Sonntag, 16. April 2006

Vom Osterfest und der „Pas-cha“ aus dem alten Russland

Ostern hat für mich viele Gesichter. Da ist das Osternest aus der Kindheit mit den im Zwiebelschalen-Sud gekochten Eiern. Dann der Schokolade-Osterhase und das Ei aus Blech mit seinem zuckersüssen Inhalt und der Abbildung der Familie Hase auf dem Deckel. Zu Ostern gehörten auch Moos, erste Blumen, Waldspaziergänge und das heitere Licht durch den noch unbelaubten Wald. Dann auch das Osterlicht aus der Kirche und später, viele Jahre lang, Ostergeschichten aus dem alten Russland. Solange sein Volk durch den eisernen Vorhang von uns getrennt war, empfand ich es spannend, wenigstens die Geschichten seiner Dichter lesen zu können.

Vor nicht langer Zeit hat mich dieses österliche Russland wieder eingeholt. Eine Kundin brachte ihre hölzerne Form für den traditionellen Topfen-Kuchen, eine dem Osterfest vorbehaltene Quarkspeise mit dem Namen „Pas-cha“, zur Renovation in unsere Werkstatt. Eine Form aus ausgewaschenem Holz, geschmückt mit einem eingekerbten Blattmotiv, die als Grundmasse 2 kg Topfen fassen kann. Wenn die „Pas-cha“ hergestellt ist, trägt sie das Dekorationselement auf der Oberfläche, genau so wie unsere Butter-Mödeli die ihren präsentieren. Und die Geschichte dazu durften wir auch noch erfahren.

Ihr Grossvater, ein Vertreter der Textilindustrie aus Wald im Zürcher Oberland, wanderte nach Russland aus, fand dort seine Frau, heiratete, wurde Vater, konnte eine gute Existenz aufbauen. Die russische Revolution aber machte alles zunichte. Er musste heimkehren. Das Bürger-Asyl in Wald ZH nahm die Familie auf. Auf die Flucht nahm Grossmutter ihren Samovar und die hölzerne Topfen-Form und ihre Tischwäsche mit. Diese für sie wichtigen Gegenstände überlebten bis heute und werden von der Enkelin sorgsam gehütet. Die „Pas-cha“-Form ist jetzt mehr als 100-jährig.

Seitdem wir das Osterfest im Haus dieser Frau und mit ihrem Freundeskreis feiern durften, gehört ein Hauch altes Russland weiterhin zu unseren Osterfesten, denn alle Erfahrung sammelt sich zu einem Ganzen, dem Gefühl oder Wissen, was dieses Fest ist. Wir durften damals im Haus versteckte Ostereier suchen und die köstliche „Pas-cha“ kosten. Dazu wurde Tee aus dem Samovar der Grossmutter ausgeschenkt und wir benutzten ihre Servietten. Da fühlte ich dann Bezüge zu meinen Vorfahren. Haben sie diese Flüchtlinge aus Russland gekannt? Auch meine Familie stammt aus dem Dorf Wald, wie ich im Blog vom 25. Februar 2006 erzählt habe.

Ostern hat viele Ebenen. Dieses Fest gehört zum Frühling und zur Auseinandersetzung mit dem Winter. Frühling ist aber manchmal noch gar kein Frühling. Es überfallen uns Nässe, Kälte und Schnee, wenn wir schon glaubten, die wärmere Jahreszeit sei angekommen. Da bewundere ich dann die Widerstandskraft der schon gekeimten Samen. Sie trotzen dem Frost und setzen sich durch. Kein Wunder, dass auf der Ebene der Transzendenz die Auferstehung das zentrale Thema dieses Festtages ist. An Ostern feiern wir das Leben und die Freude am Leben.

Zu einem Festtag gehören Speisen, die nicht alltäglich sind. An Ostern ist das Lamm oft Mittelpunkt. In meinem Elternhaus gab es nur den selbst gemachten Hackbraten und in ihm versteckt gekochte Eier. Auch eine Art von Osternest. Seitdem ich verheiratet und von der italienischen Mentalität beeinflusst bin, gehört die Colomba, das Hefegebäck in Taubenform, auf unseren Tisch. Wir trinken dazu den Vinsanto, nachdem wir in der Osternacht das Haus mit Weihrauch ausgeräuchert haben. Zur Colomba lese ich in einer Publikation von „Globus Delicatessa“, sie sei die feinste Art, Frieden zu geniessen. Verschiedene Legenden würden sich um die Entstehung des traditionellen Osterkuchens ranken und alle handelten vom Frieden.

Der Inhalt unserer Feste bleibt sich immer gleich. Wir, die wir sie feiern, bekränzen sie aber mit dem persönlichen Verständnis und der eigenen Fantasie und gestalten damit die Familien-Kultur. Niemand lebt alle Facetten aus, darum sieht Ostern für alle etwas anders aus. Ich bin zum Beispiel noch nie im Stau auf der Autobahn Richtung Tessin stecken geblieben, weil ich kein Auto besitze. Ich stelle mir vor, dass die Geduld für das Nadelöhr in den Süden für viele Reisende Bestandteil der Osterferien ist und möglicherweise als wohltuend empfunden wird. Da gehören dann alle zusammen, können nicht weglaufen, sich nicht anders beschäftigen. Sie haben Zeit füreinander.

Montag, 10. April 2006

Der Warenmarkt Zürich-Oerlikon, eine Entdeckung für mich

Das wusste ich nicht, dass in Zürich-Oerlikon nach einer Winterpause immer am letzten Donnerstag im Monat ein Warenmarkt stattfindet. Celeste schickte mich dorthin. Sie brauchte Roman-Nachschub.

Es ist ein nasskalter Morgen, als ich hier eintreffe. Ich fühle mich wie in Ponte Tresa, weil ich letztes Jahr zur selben Zeit und mit gleichen Wetterbedingungen durch die Angebote schlenderte.

Diesmal habe ich einen Auftrag und ein festes Ziel: Ich muss an einem bestimmten Stand nach den billigen Roman-Heften mit Geschichten von Fürstenhäusern fragen. Affären, Intrigen, Glanz und Gloria sind Eckpfeiler von Celestes Interesse.

Der Andrang ist riesig. Hier werden einerseits mehrfach gelesene Roman-Hefte angeboten, anderseits solche von der Kundschaft wieder zurückgenommen. Eine Art marktfahrende Bibliothek. Offensichtlich eine erfolgreiche Sache. Frau an Frau steht da, sucht, sammelt, hebt in der einen Hand die Beute hoch und gibt mit der andern die eben gelesenen Titel wieder zurück. Die Preise scheinen moderat. So etwas kann man sich leisten.

Hier ist alles neu für mich. Ich stehe da, schaue zu und weiss nicht, wie ich meinen Auftrag ausführen soll. Offensichtlich befinde ich mich an einer Futterkrippe. Ausser mir wissen alle, wo sie ihre Hefte herauszupfen können. Da eine Geschichte von der ersten Beige, dort 2 weitere aus einer anderen Rubrik usw. Die Marktfrau ist sehr konzentriert, schaut kaum auf, zählt, rechnet, verrechnet und lässt die Hefte in einen Plastiksack gleiten. Dann nimmt sie die Zahlung entgegen und ordnet das zurückgenommene Gut sofort wieder in die entsprechenden Rubriken ihrer Auslage ein. Und dort werden sie von den Wartenden auch gleich wieder weggenommen. Die Sache hat Stil und lebt von Ordnung. Neben der Frau amtet auch der Partner mit gleich nüchterner Genauigkeit. Für Sprüche gibt es weder Bedarf noch Zeit.

Da ich Rat brauche und somit noch keine vollen Hände zur Marktfahrerin ausstrecken kann, werde ich auch nicht bedient. Das wird von einer Kundin neben mir bemerkt. Sie ermuntert mich, einfach zu rufen, was ich brauche. Ja, es ist wahr. Ich stehe da wie ein scheues Kind, das Rot-Kreuz-Abzeichen verkaufen sollte und sich nicht getraut, die Menschen anzusprechen. Ausser mir wissen hier alle, wie der Laden läuft. Das Warten aber ist spannend. Eine Art Theater. Andere zahlen dafür ein Eintrittsbillett. Ich lerne etwas bisher Unbekanntes kennen.

Ich frage mich, ob diese betagten, wirklich alten Frauen, die hier einkaufen, der Lebenslust nachtrauern und noch Geschichten erleben wollen, die ihnen das Leben vorenthalten hat. Oder ob sie einfach aufblühen, wenn sie sich mit einer Romanheldin identifizieren können. Der Hunger nach Geschichten, nach Liebe und Happy-End ist spürbar. Alle sind auf der Jagd nach gutem Stoff. Spannung muss sein, so ist das Leben noch schön. Im Vergleich zu den TV-Glotzern sind diese Herz-Schmerz-Leserinnen von hochgradiger geistiger Potenz.

Eine Kundin erschrickt, findet ihr Portemonnaie nicht gleich. Die Marktfahrerin tadelt: „Ich sage es euch immer wieder: Wenn ihr das Portemonnaie in der Aussentasche versorgt, dann wird es euch auch gestohlen.“ Die Betroffene findet aber gerade in diesem Augenblick den gesuchten Geldbeutel. Die Falten in der Innentasche hielten ihn versteckt. Sie ist so froh darüber, dass sie sich nicht einmal über die abkanzelnden Worte ärgert. Sie bedankt sich und geht weg. Sie hat gefunden, was sie sich gewünscht hat.

Freitag, 31. März 2006

Jugendliche, modische Klamotten und Selbstwertgefühl

Unsere Tochter Letizia erinnert sich, dass Ende der 80er-Jahre die Labels an Kleidern plötzlich wichtig geworden sind. Sie leitete damals eine Jugendgruppe und beobachtete, wie innerhalb der Geografie-Spiele, die sich bis anhin nur mit Bergen, Seen, Flüssen, Städten und Ländern befasst hatten, plötzlich die Sparte „Marke“ dazu kam.

Im gleichen Zeitraum kam sie mit einer neuen Jeans-Hose aus Kanada zurück. Da wurde sie von einem Mädchen aus ihrer Gruppe aufgeklärt, diese sei wertlos. Das Label sei am falschen Ort aufgenäht. Dieser Fehler entlarve die Fälschung. Grosse Verblüffung. Der Tadel kam nicht aus einem noblen Kreis, sondern aus unserem Kreis 5, dem Arbeiter- und Ausländerquartier.

Der Druck, nur teure Markenkleider und Markenschuhe anzuschaffen, muss in den letzten Jahren zu einem beängstigenden Zwang ausgeartet sein. Sonst würde Basel wohl keinen Pilotversuch machen und ab Herbst für 2 Klassen des 9. Schuljahres eine einheitliche, moderne Bekleidung (keine Uniform) zu günstigem Preis anbieten. Die Kollektion ist pfiffig, praktisch und schön.

Wenn sie das Selbstwertgefühl stärken und Unterschiede ausgleichen kann, wäre das eine sinnvolle Einrichtung. Sie würde auch das Portemonnaie der Eltern entlasten. Zudem soll es in Schulen mit Einheitskleidern weniger Neid und mehr Teamgeist geben, berichtete der Tages-Anzeiger am 24. März 2006. Da bin ich gespannt und hoffe, dass über diesen Versuch ausgiebig berichtet wird.

Ich weiss, jeder Mensch wünscht sich mehr oder weniger, was der Rivale oder die Rivalin schon besitzt. Uns drängt eine Art Wettbewerb, andere beeindrucken oder überflügeln zu wollen. Dieser Antrieb zur Darstellung muss aber mit den angeborenen Talenten und den inneren Werten übereinstimmen. Kleider sollten keine Verkleidungen sein, sondern die eigene Persönlichkeit unterstützen.

Wenn Eltern meinen, ihre Kinder nähmen Schaden, wenn diese nicht immer nach der neuesten Designer-Mode und mit der gerade neu auf den Markt gekommenen Technik ausgerüstet seien, dann unterstützen sie die Kehrseite dieser Medaille. Sie machen das Selbstwertgefühl von materiellen Dingen abhängig. Nach meiner Sicht und Erfahrung stärken wir aber gerade unsere Kinder, wenn wir ihnen nicht alles selbstverständlich zur Verfügung stellen. Sie sollen ihren Beitrag daran leisten müssen. Voraussetzung ist aber, dass wir als Erziehende selbst eine gewisse Unabhängigkeit und innere Freiheit erlangt haben und somit glaubhaft wirken.

Mittwoch, 22. März 2006

Stehlen ist keine Tugend, die Schamlosigkeit aber schon

Diebstähle häufen sich, obwohl immer wieder darauf hingewiesen und zur Vorsicht gemahnt wird. Manchmal betreffen sie einen selbst oder Menschen, die einem nahe stehen.

In Rom wurde ich einmal in einem Bus bestohlen. Beim Aussteigen bemerkte ich es und fühlte, wie ich, wie aus einer unsichtbaren Halterung heraus, in die Tiefe fallen gelassen wurde. Noch heute kann ich daran denken und es wieder erleben, dieses Aussteigen und nicht auf dem Boden ankommen, obwohl ich dann doch auf der Strasse stand. Bin ich damals vielleicht hypnotisiert worden?

Gestern nun war meine über 80-jährige Nachbarin ein solches Opfer. Die Methode aber eine andere. N. war am Einkaufen im Lebensmittel-Geschäft und wurde in ein verwirrendes Gespräch mit einer ausländischen und schlecht deutsch sprechenden Frau verwickelt. Sie wurde um eine Erläuterung eines Textes auf einer Waschmittel-Packung gebeten und so geschickt abgelenkt, dass ihr ein Begleiter problemlos das Portemonnaie aus der Tasche ziehen konnte. An der Kasse, als das Malheur dann publik wurde, konnte eine andere Kundin bestätigen, dass auch sie um Hilfe angegangen worden sei. Sie habe diese Frau aber einfach ignoriert.

Ein anderer Fall betrifft meinen Mann. Nachdem er das Portemonnaie an seinem Arbeitsplatz in einer Messehalle hatte liegen lassen, meldete sich einen Monat später die Polizei. Es sei in ihrem Briefkasten gelandet. Die Banknoten entwendet, Kleingeld und Ausweiskarten noch da. Wenigstens das. Ich konnte das Portemonnaie dann abholen und kam mit der diensttuenden Polizistin ins Gespräch. Natürlich waren Diebstähle unser Thema. Sie bestätigte mir, dass diese zugenommen hätten.

Ich wolle mich ausdrücklich weder als brav noch als edel darstellen, müsse aber doch sagen, dass ich kein Verständnis für Diebstähle habe. Da müsste ich dann schon in sehr, sehr auswegloser Situation stecken, bis ich einen Fundgegenstand einfach an mich nähme. Die spontane Antwort dieser Polizistin lautete: „Es geht eben vielen Leuten heute sehr schlecht.“

Und weiter erfuhr ich, dass sie kürzlich im Kreis von Freunden die Frage aufgeworfen habe, was sie machen würden, wenn sie auf einem Spaziergang im Wald eine Tausendernote fänden. Mehr als die Hälfte der Befragten gaben unumwunden zu, sie würden sie behalten.

Heute ist Schamlosigkeit eine Tugend. Ich frage mich, was dieselben Menschen, die stehlen und abzocken empfinden, wenn die Rollen vertauscht und sie diejenigen sind, die betrogen werden? Da gibt es dann sicher ein grosses Hallo.

Wo steuern wir hin, wenn Diebstähle und Kriminalität ständig zunehmen? Es ist wirklich Zeit, dass sich neue Standards, die das Zusammenleben regeln, einbürgern. Es könnten auch alte Regeln entstaubt und mit neuem Leben gefüllt werden.

Dank Hans Küng, der den Dialog mit den Kulturen belebt, steht die „Goldene Regel“, die vielen Kulturen eigen ist, wieder öfters im Blickpunkt. „Was du nicht willst, was man dir antut, das füge auch keinem anderen zu.“

Mich stört es enorm, dass wir z. B. an touristischen Orten immer auch noch auf uns selbst aufpassen müssen und nicht mehr nur dastehen und staunen dürfen. Tue ich das, besteht die Gefahr, dass ich als ein mögliches Opfer wahrgenommen werde, bei dem es etwas zu holen gibt. Da bleibe ich dann, ehrlich gesagt, lieber zu Hause.

Dienstag, 14. März 2006

Capunet aus Poschiavo, dem „schönsten Ort auf Erden“

Gestern war ich bei Celeste im Altersheim. Heute kochte ich Capunet (Spinatgericht aus dem Puschlav). Kein Wunder. Diese Verwandte hat immer noch grossen Einfluss auf mich. Durch sie habe ich die Puschlaver Küche kennen gelernt. Diese ist ehrlich, kräftig und von südländischer Güte. Und so wie sie mir vermittelt worden ist, kommt sie ohne bewilligte Hilfsmittel aus. Das imponiert mir. Einige ihrer Rezepte gehören heute ganz alltäglich auch in meine Küche.

Celeste stammt aus Poschiavo. Sie wuchs in der Grossfamilie in diesem von mediterraner Kultur geprägten Ort auf. Aber schon mit 13 Jahren musste sie ihre Heimat verlassen, denn das Puschlav kann nicht allen hier Geborenen einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz anbieten. Die Kehrseite seiner landschaftlichen Schönheit und Unberührtheit sind die fehlenden Arbeitsplätze.

Oft erzählte sie mir von diesem Abschied, der jetzt ungefähr 77 Jahre zurückliegt. Immer wieder tauche er vor ihrem inneren Auge auf. Sie schilderte, wie sie in der Rhätischen Bahn wegfuhr und immer nur rückwärts schaute. Sie sei untröstlich gewesen, habe herzzerbrechend geweint, als sich der Zug in jene Höhe hochgeschraubt hatte, wo er ein letztes Mal Aussicht auf das gesamte Tal bot. Die Reise den Seen entlang und vorbei an der Wasserscheide in die unbekannte Deutschschweiz, wo Steine und Licht grauer sind, alle diese Stationen schaute sie durch den Tränenvorhang.

In einer Gruppe mit andern jungen Mädchen kam sie in eine Spinnerei. Dort musste sie als Fabrikarbeiterin ihren Lebensunterhalt eigenständig verdienen. Die Arbeitsbedingungen waren demütigend. Celeste ereifert sich auch heute noch darüber, dass die Milch in grosse Becken geleert und anderntags der Rahm abgeschöpft werden musste. Dieser war für den Pfarrer bestimmt. Den Mädchen stand nur die wässrige Milch zu. Ihre Wut kann ich nachvollziehen. Zudem ist sie eine Geniesserin und kennt Qualität. Sie hatte dann das Glück, die Nahrung zum Hauptthema ihres gesamten Lebens zu machen. Sie fand Arbeit im Gastgewerbe. Auch im privaten Kreis kochte und bewirtete sie andere gern.

Viele Puschlaver mussten auswandern, wie sie. Viele fanden Arbeit und Auskommen in der Gastronomie. Berühmt sind Zuckerbäcker, die nach Spanien emigrierten und dort erfolgreich wurden. Aber das Heimweh war schliesslich stärker als der Erfolg. Für den Lebensabend kamen sie zurück und bauten am südlichen Ortsende, etwa um 1830, das so genannte Spaniolenviertel, aneinander gereihte, farbenfrohe Villen.

Poschiavo ist ein prächtiger Hauptort. Er liegt in der Talsenke, ist keine Stadt, aber ein Flecken mit interessanter Architektur, prächtigen Häusern und Palazzi und einer spannenden Geschichte. Hier wird pus‘ciavin gesprochen. Es ähnelt dem Veltliner-Dialekt. Poschiavo gehört zum italienisch geprägten Teil des Kantons Graubünden. Die offizielle Sprache ist hier Italienisch. Das Tal erstreckt sich vom Hospiz des Berninapasses bis an die italienische Grenze.

Im Gegensatz zu den Zuckerbäckern kann Celeste nicht an ihren Geburtsort zurückkehren. Sie ist zu krank. Sie denkt immer mehr ans Sterben. Und sie will vorsorgen, dass es am Leidmahl für sie etwas Rechtes zu essen gibt. Schon vor Jahren, als sie einmal meinte, ihr Ende stünde bevor, eilte sie in jenes Gasthaus, in dem wir uns dann zu ihrem Abschied treffen sollen. Sie verlangte die Speisekarte, erkundigte sich nach den Preisen und traf ihre Wahl. Dann informierte sie den Chef, es handle sich um das Leidmahl für sie selbst. Dem verblüfften Wirt sollen die Worte im Hals stecken geblieben sein. Fürchtete er vielleicht, der Geist einer verstorbenen Person stünde vor ihm? Celeste erzählte, dann habe sie gelacht und schliesslich er auch mit ihr.

Das Capunet-Rezept
Celeste konnte mir den Namen Capunet nicht ins Deutsche übersetzen. Capunet ist Capunet. Ein Eigenname. Eine Puschlaver-Spezialität.

Capunet, das Gericht aus Spinatklössen

Die Zutaten:
zirka ½ kg Blattspinat
5 Esslöffel Paniermehl
Butter
1 Zwiebel, gehackt
1 Büschel Petersilie, gehackt
Muskatnuss
2 Eier
5 Löffel Weissmehl
Salz
Butter
geriebener Parmesan
2–3 Knoblauch-Zehen

Die Zubereitung:
Für dieses Gericht mahle ich trockenes Brot und röste es ohne Fettzugabe in der heissen Pfanne. Oder: Gewöhnliches Paniermehl rösten.

Den Blattspinat und die Zwiebel separat dünsten und durch das Passevite (handbetriebenes Passiergerät mit Siebeinsatz) treiben. Oder: Es kann auch gefrorener, aufgetauter Spinat verwendet werden.

Spinat erkalten lassen, mit dem Paniermehl mischen.

Salz zufügen. Petersilie beigeben. Die Eier darunter ziehen.

Das Mehl darüber streuen. Mit Muskatnuss würzen.

Zu einem dicklichen Teig verarbeiten. Eventuell nach Gutdünken zusätzlich etwas Mehl dazugeben. Die Masse auf ein Brett ausstreichen und ruhen lassen.

Ich bereite die Masse jeweils im Laufe des Morgens zu und lasse sie mindestens 1 Stunde ruhen. Mehl und Brot quellen auf und bilden einen guten „Leim“, der das Gemüse zusammenhält.

Davon dann Klösse abstechen und ins siedende Salzwasser geben. Wenn sie aufsteigen, werden sie herausgehoben, mit dem Käse bestreut und mit flüssiger Butter, in der die ausgepressten Knoblauchzehen gedünstet wurden, übergossen. Celeste sagt: Viel Käse darüber streuen.

Wenn eher grosse Klösse geformt worden sind, steigen sie vielleicht nicht so leicht auf. Das Gefühl muss dann entscheiden, wann sie gar sind und aus dem kochenden Wasser herausgehoben werden können.

Primo gibt noch die Anleitung, wie die Klösse fachgerecht hergestellt werden. In seinem Elternhaus wurde diese Arbeit wie ein Ritual gehandhabt. Man arbeitete mit 2 Löffeln. Er sagt: Man nimmt in jede Hand einen Löffel. Mit dem 1. stichst du aus der Masse eine Portion ab. Mit dem 2. Löffel deckst du diese Portion zuerst zu und hebst sie danach aus ihm heraus. Jetzt liegt sie auf dem anderen Löffel. Dieses Wechselspiel soll sich einige Male wiederholen. Es bewirkt, dass die Klösse gleich gross und etwas gepresst werden. So fallen sie beim Kochen nicht auseinander.

Nach kurzer Anlaufzeit wird diese Arbeit zum Spiel, zum Tanz der Löffel.

Diese Perfektion ist aber nicht zwingend und soll niemanden abhalten, Capunet herzustellen. Die Klösse munden auch, wenn sie ungleich und nur von Hand geformt sind.

Meine Schnell-Version von Capunet
Das typische Capunet-Aroma entsteht im Zusammenspiel von Spinat, Brot, Knoblauch, trockenem Käse und zerlassener Butter.

Oft gibt mir hartes Brot den Impuls, mein eigenes Capunet herzustellen. Ich wäge nichts ab, arbeite mit dem Gefühl. Für einen ersten Versuch kann man sich an obige Masse halten.

Ich mahle immer zuerst das harte Brot zu Paniermehl und röste es. Dann widme ich mich dem Spinat. Zusammen mit der gehackten Zwiebel wird er gedünstet und durchs Passevite gedreht. Dann werden Brot und Spinat gemischt, 2–3 ausgepresste Knoblauchzehen dazu gegeben, ebenso den geriebenen Käse und etwas Kräutersalz und Pfeffer. Wenn vorhanden, mische ich auch Petersilie darunter. Dann träufle ich noch wenig Olivenöl oder zerlassene Butter darüber und fertig ist die schmackhafte Beigabe zu einer währschaften Polenta.

Im Frühjahr ersetzen jeweils die ersten Bärlauchsprossen den Knoblauch in dieser Capunet-Version.

Sonntag, 5. März 2006

Ode an Baum, Holz und Früchte der Fellenberg-Zwetschge

Der Zwetschgenbaum (Prunus domestica L.) schwankte, als wir ihn im letzten Herbst bestiegen. Es waren auch nur noch einzelne Früchte zu ernten. Die Produktion am Auslaufen. Etliches dürres Geäst war schon abgefallen. Der Stamm und zwei starke nach oben auslaufende Äste aber trotzten noch dem endgültigen Absterben. Ihre Figur ähnelte der Bielmann-Pirouette. Und doch war es Zeit, ihn zu fällen. Zwetschgenbäume sind nicht tief verwurzelt, können sogar ohne menschliches Zutun einfach umfallen.

Vom Zwetschgenbaum sagt der Fachmann Paul Guggenbühl in seinem Werk „Unsere einheimischen Nutzhölzer“, er würde selten älter als 30. Und der unsere war ein über 60-jähriger. Er liess sich willig in eine Richtung bewegen. Sein Stamm musste nicht angesägt werden. Wie ein Tier an der Leine, liess er sich ziehen und dann fallen. Wir mussten ihm keine Schmerzen zufügen.

36 Jahre lebten wir miteinander. Und nicht nur wir. Vögel fanden in der Rinde dieses alten Baums reichlich Nahrung, pickten sich Rosinen aus den Schrunden. Abwechselnd beanspruchten ihn auch Nachbars Katzen als Aussichtsplattform. Kaum lag der Baum letzte Woche am Boden, traf ein Braunkehlchen-Paar ein, setzte sich auf das feine Geäst aus der Krone, schaute um sich, blieb lange sitzen, nahm offensichtlich auch Abschied von ihm.

Die noch einigermassen intakten Teile des Stammes befinden sich jetzt in der Werkstatt. Bereits aufgeschnitten sind die Äste. Querschnitte von ihnen zeigen uns den inneren Zerfall. Der Kern ist morsch, zerfasert, erinnert an ein Wespennest. Eine Schnitte dürres Zwetschgenholz sieht wie ein Stück Fleischpastete aus. Und die Handschmeichler aus diesem Astholz erinnern an Kartoffeln, die in der Asche gebraten worden sind. Sie tragen noch die kupferfarbene Rinde. Sie zeigen mir die ganze Landschaft ihres Innenlebens, gesunde und kranke Teile und geölt ihre rot-violette Farbe.

Noch immer pulsiert das Holz aus einem früher abgefallenen Ast. Als grosses Ei geformt, kann ich es in die Hände nehmen und seinen Puls fühlen. Zwischen ihm und den neuen Handschmeichlern liegen Welten. Das Ei entstammt der Zeit, als der Baum noch potent war. Die Handschmeichler in Kartoffelform sind Zeugen des Zerfalls und Andenken an ihn.

Schade, dass das lebhaft farbige Zwetschgenholz nur selten für Möbel verwendet wird. Wegen seines kurzen und drehwüchsigen Stamms ist es für die rationelle Verarbeitung nicht geeignet, wohl aber für Instrumente, z. B. für Flöten, aber auch für Intarsien oder kunsthandwerkliche Arbeiten. Das gesunde Zwetschgenholz ist hart und wurde früher für die Herstellung von Werkzeugen gebraucht.

Pauline Felder ordnet in ihrer Auflistung „Von der Heilkraft unserer Bäume“ dem Zwetschgenholz beruhigende Kräfte zu und rät jähzornigen Menschen, Zwetschgenbäume zu umarmen. Nach Paul Guggenbühl existierte in alter Zeit die Meinung, die Zwetschge heile die Gelbsucht. Er schreibt augenzwinkernd: „Gegen Gelbsucht verschlucke man eine gedörrte Zwetschge, in die man, je nach Landesgegend, zwei bis sieben lebende Läuse gesteckt hat.“

Unser Baum brachte die prächtigen Fellenberg-Zwetschgen hervor. Jedes Jahr habe ich sie nach einem sehr alten Rezept aus dem Buch „Dienstboten-Hausschatz“ zu Marmelade eingekocht. Die Beigabe von Essig entwickelte während der langen Kochzeit ein eigenwilliges Aroma, das immer am Sommerende während einiger Tage unser ganzes Haus erfüllte. Gemäss diesem alten Rezept sollte das Einkochen auf mehrere Tage verteilt werden. Es richtete sich an Frauen mit einem Holzherd. Es heisst da: „Da das Kochen der Zwetschgen langsam vor sich gehen muss, ist es gut, wenn man sie, um Brennmaterial zu sparen, einige Tage während der Zubereitung der Mahlzeit auf der heissen Herdplatte kochen lässt.“ Daran habe ich festgehalten, nachdem ich auch das Schnellverfahren ausprobiert hatte. Diese Marmelade entwickelte sich ohne viel Zuckerbeigabe in diesem langsamen Prozess zu einer wahren Delikatesse.

Gegen Durst wurde uns früher auf Schulreisen und lange Sommerwanderungen gedörrte Zwetschgen mitgegeben. Wir wurden angehalten, den Stein nicht auszuspucken. Das Lutschen verhinderte, dass der Mund austrocknete.

Baum, Blüte und das Reifen der blauen Frucht erleben wir nun nicht mehr aus nächster Nähe. Fellenberg-Zwetschgen kann ich aber auf dem Markt kaufen. Dank diesen Verwandten ziehen auch in den kommenden Jahren die mit dieser Frucht verbundenen Düfte durch unser Haus und erinnern uns an den verstorbenen Freund, den Zwetschgenbaum.

Samstag, 25. Februar 2006

„Bleichibeiz“ Wald ZH: DRS 1-„Persönlich“ persönlich erlebt

Was würde auch meine Grossmutter sagen, wenn sie mich in der „Bleichibeiz“ auf einer der Treppenstufen sitzend erspäht hätte? An ihrem einstigen Arbeitsort, der heute umgenutzten „Weberei Bleiche“? Noch stehen die Fabrikgebäude in ihrer ursprünglichen Form an den angestammten Plätzen, aber in ihren Räumen wird modernes Leben gelebt und zelebriert.

Kein Lärm mehr von Webmaschinen, kein krankmachender Staub mehr in den grossen Räumen. Alte Türen, alte Friese und alte Beschriftungen im Vorraum der Toiletten, hätte sie sicher erkannt. Alles andere aber trägt den Touch von heutigem Schönheitsempfinden, von Helle und Frische und aus der Sicht meiner Grossmutter von purem Luxus. So viel Wohnraum für nur ein Paar oder eine kleine Familie, „höre“ ich sie sagen. Ganz anders als ihre Wohnung damals im Kosthaus der „Bleiche“.

Mit dem Hotel- und Wellnessbereich, den Räumen für grosszügiges Wohnen im Stil amerikanischer Lofts, ist hier ein Quartier entstanden, das den urbanen Lebensstil aufs Land gebracht hat. Der Ort ist dort aufgewertet, wo das Alte neu werden darf, wo Altes sinnvoll umgebaut und umgenutzt wird.

Was hätte Grossmutter wohl zu den anwesenden Menschen gesagt? Hätte sie Gesichter als echte Zürcher Oberländer Köpfe erkannt? Und hätte sie den Dialekt noch als den ihren verstanden? Auch Sprache wandelt sich. Auch an ihr wird geschliffen.

Von dieser „Bleiche“ aus, exakt aus der sympathischen „Bleichibeiz“, wurde die Sendung „Persönlich“ am Sonntag, 19. Februar 2006, ausgestrahlt. Röbi Koller sass unter dem Porträt des „Bleiche“-Fabrikgründers Kaspar Honegger und ihm gegenüber die Redaktorin der „Walder Zeitung“, Esther Weisskopf, und der Unternehmer Pio Meyer. Er, der Patron der Firma Bioengineering AG. Auch seine Fabrik war einmal eine Weberei und wurde 1978 auf die Bedürfnisse seiner Biotechnologiefirma umgebaut und mit neuem Leben erfüllt. Meyer bekam grossen Applaus, als er erzählte, dass er die Gebäude der ehemaligen „Weberei Sagenrain“ zwar günstig habe kaufen können, doch was damals billig war, erweise sich heute als teuer. Einfühlsames Renovieren und Instandhalten seien extrem kostenintensiv. Einfacher sei es heute. Man setze eine neue Fabrik einfach auf die grüne Wiese. Er aber ist der Meinung, dass alte Gebäude mit ihrer grossen Geschichte den Menschen erhalten werden sollen.

Von beiden Gesprächspartnern, die von Röbi Koller befragt wurden, hörten wir, dass sie keine Ur-Walder seien. Weisskopf stammt aus dem Limmattal, Meyer aus dem Freiamt, und beide engagieren sich auf ihre Weise mit grosser Hingabe für den ihnen nun lieb gewordenen Ort Wald mit seiner herben landschaftlichen Schönheit und den hier ansässigen Menschen.

Wald war einst eine Hochburg der schweizerischen Textilindustrie und wurde im 19. Jahrhundert als das „Manchester der Schweiz“ bezeichnet. Manchester in England als Zentrum des Baumwollhandels und der englischen Baumwollindustrie wirkte offensichtlich als starkes Vorbild. Noch zeugen Villen von der grossen Vergangenheit. Darum wurde die Hauptstrasse in Richtung Rüti früher „Millionenstrasse“ genannt. Hier wohnten die Herren. So nannten auch meine Eltern ihre Brotgeber. Ihre Mütter waren schon Fabrikarbeiterinnen in einer der einstmals 16 erfolgreichen Textilfabriken. Diese Hochblüte ist längst vorbei. Etliche Gebäude stehen noch, einige wurden umgebaut und umgenutzt. So auch die „Bleiche“, aus der die Radio-Sendung ausgestrahlt worden ist.

Ein Glücksfall, wenn Menschen von ausserhalb hier einziehen und sich für den Ort und die reiche Geschichte interessieren. Sowohl Frau Weisskopf als auch Herr Meyer sorgen dafür, dass hier nicht nur Brot verdient werden kann, sondern auch Kultur leben darf und Menschen sich entwickeln dürfen. Ich habe der Redaktorin ganz aufmerksam zugehört. Sie konnte ihre Arbeit in einem Team von 10 Personen gut verständlich schildern. Pio Meyers Interesse an Wald empfinde ich aussergewöhnlich, sagenhaft.

Und ich war stolz für „mein“ Dorf. Hier bin ich ja geboren. Ich habe als Kind erlebt, wie die Bahn elektrifiziert wurde und erinnere mich lebhaft an die Ankunft der ersten elektrischen Lokomotive. Und jetzt freue ich mich, dass Radio DRS hierher gekommen ist und den Menschen, die hier leben und arbeiten, zugehört hat.

Sonntag, 19. Februar 2006

Haste noch Worte? – Wenn Computer oder Rücken streiken

„Haste noch Worte?“, sagte jeweils meine Freundin Annedore aus Berlin, wenn sie überwältigt war von der Schönheit einer Aussicht oder wenn sie eine unglaubliche Geschichte vernahm.

„Haste noch Buchstaben?“, fragte ich meinen Computer, als er sich weigerte, auch nur einen einzigen auf dem Bildschirm antreten zu lassen. Streik war angesagt. Keine Worte, keine Texte. Es war wie vor kurzem hier in Zürich, als die Bühnenarbeiter des „Schiffbaus“ für bessere Löhne streikten.

Als ich meinem Computer dann eine Stunde Ruhe zugestand, war er wieder bereit, zu arbeiten. Die Buchstaben, die mir seither wie Tänzer erscheinen, begrüsse ich nun freundlich und dankbar. Ich schaue ihrem Auftritt jetzt aufmerksamer zu, viel mehr als vorher. Da war es einfach selbstverständlich und zum System dieses Apparates gehörend, dass sie taten, was meine Finger anschlugen. Der Computer ist schliesslich ein Stromgehirn. So sollen die Chinesen ihn umschreiben, habe ich dieser Tage gelesen. Also sollte er funktionieren, wenn die verschiedenen Kabel korrekt eingesteckt sind.

Vieles in unserem Leben basiert auf Selbstverständlichkeiten. Wenn sie aber erlahmen, erschrecken wir. Dasselbe gilt auch für den Körper. Auch er leistet natürlicherweise Enormes, ohne dass wir besonders achtsam sind. Überfordern wir ihn, ächzt und stöhnt er, und wenn diese Signale nichts bewirken, streikt auch er. Aber das wird einem erst im Nachhinein bewusst.

Die Hexe, die mir ins Kreuz geschossen ist, ist zwar wieder abgereist, doch hat sie schmerzende Denkzettel hinterlassen. Auch ich muss nun vermehrt „eine Stunde ruhen“, um wieder funktionieren zu können. Zu den heilsamen Denkzetteln gehört auch die Einsicht, dass im Rücken die ganze Lebensgeschichte gespeichert ist. Alle Lasten sind hier eingeschrieben, alle freudigen Bewegungen auch. Zusammen formten sie die Wirbelsäule mit. Unvorstellbar die Fülle ihrer Arbeit, ihr Mitschwingen, ihre Beweglichkeit. Solche Einsicht jagt mir einen Schauer über den Rücken. Da kann ich mit Annedore nur sagen: Haste noch Worte?

Sonntag, 12. Februar 2006

Die Emanzipation der Frau führt aus Zwängen heraus


Ich habe das Buch „Der Weiblichkeitswahn“ von Betty Friedan nicht gelesen und mich dennoch emanzipiert!

Ich betrachte die Emanzipation der Frau als eine natürliche Folge der Französischen Revolution, von der wir immer noch profitieren. Es war nicht Betty Friedan, die die Emanzipationswelle ausgelöst hat. Es war Zeit für diesen Kampf, der auch mit einer Revolution verglichen werden kann. Sie hatte die Gabe, die Ungerechtigkeiten in einem Buch zu beschreiben. Viele der Frauen erkannten sich darin wieder. Darum wurde das Buch ein Erfolg. Nicht umgekehrt. Ein Buch allein hätte kaum eine solche Revolution auslösen können, wenn der Boden für den Befreiungskampf nicht vorbereitet gewesen wäre. Ich erachte das auch nicht als etwas typisch Amerikanisches. Ganz und gar nicht.

Im „Lexikon der 1000 Frauen“ aus dem Verlag J. H. W. Dietz finde ich 57 Frauenrechtlerinnen mit Geburts-Jahrgängen von 1808 bis 1894.

Jeder Revolution geht grosses Unrecht voraus. Es sind unhaltbare Zustände, die vernichtet werden sollen. Darum ist eine Revolution nie etwas Schönes. Sie bewegt sich in den Niederungen menschlichen Daseins und kämpft mit skrupellosen Mitteln. Darum haben mir auch die Artikel von Frauenrechtlerinnen nie gefallen. Alice Schwarzer erreichte mich auch nicht. Ihre Anklagen waren mir fremd. Ich konnte in einer Ehe leben und doch ein freier Mensch sein. Ich fand die Schilderungen jeweils abscheulich. Aber nach und nach spürte ich die wahre Absicht hinter dieser Bewegung, und es dünkte mich, ich hätte nicht das Recht, diese kämpfenden Frauen zu verabscheuen, die ganz andere Erfahrungen gemacht hatten als ich. Schilderte ich meine Einsichten über die Männer-Macht jeweils am Familientisch, sagte ich aber dazu immer noch schnell: Anwesende ausgeschlossen! Ich tastete mich langsam und ohne kriegerische Ansätze in dieses Thema vor. Und heute merke ich, dass Primo, mein Ehemann, manchmal viel sensibler auf dieses Thema reagiert als ich. Zugunsten der Frauen.

Etwas später habe ich – ohne mein Zutun – männliche Dominanz in der Sprache gefunden. Etwas Schönes war herrlich. Ein anderes Wort, Herrschaft, wirkt ebenfalls abstossend auf mich. Zwar nicht inhaltsgetreu, aber dem Klang nach schafft der Herr. So Herrschaften! sagte manchmal Primo ganz arglos, wenn er zu uns heimkam. Dann reagierten die Töchter unmissverständlich: Hier schaffen Frauen.

Es gab eine Zeit, da sprangen mir solche Worte zu, auf dass ich endlich begreife, was vor sich gehe. Und so bin ich heute allen Kämpferinnen dankbar, denn ich profitiere auch davon, dass ich heute mehr als Mensch denn als untergeordnete Frau wahrgenommen werde und mir viele Türen offen sind.

Ja, gueti Frau! war auch so eine Antwort, wenn man eine Frage stellte und ein Mann meinte, die ihm gegenüberstehende Frau könne die Antwort sowieso nicht begreifen. Oft erlebte ich, wenn ich einen Handwerker für eine Reparatur im Haus rufen musste, dass dieser ein Stichwort sagte und dazu anfügte: Ihre Maa chunnt dänn scho druus (Ihr Mann wird sich schon zurechtfinden).

Ich erlebte noch in den 60er-Jahren nur zu oft, wie in Gesellschaft nur die Männer redeten. Brachten es die Frauen fertig, sich einzumischen, wandten sich die Männer ab. Einer ist mir besonders in Erinnerung, der die Pfeife stopfte und auf den Balkon umzog, weil ihm das Thema zu frauen- oder familienfreundlich war.

Im Januar/Februar 1996 besuchte ich Ringvorlesungen an der Zürcher Volkshochschule, die der Geschichte der Zürcher Bahnhofstrasse gewidmet war. Ein Abend war den Frauen (von einst) an der Bahnhofstrasse gewidmet. Da berichteten Historikerinnen von den Arbeitsmöglichkeiten dieser Frauen, wenn ich mich recht erinnere zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Es ging da um einen Bericht von ersten Möglichkeiten, ausserhalb des Hauses arbeiten zu können. Das Telegrafenamt stellte Frauen als Telefonistinnen ein. Die Frauen aus dem Bericht gaben zu Protokoll: Jeder Mann an diesem Ort war unser Chef, selbst der Lehrling. Dies ist für mich das Paradebeispiel für die Zustände in der Schweiz.

Und in der katholischen Kirche ist es heute noch so. Es ist das männliche Element, das die letzten Fragen beantworten will und Frauen aus den höchsten Ämtern ausschliesst.

Mir kommen auch Frauen in den Sinn, die schriftstellerisch tätig sein wollten und sich ein männliches Pseudonym anlegen mussten, um akzeptiert zu werden.

Für mich ist Emanzipation Entwicklung, die aus Zwängen herausführt. Sie ist eine Metamorphose zum mündigen Menschen hin, die nicht männliche oder weibliche Herrschaft (schon wieder dieses Wort) zum Ziel hat. Männer und Frauen – gleichberechtigt. Gleichberechtigt in Bezug auf Schulbildung und Talent-Förderung. Gleich viel wert, ob Mann oder Frau.

Es geht nicht darum, dass die Emanzipation die Familie zertrümmern soll. Es geht nicht darum, dass die Mütter ihre Kinder nicht mehr begleiten sollen und dass Familienfrauen belächelt werden. Viele Familienfrauen sind echte Organisationstalente und engagieren sich dann, wenn die Kinder flügge sind, anderswo auch wieder. Es geht einzig und allein darum, dass Frauen sich aus dem Machtdenken der Männer befreien dürfen. Männer und Frauen sollen das Leben gemeinsam gestalten. Mann und Frau in der Ehe sollten, so paradox das klingen mag, gleichwohl freie Menschen sein.

Ich will aber nicht in Abrede stellen, dass es dann die negativen Begleiterscheinungen gegeben hat und immer noch gibt. Für mich sind das aber Auswüchse von Verantwortungslosigkeit.

Wir haben es mittlerweile erlebt, dass Frauen in ehemaligen Männerdomänen ganz gut zurechtkommen und ihren Beitrag an Entwicklungen und Forschungen leisten.

Primo arbeitet jetzt in einer Frauen-Schreinerei und hat keine Mühe zu sagen: Das ist meine Chefin, die dann jeweils liebenswürdig schmunzelt. Mich dünkt, die Emanzipation sei nur noch in unserer Generation ein Thema, das furios machen kann.

Ich bin übrigens gar nicht der Meinung, dass die Welt besser wäre, wenn die Frauen die alleinige Macht übernähmen. Unser Leben kann doch nur sinnvoll sein, wenn das männliche und das weibliche Element entwickelt werden.

Dienstag, 7. Februar 2006

Besuche bei Nachbarn: Immer etwas ganz anderes

Auf einer der Neujahrskarten, die in meinem Briefkasten gelandet sind, hiess es: „Nicht der Fluss fliesst, sondern das Wasser. Nicht die Zeit vergeht, sondern wir.“

Dieses Wort hat sich dieser Tage wieder einmal bestätigt. Unser Nachbar N. ist gestorben. Trotzdem fliesst die Limmat hinter unseren Reihenhäusern unbekümmert weiter, und unsere Zeit mit all ihren Einflüssen gibt es auch immer noch.

Für die direkt Betroffenen ist ein Tod oft Schicksalsschlag, manchmal auch Erlösung. Auf jeden Fall verändert er vieles. Manche Angehörigen bekommen durch ihn augenblicklich einen neuen Platz im Leben. Für Aussenstehende ist das anders. Aber sogar sie werden – wenn auch nur kurz – von seinem Geheimnis berührt.

In unserer Reihenhaus-Siedlung ist es üblich, dass für verstorbene Nachbarn gesammelt wird. Früher stand das Abschiedsgeschenk als Kranz mit Schleife als letzter Gruss am Grab. Heute wird gemeinnütziger Institutionen gedacht.

So bin ich jetzt wieder unterwegs, klopfe an manche Tür, werde willkommen geheissen, finde Einlass, höre Geschichten. Ein Tod beschliesst Lebensgeschichten, lässt aber zuerst noch manche Episoden neu aufflackern. Aber eines bleibt sich eigentlich immer gleich. Es fällt plötzlich leicht, bei Menschen, die im Miteinander knorrig und eigenwillig erschienen, die guten Seiten zu sehen und vorher vorhandene Abneigungen aufzulösen.

Solche Gänge sind für mich immer noch etwas ganz anderes. Wer mich einlässt, öffnet auch eine Tür zu sich selbst. Wenn ich von Haus zu Haus ziehe und die verschiedenen Einrichtungen sehe, zeigt sich mir auch das Bild des inneren Menschen, seiner Werte, seiner Vorlieben, seiner Art von Kultur. Da möchte ich dann den Erbauer Hans Bernoulli auf diese Gänge einladen und ihm zeigen, was Menschen von heute aus seinen Häusern aus den Jahren 1920–1930 machen. Zusammen würden wir sicher von Welten reden, die sich uns da offenbaren. Von Lichtdurchlässigkeit und Heiterkeit, von Kuriosem, aber auch von Düsternis und Angst. Es gibt hier Häuser, die dunkel und wie Burgen abgeschlossen, mit vielen Warnschildern versehen sind. Als Bernoulli sie baute, wurden die Mauern einheitlich weiss getüncht, Türen und Läden grün gestrichen. Und heute? Das Kunterbunte ist zum Massstab geworden. Im Innern wurden und werden an vielen Orten Wände herausgetrennt und grössere Räume geschaffen. Wintergärten wurden angebaut usw. Und immer noch sind diese Häuser Vorzeige-Objekte für Architekturstudenten.

Wenn ich nun nochmals das Eingangs-Zitat lese, wird mir klar, wie die Zeit zwar nicht vergeht, aber der Zeitgeist sich ändert.