Dem Thema Abfall begegne ich hier in Paris täglich und überall. Eindrücklich beginnt der Lärm auf der Strasse, wenn nach 6 Uhr am Morgen die Müllabfuhr vorfährt und die vor jedem Haus stehenden grünen Tonnen abholt.
Wenn ich die kleine Mena in den Sommerhort begleite, kommen wir am Moulin Rouge vorbei, und oft kippen sie dort gerade die Glascontainer in die Lastautos. Das scheppert und klirrt jeweils und geht durch Mark und Bein. Der Champagner ist ausgetrunken, der Tag wieder angebrochen und mit ihm auch der Alltag.
Ich stelle ein grosses Bemühen fest, die Stadt sauber zu halten, doch zu viele der Menschen sind einfach unerzogen, lassen alles fallen, was sie nicht mehr brauchen. In einer Post z. B., wo im Innern an einem Automaten selbstklebende Frankaturen herausgelassen werden können, liegen im Umkreis dieses Apparates viele der abgezogenen Papiere, die einst die Klebefläche schützte, herum. Wenn hier jemand in Eile vorbeikäme, würde er ausrutschen wie auf dem Eis.
Abfalleimer sind überall vorhanden, doch ein Teil der Kunden, sicher auch Touristen, denken nicht darüber nach, dass es schick wäre, den eigenen Teil zur Ordnung beizutragen.
Von der Kampagne für ein sauberes Zürich habe ich letztes Jahr einmal berichtet. Die gleiche wird auch hier in Paris aufgezogen. Offensichtlich wird ein internationales Thema übergeordnet behandelt. Die Bilder aber sind adaptiert. Ich sah einen Müll-Lastwagen mit dem Plakat eines Hundes, der seinen Stuhlgang im Badezimmer oder in der Küche deponiert. Die Überschrift dazu: PARIS, DAS IST BEI IHNEN.
Auf dem Boulevard de Clichy wurde in den letzten Jahren eine Wohlfühlmeile eingerichtet. In der Mitte wurde ein breiter Weg geschaffen, auf dem auch Kinder unbeschwert daherkommen können. Bäume und Sträucher säumen ihn. Und auf vielen Sitzbänken sitzen jene, die unter den Mitmenschen sein wollen. Einige schlafen auch da.
Links und rechts von diesem erholsamen Weg brausen aber weiterhin die Autos vorbei. Man wird bescheiden. Ich freue mich hier schon an diesen begrenzten Oasen, an den Büschen und Bäumen.
Geschichten von Rita Lorenzetti-Hess aus Zürich-Altstetten und
Archiv sämtlicher Blog-Beiträge aus der Zeit beim Textatelier Hess von Biberstein
Donnerstag, 20. Juli 2006
Mittwoch, 19. Juli 2006
Ohne Concierge: Tür-Tücken, die mich in Wallung brachten
Eine Ortsveränderung macht mir immer bewusst, was in der Computer-Welt „einscannen“ umschreibt.
Mein Unterbewusstsein knistert jeweils wie eine Hochspannungsleitung, wenn noch nie Geschautes aufgenommen werden muss. Diesmal sind es nicht die bekannten Monumente hier in Paris, weder das Moulin Rouge noch die Notre Dame, auch nicht die hohen Häuser mit den typischen Keramik-Kaminaufsätzen. Die sind in meinem inneren Archiv gespeichert. Jetzt sind es die Schlösser, Codes und Schlüssel, die meine ganze Aufmerksamkeit verlangen.
Einst sass in jedem grösseren Haus der Concierge (Pförtner), dem nichts entging und der für eine gewisse Sicherheit verantwortlich war. Eine Person also, die im schlimmsten Fall um Hilfe und Unterstützung gebeten werden konnte. Jetzt ist es die Technik, die diesen Beruf ersetzt hat. Jeder Mensch soll selber schauen, wie er seine Tür schützt und wie er ins Haus kommt.
An einem fremden Ort ankommen und sofort alles so begreifen und handhaben, dass es 100%ig richtig ist, das kann ich nicht. Ich muss üben können, sonst kommt Panik auf.
Für mein Studio und für die Wohnung der jungen Familie trage ich je einen Schlüsselbund auf mir und muss für jedes dieser Häuser einen Code auswendig wissen. Den einen kann ich als geometrisches Muster eingeben, den anderen aus Zahlen, die mit einem Geburtsdatum gekoppelt sind.
Wenn ich also ankomme, muss ich die Zahlenkombination und Buchstaben eintippen. Mache ich es richtig, kann ich in den Windfang eintreten. Dann brauche ich einen ersten Schlüssel, der mir den Zugang zum Treppenhaus und zum Briefkasten gewährt. Für meinen Fall ist diese Tür die grosse Knacknuss. Das Schloss verlangt Fingerspitzengefühl. Ich kann den Trick hier natürlich nicht bekannt geben, will Einbrechern nicht auf die Spur verhelfen. Er wäre auch schwer, ihn zu beschreiben. Es ist eine Sache des Gefühls.
Die Wohnungstür dann hat ein Schnappschloss. Wenn ich die Wohnung verlassen will, muss ich sicher sein, dass ich den Schlüssel für diese letzte Hürde beim Heimkommen bei mir habe. Schloss ich die Tür beim Weggehen unachtsam und vergass, den Schlüssel an mich zu nehmen, stehe ich hilflos draussen. Nun habe ich für mich ein Ritual entwickelt, das mich unterstützt und sicher macht.
Und trotzdem ist es verständlich, dass es Schweissausbrüche gibt, wenn nicht alles reibungslos verläuft. Schweissausbrüche, die ganz und gar nicht mit der grossen Hitze zusammenhängt, die auch Paris erfasst hat.
Mein Unterbewusstsein knistert jeweils wie eine Hochspannungsleitung, wenn noch nie Geschautes aufgenommen werden muss. Diesmal sind es nicht die bekannten Monumente hier in Paris, weder das Moulin Rouge noch die Notre Dame, auch nicht die hohen Häuser mit den typischen Keramik-Kaminaufsätzen. Die sind in meinem inneren Archiv gespeichert. Jetzt sind es die Schlösser, Codes und Schlüssel, die meine ganze Aufmerksamkeit verlangen.
Einst sass in jedem grösseren Haus der Concierge (Pförtner), dem nichts entging und der für eine gewisse Sicherheit verantwortlich war. Eine Person also, die im schlimmsten Fall um Hilfe und Unterstützung gebeten werden konnte. Jetzt ist es die Technik, die diesen Beruf ersetzt hat. Jeder Mensch soll selber schauen, wie er seine Tür schützt und wie er ins Haus kommt.
An einem fremden Ort ankommen und sofort alles so begreifen und handhaben, dass es 100%ig richtig ist, das kann ich nicht. Ich muss üben können, sonst kommt Panik auf.
Für mein Studio und für die Wohnung der jungen Familie trage ich je einen Schlüsselbund auf mir und muss für jedes dieser Häuser einen Code auswendig wissen. Den einen kann ich als geometrisches Muster eingeben, den anderen aus Zahlen, die mit einem Geburtsdatum gekoppelt sind.
Wenn ich also ankomme, muss ich die Zahlenkombination und Buchstaben eintippen. Mache ich es richtig, kann ich in den Windfang eintreten. Dann brauche ich einen ersten Schlüssel, der mir den Zugang zum Treppenhaus und zum Briefkasten gewährt. Für meinen Fall ist diese Tür die grosse Knacknuss. Das Schloss verlangt Fingerspitzengefühl. Ich kann den Trick hier natürlich nicht bekannt geben, will Einbrechern nicht auf die Spur verhelfen. Er wäre auch schwer, ihn zu beschreiben. Es ist eine Sache des Gefühls.
Die Wohnungstür dann hat ein Schnappschloss. Wenn ich die Wohnung verlassen will, muss ich sicher sein, dass ich den Schlüssel für diese letzte Hürde beim Heimkommen bei mir habe. Schloss ich die Tür beim Weggehen unachtsam und vergass, den Schlüssel an mich zu nehmen, stehe ich hilflos draussen. Nun habe ich für mich ein Ritual entwickelt, das mich unterstützt und sicher macht.
Und trotzdem ist es verständlich, dass es Schweissausbrüche gibt, wenn nicht alles reibungslos verläuft. Schweissausbrüche, die ganz und gar nicht mit der grossen Hitze zusammenhängt, die auch Paris erfasst hat.
Dienstag, 18. Juli 2006
Ganz ungewohnte Perspektiven in der Weltstadt Paris
Die Amseln haben mich geweckt. Ihr Jubelgesang ist auch hier in Paris
verheissungsvoll. Sie singen ihre Lieder schon, bevor die Sonne
aufgegangen ist. Eine unbegreiflich friedliche Stille liegt über der
Stadt. Ich weiss nicht, ob ich träume. Die Lichter der Strassenlaternen
leuchten noch. Am Abhang treten 3 junge Männer aus einem Haus. Sie
diskutieren, ohne sich zu ereifern. Sie wirken weder übernächtigt noch
sind es dubiose Gestalten. Aus meiner Sicht eher Persönlichkeiten, die
Skulpturen sein könnten. Ich schaue vom weltbekannten Hügel, wohne am
Berg.
Als die Lampen erlöschen, tritt das Licht auf. Nun wird mein grosses, breites und hohes Blickfeld ausgeleuchtet. Meine Fenster schauen Richtung Süden. Die Sonne strahlt von Osten her und wirft ihre Strahlen wie Scheinwerfer an mir vorbei nach Westen. Die Stadtmitte liegt mir zu Füssen. Ich kann erleben, wie das Morgenlicht alle Prestigebauten, die Hochhäuser, und die alten Kirchen anstrahlt und sie aus der Masse heraushebt. Auch der Stadtrand ist nun markant wahrnehmbar. Bin ich wirklich da, wo ich erwartet worden bin?
Noch nie habe ich diese Stadt aus solch idealen Aussichtsverhältnissen schauen können. Noch nie habe ich den Himmel wie eine Kulisse vor mir gehabt. Ohne den Kopf in den Nacken zu legen, sehe ich Mond und Sterne. Hier gehören sie zum abendlichen Freundeskreis. Keine Stadtwanderung, kein altes Gebäude, keine Ausstellung hat mich je so eingenommen wie dieser Blick aus meiner derzeitigen Wohnung. Und vor allem faszinieren mich auch die unzähligen Schwalben, die in den Morgenstunden und dann wieder nach Sonnenuntergang vor meinen Fenstern, nah und fern, hoch und tief vorbeipfeilen. Ich befinde mich in Paris, erwarte die Geburt unseres 2. Enkelkindes, bin als Grossmutter, Haus- und Kindermädchen gefragt. Hier werden die Grossmütter „Mami“ gerufen. Gut bekannt.
Zur Begrüssung habe ich von Mena ein kleines und leichtes Notizbuch bekommen. Damit ich neue Wörter, die mir gefallen, notieren, oder Ideen fürs Blogatelier skizzieren könne.
Mena erklärte mir die Zeichnung, die sie auf den ersten beiden Seiten für mich angebracht hat. Auf der rechten Seite sähe ich sie, links zeichnete sie die Sonne und sagte dazu: „Das ist der Tag.“
Und schon konnte ich Bleistift und Buch benützen und diese schöne Zuschreibung für die Sonne festhalten
Als die Lampen erlöschen, tritt das Licht auf. Nun wird mein grosses, breites und hohes Blickfeld ausgeleuchtet. Meine Fenster schauen Richtung Süden. Die Sonne strahlt von Osten her und wirft ihre Strahlen wie Scheinwerfer an mir vorbei nach Westen. Die Stadtmitte liegt mir zu Füssen. Ich kann erleben, wie das Morgenlicht alle Prestigebauten, die Hochhäuser, und die alten Kirchen anstrahlt und sie aus der Masse heraushebt. Auch der Stadtrand ist nun markant wahrnehmbar. Bin ich wirklich da, wo ich erwartet worden bin?
Noch nie habe ich diese Stadt aus solch idealen Aussichtsverhältnissen schauen können. Noch nie habe ich den Himmel wie eine Kulisse vor mir gehabt. Ohne den Kopf in den Nacken zu legen, sehe ich Mond und Sterne. Hier gehören sie zum abendlichen Freundeskreis. Keine Stadtwanderung, kein altes Gebäude, keine Ausstellung hat mich je so eingenommen wie dieser Blick aus meiner derzeitigen Wohnung. Und vor allem faszinieren mich auch die unzähligen Schwalben, die in den Morgenstunden und dann wieder nach Sonnenuntergang vor meinen Fenstern, nah und fern, hoch und tief vorbeipfeilen. Ich befinde mich in Paris, erwarte die Geburt unseres 2. Enkelkindes, bin als Grossmutter, Haus- und Kindermädchen gefragt. Hier werden die Grossmütter „Mami“ gerufen. Gut bekannt.
Zur Begrüssung habe ich von Mena ein kleines und leichtes Notizbuch bekommen. Damit ich neue Wörter, die mir gefallen, notieren, oder Ideen fürs Blogatelier skizzieren könne.
Mena erklärte mir die Zeichnung, die sie auf den ersten beiden Seiten für mich angebracht hat. Auf der rechten Seite sähe ich sie, links zeichnete sie die Sonne und sagte dazu: „Das ist der Tag.“
Und schon konnte ich Bleistift und Buch benützen und diese schöne Zuschreibung für die Sonne festhalten
Donnerstag, 13. Juli 2006
Zufälle verdichten sich, lassen die Vergangenheit aufleben
Gleich zu Beginn möchte ich wieder einmal für den Zufall werben. Ich habe ein gutes Verhältnis zu ihm. Der Zufall ist für mich nicht „nur“ ein Zufall, sondern ein wichtiger Wink für mein Leben. Meist ist er ein Geschenk.
Der erste Zufall ereignete sich an einem Freitagmorgen im Mai 2006 auf dem Blumen- und Gemüsemarkt am Bürkliplatz in Zürich. Die Herkunftstafel am Stand eines Gemüsebauern wies auf das Dorf Dänikon im Wehntal hin. Da begann es in meinem inneren Archiv gleich zu knattern. Vor über 40 Jahren, als unsere erste Tochter zur Welt kam, war ich mit einer Frau aus Dänikon im gleichen Zimmer einquartiert. Sie hatte am selben Tag einen Sohn geboren. Er bekam den Namen Martin. Martin B. war auch der Name auf der hölzernen Tafel an seinem Stand. Als wir an die Reihe kamen, um einzukaufen, fragte ich zuerst, ob er am Tag so und so Geburtstag habe. Er stutzte, prüfte unsere Gesichter, überlegte, ob er eine so persönliche Frage überhaupt beantworten solle, sagte dann aber „Ja“ und gleich danach: „Herr Lorenzetti!“ Er hatte Primo erkannt.
Für weitere Gespräche blieb aber keine Zeit. Martins Angebote sind von feinster Qualität. Der Zulauf an Kundschaft ist enorm.
Zweiter Zufall: Am Tag danach las Primo in der Kolumne „Hier kocht der Chef“ von Peter Brunner (Restaurant Reblaube, Zürich) im Stadtmagazin „Züritipp“ einen lobenden Hinweis auf die aussergewöhnlichen Bohnen von Martin B.
Auf Martins Hinweis besuchte ich dann seine Mutter an einem Mittwoch auf dem Gemüse-Markt in Oerlikon. Auch dort sind Familie B. und ihre feinen Produkte regelmässig anzutreffen. Hier arbeitet die Mutter noch mit. Wir konnten uns eine halbe Stunde gönnen, für ausführliche Geschichten aus 4 Jahrzehnten warten wir auf den Winter. Wir beide haben Erinnerungen, die wir miteinander vergleichen und ergänzen wollen. Dafür ist ein Wintertag dann der rechte Zeitpunkt. Wer mit Lebendigem arbeitet, muss sich der Jahreszeit unterordnen.
Dritter Zufall: Ich ordnete Schränke in der Winde und stiess auf Schulhefte unserer Töchter. Letizia hatte kürzlich danach gefragt. Jetzt konnte ich die ihren abgeben. Heute nun meldete sie amüsiert, im Aufsatzheft sei der Besuch bei Familie B. in Dänikon beschrieben. Sie las mir vor:
10. Februar 1980
Die ganze Familie ging über den Altberg nach Dänikon zu Familie B. Es gab Vanillecrème und Fruchtsalat. Hm! Das war fein. Etwa um 5 Uhr gab es ein Telefon. Frau B. rief: „Was?...Wo?? Ich will meinen Mann schicken. Adiö!“
„Willi, es brennt beim Fritz im alten Haus.“
Alle schoben die Vorhänge auf die Seite. Wir sahen den Rauch. Frau B. rannte die Treppen hinauf und holte die Feuerwehr-Uniform. Martin stellte die Sirene ein. Die tönte aber schrill. Von allen Seiten rannten Leute herbei. Herr B. sagte: „Martin, du gehst in den Stall.“
Dann rannte auch er fort. Auf der Strasse zog er den Gürtel an. Martin kam mit dem Traktor gefahren, damit die Motorspritze angehängt werden könnte. Ein paar Bauern hatten unten die Stallhosen und oben den Feuerwehrhelm angezogen.
Wir blieben im Haus.
Nach ca. einer halben Stunde kam Herr B. wieder und sagte: „Ein Auto ist in der Werkstatt verbrannt. Es sah gar nicht schön aus.“
Alle waren erleichtert.
Ich jetzt auch, weil mir der Zufall noch Stoff für einen Beitrag fürs Blogatelier lieferte.
Der erste Zufall ereignete sich an einem Freitagmorgen im Mai 2006 auf dem Blumen- und Gemüsemarkt am Bürkliplatz in Zürich. Die Herkunftstafel am Stand eines Gemüsebauern wies auf das Dorf Dänikon im Wehntal hin. Da begann es in meinem inneren Archiv gleich zu knattern. Vor über 40 Jahren, als unsere erste Tochter zur Welt kam, war ich mit einer Frau aus Dänikon im gleichen Zimmer einquartiert. Sie hatte am selben Tag einen Sohn geboren. Er bekam den Namen Martin. Martin B. war auch der Name auf der hölzernen Tafel an seinem Stand. Als wir an die Reihe kamen, um einzukaufen, fragte ich zuerst, ob er am Tag so und so Geburtstag habe. Er stutzte, prüfte unsere Gesichter, überlegte, ob er eine so persönliche Frage überhaupt beantworten solle, sagte dann aber „Ja“ und gleich danach: „Herr Lorenzetti!“ Er hatte Primo erkannt.
Für weitere Gespräche blieb aber keine Zeit. Martins Angebote sind von feinster Qualität. Der Zulauf an Kundschaft ist enorm.
Zweiter Zufall: Am Tag danach las Primo in der Kolumne „Hier kocht der Chef“ von Peter Brunner (Restaurant Reblaube, Zürich) im Stadtmagazin „Züritipp“ einen lobenden Hinweis auf die aussergewöhnlichen Bohnen von Martin B.
Auf Martins Hinweis besuchte ich dann seine Mutter an einem Mittwoch auf dem Gemüse-Markt in Oerlikon. Auch dort sind Familie B. und ihre feinen Produkte regelmässig anzutreffen. Hier arbeitet die Mutter noch mit. Wir konnten uns eine halbe Stunde gönnen, für ausführliche Geschichten aus 4 Jahrzehnten warten wir auf den Winter. Wir beide haben Erinnerungen, die wir miteinander vergleichen und ergänzen wollen. Dafür ist ein Wintertag dann der rechte Zeitpunkt. Wer mit Lebendigem arbeitet, muss sich der Jahreszeit unterordnen.
Dritter Zufall: Ich ordnete Schränke in der Winde und stiess auf Schulhefte unserer Töchter. Letizia hatte kürzlich danach gefragt. Jetzt konnte ich die ihren abgeben. Heute nun meldete sie amüsiert, im Aufsatzheft sei der Besuch bei Familie B. in Dänikon beschrieben. Sie las mir vor:
10. Februar 1980
Die ganze Familie ging über den Altberg nach Dänikon zu Familie B. Es gab Vanillecrème und Fruchtsalat. Hm! Das war fein. Etwa um 5 Uhr gab es ein Telefon. Frau B. rief: „Was?...Wo?? Ich will meinen Mann schicken. Adiö!“
„Willi, es brennt beim Fritz im alten Haus.“
Alle schoben die Vorhänge auf die Seite. Wir sahen den Rauch. Frau B. rannte die Treppen hinauf und holte die Feuerwehr-Uniform. Martin stellte die Sirene ein. Die tönte aber schrill. Von allen Seiten rannten Leute herbei. Herr B. sagte: „Martin, du gehst in den Stall.“
Dann rannte auch er fort. Auf der Strasse zog er den Gürtel an. Martin kam mit dem Traktor gefahren, damit die Motorspritze angehängt werden könnte. Ein paar Bauern hatten unten die Stallhosen und oben den Feuerwehrhelm angezogen.
Wir blieben im Haus.
Nach ca. einer halben Stunde kam Herr B. wieder und sagte: „Ein Auto ist in der Werkstatt verbrannt. Es sah gar nicht schön aus.“
Alle waren erleichtert.
Ich jetzt auch, weil mir der Zufall noch Stoff für einen Beitrag fürs Blogatelier lieferte.
Freitag, 7. Juli 2006
Der Alltag prägt die Gesundheit. Hektik beim Pulsmessen
Im Briefkasten finde ich neben den Zeitungen eine Broschüre „Gesundheitsförderung Kanton Zürich“. Weiterlesen fördere meine Gesundheit, lese ich auf dem Titelblatt. Prof. Dr. med. Felix Gutzwiller von der Universität Zürich, Institut für Sozial- und Präventivmedizin, empfiehlt uns, zur Gesundheit Sorge zu tragen und gibt für 6 Bereiche unseres Lebens Empfehlungen, wie wir unsere Gesundheit fördern können.
Es sind Übungen für zuhause, für überall und jederzeit, für die (Haus-)Arbeit, für die Freizeit, für besondere Gelegenheiten und für den Ausgang.
In einer Zeit, in der vor allem die Beschleunigung unser Leben bestimmt, sind Übungen, die zur Ruhe und Gelassenheit führen, besonders wichtig. Ruhe ist aber nicht als Stillsitzen oder Autofahren zu verstehen.
Alle Erfindungen, die uns das Leben leichter gemacht haben, zeigen auch eine Kehrseite. Unsere Körperkräfte werden im Alltag nicht mehr auf natürliche Weise gebraucht. Junge, starke und gesunde Männer z. B. können sie am Computer sitzend, im Beruf gar nicht mehr nützen. Der Ausgleich wird mit Joggen, Velofahren, Schwimmen, Fussball usw. gesucht.
An Sommerabenden fühlen sich Fussgänger am Fischerweg, der Limmat entlang, oft fehl am Platz. Da ist eine Hektik, ein Vorpreschen, eine Platzbeanspruchung, die einem weh tut. Es zeigt sich, dass überall, wo wir etwas für die Gesundheit tun wollen, das Abdriften in den Wettbewerb wieder dabei ist. Pulsmesser und Zeitmesser gehören leider auch schon wieder zu diesem Ausgleichssport. Velofahren wird an der Limmat toleriert, obwohl eigentlich Fahrverbot markiert ist. Umso mehr stört es jene, die beschaulich spazieren wollen, wenn von weit her schon aggressiv geklingelt wird, damit für das anfahrende Velo Platz gemacht wird.
Überall gibt es die Masslosen, die Wettbewerbssüchtigen, die Egoisten. Ob sie auf die Horizonterweiterungs-Übung ansprechen, bezweifle ich. Sie heisst nämlich: Erweitern Sie Ihren Horizont. Betrachten Sie abends den Sternenhimmel.
Hinweis
Weitere Informationen: www.gesundheitsfoerderung-zh.ch
Es sind Übungen für zuhause, für überall und jederzeit, für die (Haus-)Arbeit, für die Freizeit, für besondere Gelegenheiten und für den Ausgang.
In einer Zeit, in der vor allem die Beschleunigung unser Leben bestimmt, sind Übungen, die zur Ruhe und Gelassenheit führen, besonders wichtig. Ruhe ist aber nicht als Stillsitzen oder Autofahren zu verstehen.
Es heisst da unter anderem:
Steigen Sie aus. Zwei Stationen früher. Bewegung entspannt.
Gehen Sie beim Briefkastenleeren gleich noch eine Runde zügig ums Haus.
Steigen Sie auf, aber auf der Treppe, und nicht mit dem Lift.
Augen zu. Legen Sie die Hände auf Ihre geschlossenen Augen und lassen Sie die Wärme fliessen.
Lust statt Frust. Genussvolles Essen entspannt.
Alle Erfindungen, die uns das Leben leichter gemacht haben, zeigen auch eine Kehrseite. Unsere Körperkräfte werden im Alltag nicht mehr auf natürliche Weise gebraucht. Junge, starke und gesunde Männer z. B. können sie am Computer sitzend, im Beruf gar nicht mehr nützen. Der Ausgleich wird mit Joggen, Velofahren, Schwimmen, Fussball usw. gesucht.
An Sommerabenden fühlen sich Fussgänger am Fischerweg, der Limmat entlang, oft fehl am Platz. Da ist eine Hektik, ein Vorpreschen, eine Platzbeanspruchung, die einem weh tut. Es zeigt sich, dass überall, wo wir etwas für die Gesundheit tun wollen, das Abdriften in den Wettbewerb wieder dabei ist. Pulsmesser und Zeitmesser gehören leider auch schon wieder zu diesem Ausgleichssport. Velofahren wird an der Limmat toleriert, obwohl eigentlich Fahrverbot markiert ist. Umso mehr stört es jene, die beschaulich spazieren wollen, wenn von weit her schon aggressiv geklingelt wird, damit für das anfahrende Velo Platz gemacht wird.
Überall gibt es die Masslosen, die Wettbewerbssüchtigen, die Egoisten. Ob sie auf die Horizonterweiterungs-Übung ansprechen, bezweifle ich. Sie heisst nämlich: Erweitern Sie Ihren Horizont. Betrachten Sie abends den Sternenhimmel.
Hinweis
Weitere Informationen: www.gesundheitsfoerderung-zh.ch
Sonntag, 2. Juli 2006
Sommerabende bei Nachtkerzen oder unter Fussballfans
Die Sommerabende in unserem Reihenhausviertel an der Hardturmstrasse in Zürich sind manchmal leise und nur dem versinkenden Tag gewidmet. Sobald die Kinder ins Haus gerufen werden und die Sonne untergeht, ist die Stille da. In den bekannten Abständen fährt noch das Tram vorbei. Der Autoverkehr hält sich in Grenzen. Wer die Rabatten noch nicht bewässert hat, macht das jetzt. Wir grüssen uns über die Zäune hinweg und tauschen Neuigkeiten aus.
Dann gehen die Nachtkerzen auf. Wir sitzen zu ihnen und schauen, wie sie sich öffnen. Von Juni bis September können wir jeden Abend – immer bei Sonnenuntergang − miterleben, wie sie ihre Knospen aufmachen und die Blätter in der Art eines Regenschirmes ausfalten. Noch bevor es dunkel ist, haben sie ihre Antennen zum Universum hin eingerichtet und sind im Austausch mit ihm. In dieser hingebenden Haltung werden wir sie auch am andern Morgen noch finden.
Sobald die Sonne verschwunden ist, fällt ein kühler Luftzug über uns her und weht die Düfte der Nachtkerzen über unsere Wege. Sofort sind Nachtfalter da und verkriechen sich ins Innere der Blumen. Dann treten die Sterne auf. Der Himmel trägt nun Nachtblau und die Bäume werden zu schwarzen Schimären. Spinnen haben ihre Netze gesponnen und warten auf ihre Beute.
Während der Fussball-Weltmeisterschaft aber ist alles anders. Ist ein wichtiger Match angesagt, ändert sich das Szenario um 180 Grad. Pablo, der Schweizer mit spanischen Wurzeln, stellt dann sein Umfeld für die Übertragung eines Spiels zur Verfügung. Das Fernsehen ist eingerichtet und gegen ein allfälliges Gewitter sind Blachen als schützendes Dach aufgespannt. Aus den verschiedensten Höfen erscheinen Männer und Frauen und folgen der Einladung. Viele schätzen hier das unkomplizierte Zusammensein. Hier können auch Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern ein Spiel mitverfolgen.
Ob dabei, im eigenen Garten oder zu später Abendstunde schon im Bett, immer ist aus den wogenden Stimmen zu erfahren, wie es um das Spiel steht. Wie Meereswellen brandet der Jubel oder die abgrundtiefe Enttäuschung unseren Häuserfassaden entlang.
Für die Kinder und Jugendlichen unserer Siedlung ist das wunderbar. Ich beobachtete an einem der ersten Abende, als sogar ich dabei war, wie aufmerksam sie den Spielen folgten. Einige von ihnen und auch junge Frauen, zelebrierten beinahe magische Rituale. Sie meinten, ihrer Lieblingsmannschaft den Sieg herbeizaubern zu können. Spannung erleben, ist offenbar ein Grundbedürfnis. Auch die Kriminalromane leben davon.
Ich verstehe wenig von Fussball. Aber ich nehme die Begeisterung wahr. Ich sehe, wie der Sport Menschen zusammenführt und wie solche Turniere ein Zusammengehörigkeitsgefühl auslösen können. Da unsere Kultur am Abbröckeln ist, bestehen Bedürfnisse nach neuen Formen von Gemeinschaftserlebnissen. Man findet sich zusammen, wie wir Bernoullianer bei Pablo. Wir gehörten für einen Abend zusammen und gingen nachher wieder unsere individuellen Wege. Aber für 2, 3 Stunden verband die Teilhabe an den Emotionen alle, die dabei waren.
Weder für Primo noch für mich ist Fussball ein Thema, obwohl wir das GC-Stadion als Nachbar haben. Trotzdem reagierte er auf meine Aussage, dieser Sport sei doch extrem grob und nicht immer fair, ganz realistisch und humoristisch. „Das ist Kampf. Hier geht es ums Ganze, um viel Geld, und Du kannst zum Verteidiger nicht sagen ‚Bitte gehen Sie doch etwas zur Seite, ich möchte ein Tor schiessen.’“
Und nicht vergessen haben wir beide einen Ausspruch einer Hausangestellten, die uns erzählte, sie besuche jeden Match des FC Frankfurt. Wir fragten, ob ihr Freund Fussballer sei. „Oh nein!“ Was denn die Faszination ausmache? „Wissen Sie, da kann ich schreien.“
Dieses Schreien ist offensichtlich ein Urbedürfnis. Eine Art (Urschrei-)Therapie, die das Ungereimte und Quälende in der eigenen Seele wieder zurechtrücken kann. Und nur eine Facette im Wettbewerb um Tore und Sieg.
Dann gehen die Nachtkerzen auf. Wir sitzen zu ihnen und schauen, wie sie sich öffnen. Von Juni bis September können wir jeden Abend – immer bei Sonnenuntergang − miterleben, wie sie ihre Knospen aufmachen und die Blätter in der Art eines Regenschirmes ausfalten. Noch bevor es dunkel ist, haben sie ihre Antennen zum Universum hin eingerichtet und sind im Austausch mit ihm. In dieser hingebenden Haltung werden wir sie auch am andern Morgen noch finden.
Sobald die Sonne verschwunden ist, fällt ein kühler Luftzug über uns her und weht die Düfte der Nachtkerzen über unsere Wege. Sofort sind Nachtfalter da und verkriechen sich ins Innere der Blumen. Dann treten die Sterne auf. Der Himmel trägt nun Nachtblau und die Bäume werden zu schwarzen Schimären. Spinnen haben ihre Netze gesponnen und warten auf ihre Beute.
Während der Fussball-Weltmeisterschaft aber ist alles anders. Ist ein wichtiger Match angesagt, ändert sich das Szenario um 180 Grad. Pablo, der Schweizer mit spanischen Wurzeln, stellt dann sein Umfeld für die Übertragung eines Spiels zur Verfügung. Das Fernsehen ist eingerichtet und gegen ein allfälliges Gewitter sind Blachen als schützendes Dach aufgespannt. Aus den verschiedensten Höfen erscheinen Männer und Frauen und folgen der Einladung. Viele schätzen hier das unkomplizierte Zusammensein. Hier können auch Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern ein Spiel mitverfolgen.
Ob dabei, im eigenen Garten oder zu später Abendstunde schon im Bett, immer ist aus den wogenden Stimmen zu erfahren, wie es um das Spiel steht. Wie Meereswellen brandet der Jubel oder die abgrundtiefe Enttäuschung unseren Häuserfassaden entlang.
Für die Kinder und Jugendlichen unserer Siedlung ist das wunderbar. Ich beobachtete an einem der ersten Abende, als sogar ich dabei war, wie aufmerksam sie den Spielen folgten. Einige von ihnen und auch junge Frauen, zelebrierten beinahe magische Rituale. Sie meinten, ihrer Lieblingsmannschaft den Sieg herbeizaubern zu können. Spannung erleben, ist offenbar ein Grundbedürfnis. Auch die Kriminalromane leben davon.
Ich verstehe wenig von Fussball. Aber ich nehme die Begeisterung wahr. Ich sehe, wie der Sport Menschen zusammenführt und wie solche Turniere ein Zusammengehörigkeitsgefühl auslösen können. Da unsere Kultur am Abbröckeln ist, bestehen Bedürfnisse nach neuen Formen von Gemeinschaftserlebnissen. Man findet sich zusammen, wie wir Bernoullianer bei Pablo. Wir gehörten für einen Abend zusammen und gingen nachher wieder unsere individuellen Wege. Aber für 2, 3 Stunden verband die Teilhabe an den Emotionen alle, die dabei waren.
Weder für Primo noch für mich ist Fussball ein Thema, obwohl wir das GC-Stadion als Nachbar haben. Trotzdem reagierte er auf meine Aussage, dieser Sport sei doch extrem grob und nicht immer fair, ganz realistisch und humoristisch. „Das ist Kampf. Hier geht es ums Ganze, um viel Geld, und Du kannst zum Verteidiger nicht sagen ‚Bitte gehen Sie doch etwas zur Seite, ich möchte ein Tor schiessen.’“
Und nicht vergessen haben wir beide einen Ausspruch einer Hausangestellten, die uns erzählte, sie besuche jeden Match des FC Frankfurt. Wir fragten, ob ihr Freund Fussballer sei. „Oh nein!“ Was denn die Faszination ausmache? „Wissen Sie, da kann ich schreien.“
Dieses Schreien ist offensichtlich ein Urbedürfnis. Eine Art (Urschrei-)Therapie, die das Ungereimte und Quälende in der eigenen Seele wieder zurechtrücken kann. Und nur eine Facette im Wettbewerb um Tore und Sieg.
Donnerstag, 29. Juni 2006
In der Aareschlucht. Von Reiseeindrücken und Souvenirs
Der Kugelschreiber aus Einsiedeln ist ein Souvenirartikel. Im rechtshälftigen Teil ist die Klosterfassade abgebildet, und vor dieser fährt ein Postauto vorbei, wenn ich den Schreibstift etwas schräg halte. Kinder freuen sich speziell an diesen Mitbringseln. Auch ich habe Spass daran.
Nun besitze ich ein gleiches Modell, jedoch aus dem Kiosk der Aareschlucht bei Meiringen. In der Schräglage bewegen sich ein Knabe und ein Mädchen durch diesen imposanten Raum. Sie staunen, wie alle, die auf den überhängenden Stegen dem Flusslauf ruhig folgen. Auch Primo und ich. Die junge Aare ist hier jungfräulich milchig, fliesst ruhig an den hohen Felswänden vorbei, muss aber auch Enge erleiden. Der Weg ähnelt jenem eines Kindes bei der Geburt.
Diese Schlucht ist eine riesige Kathedrale, misst 1,4 km Länge und 200 m Tiefe. Das Felsgestein ist uralt, in der Kreidezeit als Meerablagerung entstanden. Die Wände ausgebrochen und ausgewaschen, sind wild geformt, mit vielen Gesichtern im Gestein. Das Flussbett eine geschwungene Linie, das Dach grösstenteils offen. Hier wachsen auch Bäume, bringen grüne Farbe hinein.
Der Rat eines Bahnbeamten in Meiringen, den Osteingang in die Schlucht zu benützen, erwies sich als gut. Wir konnten dem Wasserlauf folgen und am Ende der Wanderung fand sich noch ein einladendes Gasthaus.
In der Bahn zum Reichenbachfall, ebenfalls im Umfeld von Meiringen, entdecke ich in der Ferne ein Postauto, das auf einer Höhenstrasse fährt. Es ist so klein wie jenes in meinem Einsiedeln-Kugelschreiber. Obwohl ich weiss, dass es ein reales Postauto ist, wirkt es von weitem wie eine Miniatur. Die Bilder kippen wie auf einer Schaukel vom grossen Postauto, das Menschen transportiert, zum Modell und wieder zurück.
Auch vom Reichenbachfall und der Drahtseilbahn, die zu ihm führt, will ich noch erzählen. Die romantische Bahn fährt heute auf dem aktuellsten Stand der Technik und überwindet eine Höhendifferenz von 244 m in 7 Minuten. Oben angekommen, stehen wir dem tosenden Wasser gegenüber. Der 120 m hohe Fall zerfledert seine Flut und wirft feinsten Wasserstaub auf unseren Weg. Ich lasse mich gern besprühen, fühle die Energie. Auf dem Wanderweg nach Zwirgi können wir diesem Wasser, das weit hinten im Tal dem Rosenlaui-Gletscher entspringt, auf immer wieder anderen Aussichtsplattformen und auch auf einer kleinen Brücke begegnen. Diese Wucht, mit der es seine Kraft zeigt! Atem beraubend.
Gegenüber der Bergstation ist übrigens ein weisser Stern auszumachen. Er bezeichnet jene Stelle, an der nach dem Roman von Conan Doyle Sherlock Holmes und sein Erzfeind Professor Moriarty ihren tödlichen Kampf ausfochten. Eine flache, aus Holz geschaffene Sherlock-Figur steht zum Fotografieren bereit. Wer sich hinter sie stellt und durch das offene Gesichtsfeld schaut, gibt ihr das eigene Gesicht.
Erstaunt hat mich an beiden Orten nur, dass wir wenig Schweizerdeutsch hörten. Sind nur Japaner, Kanadier, Amerikaner, Engländer und Österreicher darüber informiert, dass hier echte Naturwunder zu bestaunen sind?
Als ich dem Bahnbegleiter auf dem Rückweg vom Reichenbachfall meine Eindrücke schildere und ihm sage, dass wir in Zürich davon schwärmen werden, antwortete er erfreut: „Ja, machen Sie das!“
Nun besitze ich ein gleiches Modell, jedoch aus dem Kiosk der Aareschlucht bei Meiringen. In der Schräglage bewegen sich ein Knabe und ein Mädchen durch diesen imposanten Raum. Sie staunen, wie alle, die auf den überhängenden Stegen dem Flusslauf ruhig folgen. Auch Primo und ich. Die junge Aare ist hier jungfräulich milchig, fliesst ruhig an den hohen Felswänden vorbei, muss aber auch Enge erleiden. Der Weg ähnelt jenem eines Kindes bei der Geburt.
Diese Schlucht ist eine riesige Kathedrale, misst 1,4 km Länge und 200 m Tiefe. Das Felsgestein ist uralt, in der Kreidezeit als Meerablagerung entstanden. Die Wände ausgebrochen und ausgewaschen, sind wild geformt, mit vielen Gesichtern im Gestein. Das Flussbett eine geschwungene Linie, das Dach grösstenteils offen. Hier wachsen auch Bäume, bringen grüne Farbe hinein.
Der Rat eines Bahnbeamten in Meiringen, den Osteingang in die Schlucht zu benützen, erwies sich als gut. Wir konnten dem Wasserlauf folgen und am Ende der Wanderung fand sich noch ein einladendes Gasthaus.
In der Bahn zum Reichenbachfall, ebenfalls im Umfeld von Meiringen, entdecke ich in der Ferne ein Postauto, das auf einer Höhenstrasse fährt. Es ist so klein wie jenes in meinem Einsiedeln-Kugelschreiber. Obwohl ich weiss, dass es ein reales Postauto ist, wirkt es von weitem wie eine Miniatur. Die Bilder kippen wie auf einer Schaukel vom grossen Postauto, das Menschen transportiert, zum Modell und wieder zurück.
Auch vom Reichenbachfall und der Drahtseilbahn, die zu ihm führt, will ich noch erzählen. Die romantische Bahn fährt heute auf dem aktuellsten Stand der Technik und überwindet eine Höhendifferenz von 244 m in 7 Minuten. Oben angekommen, stehen wir dem tosenden Wasser gegenüber. Der 120 m hohe Fall zerfledert seine Flut und wirft feinsten Wasserstaub auf unseren Weg. Ich lasse mich gern besprühen, fühle die Energie. Auf dem Wanderweg nach Zwirgi können wir diesem Wasser, das weit hinten im Tal dem Rosenlaui-Gletscher entspringt, auf immer wieder anderen Aussichtsplattformen und auch auf einer kleinen Brücke begegnen. Diese Wucht, mit der es seine Kraft zeigt! Atem beraubend.
Gegenüber der Bergstation ist übrigens ein weisser Stern auszumachen. Er bezeichnet jene Stelle, an der nach dem Roman von Conan Doyle Sherlock Holmes und sein Erzfeind Professor Moriarty ihren tödlichen Kampf ausfochten. Eine flache, aus Holz geschaffene Sherlock-Figur steht zum Fotografieren bereit. Wer sich hinter sie stellt und durch das offene Gesichtsfeld schaut, gibt ihr das eigene Gesicht.
Erstaunt hat mich an beiden Orten nur, dass wir wenig Schweizerdeutsch hörten. Sind nur Japaner, Kanadier, Amerikaner, Engländer und Österreicher darüber informiert, dass hier echte Naturwunder zu bestaunen sind?
Als ich dem Bahnbegleiter auf dem Rückweg vom Reichenbachfall meine Eindrücke schildere und ihm sage, dass wir in Zürich davon schwärmen werden, antwortete er erfreut: „Ja, machen Sie das!“
Sonntag, 18. Juni 2006
Johanna Spyri, Heidi-Gefühle im Ort Hirzel und die Linden
Es war vor Jahren und atemberaubend. Ankommen auf dem Aussichtspunkt
„Chaserenlinde“ ob dem Weiler Hirzel Höchi. Im Herbst. Die Winde pfiffen
und die Drachen stiegen auf. Und die Aussicht über die
Moränenlandschaft eine grosse Überraschung. Nach einem Fussmarsch von
Sihlbrugg her hier anzukommen, ohne vorher zu wissen, was einen
erwartet, das war ein Erlebnis.
Diesmal sind wir mit dem Postauto eingetroffen. Primo und ich wollen das „Heidi-Museum“ besuchen. Und wieder berührt uns die Landschaft mit ihren Drumlin-Hügeln ganz eigenartig. Hirzel ist ein von Gletschern gestaltetes, hügeliges Gebiet. Auf vielen Hügeln steht auf der Kuppe ein einzelner Baum, meist eine Linde. Es sind diese Bäume, die der Landschaft das aussergewöhnliche Gepräge geben. Darum gehört Hirzel sowohl ins „Bundesinventar für Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung“ wie auch in jenes für „Moorlandschaften von besonderer Schönheit und nationaler Bedeutung“. Diesen Hügeln begegnen wir oft auf Kalenderblättern und jetzt, wo wir sie in der Natur vorfinden, denkt es in mir: Ah ja, die gibt es wirklich. In dieser Landschaft wuchs die Schriftstellerin Johanna Spyri auf. In Hirzel ging sie zur Schule. Das kleine Schulhaus von einst, in einem schönen Riegelhaus untergebracht, ist heute „Heidi-Museum“. Am Sonntag-Nachmittag geöffnet. Wir sind nicht die einzigen, die sich für die reiche Sammlung interessieren. Obwohl Heidi vor bald 130 Jahren zum ersten Mal erzählt worden ist, strahlt sie immer noch weit aus. Hier will ich mich über aktuelle „Heidi“-Ausgaben informieren und finde sogar ein Bilderbuch fürs erste Lesealter, das ich hier kaufen kann.
Ich möchte meiner Enkelin Mena Heidis Geschichte erzählen, ihr das Leben in der Bergwelt von einst beschreiben. Gerade weil sie in Paris aufwächst, soll sie auch ein anderes Lebensumfeld kennen lernen und von der Natur etwas zu spüren bekommen.
Ende der 50er-Jahre kam ich nach Korsika, noch bevor diese Insel für den Tourismus erschlossen wurde. Fremde wurden sofort erkannt. Es war leicht, mit der Bevölkerung ins Gespräch zu kommen. Als ich sagte, ich käme aus der Schweiz, wurde ich gleich mit dem „Heidi“-Etikett versehen. So sähe ich aus, wie das Naturkind dieser Geschichte. Wie dieses Beispiel zeigt, strahlte Johanna Spyris Figur in viele Länder aus. In Hirzel lese ich, dass „Heidi“ in 50 Sprachen übersetzt worden sei. Viele Belegexemplare können dort besichtigt werden.
„Heidi“ wurde auch in Film, Fernsehen und Comics übertragen. Nicht immer unverfälscht, schrieb Jürg Winkler, der die Texte zum Bilderbuch verfasst hat. Er war Lehrer und wirkte in Hirzel und gilt als hervorragender Kenner von Spyris Werk. Die Bilder gestaltete die Illustratorin Margrit Roelli.
Ich freue mich, mit Mena zusammen erneut in die „Heidi“-Geschichte einzutauchen und von vielen Gemütswellen ergriffen zu werden. Sich mitfreuen und Ängste und Nöte teilen, das ist Training für die Seele, fürs Leben. Auch Kinder von heute werden mit ähnlichen Situationen, wie sie Heidi widerfahren sind, ergriffen. Die Gefühle, die „Heidi“ auslösen kann, sind nicht von einem Zeitgeist abhängig. Nun kommt es nur noch auf mich an, dass ich lebendig und spannend erzähle.
Hinweis
Zum Thema „Hirzel“ sind im Internet via Google-Suchmaschine interessante Details zu finden. Spannend sind auch die Beiträge einer 5. Primarklasse. Diese Kinder von Hirzel sind sich bewusst, dass sie an einem sehr schönen Ort leben dürfen.
Diesmal sind wir mit dem Postauto eingetroffen. Primo und ich wollen das „Heidi-Museum“ besuchen. Und wieder berührt uns die Landschaft mit ihren Drumlin-Hügeln ganz eigenartig. Hirzel ist ein von Gletschern gestaltetes, hügeliges Gebiet. Auf vielen Hügeln steht auf der Kuppe ein einzelner Baum, meist eine Linde. Es sind diese Bäume, die der Landschaft das aussergewöhnliche Gepräge geben. Darum gehört Hirzel sowohl ins „Bundesinventar für Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung“ wie auch in jenes für „Moorlandschaften von besonderer Schönheit und nationaler Bedeutung“. Diesen Hügeln begegnen wir oft auf Kalenderblättern und jetzt, wo wir sie in der Natur vorfinden, denkt es in mir: Ah ja, die gibt es wirklich. In dieser Landschaft wuchs die Schriftstellerin Johanna Spyri auf. In Hirzel ging sie zur Schule. Das kleine Schulhaus von einst, in einem schönen Riegelhaus untergebracht, ist heute „Heidi-Museum“. Am Sonntag-Nachmittag geöffnet. Wir sind nicht die einzigen, die sich für die reiche Sammlung interessieren. Obwohl Heidi vor bald 130 Jahren zum ersten Mal erzählt worden ist, strahlt sie immer noch weit aus. Hier will ich mich über aktuelle „Heidi“-Ausgaben informieren und finde sogar ein Bilderbuch fürs erste Lesealter, das ich hier kaufen kann.
Ich möchte meiner Enkelin Mena Heidis Geschichte erzählen, ihr das Leben in der Bergwelt von einst beschreiben. Gerade weil sie in Paris aufwächst, soll sie auch ein anderes Lebensumfeld kennen lernen und von der Natur etwas zu spüren bekommen.
Ende der 50er-Jahre kam ich nach Korsika, noch bevor diese Insel für den Tourismus erschlossen wurde. Fremde wurden sofort erkannt. Es war leicht, mit der Bevölkerung ins Gespräch zu kommen. Als ich sagte, ich käme aus der Schweiz, wurde ich gleich mit dem „Heidi“-Etikett versehen. So sähe ich aus, wie das Naturkind dieser Geschichte. Wie dieses Beispiel zeigt, strahlte Johanna Spyris Figur in viele Länder aus. In Hirzel lese ich, dass „Heidi“ in 50 Sprachen übersetzt worden sei. Viele Belegexemplare können dort besichtigt werden.
„Heidi“ wurde auch in Film, Fernsehen und Comics übertragen. Nicht immer unverfälscht, schrieb Jürg Winkler, der die Texte zum Bilderbuch verfasst hat. Er war Lehrer und wirkte in Hirzel und gilt als hervorragender Kenner von Spyris Werk. Die Bilder gestaltete die Illustratorin Margrit Roelli.
Ich freue mich, mit Mena zusammen erneut in die „Heidi“-Geschichte einzutauchen und von vielen Gemütswellen ergriffen zu werden. Sich mitfreuen und Ängste und Nöte teilen, das ist Training für die Seele, fürs Leben. Auch Kinder von heute werden mit ähnlichen Situationen, wie sie Heidi widerfahren sind, ergriffen. Die Gefühle, die „Heidi“ auslösen kann, sind nicht von einem Zeitgeist abhängig. Nun kommt es nur noch auf mich an, dass ich lebendig und spannend erzähle.
Hinweis
Zum Thema „Hirzel“ sind im Internet via Google-Suchmaschine interessante Details zu finden. Spannend sind auch die Beiträge einer 5. Primarklasse. Diese Kinder von Hirzel sind sich bewusst, dass sie an einem sehr schönen Ort leben dürfen.
Dienstag, 13. Juni 2006
Distanz und Nähe signalisieren wir mit „Sie“ und „Du“
Ich stand an der Ampel und wartete auf Grün. Hinter mir fuhr ein Lastauto einen Abhang hinauf und hielt auf dem Trottoir in meinem Umfeld an. Der junge Chauffeur sprang aus der Kabine, befestigte eine lose Blachenschnur und hetzte wieder zurück. Noch bevor er einstieg, rief er in meine Richtung: „He Du, gang uf d Sitä!“ (He Du, geh zur Seite, mach Platz).
Ich schob mein Velo nach links, rief aber dazu: „Chasch mer scho ,Sie' säge!“ (Du kannst mich schon mit „Sie“ ansprechen.)
Da schaute er auf, begriff, dass ihm eine Grossmutter geantwortet hatte. Er lachte schallend, und ich schmunzelte. Besser hätte er gar nicht reagieren können.
Diese Episode lässt mich über „Du“ und „Sie“ nachdenken. Einst trat das „Du“ nur im vertrauten Familien- und Freundeskreis auf. Am Arbeitsplatz gab das „Sie“ auch unter den Angestellten eine höfliche Distanz. Es galt grundsätzlich den Vorgesetzten gegenüber, jeder Autorität und jedem Menschen, den wir nicht näher kannten.
Als ich 1958 in die Kaufmännische Lehre eintrat, wurde ich, wie alle andern Lehrtöchter, mit „Sie“ angesprochen. Erst nach erfolgreichem Lehrabschluss boten die Vorgesetzten dann das „Du“ an. Als wir unwissend und scheu begannen, stärkte das „Sie“ unser Selbstwertgefühl und das „Du“ am Schluss der Ausbildung das Selbstbewusstsein.
In den 80er-Jahren, die wir heute als die unbeschwerten taxieren, wurde alles etwas lockerer. Die Lebensfreude schwang obenauf. Es bestand da ein Bedürfnis nach mehr Nähe, und wir lernten, uns zu umarmen. Von Plakaten hiess es einmal: „Sag doch einfach Du!“ Da brauchte es schon einen inneren Ruck, um aus der anerzogenen, höflichen Reserve herauszukommen. Aber gerade aus diesem Umbruch heraus ist uns ein gutes Stück Offenheit erwachsen und bis heute erhalten geblieben. Wir gehen seither unverkrampfter aufeinander zu, stellen uns öfters nur mit dem Vornamen vor.
Wenn ich im „Chornlade“ einkaufe, werde ich immer auf der Du-Ebene bedient. Das schätze ich sehr. Ich fühle mich dann zur Philosophie und zum Idealismus dieser Genossenschaft für Bio-Lebensmittel zugehörig.
Aber auch das „Sie“ hat einen neuen Stellenwert bekommen. Es ist entstaubt, hat etwas Glanz und respektiert eine Persönlichkeit in natürlicher Art. Es ist nicht mehr nur Formsache wie früher. Ich schätze es, wenn zum „Sie“ der Familienname angesprochen wird, und das geschieht meist dort, wo ein Geschäft nicht nur die Kundschaft, sondern auch den Menschen ansprechen will.
Und: Das „Du“ gehört selbstverständlich der Jugend.
Auch unter nächsten Nachbarn fehlt manchmal diese vertraute Anrede. Verständlich, denn sie ist verletzbarer als das distanzierte „Sie“. Ich habe es schon erlebt, dass ein angebotenes „Du“ aus Angst, ausgebeutet zu werden, zurückgewiesen worden ist. Widerstand gegen das „Du“ entwickelt sich auch, wenn es einen Befehl enthält, ohne dass wir einander kennen.
Ich schob mein Velo nach links, rief aber dazu: „Chasch mer scho ,Sie' säge!“ (Du kannst mich schon mit „Sie“ ansprechen.)
Da schaute er auf, begriff, dass ihm eine Grossmutter geantwortet hatte. Er lachte schallend, und ich schmunzelte. Besser hätte er gar nicht reagieren können.
Diese Episode lässt mich über „Du“ und „Sie“ nachdenken. Einst trat das „Du“ nur im vertrauten Familien- und Freundeskreis auf. Am Arbeitsplatz gab das „Sie“ auch unter den Angestellten eine höfliche Distanz. Es galt grundsätzlich den Vorgesetzten gegenüber, jeder Autorität und jedem Menschen, den wir nicht näher kannten.
Als ich 1958 in die Kaufmännische Lehre eintrat, wurde ich, wie alle andern Lehrtöchter, mit „Sie“ angesprochen. Erst nach erfolgreichem Lehrabschluss boten die Vorgesetzten dann das „Du“ an. Als wir unwissend und scheu begannen, stärkte das „Sie“ unser Selbstwertgefühl und das „Du“ am Schluss der Ausbildung das Selbstbewusstsein.
In den 80er-Jahren, die wir heute als die unbeschwerten taxieren, wurde alles etwas lockerer. Die Lebensfreude schwang obenauf. Es bestand da ein Bedürfnis nach mehr Nähe, und wir lernten, uns zu umarmen. Von Plakaten hiess es einmal: „Sag doch einfach Du!“ Da brauchte es schon einen inneren Ruck, um aus der anerzogenen, höflichen Reserve herauszukommen. Aber gerade aus diesem Umbruch heraus ist uns ein gutes Stück Offenheit erwachsen und bis heute erhalten geblieben. Wir gehen seither unverkrampfter aufeinander zu, stellen uns öfters nur mit dem Vornamen vor.
Wenn ich im „Chornlade“ einkaufe, werde ich immer auf der Du-Ebene bedient. Das schätze ich sehr. Ich fühle mich dann zur Philosophie und zum Idealismus dieser Genossenschaft für Bio-Lebensmittel zugehörig.
Aber auch das „Sie“ hat einen neuen Stellenwert bekommen. Es ist entstaubt, hat etwas Glanz und respektiert eine Persönlichkeit in natürlicher Art. Es ist nicht mehr nur Formsache wie früher. Ich schätze es, wenn zum „Sie“ der Familienname angesprochen wird, und das geschieht meist dort, wo ein Geschäft nicht nur die Kundschaft, sondern auch den Menschen ansprechen will.
Und: Das „Du“ gehört selbstverständlich der Jugend.
Auch unter nächsten Nachbarn fehlt manchmal diese vertraute Anrede. Verständlich, denn sie ist verletzbarer als das distanzierte „Sie“. Ich habe es schon erlebt, dass ein angebotenes „Du“ aus Angst, ausgebeutet zu werden, zurückgewiesen worden ist. Widerstand gegen das „Du“ entwickelt sich auch, wenn es einen Befehl enthält, ohne dass wir einander kennen.
Montag, 5. Juni 2006
Denkschablonen, die den Freiheiten im Wege stehen
Ich weiss nicht, liegt es an meiner selbstständigen Natur, dass ich mich daran störe, dass sich viele Mitmenschen jene Freiheiten nicht nehmen, die ihnen zustehen.
Viele Vorschriften sind nur eingeflüstert oder eingebildet, hemmen den Einfallsreichtum und die Kreativität. Sie sind keineswegs zwingend. Man könnte sie auch Anregungen nennen.
Beispiele dazu: Ich entdecke an einem Kleiderständer am Limmatquai in Zürich eine flaschengrüne Baumwollbluse, die mir sofort gefällt. Ich nehme sie vom Ständer und probiere sie im Laden an. Der Schnitt überzeugt mich dann aber doch nicht. Die Halsweite ist zu gross für meinen mageren Hals. Die elegant gekleidete Verkäuferin stellt mir den Kragen auf, damit der Hals etwas umschmeichelt sei und die Bluse mehr Effekt habe. Ich mag aber solche künstliche Korrekturen nicht, die beim leisesten Wind wieder umfallen. Und als ich noch sage: „Ich bin Velofahrerin. Da erübrigen sich solche Korrekturen“, ist sie entsetzt.
„Waaas! Mit einer solchen Bluse wollen Sie Velo fahren?“
„Aber sicher.“
„Nein!“
Velofahren kann man nach ihrer Ansicht nur in so genannt sportlicher, windschlüpfriger Kleidung.
Aus der Kabine nebenan aber bekomme ich einen Zuspruch. „Ich bin auch mit dem Velo da“, ruft eine Frau, die gerade ein schönes Seidenkleid anprobiert. Sie zwinkert mir zu.
Eine halbe Stunde später erlebe ich etwas Ähnliches auf dem Gemüsemarkt: Da wird klein geschnittenes Gemüse (Karotten, Lauch, Sellerie) angeboten. Es ist so frisch, dass es gar noch nicht wissen kann, dass es nicht mehr in der Erde liegt. Es animiert mich, einen Langkornreis zuzubereiten und dieses Gemüse mitzukochen. Schon beginnen die Säfte in meinem Mund zu fliessen. Ich lobe das Angebot, und der Produzent meint, ja, diese Mischung sei für vieles brauchbar.
„Das ist doch Suppengemüse!“ ruft jemand von hinten.
Schrecklich! Wie eng und öde ist ein solches Leben und Arbeiten, wo der Einfallsreichtum ausgesperrt ist, wo Normen und Rezepte das Mass aller Dinge und Kontrollen sind. Wer darf denn da überhaupt noch etwas erfinden?
Sind die Erlebnisse typisch schweizerisch? Nur zu 50 %, denn die Verkäuferin im Kleiderladen war eine Dame aus Osteuropa.
Viele Vorschriften sind nur eingeflüstert oder eingebildet, hemmen den Einfallsreichtum und die Kreativität. Sie sind keineswegs zwingend. Man könnte sie auch Anregungen nennen.
Beispiele dazu: Ich entdecke an einem Kleiderständer am Limmatquai in Zürich eine flaschengrüne Baumwollbluse, die mir sofort gefällt. Ich nehme sie vom Ständer und probiere sie im Laden an. Der Schnitt überzeugt mich dann aber doch nicht. Die Halsweite ist zu gross für meinen mageren Hals. Die elegant gekleidete Verkäuferin stellt mir den Kragen auf, damit der Hals etwas umschmeichelt sei und die Bluse mehr Effekt habe. Ich mag aber solche künstliche Korrekturen nicht, die beim leisesten Wind wieder umfallen. Und als ich noch sage: „Ich bin Velofahrerin. Da erübrigen sich solche Korrekturen“, ist sie entsetzt.
„Waaas! Mit einer solchen Bluse wollen Sie Velo fahren?“
„Aber sicher.“
„Nein!“
Velofahren kann man nach ihrer Ansicht nur in so genannt sportlicher, windschlüpfriger Kleidung.
Aus der Kabine nebenan aber bekomme ich einen Zuspruch. „Ich bin auch mit dem Velo da“, ruft eine Frau, die gerade ein schönes Seidenkleid anprobiert. Sie zwinkert mir zu.
Eine halbe Stunde später erlebe ich etwas Ähnliches auf dem Gemüsemarkt: Da wird klein geschnittenes Gemüse (Karotten, Lauch, Sellerie) angeboten. Es ist so frisch, dass es gar noch nicht wissen kann, dass es nicht mehr in der Erde liegt. Es animiert mich, einen Langkornreis zuzubereiten und dieses Gemüse mitzukochen. Schon beginnen die Säfte in meinem Mund zu fliessen. Ich lobe das Angebot, und der Produzent meint, ja, diese Mischung sei für vieles brauchbar.
„Das ist doch Suppengemüse!“ ruft jemand von hinten.
Schrecklich! Wie eng und öde ist ein solches Leben und Arbeiten, wo der Einfallsreichtum ausgesperrt ist, wo Normen und Rezepte das Mass aller Dinge und Kontrollen sind. Wer darf denn da überhaupt noch etwas erfinden?
Sind die Erlebnisse typisch schweizerisch? Nur zu 50 %, denn die Verkäuferin im Kleiderladen war eine Dame aus Osteuropa.
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