Freitag, 31. August 2007

Lohn GR: Der Klanggarten in Mathons Nachbargemeinde

In Lohn, wo die Bise öfters zu Gast ist, darf sie seit 2 Jahren auch Künstlerin sein. Ich weiss nicht, ob sie allein für das Windharfenspiel zuständig ist, oder ob auch andere Winde ihren Anteil daran haben. Das alte Instrument, das nach dem griechischen Gott und König der Winde auch Äols-Harfe genannt wird, ist in Übereinstimmung mit dem Windzug hoch über dem Tal aufgestellt.

2 Halbschalen stehen in handbreiter Distanz mit dem Rücken zueinander. In diesem Zwischenraum sind etwa 6 ungefähr 2 Meter lange, vertikale Saiten aufgespannt, wie wir solche von Gitarren oder Geigen kennen. Der Wind bringt diese Saiten zum Klingen, wenn er sich durch die Öffnung zwängt. Dort wird er verdichtet und entlockt der Harfe ein Sirren und Summen, eine natürliche Musikalität. Auf einer Tafel wird darauf hingewiesen, dass ihre Kompositionen unendlich variabel seien und ich kann zusätzlich sagen, dass sie von ergreifender Schönheit sind.
 
Nicht weit von der Harfe entfernt, steht ein Glasflaschenturm, mit dem der Wind ebenfalls spielen kann. Wenn er in die Flaschen eindringt, bringt er Töne hervor, ähnlich wie sie der Panflöte entstammen. Und Primo wurde sogleich an Signaltafeln von Baustellen hier in Zürich erinnert. Dort tönt es genau so, wenn diese beschädigt sind und der Wind durch ein Loch pfeifen kann.
 
Beide Windklang-Instrumente sind Teil des Klanggartens „tùn resùn“, der auch in den angrenzenden Wald hineinführt. Dort hängt zwischen 2 Bäumen eine 2 Meter lange und etwa 60 cm breite Blechplatte, mit der Theater-Donner erzeugt werden kann. Hier spielten Kinder nach Herzenslust. Es fehlte nur noch der Blitz, um ein echtes Gewitter vorzutäuschen.
 
Ebenfalls im Wald fanden wir die Installation, die den Specht hörbar macht. Wir sahen Buben und Mädchen, die begeistert am Seilzug zogen und den klopfenden Specht imitierten. Hier war auf etwa 20 Metern Höhe ein Holzkasten angebracht. An diesen klopfte ein Holzklöppel, wenn die Kinder am Seil zogen.
 
Andernorts durften Glocken bewegt werden, die ein Herdengeläut nachahmten. An einer in der Erde versenkten Holzstange waren bewegliche Querstangen angebracht und an diesen Seitenarmen verschiedene Glocken aufgehängt. Die Kinder konnten an einem Knebel ziehen und die Glocken zum Läuten bringen. Da tönte es wie auf einer Alpweide.
 
Dort, wo Glocken dreistufig übereinander in Tonleiter-Anordnung zwischen 2 Bäumen aufgehängt waren, beobachteten wir eine Mutter, die ein Kinderlied anklingen liess.
 
Und ganz besonders berührten uns die hängenden Granit-Scheiben. Wenn sie leise angestossen wurden und sich gegenseitig anschlugen, tönte es, wie wenn Eis aufbricht.
 
Der Weg zu diesem Klanggarten mit seiner Urmusik ist gut markiert, Waldmännchen zeigen die Richtung an. Er beginnt hinter dem Gasthaus Orta, bei der Postautostation Lohn.
 
Etwas sehr Wichtiges wurde hier noch nicht angesprochen: Hier oben waren wir den Sternen nahe. In klaren Nächten funkelte und glitzerte es am Firmament. Der Himmel war offen, schüttete seine Juwelen über uns aus, ohne dass diese auf die Erde fallen mussten. Davon können wir in der Stadt nur träumen. Luftverschmutzung und künstliches Licht verwischen die Schönheit einer klaren Nacht.
 
Als Felicitas und ich einmal um Mitternacht draussen in den Himmel schauten, bemerkte sie gleich, dass das Firmament rund erscheint und einen Raum andeutet. Da war mir, als hätten wir jene uns schützende Hülle gesehen, in der die gesamte Menschheit aufgehoben ist.

Dienstag, 28. August 2007

Mathon GR: Heudüfte, Kräuterseife, Pilz und Schnecken

Die Bauern von Mathon GR nutzten die sonnigen Tage, um das Heu einzubringen. An allen Orten duftete es nach Kräutern und trockenem Gras, und wir sahen Männer und Frauen, wie sie es wendeten und sammelten. Im Gespräch mit dem Landwirt, Herr Willi Dolf*, äusserte Primo den Wunsch, eine Portion Heu mit nach Hause zu nehmen. Da brachte er uns von einer seiner höchst gelegenen Wiesen einen prall gefüllten Stoffsack voll. Bevor ich es demnächst in Kissenüberzüge einnähe, habe ich es ausgelegt, in den Händen gerieben und das Aroma eingesogen. So mache es der Bauer, erfuhren wir. Und ich stellte fest, dass dieses Heu dem Duft der in Mathon verwendeten Bergkräuterseife aus dem Bergell (auch ein Ort im Kanton Graubünden) exakt entspricht. Bekanntlich arbeitet die Kosmetik-Firma SOGLIO mit Naturprodukten. Trotzdem war ich elektrisiert, als mir meine Sinne diese Übereinstimmung meldeten.
Auf einer Wanderung ohne die Kinder und abseits von ausgetretenen Pfaden begegneten wir unverhofft einer geheimnisvollen Persönlichkeit, dem Fliegenpilz. Offensichtlich stand er gerade auf dem Höhepunkt seiner Entfaltung. Sein Stamm schimmerte weiss, und die ebenfalls weiss gezackte Manschette wies ihn als vornehmes Wesen aus. Er nahm unsere Bewunderung huldvoll auf. Sein roter Hut war wie ein Regenschirm aufgespannt und beachtlich gross. Durchmesser: ungefähr 15 cm. Die weissen Flecken gefielen mir besonders, denn es sind keine Tupfer, wie es in Illustrationen immer wieder dargestellt wird, sondern Warzen, kleinen Papierfetzchen gleich, unterschiedlich gross, unterschiedlich weiss, wie hingeworfen, ganz nach dem Schönheitssinn der Natur. Dieser Pilz wuchs unter einer Tanne auf. Der braune, mit vielen Tannnadeln übersäte Grund brachte seine Farben zum Leuchten. Der rote Hut war übrigens mit einem orangefarbenen Rand geschmückt, dessen Oberfläche leicht gewellt an einen Kuchenrand erinnerte.
 
Als ihn Primo ein paar Tage später nochmals besuchen und fotografieren wollte, war er schon am Absterben. Schleimig und seiner fürstlichen Ausstrahlung beraubt, kurz vor der Auflösung.
Mena und der Grossvater sammelten Tannzapfen, vom Wind abgebrochene Äste, abgefallene Baumrinde und Bruchsteine, die sich ausgezeichnet für einen Puppenhausbau nach altem Vorbild eigneten. Aus dem hölzernen Material entstanden ein Stall mit Futterkrippe für die Kühe und ein Gehege für Ziegen. Mit den Steinen wurde ein Haus gebaut, ähnlich offen wie jenes von Tumasch Dolfs Elternhaus und vor ihm ein Gehege für verschiedene Tiere. Im VOLG-Laden werden den Kindern an der Kasse kleine, farbige Holzfiguren zum Spielen abgegeben. Für diese wünschte sich Mena einen Tierpark. Heidi und Peter, die Figuren aus Johanna Spyris Heidi-Geschichte, kamen auch aus dem VOLG-Laden zu uns. Und die Kühe gestaltete der Grossvater aus den gesammelten Tannzapfen. Diese Anlage entstand auf dem gedeckten Sitzplatz vor dem Ferienhaus. Über Nacht setzte dann Regen ein. Und am Morgen fanden wir zur grossen Überraschung 5 Gehäuse-Schnecken in den Stallungen. Es gefiel ihnen vor allem in der aus Baumrinde hergestellten Futterkrippe und wir hiessen sie gern willkommen. Sie gingen, je nach Witterung, hier ein und aus. Manchmal waren sie verschwunden, und Mena entdeckte sie in den Mauernischen. Dann wieder schlichen sie vor der Küchentür umher. Sie legte ihnen Fetzen kleiner Salatblätter aus und beobachtete sehr genau, wie diese die Fühler ausstreckten, die Nahrung fanden, daran frassen und wie das Grün langsam verschwand.
 
Wir erlebten immer wieder, ohne es zu erwarten, dass die Natur unsere Spiele, Spaziergänge und Beobachtungen um das erweiterte, was wir aus uns selbst nicht vermocht hätten.
*
*Frau Martina und Herr Willi Dolf vermieteten uns die Ferienwohnung in Mathon

Sonntag, 26. August 2007

Steinbock-Fest im „Center da Capricorns“, Wergenstein GR

In diesem 3. Bericht über Ferien in Mathon GR steht das „Center da Capricorns“ in der Nachbargemeinde Wergenstein im Mittelpunkt. Es ist dem Steinbock gewidmet und versteht sich als Innovations- und Informationszentrum für Natur, Kultur, Sprache und Forschung. Im Internet ist es unter www.capricorns.ch ausführlich dokumentiert.
 
Wergenstein liegt auf ähnlicher Höhe wie Mathon und ist von dort zu Fuss in zirka 40 Minuten oder mit dem Postauto erreichbar.
 
Am Wochenende 10. bis 12. August 2007 wurden hier verschiedene Anlässe durchgeführt. Neben den Capricorn-Gesprächen über „Das neue Bild der Schweiz – alpine Landschaftsentwicklung zwischen Brache und Metropole“ vom Freitag war am Samstag das Steinbock-Fest angesagt. In seinem Angebot war auch ein Animationsprogramm für Kinder. Da machten wir uns rechtzeitig auf den Weg. Auch der erwähnte Markt lockte uns.
 
7 Verkaufsstände präsentierten Spezialitäten aus dieser Region: Salsiz, Birnbrot, Honig, Käse, Postkarten, Kunsthandwerk, Holzspielzeug, Stein- und Textilprodukte, T-Shirts, Pasta und Kosmetikprodukte aus Soglio GR. Esther Grischott aus Pigna GR wird uns mit ihren Filzarbeiten in Erinnerung bleiben. Einerseits sitzen wir jetzt zu Hause auf Kissen, die sie gefilzt hat, andererseits hat sie uns mit ihren Vögeln aus Ästen und Filz begeistert. Sie nennt ihre Kreationen Grischart.
 
Verköstigen konnten wir uns mit Grillspezialitäten. Neben ausgesuchten Würsten und Fleischspezialitäten dieser Region entdeckte ich hier die Zigerschnitte, ein mit Kräutern aromatisierter Frischkäse, auf dem Grill geröstet. Ein Gedicht!
 
Musikalisch unterhielten uns 3 junge Frauen als Formation „al dente“ aus dem Domleschg. In sich versunken, spielten sie über ein paar Sunden hinweg unaufdringlich und liebenswürdig ihre Volksmusik. Sie schufen jene heitere und wohlige Stimmung, die ein Fest braucht, um zu gelingen. Zudem spielte auch die Sonne mit. Mena und ich sassen lange in ihrer Nähe und sogen die Klänge auf.
 
Auf einmal fuhr das Auto des „Zirkus Lollypop“ vor. Angekündigt war ein Animationsprogramm für Kinder mit  Einradfahren, Jonglieren, Akrobatik und anderen Spielen.
 
Es wurden Bodenmatten ausgerollt und Artisten-Requisiten ausgeladen. Alle am Fest anwesenden Kinder sprangen herbei und wurden sofort einbezogen. Mit sicherem Gespür, was dem einzelnen Kind entspreche, verteilte der Animator Bälle, Bänder, das Einrad, Hulahopp-Ringe usw. und seine Partnerin half jenen, die die rollenden Fässer besteigen wollten und begleitete sie. Buben fanden sich unter Anleitung auch zur Menschen-Pyramide zusammen. Alles vollzog sich ohne rivalisierendes Geschrei und von den Veranstaltern mit grosser Achtsamkeit. Höhepunkt war dann das Feuerschlucken.
 
Sogar die kleine, erst einjährige Nora durfte am Rand des Geschehens sitzen und mit den erhaltenen Jonglierbällen spielen.
 
2 Stunden waren schnell vorbei. Schon sammelten die beiden Artisten die Spielgeräte wieder ein und fuhren weiter. Bis dahin hatte sich unser Besuch in Wergenstein im Freien abgespielt. Anschliessend besuchten wir noch das Steinbock-Zentrum mit dem dazugehörigen Hotel Restaurant Piz Vizàn. Im Ausstellungsraum konnten wir Kristalle bewundern und manches über den Steinbock und andere Tiere erfahren. Und wir sahen die grossen, geflochtenen Tragkörbe in Tierform, wie sie für den Transport gebraucht werden. Mena versteckte sich darin und wünschte, dass man sie herumtrage. Dann entdeckte Letizia an Bändern befestigte Füsse vom Steinbock, von der Gemse und vom Hirsch. Schnell packte sie einen, zog den Ärmel ihrer Strickjacke über ihre Hand, und an deren Stelle schaute nun ein Steinbock-Fuss hervor. So stand sie vor uns hin und fragte verschmitzt: „Was stimmt hier nicht?“ Alle lachten, und manches Kind aus ihrem Umfeld wartete nur darauf, diesen Fuss auch im Ärmel verstecken und die Szene nachspielen zu können.
 
Für uns war dieser Ausflug ein Glücksfall, das Fest sympathisch und ganzheitlich. Die Ausstellung auch berührbar. Danke den Organisatoren und auch dem Postauto, dass es müde Kinder nach Mathon zurückgefahren hat.
 
Für den nächsten Tag war noch eine Steinbock-Exkursion auf 2340 ü. M. ausgeschrieben. Ein verlockendes Angebot, doch für uns leider eine Schuhnummer zu gross.

Donnerstag, 23. August 2007

Mathon GR: Türme, Glocken und Blumen im Chorgestühl

Von Mathon im Schweizer Kanton Graubünden ist bekannt, dass es einst als „Dorf der schönen Glocken“ bezeichnet wurde. Der ansehnliche Kirchturm steht noch da, doch haben wir nur noch eine Glocke sehen und hören können. Glocken sind für uns immer eine Attraktion, auch deshalb, weil Primo gelegentlich ein Glockenlied aus seiner Jugend anstimmt, in dem gefragt wird „Sind die Glocken all‘ da?“ Ein Kanon, vierstimmig, der den Kindern erklären kann, wie verschiedene Glocken zu einem Geläut zusammenfinden.
 
Mena hörte jeweils sofort, wenn in Mathon geläutet wurde. Sie rannte dann, wie von einer Tarantel gestochen, vors Haus. Ich musste nachkommen. Hier sahen wir die Bewegungen der Glocke, und wir ahmten mit unseren Armen den Klöppel nach, der die Glocke anschlägt. Am Mittag und am Abend spielten wir dieses 5 Minuten dauernde Spiel und achteten besonders auf das Ausklingen und die Klangwellen, die lange noch zu uns hinüber schwangen, auch als es schon zu läuten aufgehört hatte. Mehrmals zitierte Mena dann Grossvaters Erfahrung, wie er als kleiner Bub und Leichtgewicht den Glockenstrick in der Bergkirche von Hallau SH ziehen durfte und überraschend von der Glocke emporgezogen wurde. Zum Gaudi seiner grösseren und standfesteren Cousins. Und immer wieder fragte sie, wer hier in Mathon die Glocke schwinge. Vermutlich ein elektrischer Motor.
 
Ich weiss nicht, ob uns Nachbarn bei diesem Ritual beobachtet haben. Vielleicht erinnerten wir sie dann an die Schwarzwalduhr und an den Kuckuck, der zur festen Stunde aus seinem Verschlag hervorkommt.
 
Auch die architektonische Ausstrahlung der ungleichen Türme von Lohn und jene der alten Mathoner Kirche St. Antonius zogen uns an. Schon bei der Anfahrt, kurz nach Zillis im Schams, als das Postauto auf den vorgegebenen Serpentinen fuhr, machten sie auf sich aufmerksam. Selbstbewusst, aber auch einladend, schauten sie auf uns herunter.
Von unserem Ferienhaus in Mathon konnten wir die alten Wege, die der hügeligen Landschaft angepasst sind, überblicken. Heute dienen sie der Anfahrt moderner Landmaschinen, um die Felder zu bewirtschaften. Die Fahrbereiche für die Räder sind betoniert, das Innere des Wegs dem Gras überlassen. Eine feinfühlige Lösung, die der Landschaft einen künstlerlischen Anstrich gibt. Man könnte meinen, hier sei ein Landschaftskalligraph tätig gewesen. Die geschwungenen Linien aller Wege erinnern auch an Darbietungen an Turnfesten, wenn die Teilnehmenden Stoffbänder schwingen. Ich schaute immer wieder auf sie hinunter. Und sie lockten mich, zu ihnen zu kommen.
 
Die einjährige Nora hatte hier ihren Spass, wenn sie vom Grossvater im Kinderwagen so dem Abhang entlang chauffiert wurde, dass sie die Hände ausstrecken und die Grashalme auffangen konnte. Sie lachte auch, wenn diese ihre Backen kitzelten. Auf diesen Wegen blieben wir immer wieder stehen, betrachteten die Blumen, ihre Farben, ihre Formen. Besonders gegen den Abend hin, wenn die Sonne schon etwas von ihrer Stärke abgegeben hatte, leuchtete das Blau der kleinen Glockenblumen wundervoll. Hier fand ich wieder einmal meinen Liebling, das Zittergras, von dem der Dichter Karl Heinrich Waggerl schrieb: Warum am lichten Sommertag / das Zittergras wohl zittern mag? / Im Erdreich fühlts den Höllenwurm, / in Lüften Gottes Atemsturm. / Du Mensch, mit deinem Hirngewicht, du spürst das nicht.
 
Der Blick auf dem Rückweg gehörte dann jeweils nur noch dem alten Turm von St. Antonius, diesem standfesten, charaktervollen und sehr alten Bauwerk. Er steht da, als wolle er alle hinaufziehen, die des Weges kommen. Eigenartig schön ist dieser Turm auch wegen seines allseitig offenen Glockenfensters, das die Durchsicht zum Himmelsblau zulässt. Auf Mathons Homepage ist zu erfahren, dass die Kirche, zu der der eindrucksvolle Turm gehört, schon im Jahre 831 beschrieben worden sei. Heute ist sie nur noch eine geschützte Ruine, strahlt aber Würde aus.
 
Im VOLG-Laden erkundigte ich mich einmal an der Kasse, wann die Kirche geöffnet sei. Da war zufällig die Organistin, Frau Vögeli, auch am Einkaufen. Wir wurden einander bekannt gemacht, konnten ein Treffen vereinbaren. Während sie das Orgelspiel übte, durften Primo, Mena und ich die Kirche besuchen und ihrem Spiel zuhören.
 
Mena ist an allem interessiert, aber auch ein Sommervogel, der gerne herumhüpft. So bat ich die Mama, mir die Ente, Menas Kuscheltier, mitzugeben. Ich stelle immer wieder fest, dass sie sich für etwas Unbekanntes, in ihren Augen auch Geheimnisvolles, öffnen kann, wenn ihr die Ente Sicherheit gibt. Daran kann sie sich halten und sich ohne Scheu etwas Neuem ausliefern. Während dem Orgelspiel begann sie dann leise zu singen.
 
Wichtig war ihr auch der Sitzplatz. Das hölzerne Gestühl ist im Chor mit Blumen und Ranken geschmückt, und davon war sie angetan. Sie suchte sich die in ihren Augen schönste Blume, eine geöffnete Tulpe aus. Hier nahm sie Platz und ich musste mich neben sie setzen. Kaum war das Spiel aus, wollte sie sofort nach Hause, um mit dem Grossvater zusammen solche Blumen und Dekorationen zu malen.

Dienstag, 21. August 2007

Zeit zum Schauen: In Mathon GR, wo Tumasch Dolf lebte

Der Ort Mathon gehört zur Region Schamserberg in Graubünden und liegt auf 1527 Metern Höhe ü. M. Wir erreichten ihn mit der Bahn über Chur und Thusis und mit dem Postauto über Zillis. Ab Zillis werden 500 Höhenmeter innerhalb einer halben Stunde überwunden (bitte beachten Sie dazu auch die im Anhang verlinkten Blogs von Walter Hess). Mit uns reisten Felicitas, unsere ältere Tochter, und ihre beiden Kinder. Übers Wochenende besuchte uns Letizia und vervollständigte unsere Familie.
 
Mathon ist, was wir vermuteten, ein Geheimtipp, ein unverfälschter Ort in der Schweiz. 57 Einwohner und etliche Feriengäste beleben ihn. Er verzeichnet pro Jahr ungefähr 5000 Logiernächte. 8 Bauernbetriebe sorgen sich um die eindrückliche Landschaft und halten sie gesund. Hier gibt es sogar noch eine Post und einen VOLG-Lebensmittelladen.
 
Hier oben waren wir auf Du mit Bergen und Alpen, erlebten unzählige Modulationen von Nebel und Licht. Es machte Spass, den Nebelbänken zuzuschauen, wie sie sich vorwärts bewegten und den Bergmassiven entlang schlichen. Manchmal befanden wir uns selbst in der Wolke, was vor allem der 5-jährigen Mena gefiel. Meist aber beobachteten wir die Stimmung und die Alpen mit ihren vielen „Dahinter“ von unserem von der Natur geschaffenen Balkon aus. Hier oben wurde einem nicht bang. Der Raum zwischen den Bergen ist weit. Unten im Tal führt die Strasse zum San Bernardino. Kein Tag präsentierte sein Licht und seine Farben wie der vorangegangene. Wir hatten Zeit zum Schauen, fühlten uns wohl und beschenkt. Der zeitweilige Regen störte uns nicht. Auch er gehörte zum Geschehen.
In Mathon wuchs der rätoromanische Liederkomponist, Lehrer und Erzähler Tumasch Dolf auf. Sein aussergewöhnliches Elternhaus fiel mir schon am ersten Tag auf. In Mathon sind zudem mehrere prächtige Scheunen in der Blockbau-Art zu bewundern. Einige tragen Braun, ganz alte Grau. Ihr Silber strahlt aus und symbolisiert das Alter in Würde. Ich fragte mich immer wieder, wie die Bauleute diese prächtigen Baumstämme ohne technische Hilfsmittel aufeinander schichten konnten. Es müssen Bärenkräfte vorhanden gewesen sein.
 
Eine Gedenktafel am Geburtsthaus von Tumasch Dolf verweist in surselvischem Romanisch auf die Herkunft des Mathoner Künstlers. Es heisst da in deutscher Übersetzung, die ich seinem kleinen Erzählband „Meine Geige“ entnehme:
 
Elternhaus von
Tumasch Dolf
1889–1963
Komponist und romanischer Schriftsteller
Sammler von Volksliedern
 
Die schlichten Erzählungen seiner Kindheit öffneten mir sogleich den Zugang zu diesem Ort, seinem Wesen und den Blick rückwärts in eine Zeit, in der von allen viel körperliche Leistung und ein übergrosser Durchhaltewille gefordert wurden. Tumasch berichtet da beispielsweise von seinem ersten Gang nach Thusis. 7- oder 8-jährig muss er gewesen sein, als er den Vater dorthin begleiten durfte. Die Kuh Bregna wurde verkauft und sollte abgeliefert werden. Man stelle sich vor: Die beiden machten sich vor dem Morgengrauen auf den Weg, die Kuh an ihrer Seite, führten diese zum Käufer nach Thusis und kamen am selben Tag, in tiefer Nacht, auch wieder zu Fuss, zurück. Kein Wunder, dass der Bub total erschöpft war und auf dem letzten Wegstück mit seinen 500 Metern Steigung nicht mehr weitergehen wollte.
 
Eine andere Geschichte behandelt die Weihnachtsfeier in Plambi (heute nennt sich der Ort Lohn). Da sah der Erzähler erstmals einen Christbaum. Er war innerhalb einer Schar Schüler und Schülerinnen aus Mathon zur Feier in die Kirche gekommen. Sie trafen viel zu früh ein, klopften wegen der grossen Kälte bei einem alten Geschwisterpaar an, das sie aufnahm und ihnen von ihrem Wenigen, das sie besassen, austeilte. Eine Schnitte Brot, bestrichen mit Kastanienhonig. Tumasch sinniert beim Erzählen, dass die beiden Alten vielleicht nur dieses eine Brot und nur diesen Honig besassen und ihnen trotzdem grossmütig verteilten. Solche Haltung kenne ich auch von meinen Vorfahren und darum bin ich in innersten Schichten angesprochen. Wer solche wahre Geschichten mag, dem sei das folgende Taschenbuch empfohlen:
 
Tumasch Dolf:  „Meine Geige“, Erzählungen, Pano Verlag Zürich
 
In weiteren Beiträgen werde ich wieder von Mathon berichten.

Mittwoch, 1. August 2007

CH-Nationalfeiertag und die kämpferische Hymne von einst

Zu den Themen 1. August und Heimat fällt mir allerhand ein. Zuerst aus der Kindheit: Da waren die Abende unseres Nationalfeiertags etwas aussergewöhnlich Schönes. Damals war der 1. August noch ein normaler Arbeitstag, aber am Abend stieg man auf eine Anhöhe, hielt sich um ein grosses Feuer auf und schaute in die Ferne nach andern Feuern auf anderen Hügeln aus. Wir Kinder trugen ein Lampion und erhellten so den Weg durch den dunklen Wald. So schlicht zu feiern, blieb mir bis heute massgebend. Ich brauche keine Raketen. Sie sind mir zu laut, erschrecken die Tiere, verschmutzen die Luft. Sie stören mich und sie zerstören die stillen Gefühle der Heimat gegenüber. Denn an diesem Abend möchte ich besonders über mein Leben hier in der Schweiz sinnieren.
 
Ja, ich gebrauche das Wort Heimat immer noch, auch wenn es schon Politiker gegeben hat, die es gern abgeschafft hätten. Heimat ist ein Begriff wie tausend andere, der positiv oder negativ eingesetzt oder missbraucht werden kann, je nach persönlichen Erfahrungen und den Einflüssen von Eltern und Umwelt. Für mich ist der Begriff wohlwollend besetzt. Heimat ist der Ort, wo ich meine Wurzeln habe, wo ich auf die Welt gekommen bin, meine Augen erstmals geöffnet und meine ersten Entdeckungen gemacht habe. Heimat ist mir seit langem das Leben mit meinem Ehemann Primo. Zur Heimat gehört meine Sprache. Der Ort auch, wo ich verstanden werde. Und Heimat im grösseren Sinn ist das Land und das Volk, dem ich angehöre. Ich liebe die Landschaft und die Berge und die Eigenheiten und Sprachen in allen Kantonen der Schweiz. Ich schätze Werte, die mir hier vermittelt wurden. Je älter ich werde, desto öfter fühle ich aber Heimweh im eigenen Land. Viele Werte sind uns abhanden gekommen, ohne dass sich neue etablierten. Dass heute alles nur materiell bewertet wird, der Wirtschaft dienen muss und von ihr gesteuert ist, das gehört nicht mehr zu meinem Menschsein in der Schweiz. Ich distanziere mich auch vom Rassismus, der sich hier eingenistet hat. Ich spüre einfach, dass ich ein Auslaufmodell geworden bin.
Am diesjährigen 1. August werden die Enkelkinder den Abend beleben, und auf sie soll er zugeschnitten sein. Mena hat dem Grossvater bereits das Schweizer-Fahnentuch übergeben, dass er es an einem passenden Stecken befestige. Dieses Tuch hat sie von ihrer Tante zur Geburt erhalten. Und es hiess dazu, Mama solle sie darin einwickeln, damit sie eine rechte Schweizerin werde.
 
Mena ist in Kanada zur Welt gekommen, geht in Paris zur Schule, hat einen Schweizer Pass und einen Vater, der aus dem mittleren Osten stammt. Es wachsen da verschiedene Einflüsse in ihr, die alle am Heimatgefühl mitgestalten. Sie wird den Begriff einmal anders definieren als ich. Und das ist auch gut so.
 
Müsste ich Heimat fotografieren, wäre es ein altes Dampfschiff auf dem türkisfarbenen Urnersee, an dessen Heck die Schweizerfahne flattert. Mein Erstlingseindruck von der Schulreise 1951 aufs Rütli. Dieses Bild trage ich als kostbaren Schatz in mir.
 
Ich selbst habe erst begriffen, was Heimat ist, als ich in die Fremde ging. Da stürmte so viel Unbekanntes und Unverständliches auf mich ein und ich konnte mich nicht präzise ausdrücken. Vor allem gab es anfänglich keine Sprache, die mein Befinden oder meine Gefühle hätten beschreiben können. Das ging damals Vielen so. Wir hatten keine Reiseerfahrung, kannten andere Völker höchstens aus Büchern, vielleicht noch von Radio-Reportagen.
 
Wenn ich jetzt erzähle, dass mich meine Freundin Pia, auch eine Schweizerin, jeden Sonntag in meinem Zimmer an der Rue St-Placide in Paris besuchte und dass wir dann meistens die damals gebräuchliche Schweizer Vaterlandshymne sangen, um unser Heimweh noch ein bisschen zu steigern, dann werden viele, die das lesen, den Kopf schütteln. Ich jetzt auch. Nicht deswegen, weil wir ein wichtiges Lied, das unserem Herkunftsland gewidmet war, anstimmten, sondern über dessen Inhalt. Ich entnehme den Text dem Liederbuch „S Liedergärtli“ mit Untertitel „Was wir Mädchen singen“.
 
Ist es da verwunderlich, dass wir damals anders dachten und dass die Frauenrolle eine andere war? Wir sangen dieses Lied, ohne den Text wirklich zu verstehen. Es war für uns einfach etwas Vertrautes, das wir von feierlichen Momenten her kannten.
 
Meine Schlummermutter, eine vornehme Französin, fragte mich einmal, warum wir auch die englische Nationalhymne sängen, wir seien doch Schweizerinnen. Die Melodie war für beide Länder die gleiche. Der Text aber verschieden.
 
Vaterlandshymne
 
1. Rufst du, mein Vaterland, sieh‘ uns mit Herz und Hand all‘ dir geweiht. Heil dir, Helvetia, hast noch der Söhne ja, wie sie Sankt Jakob sah, freudvoll zum Streit!
 
2. Da, wo der Alpenkreis nicht dich zu schützen weiss, Wall dir von Gott, steh’n wir den Felsen gleich, nie vor Gefahren bleich, froh noch im Todesstreich, Schmerz uns ein Spott.
 
3. Frei und auf ewig frei, ruf‘ unser Feldgeschrei, hall‘ unser Herz! Frei lebt, wer sterben kann, frei, wer die Heldenbahn, steigt als ein Held hinan, nie hinterwärts.
 
4. Doch wo der Friede lacht, nach der empörten Schlacht, drangvollem Spiel, o da viel schöner, traun, fern von der Waffen Graun’, Heimat, dein Glück zu baun’n, winkt uns das Ziel.
 
Dieses Lied verkörperte die wehrhafte Schweiz und lehnte sich sicher an die söldnerische Vergangenheit an. Die Frauen sind verborgen in der Heimat und im Glück, die die Männer fern von der Waffen Graun bauen wollen.

Samstag, 28. Juli 2007

Vorschule: Menas Ordner erzählt Entwicklungsgeschichte

Unsere Enkelkinder aus Paris verbringen einen grossen Teil der Sommerferien in der Schweiz, sind oft um uns.

Nach einem Abendessen tuschelte Mena mit ihrer Mama und wies uns Grosseltern an, die Hände zu waschen. Vor dem Essen hätten wir sie gewaschen, weil wir vorher im Garten gespielt hätten. Jetzt müssten wir es erneut tun, um Fettflecken zu verhindern. Dann gebe es eine Überraschung für uns.

Folgsam fügten wir uns und setzten uns erneut an den Tisch. Dann holte Mena einen roten Ordner, Format für A-4-Einlagen, aus der Tasche und zeigte uns, was im vergangenen Schuljahr in der Ecole Maternelle entstanden ist. Sie ist Schülerin im Schulhaus Orsel und hat eben das 2. von 3 Vorschuljahren abgeschlossen. Sie ist 5 Jahre alt. Jede Seite dieses prall gefüllten „classeurs“ mussten wir genau betrachten. Die dazu gehörigen Geschichten haben uns gefallen.
Ich möchte ohne den berüchtigten Grossmutter-Stolz davon erzählen. Eine gewisse Freude über die Entwicklung soll aber spürbar sein. Menas Schule, die genau übersetzt „mütterliche Schule“ heisst, hat so viele farbige und spielerische Elemente, die ich gerne erwähne. Da meine Enkelkinder nicht in der Schweiz aufwachsen, sehe ich nur das französische Modell. Auf diese Weise erübrigen sich Vergleiche. 
 Das Programm der Ecole Maternelle ist in 5 grosse Bereiche eingeteilt.
1. Reden, die Sprache als Herzstück dieser ersten Lehrjahre
2. Gemeinschaft, das gemeinsame Leben
3. Handeln, sich mit seinem Körper ausdrücken
4. Sensibilität, Vorstellungskraft und Kreativität
5. Die Welt entdecken. In Klammer heisst es sogar noch (wissenschaftliche Aktivitäten)
Ganz besonders gefallen haben mir die zitierten Sätze von Jules Ferry. Nach ihm soll die Schule liebenswert, die Arbeit attraktiv und spannend sein und die Lust an der Anstrengung wecken. Ebenso wird davon gesprochen, dass Lehrpersonen und ihre Regeln zu respektieren seien.
Beim Durchblättern des roten Ordners wird gut sichtbar, dass Mena von dieser angesprochenen Freude an der Schule erfasst worden ist. Ihre Zeichnungen zeigen, wie Fortschritte gewachsen und das Selbstwertgefühl erstarkt sind. Die „autoportraits“ (Selbstbildnisse) zeigen das. Gut gefallen mir auch die Wortspiele, Sprüche, Lieder. Da gibt es einen Text, der die Wochentage zum Inhalt hat. Übersetzt ins Deutsche heisst es da: „Guten Tag Madame Montag, wie geht es Madame Dienstag? Sehr gut Madame Mittwoch. Sagen Sie Madame Donnerstag, sie solle am Freitag kommen, am Samstag tanzen, im Sonntags-Saal.“ Auf Französisch tönt das selbstverständlich viel schöner.
Versuche, den Weg im aufgezeichneten Labyrinth zu finden oder Zeichnungen aus der Mitte heraus stärken den Orientierungssinn. Ganz ihrem Wesen nach hat Mena den Buchstaben M gestaltet. Er steht für den Anfang ihres Vornamens. Aus den beiden vertikalen Strichen zeichnete sie 2 Kinder, die sich zuwinken.
Umfangreich wurde die Hexe behandelt und dargestellt. Ihre Hände reichen über das Blatt hinaus. Ebenso der spitze Hut. Der Mund ist als Gitter dargestellt, die Augen mit Strahlen versehen. Das Ganze zwar ungewöhnlich, aber nicht Angst machend. Das Haus der Hexe trägt 2 Aufsätze, den Hüten gleich. Die Phantasie lebt.
Die Geburtstage der Kinder werden gefeiert. Es werden Kuchen gebacken. Das Rezept ist im roten Ordner bildlich dargestellt. Es wird da von einem Joghurt-Kuchen gesprochen. Einerseits gehört Joghurt zu den Zutaten, andererseits sind die Joghurt-Becher Masseinheiten. 
Das Rezept, als Zeichnung dargestellt, umfasst
1 Becher Joghurt
3 Eier
1 Joghurt-Becher voll Zucker
1/2 Joghurt-Becher voll Öl
3 Joghurt-Becher voll Mehl
1 Prise Salz
1 Säcklein Hefe.
Alles gut vermischen und verquirlen, in Backform einfüllen. Bei mittlerer Hitze 25 Minuten backen.
Eine andere Aufgabe zeigt einen angeschnittenen Kuchen. Aus 3 Grössen-Varianten muss das fehlende Stück erkannt werden. Da wird gute Beobachtung gefördert. Weil es sich um einen Kuchen handelt, schauen die Kinder sicher sehr interessiert hin. Den einen wird das Wasser im Mund zusammenlaufen.
So tauche ich ab in die Welt der Kinder mit diesen vielen spielerischen Möglichkeiten des Lernens, die wir noch nicht kannten.
Das Zusammensein im gemeinsamen Haushalt bereichert uns. Schon mit den eigenen Kindern stellte ich fest, dass wir gegenseitig voneinander lernten.

Samstag, 21. Juli 2007

Abschied vom Geschäftsareal der Feldmann, Dutli & Co.

Stichworte, die ich für Blog-Beiträge notiert habe, geben heute nicht viel her. Ich sitze nun schon 2 Stunden am Computer und verwerfe alles, was ich angefangen habe. Der Tag ist schwül, macht etwas träge. Nun hat aber ein kleiner Rundgang am Limmatufer neuen Schwung in meine Gedanken gebracht und ich kann fortfahren.
Das Areal der Engros-Papierhandlung Feldmann, Dutli & Co, zwischen Hardturmstrasse und Limmatufer in Zürich, ist in meinem Visier. Es wird abgebrochen. Seit gut 2 Wochen verfolgen Primo und ich, wie die Gebäude abgetragen und Baugrund-Sondierungen vorgenommen werden.
 
2 Nebengebäude sind bereits vom Erdboden verschwunden. Jetzt ist das Hauptgebäude ausgekernt und bekommt demnächst den Todesstoss. Ich beobachtete die wackeren Männer, wie sie die hölzernen Innenausbauteile zielsicher aus oberen Stockwerken in die Mulde warfen. Da hätte ich ganz gern mitgemacht.
 
Auf einem Vordach über dem hinteren Eingang hat sich eine Pappel eingenistet. Sie mag 2 oder 3 Jahre alt sein. Trotz kargem Boden hat sie sich entwickeln können. Nun sind auch ihre Tage gezählt.
 
Hier sah ich letzte Woche 2 junge Mütter mit Kindern im Vorschulalter. Diese schauten durch das Bauabschrankungsgitter den Arbeitern zu. Doch als eine kleine Mauer einstürzte, weinte ein Knabe herzzerbrechend und war fast nicht mehr zu beruhigen. Ich weiss nicht, hatte er Angst oder war es für ihn einfach traurig, dass etwas kaputt gemacht wurde.
 
Feldmann, Dutli & Co. ist für mich von klein auf an ein Begriff. Hier durften Kinder nach Papierresten fragen. Obwohl ich eher scheu war und nicht gerne bettelte, zog es auch mich an den Ausgabeschalter. Papier löste immer Glücksgefühle in mir aus. Wir bekamen breite Abschnitte in verschiedensten Farben und Qualitäten. So etwas gab es zu Hause nicht. Wer gerne zeichnete oder schrieb, holte sich von Zeit zu Zeit das Material in diesem grossen Haus. Wenn wir in sehr kurzen Abständen wiederkehrten, hiess es manchmal, jetzt gerade sei nichts vorrätig für uns. Das zu erfahren, war auch wichtig. Es verhinderte, dass wir anmassend oder verschwenderisch wurden.
 
Die Firma Feldmann, Dutli & Co. gibt es schon lange nicht mehr, obwohl der Firmenname immer noch an der Westseite des Haupthauses prangte. Die Gebäude erfuhren eine Umnutzung, aber die äussere Erscheinung blieb erhalten. Mindestens einmal im Frühjahr, wenn der Baum aus der Akazienfamilie beim Treppenaufgang blühte oder im Herbst, wenn die roten Laternchen ausgewachsen waren, schaute ich genauer hin und erinnerte mich an das Kinderglück von einst.
 
Bereits mit dem Abbruch-Beginn ist im „Tages-Anzeiger“ ein Inserat und eine Modellansicht eines Neubaus für Eigentumswohnungen auf diesem frei werdenden Gelände erschienen. Es wird den Ort radikal verändern. Nun sind beinahe alle Fabrikgebäude, die zu meinem Schulweg durch die Hardturmstrasse Richtung Escher Wyss Platz führten, abgebrochen. Das einstige Industriequartier ist kein Industriequartier mehr.
 
Von solchem Wandel zeugt vielleicht die neue Erscheinungsform unseres Quartierwappens. Ursprünglich als Zahnrad gestaltet, wurde es auf weissem Stoff schwarz gedruckt. Nun erschien es am Züri-Fest 2007 auf der Quaibrücke und innerhalb aller Quartierfahnen als zürich-blaues Zahnrad auf weissem Grund. Wir wissen nicht, ob wir da die Première eines modernisierten Quartierwappens gesehen haben. Weder vorher noch nachher wurde darüber berichtet.
 
So geschehen Veränderungen. Schleichend. Plötzlich ist eine lange nicht bemerkte Neuerung fest verwurzelt, und niemand stösst sich daran. So ergeht es dem Begriff „Zürich-West“. Obwohl ziemlich sicher noch nicht offiziell verankert, hat er sich durchgesetzt und wertet das ehemalige Fabrikgelände auf. Es gilt heute als chic, hier zu leben oder zu arbeiten.
 
Und jetzt noch das Finale meines Beitrages, das mir unerwartet zugekommen ist. Auf meinem oben erwähnten Auslauf traf ich auf 2 Bauarbeiter, die ihr Tagwerk beendet hatten und sich ein tolles Vergnügen leisteten. Sie hatten eine grosse Mulde mit Plastikfolien ausgekleidet, liessen Wasser einlaufen, zogen die Badehose an und hechteten mit akrobatischer Lebensfreude hinein. Sie lachten übermütig. Kinder hätten solche Freude kaum ausgelassener zeigen können. Und auch ich war zufrieden, denn diese Männer hatten mir gerade den Schlusspunkt unter diesen Aufsatz gesetzt.

Sonntag, 15. Juli 2007

Kopenhagen und die kleine Meerjungfrau schicken Grüsse

Eine Ansichtskarte aus Kopenhagen steht im Mittelpunkt meines Blogs von heute. Als Feriengruss ist sie bei mir eingetroffen. Verführerisch schön mit Aufnahmen wichtigster Orte dieser Stadt und mit einer Foto der Skulptur von Hans Christian Andersens kleiner Meerjungfrau, dem Nationalsymbol der Dänen. Noch immer schaut sie wartend und traurig aufs Meer und berührt alle, die sie sehen.
 
Auf der Rückseite der Karte, unten im Bereich, der den persönlichen Grüssen vorbehalten ist, sprach mich die Skizze der Stadtsilhouette mit den Türmen verschiedenster Gebäude und Kirchen sofort an. Sie zeigt sich anders als moderne Städte heute erscheinen wollen. Hier weisen alle Bauten über sich hinaus. Kein Flachdach, kein Wolkenkratzer ist dabei. Historische Bauwerke geben mir immer den Eindruck, wir könnten ihre Giebel oder Türme ersteigen, um ins Universum abzufliegen. Locker und leicht. Ganz anders die modernen „Towers“, deren Dächer eine horizontale Grenze zwischen dem Materiellen und dem Geistigen ziehen. Oben angekommen, muss die Decke wie eine Barriere wirken. Ein dickes Brett über dem Kopf. So empfinde ich ihre abgeschlossene Form.
 
Zur Silhouetten-Skizze auf der Postkarte gehört rechts unter dem Adressbereich auch noch eine dazu, die den Hafen mit einem grossen Schiff markiert. Sie ist für mich in der nachfolgenden Geschichte ebenfalls wichtig.
 
Diese Postkarte aus Kopenhagen löste also vielerlei aus, besonders auch den Wunsch, die Geschichte der kleinen Meerjungfrau wieder einmal zu lesen. Der Dichter, Hans Christian Andersen, der diese Figur erschuf, lebte von 1805–1875. Und seine Märchen leben heute noch. Sie sind voller Spannung, erreichen uns in seelischen Tiefen, wo die Erfahrungen der Menschheit zu Hause sind. Die Bilder, die sie erzeugen, sprechen für sich selbst. Wir verstehen sie, ohne dass wir sie ausführlich deuten müssen.
 
„Die kleine Meerjungfrau“ ist die Geschichte einer grossen Liebe, von der der schöne Prinz mit den grossen, schwarzen Augen nichts weiss. Als sein Schiff im Sturm kenterte, wäre er ertrunken, hätte ihn die Meerjungfrau nicht aufgefangen und ans Land gebracht. Solange er von ihr durch die Meeresfluten getragen wurde, waren seine Sinne ermattet, und als er von der Sonne beschienen, am Strand endlich aufwachte, sah er seine Retterin nicht. Ausserhalb seines persönlichen Blickwinkels schaute sie nach ihm aus. Er lächelte alle anderen dankbar an, die ihm entgegenkamen, nur sie nicht. Er konnte sie nicht sehen.
 
Diesen einen Aspekt der Geschichte habe ich für meinen Aufsatz herausgezogen, weil ich gleich danach im Tram eine zwar banale Episode erlebte, der aber das gleiche Thema zugrunde liegt.
 
An der Tramhaltestelle Förrlibuck in Zürich versuchte eine Frau nervös, ihre Fahrkarte dem Billett-Automaten zu entlocken. Sie fütterte ihn mit reichlich Kleingeld, aber nicht alle Münzen wurden sofort akzeptiert. Das Tram war eingefahren, Gäste ein- und ausgestiegen und wäre sicher weitergefahren, wenn nicht eine Frau im Tram die Situation erfasst hätte. Sie konnte von ihrem Sitzplatz aus mit Knopfdruck die Türschliessung blockieren und der Frau draussen die Mitfahrt ermöglichen. Es dauerte eine ganze Weile. Als sie einstieg, seufzte diese erleichtert und setzte sich auf einen freien Platz. Sie dankte nicht, wusste nicht, wer ihr geholfen hatte. Sie vermutete vielleicht, dass der Chauffeur die Situation über den Rückspiegel erfasst habe. Sie war einfach erleichtert, dass sie jetzt fahren konnte und nur mit sich selbst beschäftigt.
 
Ich aber sass der helfenden Frau über den Gang schräg gegenüber und konnte beobachten, wie enttäuscht sie war. Ihr Mund verzog sich, ihr Gesicht wurde lang. Sie konnte es nicht verwinden, dass man sie überging. Sie schien zu denken: Hat diese Person keine Manieren? Danke hätte sie sagen können. Sie kann froh sein, dass ich ihr geholfen habe. Ich zwinkerte ihr zu, doch konnte ich sie nicht erreichen. Ihre Enttäuschung blockierte sie.
 
In diesem Augenblick erinnerte ich mich an die kleine Meerjungfrau im Märchen, mit der ich tags zuvor einen glücklichen Ausgang der Geschichte ersehnt hatte und dachte: Es muss sich um ein Lebensgesetz handeln, denn wir alle kennen solche Situationen. Wahre Hilfe bleibt oft unerkannt.
 
Wie es die kleine Meerjungfrau geschafft hat, über sich selbst hinaus zu steigen, erzählt Andersen auch noch. Das Märchen ist im Internet abrufbar.

Freitag, 6. Juli 2007

Die Beschleunigung, Markenzeichen eines neuen Zeitalters

Sonntagabend. Ich spaziere mit Primo am Limmatufer. Es hat kurze Zeit geregnet. Die Luft ist rein. Die Spazierenden sind grösstenteils heimgegangen und somit ist hier eine gewisse Ruhe eingekehrt. Hin und wieder klingeln nervöse Velofahrer, damit wir ihnen Platz machen. Sie tun es unverfroren, denn hier wäre allgemeines Fahrverbot.

Dann überholt uns eine junge Frau im Laufschritt. Sie joggt und stösst gleichzeitig ihren Säugling im Kinderwagen vor sich her. Sie irritiert mich, scheint sich an diesem Auslauf gar nicht zu freuen. Keuchend spult sie irgendein Programm ab, das gar nicht ihrem Naturell entspricht.
 
Kurz bevor wir unseren Rundgang beenden, kreuzt sich der Weg dieser jungen Mutter mit dem unsrigen nochmals. Auch sie ist im Kreis herumgegangen. Gegenläufig. Noch immer im Trab, noch immer keuchend.
 
Wie erlebt ein Säugling eine solche Tour? Als Tortur? Er wird geschüttelt, weil der Weg einen Kiesbelag trägt. Er wird den ungewöhnlich kurzen Atem der Mutter wahrnehmen. Tut ihm das gut? Passt er sich vielleicht an diesen an?
 
Als ich am Sonntag zuvor im Kino einen Bildhauer in einem Dokumentarfilm über sein Werk sprechen hörte, muss etwas ähnlich abgelaufen sein. Dieser Künstler, offensichtlich ein starker Raucher, atmete schwer. Er redete und rauchte, dass mir bang wurde. Ich musste ein Bonbon zu Hilfe nehmen, um zum eigenen ruhigen Atmen zurückzufinden. Daran denke ich jetzt. Ging es diesem kleinen Kind auch so, dass sein Atem von aussen beeinflusst und in eine Hektik mitgenommen wurde?
 
Wir sind im Zeitalter der grossen Beschleunigung angelangt. Alles geht schnell und muss noch schneller gehen. Gleichgültig, ob es uns zuträglich ist. Die Züge fahren jetzt mit höheren Geschwindigkeiten und erreichen Ziele rascher. Die Fahrgäste werden durch Stollen und Tunnels geführt, gehen aber schönster Landschaftsbilder verlustig. Sie können dösen oder schlafen wie der Säugling. Sie sehen wenig und jene Orte, die kurz auftauchen, zeigen sich nur als Aufwasch. Seitdem ich die Beschriftungen der Bahnstationen wegen der schnelleren Durchfahrt nicht mehr lesen kann, macht mir das Reisen weniger Freude. Zudem wird mir in den Neigezügen schlecht.
 
Ich habe etwas verloren. Der Säugling aber baut sein Leben erst auf. Möglich ist, dass er bestens gerüstet ist, weil ihn seine Mutter von klein auf mit übersetzter Geschwindigkeit vertraut gemacht hat. Oder war das, was ich beobachtet habe, vielleicht nur eine Ausnahmesituation, und rannte die Mutter nur deshalb, weil sie einen Frust loswerden wollte?