebenden müssen nicht einem Schema folgen, dürfen sich selber sein. Dürfen zeigen, wie sie in ihrer Stadt leben, von ihr angeregt werden und zu Hause sind.
Sicher besteht auch eine Art Wettbewerb zwischen den Schulen. Man will einander zeigen, wie der eigene Schulbetrieb läuft, was ihnen wichtig ist. Und daraus entstehen dann oft Ideen, die mit heimgenommen werden. Und Freundschaften können sich entwickeln. Und der Horizont wird erweitert. Ich wäre ganz gern dabei.
So habe ich bald erfahren, dass die Gäste aus Paris schon am Tag nach der Ankunft den Kölner Dom besuchten. Sofort erinnerte ich mich an Margot Benary-Isberts kleinen Band Die Grossmutter und ihr erster Enkel.
Die Autorin stammt aus Deutschland, wanderte 1952 mit ihrem Mann nach den USA aus. Und dort wurde sie dann Grossmutter. Ihre Erfahrungen verarbeitete sie im erwähnten Band. Ausgehend von ihrer kleinen Kulturgeschichte des Grossmutterstands, lässt sie einen miterleben, wie sie ihn dann selbst erfuhr. Man hat allerhand zu lernen. Liebe auf den ersten Blick ... aber Schweigen ist Gold sind wichtige Themen, auch heute noch. Ich erinnerte mich aber hauptsächlich an den Ausklang ihres Grossmutterbuchs. Da sprach sie aus, es möge ihr noch beschieden sein, einmal ihren Enkeln ihre alte Heimat zu zeigen. Die Dome von Freiburg, Strassburg und Köln. Und eine deutsche Dorfstrasse am Abend mit dem Geruch von Holzrauch über rötlichen Dächern und dem Geläute von Kuhglocken. Und weiter sprach sie von der blauen Linie der Taunusberge am Rand der ehemaligen Reichs- und Krönungsstadt Frankfurt. Und sie dachte auch an das aus den Trümmern wieder erstandene Geburtshaus von Johann Wolfgang von Goethe. Mit wenigen Sätzen hat sie ihr Heimatgefühl wie ein Bild gemalt, das ich sofort wieder „sah“, als ich hörte, Mena hätte den Kölner Dom besichtigen dürfen.
Meine Familie hat einen ganz persönlichen Bezug zum Dom, denn diesen durften wir vor etlichen Jahren mit dem Glasmaler Heinrich Ziemons besuchen. Er arbeitete an wichtigen Glasfenster-Restaurationen mit, als bombardierte Kirchen und Dome nach dem Krieg aus den Trümmern wieder erstanden waren. Er konnte, nicht nur in Köln, sondern auch in Aachen, auf Glasfenster zeigen, die von ihm in alter Manier restauriert oder neu geschaffen wurden. Sein Kunsthandwerk war eines. Seine feinfühlige Art das andere, das einen Besuch gerade im Dom von Köln zum Erlebnis werden liess. Er rezitierte jeweils einen Text, der den Dom und seine Atmosphäre besang, seine Schönheit pries und von den Schwingungen aus Gebet, Gesang und Musik redete, die hier in höhere Sphären aufstiegen.
Wenn Mena nächstes Mal zu uns zu Besuch kommt, wird sie uns erzählen, welche Erlebnisse sie aus Köln heimgenommen hat. Vielleicht erzählt sie dann von der Kölnischwasser-Manufaktur, dem Eau de Cologne (dem Wasser aus Köln), das unter der Nummer 4711 weltweit bekannt ist. Wie ich schon hörte, werde diese Zahl gerne als Codenummer für Kreditkarten benützt, weil man sie kaum vergisst. Sie ist seit mehr als 200 Jahren das Markenzeichen für das echte Kölnisch Wasser.
Waren in Köln die Augen der Schüler zu allererst auf den Dom und den Rhein gerichtet, werden sie in Paris dann zum Eiffelturm und auf die Seine hin gelenkt. An beiden Orten gibt es alte Stadtkerne und geschichtliche Zeugen zu erkunden und Zusammenhänge zu erfahren. Es gilt auch, mit den erhaltenen Informationen zu arbeiten und Aufgaben zu erfüllen. Das scheint den Berichten nach gut zu gelingen. Und am heutigen Tag befinden sich die Gäste sogar noch in Bonn.
Wie ich von meiner Tochter hörte, sind die Werktage dann auch in Paris dem schulischen Alltag verpflichtet. Übers Wochenende soll dann jede Familie, die ein Kind beherbergt, etwas nach ihren Ideen und Verhältnissen unternehmen. Dieser Beschrieb gefällt mir extrem gut. Die Gastgebenden müssen nicht einem Schema folgen, dürfen sich selber sein. Dürfen zeigen, wie sie in ihrer Stadt leben, von ihr angeregt werden und zu Hause sind.
Sicher besteht auch eine Art Wettbewerb zwischen den Schulen. Man will einander zeigen, wie der eigene Schulbetrieb läuft, was ihnen wichtig ist. Und daraus entstehen dann oft Ideen, die mit heimgenommen werden. Und Freundschaften können sich entwickeln. Und der Horizont wird erweitert. Ich wäre ganz gern dabei.
Sonntag, 18. März 2012
Ein Kind im Vorschulalter doziert vom Kindersitz herab
„Wo sind sie in die Schule gegangen?“ Diesen Satz erspähte ich vorhin auf einem Werbebanner im Internet. Er versetzte mich sogleich nach Paris. Sommer 2011. Wir sassen am Familientisch unserer Tochter. Der Schwiegersohn hatte ein feines Essen gekocht und aufgetragen. Nora, damals 5-jährig, sass auf ihrem hohen Kindersitz und überblickte die Speisen. Da kam ihr in den Sinn, was sie in der Ecole Maternelle über die einzelnen Lebensmittel gelernt hatte. Eine Reihenfolge nach ihrem Wert. Zuoberst auf der Liste seien die wichtigsten, also wertvollsten Nahrungsmittel genannt. Die Früchte, Salate, das Gemüse. Dann Getreide, Fleisch, Fisch und zuunterst die Süssigkeiten.
Ihr Papa muss dann einen Einwand geäussert haben. Was er zurechtwies oder vielleicht ergänzte, hatte ich nicht bemerkt. Das konnte die kleine Schülerin aber nicht auf sich sitzen lassen.
Mit fester Stimme und hochdeutsch ausgesprochen, sagte sie: „Du bist nicht in die Schule gegangen. Du kannst das nicht wissen. ICH bin in die Schule gegangen." Es tönte so, wie wenn ihr Vater ein Analphabet wäre. Damit wir es auch wirklich begriffen, wiederholte sie diese Sätze mehrmals. Niemand widersprach ihr. Wir verhielten uns wie Schulkinder im Unterricht. Auf den Stockzähnen schmunzelten wir. Und die Eltern haben vielleicht eine Ahnung bekommen, was ihnen mit Noras klarem Denken und ihrer Hartnäckigkeit noch bevorsteht.
Diese Geschichte habe ich als eine Kostbarkeit nach Zürich heimgenommen. Noras Belehrung wird an unserem Familientisch jeweils dann ausgesprochen, wenn etwas behauptet wird, ohne Rücksicht auf die Person, auf deren Mist es gewachsen ist. Da heisst es dann im Originalton: „Das kannst du nicht wissen. ICH bin in die Schule gegangen.“ Und dann ist alles klar.
Ihr Papa muss dann einen Einwand geäussert haben. Was er zurechtwies oder vielleicht ergänzte, hatte ich nicht bemerkt. Das konnte die kleine Schülerin aber nicht auf sich sitzen lassen.
Mit fester Stimme und hochdeutsch ausgesprochen, sagte sie: „Du bist nicht in die Schule gegangen. Du kannst das nicht wissen. ICH bin in die Schule gegangen." Es tönte so, wie wenn ihr Vater ein Analphabet wäre. Damit wir es auch wirklich begriffen, wiederholte sie diese Sätze mehrmals. Niemand widersprach ihr. Wir verhielten uns wie Schulkinder im Unterricht. Auf den Stockzähnen schmunzelten wir. Und die Eltern haben vielleicht eine Ahnung bekommen, was ihnen mit Noras klarem Denken und ihrer Hartnäckigkeit noch bevorsteht.
Diese Geschichte habe ich als eine Kostbarkeit nach Zürich heimgenommen. Noras Belehrung wird an unserem Familientisch jeweils dann ausgesprochen, wenn etwas behauptet wird, ohne Rücksicht auf die Person, auf deren Mist es gewachsen ist. Da heisst es dann im Originalton: „Das kannst du nicht wissen. ICH bin in die Schule gegangen.“ Und dann ist alles klar.
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